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Se7en

Barcelona, 12. März 2014, 17:47 | von Dique

 
Der Umblätterer goes BuzzFeed, hier sind
die Top-7-Bekleidungsverbrechen:
 

  1. Pullover mit Schalkragen
  2. Vorgebundene Fliege
  3. Geschlossener unterster Jackettknopf
  4. Das Jackett vom Anzug als Blazer tragen
  5. Kurzarmhemd in Kombination mit Krawatte
  6. Minirucksäcke aus Leder (und überhaupt)
  7. Button-Down-Hemd mit geöffneten Kragenknöpfen

 


Cinderella, deine Doppelmonks stehen bereit

Barcelona, 19. Februar 2014, 18:11 | von Dique

Dieser Superclip soll niemandem vorenthalten werden. Matt Hranek besucht für seine Serie »Alternate Route« beim Esquire Network einen der edelsten Herrenausstatter der Welt, Ben Silver in Charleston, und kauft da auch noch ein Paar Doppelmonks von Crockett & Jones. Er trägt aber keine Socken und die Reaktion im Gesicht des Laden­inhabers, Bob Prenner, ist auf herrlichste Weise schön. Ein Paar Socken wird ausgehändigt, und dann geht es an die Schuhe: »Ok, Cinderella, sit down and we try it on.«

Auch gleich am Anfang, als der »Esquire«-Typ ein paar Messingknöpfe für seinen Blazer möchte und Prenner aber gleich charmant abrät: »I will tell you that, in my personal opinion, I wouldn’t have metal buttons on that blazer, I would just use some form of horn buttons.« Prenner selbst auch sehr contundente in seinen supercoolen italienischen Penny Loafers aus Krokoleder, sieht man kurz, als sie dann beim Anprobieren zusammen sitzen.

Ok, das ist doch alles ziemlich relevant, and I tried to put all my funk in this information, and hope my funk is all over it. Ich las zuerst in Christian Chensvolds »Ivy Style« (woher auch die Überschrift geklaut ist) über diesen Clip, und wie gesagt, er soll niemandem vorenthalten werden.
 


Fünfundsechzig verweht

Hamburg, 7. Januar 2014, 12:01 | von Dique

Wer von Ernst Jünger spricht, darf von Christine Westermann nicht schweigen. Ich erkläre gleich warum.

Neulich jedenfalls wieder mal mit John Roxton auf ein Stück Butterkuchen bei Stenzel. Danach fahren und spazieren wir ein bisschen kreuz und quer durch die Gegend und kommen dann zufällig an einem Antiquariat vorbei, das ich noch nicht kenne. Sehr klein, schön vollgestellt. Der Antiquar ein gediegener älterer Herr, der eigentlich gerade schließen will, aber nichts dagegen hat, dass wir uns noch kurz umsehen.

In einer Vitrine steht eine breite Zeile mit Ernst-Jünger-Büchern und wir geraten darüber kurz ins Gespräch mit dem Antiquar. Nichts Besonderes, er bringt die alte Kamelle, dass Jünger in Deutschland noch immer verpönt sei, in Frankreich dagegen ohne Probleme schon lange mit Lust gelesen werde. Zeit zu gehen.

In der Verabschiedungszeremonie fällt aus irgendeinem Grund noch der Name Ernst von Salomons und der Antiquar sagt, dass er den Fahrer des Rathenaumordfahrzeuges persönlich gekannt habe, Ernst Werner Techow, außerdem besitze er privat eine handsignierte Ausgabe der »Kadetten«. Das klingt jetzt wie eins dieser äußerst fragwürdigen Facebook-Likes, also lieber nicht weiter bohren und weg da, aber dann sehe ich im Hinausgehen drei Bände »Siebzig verweht« schön gebunden da stehen und ich frage noch schnell, was die denn kosten. Also eigentlich ja 58 Euro, stehe auch so im Buch drin, und er bietet sie mir dann für 40 an, und obwohl mir das ein wenig unangenehm ist (ist das der Kameradenpreis?), schlage ich ein.

Zu Hause durchblättere ich die Bände dann nach Blutspuren, Übersprungshandlung, und dann fällt mir ein, dass ich es wie Bardamu bei Céline hätte machen sollen. Ein paar unverbindlich zustimmende Worte mehr (»Salomon wird ja auch viel zu wenig gelesen, Rathenau war ja eh schon ziemlich alt, Jünger ist ja leider nie Bundespräsident geworden« oder Ähnliches) und ich hätte die »Siebzig verweht«-Bände für umsonst bekommen, hehe.

Von Céline und der »Reise ans Ende der Nacht« übrigens hatte Harald Schmidt nach eigenem Bekunden noch nie etwas gehört, bis ihm Helge Malchow seine berüchtigte Liste mit Must-read-Büchern gab, so Schmidt Mitte Dezember im Interviewgespräch mit der sympathischen Christine Westermann. À propos, »Klick ins Buch«, in den derzeitigen Bestseller eben jener Christine Westermann: »Da geht noch was – Mit 65 in die Kurve«, ich bin noch immer nicht über den ersten Satz hinweg: »Das Wesen einer Einleitung ist, dass sie am Anfang eines Buches steht.«
 


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 16):
»Die Wirklichkeit der tropischen Mythen« (1988)

Barcelona, 16. Dezember 2013, 08:05 | von Dique

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 95)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Unsere Mütter, unsere Väter, noch im Krieg geboren oder kurz danach, hat Fritz J. Raddatz ihr ganzes Leben lang begleitet, er schwebt über ihnen und ihrem kulturellen Leben wie ein Schatten, aber ein weißer weicher, gleich einer Kumuluswolke.

Unsere Generation kennt Raddatz dagegen eher aus dem Kellinghusenbad in Hamburg, in dem er regelmäßig seine Runden im Außenpool dreht und sich danach aufregt, wenn mal jemand ohne Socken in seine Bootsschuhe schlüpft oder die Chinos direkt auf der Haut trägt, weil frische Boxershorts gerade nicht zur Hand sind. Unter Hamburger Intellektuellen ist es schon seit einiger Zeit Funsport, Raddatz morgens im Kellinghusenbad aufzulauern und dann vor seinen Augen im Umkleideraum Bekleidungsverbrechen zu begehen und sich danach über die entsetzten Blicke des wunderbaren Literaturkolosses und Ästhetikers zu amüsieren.

1988 machte sich Fritz J. Raddatz auf nach Kolumbien, mit der Lufthansa und in freudiger Erregung. Er begab sich auf die Spuren von García Márquez, der »Stimme Lateinamerikas«. Bei Márquez denkt man natürlich sofort an sein Jahrhundertwerk, »Hundert Jahre Einsamkeit«, das steht auch gleich auf dem Klappentext, schon damals eine Auflage von 10 Millionen Exemplaren, so viele Exemplare sind es heute mit Sicherheit allein in der Schweiz. Zu »Hundert Jahre Einsamkeit« heißt es, dass Borges gefragt haben soll, ob es hundert Tage nicht auch getan hätten. Eine Fragestellung, mit der Borges bei Kurzbuchfana­tikern und Leseökonomen wie uns natürlich offene Türen einrennt.

Raddatz fliegt also mit der Lufthansa nach Bogotá und liegt nicht faul am Strand, von der Sonne braungebrannt (in der kolumbianischen Hauptstadt gibt’s ja auch gar keinen Strand), sondern zirkelt von dort aus durch ganz Kolumbien, immer auf den Spuren von Márquez. Während der Reise kreisen seine Gedanken um dessen Schriften. Er versucht zu ergründen und zu begreifen, hier vor Ort, an der Wiege, und so spiegelt er durch das ganze Buch hindurch seine Erlebnisse gegen Originalzitate von Márquez. Dabei sind die Ereignisse, an denen Raddatz teilhat, nur selten magisch-realistisch, sondern zumeist banal-real und würden gut in den von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Sammelband »Nie wieder! oder Die schlimmsten Reisen der Welt« passen:

»Hier tauchen leider auch Touristen auf. In Cartagena sind es unerklärlicherweise vor allem Kanadier, riesige, fahlhäutige Geschöpfe, Frauen von immensem Umfang, die sich gleich orientierungslos an Land gespülten Walen in Rudeln zwischen die tänzelnd-fragilen Kreolen, Mestizen und Neger verirrt haben. Sie werden gegen Mittag aus den ›Traumschiff‹ genannten schwimmenden Altersheimen gebaggert …« (S. 74)

Ein gutes Buch, ein schönes Buch, und wie bei so vielen Büchern dieser Reihe besticht auch dieses durch seine Länge, genau richtig dosiert, viel mehr würde ich davon nicht haben wollen.

Länge des Buches: ca. 159.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Die Wirklichkeit der tropischen Mythen. Auf den Spuren von Gabriel García Márquez in Kolumbien. Mit Zeichnungen von Hans-Georg Rauch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988. S. 3–156 (= 154 Textseiten).

Fritz J. Raddatz: Die Wirklichkeit der tropischen Mythen. Auf den Spuren von Gabriel García Márquez in Kolumbien. In: Unterwegs. Literarische Reiseessays. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1991. S. 129–202 (= 74 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Der Malerdarsteller

Barcelona, 20. November 2013, 18:43 | von Dique

Lange hat man nichts von ihm gehört und jetzt hatte er einen Auftritt bei Jay Leno: George W. Bush, Nr. 43 der ewigen Bestenliste, hehe. Nach eigener Aussage ist er jetzt Maler geworden. Dazu inspiriert habe ihn ein Buch von W. Churchill, »Painting as a Pastime«.

W. Churchill war ja ein sehr berühmter Hobbymaler, ebenso wie der berühmte und deutsch-österreichische Postkartenmaler A. Hitler. Und schon im Februar hatten amerikanische Quatschmedien festgestellt, »dass Bush gar nicht so ungeschickt male für einen Amateur – besser jedenfalls als Adolf Hitler und Winston Churchill«.

Der entsprechende Dialog bei Leno geht nun so:

Leno: Now, I know you’ve taken up some hobbies, you’re painting now, you showed me some of your paintings. I was very impressed.
Bush: I am a painter.
Leno: Yeah, yeah … oh, you are a painter now!?
Bush: I mean, you may not think I’m a painter. I think I’m a painter.
Leno: Is that second on your credits, President of the United States, painter, on your resume?
Bush: It depends whether you like the painting or not.

Natürlich bin ich sofort neugierig, was wird er malen und in welchem Stil? Glücklicherweise werden gleich ein paar Beispiele eingeblendet. Sein Hund Barney ist als erstes zu sehen und dazu gibt es gleich noch die herrliche Anekdote, wie der kleine Terrier mit eigenem Wikipedia-Eintrag damals von W. Putin gedisst wurde, als dieser auf Besuch bei Bushs war.

Das nächste Motiv ist Bushs neuer Kater Bob (noch ohne Wikipedia-Eintrag) und als große Überraschung gibt es dann als Gastgeschenk noch ein Jay-Leno-Portrait. Von weitem erinnern die Bilder ziemlich an die Malerei, die normalerweise entlang von Einkaufsstraßen und auf Pariser Brücken angeboten oder verfertigt wird (grobe Pinselstriche, dicker Farbauftrag, etwas unnatürlich wirkende Farben), aber das kann täuschen.

Bei einem seiner vierjährlichen Fernsehauftritte bei Denis Scheck gestand Christian Kracht einmal, dass er eigentlich Maler habe werden wollen und nicht Schriftsteller. Sogar ein entsprechendes Studium sei er angegangen. Irgendwann habe er dann aber feststellen müssen, dass er gar kein Maler sei, sondern nur ein Malerdarsteller, also jemand, der sich kleidet wie ein Maler und sich benimmt wie ein Maler, der sich sogar Farbflecken auf seinen Overall kleckst, um die Darstellung zu perfektionieren.

Zum eigenen Leidwesen habe Christian Kracht seinen Plan irgendwann aber aufgegeben und hat uns nun als Schriftstellerdarsteller ein paar sehr schöne Romane geschenkt und jetzt sogar noch einen grandiosen Film in Gemeinschaftsproduktion mit seiner Frau.

Seiner historischen Leistung nach zu urteilen, ist auch George W. Bush also ein Malerdarsteller, und zwar ein sehr guter!
 


100-Seiten-Bücher – Teil 81
John Kenneth Galbraith: »Eine kurze Geschichte der Spekulation« (1990)

Barcelona, 9. Oktober 2013, 10:58 | von Dique

John Kenneth Galbraith ist ein Vielschreiber der ökonomischen Literatur, eine Art Johannes Mario Simmel seines Genres. »The Great Crash, 1929«, der ganz nüchterne Account der größten Krise aller Zeiten, ist natürlich sein größter Hit. Der große Crash spielt auch in (Originaltitel:) »A Short History of Financial Euphoria« eine Rolle, aber diese kurze Geschichte ist nicht der kleine Bruder des großen Klassikers desselben Autors, sondern so was wie der kleine Stiefenkel von »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« von Charles Mackay.

Charles Mackay veröffentlichte seinen Ziegelstein bereits 1841 und reißt neben der Tulipomanie und der South Sea Bubble auch gleich mal die Geschichte der Alchemie und Scharlatanerie mit ab. Ein irres Buch, ein schönes Buch, aber eben ein Ziegelstein. Galbraith tanzt mindestens genauso elegant durch die Geschichte der Spekulation, aber leichter und flockiger und mit viel weniger Schnörkel und Detail. Ab und an klaut er sich auch mal eine Anekdote von Mackay. Zum Beispiel die mittlerweile berühmte mit dem Seemann, der nach Holland kommt und einen reichen Händler in seinem Warenhaus aufsucht, um ihm das Eintreffen seiner Waren zu melden.

Der Händler ist natürlich, wie quasi jeder im Holland des Tulpenwahns, ein Tulpenspekulant. Zwischen Samt und Seide im Warenhaus sieht der Seemann, der gern Zwiebel isst, auch etwas liegen, das er für eine solche hält, und lässt sie in seiner Tasche verschwinden. Kaum hat er das Lagerhaus verlassen, bemerkt der Händler das Fehlen der Zwiebel. Es handelt sich um eine Semper Augustus, die teuerste Tulpenart. Rasend vor Wut durchforstet er das ganze Lager und kann die Semper Augustus nicht finden.

Da erinnert er sich an den Besuch des Seemanns. Zusammen mit seinen Angestellten stürmt er hinunter zum Quai. Dort sehen sie den Seemann sitzen, er hängt zufrieden in einer großen Rolle Seil und verzehrt genüsslich das letzte Stück seiner ›Zwiebel‹. Von dem Wert dieser Semper Augustus hätte man ein ganzes Jahr lang die Besatzung des Schiffes ernähren können. Als ich das las, saß ich gerade im Bordrestaurant bei Königsberger Klopsen mit Butterreis und hätte mir auch fast eine rohe Zwiebel dazu bestellt.

Man kann natürlich für alle Hundertseiter sagen, dass sie sich bestens auf einer Bahnfahrt erledigen lassen. Man beginnt dann Reise und Buch gleichzeitig und schließt beide auch zur selben Zeit ab. Der letzte Schrei zur Geschichte der Spekulation ist übrigens »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor. Doch dieses Buch ist dann auch wieder etwas umfangreicher, wenn auch noch kein Ziegelstein. Trotzdem muss man dann schon eine längere Zugreise wagen, Hamburg–München und zurück und das ganze zwei Mal, zum Beispiel.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

John Kenneth Galbraith: Finanzgenies. Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 1992.

John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 2010.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Cronut

Barcelona, 7. September 2013, 19:26 | von Dique

Dann hört man etwas zum ersten Mal und wundert sich noch und plötzlich ist es überall. Der 3D-Druck zum Beispiel, diese irre Technologie, die laut »Economist« das Zeug zur dritten industriellen Revolution hat.

Zuletzt passierte mir das mit etwas eher Banalem, nämlich mit dem Cronut. Ich las diesen herrlichen Artikel in der FAS, im Wirtschaftsteil, über ein New Yorker Pärchen, das sich die Haushaltskasse mit einem interessanten Geschäftsmodell aufbessert. Die beiden stehen morgens ab und an sehr zeitig auf und stellen sich in die Schlange einer hippen Bäckerei, der Dominique Ansel Bakery, und kaufen 4 Cronuts zu je 5 Dollar, die sie dann für 35 Dollar das Stück weiterverkaufen. Sie bieten diesen Service über Craigslist an und haben keine Probleme, Abnehmer zu finden, Lieferung frei Haus.

Bäckermeister Ansel stellt pro Tag nur 350 Cronuts her und verkauft nur 2 pro Person. Diese künstliche Verknappung des Angebots füttert den Hype. Das ultrasympathische Pärchen aus dem FAS-Artikel hat selbst übrigens noch nie einen Cronut gegessen, auch wenn die Versuchung wohl sehr groß ist. Ach so, ein Cronut ist natürlich die Verheiratung von Donut und Croissant. Das klingt unglaublich lecker und ich konnte nach der Lektüre des Artikels an nichts anderes mehr denken, wenn ich morgens oder nachmittags Kaffee getrunken habe, und eigentlich auch sonst immer.

Neulich saß ich mit zwei Amerikanern beim Abendessen und die wussten natürlich über den Cronut Bescheid und über den Hype um den New Yorker Cronut-Erfinder. Ein paar Tage später hörte ich dann von jemand ganz anderem in großer Selbstverständlichkeit, dass es hier in Barcelona doch auch schon Cronuts gebe und die seien genauso gut und weniger teuer und man brauche sich darum auch nicht zu prügeln. Der Laden heißt »Sweet Dreams« und ist in der Carrer de Regomir.

Das ist nun schon über zwei Wochen her. Ich habe es nicht vergessen und nehme mir den Besuch auch heute wieder vor, passiere dann aber zufällig gerade eine Filiale der Konditorei »boldú« in der Carrer Provença. Eigentlich will ich dort nur ein bisschen Brot kaufen, sehe dann aber sofort, dass es hier auch Cronuts gibt. Wow, denke ich, obwohl mir natürlich vollkommen klar ist, dass es sich nicht um die Originale handeln kann, aber hey, es sind Cronuts und das ist ein guter Anfang.

Hier gibt es natürlich keine Schlange und auch kein Verkaufslimit. Die Dame vor mir kauft gerade 14 Stück. Mir erzählt die Verkäuferin dann allerdings, dass man mindestens 2 Cronuts nehmen muss und das ist für mich natürlich vollkommen in Ordnung, das Paar kostet 5 Euro. Super, ich nehme also einen Creme und einen Schoko und sie sehen denen aus der FAS sehr ähnlich, obwohl es bei Dominique Ansel anscheinend nur die Klassikvariante gibt, mit einer Art Vanilleglasur oben auf. Egal, die beiden Cronuts schmecken extrem gut, besser als Croissant und besser als Donut, eben Cronut, was für eine Combo!
 


Kaffeehaus des Monats (Teil 80)

sine loco, 22. August 2013, 09:21 | von Dique

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Das Alpineum in Luzern, ein wie immer künstlerisch bescheidenes Foto, sry

Luzern
Das »Alpineum« in der Denkmalstrasse.

(Nach dem Uhren-, Messer- und Schokoladeneinkauf dürstet die Touristen aus Asien nach Kultur und sie wandern zum wunderschönen Löwen­denkmal in Luzern. Nur wenige Schritte vor dem Denkmal, nach einem Entwurf von dem unglaublichen Bertel Thorvaldsen, kommen sie am Kaffeehaus Alpineum vorbei und könnten dort neben einem Kaffee einen Blick in die Basler Zeitung, den Tagi oder die NZZ werfen. Aber das schönste an unserem Kaffeehausbesuch war der extrem freundliche und sehr hippe Barista. Er machte gerade die Milch für unsere Schalen heiß und sagte, quasi aus der Hüfte heraus: »Wasser ’n Thema?« Es war einer der heißesten Tage und Wasser war gerade ein Riesenthema für uns!)
 


Überall dieses Wachs

Berlin, 16. August 2013, 10:36 | von Dique

Martin-Gropius-Bau, Anish-Kapoor-Ausstellung, hinein in die große Halle, dort stehen eingeschaltete Förderbänder, die nach oben laufen. Auf den schwarzen Gummibändern sieht man Reste von rotem Wachs und in der Mitte des Raumes liegen die weinroten Wachsbrocken, die über die Bänder in die Mitte des Raumes befördert werden.

Eine schöne Materialschlacht ist das hier, gigantisch und eindrücklich, also ganz anders als zum Beispiel das immer und ewige Fett von Joseph Beuys. Da steht eine riesige Glocke, mehrere Meter hoch, die aus einem Wachsbrocken herausgeschält wird, langsam wird sie von der hölzernen Form umkreist, die sich stetig bewegt und die Oberfläche dieser Wachsglocke glattschleift.

In einem weiteren Raum steht eine Kanone, die ab und an eine riesige Wachspatrone in die Ecke schießt. Dort liegt bereits ein Berg von Wachskanonenbällen, die eigentlich riesige große Wachspfropfen sind und an der Wand zerschellen. Ebenfalls in Weinrot und an den Wänden hängen die Reste der geborstenen Geschosse. Irre sieht auch diese Kanone aus, sie wirkt simpel, selbstgebaut und verschraubt mit Zylindern unten dran, alles sehr technisch und vielleicht auch gewaltig.

Drei Räume sind mit einem riesigen halbaufgeblasenen Etwas gefüllt. Eine schwarze Plane, die aussieht wie ein riesiger Fahrradschlauch, ein schwarzer Haufen aus Gummi. In jedem der Räume kann man nur Teile sehen, mit jedem Schritt wird das Ganze monströser. Ich schaue auf das Infoschild und hätte es mir natürlich denken müssen: Leviathan. Ohne Gesicht, ohne die Möglichkeit, ihn ganz zu erfassen, wabert er durch die Räume.

Erwähnen will ich noch die Spiegel, konkav und konvex, sie machen dick und dünn und lustig, das ist zwar Jahrmarktsulk, aber könnte kaum besser passen. Es gibt davon mehrere in dieser Ausstellung und wenn man dann davor steht und sieht, wie sich der Körper im Spiegel aufbläht oder schrumpft durch eine schlichte Drehung oder einen Schritt nach vorn oder hinten, dann fühlt man sich schnell als Teil dieser Welt aus Wachs, Kunstharz und Plastik.

Das Museumscafé meide ich bewusst, denn damit sind schlechte Erinnerungen verbunden. Es war nach der Skythenausstellung. Trotz gegenteiliger Beteuerungen enthielt der Mohnkuchen dann doch Rosinen. »Kaffeehaus des Monats – Chance verspielt«, hieß es damals. Den wächsernen Wahnsinn des Anish Kapoor werde ich mir dagegen jederzeit gern wieder ins Gedächtnis rufen.
 


Inferno in Florenz

Florenz, 30. Juli 2013, 17:59 | von Dique

Ijoma Mangold hat erkannt, warum Genrebücher immer so dick sein müssen: »In der Zeit, in der man eine Handke-Seite liest, hat man acht Dan-Brown-Seiten gelesen.« Folgt man dieser These und teilt die Seitenanzahl (für die deutsche Ausgabe sind das 688) durch 8, dann wird »Inferno« von Dan Brown zum gefühlten 100-Seiten-Buch, einem der kürzeren noch dazu.

Ich habe das nun selbst ausprobiert und kann die These bestätigen. Das Buch ist nicht mehr als 100 Seiten lang und das muss ja nicht schlecht sein. Wie Ijoma Mangold habe auch ich mich »von der ersten Seite an bestens amüsiert. Natürlich unter meinem Niveau, aber das ist nur eine Feststellung, kein Einwand.« Ich habe das Buch in Florenz gelesen, also quasi vor Ort, denn ca. 60% des Buches spielen dort.

Ich mache neuerdings Prozentangaben und gebe keine Seitenzahlen mehr an, wenn ich über Bücher rede, weil ich häufig auf dem Kindle lese. Die Vorzüge des Elektrobuchs sind besonders auf Reisen überenorm. Mit meinem Kindle-Outing riskiere ich allerdings Freundschaften und provoziere Missgunst. So wurde ich z. B. von Buchladenspezialist Richard Deiss sofort per E-Mail zusammen­gestaucht, als er davon Wind bekam, dass ich auf dem »Buchladenmörder« lese.

Die Pro-Argumente für das gedruckte Buch sind dabei selten überzeugend. Dass man sich mit dem E-Book in der Wildnis kein Feuer machen und sich damit auch nicht den Hintern abwischen kann, ist für mich nicht so richtig interessant, das habe ich noch nie gemusst. Als passionierter Badewannenleser ist für mich eher Wasserdichte ein Problem.

»Inferno« selbst ist jedenfalls in der Tat der absolute Fun. Die angebildungsbürgerlichte Reiseführerromantik macht extra Spaß, wenn man selbst gerade durch Florenz streicht und etwa unter dem Vasarikorridor langläuft, den Supersymbolist Robert Langdon gerade mit seiner jungen, intelligenten und hübschen Begleiterin Sienna Brooks durchquert. Ich las die Szene im berühmten Caffè Gilli in der Via Roma an und machte mich dann auf den Weg zur Chiesa di Santa Felicita, die direkt hinter der Ponte Vecchio liegt.

In der Kirche hängt Pontormos Meisterstück, die Deposizione dalla Croce. Wie alle Gemälde von Pontormo ist es wunderschön und wunderlich, die vielen Figuren sind ins Bild gequetscht, wirken wie reingedrängelt, für Hintergrund gibt es keinen Platz und die Farben, obgleich etwas verwaschen wirkend (das englische Adjektiv ›pale‹ erscheint passender), strahlen in hellblau, rosa und gelb. Leider sieht man das Bild nur durch Gitter und mich labert die ganze Zeit jemand an, der mich durch die Kirche führen möchte, er bleibt dabei freundlich und ich bleibe es auch.

Ich schaue mir dann doch den Rest der Kirche an, ohne den freundlichen Führer, und treffe stattdessen neben dem Altar auf eine Führerin. Sie weist mich auf eine Kapelle hin, die man nur einmal die Woche, also heute, sehen kann. Diese ist mit den feinsten gotischen Fresken bemalt und gehörte früher zu einem Nonnenkloster, welches sich im Hof befand. Die Frau ist unüberhörbar Amerikanerin, sie trägt ein Namensschild, ihr Vorname ist Gretchen. Sie ist schon ziemlich alt und versteht schlecht, sie fragt bei allem, was ich sage, mehrfach nach und ich sage und frage dann einfach weniger und überlasse ihr das Reden.

Als Gretchen erfährt, dass ich Deutscher bin, erzählt sie, dass Mussolini für den Florenz-Besuch von Hitler in der Mitte des Vasarikorridors drei Fenster eingelassen hat, damit sie aus dem Korridor einen guten Blick auf den Arno hätten.

Aber noch mal kurz zurück zum Buch. Dan Brown schreibt einfach den klassischen Pageturner. Nach jeder fünften Seite gibt es einen Cliffhanger, der einen rasend schnell durch das Buch schießen lässt. Inhaltlich ist es die übliche Brown’sche Schnitzeljagd, Langdon löst ein Rätsel nach dem anderen, die Lösung führt dann immer direkt zur nächsten Sehenswürdigkeit. Eine Weile macht das Spaß. Irgendwann wird es natürlich langweilig, aber gut, es sind ja nur ca. 100 Seiten.