Autoren Archiv


Vossianische Antonomasie (Teil 67)

Leipzig, 14. Mai 2014, 13:43 | von Marcuccio

 

  1. der Roger Köppel der Weltpolitik (»de Roger Köppel vo de Wältpolitik«)
  2. the John the Baptist of all our renaissances
  3. der Max Ernst für Fledermäuse
  4. der A. Paul Weber der Höllenkloake
  5. der Hans Bellmer des Kunstledersex

#331: Ab Min. 8:45.
#331 & #332: Спасибо, Бауманский!
Rest: Salut an @fraudiener & @molosovsky!

 


Listen-Archäologie (Teil 12):
Erlebnisbücher von Auslandsjournalisten

Leipzig, 9. Februar 2014, 13:27 | von Marcuccio

Kann auch eine Infografik Liste sein? Ja, wenn sie ein Bücherregal baut, das lauter Paratexte anzeigt, die sich eben so ansammeln, wenn Journalisten ins Ausland gehen und darüber ein Buch schreiben. Gut gehortet, liebes SZ-Magazin (»Ich war da mal weg« – online sieht es leider nur halb so gut aus wie auf der Doppelseite im Print)! Aber die Leute sammeln schon weiter. Im Zweifel hilft auch immer ein guter Amazon-Empfehlungsalgorithmus.

Ich empfehle jedenfalls die Seiten 14/15 des aktuellen SZ-Magazins schon jetzt für einen Genre-Award beim Wettbewerb »Oddest Book Titles«. Und nominiere sie für den Spezial-Preis der Jury in der Sparte Infografik-Feuilleton.

Unten, von mir einfach mal alphabetisch für die Nachwelt sortiert, das Kalauer-Kompendium der Maria-ihm-schmeckt’s-nicht-Abkömmlinge. Völkerverständigungsliteratur light.

Das Buchtitel-Pendant zum Einmarsch der Nationen bei Olympia. Völker der Welt! Vergesst Sotschi! Lasst die Journalisten-abroad-Literatur sprechen. Ihr Zwang zur Alliteration geht sogar soweit, dass Calvin wie Cottbus in Berlin geschrieben sein muss: mit K.

Werbephilologen werden noch lange mit diesem SZ-Schatz sympathisieren; Statistiker können (ebenso wie sie die häufigsten Talkshowgäste auszählen) eruieren, welche Journalisten Genrekönige sind. Es ist Wolfgang Koydl von der SZ mit drei Treffern. So schnappt das SZ- dem Philososphie-Magazin (Wolfram Ellenberger: zwei Treffer) die Ideen weg! Statistisch könnte man auch sagen: Die erste Silbe des Vornamens muss auf »Wolf-« lauten, um besonders erfolgreich lautmalerische Bücher zu schreiben wie …

  1. Alles Azzurro. Unter deutschen Campern in Italien (Markus Götting)
  2. Alles Neisse, oder? Meine Geschichten aus dem Osten (Petra Nadolny)
  3. Alles wegen Dänen! Überleben mit Smørrebrød (Elmar Jung)
  4. Alter Schwede! Zwei Hochzeiten und ein Elchgeweih (Gunnar Herrmann & Susanne Schulz)
  5. Auf Heineken können wir uns eineken. Mein fabelhaftes Jahr zwischen Kiffern und Kalvinisten (Kerstin Schweighöfer)
  6. Avanti Amore. Mein Sommer unter Italienern (Dana Phillips)
  7. Bitte ein Brit! Neue Abenteuer auf der Insel (Wolfgang Koydl)
  8. Das kommt mir Spanisch vor. Madrid für Anfänger (Andrea Parr)
  9. Die Spinnen, die Finnen. Mein Leben im hohen Norden (Dieter Hermann Schmitz)
  10. Elchtest. Ein Jahr in Bullerbü (Gunnar Herrmann)
  11. Finne dich selbst! Mit den Eltern auf dem Rücksitz ins Land der Rentiere (Bernd Giesking)
  12. Finnen von Sinnen. Von einem, der auszog, eine finnische Frau zu heiraten (Wolfram Ellenberger)
  13. Fish and Fritz. Als Deutscher auf der Insel (Wolfgang Koydl)
  14. Hopp! Hopp! Es geht weiter. Vom Glück und Unglück im wilden Westen (Oliver Tappe)
  15. In Brasilien geht’s ohne Textilien. Ein Deutscher in Rio de Janeiro (Andreas Wimm)
  16. Kanada kann mich mal. Von einem, der mit seinen Kindern in die Ferne zog (Wolfram Ellenberger)
  17. Kann denn Fado fade sein? Meine Abenteuer in Portugal (Christina Zacker)
  18. Le Fettnapf. Wie ich lernte, mich in Frankreich nicht zum Horst zu machen (Anja Kuchenbecker)
  19. Madonna, ein Blonder! Ganz und gar nicht alltägliche Geschichten aus Rom (Martin Zöller)
  20. Mordsgouda. Als Deutsche unter Holländern (Annette Birschel)
  21. My dear Krauts. Wie ich die Deutschen entdeckte (Roger Boyes)
  22. Papa ante Palma. Mallorca für Fortgeschrittene (Stefan Keller)
  23. Pizza alla famiglia. Ein turbulentes Familienleben zwischen Deutschland und Italien (Michael Weirether & Adriana Falcieri)
  24. Queenig & Spleenig? Wie die Engländer ticken (Nina Puri)
  25. Russki Extrem. Wie ich lernte, Moskau zu lieben (Boris Reitschuster)
  26. Sitzen vier Polen im Auto. Teutonische Abenteuer (Alexandra Tobor)
  27. Spaghetti in Flagranti. Überleben in Italien (Angela Troni)
  28. Spätzle al dente. Neue Geschichten von meiner sizilianischen Familie (Luigi Brogna)
  29. Unter Galliern. Pariser Leben (Sascha Lehnartz)
  30. Werft die Gläser an die Wand! Meine russische Familie und ich (Juliane Inozemstev)
  31. Wer hat’s erfunden? Unter Schweizern (Wolfgang Koydl)
  32. Zwischen Boule und Bettenmachen. Mein Leben in einem südfranzösischen Dorf (Christiane Dreher)


 


100-Seiten-Bücher – Teil 106
»Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen« (1731)

Leipzig, 9. Januar 2014, 09:00 | von Marcuccio

Dieser Hundertseiter wurde um 1560 einem Pfarrer zur Mitschrift diktiert – und klar: Wer will schon einen Tausendseiter beichten? Also hat Gottfried von Berlichingen sich diszipliniert mit der Idee: »Meine Sachen und Händel, die ich geführt habe, kurz abzufassen und niederzuschreiben«.

Dass ein Ritter aus dem späten Mittelalter überhaupt Memoiren hinterlässt, war ungewöhnlich genug, hat wohl auch damit zu tun, dass er zu Lebzeiten doch allerhand Zoff hatte und sich noch mal rechtfertigen wollte. Ein Reichs-Cavalier von der rauflustigen Sorte: Wenn Leute Pech hatten (wie der Nürnberger Kaufmann auf S. 51 der Reclam-Ausgabe), wurden sie von Götz gleich dreimal innerhalb eines halben Jahres gefangen genommen und ausgeraubt.

Wem 100 Seiten voller Fehderecht, das eigentlich schon abgeschafft war, zuviel sind, der bekommt auf Seite 28 übrigens das ganze Buch in einem Satz: »Händel und Scharmützel hatten wir überall genug«. Darauf könnte man’s beschränken, wenn man nicht das Wichtigste verpassen würde. Zum Beispiel den Moment, in dem Götz »bemerkte, daß die Hand [seine leibliche] nur noch lose an der Haut hing« (S. 29). Autsch. Doch weiter, immer weiter. Noch im Wundfieber ersinnt sich Götz die Prothesenhand.

»Gern hab ich nicht gesengt und gebrannt«, lässt uns Götz später im Showdown wissen, doch weil er »wollte, daß der Amtmann herausrücken sollte« (aus der Burg Krautheim), musste er die Sache ein bisschen anfeuern: »Aber der Amtmann schrie, während ich unten brannte, nur von der Mauer herab, und ich rief zurück, er möchte mich hinten lecken.« (S. 64)

Götz hat, soviel ist sicher, ein Gespür für Geschichten, die auf den Punkt kommen. Nur als Anführer im Bauernkrieg verheddert er sich ein wenig. Damit sein Buch aber nicht mit dieser Niederlage endet (wie später bei Goethe), und damit der Reclam-Hundertseiter auch voll wird, sattelt unser Ritter mit der eisernen Hand ab Seite 91 noch Bonustracks drauf: »Einige Reiterstücke außerhalb der Fehden«. Tatsächlich ist Götz, der für seine Zeit biblisch alt wurde (82 Jahre!), noch mit 62 gegen die Türken nach Wien geritten und mit 64 an der Seite von Karl V. gegen Frankreich. In dem Alter liegen andere faul auf der Couch!

Noch herrlicher als dieser Hundertseiter war eigentlich nur mein Burgschmaus mit dem leibhaftigen Götz von Berlichingen. Denn ja, er lebt. Hat zwei heile Hände. Und heißt wirklich so: »Wenn bei irgendwelchen Stadtschulmeisterschaften mein Name über den Lautsprecher kam, hat immer das ganze Stadion gelacht.«

Länge des Buches: ca. 177.000 Zeichen. – Ausgaben:

Götz von Berlichingen: Lebens-Beschreibung Herrn Gözens von Berlichingen, Zugenannt mit der Eisern Hand, [...]. Mit verschiedenen Anmerckungen erläutert, und Mit einem vollständigen Indice versehen, zum Drück befördert, von Verono Franck von Steigerwald [...]. Nürnberg: Feißecker 1731. S. 1–252 (= 252 Textseiten). (online)

Götz von Berlichingen: Lebens-Beschreibung des Herrn Gözens von Berlichingen. Abdruck der Original-Ausgabe von Steigerwald, Nürnberg 1731. Halle: Niemeyer 1886. S. 3–111 (= 109 Textseiten). (online)

Götz von Berlichingen: Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen. Ins Neuhochdeutsche übertragen von Karl Müller. Nachwort von Hermann Missenharter. Stuttgart: Reclam 1993. S. 3–100 (= 98 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 17):
»Bilder einer Reise« (1989)

Leipzig, 17. Dezember 2013, 08:20 | von Marcuccio

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 96)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

»Ené, Iné, Aini, Hänne?« Die wichtigste Frage dieses Hundertseiters kommt spät, aber sie kommt: »wie (…) spricht man Heine auf italienisch aus?« (S. 95). Gute Frage. Raddatz, gerade in Bagni di Lucca angekommen, will den Genius loci finden; nur doof, wenn ihn dabei keiner versteht, weil er Heine deutsch ausspricht. Und dann passiert eine echte Pioniertat auf dem Gebiet der Völkerverständigung: Jahre bevor der erste »Lonely Planet« mit Grazie-Ausspracheanweisung erscheint, lässt Lonely Raddatz deutsche Feuilletonleser wissen, wie man Italienern erfolgreich verständlich macht, dass man über Heine parliert: Es muss klingen wie »Imi« (S. 106), das einstige Waschmittel.

Als Imi-Vertreter in Italien macht Raddatz einen großartigen Job, um nicht zu sagen: er startet den feuilletonistischen Schleuderwaschgang. Wobei: Die »›Bedeutung des tollen Lärms‹« (S. 72), die Heine in der Scala empfand, erschließt sich Raddatz bei seinem Besuch nicht so ganz: Stockhausens »Montag aus Licht« scheint ihm eine typische Montagsoper zu sein, die nichts anderes als »Spiegel-Schnippischkeit« verdient habe: »›Wird es laut, klingt es nach Orff, weicht es auf, säuselt es wie ›Cats‹.‹« (S. 72f.)

Weiteres Pointenrumpeln auf S. 90, als Raddatz aus dem Heine-Rachestück des Grafen August von Platen zitiert: Heine sei ein »Laubhüttenpetrarca«. Kurz vor Schluss, das muss jetzt schon Kalauer-Endschleudern sein, teilt uns der Imi-Experte mit: »in restauro«, »non toccare« und »chiuso« – man könne diese »Namen von Italiens drei berühmtesten Künstlern (…) bald nicht mehr hören« (S. 120).

Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Bilder einer Reise. Heinrich Heine in Italien. Mit Fotografien von Dirk Reinartz. München; Luzern: Bucher 1989. S. 3–127 (= 125 Textseiten).

Fritz J. Raddatz: Bilder einer Reise. Heinrich Heine in Italien. In: Unterwegs. Literarische Reiseessays. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1991. S. 203–263 (= 61 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 2):
»Herders Konzeption der Literatur, dargelegt an seinen Frühschriften« (1958)

Leipzig, 2. Dezember 2013, 08:05 | von Marcuccio

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 83)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Also, es fängt damit an, dass ich in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig sitze und einen der dünnsten Hundertseiter aller Zeiten öffne. 99 Seiten Haupttext aus dem Jahr 1958, in Handtipparbeit auf hauch­dünnem Butterbrotpapier vervielfältigt: So eine maschinengeschrie­bene Dissertation ist eigentlich superschön. Vor allem, wenn es sich um ein CC-Exemplar handelt, in dem das große W zu bockig war, um typografisch durchzuschlagen:

Ich starte also beim »esen des schöpferischen Künstlers« (S. 18), arbeite mich über die »idersprüchlichkeit« (ebd.) und das »illkürliche« (S. 22) zur »ahrheit« (S. 24) vor. Lese sodann über die »urzeln von Herders Harmoniestreben« (S. 37), grüße unterwegs Herrn »inckel­mann« (S. 46) und nehme später zur Kenntnis: »Homer war ein ilder« (S. 77). »ahrscheinlich« (S. 78) wenigstens. Herder, merke ich mir, ging es zu jeder Zeit um das Verhältnis von »Kunst und irklichkeit« (S. 91). »Mit anderen orten« (S. 97): Um »das Schöne, ahre, Gute« (S. 98).

Eine Frage, die ich mir beim W-Phantomzählen dann noch stelle: Ob sich in der Qualifikationsarbeit des Doktoranden schon der spätere Feuilletonist abzeichnet? Ich suche Anwandlungen und finde: nicht allzuviel. Die Liebe zum Fremdwort ist schon da; auch die Lust, im gleichen Satz abzuwatschen und zu loben, zum Beispiel Herder für seine »Hamlet«-Übersetzung. Ansonsten?

Das Herder-Zitat, das FJR der Diss als Motto vollmundig vorangestellt hat, behauptet, dass »das Erste Werk eines Menschen sein bestes seyn wird«. Da hätte unser Raddatz-Adventskalender noch ein paar Gegenbeweise.

Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz Joachim Raddatz: Herders Konzeption der Literatur, dargelegt an seinen Frühschriften. Berlin: Humboldt-Universität, Philosophische Fakultät. Dissertation vom 7. Mai 1958. Umfang: 140 DIN A4-Seiten, davon 99 Seiten Text, der Rest Anhang: Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Inhaltsverzeichnis, Lebenslauf. Letzterer wird in den nächsten Wochen noch stückweise in die Wikipedia eingepflegt.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Väter und Söhne und »Focus« und »Spiegel«

Leipzig, 12. November 2013, 09:46 | von Marcuccio

Hammertext. Der Schweinsohr kauende Vater … Diese Väter-Söhne-Geschichten von Jens über Kohl bis Unseld und Wimbauer sind wirklich ein Verhaltens- und Kulturmotor ersten Ranges. Oft genug die reine Hypothek. Der eine verdaut den Vater offensiv, der nächste hyperaktiv, der dritte passiv – Sohn von Hildebrand Gurlitt zu sein, bedeutete ja auch, lebenslänglich Sohn zu sein. Da erbst du 1406 Kunstwerke und kannst sie doch nur deponieren. Einem Beruf gehst du erst gar nicht nach. Nur wenn die Knödelvorräte zur Neige gehen, verkaufst du halt mal wieder einen Schinken. Der Kunstmarkt spielt Jahrzehnte diskret mit. Wie schlecht die »Focus«-Story von vor einer Woche war, zeigte sich erst gestern. Man hat in der Sache nichts Substanzielles verpasst, wenn man erst den »Spiegel« las (S. 150–158). Lustig finde ich ja auch, dass »Paris Match« gelang, was »Bild«, SZ und »Abendzeitung« (»Servus aus München«) mit geballter Münchner Lokalmedienmacht nicht schafften. Gurlitt, der die ganze Zeit zu Hause war, zu Gesicht zu kriegen.
 


Gottfried Keller: »Der grüne Heinrich«

Leipzig, 19. August 2013, 12:00 | von Marcuccio

Wo hier zuletzt von vielen 100-Seiten-Büchern die Rede war, bin ich ja fast stolz, einen kapitalen Neunhundertseiter geschafft zu haben. In neun zähen Monaten übrigens: never ever so lange an einem Buch gelesen! Immerhin hätte ich in der gleichen Zeit mit Pacos Rechnung neun Hundertseiter erlesen und erleben können, und einen fürstlichen hatte ich ja auch.

Trotzdem – für keinen »Zauberberg«, keine »Buddenbrooks« und keinen »Mann ohne Eigenschaften« hab ich je so lang gebraucht wie für den »Grünen Heinrich«. Warum eigentlich?

Vielleicht, weil Gottfried Keller ein dermaßen behäbiges Erzähltempo vorlegt, dass man ihn für unter zwei Stunden erst gar nie in die Hand nehmen mochte. Ein echtes Slow-Motion-Buch: bitte immer recht laaangsam in den Modus der Langstreckenlektüre switchen, der dann aber – so muss sich ein Marathonläufer nach der kritischen Phase fühlen – umso mehr Leseendorphine freisetzt.

Übrigens. Auch wenn Matthias Matussek den grünen Heinrich »nicht als Muttersöhnchen« in Erinnerung hat – ein »mammone« nach allen Regeln der finanziellen Unselbständigkeit ist Heinrich Lee schon. Ohne Muttis Sofortkredit geht in der Ferne entweder wenig – oder alles schief. Und wie er dann nach Zürich zurückkehrt und per Zufall auf Muttis eigener Beerdigung landet – fast schon tragisch. Eher plump kommt Heinrichs eigener Tod:

933 Seiten lang tritt Keller seinen unreifen, (hallo Farbmetaphern­freunde!) »grünen« Helden erzählerisch breit (zumindest in meiner Reclam-Ausgabe), um ihn dann auf der 934. und letzten Seite binnen drei Zeilen einfach wegsterben zu lassen: Das ist schon ein fieses Finish – auch für den Leser, der bis hierher durchgehalten hat. An dieser Stelle wäre mit Lorenz Jäger zu sagen: Beim »Grünen Heinrich« öfter mal die Zweitfassung zu kaufen versuchen! In ihr stirbt Heinrich nicht. Dafür badet in ihr aber auch Judith nicht mehr nachts im Fluss wie noch im »Grünen Heinrich 1.0« von 1854/55. Überhaupt scheint sich Keller als Staatsschreiber von Zürich für seine erotischen Tagträume zunehmend geschämt zu haben, weswegen, so Jörg Drews im Nachwort, die zweite Fassung von 1879/80 auch »die kastrierte« heißen könne.

Wie kam ich eigentlich zum »Grünen Heinrich«? Im Grunde habe ich mich durch billigstes Regionalmarketing korrumpieren lassen, fing mit dem Lesen quasi nur an, weil gleich das erste Kapitel, das ich mal in einer Bahnhofsbuchhandlung angelesen hatte, meine Hometown so nett und ideell in die Ehrenliga der schönsten Schweizer Städte hebt, »welche an einem See und einem Flusse zugleich liegen«: »Zürich, Luzern, Genf; auch Konstanz gehört gewissermaßen noch zu ihnen«. Keller, das wusste ich seit »Hadlaub«, hat ein Herz für Konstanz.

Putsch – wer hat’s erfunden?

Und wo wir schon bei Städtekunde sind. Auf Seite 920 des »Grünen Heinrichs«, ich bin quasi schon im Zieleinlauf (die letzten Seiten dicker Bücher lese ich notorisch unkonzentriert, weil ich mich, statt auf den gebotenen Inhalt zu achten, einerseits freue, dass es gleich zu Ende geht, und andererseits, siehe Leseendorphine oben, absurderweise doch denke: schade eigentlich, jetzt hättest du Kondition für mehr!), auf Seite 920 also lese ich:

»Das Wort Putsch stammt aus der guten Stadt Zürich, wo man einen plötzlichen vorübergehenden Regenguß einen Putsch nennt (…)« – in einem übertragenen Sinne aber auch »jede närrische Gemüthsbewegung, Begeisterung, Zornigkeit, Laune oder Mode«.

Heinrich kehrt nach sieben Jahren Deutschland gerade in die Schweiz zurück und landet in der Zeit der »blutigen oder trockenen Umwälzungen, Wahlbewegungen und Verfassungsrevisionen, die man Putsche nannte«:

»Da nun die Züricher die ersten waren, die geputscht, so blieb der Name für alle jene Bewegungen und bürgerte sich sogar in die weitere Sprache ein, wie Sonderbündelei, Freischärler und andere Ausdrücke, die alle aus dem politischen Laboratorium der Schweiz herrühren.«

Das Meretlein

Außer »Putsch« wird »Meretlein« der zweite Begriff sein, den ich mit dem »Grünen Heinrich« verbinde. Luisa machte mich erst drauf aufmerksam, ich hatte die Passage schon im Januar gelesen und gar nicht mehr präsent. Aber, das gehört dann wohl zum Lektüremodus dicker Bücher: Einen Hunderseiter hat man längst gegen den nächsten eingetauscht, in einem Neunhundertseiter blättert man halt zurück, wenn jemand sagt: »Du liest gerade Z? Darin kommt doch XY vor?« – »Ach, echt jetzt?«

Das Meretlein steht für eine wirklich fiese Geschichte in der Geschichte. In meiner Reclam-Ausgabe beginnt sie auf Seite 89 unten, mit einer verwitterten Grabplatte aus dem Jahr 1713: »Die Leute nannten diesen Platz das Grab des Hexenkindes.«

Meretlein war auffällig geworden, weil es »erwachsene Mannspersonen verführt und es ihnen angethan« hätte. Tatsächlich hatte es schon als Kleinkind Angst, »wenn man es in die düstere, kalte Kirche brachte, wo es sich vor dem schwarzen Manne auf der Kanzel zu fürchten vorgab«.

Das arme, auf den rechten Gottesweg zu bringende Mädel wird im Alter von sieben Jahren Pflegekind des Pfarrers. Noch Generationen später hängt im Pfarrhaus »ein altes dunkles Ölgemälde, das Bildniß dieses merkwürdigen Kindes enthaltend. (…) In seinen Händen hielt das Kind den Totenschild eines andern Kindes und eine weiße Rose.«

Nun sagt es sich so schnell: Hexenkind war wahrscheinlich nur ein anderes Wort für Missbrauchsfall und Pädophilie. Keller wird an keiner Stelle explizit, er macht das wirklich nur durchs Erzählen, ein bisschen aus dem Volksmund, ein bisschen aus den Pfarrhausprotokollen über Teufelsaustreibungsaktionen zitierend:

»der kleinen Meret (Emerentia) ihre wöchentlich zukommende Correction ertheilt und verscherpft, indeme sie nackent auf die Bank legte (…), nicht ohne Lamentiren und Seufzen zum Herren, daß Er das traurige Werk zu einem guten Ende führen möge.« (S. 92)

Mit dem Meretlein embeddet der »Grüne Heinrich« eine Geschichte, die finsterste Priklopil-Elemente (die dunke Speckkammer!) mit Zombie-Magie wie aus Gotthelfs »Schwarzer Spinne« verbindet. Wer wegen Kellers gelegentlicher Langatmigkeit vergessen sollte, wie ungeheuerlich dieser »Shakespeare der Novelle« (Paul Heyse) erzählen kann, der blättere zur kleinen Meret. Also, wenn man gerade mal keine neun Hunderseiter zur Hand hat, kann man auch den »Grünen Heinrich« lesen.
 


1813 — ein Jahr am Rand der Studienzeit

Leipzig, 8. März 2013, 13:47 | von Marcuccio

Kaufe ich mir 1813 jetzt für 6,60 Euro am Kiosk – oder durchklicke ich es kostenfrei bei Wikipedia? Seit Enzyklopädien immer redseliger werden, liest sich eben auch ein lexikografiertes Jahr erstaunlich süffig, wie ein historischer Newsticker.

Jahre überhaupt als Erzählung – vielleicht ist Florian Illies mit seiner Revue »1913« schon jetzt viel mehr gelungen als ein Bestseller: Er hat das aus dem History-TV bekannte Prinzip der szenischen Rekonstruktion sehr einschlägig ins Genre des erzählenden Sachbuchs transferiert. Vom »Spiegel« bis zu den Regionalzeitungen gab es Anfang 2013 kaum ein Medium, das diese Zeitmaschinenmasche (»Vor genau hundert Jahren«) im journalistischen Kleinformat nicht nachgeahmt hätte. Publizistisches Reenactment mag aus der Branche keiner sagen, weil ja Guido »ZDF-Emeritus« Knopp es miterfunden hat. Doch seit ganze Jahre auf den Histotainment-Laufsteg geschickt werden, dürfen auch 1913 und 1812 mal miteinander flirten.

Elke Heidenreich hausierte letzten Herbst hier und da mit diesem Gag: Sie habe sich auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer in »1913« vertieft, und ein jüngerer Mitpassagier an Deck hätte gerade »1812« gelesen, doch gar nicht weiter auf ihre Buchdeckel-Zeichen reagiert … Nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch jemand seine Bord-Liege mit »1926« reserviert hätte. Ich selbst stehe inzwischen natürlich auch längst an der imaginären Reling und blättere konspirativ mein »Geo«-Heft »1813«.

»Geo« ganz normal übrigens, nicht »Geo Epoche« oder so, obwohl »1813« explizit als »Schicksalsjahr der Deutschen« tituliert wird und in der Spin-off-Logik von Gruner & Jahr mindestens ein »Geo Thema Epoche Geolino extra Spezial« oder so verdient hätte. Völkerschlachten stehen schließlich für Zäsuren, und da macht auch die Tatsache, dass »Geo« die ganze Titelgeschichte mit Spielszenenfotos der Trachtenvereine illustriert, das Jahr nicht kleiner.

Zur Ausgangsfrage, ob man das Jahr 1813 jetzt am Kiosk kaufen oder lieber bei Wikipedia nachlesen soll, zur Kernfrage also: ob der Journalismus im Jahr 2013 den narrativen Enzyklopädismus der Schwarmintelligenz noch schlägt, kann ich im vorliegenden Fall keine klare Antwort geben. Ich hätte 1813 gern hier wie da ein bisschen feuilletonistischer gehabt, und da kommt mir plötzlich noch Hodler in den Sinn: Ferdinand Hodler hat den »Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg 1813« auf monumentale Leinwand gebannt, das Bild hängt in der Aula der Uni Jena: Der Schimmelbesteiger, der Tornisterträger und vor allem der Mantelanzieher sind schon ziemlich kurios ikonisch für das, was uns Reenactment-Vereine, Chefhistoriker und Gedenkjournalismus in den nächsten Monaten noch zuhauf nacherzählen werden: die lange Mobilmachung zur Völkerschlacht.

»Straße des 18. Oktober« heißt eine bekannte Leipziger Studentenheim-Adresse, an der viele als Erstsemester ankamen, und gleich erst mal ein Urlaubssemester nahmen, nehmen mussten! Der Grund waren natürlich die ständigen Partys ganzen Recherchen zu der im Straßenraum stehenden Frage, was es denn mit diesem Datum auf sich habe. Heute sind alle möglichen Linkschleudern auf historische Dauerfeuer programmiert. Damals gab es für schnelle Antworten weder Wikipedia. Noch ein gefälliges »Geo«-Heft namens 1813.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 49
Niccolò Machiavelli: »Der Fürst« (1513/1532)

Leipzig, 4. März 2013, 21:10 | von Marcuccio

»Werkchen« hat Machiavelli seinen Hundertseiter genannt, was er im Vergleich zu seinem Vierhundertseiter »Discorsi« definitiv ist. Werkchen klingt halt trotzdem arg wie Knoppers, das Frühstückchen. Man weiß, dass Hitler und Mussolini das Werkchen gefrühstückt haben, und überhaupt hat sich von der Diktatur bis zur Demokratie, von den Jesuiten bis zu den Kommunisten und von Shakespeare bis Nietzsche wohl so ziemlich jede Staatsform, Geistesbewegung und Persönlichkeit an diesem Hundertseiter vergriffen. Was nicht weiter wundert, denn Machiavelli bringt seine Sache ganz fantastisch auf den Punkt. Man sollte das Buch mal für eine Nacherzählung in Power Point ausschreiben.

Besonders eindringlich wird Machiavelli immer da, wo er den Coach macht: »Entweder bist du schon Fürst oder bist noch auf dem Weg, es zu werden.« So sieht’s aus. Und wer die Ansprache als Alphatier bevorzugt, kann sich im Role Model »Fuchs« oder »Löwe« wiederfinden. Die wenigsten können beides in sich vereinen, und auch deswegen sieht man Macht so oft scheitern.

Die Kunst des Machterwerbs und Machterhalts war ursprünglich mal Arkanwissen für Staatsführer (eben: Fürsten). Heute ist Machiavellis­mus vom Schlage ›Der Zweck heiligt die Mittel‹ längst Breitensport, beliebt von der Staatsräson bis zur ausgestellten Skrupellosigkeit leitender Angestellter in der Schadensregulierung M–Z: »Büro ist Krieg«. Das Problem der Strombergs dieser Welt: Sie lesen womöglich Werkchen wie »Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht für den alltäglichen Gebrauch«. Das Original ist aber wahrscheinlich nicht nur besser, sondern vor allem auch kürzer!

Länge des Buches: ca. 164.000 Zeichen (ital.), ca. 177.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Niccolò Machiavelli: Il principe. Der Fürst. Italienisch/deutsch. Übers. und hrsg. von Philipp Rippel. [Nachdr.] Stuttgart: Reclam 1995.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Handke-Landschaften in Karlsruhe:
Kling, Chaville, klingelingeling

Konstanz, 4. Dezember 2012, 19:00 | von Marcuccio

Die Feuilletons hatten sich zum Soundcheck verabredet:

Tilman Krause (Welt): »Diese Bilder muss man hören.«

Andreas Kilb (FAS): »Er hat der Landschaft einen Klang gegeben.«

Volker Bauermeister (Badische Zeitung): »Selbst Ziegen sieht er tanzen.«

Willibald Sauerländer (SZ): »… in einer behutsamen, man möchte sagen kammermusikalischen Ausstellung.«

Heute zog dann sogar noch die NZZ nach und berichtet über Camille Corot »mit seinen klangvoll nachhallenden Landschaften«.

Karlsruhe zeigt ja gerade die erste Retrospektive hierzulande. Ich war in der Ausstellung und habe außer zwei vollverkabelten Rentnern im Audioguide-Synchronrundgang jetzt eher wenig Sound im Wortsinn erlebt. Die Hörstation mit den Melodien von Gluck war nämlich dauerbesetzt, wahrscheinlich weil schon zu viele Kritiker geschrieben haben: »intensiv schaut man wohl nur, wenn man sich gleichzeitig dem Hören hingibt«.

Hörverhindert schlug ich mich dann auf die Seite von Sauerländer (SZ): »Corot hat die Stille, den Frieden, die Einsamkeit der französischen Provinzlandschaft entdeckt«. Das klang für mich plötzlich nur noch nach Peter Handke, zumal ein Corot-Bild »La Petite Chaville« heißt: Chaville neben Corots Heimat Ville-d’Avray war 1825 petite.

Sigrid Löffler gab mal zu Protokoll, Handke lebe vor den Toren von Paris ja wirklich »so bukolisch, wie es sich Handke-Verächter zur Bestätigung ihrer hämischsten Ressentiments nur vorstellen können« (vgl. ihre Rezension zur »Niemandsbucht« 1994). Ja, wie konsequent, dass in der Gegend der Corot-Bäume und Bäche heute Handkes »Felsenbienen« summen. Und mit Handkes Blick auf »Birken, die sich als erstes belaubt haben«, landet man unweigerlich bei der Frage, die Andreas Kilb vor diesem Corot-Bild stellt: »Wer weiß, wovon die Waldwege träumen?«

Es kann kulturtopografisch nur eine Antwort geben: Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Hiesige Pilze soll er sammeln. Vor dem Lärm der Laubbläser-Nachbarn soll er hierher fliehen. Davon träumen die Waldwege bei Corot. Die Karlsruher Ausstellung ist so gesehen auch ein grandioser Versuch über den stillen Ort.