Regionalzeitung (Teil 29)

Hamburg, 29. Mai 2010, 19:48 | von Paco

 
  141.   eingefahrene Denkmuster zu verlassen

  142.   ging es hoch her

  143.   rührt schon kräftig die Werbetrommel

  144.   ist leider die große Ausnahme

  145.   wetteiferten um die Gunst des Publikums
 

Post von Dürer

Leipzig, 27. Mai 2010, 22:55 | von Paco

In den ersten Augusttagen des Jahres 1871 erhielt der Wiener Kunsthistoriker Moriz Thausing Post von Albrecht Dürer. Das Kuvert zeigte ein Originalsiegel und war tatsächlich in Nürnberg abgestempelt worden. Dürers Handschrift war klar zu erkennen, ebenso dessen feines Frühneuhochdeutsch.

Thausing war entzückt und glaubte zunächst, ein Freund habe ihm ein neu entdecktes Dürer-Manuskript zukommen lassen. Doch, oh Wunder, Dürer war zwar vor über 350 Jahren gestorben, sein Brief war aber an Thausing höchstpersönlich gerichtet:

Imitat der Dürer-Handschrift, Scherzbrief von Albert von Zahn an Moriz Thausing (1871)

DEM Fürsichtigen
hochachtparn vnd erbern
Hern Morizen Thawsingh

zw Wienn
im Osterreich

inn des Ertzhertzog
Albrecht palast
awff der pastey.


Und so las es sich weiter. Dürer dankt Thausing lang und breit noch mal persönlich dafür, dass er mit zur Entlarvung einiger Dürer-Fälschungen beigetragen hat. Um 1871 hatte nämlich ein Streit um »linkshin gewandte Profilköpfe« seinen Höhepunkt erreicht, die man zunächst Dürer zugeschrieben hatte, die sich aber später, auch dank Thausing, als Fälschungen erwiesen. Dürer schreibt daher weiter:

Imitat der Dürer-Handschrift, Scherzbrief von Albert von Zahn an Moriz Thausing (1871)


Vnd sunderlich danck ich euch, dz ir allso klerlich antzeygung getan habt der awssgeschnitten köpfflin halben, dz ich dy nicht hab contterfett noch abgerissen.


Nach der Lektüre legte Thausing den Brief aus der Hand und grübelte ohne Unterlass: »Wer konnte sich diesen Scherz erlauben?« Er fragte kurz darauf in Nürnberg selbst nach, keiner wusste etwas. Erst einen Monat später, während der berüchtigten Holbeintagung in Dresden Anfang September 1871, fragte ihn ein Kollege beiläufig, ob er Dürer schon geantwortet habe. Bei dem Fragesteller handelte es sich um Albert von Zahn. Thausing berichtet weiter:

»Und nun beichtete er [Zahn] mit Behagen auf mein Verhör, wie er den Brief durch einen Nürnberger Vetter befördert, wie er den Verschluss desselben von dem damals in Dresden ausgestellten Bildnisse des Gisze von Holbein aus der Berliner Galerie abgeguckt und die Schrift aus dem Dürercodex der Dresdener Bibliothek erlernt habe; und er zeigte mir in seinem Notizbuche die eingehenden Vorstudien, durch welche er sich den Ductus von Dürer’s Hand in den zwanziger Jahren ganz regelrecht zu eigen gemacht hatte. Ungeheure Heiterkeit der befreundeten Tischgenossen lohnte dem seltenen Meister.«

Thausing erinnert sich daran im Juli 1873, als er schon den Nachruf auf seinen lustigen Kollegen schreiben muss, der gerade im Alter von 37 Jahren gestorben war. Dieser Nachruf ist zusammen mit einem Faksi­mile des gefakten Dürerbriefes in der letzten Nummer der »Jahrbücher für Kunstwissenschaft« abgedruckt, die von Zahn begründet worden waren und mit seinem Tod eingestellt wurden.

Was auf jeden Fall bleiben wird, ist die beiläufige Frage: »Ähm, haben Sie eigentlich Dürer schon geantwortet?«


(Bildquelle: Wikimedia Commons – Seite 1, Seite 2)

Lost: 6. Staffel, 17. und 18. Folge

Leipzig, 26. Mai 2010, 18:53 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The End (1+2)«
Episode Number: 6.17/6.18 (#119+#120)
First Aired: May 23, 2010 (Sunday)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Ein steinerner Riesenkorken wird gehoben. Eine Insel rüttelt und schüttelt sich. Ein Mann in Schwarz wird wieder menschlich. Ein Flugzeug wird repariert. Das Neue Testament wird plagiiert. Und die unabgestürzte L.A.-Welt entpuppt sich als Fegefeuer für Arme. »Lost« ist vorbei und gewinnt den Sonderpreis für esotherische Serienfinals.

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Frühstücksrituale

Konstanz, 24. Mai 2010, 22:29 | von Marcuccio

»Darf man als Frau verlangen, die Tageszeitung beim Frühstück vor dem männlichen Partner zu lesen?« Das fragt allen Ernstes neulich eine Leserin in der »Weltwoche« (Nr. 18/2010). Und Kurt W. Zimmermann geht für seine Antwort den historisch-diplomatischen Weg:

»Aus Männersicht ist schon mal positiv, dass frau die Frage überhaupt stellt. Hier schwingt das kollektive historische Bewusstsein nach, dass Zeitungslesen bis Ende des 19. Jahr­hunderts Männersache war.« (Der Zeitungsphilister grüßt!)

Witzig anachronistisch an dem Frage-Antwort-Spiel ist, dass erst gar keiner der Beteiligten erwähnt, dass moderne Zeitungen heute in der Regel aus mehreren, ressortspezifischen Lagen bestehen – »Büchern«, die man durchaus gleichzeitig lesen und sich also auch teilen kann. Man kennt das ja aus den Rama-Frühstücksfamilien: Vater Politik, Sohn Sport, Tochter Lokales, Mutter Kultur. Oder so ähnlich.

Bei der »Frankfurter Rundschau« geht das natürlich nicht, da gibt es diese getrennten Lagen nicht mehr, seit sie vor jetzt genau 3 Jahren auf Tabloid-Format umgestellt wurde. Die FR kann man also nur noch so zum Lesen teilen, wie sich Paco und Millek mal brüderlich den »Spiegel« geteilt haben, ritsch-ratsch, und das ist ja nicht das Schlechteste.

Massakerminiaturen (4)

Berlin, 23. Mai 2010, 21:24 | von John Roxton

Es ließ sich später nicht mehr feststellen, wie die Granate ins Feuer geraten konnte. Der rotglühende Ofen war explodiert wie ein kaputter Dampftopf und entfaltete in dem kleinen Schankraum die Wirkung eines Kartätschenvolltreffers. Aus den aufgelesenen Körperteilen und der hastig vorgenommenen Zuordnung der gefundenen Habseligkeiten wurde die Zahl der Toten im offiziellen Bericht mit sechs angegeben. Trotz der schützenden Theke waren der Wirt und seine Tochter von der Wucht der Explosion zerrissen worden. Drei Soldaten des Jäger­bataillons konnten anhand der Uniformstücke und der verbogenen Zinnkrüge mit dem Signet ihrer Einheit identifiziert werden. Auf einen vierten Mitspieler des Würfelspiels ließ sich nur durch die Aufzeichnung der Spielstände auf einem Bierfilz schließen. Der einzige Überlebende, ein politischer Geschäftsführer des Straßenbahnkonzerns, konnte wegen eines handtellergroßen Lochs im Gesicht bis zum Rückflug der Untersuchungskommission nicht vernommen werden.

*

Jedes Jahr am 23. Mai:

John Roxton: »Massakerminiaturen«

#1 (2007)#2 (2008)#3 (2009)#4 (2010) – #5 (2011)
#6 (2012)#7 (2013)#8 (2014)#9 (2015)#10 (2021)

Ein Brief von Umar Vadillo Goicoechea

Hamburg, 22. Mai 2010, 11:05 | von Dique

Morgen wird es hier im Umblätterer wieder eine Massakerminiatur von John Roxton geben, wie jedes Jahr am 23. Mai. Vor ein paar Tagen traf ich John auf ein Stück Butterkuchen in der Konditorei Stenzel, und wir sprachen kurz über die Tradition der Massakerminiatur in der Literatur allgemein und in der Blogosphäre im Speziellen.

Später kamen wir, wahrscheinlich abgekoppelt von diesem Thema, auf Ernst Jünger zu sprechen. Das ging dann vielleicht fünf Minuten so dahin, bis wir aufstanden und gehen wollten, als uns ein allein sitzender junger Mann vom Nebentisch aus ansprach und provokant fragte, was denn mit »dem Arbeiter« sei! Kein »Entschuldigense bitte«, kein »Darf ich mich kurz vorstellen?«, einfach nur: »Ähm, was ist denn mit ›dem Arbeiter‹!«

In retrospect finde ich diesen Anschluss suchenden Fragensteller eigentlich ziemlich superst, auch weil ich gerade den 5. Band von »Siebzig verweht« lese und auf die folgende Stelle stieß. Am 2. Februar 1991, der Golfkrieg ist im Gang, erhält Ernst Jünger einen Leserbrief von Umar Vadillo Goicoechea, in dem ihn der Schreiber seinen moslemischen Bruder heißt. Dann geht es u. a. darum:

»Das Lesen Ihres Buches ›Der Arbeiter‹ in Spanisch hat mich überwältigt. Sie haben den Mythos des ökonomischen Menschen zerbrochen, ein selbst verfasstes Gefängnis, das durch den fortlaufenden Lebensprozess verdeckt wird.«

Es sind tatsächlich einige kulturgeschichtliche Eckdaten, die man einbedenken muss, um sich ein Bild davon machen zu können, was es heißt, dass a) ein spanischer Konvertit b) dieses Buch c) in der spanischen Übersetzung d) im Jahr 1991 liest und sich dann e) auch dazu bemüßigt fühlt, dem Autor knapp 60 Jahre nach Erscheinen des Bandes noch eine Nachricht zukommen zu lassen.

Noch spannender fand ich aber einen Eintrag weiter vorn. Jünger schreibt ja sehr viel über seine Träume, und manchmal fühlt man sich beim Lesen wie Freud nach einer interessanten bis weirden Sitzung oder wie Hitchcock, als er zum ersten Mal Dalís Bauten für die Traumsequenz in »Spellbound« zu Gesicht bekommen hat.

Jedenfalls beschreibt Jünger in einem dieser Träume ein Techtelmechtel mit einer jungen Dame in einem »verwohnten Berliner Hause, einer meiner Absteigen«. Nun steigt er die Treppen bis zum Dachgeschoss in Begleitung eben dieser Dame hinauf, »einer jungen, korrekt gekleideten Lehrerin, Potsdamer Stil«. Die beiden Turteltauben schauen dann durch ein Fenster, »in dem Buchhalter auf Büromaschinen den Hohenfriedberger hämmerten«.

Wenn ich bedenke, dass man ja zum Beispiel auch von John Roxtons Massakerminiaturen träumen könnte, zöge ich es ebenfalls vor, auf dem Höhepunkt der REM-Phase aus einem Schreibmaschinengewitter heraus den Hohenfriedberger zu erkennen.

Lost: 6. Staffel, 16. Folge

Leipzig, 21. Mai 2010, 18:42 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »What They Died For«
Episode Number: 6.16 (#118)
First Aired: May 18, 2010 (Tuesday)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Ok, der letzte »Lost«-Dienstag war das, jetzt fehlt nur noch die finale Doppelfolge am Sonntag, und dann! – In dieser 16. Folge versammelt Desmond in der Nicht-Absturz-Welt die unabgestürzten Varianten der Lostianer. Auf der Insel herrscht wieder heiteres Klingenspringen. Und Jack berät seine berufliche Zukunft mit Jacob.

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Nachruf auf die »Datenautobahn«

Konstanz, 20. Mai 2010, 21:05 | von Marcuccio

Der Tod der Datenautobahn, das sehe ich erst jetzt, wo ich nochmal über den Rezensionsfriedhof einer Alt-FAZ gehe, wurde am 14. April auf der Rückseite des Jauer’schen Blogger-Dossiers annonciert. Viele Umblätterer waren an dem Tag eh verwirrt, weil die Rezensionsseite der FAZ (sonst Seite 2) erst Feuilletonseite 4 war, und so konnte man den Artikel mit der Überschrift »Wellenreiten auf den Lehrplan!« schon mal übersehen.

Oliver Jungen bespricht darin die »Metapher Internet«, also das gleichnamige Buch von Matthias Bickenbach und Harun Maye. Und er spricht sehr schön von den »Katachresen« unserer Digitalkultur, also Begriffen wie »Surfen«, »Navigation« oder »Netz«, die gar nicht mehr als Metaphern wahrgenommen werden:

»Erstaunlich ist, wie resolut die Auffassung des Internet der bereits in der Antike geprägten Verbindung von Wassermetaphorik und Informationsverarbeitung folgt. Schon die Kybernetik greift ja in ihrem Namen den Steuermann auf, und auch sonst hat sich das Begriffsfeld des ›Datenmeeres‹ und der ›Informationsflut‹ weitgehend durchgesetzt. Dagegen scheiterte der in den neunziger Jahren kurzzeitig populäre Begriff der ›Datenautobahn‹: Die darin enthaltene Zielorientierung scheint dem totalen Möglichkeitsraum Internet nicht angemessen, auch wenn sie über das Fließen des Verkehrs immer noch an das Bildfeld des Liquiden anschließbar ist.«

Genau mit solchen kleinen Nebenauskünften macht Feuilleton im Grunde immer den größten Spaß. Und es stimmt wirklich: Ein kurzer Klick zum Beispiel ins »Spiegel«-Archiv zeigt die Frequenz, mit der das Schlagwort »Datenautobahn(en)« in den einzelnen Jahrgängen vorkam:

Vorkommen der Datenautobahn(en) im SPIEGEL, 1991–2010

1995 der absolute Peak, um 2000 noch mal ein kleines Comeback, dann nach dem Platzen der Dotcom-Blase praktisch over and out. Erstgebrauch des Wortes war übrigens 1993 in einem »Spiegel«-Gespräch mit Bill Gates. Überschrift: »Wir bauen die Datenautobahn«.


Diagramm erstellt mit Create A Graph.
Datenerhebung über http://www.spiegel.de/suche/.

Regionalzeitung (Teil 28)

Leipzig, 18. Mai 2010, 07:30 | von Paco

 
  136.   an der Strippe

  137.   hat sich komplett neu erfunden

  138.   bewiesen, dass sie auch feiern können

  139.   äußerte sich zu diesem Phänomen

  140.   gab es tolle Preise zu gewinnen
 

»Der menschgewordene Vatertag«

Konstanz, 16. Mai 2010, 20:36 | von Marcuccio

FAS, Medienseite

In der FAS von heute: Schöne Replik auf Claudius Seidls Reportage-Polemik vom vergangenen Sonntag. Stephan Lebert meldet sich zu Wort, und man mag sich gut ausmalen, dass das zunächst ein journalistisch formulierter Brief war, den »der strenge Feuilletonchef dieser Zeitung« (Lebert über Seidl) dann nur zu gern zum offenen Brief, sprich Gastartikel gemacht hat. Wen wundert’s, packt Lebert Seidls Schmähartikel doch bei der noblen FAS-Ehre:

»Diese schlechte Laune passt so gar nicht zu dem hochgeschätzten F.A.S.-Feuilleton, wenn beispielsweise über Buch-, Theater- oder Filmpreise berichtet wird. Deshalb erlauben wir uns kurz die sicher durch und durch unsachliche Frage, ob da vielleicht ein bisschen das Til-Schweiger-Syndrom vorliegt: Man gewinnt selber nie was – und ist beleidigt?«

Eine Nebendiagnose von Leberts Verteidigung der Reportage ist »die wiedererstarkte Seite drei der ›Süddeutschen Zeitung‹«, deren Outstandingness wir ja letzthin auch im Best of Feuilleton der Jahre 2007 (auf #1) und 2009 (auf #8) gefeiert haben.

Ansonsten ist die versöhnliche Quintessenz des Artikels die, dass sich Feuilletonist (am Schreibtisch) und Reporter (draußen) am Ende doch näher sind als die Herren Seidl und Lebert zunächst vorgeben: »Forget the facts, push the story, lass weg, was die Geschichte stört. Nicht nur die ganz harten Reporter wussten das immer schon.«

In diesem Sinne unterwegs war wohl auch Stuckrad-Barre für die WamS, und zwar beim »vatertagigsten Vatertagsfest Brandenburgs«. Er erzählt eine Geschichte gescheiterter Integration, bestellt beim Bierausschank »Ein Wasser, bitte!« (»Ein was?«) und vergisst auch diese kleine, aber feine Einheit Varietätenlinguistik nicht: »›Vatertag‹, ostdeutsch ›Herrentag‹«. Schließlich besteigt er ein herrliches Örtchen namens „ToiToi-Anhöhe“ und fährt integrationsunwillig wieder heim, wo ihm in der Glotze Waldemar Hartmann begegnet: »der menschgewordene Vatertag«.

Passend zu dieser Alteritäts-Reportage müssen wir vielleicht wirklich noch aus Adornos »Herrenlaunen« zitieren:

»Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit, sei’s der eigenen, sei’s der anderer, gebührt Mißtrauen. Er drückt (…) die stillschweigende Verschworenheit aller Männer miteinander aus. Früher nannte man das ängstlich bewundernd Herrenlaunen, heute ist es demokratisiert und wird von Filmhelden noch den letzten Bankangestellten vorgemacht.«

Schuld am Herrentag ist im Zweifel also wieder mal: die Kulturindustrie.