Monatsarchiv für November 2007


Matusseks Kulturtipp, Folge 56:
Spe salvi – Die Hoffnung stirbt zuletzt

Leipzig, 30. November 2007, 07:45 | von Paco

Für seine Videokolumne bei Spiegel Online mixt Matthias Matussek die typischen Vlog-Eigenschaften (relevante neben völlig irrelevanten News, Flapsigkeit, Uneigentlichkeit usw.) mit Elementen aus der amerikanischen TV-Serien-Landschaft. Er stopft sein Vlog mittlerweile in ein fiktional-ironisches Korsett mit wiederkehrenden Themen und Figuren, seien das nun »der alte Schirrmacher« oder das »Ding«.

Also, falls es jemand noch nicht mitbekommen hat: »Matusseks Kulturtipp« ist eine Fortsetzungsserie. Da kann man nicht einfach eine Folge verpassen wie bei »Ehrensenf« oder ähnlichen Sendungen. Durch diese Genre-Entscheidung löst Matussek das Problem aller Vlogs, er ist nicht mehr nur zur unbedingten News-Ausschüttung oder zusammenhanglosen Lustigkeit gezwungen. Vielmehr befolgt er die klassischen Seriengesetze, nach denen in jeder Folge eine neue Storyline bespielt werden muss, während parallel dazu auch der episodenübergreifende Handlungsrahmen ständig durchschimmert – im Falle des »Kulturtipps« ist das Matusseks Ressortleiterdasein in Sachen »Spiegel«-Kulturteil.

Es würde sich jedenfalls lohnen, ein Fan-Wiki aufzusetzen, in dem die Matussek-Community Informationen zu jeder Folge und zum Fortgang der sagen-wir-mal Handlung sammeln kann. Wie neulich beim Sonntagstaucher-Experiment mache ich das jetzt mal exemplarisch für die letzte Folge, und zwar im Stil der Serien-Wikis bzw. der Hauptinformationsseite für amerikanische Serien, TV.com:

Matusseks Kulturtipp (2006 and on)

Episode Title: »Spe salvi – Die Hoffnung stirbt zuletzt«
Episode Number: 56
First Aired: November 27, 2007 (Tuesday)
URL: http://www.spiegel.de/videoplayer/0,6298,24438,00.html (pop-up)

Synopsis

In this episode, Matthias Matussek talks about his visit to the Vatican last weekend where Pope Benedict XVI appointed 23 new cardinals. Matussek meets up with some acquaintances, mostly clergymen but also a politician and a fellow reporter from »Spiegel« magazine. The main sequence is a scene with Pope Benedict XVI in St. Peter’s Basilica. Benedict is filmed from a distance marching down the aisle towards the front. In the second half of this episode we encounter »Ding« (»Thing«) from an earlier episode. A desperate search is carried out when Ding goes missing all of a sudden.

Cast

Star: Matthias Matussek (himself)

Recurring Role: Ding (itself)

Guest Star: Cardinal Emmanuel III Delly (himself), Paul Josef Cardinal Cordes (himself), Pater von Gemmingen (himself), Pope Benedict XVI (himself), Joachim Cardinal Meisner (himself), Jürgen Rüttgers (himself), Paul Badde (himself), Alexander Smoltczyk (himself)

Memorable Quotes

Pater von Gemmingen (commenting on a painting in the Sala Regia where Christ is stepping onto a numinous cloud): »Das ist unsere Hoffnung. So leben wir. Wir hoffen auf die Wolke.«

Rüttgers (about the upcoming encyclical): »Ich hoffe, dass sie genauso gut ist wie die erste über die Liebe und die Gerechtigkeit.«

Cardinal Meisner: »Hätte ich das gewusst, dass das so missverstanden wird, hätte ich doch das Wort ›entstaltet‹ gesagt, (da) hätte ich genau das Gleiche (gesagt), was ich damit auch sagen wollte.« – Matussek (commenting on Meisner, with irony): »Ja, damit ist für mich die Kuh vom Eis, natürlich ist Kardinal Meisner bei meiner nächsten Gala eingeladen.«

Matussek: »Ding verfolgte die Sache draußen auf dem Petersplatz. Jawohl, ich hatte Ding mitgenommen, mit nach Rom, Ding sollte mal raus. (…) Ding ist auf der Suche – nach dem Zusammenbruch des Kommunismus –, auf der Suche nach Sinn.«

Matussek: »Paul Badde mit seinem Schlapphut sieht aus wie ein Privatdetektiv im Dienste der Kirche.«

Trivia

Running time of this episode: 5’36 mins.

Matussek wears yellow suspenders this time.

»Der alte Schirrmacher« (»good old Schirrmacher«) is not mentioned in this episode.

»Ding« first appears in episode 52, »Das DING vom Brocken – Teil 1«, as Matussek wanders among the Harz Mountains to climb up its highest peak, the Brocken. In the credits part at the end of episode 53, »Das DING« is indicated as being performed by Harrison Ford but this has yet to be proven.

Allusions

Matussek compares a calendar depicting dressed-up clergymen to the »Pirelli Calendar« which is a traditional wall calendar featuring pin-up models published by Italian tire manufacturer Pirelli since 1964.

The first encyclical letter of Pope Benedict XVI is mentioned several times. It was issued on 25 Dec 2005 and is entitled »Deus Caritas Est« which translates as »God is Love«.

Matussek uses »Dominus vobiscum!« as a good-bye term which is Latin and means »May the Lord be with you!«

The words »Spe salvi« mentioned in this episode’s title translate as »Saved by Hope« and are also the title of the upcoming new encyclical.

When Matussek sneaks into St. Peter’s Basilica without invitation he mentions (Hans) Blumenberg (1920-1996), a German philosopher, in order to cope with his guilt.

Matussek uses the term »paparazzi« to describe a couple of clergymen taking pictures of Benedict. This involves a pun since one of Benedict’s widely popular nicknames is »Papa Ratzi« (derived from his family name Ratzinger). It became infamous when British tabloid »The Sun« welcomed the newly elected Pope with the headline »From Hitler Youth To Papa Ratzi« in its edition of April 20, 2005.


Kommt jetzt Krauses Klartext-TV?

Konstanz, 29. November 2007, 16:50 | von Marcuccio

Viele haben drauf gewartet, letzten Samstag war es soweit: Tilman Krause (KA-Fragebogen) verkündete das Ende seiner Kolumne nach sieben Jahren.

Vielleicht zeigt der Niedergang des Klartext-Krause aber auch einfach nur die Transformation eines Genres an: Über Krauses weitere Karrierepläne als Videoblogger mochte die FAS letzten Sonntag zumindest schon mal randspaltenmäßig (S. 25) spekulieren.

Und dem Umblätterer wurde jetzt – sensationell – das schon drei Jahre alte Drehbuch für die erste Folge von »Krauses Klartext-TV« in die Hände gespielt:

Ina Hartwig:
Zuerst möchte ich Tilman Krause gerne widersprechen. Dieses Beschwören des Bildungsbürgertums, lieber Tilman, bringt uns gar nichts meiner Meinung nach. Tust du das nicht letztlich nur für dich selbst?

Tilman Krause:
Das tue ich für meine Leser!

Ina Hartwig:
Weil es deinen Lesern gefällt, wenn du es beschwörst!

Tilman Krause:
Natürlich! Das ist ja auch ihr gutes Recht. Ich arbeite nicht für eine linke Zeitung, sondern für eine bürgerliche. Das wäre ja noch schöner, wenn ich an den Interessen des Publikums vorbeischreiben würde, das tun schließlich schon genug andere Kollegen!

(Leipzig, am 24. März 2004, Podiumsdiskussion auf dem Symposium der Deutschen Literaturkonferenz zum Thema »Literaturkritik in der Krise?« Zitiert nach: Gunther Nickel: Kaufen! Statt lesen! Literaturkritik in der Krise? Göttingen: Wallstein 2005, S. 42 f.)


Der »stern« im Stadtbild –
Die 2. Große Oliver-Gehrs-Nacht

Leipzig, 27. November 2007, 22:40 | von Paco

Der berühmte »Blattschuss«-Vlogger Oliver Gehrs ist jetzt mal mit seinem kalten Auto von der A4 abgefahren und hat sich dank einer Einladung zum 11. Medienforum Mittweida eingefunden, um dort am 5. 11. 2007 einen Vortrag »Gegen den Themen-Mainstream« zu halten.

Die gesamte vorlesungsartige Rede ist bei Sevenload archiviert. Sie dauert ungefähr genau eineinhalb Stunden, und es wurde Zeit für eine weitere »Große Oliver-Gehrs-Nacht«, wieder im B-Kino im zweiten Stock und wieder mit dem Mädels-Fanblock (vorab: Gehrs trug wieder Siebentagebart oder, wie Rainald Goetz es etwas polemisierend beschreibt: »Dreitagebartgesicht, Fünftagebart, je nachdem«).

Eigentlich ging es um das DUMMY-Konzept, am Ende war es aber eine Show über, und da zitiere ich wieder R. G., geheimes Wissen im Journalismus.

Wir hatten uns zum Thema auch schon mal in der gebotenen Kürze geäußert, aber jetzt hat Oliver Gehrs etwas ausführlicher nachgezogen. Wir reißen das mal aus dem Zusammenhang heraus, was auch nicht anders geht, denn Gehrs selber hat sich dieser uralten Kulturtechnik bedient, wie er ja immer wieder vom Thema abschweift, was aber auch genau den Sehenswert des Vortrags ausmacht. Aber jetzt Gehrs:

»[…] Wo ich mich immer wundere: Wer liest den ›stern‹ überhaupt noch? Ich meine, das ist wirklich die größte Auflagenlüge der Pressegeschichte: Eine Million Auflage! Ich sehe den nie im Stadtbild. Der ›Spiegel‹ hat genauso viel Auflage, den siehst du aber ständig. Den ›stern‹ sehe ich außerhalb von Hamburg oder auf Sylt nie. In Wartezimmern, natürlich, aber irgendwas ist da nicht koscher. […] Er sieht doch auch beschissen aus, oder? Der sieht doch aus wie ein AOK-Heft.«

Das Ganze findet statt ab Minute 22:50 im Video. Und es ist nur eins der vielen bemerkenswerten Zitate aus der freien Gehrs-Rede und ich erwähne es nur, weil das sogar die Mädels interessanter fanden als den Siebentagebart.

Öffentliches Bashing gegen Medienmarken, egal ob es jetzt gedruckte oder geVLOGgte Publikationen sind oder Celebrities aus der Demimonde, haben ja deutlich zugenommen. Früher musste man Jahre suchen, um in egal welchem Feuilleton die Schreiber der Konkurrenz auch nur mit einer Silbe erwähnt zu finden.

Heute ist so etwas gang und gäbe. Und macht das Feuilleton auch eine Spur interessanter und zugänglicher. Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht, fragte Broder mal auf seiner alten Homepage.

Gegen Ende erwähnt Gehrs übrigens als Beispiel für die Statussymbole, die er nicht braucht, ein Auto mit funktionierender Heizung. Er nimmt dabei seine Start-Anekdote von der wegen defekter Autoheizung kalten Anfahrt wieder auf und reproduziert damit die feuilletonübliche Pointenstruktur. Also bitte bis zu Ende kucken, sonst zählt es nicht.


Der Sonntagstaucher:
Sonntags in den Feuilletons

Leipzig, 25. November 2007, 14:20 | von Paco

Seit dem überregionalen Start der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« Ende 2001 hat der Sonntagszeitungs-Markt an Qualität und Dynamik gewonnen. Weil es für ihn bisher noch keinen regelmäßigen Übersichtsdienst gibt, gehen medienlese.com (Ronnie Grob, Florian Steglich) und Der Umblätterer (Frank Fischer, Marc Reichwein) in einer einmaligen konzertierten Aktion mit gutem Beispiel voran. Das Ganze geschieht im Stil des Perlentauchers, den wir von hier aus herzlich grüßen. Wahrscheinlich muss nur noch die lange geplante »Süddeutsche am Sonntag« an den Start gehen, bevor der Perlentaucher auch am Sonntag nicht mehr um eine Feuilleton-Rundschau herumkommt. Wir freuen uns darauf.

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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.11.2007 (Florian)

»Mehr Kultur braucht kein Mensch«, stellt Nils Minkmar im Aufmacher des Feuilletons fest und hofft darauf, dass das gerade in Dresden gegründete World Culture Forum ein regionales Phänomen bleibe. Denn an Kultur in verschiedensten Formen und Verständnissen mangele es wirklich nicht in Deutschland. »Es ist ein Begriff, der keinen Widerspruch erregt und auch nicht duldet: Keine Form der Kultur wird auf die andere losgehen, er ist konfliktfrei und additiv. Wie Seifenblasen schweben die Kulturformen und Disziplinen nebeneinander, und es gibt immer bloß diese eine gültige Forderung: mehr. Mehr Straßenkultur, mehr freie Kultur, mehr Unternehmenskultur, mehr Medienkultur, und wenn es wider Erwarten doch mal laut und deutlich wird, brauchen wir mindestens eine veränderte Streitkultur.«

Weitere Artikel: Den müden, nein: schlafenden Ben Affleck interviewt Johanna Adorján, die wachere und rauchende Schauspielerin Katrin Wichmann porträtiert Eberhard Rathgeb, Niklas Maak besucht die neueste Stätte der Gentrifizierung, das New Museum in der Lower East Side von New York, und Karl-Peter Schwarz schreibt über den Nationalismus in Text und Auftreten des kroatischen Sängers Marko Perkovic. Medienredakteur Harald Staun nimmt sich der Turbulenzen beim »Spiegel« an und macht deutlich, dass das Auflage-Machen für den Nachfolger Stefan Austs die schwerste Aufgabe werden wird.

Besprochen werden Karin Beiers Shakespeare-Inszenierung »Maß für Maß« in Köln und Michael Thalheimers »werktreue« »Winterreise« am Deutschen Theater in Berlin, außerdem Martin Gypkens Judith-Hermann-Verfilmung »Nichts als Gespenster« – und fünf bei YouTube zu findende Videos, auf denen man Geistesgrößen wie Foucault oder Luhmann in Bewegung sehen kann; nicht selten ein »Kulturschock, (…) weil die Gedanken plötzlich ein Gesicht bekommen und die Autoren eine Gestalt, die stilistisch nicht immer mithalten kann mit der Eleganz ihrer Thesen.«

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Tagesspiegel, 25.11.2007 (Ronnie)

Kerstin Decker nimmt den Roman »Havemann« von Florian Havemann über seinen Vater, den DDR-Dissidenten Robert Havemann, zum Anlass, über das verklärte Bild der DDR-Dissidenten nachzudenken. Im Buch mache der Sohn des Oberdissidenten der DDR grosse Löcher in die Dissidentenaura seines Vaters Robert und in die des Vizedissidenten Wolf Biermann gleich mit. Vater Havemann habe antisemitische Briefe geschrieben und Biermann habe schon vorher gewusst, dass er rausfliegt aus der DDR, wenn er in Köln singt anno 1976. Nun sollen auch sie »teilgebückt und ungerecht« gewesen sein. Damit verbundene, aufkommende Irritation verbindet sie damit, dass das Wort Dissident klingt wie der Gute, Aufrechte, Gerechte. Sie stellt aber klar: »Diese Dissidenten waren Kommunisten und galten trotzdem als die Guten, gerade im Westen.« Gegen Ende macht sie aber doch noch Gerechte aus. Wolfgang Ullmann war einer. Und Friedrich Schorlemmer. Sie mahnt, dass Opposition kein Privileg der 68er sei und meint, es wäre »dumme Härte«, diesen Roman vom Tisch zu wischen. Auch wenn sie dem Autor vorwirft, sein radikal subjektiver Ton streife immer wieder das Prätentiöse, attestiert sie ihm viel reflexive Kraft, ja fast Weltweisheit.

Christiane Tewinkel war im Deutschen Theater und sah eine »Winterreise«, die mehr bietet als das Standbild Sänger-vor-Flügel, aber was genau dieses Mehr ist, kann nicht geklärt werden. Immerhin attestiert sie Michael Thalmeiers Inszenierung, Schuberts Zyklus nicht zu stören und schliesst mit der Vermutung, dieses Werk habe die elegant rattenfängerische Veranschaulichung einfach nicht nötig.

Christina Tilmann gratuliert Rosa von Praunheim zum 65. Geburtstag und illustriert den Text mit einem Archivbild des Künstlers. Untertitel: »Der Filmemacher, als er noch Holger hiess«. Rolf Strube feiert den 150. Todestag von Joseph Freiherr von Eichendorff, und »Du sollst begehren«, Gay Taleses epochales Werk über die sexuelle Revolution in den USA, wird besprochen.

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NZZ am Sonntag, 25.11.2007 (Marc)

Bänz Friedli berichtet im Aufmacher über den »Coup« des Zürcher Dada-Hauses, das ab 29. 11. Aquarelle des Schockrockers Marilyn Manson zeigt. Philip Meier, Direktor des Cabaret Voltaire, sieht »Manson durchaus als Nachfahren von Dada: ›Die Dadaisten waren, wie heute Manson, Grossmeister darin, Provokation als künstlerisches Stilmittel einzusetzen.‹ Für einen Manson bezahlt man zwischen 8000 und 45000 Dollar.«

Passend dazu schaut Gerhard Mack nach den Herbstrekorden auf dem internationalen Kunstmarkt gespannt nach Miami Beach. Zwar gebe es »Anzeichen für eine Korrektur« in der Kauflaune der Sammler, allerdings noch nicht zur Kunstmesse in Florida, wo die Geschäfte erfahrungsgemäß schon allein wegen der klimatischen Verhältnisse in »animierter Stimmung« verliefen: »Miami heißt für die Ostküste der USA eine Woche Sonne, während in Boston und New York bereits der Winter in die Sonne beisst.«

Manfred Papst unterhält sich mit dem Jazzmusiker Oliver Lake, der beim diesjährigen unerhört!-Festival in Zürich zu Gast ist. In der Glosse »Zugabe« macht sich Manfred Papst klar, »wie gegenwärtig Latein auch in unserer modernen Welt ist«. Besprochen werden David Mitchells »Der dreizehnte Monat«, der in einer restaurierten Version auf DVD erhältliche Heinrich Gretler alias »Wachtmeister Studer« und eine Biografie über die vor 50 Jahren verstorbene Bündner Autorin Tina Truog-Saluz. Über weitere Bücher sowie Filme, Ausstellungen und CDs informiert die Doppelseite »In Kürze«.

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SonntagsZeitung, 25.11.2007 (Marc)

Im Vorfeld der offiziellen Bekanntgabe der Nominierungen für den Schweizer Filmpreis 2008 nimmt Matthias Lerf die eidgenössische Filmszene ins Visier. Nur 5,8 Prozent Marktanteil hätten die einheimischen Produktionen in einem »enttäuschenden Schweizer Spielfilmjahr 2007« zu verzeichnen gehabt (2006 waren es, nicht zuletzt dank Bettina Oberlis Erfolgskomödie »Die Herbstzeitlosen«, noch 9,6 Prozent gewesen). »Auch 2008 kommen nicht sehr viele Schweizer Spielfilme in die Kinos, die aufs grosse Publikum zielen.« Nun ruhten viele Hoffnungen auf der Puppen-Animation »Max & Co«, dem mit knapp 30 Millionen Franken teuersten Schweizer Film aller Zeiten, der kommenden Februar in die Schweizer Kinos kommt. Insgesamt bleibe »2008 eher ein Übergangsjahr«, denn wichtige Projekte Schweizer Filmemacher seien nicht vor 2009 zu erwarten.

Außerdem: Agnes Baltsa, »vor Cecilia Bartoli die berühmteste Mezzosopranistin der Welt«, spricht im Interview über ihren Mentor Karajan und die Primadonnen-Vermarktung im Musikbetrieb. Helmut Ziegler war zu Gast bei Udo Jürgens, dessen 23 größte Hits am kommenden Sonntag Premiere als Musical »Ich war noch niemals in New York« im Hamburger Operettentheater haben. In der Kolumne »Short Cuts« macht sich Ewa Hess Gedanken über »das Phänomen der Miss November« in einem Bildband, der Playboy-Playmates aus über fünf Jahrzehnten Playboy versammelt.

In Kurzform besprochen werden Bücher, darunter Andrew Delbancos »mitreissende Biografie« über Moby-Dick-Erfinder Herman Melville. Ferner finden sich Kulturtipps zu aktuellen CDs, Filmen und Ausstellungen. Und im Multimedia-Teil informiert Ronnie Grob über die Herausforderungen für die Online-Angebote der klassischen Zeitungsverleger durch Google News.

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Welt am Sonntag, 25.11.2007 (Frank)

Im Aufmacher der Kultur-Seiten feiert David Deißner anlässlich des 150. Todestages den Realitätssinn von Joseph von Eichendorff (1788-1857). Er habe zwar als Lyriker des ständigen Aufbruchs (»Wem Gott will rechte Gunst erweisen, …«) das Flatterhaft-Romantische gestaltet, sei aber im richtigen Leben ein verlässlicher preußischer Staatsdiener und »ausgesprochener Familienmensch« gewesen. Damit stehe er gegen den Trend, nach dem Künstler »Freaks, Schwärmer, Langschläfer« zu sein haben.

Als Centerfold gibt es ein Michelangelo-Special, anlässlich des soeben erschienenen ziegelsteinartigen Bandes »Michelangelo. Das vollständige Werk«. Die Doppelseite in der WAMS besteht aus einem Viertel Text und drei Vierteln Abbildungen. Den größten Teil nimmt ein Auszug aus dem »Jüngsten Gericht« aus der Sixtinischen Kapelle ein. Passend dazu erzählt Manfred Schwarz im nebenstehenden Text, wie es zu den weitläufigen Übermalungen der unkeuschen Stellen kam: Dem Zeremonienmeister des Papstes hätten die vielen nackten Körper gestört. Der Künstler ließ ihn daraufhin im Wandgemälde auftreten, »mit schmerzverzerrten Gesicht, weil ihm gerade eine Viper die giftigen Zähne ins entblößte Geschlechtsteil bohrt«. Leider nicht in der WAMS steht die Episode von den ersten auf das Gemälde aufgebrachten Stofffetzen: Diese wurden von Daniele da Volterra ausgeführt, der daraufhin den Kosenamen »Höschenmaler« bekommen sollte.

Rüdiger Sturm führt ein Interview mit Schauspieler und Buddhist Richard Gere. Es geht um seinen neuen Film, die Thrillerkomödie »The Hunting Party«, in der Gere einen Kriegsreporter spielt, der den meistgesuchten bosnischen Kriegsverbrecher jagt. Angesprochen auf sein Image als Sexsymbol erwähnt Gere schönerweise Magrittes Bild »La trahison des images«, das zwischen Abbild und Originalgegenstand unterscheidet – dasselbe klagt er für sich ein.

Auf der Medienseite erklärt Marco Stahlhut den Erfolg der RTL-Dokusoap »Bauer sucht Frau« (»Hauptreiz ist der Zusammenstoß der Kulturen«). Besprochen werden das Erinnerungsbuch »Prag, Poste Restante« des Heinrich-Mann-Enkels Jindrich Mann (»ein eigenartiges und schönes Buch«) und Kylie Minogues Comeback-Album »X« (»kann die hohen Erwartungen leider nicht erfüllen«).

Auch die Beilage »Klassik am Sonntag« wird dann qua Editorial von Friedrich Pohl unter den Stern der Romantik gestellt. In einem doppelseitigen Interview widerspricht dann Daniel Barenboim den Epochenbezeichnungen der Musikwissenschaft: »Jede Musik ist sowohl romantisch als auch klassisch. Auch Bach.« Außerdem gibt es anlässlich einer Neuerscheinung eine reich bebilderte Übersicht über Bayreuther »Ring«-Inszenierungen sowie ein Porträt des vor 150 Jahren gestorbenen Edvard Grieg.

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Bild am Sonntag, 25.11.2007 (Frank)

Kritiken kürzer als ein Klappentext gibt es wie immer in der Bücher-Rubrik »Schon gelesen?«. Der früher als »Deutschlands beliebtester Buchkritiker« bekannte Alex Dengler bespricht in seiner Spalte sechs Bücher und verteilt dabei vier Pfeile nach oben und zwei nach unten. Begeistert war er etwa von Alex Davies‘ bei Diogenes erschienener Komödie »Froschkönig«: »Dieses Buch ist wie das Treffen mit einem guten Freund.« Was auch immer das jetzt heißen mag.

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»Ganzkörperliteraturkritik«

Konstanz, 24. November 2007, 06:40 | von Marcuccio

Noch eine Abfallmeldung für alle: Da brachte das jahresendzeitliche Ausmisten alter »Park Avenues« (2005 ahnte man ja noch nichts von »Vanity Fair«) doch tatsächlich noch zutage, wie Willi Winkler aussieht: Es war die »PA«-Nullnummer vom Juli 2005, die auf S. 32 exakt dieses Foto abdruckte.

Das war natürlich nicht die einzige optische Erscheinung dieser Tage. Denn wenn zum Thema ›Autorenfoto‹ im weitesten Sinne auch die Sparte ›bewegtes Bild‹ gehören darf, dann war 2007 auch deshalb ein Jahr des Autorenfotos, weil es, dank WatchBerlin, erstes offizielles Watch-your-Feuilleton-Jahr wurde und gleich eine ganze Reihe von Leuten auf den PC-Schirm brachte, die man sich im GEZ-Fernsehen nur wünschen kann.

Volker Weidermanns Sendung »Book.Book« steht vielleicht exemplarisch für eine vlogmäßige Verlebendigung der Szene, an die noch vor einem Jahr kaum zu denken war. Ausgerechnet Weidermann, dem die FR mal das Schmäh-Label »Ganzkörperliteraturkritik« anheftete, macht jetzt unter demselben Motto ein richtig gutes Programm: Er läuft und sitzt und trifft, er begutachtet und besucht – und bietet das beste Feuilleton in bewegten Bildern seit Denis Schecks Rolltreppen-Performance der frühen »Druckfrisch«-Jahre.


Kaffeehaus des Monats (Teil 17)

sine loco, 23. November 2007, 23:45 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Sankt Oberholz, Berlin

Berlin
Das Sankt Oberholz am Rosenthaler Platz.

(»Wann nehmt ihr entlich dass Sant Oberholz mit in euRe liste auf?«
–– E-Mail von Christoph N., Berlin-Marzahn)


Die FAS und ihr Wirtschafts-Feuilleton

London, 23. November 2007, 07:20 | von Dique

Zur Ausgabe der FA-Sonntagszeitung vom 18. 11. 2007

Manchmal ist der Wirtschafts-Teil das bessere Feuilleton. Großartiger doppelseitiger Artikel von Gerald Braunberger über Werner Sombart, »Ode an den Dämon«. Sombart wird wohl wieder ausgegraben, und ich will mich hier nicht aufmandeln, kenne die Materie nicht, aber in dem Artikel kommt er als wunderbar semi-exzentrischer Kauz daher, der in seiner privaten Bibliothek immerhin 35.000 Bände anhäufte.

Das Buch von Klaus Walther fällt mir da ein, »Bücher sammeln«, aus der dtv-Reihe »Kleine Philosophie der Passionen«, ein bunter Blumenstrauß an Kapiteln rund ums Büchersammeln. Dazu passt auch eines der FAS-Fotos, auf dem Sombart mit Spitzbart vor einem Regal sitzt und schmökert.

Und noch ein schönes Porträt findet sich in dieser Ausgabe, im Politik-Teil allerdings, Abteilung »Zur Zeit«, über den Umzugsunternehmer Zapf, der mit genschergelben Hosenträgern ZZ-Top-mäßig aus dem großen Bild grinst, und dann noch eines über Roland Berger, wieder im Wirtschafts-Teil, von Rainer Hank.

Berger hat Unternehmensberatung nach Deutschland gebracht, so wie einst Elisabeth Noelle-Neumann die Meinungsforschung, aber eben ein paar Jahre früher, die Noelle-Neumann, oder ›die Noelle‹, wie sie der Fachkreis nennt. Am Institut nannten wir sie immer Noelle-Luhmann, weil einer unserer studentischen Helfershelfer mal diesen Versprecher begangen hat.

Wie auch immer, zurück zu Zapf: Er gibt die kuhle Berliner Pflanze, die mit Umzügen ein Vermögen anhäufte und auch gern aus Langeweile an der Börse zockt und von sich selbst sagt: »Ich bin kein Kleinaktionär, ich bin eine Streuschrecke«, hehe.

Ein Feuerwerk der Porträts war das diesen Sonntag, Wirtschafts-Feuilleton, wie es nur die FAS kann. Abgerundet wird das Ganze durch ein Porträt der Bestseller-Kinderbuchautorin Cornelia Funke, sie wird auf der Rückseite des Wirtschafts-Teils vorgestellt, der typischen Porträtseite. Literatur als Wirtschaftsfaktor ist das Stichwort. Es gibt auch ein Foto von C. F., mit MacBook vor und Bücherregal hinter ihr. Im Gegensatz zu Sombart hat sie aber ein paar offensichtliche Lücken in ihren Buchreihen.

Und im Feuilleton selbst? Biller ist natürlich wieder sehr gut, Johanna Adorján beschwert sich über die miesen Vorstellungen von »Schmidt & Pocher« (das macht auch Thomas Tuma im aktuellen »Spiegel«), und dann gibt es endlich mal einen guten Artikel über Stefan Aust und die Entlassung, von Claudius Seidl, mit der ganz hervorragenden Überschrift »Psst: Wollen Sie Chefredakteur werden?« – besser kann man das Dilemma der momentanen Führungslosigkeit des »Spiegels« nicht thematisieren.

Oliver Gehrs hat ja selbstverständlicherweise auch kein gutes Haar an seinem Buchgegenstand Aust gelassen und hat ihm nach Dauerbeschuss in der taz und im n-tv-Interview auch noch einen ganzen watchberlin-Blattschuss gewidmet. Als Gegenmeinung hat Rainald Goetz in seinem »Klage«-Blog ein paar versöhnliche Worte über Stefan Aust geschrieben und das zu Recht, wie wir Umblätterer meinen.


England—Kroatien im Wembley-Stadion

London, 22. November 2007, 16:14 | von Dique

Ich war live dabei gestern Abend, 21. 11. 2007. Zwei Karten für die Executive Lounge im neuen Wembley-Stadion, 90.000 Zuschauer wurden erwartet.

Wie Fußball fühlt sich nur die Hinfahrt an, denn hier kommen wir dem berüchtigten und gefürchteten Mob nahe. Fußball-Shirts, kroatische und englische, Schweißgeruch, auch kroatischer und englischer, Alkoholfahnen und plötzlich anschwellende Sprechchöre.

Das Stadion dann völlig anders. Auf dem Weg in den Executive-Teil wird es immer unfußballiger, kaum noch Fußball-Shirts, geschweige denn Fahnen oder Schals, alles eher wie auf einer Messe oder auf dem Flughafen.

Noch eine Etage höher und vor uns tut sich die Seafood und Champagner Bar auf. Alle paar Meter gibt es sanitäre Anlagen und alles ist total zivilisiert. Überall kann man essen und trinken, rumsitzen und stehen. Kaum Frauen. Wir essen irgendwo ein gar nicht schlechtes Thai Green Curry, na ja, aus der Assiette, aber wir sind ja schließlich beim Fußball hier oder ›Footie‹, wie der Engländer gern sagt.

An unserem Tisch Klaus Bednarz, ja, der Klaus Bednarz. Mit seinem strengen, seriösen Monitorblick geht er die kostenlose Stadtzeitung thelondonpaper durch und nascht dabei Rippchen und trinkt Cola Light. Würde Bednarz nicht eher große Schlachtschiffe à la Telegraph, Times und Guardian wälzen statt des Billigpapers? Ist vielleicht doch nicht Bednarz.

Dann zum Spiel oder quasi ins eigentliche Stadion. Man geht durch die Glastür nach draußen auf seinen Platz, recht gut gepolsterte Klappsitze. Zwischen den ganzen »Executives« gibt es vereinzelt richtige Fans oder solche, bei denen das ehemalige Fantum der Pre-Executive-Zeit wieder hervorbricht.

Dann springen sie auf, sehen sich auf den Rängen um und brüllen »Come on, England!« oder versuchen, die abgearbeiteten Bürohengste dafür zu gewinnen, in Sprechchöre und Gesänge einzustimmen, allerdings mit wenig Erfolg. Das kann aber am Ergebnis liegen, wir sind kaum über die 14. Minute hinaus und da hatte der leider sehr schlechte Torhüter der Engländer schon zweimal das Leder durch die Lappen gelassen.

Zum Spiel selber will ich lieber nichts sagen, da fragen Sie lieber Klaus Bednarz oder den Typen, der dessen Style so sicher imitiert.


Das Autorenfoto-Pingpong

Konstanz, 21. November 2007, 21:02 | von Marcuccio

Es ist Palmas Artikel des Jahres: ein Beitrag, der das Autorenfotojahr 2007 ihrer Meinung nach überhaupt erst einläutete, ein Gespräch aus der guten, alten »Zeit« (Nr. 4/2007), das im Neujahrskater des noch frischen Feuilletonjahres 2007 leicht übersehen worden sein könnte.

Da trafen sich mit Ursula März und Claudia Schmölders (»Hitlers Gesicht«) zwei ausgewiesene Feuilletonfrauen, breiteten stapelweise Verlagskataloge vor sich aus und unterhielten sich einfach mal über Autorenfotos, zum Beispiel über Peter Handke (hier Suhrkamp-PDF öffnen und auf S. 3 das Foto checken):

»Er ist im Profil zu sehen, ganz wichtig. Das ist schon georgemäßig.«

»Aber es gibt doch Dutzende Schriftsteller, die im Profil fotografiert wurden.«

»Ja, aber George wollte aussehen wie Dante. Die frühe Ikonografie von Fürsten war eine Profilikonografie […].«

Fast schon ein Autorenfoto-Pingpong, wie das auf Augenhöhe hin und her ging. Der Witz der ganzen Sache war, dass die Damen März und Schmölders in Wahrheit eine Art »Was bin ich?« mit Autorenfotos spielten:

»Auf welchem Bahnhof kommen wir denn mit diesem Foto an?« 

»Außerordentlich attraktiv, jung, leicht geöffneter Mund, mit Rückenlicht fotografiert, so dass die langen Haare besser zur Geltung kommt [sic!]. Undefinierbar zwischen Film und public life. […] Auf alle Fälle […] ein absoluter Ausweis des visuellen Zeitalters. Die Botschaft dieses Fotos lautet: Komm in meine Lesung. Lern mich leibhaftig kennen. Und das ist für die Literatur schon ein problematischer Aspekt. […] Die Botschaft des Bildes ist rein biologisch und kosmetisch. Das hat mit Text gar nichts zu tun.«

»… aber eben ganz viel mit Paratext«, flötet mir Palma, fast schon erregt, ins Ohr. Indes sinniere ich noch, wo & wann ich Marisha Pessl eigentlich zum ersten Mal ›begegnet‹ bin. Ich glaube, es war irgendwann im Frühling in der FAS: der wunderbare (wieder mal ein wunderbarer) Artikel von Johanna Adorján, der einerseits total auf Homestory machte und andererseits vermittelte, dass die literarische und visuelle Makellosigkeit dieser jungen Autorin der Gattung »American Streber« (Georg Diez) irgendwo auch ein Gefängnis sein muss.

Doch zurück zum »Zeit«-Gespräch, das eigentlich ein Wahnsinn war: Zum ersten Mal im deutschen Feuilleton (sagt Palma) wurde ein literarischer Bücherfrühling ausschließlich anhand der Optik seiner Autorinnen und Autoren besprochen. 

Und Palma hat Recht:

Ein solches Unterfangen, angesiedelt irgendwo zwischen Lavater und »Bunte«-Stylecheck, gehört hier schon allein deshalb nominiert, weil es ganz unmerklich eine Schallmauer durchbrach. Wo die Kritik heutzutage Debütantinnen fast schon prophylaktisch auf Fräuleinwunder-Fakes testet und auch so manches Debüt der männlichen Kollegen als Mogelpackung entlarvt, war ein klärendes Gespräch halt einfach mal überfällig. Hier wurde, als Plauderthema getarnt, ein Phänomen besprochen, ein latentes Dauerthema der letzten und nächsten Jahre, für das man noch gar keinen richtigen Namen hat.

Jedenfalls ist sich Palma ziemlich sicher: Für irgendjemanden da draußen war es bestimmt auch eine echte Steilvorlage, aus der früher oder später endlich das noch immer nicht geschriebene Standardwerk über das Autorenfoto enstehen kann. Palma wörtlich: »Mehr Zuspiel kann und mag man vom Feuilleton doch gar nicht erwarten.«


Das Jahr des Autorenfotos 2007

Konstanz, 20. November 2007, 18:58 | von Marcuccio

… geht mit Riesenschritten zu Ende und Palma meinte, wir müssen hier doch noch mal sagen, warum 2007 überhaupt ein Jahr des Autorenfotos ist:

Doch etwa nicht, weil Isolde Ohlbaum am 24. Oktober 60 wurde? Wir erinnern uns: Das ist die diensthabende deutsche Autorenporträt-Fotografin, die man allein schon deshalb kennen muss, weil ihre Arbeit für den deutschen Literaturbetrieb wohl niemals wieder so gewürdigt werden kann wie durch unseren Autorenfoto-Alleskönner Christian Kracht:

»Ich stelle meinem Verlag grundsätzlich nur Urlaubsfotos zur Verfügung. da sieht man gut aus, ist schlank, braun gebrannt. Und das kann Isolde Ohlbaum nicht leisten, wenn sie Schriftsteller mit Füllfederhalter im Mund vor dem Bücherregal fotografiert.«

Wir lasen es seinerzeit in der »Zeit« und rahmten es sofort fürs Umblätterer-All-Time-Archiv.

Ansonsten war 2007 vor allem deshalb ein Jahr des Autorenfotos, weil sich das Feuilleton seit langem überhaupt mal wieder auf ein Sujet besann, das für Palma »immer noch viel zu wenig auf der Tagesordnung der Kritik« ist. Es war die wunderbare »Suada« in der Buchmessen-FAS (S. 43), die daran erinnerte, dass

»[…] Schriftsteller Bücher schreiben und nicht als Fotomodell arbeiten; und es ist, mit der Rezeptionstheorie gesprochen, leider das Problem im Auge des Betrachters, dass immer mehr Verlage das andersrum sehen: kleines Buch, großer Kopf. Alleine die Programmhinweise aus dem geschätzten Hanser-Verlag sehen inzwischen erschreckender aus als Lavaters physiognomische Verbrechersammlung

Und weil es Volker Weidermann, dem mutmaßlichen Verfasser dieser Suada, ernst war, legte er etwas weiter hinten (S. 56) gleich noch »ein paar Worte zu den Autoren« bzw. den »Autorengesichtern« nach:

»Immer mehr Verlage werben mit immer größeren Fotos von Schriftstellern, die aussehen, als hätten sie keine Ahnung gehabt, dass an diesem Tag der Fotograf vorbeischauen würde. Erstaunte Gesichter mit abstehenden Haaren. Hände, die eben noch nach Kinn tasten, – ist es noch da? –, wie schön, dann kann ich mich ja daran festhalten. Das ist nicht gut.«

Bestimmt nicht, denn das wäre ja wieder ganz der Füllfederhalter vor dem Bücherregal (s. o.). Deshalb schnell weiter mit Weidermann:

»Für manche Bücher, die meisten, ehrlich gesagt, wäre es besser, man wüsste nicht, wie die Autoren aussehen. Für Autorinnen gilt das natürlich im gleichen Maße.«

Namen nannte Weidermann hier wohlweislich keine. Palma, klar, wüsste jetzt natürlich ganz viele. Erst mal aber findet sie: »Diese Suada, das war die astreine Paratext-Kritik

Und die sei bei dem ganzen Pimp-my-Book-Bohei der Autorenfotos dringlicher denn je. Deswegen will Palma ja auch unbedingt noch ihr »Autorenfoto-Pingpong« in mein Consortium einschleusen. Sie sagt übrigens wirklich immer »dein« Feuilleton-Consortium. Autorenfoto-Pingpong? Ich bin ja mal gespannt.