The Tudors (4. und letzte Staffel, Showtime)

Paris, 14. Oktober 2010, 07:12 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

»How misfortunate I am to have had so many ill-conditioned wives!« (Folge 5)

Die Handlung der Schluss-Staffel setzt im heißen Sommer 1540 ein, und King Henry darf gleich so beiläufig wie möglich die Exekution einiger Tower-Gefangenen befehlen, um sich im selben Atemzug über die fürchterliche Hitze zu beschweren, »will it ever rain?«

Dann präsentiert Henry der Welt seine Neufrau Catherine Howard und lobt öffentlich ihre Tugend. Die ständig kichernde Howard ist aber so frivol wie naiv, schon am Ende von Folge 2 (Vollmondnacht!) ist die prototypische dumme Gans ihrem Verehrer Culpeper verfallen. Ein Brief an ihn (der alte Effi-Briest-Fehler) wird sie letztendlich auch überführen, woraufhin sie, auch einer weiteren, vorehelichen Affäre wegen, festgesetzt wird. Ihr werden noch die aufgespießten Köpfe ihrer beiden Liebhaber präsentiert, und dann kommt auch für sie der Richtblock. Henrys Frau Nr. 5 ist damit genau nach der Hälfte der letzten »Tudors«-Staffel erledigt, fehlt nur noch Frau Nr. 6: Catherine Parr.

Frau Parr wartet ihrerseits mit ihrem Liebhaber Sir Thomas auf das Ableben ihres Ehemanns, Lord Latimer. Henry sendet der Parr Geschenke, aber die will nicht so recht, was logischerweise auch etwas mit dem Schicksal ihrer fünf Vorgängerinnen zu tun haben könnte. Henry seinerseits schickt seinen Nebenbuhler Sir Thomas nach Brüssel, dann stirbt erwartungsgemäß Parrs siechender Ehemann, und schon schwappt der Antrag ins Haus. Henrys letzte Heirat (Folge 7) ist unspektakulär.

Ebenso wie die Ehe. Die neue Queen kümmert sich eher krankenschwesterlich um Henry, von dem uns vor allem seine offene Beinwunde öfters mal präsentiert wird. Aber es gelingt der Parr, die verstreuten Teile der Tudor-Familie, also Mary und Elizabeth, wieder nach London zu holen. Und sie führt während des Feldzugs in Frankreich auch die Geschäfte am Hof.

Mit der Belagerung von Boulogne 1544 kommt endlich mal wieder etwas Action ins Spiel, seit dem formvollendeten Ringkampf zwischen Henry und Francis in Staffel 1 war da ja nicht viel. Karl V. tritt kurzzeitig in eine Allianz mit Henry, der daraufhin nach Frankreich marschiert. Henry erobert die Festung Boulogne und kehrt glorreich nach England zurück, aber dann marschiert der Dauphin einfach auch auf Boulogne und macht den Sieg rückgängig. Henry erfährt das und kippt aus den Latschen, sein Tod zeichnet sich ab.

Und es wird auch Zeit, vor allem für Jonathan Rhys Meyers als Darsteller des Henry. Sein stechendes Lachen ist eigentlich die einzige schauspielerische Herausforderung, die er noch bewältigen muss. In Folge 9 ist Henry all of a sudden recht graubärtig und muss mit tiefer, gebrochener Stimme sprechen. Und auch Charles Brandon, dem ernannten Duke of Suffolk, haben sie jetzt einen Rauschebart angeklebt, sein treuester und längster Freund stirbt in der letzten Folge geschichtskonform Henry voran.

Ach ja, Anne of Cleves kehrt auch sporadisch zurück, denn Henry hegt eine plötzliche Zuneigung zur pferdegesichtigen Ex-Queen, die wieder von Joss Stone gespielt wird. Sie besucht den King ab und zu am Hof und muss weiter englisch radebrechen mit ›th‹-Problem, und macht das eigentlich sehr gut.

Und Holbein tritt noch mal an und malt ein letztes Porträt. Während der Malsession hat Henry Visionen seiner Ex-Frauen, Catherine of Aragon, Anne Boleyn, Jane Seymour. Es folgt der übliche »Was danach geschah«-Abspann und fertig. Alles in allem keine schlechte Historien­serie, wenn sie auch bei weitem nicht das Kaliber von »Rome« hatte.
 

The Pacific (Miniserie, HBO)

Paris, 13. Oktober 2010, 07:54 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Diese von Steven Spielberg und Tom Hanks produzierte Miniserie will mit ähnlichen Mitteln wie damals das sehr hervorragende »Band of Brothers« (2001) an den vergessenen Pazifikschauplatz des Zweiten Weltkriegs erinnern. Die Inszenierung hat auch sichtbar etwas gekostet, nur wirkt die Serie über weite Strecken gewollt und ist einfach grottenlangweilig.

Jede Folge beginnt mit einem von Hanks persönlich gesprochenen Dokumentarpart, um in die geschichtlichen Hintergründe einzuführen, sowie Aussagen von letzten lebenden Veteranen, die für Authentizität sorgen sollen. Das Drehbuch orientiert sich auch an den Erinnerungsbüchern von Pazifikveteranen, ist bei der Umsetzung aber platt und einfallslos und manchmal ein wenig überkanditelt. Die Frage »Warum sind wir hier?« wird zum Beispiel mit Homer-Versen beantwortet.

Der zeitgenössische Armyslang ist eine Karikatur seiner selbst (nach der ungehinderten Landung in Guadalcanal heißt es: »Let’s go find some Japs!«). Wenn doch mal was passiert, sind das nie mehr als bekannte Kriegsfilmversatzstücke. Ein Sani wird aus Versehen nachts durch friendly fire abgeschossen (»Did he say the password?«). Ein MG-Schütze findet in der Tasche eines getöteten Japaners das Foto von dessen Eltern. Das ist nicht mehr als Remarque für Arme, kaum ein Klischee wird ausgelassen.

Dann gibt es noch den kriegswilligen Eugene, der nicht mitdarf bzw. nicht mitsoll und sich trotzdem freiwillig meldet. Und nach seiner Rückkehr wird er natüüürlich, wie vom Vater vorhergesagt, Alpträume haben, denn das Thema PTSD darf ja nicht vergessen werden, schließlich ist das hier eine moderne Antikriegsserie.

Wie in Clint Eastwoods »Flags of Our Fathers« wird die Handlung teilweise gesplittet, indem einer der Helden, der Gunnery Sergeant John Basilone, zurück nach Hause soll, um War Bonds zu verkaufen. Aus »Saving Private Ryan« wiederum ist der Hörsturz geklaut, den Eugene bei der Landung auf Peleliu erleidet.

Ansonsten gibt es vor allem: Regen, Regen, Regen, und keine Japs in Sicht, ein Kamerad bringt sich wegen Frontkollers selbst um die Ecke, und Private Leckie nässt sich ein. Damit ist er fast der Einzige, der ein wenig Kontur gewinnt. Der Rest des Casts besteht aus Aufsagern von Klischeedialogen.

Am Eindrucksvollsten sind noch die Peleliu-Episoden (Folgen 5 bis 7), die immerhin zeigen, dass die Bestie Mensch auf beiden Seiten wütet. In Iwo Jima ist aber ja Clint Eastwood schon gewesen, deswegen fällt dieser Abschnitt kürzer aus (Folge 8).

Und, auch klar, der nach Hause zurückgekehrte Held Basilone hat Probleme damit, nicht mehr an der Front zu kämpfen und stattdessen vorgefertigte Texte aufzusagen. Er meldet sich dann selbstverständlich wieder freiwillig an die Front zurück, wird dort aber leider abgeschossen (Zeitlupe!). Das alles entstammt tatsächlich der Biografie des echten Basilone, schaut sich aber aus wie Creative-Writing-Drehbuchschrott, Abteilung »Tragik«.

Und in der letzten Folge besucht Lena, Basilones Witwe, dessen Mutter und Familie und bringt noch schnell die Medal of Honor vorbei, was an eine ähnliche Stelle in Walter Flex‘ »Wanderer zwischen beiden Welten« erinnert, wo die Mutter nach überbrachter Todesnachricht die Augen schließt und spricht: »Hat Ernst vor seinem Tode einen Sturmangriff mitgemacht? (…) Das war sein großer Wunsch!«

Nach der japanischen Kapitulation und der Rückkehr nach Hause wird Leckie lokaler Sportreporter und trifft Vera wieder, die er in Folge 1 an der Kirchtür traf, aber die geht inzwischen mit einem Offizier aus. Leckie versucht es trotzdem bei ihr, und es klappt auch, denn der Offizier kommt zwar frisch von Westpoint, hat aber die ganze Kriegsshow verpasst und muss nun zurückstehen, poor guy. Das ist alles fast noch beknackter als der von Bruckheimer produzierte »Pearl Harbor«-Kitsch.
 

Desperate Housewives (6. Staffel, ABC)

Paris, 12. Oktober 2010, 07:56 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

FAZ: Ist das Am-Stück-Gucken [von Serien] nicht auch Eskapismus? (…)
David Wagner: Ich schäme mich höchstens für eine Nacht »Desperate Housewives« (lacht).

Wir haben die Housewives hier immer gefeiert (Staffel 2, 3, 4, 5), das Dialogwriting erinnerte zu seinen besten Zeiten an große Familienhölle-Autoren wie (na ja) Ibsen, Tschechow, Horváth usw. und war dabei doch immer innovativ und auf abgründige Weise lustig. Staffel 6 war nun leider so unfassbar schlecht, dass ich guten Gewissens keine einzige weitere Folge schauen kann, Staffel 7 wird unbemerkt an mir vorüberziehen.

Jede Serie setzt ja irgendwie Wiederholungsstrukturen in Gang, was aber in der vergangenen DH-Staffel als Handlung präsentiert wurde, war einfallsloser und plumper Tinnef. Dirty Laundry in der Vorstadt, das Thema ist offensichtlich nachhaltig ausgequetscht, die 6. Staffel war die pure Wiederholung des genau Gleichen.

Wie üblich ist eine neue Familie in die Wisteria Lane gezogen (Nick und Angie Bolen samt Sohn Danny), die eine so dunkle wie bescheuerte Vergangenheitsstory mit sich herumschleppt. Die wird mit purem Zeitspiel am Köcheln gehalten bis Folge 17, wenn Angie Gaby ihr Geheimnis anvertraut und es dann, wieder sehr gestreckt, zu einem am Reißbrett entworfenen Finale kommt.

Die Mike-&-Susan-Story war ja stets eine On-&-off-Quälerei, diesmal wird eben wieder geheiratet, zu Katherines Leidwesen, die zuerst mit ihrer völlig unglaubwürdigen Mike-Fixierung nervt und dann in der zweiten Hälfte der Staffel auf prüdeste Art und Weise mit ihrer sexuellen Orientierung experimentieren darf.

Wenn sonst nichts mehr passiert, muss aus heiterem Himmel wieder ein bisschen Schicksal herunterstürzen, diesmal ist es ein Kleinflugzeug, das in die Weihnachtsfeierlichkeiten in der Wisteria Lane kracht. Karl stirbt, Susans Ex-Mann, der Bree nun doch nicht wie geplant ehelichen kann, wie schade. Eine Folgeerscheinung seines Ablebens: Susan erbt von ihm einen Stripclub (Folge 12), das ist dann auch kurz fast ein bisschen lustig.

Der seit der ersten Staffel von der Mary-Alice-Stimme gesetzte Rahmen funktioniert zwar immer noch, aber die für DH so typische Emotions- und Empathiemaschinerie ist an ihr Ende gekommen. Der Drehbuch­baukasten schimmert einfach ständig durch: Während Lynette (schon wieder *yawn*) ungewollt und mit Zwillingen schwanger ist, geht in Fairview der junge verpeilte Mädchenmörder Eddie um. Kurz vor Schluss darf Mörder-Eddie dann Lynette bei der Geburt ihres einen verbliebenen Kindes helfen. Emotionen für Melonen.

Ganz am Ende gibt es wieder die Anbahnung duuuuunkler Geheim­nisse für Staffel 7, diesmal: bei der Geburt vertauschte Kinder oder so, ein Fall betrifft Wisteria Lane, gääähn. Und Mary Alice‘ Gatte Mr. Young zieht in Susans und Mikes Haus ein, was für eine ermüdende Idee, Phantasielosigkeit in ihrer reinsten Form.

»Screw Fairview!«, schreit da sogar Heidi Klum (Gastauftritt in Folge 17). Nie wieder DH.
 

US-Serien:
Besuch im Serienland 2009/10

Paris, 11. Oktober 2010, 19:48 | von Paco

Etwas spät, um hier noch die Seriensaison 2009/10 zu reviewen, analog zu den Vorjahren (2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09). Die neue Saison hat bereits begonnen, Ende September. (Und die neue »Mad Men«-Staffel ist schon fast wieder vorbei.) Aber macht ja nichts. Es folgt hier wie gewohnt eine behauptete Top-10 mit ein paar der ausschlaggebenden Serien der letzten Saison.

2010 geht ein großartiges Serienjahrzehnt zu Ende, das narrative TV-Saga-Revolutionen brachte wie »The Sopranos«, »Six Feet Under«, »24«, »The Wire«, »Lost«, »Big Love«, »Dexter«, »Rome« usw. Davon müssen sich alle erst mal erholen, wie man schon an der Dürftigkeit der Upfronts gesehen hat, die das sablog im Mai schon mal abgeklopft hat.

Es laufen aber natürlich immer noch innovative Formate, die ihren erzählerischen Zenit noch nicht erreicht haben, vor allem die ersten beiden eigenproduzierten AMC-Shows »Mad Men« und »Breaking Bad«. Da ist es übrigens beruhigend, dass AMC nicht nur solche Hits produziert, denn die vor ein paar Wochen gestartete Neuserie »Rubicon« ist letztlich eine langweilige Conspiracy-Saga, die mit ihren Vorbildern nicht mal ansatzweise mithalten kann und vor allem voller lächerlichster Terrorismus-Klischees steckt. (Eigentlich nur erträglich in Kombination mit den superben verreißerischen Vulture TV Recaps.)

Auf HBO hat übrigens gerade »Boardwalk Empire« begonnen, ein mit allem Brimborium inszenierter Mafiaschinken, der die »Sopranos«-Tradition des Senders aufnimmt. Den Piloten hat Scorsese gedreht, und Steve Buscemi, Michael Pitt und Michael Stuhlbarg geben einem das Gefühl, dass man eine Dauerkarte fürs Kino geschenkt bekommen hat. Die Serie beginnt mit dem Inkrafttreten der Prohibition und ist um ein paar bekannte Figuren herumerzählt: »Who’s Al? The chubby kid?«, fragt Alkoholbaron Nucky Thompson (Buscemi), als ihm beiläufig der noch junge Al Capone gezeigt wird (Folge 2).

Und übrigens könnte das Feuilleton gern mal wieder ein paar hauptberufliche Narratoren zusammensperren und über TV-Serien diskutieren lassen, so wie das Richard Kämmerlings im Juni für die FAZ gemacht hat. (»Das Fernsehen schaut uns an«)

In der Top-10, die in den nächsten Tagen hier ausführlich hingeschrieben wird, geht es vor allem um die Plots und die Erzählstile, nicht um irgendwelche Quoten oder Schauspielernamen, die nur in Ausnahmefällen genannt werden. Das Ranking von 10 runter bis 1 ist wie immer als wertneutrale Durchnummerierung gemeint, hehe.
 

Jens Friebe: »Abändern«

Leipzig, 8. Oktober 2010, 00:05 | von Paco

Точно така, дами и господа! Dass Jens Friebe vor allem in bulgarischen Intellektuellenkreisen ein Renner ist, war ja schon bekannt. Nun hat er dem auch offiziell Rechnung getragen:

Das ausschlaggebende PR-Interview zu Friebes heute erscheinenden Album »Abändern« (recte: »Up and Down«, oder, wie Spiegel Online vorschlägt: »abandon«) wurde halb in Bulgarisch geführt.

Wir sind gegen Antiaufklärung und embedden hier im Umblätterer keine Videos, deshalb folgt hier jetzt nur DER LINK zu diesem sagenhaften, konkurrenzlosen und einfach ganz ursprünglich schönen Interviewexzess.

Das Video dauert ungefähr 24 Minuten. Wenn man es ganz schaut, entspricht das unter Umständen bis zu zwei vollen Semestern an der sogenannten Popakademie in Mannheim.
 

Vossianische Antonomasie (Teil 15)

Leipzig, 4. Oktober 2010, 21:48 | von Paco

 

  1. der Shakespeare des Prosastücklis
  2. der Big Mac unter den deutschen Politikern
  3. die Heidi Klum des österreichischen Fußballs
  4. der Rousseau der NSDAP
  5. das Hartz IV der Kaiserzeit

 

Die Nietzsche-Taschenlampe

Leipzig, 3. Oktober 2010, 11:25 | von Paco

Heute vor genau zwei Jahren fand die Originalsüdharzreise statt, jetzt um die Mittagszeit war sie schon zur Hälfte vorbei. Diesen März ist dann bei SuKuLTuR Berlin das Buch erschienen, im Juli in zweiter Auflage. Die häufigste Leserfrage bezog sich auf den MacGuffin, der durch den Text geistert: die Nietzsche-Taschenlampe (»Gibt es sie wirklich?«).

Vgl. zur Lampengenese »Die Südharzreise«, S. 15–16 (Kapitel »LÜTZEN«, 1:53 Uhr nachts, Kilometer 72 von 864). Und das ist sie, die Nietzsche-Taschenlampe, neulich wiedergefunden in einem alten Koffer und gerade eben fotografiert in freier Natur:

Die Nietzsche-Taschenlampe

(NB. Das ganze Südharzreisen-Buch gibt es nach wie vor als Free Download in verschiedenen Formaten oder in echt für 10 EUR bei Amazon.)
 

Die neueste Litteratur betreffend

Leipzig, 30. September 2010, 21:58 | von Paco

Ich war neulich in irgendeinem Hinterzimmer eines Wirtshauses in Charlottenburg. Ein Aufnahmegerät wurde eingeschaltet. Und schon musste ich mit Dorothea Dieckmann, Magda Geisler und Michael Angele über drei Neuerscheinungen diskutieren:

  1. Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten (dtv)
  2. Martin Mosebach: Was davor geschah (Hanser)
  3. Andreas Maier: Das Zimmer (Suhrkamp)

Direkt nach dem letzten Satz kam ein Hintermann hereingestürmt, schnappte sich das Aufnahmegerät und nahm es mit in die Berliner Nacht hinaus, um es offensichtlich irgendwo zu transkribieren. Denn heute ist das Gespräch auf den drei Opener-Seiten der Buchmessen­beilage des »Freitag« erschienen:

der Freitag, Literarisches Quartett

(Inzwischen auch online.)
 

Rheinischer Merkur trifft Rheinischen Hausfreund

Konstanz, 29. September 2010, 13:01 | von Marcuccio

Komischerweise kam kein Feuilleton drauf zu sprechen, obwohl es wirklich sehr, sehr nahe lag, als Chefredakteur Michael Rutz genau heute vor einer Woche und einem Tag im Deutschlandradio Kultur (sinngemäß) bestätigte:

Ja, der RM werde als selbstständige Publikation zum Jahresende eingestellt. Und ja, er werde in Form eines »Zeit«-Supplements weitergeführt, als »Schatzkästlein geistiger und geistlicher Inhalte« (mp3).

Schwerer Fall von Dauerassoziation wahrscheinlich, aber seit diesem »Schatzkästlein«-Statement klingeln meine Hebel-Glocken, und zwar so, dass ich an den »Rheinischen Merkur« gar nicht mehr denken kann, ohne den »Rheinischen Hausfreund« notorisch mitzufantasieren. Sprich das Kalendergeschichten-Gesamtwerk des evangelisch-badischen Lehrers und Pfarrers Johann Peter Hebel.

RM-Anzeige (Klicken zum Vergrößern)Der im Radio verkündete Wandel der katholi­schen Wochenzeitung zum »Schatzkästlein« hatte sich symbolisch ja schon mit der Werbe­kampagne ab der zweiten Augusthälfte abge­zeichnet: Auf den vielen Anzeigen in den diver­sen Printmedien (z. B. »Welt« vom 9. Septem­ber, S. 27) sah man ein – ja was eigentlich: Schatzkästlein? Auf jeden Fall einen raumgreifenden Tunnel. Einen 3D-artigen Kubus, austapeziert mit weinrot getünchten »Rheinischen Merkur«-Zeitungsseiten, dazu der Slogan: »Gehen Sie mit uns in die Tiefe.«

Zeitungstotentanz

Ein ganz klein wenig erinnerte das Design der Anzeige an leere Ladenlokale in schlechteren Shopping Malls. Ihr wisst schon: die Läden, die ihr Schaufenster mit BILD-Zeitungspapier zukleben und offiziell behaupten: »Wegen Umbau geschlossen.« Wobei der semiotische Subtext lautet: »An dieser Stelle schon lange Leerstand.« Oder: »Hier wahrscheinlich nie mehr geöffnet.«

Ob der verwaiste Zeitungsverschlag also schon pure Symbolsprache war? Zumindest nach der Entscheidung der Deutschen Bischofs­konferenz wirkt der Zeitungskubus so sackgassig, dass man seine Auskleidung mit RM-Seiten glatt als literarische Ansage lesen muss: Rechtswandig weist »Regent Rotstift« erbarmungslos aufs Ende der Tiefe, und zwar genau dorthin, wo die RM-Titelschlagzeile klagt: »Es fehlen klare Sätze« (auch zur Zukunft des RM?).

Linkerhand liegen »Christ und Welt« am, jawohl, Boden – mithin das einzige RM-Ressort, das ab Januar weiterleben wird, indem es (vorerst) als Supplement der »Zeit« aufgehen soll. Man kennt solche Zeitungsasylgeschichten und ihren Ausgang zum Beispiel vom Schicksal der »Wochenpost« her. Und wünscht schon jetzt: Herzliches Beileid. Der RM-Werbeabteilung aber volle Gratulation zu diesem gelungenen Zeitungstotentanz.

Das feuilletonistische Schatzkästlein

Der eine und einzige RM, den ich mir mal aktiv gekauft habe, ist jetzt fast 10 Jahre alt und enthält eine Art literarisches Quartett, das der RM zur Frankfurter Buchmesse 2000 veranstaltet hat: Kulturredakteurin Christiane Florin diskutierte mit Rainer Moritz, Tanja Kinkel und Jürgen Bräunlein über die Frage:

»Wie viel Talent braucht der Erfolg?« (RM Nr. 44 vom 3. 11. 2000, S. 20).

Im deutschen Literaturbetrieb florierten gerade die Popliteraten und Fräuleinwunder, zeitgleich war Verona Feldbusch auf dem Höhepunkt ihrer Peep- und Blubb-Macht. Und Jenny Elvers war noch keine knallharte Schauspielerin, sondern Synonym für Fragen wie diese:

»Hat auch der Literaturbetrieb seine Jenny Elvers?«

Jürgen Bräunlein, der darauf antworten sollte, hatte gerade »Schön blöd« veröffentlicht, ein Buch über den Medienerfolg der Untalentier­ten. Und Rainer Moritz berichtete von einer »Leihdogge«, die er für ein Autorenfoto-Shooting von Sibylle Berg bezahlen musste.

Wie irre, dieses historische Gespräch heute nachzulesen. Höhepunkt aber diese Antonomasie von Jürgen Bräunlein:

»Für mich ist Benjamin von Stuckrad-Barre der Zlatko der Literatur, auch wenn er eine Zielgruppe hat, die sich für etwas feinsinniger hält.«

Heute kaum noch ohne historisch-kritischen Apparat vermittelbar, aber vor zehn Jahren – TV-Deutschland hatte gerade die erste Big-Brother-Staffel hinter sich – entfaltete ein Zlatko tatsächliche Schlagwort-Qualitäten (»Zlatkoisierung des Fernsehens« u. ä.).

Eine Kalendergeschichte aus dem RM-Feuilleton

Die in feuilletontypischer Zeitgeist-Hybris formulierte Wendung stiftet also eine Erzählung, die letztlich auch nicht anders funktioniert als das »Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes« (zu dem es im Nachwort der Reclam-Ausgabe heißt):

»Gleich vielen großen Erzählern ist Hebel nicht eigentlich Erfinder, wohl aber ein Meister der Darstellung, ein Plastiker des Worts und des Satzgefüges, ein Freund aller Gegenständlichkeit. Passiert doch in seinen Geschichten niemals etwas in einem x-beliebigen Wirtshaus, sondern durchweg in einem ›Schwanen‹, ›Bären‹ oder ›Roten Ochsen‹, ebenso wenig an einem ungenannten Ort, vielmehr in Segringen, Brassenheim oder Mauchen.«

Jetzt warten wir nur noch auf den Germanisten, der das Namedropping der Popliteratur aus der Kalendergeschichte ableitet, irgendeinen ganz Wilden, der Johann Peter Hebel mit Douglas Coupland kurzschließt. Und warum nicht? Es war Coupland, der mal zu Protokoll gab (als ihn Marc Deckert in irgendeinem NEON-Interview mit dem »Tod der Popliteratur« nervte):

»Ich finde Autoren schrecklich, die im Jahr 2003 Sätze schreiben wie: ›Er stieg in seinen Wagen und fuhr zu dem Supermarkt.‹ Nein, es muss heißen: ›Er stieg in seinen Honda Accord und fuhr zu Wal-Mart.‹ Manche Autoren versuchen ihre Literatur für die Ewigkeit haltbar zu machen, indem sie all den oberflächlichen Mist weglassen, der uns umgibt.«

Namentlich konkret und enzyklopädisch aufgeladen geht’s also zu, im RM-Feuilleton mit einem ›Zlatko der Literatur‹ nicht anders als bei Hebel oder Coupland: Dass aber ausgerechnet Coupland, der in bester »Schatzkästlein«-Tradition fürs poetische Gegenteil des x-Beliebigen plädiert, die »Generation X« erfunden hat: Das ist und bleibt mein Lieblings-Treppenwitz der Popliteraturgeschichte.

Regionalzeitung (Teil 37)

Leipzig, 23. September 2010, 15:01 | von Paco

 
  181.   Missstände aufdecken

  182.   schon in jungen Jahren

  183.   hieß es nun Abschied nehmen

  184.   konnten die Seele baumeln lassen

  185.   die Zeichen der Zeit