Monatsarchiv für April 2009


Lost: 5. Staffel, 11. Folge

London, 11. April 2009, 17:35 | von Dique

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Whatever Happened, Happened«
Episode Number: 5.11 (#96)
First Aired: April 1, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Zurück in die Zukunft« (EA 18. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

»Whatever happened, happened« heißt diese Folge, und diese Phrase ist durchaus auch als knappe Beschreibung des gesamten Zeitreisequarks in »Lost« akzeptierbar. Diese Floskel wurde auch schon des Öfteren von Faraday in Anschlag gebracht, es sei demnach völlig unmöglich, etwas in der Vergangenheit zu richten, auf dass sich die Zukunft ändere, whatever happened, happened.

Die ganzen SciFi-Umstände werden diesmal in einem lustigen Dialog zwischen Hurley und Miles diskutiert, und diese skurrile audience education hat tausendmal mehr Charme als das schwer zu ertragende Geschwätz von Eloise Hawking. Einfach schon deshalb, weil Hurleys Überlegungen auf populärkulturellem Wissen basieren und sich vor allem aus den »Back to the Future«-Filmen speisen. (Vgl. »From Dusk Till Dawn«, wenn sich Harvey Keitel in der Vampirhölle erkundigt: »Has anybody here read a real book about vampires, or are we just remembering what a movie said?«)

HURLEY: »Okay, answer me this. If all this already happened to me, then why don’t I remember any of it?«
MILES: »Because once Ben turned that wheel, time isn’t a straight line for us anymore. Our experiences in the past and the future occurred before these experiences right now.«
HURLEY: »Say that again.«
MILES (zieht seine Knarre und will sie Hurley geben): »Shoot me, please. Please!«
HURLEY: »Aha! I can’t shoot you because if you die in 1977 then you’ll never come back to the island on the freighter 30 years from now.«
MILES: »I can die because I’ve already come to the island on the freighter. Any of us can die because this is our present.«
HURLEY: »But you said Ben couldn’t die because he still has to grow up and become the leader of the others.«
MILES: »Because this is his past.«
HURLEY: »Like when we first captured Ben, and Sayid, like, tortured him, then why wouldn’t he remember getting shot by that same guy when he was a kid?«
MILES: »Huh. I hadn’t thought of that.«
HURLEY: »Huh.«

Dieser Dialog war mal ein gelungenes, weil lustiges Ablenkungs­manöver von den Konkreta des bescheuerten Zeitreise-Überbaus. Und nach dieser Vorwegnahme nun zum Anfang der Episode:

Der von Sayid niedergestreckte Jin wird von einem Dharma-Funkspruch geweckt, während ein paar Metern entfernt von ihm der 1977er Ben liegt, schwer verletzt, weil in der letzten Folge angeschossen von Sayid. Der kleine Racker mit Kassenbrille lebt also noch, was auch viel einfacher ist fürs Drehbuch, denn jetzt muss nicht noch ein albernes Zusatzkonzept her, um den Ben des 21. Jahrhunderts wieder zum Leben zu erwecken.

Im Dharmadorf herrscht derweil Geschäftigkeit, man befürchtet einen Angriff der Hostiles a. k. a. The Others. Der wirklich extrem unansehnliche und unsympathische Horace erteilt Befehle. Bei all dem Trubel bleibt aber Zeit für einen Kurzflirt zwischen Kate und Roger Linus, dem nicht minder unsympathischen Vater von Klein-Ben. Doch siehe da, aus dem Vatervieh wird für einige Momente ein Mensch.

Das ist wieder der für »Lost« so typische Facettenwechsel, das Vatermonster erklärt, dass es auch gern ein guter Vater geworden wäre usw., was ziemlich unglaubwürdig wirkt, wenn man bedenkt, mit welcher Lust der olle Dharma-Hausmeister seinen Sohn gezüchtigt hat. Doch dann platzt Jin in die Szene, mit eben diesem Sohn auf dem Arm, und im Wechselbad der Gefühle steht da ein ernsthaft besorgter Vater, der betroffen ruft: »That’s my kid!«

Die Flashbackprotagonistin dieser Folge ist Kate. Um sie zirkelt sich auch der größte Teil der Inselgeschichte, sie kontempliert ihr verhauenes Leben, ihre Zerrissenheit, die sich auch und vor allem im Spannungsfeld zwischen Sawyer und Jack abspielt, und damit kommt auch ihre Nebenbuhlerin Juliet ins Spiel und im Off-Island-Teil natürlich ihr angenommener Sohn Aaron.

Nach ihrer Rückkehr von der Insel freundet sich Kate außerdem mit Sawyers Ex-Freundin Cassidy an, der Frau, die Sawyer in der Folge »The Long Con« (2.13) so verarscht hat und die dann die Mutter von dessen Tochter Clementine geworden ist. Die beiden Sawyer-Ex-Geliebten kennen sich schon aus Folge 3.15, als Kate der mittlerweiligen Trickbetrügerin Cassidy vor der Polizei aushalf. Nun im Flashforward dürfen sie sich sogar richtig gut verstehen, es gibt da lupenreinen Girl Talk zu bestaunen.

Später bringt Kate den kleinen Aaron zu seiner rechtmäßigen Großmutter, der Mutter von Claire, Carole Littleton, der sie, um Verständnis ringend, die ganze Sache erläutert. (Damit ist auch die Frage geklärt, wo eigentlich Aaron abgeblieben ist, während sich die Oceanix Six samt Kate zurück zur Insel begeben haben.) Überhaupt ist Kate letzthin auf Freundlichkeit gebürstet, in der 1977er Inselwelt versteht sie sich mittlerweile auch mit ihrer Nebenbuhlerin Juliet glänzend.

Nebenbei, ich kann es immer noch nicht fassen, dass Juliet jahrelang in einer dieser Dharma-Spießerbuden zusammen mit dem Dharma-Oberspießer Sawyer/LaFleur zusammen gelebt und selige Pasta-mit-Dharmawein-Abende abgefeiert hat. Dass sich die Freude über das Wiedersehen mit ihren vormaligen Inselbekannt­schaften in engen Grenzen hält, wird sie gegen Ende der Folge Jack vor den Latz knallen: »We didn’t need saving! We’ve been fine for three years!«

Der Doc übrigens macht inzwischen eine Sinnkrise durch. Wie in Staffel 3, als es um Bens Wirbelsäulentumor ging, hängt Bens Leben nun von Jack ab. Anders als damals scheint der hippokratische Eid für Jack seinen Reiz verloren zu haben, vor allem in Anbetracht der Tatsache, was aus Ben mal werden wird. Jack hat einfach keinen Bock mehr und argumentiert mittlerweile so wie sein Esoterik-Kumpel Locke:

»You know, when we were here before, I spent all of my time trying to fix things. But did you ever think that maybe the island just wants to fix things itself? And maybe I was just getting in the way?«

Weil Jack diesmal also nicht als »Retter willkommen erscheinen« will, um kurz mal mit Schiller zu sprechen, scheint es nur einen Ausweg zu geben. Young Ben muss zu den Hostiles gebracht werden, zu Richard Alpert und seinen Mannen.

Und obwohl Ben zusammen mit den Others noch die gesamte Dharma-Crew ausrotten wird etc. scheinen irgendwie fast alle den späteren Inseldiktator jetzt retten zu wollen, als ob sie Stephen Frys Alternative-History-Reißer »Making History« gelesen haben (darin wird durch eine Zeitreise Hitlers Geburt verhindert, die Menschheitsgeschichte bekommt dadurch aber unerwarteterweise eine noch drastischere Wendung zum Schrecklichen ab).

Jedenfalls schlägt Juliet vor, Klein-Ben zu den Others zu bringen. Als Summe ihrer Flashbacks will Kate das dann allein durchziehen, sie will dieses Kind retten, sie belädt einen dieser hellblauen VW-Busse und macht sich auf den Weg.

Okay, was noch? Die von uns hier in die Nähe der Goethe’schen »Wahlverwandtschaften« gerückte Viererbeziehung zwischen Jack, Kate, Sawyer und Juliet, wird schön in Szene gesetzt. Juliet passt Jack an der Dusche ab und fragt ihn, den Tränen nahe, warum zur Hölle er zurückgekommen ist. Währenddessen treffen Kate und Sawyer am Sonarzaun aufeinander, um von dort aus den siechenden Ben zu den Others zu bringen. Unterwegs erzählt Kate noch ein paar Storys von Sawyers Tochter Clementine und yada yada yada.

Diese Gesprächsidylle wird jedoch jäh unterbrochen, Gewehre klicken, »do not move!«, die Hostiles sind da und finden das Eindringen in ihr Gebiet gar nicht lustig. Die Eindringlinge samt dem Ben-Kind werden abgeführt, bis aus dem sonnigen Inselgrün der niemals alternde Richard Alpert auftaucht. Er übernimmt Ben, aber nur unter Auflagen:

»If I take him, he’s not ever gonna be the same again. (…) What I mean is that he’ll forget this ever happened and that his innoncence will be gone. He will always be one of us. You still want me to take him?«

Die Schwere dieser Entscheidung wird allerseits mit ein paar bedeutsamen Blicken unterstrichen. Und dann zieht Richard ab und bringt Ben in diesen komischen Dharma-Tempel.

Mit einem längst fälligen Blick voraus endet die Folge dann: Wir sehen plötzlich Locke am Bett des ebenfalls verletzten Zukunfts-Ben (Paddelattacke von Sun!), und er sagt in dessen erstauntes erwachendes Gesicht hinein: »Hello Ben, welcome back to the land of the living!«


Regionalzeitung (Teil 19)

Leipzig, 9. April 2009, 10:57 | von Austin

 
  91.   ein buntes Kulturprogramm

  92.   schlüpfte in die Rolle

  93.   stimmte die Gäste auf den Abend ein

  94.   entpuppte sich als

  95.   gaben alle ihr Bestes
 


Von Biografien und Berberaffen

London, 7. April 2009, 00:42 | von Dique

Irgendwann hat sich Oliver Gehrs in seinem mittlerweile beerdigten Watchblog mit einem kleinen Seitenhieb über die kleinen Bildmono­grafien von Rowohlt lustig gemacht. Angeblich seien die für Leute gedacht, die zu faul sind, eine richtige echte Biografie zu lesen.

Das ist schon sehr lustig formuliert, aber die kleinen RoRoRo-Monos ersparen es einem so vor allem, sich durch 500 Seiten Kindheit und das Werden und Gedeihen von Eltern, Großeltern und dem Dackel der Familie zu wühlen.

Derartige inhaltliche Banalität von Biografien betrachtete auch Gómez Dávila als abschreckend, da nur nichtssagende Details und unbedeutender Tratsch ans Licht gezerrt würden. »So traurig wie eine Biografie«, soll er manchmal als Redewendung benutzt haben.

Bezüglich Kürze und Handlichkeit könnte man auch mal wieder die Lebensbeschreibungen von Giorgio Vasari preisen, besonders wenn es sich um die handlichen und für Paperbacks sogar recht schönen Ausgaben von Wagenbach handelt. Aber ganz gegenteilig sind diese gerade wegen der Anekdoten und wegen der Tratschigkeit des Autors so gut, denn hier werden oft eben diese zum Höhepunkt der kleinen Lebenserzählung.

Ganz besonders im Leben des Sodoma, welchen Vasari zum Anti-Renaissance-Ideal stilisiert, also zum Gegen-Raffael oder Gegen-Michelangelo. In den wenigen Fällen, in denen er Sodomas Werke positiv beurteilt, schreibt er es dem Zufall zu oder den Einflüssen anderer. Sodoma wird als fauler Dandy gezeichnet, der nach Lust und Laune und nur dann arbeitet, wenn das Geld stimmt, so trug er »Jacken aus Brokat, mit goldenem Stoff gesäumte Mäntel, reichver­zierte Hauben, Ketten und ähnlichen Firlefanz nach Art von Hofnarren und Bänkelsängern«.

Außerdem hielt er sich eine Vielzahl von Tieren, welche Vasari detailreich beschreibt. Auch er hatte wieder einen Berberaffen (ähnlich wie Rosso Fiorentino) und man sollte mal genauer untersuchen, warum Vasari bestimmten Künstlern, die er weniger schätzt, so gern einen Berberaffen unterjubelt. Im Text über Sodoma heißt es jedenfalls weiter:

»Außerdem bereitete es ihm Vergnügen, sich außergewöhnliche Haustiere unterschiedlichster Art zu halten, wie Dachse, Eichhörn­chen, Berberaffen, Meerkatzen, Zwergesel, Berberpferde für Wettrennen, kleine Pferde aus Elba, Eichelhäher, Zwerghühner, indische Turteltauben und andere solcher Tiere, derer er habhaft werden konnte. Neben all diesem Viehzeug besaß er insbesondere einen Raben, dem er so gut das Sprechen beigebracht hatte, dass dieser Giovan Antonio selbst zu sein schien. (…)

Diese abstruse Art zu leben, die Werke und Gemälde, bei denen er trotz allem manch Gutes hervorbrachte, machten ihn bei den Sienesen – das heißt beim Pöbel und dem niederen Volk, nicht bei den Edelleuten, die ihn von vornherein durchschauten – derart bekannt, dass viele ihn für einen großen Mann hielten.«

Wenn man mehr über Sodoma wissen möchte, sollte man also vielleicht lieber in einen Zoo gehen statt in ein Museum, denn in den großen Häusern dieser Welt gibt es sowieso nicht viel von ihm zu sehen.


Lost: 5. Staffel, 10. Folge

Paris, 4. April 2009, 16:50 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »He’s Our You«
Episode Number: 5.10 (#95)
First Aired: March 25, 2009 (Wednesday)
Deutscher Titel: »Deswegen bin ich hier« (EA 11. 6. 2009)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Eine Sayid-Folge reinsten Wassers bzw. reinsten vergossenen Blutes, fast klassisch werden in den verschiedenen Flashbacks die Erlebnisse des irakischen Killerbuben weitererzählt. Nur ist inzwischen so viel geschehen, dass der Rücksprung in eine einzige zeitliche Ebene der Vergangenheit nicht mehr ausreicht. Es sind mindestens vier Ebenen, die in dieser doch eher langweiligen Folge beleuchtet werden, am Ende dann aber zu einem wirklich großartigen Schlusseffekt führen:

Ebene 1 (Kindheit in Tikrit, 70er-Jahre)

Ein leicht klischiertes Intro mit Vorausdeutungspotenzial versetzt uns in die Kindheit von Klein-Sayid. Sein älterer Bruder wird vom Vater beauftragt, ein Huhn abzuschlachten, und weil der sich nicht traut, bricht stellvertretend Sayid dem wehrlosen Federvieh das Genick. Sein Name fällt er ganz zum Schluss, obwohl man von Anfang an weiß, worauf die Szene hinausläuft, aber wir sollen wieder mal bass erstaunt erst hinterher erkennen, dass Sayid der brutale Hühnermörder gewesen ist.

Trotz dieser lahmen Art der Spannungserzeugung strotzt diese Szene vor Urwüchsigkeit, sie wirkt, so einen Vergleich kann man ja ruhig einmal anstellen, mindestens so urwüchsig wie die Schlacht­hofmotivik in Döblins »Berlin – Alexanderplatz« oder ähnliche Sachen, der Mensch als brutales Raubtier etc. etc.

Ebene 2 (Sayid als Bens Scherge, Ende 2005–2007)

Sayid hat als Bens gutgläubiger Scherge eine Reihe von Auftrags­morden ausgeführt, die jeweils Leute aus Widmores Umfeld betrafen. Diesmal gibt es wieder etwas »Lost«-Tourismus, wir werden Zeuge, wie Sayid in Moskau einen Mann namens Andropov kaltblütig erschießt. Er übermittelt Ben die Vollzugsnachricht in einer verkitschten Hinterhofszene, in der Ben als 40er- oder 50er-Jahre-Agenten-Kopie auftritt, mit schwarzem Mantel, schwarzen Handschuhen, schwarzem Hut.

Die Szene wirkt wie »Der dritte Mann« in billig, hehe. In diesem Ambiente verkündet Ben auch das Ende der Zusammenarbeit: »Andropov was the last one. You’ve taken care of everyone who posed a threat to your friends.« Und Sayid weiß vor lauter Schreck nicht, was er jetzt mit seiner Zeit anfangen soll. Irgendwann muss er sich dann in die Dominikanische Republik zurückgezogen haben, um der gemeinnützigen Organisation »Construyendo Nuestro Mundo« beim Häuserbau zu helfen.

Dort war Sayid in Folge 5.07 bereits von Locke aufgesucht worden, in dieser Folge (einige Zeit nach dem Andropov-Mord) kreuzt nun Ben als zweiter Besucher auf. Mit feinster Lügenpropaganda schafft er, was Locke nicht geschafft hatte, nämlich Sayid da wegzu­locken, schließlich muss er mit zur Insel zurück. Locke sei von Leuten umgebracht worden, die es nun auch auf Sayid und den Rest der Inselflüchtigen abgesehen haben. Und da Sayid ja gar nichts anderes könne als Killen (siehe die Anfangsepisode mit dem armen Huhn), soll er sich und die anderen Losties jetzt mal schützen und den für Lockes Tod verantwortlichen Killer um die Ecke bringen:

BEN: It’s in your nature, it’s what you are. You’re a killer, Sayid.
SAYID: I am not what you think I am. I don’t like killing.
BEN: Well, then I apologize. I was mistaken about you.

Ebene 3 (Sayid und die Kopfgeldjägerin, Anfang 2008)

In einer Bar trifft Sayid auf Ilana, und zwar nach dem gemeinsamen Losties-Treffen in Folge 5.05, bei dem Sayid klugerweise schnell das Weite gesucht hat, bevor Eloise Hawking in der nächsten Folge ihre leicht lächerliche Erklärungs-Suada vom Stapel ließ. Jedenfalls scheint ihn Ilana verführen zu wollen, aber dann, später, mitten beim Making-out, tritt sie ihm volle Kanne ins Gesicht und hält ihn at gunpoint. Sie verklickert ihm, dass sie ihn nach Guam bringen soll, auf dass er dort von der Familie des von ihm hingerichteten Seychellen-Golfers aus Folge 4.03 zur Rechenschaft gezogen werde. Später sehen wir die beiden, Kopfgeldjägerin und Auftragsmörder, noch mal zusammen im Flug 316, wir alle wissen, dass sie nach dem Absturz zeitlich ziemlich verschiedene Wege gehen werden.

Ebene 4 (Sayid als Gefangener der Dharmas, 1977)

Im Moment wirkt es komischerweise so, als ob die Handlung im Jahr 1977 die Gegenwart sei. Für die dorthin gebeamten Losties ist sie es ja gewissermaßen auch. Es ist sicher auch nur eine Frage der Zeit, bis die zwei Erzählfäden, die nach dem erneuten Crash auf der Insel entstanden sind, wieder zusammenfinden. (Der irgendwohin entschwundene Faraday wird dabei sicher irgendeine Rolle spielen, werden sehen.)

Sayid war ja in der letzten Folge, handgeschellt wie Stanislaus Demba in dem Perutz-Roman »Zwischen neun und neun«, durch die Gegend geirrt, und nun spielen diese Handschellen endlich auch mal ihren Vorteil aus. Dharma-Horace denkt nämlich, dass Sayid von seinen vermeintlich eigenen Leuten, den Others (damals noch als Hostiles bekannt), verstoßen wurde.

Sawyer würde Sayid am liebsten mit einer kleinen Lüge in den Dharma-Korpus integrieren. Denn der konservativ gewordene Haus-und-Herd-Sawyer hat sich in den 70ern ein Leben aufgebaut, »and a pretty good one«, das will er sich nicht von Sayid zu Schanden machen lassen. Sayid aber willigt in Sawyers Plan nicht ein.

Nachdem Sayid wiederholt mit keinem der Dharmas reden wollte, wird er zum Dharma-Folterer Oldham gebracht. Also: Folterer trifft Folterer, oder, wie Sawyer es gegenüber Sayid erklärt: »He’s our you.« Ein guter Satz, von Sawyer diesmal ganz ohne seine übliche Ironie dargebracht, und gleich auch der Titel dieser Episode.

Dann wird es wieder etwas lächerlich, Sayid wird mit Gewalt eine Art Wahrheitsserum verabreicht, das als gezuckerter Deus-ex-machina fungieren soll. Und Sayid sagt denn auch die Wahrheit, die ganze »Lost«-Wahrheit, er plaudert alles aus, was er über die Dharma-Stationen weiß, auch über die damals noch nicht gebauten. Es muss also so aussehen, als ob er hier als Spion unterwegs ist. Aber dann sagt er fast den coolsten Satz der Folge: »I’m from the future!«

Dabei wird er von Katatonien geschüttelt und lacht das Lachen eines Wahnsinnigen. Laut den Statistikern der Lostpedia ist das nach viereinhalb Jahren »Lost« überhaupt erst das dritte Mal, dass wir Sayid lachen sehen.

Hinterher kommt es zu einer Kampfabstimmung, bei der sich alle Entscheidungsträger für Sayids Hinrichtung aussprechen, letztlich auch Sawyer, der Sayid im Anschluss aber immerhin noch einmal zur Flucht verhelfen möchte. Der will sich jedoch gar nicht helfen lassen, er nimmt seine Situation vielleicht als Schicksal hin, und dieses Schicksal ist: der kleine Ben Linus. Und der Darsteller des jungen Nickelbrillenträgers spielt einfach sensationell, er spielt die einzigartige Mischung aus Souveränität und Skrupellosigkeit des späteren Ben schon mit.

Klein-Ben ist es dann auch, von dem sich Sayid befreien lässt, während Dharmaville durch einen brennenden Dharma-Kleinbus abgelenkt wird. Bei ihrer Flucht begegnen sie Jin, der von Sayid umgehauen wird, weil er Sawyer/LaFleur benachrichtigen will.

Und dann folgt eine große, wirklich ganz unerwartete Szene:

SAYID: You were right about me.
DER JUNGE BEN: What?
SAYID: I am a killer.

Und Sayid schießt eiskalt den kleinen niedlichen Ben nieder, zack! Der kann natürlich nicht wirklich so einfach in der Vergangenheit sterben, und schon die nächste Folge heißt auch: »Whatever happened, happened«, das alte Mantra von Faraday, insofern wird der Kleine schon irgendwie überleben.


Hebe Uhart: »Literaturzeitschrift«

Paris, 2. April 2009, 13:39 | von Paco

Liebe deutschsprachige Verlage!

Sie ist noch nicht ins Deutsche übersetzt, Hebe Uhart – argen­tinische Autorin, geb. 1936, zahlreiche Veröffentlichungen –, aber zumindest ihre Erzählungen wären es endlich mal wert. Ich habe gerade ihren neuen Band »Turistas« gelesen (Adriana Hidalgo 2008, 162 S.), zum Schluss gleich noch mal die darin enthaltene Erzählung »Revista literaria« (»Literaturzeitschrift«):

José, Marcos und vor allem Fernando sind nicht mehr einverstan­den. Mit der Alltäglichkeit des Lebens, der Welt, wie sie ist, der Erderwärmung und der Globalisierung. Sie wollen alles umschmeißen, sie wollen rebellieren wie noch nie jemand rebelliert hat. Und als Mittel zum Zweck gründen sie – eine Literaturzeitschrift. Natürlich eine, wie es sie noch nie vorher gegeben hat, eine, die mit allen Traditionen bricht.

Den Jungs gefällt zum Beispiel die Biografie von Gauguin, der alles hinter sich gelassen und sich nach Tahiti aufgemacht hat. Sie selbst haben allerdings schon Schwierigkeiten damit, ihre regel­mäßigen Treffen von einem Rentner-Café in ein anderes, ihrer Peer-Group entsprechendes Kaffeehaus zu verlegen. Der unbekümmerte Größenwahn literarischer Anfänger führt dann zu so etwas wie der schlimmsten aller denkbaren Schülerzeitungen. Es werden Einsen­dungen von jungen Leuten aus dem Umland von Buenos Aires zitiert und diskutiert, dass einem vor Lachen der sprichwörtliche Döner aus der Hand fällt. Beispiel:

Danach lasen sie eine Art Essay, er begann so: »Als Cortázar starb, füllte sich der Himmel mit Schmetterlingen, heißt es.«

»Gefällt mir, dieser Essay«, sagte Fernando. »Macht Eindruck.«

Marcos sagte: »Man könnte den Satz aber auch umdrehen: ›An einem Tag, an dem der Himmel voller Schmetterlinge war, starb Cortázar.‹«

Fernando war dagegen: »So ist der Satz doch völlig wertlos. Mein Gott!«

Irgendwann wird die frisch erschienene Zeitschrift öffentlich präsentiert. Es gibt ein offenes Mikro, das jedem Redewilligen zur Verfügung steht, und die meisten kommen auch nur deswegen. Am Ende verkaufen sie zwei Exemplare à 2,50 Pesos. Fernando fährt wutentbrannt von der Innenstadt in seinen Vorort zurück und verbrennt seine Restexemplare. Er will jetzt, nachdem er wegen der verknöcherten Uni-Strukturen sein Studium im ersten Jahr abgebrochen hat, doch wieder damit anfangen. Ende.

Eine andere Geschichte in dem Band handelt von »Stephan in Buenos Aires«, geschrieben im Ausländer-Spanisch eines Deutschen. Uhart hält die Deutschen sowieso für so ziemlich die wunderlichsten Wesen auf Erden, wie sie in einem Interview zugab. Also noch ein Grund, endlich spricht es mal jemand aus!

Im Herbst 2010 ist Argentinien Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Liebe deutschsprachige Verlage, reißt euch um Hebe Uhart! Um diese Erzählungen gehört ein deutscher Buchumschlag!

Mit freundlichen Grüßen,

Frank Fischer
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque