Monatsarchiv für April 2009


Kaffeehaus des Monats (Teil 44)

sine loco, 30. April 2009, 07:24 | von Guest Star

(Gastbeitrag von Benjamin Stein)

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Jazzbar Vogler, München

München
Das Vogler in der Rumfordstraße 17.

(Kein Café-Haus, sondern eine Jazz-Bar. Umblättern kann man
dort dennoch in Seelenruhe, und zwar 1 Stunde lang von der
Lokalöffnung um 19:30 Uhr bis 20:30 Uhr, wenn der Live-Jazz
beginnt. – Unbedingt den Mail-Rundbrief des Inhabers Thomas
Vogler abonnieren, den er regelmäßig verschickt, um Freunde
des Lokals über das Programm und die unerhörten Ereignisse
zu unterrichten, die sich im Voglers gelegentlich zutragen.)


Das Feuilleton schwänzt den Walser-Wandertag

Konstanz, 27. April 2009, 14:06 | von Marcuccio

Was dem Dique seine RoRoRo-Monografien, sind mir ja die Suhrkamp-Prachtbände »Sein Leben in Bildern und Texten«. Okay, sie passen eher auf Tische als in Taschen, und hinein kommt auch nur, wer zwingend altgedienter Suhrkamp-Backlist-Autor ist: Also Hesse. Brecht. Und natürlich Walser, Robert, nicht (mehr) Martin.

Doch schon mit diesen wenigen Großkalibern haben sich mir ganze Ikonografien deutscher Literaturgeschichte ins Gehirn gefräst: Hesse mit Strohhut und Gartenfeuer, Brecht auf Frischs Letzibad-Baustelle in Zürich – und eben Robert Walser mit Schirm und Hut am Rand der langen, leeren Straße.

Es ist DAS Bild des Spaziergängers Robert Walser, oder muss man sagen: des von seinem Vormund zum Spazierengehen abgeholten Anstalts-Insassen Robert Walser? Das Foto, aufgenommen von Carl Seelig am 23. April 1939, wurde dieser Tage 70 Jahre alt. Aber was macht das sonst so jubiläumsgeile Feuilleton? Es schwänzt diesen Wandertag.

Dabei war es doch ein großer Tag: »Wir machen den Weg Herisau–Wil, ständig plaudernd, in dreieinhalb Stunden«, schreibt Seelig, und weiter: »Er läßt sich auch ohne Widerstand fotografieren. Ich bin baff. Es macht ihn glücklich und lustig, daß wir die 26 Kilometer so schnell hinter uns gebracht haben, nur mit einem Vermouth als ›Benzin‹.«

Und naja, in Wil wurde natürlich, wie immer bei solchen Gelegen­heiten, noch zünftig eingekehrt: »Wir essen ›Im Hof‹, haben gewaltigen Hunger und kehren nachher von einer Wirtschaft zur anderen ein. Im ganzen waren es fünf.« So halb stolz, halb betreten konnte es nur ein Carl Seelig protokollieren, wahlweise auch mit Speisenfolge, Rotweinsorten, Walsers Worten zu den Serviertöchtern.

Solange »Der Vormund und sein Dichter« nicht endlich mal wieder gesendet wird, bleibt »Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten« die einzige Alternative zum Nachwandern durch Text und Bild, herausgegeben und gestaltet von dem wie immer unermüd­lichen Bernhard Echte.


Schöner lesen

Konstanz, 25. April 2009, 09:01 | von Marcuccio

Unter der Hand entwickelt sich die taz zur führenden Zeitung für die Berichterstattung von und zu Lesungen. Immerhin war es auch ein Artikel der taz, der mich anno 2004 zu meinem ersten »Tropen«-Buch verführte.

Weiter war es die taz, die Walsers Krawatten-Kampagne unter die Lupe nahm, und auch gestern war es wieder die taz, die mit gleich zwei Genrestücken aus der Welt des gelesenen Buchs bestach. Programmatischer Titel: »Die Fans und die Kritiker«.

Zunächst Judith Luig über Jonathan Franzen: Na gut, der zu Anfang gezogene Vergleich »Die Lesung … beginnt wie ein Pop­konzert« ist ein Topos, von dem sich das Lesungsrezensionswesen langsam ruhig mal emanzipieren könnte – sollte! Aber der Schluss ist schon richtig, richtig gut, weil eben einfach wirklich Pop, und zwar ohne Konzert: »Fast hat man das Gefühl, man sei selbst ein bisschen lebendiger geworden, weil man ihn an diesem Abend erlebt hat.«

Dann »Alles über Alice« – Wiebke Porombka über Judith Hermann, deren »Gespenster«, wiewohl 2007 noch mal im Kino, auch schon wieder 6 Jahre her sind: »Sechs Jahre … in Literaturbetriebs­kreisen eine halbe Ewigkeit.« Jetzt, endlich bald, kommt das neue Buch, und deswegen, so Porombka plausibel, war’s auch »rappelvoll«, und zwar mit namhaften Kritikern:

»fast wäre es hier und da zu kleinen Handgreiflichkeiten gekommen, weil diejenigen, die nur noch auf den improvisierten Gartenstühlen, halb zwischen Gang, Bar und Tür geklemmt sitzen konnten, sich der freien Sicht auf die lang entbehrte Autorin beraubt sahen.«

Herrlich. Und ungemein treffend, witzig und richtig Judith Hermanns seit Stuckrad-Barres »Livealbum« ja auch nicht mehr so oft gelesene Bemerkung, sie müsse sich »für solche Gespräche erst wieder ein bisschen konditionieren«. Trainingsauftakt, erstes Testspiel für die jetzt anstehende »Alice«-Saison: 18 Spieltage gegen den gleichen Gegner (»Ist das autobiografisch?«), und Judith Hermann sucht noch nach ihrer Form. Das werde, will ich heute um 20:05 Uhr im DLF unbedingt nachhören.


Curb Your Michelangelo

London, 24. April 2009, 08:00 | von Dique

Das »Jen Cafe« kann nur dem Namen nach Kaffeehaus des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee. Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, und neben mir sitzt ein amerikanisches Pärchen.

Ob ich denn wisse, dass Michelangelo auch Gedichte geschrieben habe, fragt mich der Mann, als er sieht, was ich lese. Später sagt er noch, dass er immer, wenn er in London ist, auf ein paar Dumplings ins Jen Cafe gehe, schon seit Jahren. Und noch später unterhalten wir uns kurz über »Curb Your Enthusiasm«, weil irgendetwas »Curb« war, ich habe nur vergessen, was. Ich rede sehr gern mit Amerikanern, weil wirklich alle Seinfeld kennen und zumeist auch »Curb Your Enthusiasm«. Mit Detailkenntnis, da muss man nichts erklären.

»Michelangelo, Bildhauer in Rom«, so unterschrieb er häufig seine Korrespondenz. Außerdem schrieb er Sonette, und manchmal war er ein Spaßvogel. Die kleine rororo-Bio (die ältere von Heinrich Koch, nicht die neuere von Daniel Kupper) bringt folgenden Auszug aus einem Brief an seinen Vater. Michelangelo ist in Bologna, wo die Pest tobt, und anscheinend hat ihm der Vater vorher brieflich einige altkluge Belehrungen über die Krankheit zukommen lassen, woraufhin er jetzt antwortet:

»Du schreibst mir von einem gewissen Arzt, Deinem Freund, der Dir gesagt hat, daß die Pest eine böse Krankheit und tödlich sei. Es ist mir wertvoll, das zu erfahren; denn hier grassiert sie stark, und diese Bologneser sind noch nicht dahinter gekommen, daß man daran sterben kann. Deshalb wäre es gut, wenn er hierher käme, denn sicherlich kann er sie durch seine Erfahrungen belehren. Das wäre für sie bestimmt äußerst nützlich.«

Usw.


Kaffeehaus des Monats (Teil 43)

sine loco, 24. April 2009, 00:25 | von Dique

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Jen Cafe, London

London
Das Jen Cafe, 4–8 Newport Place.

(Das Jen Cafe kann nur dem Namen nach Kaffeehaus
des Monats werden, es gibt jedenfalls keinen Kaffee.
Es ist eine kleine chinesische Snackbar und hat sehr
gute Beijing Dumplings. Dort sitze ich und lese eines
dieser weißen Phaidon-Bücher, über Michelangelo, …)


Lektüreliste:
Aira, Waugh, da Vinci

London, 22. April 2009, 08:09 | von Dique

Gerade César Aira beendet, »Humboldts Schatten«. Eine waschechte Novelle, die inhaltlich stark an Kehlmann und seine »Vermessung der Welt« erinnert (und auch zwei Jahre vor ihr auf deutsch erschienen ist). Die Konstellationen entsprechen sich deutlich: Dort Humboldt als großer Checker mit Bonpland als Schattengänger, ähnlich hier das Verhältnis zwischen Rugendas und Krause. Rugendas befindet sich im Fahrwasser der ersten großen Brasilienmaler aus dem Gefolge des Moritz von Nassau, Frans Post und Albert Eckhout, aber das erwähnen weder Aira noch Ottmar Ette im gelehrten Nachwort.

Außerdem gelesen: Evelyn Waughs Bericht aus Abessinien, »Befremdliche Völker, seltsame Sitten«. Er war dort bei der Krönungsfeier von Haile Selassie, und das ist schon sehr stark. Waugh gibt sich immer dezent distanziert gegenüber all den irren Dingen. Definitiv eine der Christian-Kracht-Quellen für seine Reisenummern. Die Ausgabe der »Anderen Bibliothek« ist auch sehr schön, grüner Samt mit blauen Tupfen.

Und hatte ich schon von »A Handful of Dust« berichtet? Auch von Waugh, der Titel natürlich ein Zitat aus »The Waste Land«. Das Buch selbst ein britisches upper/middle-class-drama, welches dann aber im Dschungel Brasiliens endet: Der sehr passive Protagonist, Anthony Last, hat sich von seiner Frau betrügen lassen und sich auf der Suche nach Sinn mit dem schrägen Scharlatan, Dr. Messinger, auf eine Brasilien-Expedition begeben.

Er hängt dann in einem Indianerdorf in Brasilien fest, der Mitreisende Dr. Messinger ist umgekommen, und Tony überlebt mehr oder weniger durch Zufall, weil er auf einen Indianerstamm stößt. Dieser befindet sich unter der Führung des mysteriösen Mr. Todd, welcher einige Colonel-Kurtz-Anleihen aufweist. Der immer sehr höfliche und ruhige Mr. Todd lässt Tony nicht mehr weg, denn er braucht ihn, damit er ihm Dickens vorliest, denn er selbst kann nicht lesen.

Irgendwann entdeckt Tony das Grab seines Vorgängers, welcher im Dschungel verstarb, und so fristet er als Vorleser sein Dasein bis ans Ende seiner Tage. Das erinnert auch wieder ein bisschen an Kracht, das Ende von »1979«, hier bei Waugh ist es zwar kein Umerziehungslager, aber irgendwie auch eine Art lebenslängliche Lagerhaft.

Außerdem las ich die RoRoRo-Bio zu da Vinci, und die war wirklich gut, von Kenneth Clark geschrieben, sehr guter Mann anscheinend. Da Vinci auch edel, nichts fertig gemacht, alles angefangen, Dandy und Eigenbrötler, ein hervorragender Typ, vor allem im Vergleich zu diesen Idealtypen, zu denen Michelangelo zählt, aber eigentlich auch nicht wirklich, vielleicht gegenüber dem Typus Alles-Gelinger à la Rubens.

Las das Buch eigentlich nur als Anwärmer, bevor ich mich mehr auf den da-Vinci-Umkreis in Mailand stürze, Luini und Boltraffio, welche mir sehr gut gefallen, indem sie dieses weiche Lächeln der Leonardo-Madonnen kopieren wollen und dabei aber ihre eigenen Quirks aufweisen. Clark bürstet beide und auch den Rest des da-Vinci-Umfeldes gnadenlos ab, nicht mal zweite Reihe seien die alle, aber gut, das würde ich auch erst mal so hinschreiben.


Grimmelshausen in der FAS

Paris, 21. April 2009, 07:53 | von Paco

Hä? Häää? Ist das der zweite Teil des am 27. Juni 2000 nur unvoll­ständig erfolgten Genom-Abdrucks in der FAZ? Endlich? Nein. Der komische Buchstabenbrei ist schönstes, frühstes, »sometimes very strange sounding« Neuhochdeutsch. Die FAS vom 5. April 2009 hat auf S. 31 des Feuilletons unter dem Titel »Die rothe Ruhr im Leib« eine ganze Seite Grimmelshausen abgedruckt.

Vor gerade ein paar Wochen hat Reich-Ranicki einer FAS-Leserin aus Wiesbaden versichert, dass er den Simplicissimus »nicht nur mit Gewinn, sondern auch mit Genuss« gelesen habe. Und diese Aussage hat dann vielleicht gleich den Takt für diese gelungene FAS-Kommandoaktion vorgegeben.

Es handelt sich bei dem Text um eine (leicht gekürzte) Kalender­geschichte aus dem Jahr 1675, die vor kurzem in einem Berliner Archiv entdeckt wurde. Sie ist gerade zusammen mit anderen simplicianischen Kalendertexten herausgegeben worden, aber die genauere Stellung innerhalb der Grimmelshausen-Forschung sei hier jetzt außen vor gelassen.

Inhaltlich geht es um eine sprichwörtliche Reise ans Ende der Nacht, in diesem Fall um den betrüblichen Weg in eine Vernunftehe hinein. Die Story setzt damit einen Kalendertext des Vorjahres fort (der offenbar nach wie vor verschollen ist).

Reichlich unbedarft, genau wie Célines Bardamu, lässt sich der simplicianische Ich-Erzähler in die Armee ziehen, nachdem ihn seine Tante vor die Wahl gestellt hat: reich heiraten oder zum Militär. Und leider hat der Simplicius auf der Liebe zum armen Lisel bestanden (wie romantisch) und muss nun den Soldatenrock überziehen.

Er beschreibt von einem geläuterten Standpunkt aus, wie ungeho­belt er sich der Zivilbevölkerung gegenüber verhält und wie ihn der Lohn für diese »kopffschütlens=würdige Helden=Thaten« bald ereilt, als sich die Truppe in der Gegend um Gerau am Rhein aufhält. »Mein Geltgen war fort«, jammert er, und es grassieren Fahnenflucht und Hunger, auch weil die Bauern aus der Umgegend samt Vieh vor den rüpelhaften Truppen geflohen sind.

Als eine Schar Reiter sich im Odenwaldgebiet aus den fortgetrie­benen Rinderherden bedienen will, wehrt sich eine Handvoll Bauern erfolgreich, obwohl sie in vielfacher Unterzahl sind. Der Erzähler wird dabei von einer Kugel getroffen und stopft die Wunde provi­sorisch mit Spinnweben. Er überlebt jedenfalls knapp, hat sich aber die »rote Ruhr« eingefangen und wird nur durch die Hilfe der rei­chen Madame von Daeldorp vor einer Schenkelamputation bewahrt.

Auf dem Krankenlager erkennt er schließlich seinen Fehler: dass er trotzig auf seiner Liebe zum armen Lisel bestanden hat. Und nach einer einfachen Kosten-/Nutzenrechnung (wie unromantisch) entscheidet er sich für die reiche Madame, obwohl ihm die Tante die Wahl nunmehr freigestellt hat. Lisel ist natürlich gnatzig, ebenso wie eine Handvoll Freier, die sich die Hand der reichen Daeldorp erhofft hatten.

Aber das macht dem Simplicius nichts aus, er hat auf gutbürger­liche Art und Weise ausgesorgt. Und schon nach einem Jahr wird ihm ein Junge geboren, und die Tante hat ihren Erben. Das Ganze ist so mit diesem naiven, hintergründigen Humor geschrieben wie der »Simplicissimus« und macht leicht süchtig, weß halb ich jetzo erstmalen eine Weill benöttigen werdt, biß ich auß dissem Lese=Moduss wider heraußen binn, hehe.


Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (2/2009)

London, 20. April 2009, 08:08 | von Paco

1. »Mehr Vorworte!« (Goethe) Nach dem von Ende Januar hier also Vorwort Nr. 2/2009.

2. Die Kommandoaktion des Jahres! Eine ganze Seite Grimmelshausen in der FAS. Morgen mehr an dieser Stelle.

3. »Ist doch schön hier: Kommst morgens rein, trinkst deinen Kaffee, blätterst in deinen zehn Zeitungen, schälst ein paar Kartoffeln.« (Charles Schumann im FAS-Interview, 29. 3.)

4. Demnächst: Teil 3 der Speed-Tour-Serie. Nach dem Prado und den Vatikanischen Museen nun der Louvre. Sébastien2000 (unser Speed Guide) hat mich gebeten, mit dem Bericht zu warten, bis er mit seiner letzten Louvre-Tour durch ist. Jetzt ist es soweit, Text folgt nächste Woche (oder später).

5. Zuschrift von Leser Franz: Er werde den Umblätterer nicht mehr lesen, wegen der ausufernden »Lost«-Reviews. Macht nichts, Leser Franz, und ich halte das für die genau richtige Konsequenz, schließlich bedienen wir hier nicht nach Wunsch.

6. Der beste 2009er Text der Blogosphäre so far: »Willy Reichert oder der letzte Grund« bei Wall of Time.

7. »Unsere Knie schienen uns nicht mehr zu tragen, wie das in Träumen manchmal passiert, wenn man von bärtigen Nachrich­tensprecherinnen verfolgt wird.« (Evelyn Waugh, »Befremdliche Völker, seltsame Sitten«)

8. »Gosford Park: Whodunnit mit alten Frauen.« (aus einer Inhaltsangabe)

9. End of Blog, nach 2 Jahren: tobias-schwartz.de – Ein Klassiker des Genres ›arbeitsbegleitendes Bloggen eines Kulturjournalisten‹. Immer herausragend und immer to the point.

10. Die große Coen-Brothers-Werkmonografie unseres very own San Andreas. Zum ersten Mal angekündigt Ende November 2008. Jetzt endlich bald richtig endgültig fertig. Demnächst hier.

Usw.


Lost: 5. Staffel, 13. Folge

London, 19. April 2009, 23:32 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Some Like It Hoth«
Episode Number: 5.13 (#98)
First Aired: April 15, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Das Imperium schlägt zurück« (EA 2. 7. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Miles ist der Sohn von Dr. Pierre Chang, dem Arztkittelträger aus den Dharma-Lehrvideos. Soweit der komplette Inhalt dieser Folge. Um den Platz hier zu füllen aber doch noch ein paar Détails:

Miles‘ Jugend und Vollendung

Die Flashbacks beginnen im Jahr 1985. Eine Mutter will eine Wohnung mieten, und während sie mit dem Vermieter schwatzt, entdeckt ihr kleiner Sohn Miles eine Leiche. Und zwar durch irgendeinen telepa­thischen Vorgang, der ihn die letzten Gedanken von Toten spüren (nicht: hören) lässt. Aber das wissen wir schon aus früheren Fol­gen, dass Miles so ein Mischcharakter aus »Heroes« (ability!) und »Pushing Daisies« (Totenkommunikation!) ist.

Miles‘ Vater ist schon damals »out of the picture«, und diese Aussage der Mutter lässt erahnen, dass die »Lost«-Autoren hier wieder eine ihrer Vatervieh-Storys aus dem Hut zaubern – die ein ganz eigenes, immer interessant bis spannendes »Lost«-Untergenre bilden (Johns Vater, Kates Vater, Suns Vater, Bens Vater, Pennys Vater usw. usw.).

Später besucht ein hochgegelter und durchgepiercter Miles seine Mutter am Sterbebett, wo sie ihre Aussage präzisiert: »Your father kicked us out when you were just a baby. He didn’t want anything to do with us.«

In den Rückblenden sehen wir Miles dann hauptberuflich als Medium arbeiten, mit Hang zur Scharlatanerie. Zum Beispiel übermittelt er einem Mr. Gray (Dean Norris alias Hank aus »Breaking Bad«!) zunächst die angebliche Nachricht seines toten Sohnes, »that he loved him«. Später revidiert er das und gibt zu, dass er gar nicht fähig ist, mit seinem Sohn »zu sprechen«. Eine Stellvertretertat, da Miles seinem eigenen Vater nicht mehr sagen kann: »If you needed your son to know that you loved him, you should’ve told him when he was still alive.«

Zwischendrin wird Miles von Naomi abgegriffen, der in Widmores Diensten stehenden Fallschirmspringerin, die dann leider kurz nach ihrer Landung auf der Insel von Locke ermordet werden wird. Sie soll Miles für die Bootstour zur Insel gewinnen. Der lehnt erst ab, zeigt dann seine Fähigkeiten (Naomi: »Your audition!«) und kann bei den angebotenen $1.6 Mio. nicht nein sagen.

Kurz darauf wird er in einem Kommandounternehmen von einer »A-Team«-ähnlichen Gang in einen Van gezogen. Ein Kerl namens Bram rät ihm dort davon ab, sich auf Widmores Frachter einzuschiffen. Es ist derselbe Typ, der in der Gegenwartshandlung mit Ilana und den anderen vom Flug 316 auf der Nebeninsel abgestürzt ist. Er wiederholt gegenüber Miles auch die (für uns noch unbeantworte­te) Codewort-Frage, die Ilana in der letzten Folge Chopper-Frank gestellt hat: »What lies in the shadow of the statue?« Jedenfalls will Miles nicht für die andere Seite kämpfen, da seine finanziellen Forderungen nicht erfüllt werden, und schon wird er aus dem Van geschmissen.

Auf der Insel (1977)

Im Hauptgeschehen auf der Insel (im 1977er Handlungsstrang) wird Miles von Horace in den Circle of Trust aufgenommen, weil er jemanden braucht, der von Radzinsky ein ominöses »package« (vulgo: eine Leiche) abholt. Hurley, mit dem sich Miles später auf den Weg zur Orchid-Station macht, bekommt trotz Geheimhaltungsorder Wind davon. In der unnachahmlich einfältigen Hurley-Sprache: »Duuude, there’s a body bag back here. There’s a body in it.«

Miles soll die abgeholte Leiche zu Dr. Pierre Chang bringen, seinem Vater, und der ist dann gar nicht einverstanden mit dem Wissens­transfer in Richtung Hurley. Er nutzt dann aber die beiden VW-Bus-Ankömmlinge als Mitfahrgelegenheit, taut während der Fahrt etwas auf und erzählt von seinem 3 Monate alten Sohn, der in etwas älterer Form gerade neben ihm sitzt, ohne dass ihm das klar wäre.

Chang lässt sich an einer Baustelle absetzen, und Hurleys Blick erstarrt plötzlich: Hier wird der Hatch gebaut. Und gerade wird in die Luke die Seriennummer eingemeißelt – die sechs »Lost«-Zahlen, mit denen Hurley auch zum Lottomillionär (und Allround-Pechvogel) geworden ist.

Während der Weiterfahrt gibt es noch einen ziemlichen Geek-Moment. Miles zerrt Hurley seine Kladde aus der Hand und liest gegen dessen Willen eine Passage vor. Es handelt sich um ein paar Skizzen zu »The Empire Strikes Back«, denn, so Hurleys Erklärung:

»It’s 1977, right? So Star Wars just came out. And pretty soon George Lucas is gonna be looking for a sequel. I’ve seen Empire like 200 times, so I figured I’d make life easier and send him the script, with a couple of improvements.«

So eine Idee hätte sonst eigentlich nur der Seinfeld-Nachbar Kramer haben können, und dem hätte man diese auch ohne Probleme abgenommen, Hurley jedenfalls nicht. Glücklicherweise dürfte er auf der Insel aber keinen hauptamtlichen Briefkasten finden, sodass das Skript in der Vergangenheit versauert sein dürfte, hehe. Zum oben erwähnten Vater-Thema passt aber, dass Hurley noch mal mit (auf far too lustig getrimmten) eigenen Worten die Luke/Darth Vader-Story wiedergibt.

Grundkurs Ägyptische Sprachgeschichte

Bens Vater Roger ist untröstlich, statt neulich dem Flirt mit Kate streitet er nun mit ihr. Er vermutet, dass sie etwas über den Verbleib seines Sohnes wissen könnte. Später erwischt er Reinigungsmeister Jack beim Tafelputzen in einem Klassenraum (»Dharma Students Make Learning Fun!«). Auf der Tafel stehen ein paar kitschige Hieroglyphen und, noch mal für alle, folgende Eckdaten:

Old Egyptian
2600 BC to 2000 BC
Tripling ideograms, phonograms, and determinatives

Middle Egyptian
2000 BC to 1300 BC
Classic stage of language

Late Egyptian
1300 BC to 700 BC
From synthetic to analytic language

Vielen Dank für die Infos! Die werden dann aber von Jack ordnungs­gemäß abgewischt. Nachdem er damit fertig ist, verbürgt er sich bei Bens Vater für Kate. Später berichtet er Juliet und Sawyer von den Vorfällen. Der Security-Chef der Dharmas wird kurz darauf auch noch von Phil angesprochen, der mit einem Security-Tape wedelt. Phil gibt zu verstehen, dass er weiß, dass es Sawyer war, der Ben zu den Others gebracht hat. Und deshalb wird der potenzielle Geheimnisverräter erst mal ausgeknockt.

Als Cliffhanger reicht das aber dann doch nicht, und deshalb taucht am Ende endlich Faraday wieder auf. Er entsteigt dem Dharma-U-Boot und grüßt: »Hey, Miles. Long time no see.«


Lost: 5. Staffel, 12. Folge

London, 13. April 2009, 18:53 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Dead Is Dead«
Episode Number: 5.12 (#97)
First Aired: April 8, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Tot ist tot« (EA 25. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Es wird immer schwieriger, »Lost« ohne sich steigernden Ingrimm zu sehen, denn der mythologische Unterbau der Serie wird leider in einer schrecklichen Weise konkretisiert und dadurch wie befürchtet mit bekloppten Erklärungen und billigen Effekten profanisiert. In dieser Folge etwa leistet das Machttalent Ben Abbitte beim Rauchmonster, und diese Szene ist als Konkretum einfach nicht ohne Lachanfälle durchzustehen.

Dass sich Ben nach einigen taktischen Fehlern und seiner Abkehr von der Insel mit einem immer deutlicher werdenden Machtverlust konfrontiert sieht, ist dabei trotzdem ein schönes Sujet, insofern soll uns diese für »Lost«-Verhältnisse handwerklich ziemlich dürftig umgesetzte Szene nicht allzu sehr ablenken.

Ben vs. Widmore

Neben den Abenteuern von Ben und Locke gibt es diesmal auch einige zeitliche Rücksprünge, die alle die Entstehung und die Folgen des Konflikts zwischen Ben und Widmore thematisieren. Als Richard den kleinen verwundeten Ben (im Anschluss an die letzte Folge) zu den Others bringt, auf dass er »von der Insel geheilt« werde, ist Widmore auch gar nicht einverstanden, als ob er ahnen würde, was folgt.

Einige Jahre später bekommt der mittlerweile erwachsene Ben zusammen mit dem nun im Teenie-Alter befindlichen Ethan den Auftrag, die verwilderte Rousseau zu töten. Sie lassen sie jedoch leben und nehmen ihr stattdessen ihr Kind weg, die kleine Alex. Mit ihrer Überführung ins Others-Biwak ist Widmore wieder nicht einverstanden, aber Ben setzt sich durch und zieht Alex als seine Tochter groß.

Ein weiterer Zeitsprung zeigt uns dann den Abschied Widmores von der Insel. Er hat offenbar selbst seine Verbannung vorgeschlagen, nachdem er gegen »die Regeln« verstoßen und mit einer Nicht-Insulanerin ein Kind (nämlich Penny) gezeugt hat. Was soll das denn für ein Grund sein! Siehe Tao bei Critik en séries: « Je m’attendais à du spectaculaire, à une vraie trahison. Il n’en est rien. »

Und dann wird endlich noch eine viel zu lange offen gebliebene Frage beantwortet: Wieso kam Ben eigentlich damals (gerade noch rechtzeitig) mit blutig gehauener Visage in den Flug 316 gestürmt? Hier die Nacherzählung: Unmittelbar vor dem Einchecken ruft Ben bei Widmore an und teilt ihm mit, dass er dessen Tochter Penny killen werde, als Rache für die Ermordung von Alex. Als er zur Tat schreiten will, wird er von Desmond aufgehalten und schießt diesen erst mal nieder. Dann verkündet er Penny wie in einem schlechten Krimi, warum er sie jetzt erschießen werde. Er hält jedoch inne, als Charlie, Pennys und Desmonds Sohn, aufs Deck springt. Big mistake, denn sofort wird er vom nicht erfolgreich erschossenen Desmond angefallen, der ihm ordentlich die Fresse poliert und ins Wasser wirft. So also war das.

Ben und Locke on tour

Als Cliffhanger der Vorgängerfolge saß der wiedererweckte Locke an Bens Krankenbett, diese Szene wird jetzt fortgesetzt. Wie neulich schon anhand einer Reproduktion von Caravaggios »Ungläubigem Thomas« spricht Ben zunächst über den Unterschied zwischen believing und seeing. Als er genug gestaunt hat über Lockes Auferstehung eröffnet er seine weiteren Pläne (Achtung, es wird albern!): Er will sich in dieser Folge vom Black Smoke Monster richten lassen (»I came back to the Island […] to be judged.«). Aha, natürlich, wer verstünde das nicht, hehe. Ganz nebenbei spricht Locke übrigens noch kurz seine Ermordung durch Ben an:

LOCKE: Well, Ben, I was hoping that you and I could talk about the elephant in the room.
BEN: I assume you’re referring to the fact that I killed you.
LOCKE: Yeah.

Nicht schlecht, dieser trocken-humoristisch runtergesprochene Dialog. Ben entschuldigt sich jedenfalls nicht für seine Tat und erklärt nur, dass er »im Interesse der Insel« (na klar) gehandelt habe, und das habe doch nun bestens funktioniert, da alle Inselflüchtigen zurück seien. Locke ist dann auch nicht nachtragend und verkündet, dass er Ben begleiten werde.

Gerade wollen sie sich auf den Weg machen, da werden sie von Caesar gestoppt. Nachdem er über mehrere Folgen hinweg als Anführer in spe inszeniert wurde (»I’m calling the shots here!«), wird er nun einfach von Ben umgeknallt – wieder so ein herrlicher »Lost«-Moment, mit dem man nicht gerechnet hatte (hoffentlich ist Caesar jetzt auch mausetot, bei »Lost« ist ja inzwischen alles möglich). Später werden sich Ilana und die anderen bewaffnen, eine weitere Partei formiert sich und wird in die Aktion eingreifen, die Spannung steigt.

Die sich anschließende idyllische Bootstour von Ben und Locke endet an einem Steg der Hauptinsel. Zwischendurch gibt es noch einen schönen Ben-Satz; angesprochen auf sein letzthinniges Verletzungspech meint er:

»I’ve found sometimes that friends can be significantly more dangerous than enemies.«

Und dann sind sie schon im verlassenen Dharmadorf und sehen Licht in Bens ehemaligem Haus. Sie stoßen dort auf Sun und Chopper-Frank, die dort planlos herumzuwarten scheinen, weil die Geistererscheinung namens Christian Shephard ihnen so befohlen hat.

Ein Foto wird herumgezeigt, die Dharma-Familie von 1977, Hurley, Kate und Jack sind darauf mit zu sehen. Dieser ganze zeitreisige Mummenschanz geht Frank auf den Wecker, er fordert Realismus: »Sun, please, let’s just go back to the plane, see if I can fix the radio, and maybe we can get some help!« Bei seiner Rückkehr wird er dann von Ilana brutal mit dem Gewehrkolben niedergestreckt, Erinnerungen an das Ende von Tarantinos »Death Proof« werden wach.

Insgesamt wirkt die ganze Begegnungsszene in Bens altem Haus unheimlich hölzern, wie ein Treffen von Leuten, die eigentlich nicht zusammentreffen wollten und sollten. Die Darstellerin der Sun spielt wieder ultraschlecht, ihren ganzen Ben-Hass scheint sie komplett vergessen zu haben, aus der toughen Managerin ist auf einmal wieder dieses leichtgläubige Luftwesen geworden.

Dann der Klassiker: Ben schiebt einen Bücherschrank zur Seite und entert einen hinter einer Kleiderstange versteckten Höhlengang. Dort lässt er irgendwelches Schmutzwasser ablaufen, um den Monsterrauch von seinem Beichtvorhaben zu verständigen (whatever).

John Locke verkörpert wie immer sehr überzeugend sein Erleuchtet­sein, diesmal noch gestärkt durch seine Lazarus-Erfahrung. Er spielt dieses Feeling nun gegenüber Ben aus, und nun ist es Ben, der Fragen stellen muss, weil er die Geschehnisse nicht mehr kontrollieren kann.

Locke führt ihn zum Tempel. In einem diesigen Indiana-Jones-Setup schwingt Ben noch schnell eine Rede über seine Schuld am Tod von Alex und fällt dann eine Etage tiefer. Er läuft mit der Fackel in der Hand auf eine Art Altar zu (der übliche ägyptisierende Zinnober: Hieroglyphen, Anubis etc.).

Auftritt das Black Smoke Monster, dazu die üblichen Klapper­schlangengeräusche. Im Rauch sieht Ben ein paar Szenen aus der Vergangenheit, dieser Effekt wirkt überholt wie entsprechende Szenen aus den Bibelverfilmungen der 50er-Jahre. Überhaupt hat diese ganze schreckliche Szene sogar fast das Zeug, die Aura der Figur Ben anzukratzen.

Ben verliert seine allegorischen Qualitäten, er steht da wie ein kleiner Versageridiot, der Abbitte bei einem Bündel Rauch leistet. Nach einer Weile erscheint ihm seine tote Tochter Alex in voller Pracht, packt ihn am Schlafittchen und trotz ihm das Versprechen ab, von nun an jeden Befehl John Lockes zu befolgen. Ende.