Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (4/2010)

Leipzig, 28. Oktober 2010, 18:40 | von Paco

Neuwerk

1. »Unser Kriterium ist die Kaffeehausfähigkeit eines Zeitungsartikels.«

2. Nur noch 80 Tage bis zum Goldenen Maulwurf 2010, der Bekanntgabe der zehn angeblichTM besten Feuilleton-Artikel des vergangenen Jahres. Die Longlist ist schon jetzt gut gefüllt (and counting). Hinweise auf feuilletonistische Brechertexte wie immer an umblaetterer ›at‹ mail ›dot‹ ru.

3. Na gut, unsere beliebten Reihen Regionalzeitung und Vossianische Antonomasie werden demnächst Schlag auf Schlag fortgesetzt. Die ersterwähnte Reihe ist übrigens in den Algorithmus des Laudat-O-Mat eingegangen, den der »Lichtwolf« gerade zugänglich gemacht, für alle, die gleich nachher noch eine Lobrede auf irgendjemanden halten müssen.

4. Neulich traf ich einen Gómez-Dávila-Übersetzer. »Aha, Gómez Dávila«, sagte ich. »Ja«, sagte er, »für Borges hat es nicht ganz gereicht.«

5. Spiegel, FAZ, FAS, SZ, Zeit, taz, Welt, NZZ, FR/BZ, Tagesspiegel, Freitag, Jungle World, Standard, Presse.

6. Einhundert Feuilleton-Artikel möchten wir sehen, einhundert Feuilleton-Artikel über Leben + Werk des Johann Nikolaus Becker (1773–1809). Die Jubiläumsgelegenheit ist knapp verpasst, wer erzählt nun die schönste aller deutschen Juristenbiografien (ja, schöner und mehr to the point als die von zum Beispiel Goethe, eignet sich aber prinzipiell auch für eine Verfilmung mit Ralf Bauer).

7. Die Marathons dieses Jahres sind absolviert: CoenBrothers-Marathon, Serien-Marathon, Matussek-Marathon.

8. »Sie müssen auch einmal zwei Stunden vor einem Vermeer geweint haben.« (FJR)

9. Usw.

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2010Nr. 2/2010Nr. 3/2010

 

Kulturtipp gone mad:
Interview nach dem »Matussek«-Marathon

Münster, 26. Oktober 2010, 19:45 | von Paco

In den vergangenen fünf Monaten hat Philipp Spreckels kontinuierlich jeden Morgen eine Folge »Matussek« gesehen, alle bisherigen 151 Folgen des gefeierten Videoblogs von Spiegel Online, das Matthias Matussek dort seit 2006 betreibt. Gestern trafen wir uns in Münster zu einem Gespräch, im »fyal«, unweit des Doms.

Der Umblätterer: Philipp, die Marathonläufer-kommt-ins-Ziel-Frage: Wie fühlst du dich nach 151 Folgen »Matussek« am Stück?

Spreckels: Geschafft, aber glücklich. Wobei nun der Entzug einsetzt, weil ich auf dem Ist-Stand bin und so schnell keine neuen Folgen nachkommen. Das ist ja immer so nach solchen extremen Serien-Erfahrungen. Als ich damals in kürzester Zeit alle Altfolgen von »Battlestar Galactica« aufgeholt hatte oder neulich »Mad Men«, stand ich vor demselben Problem: Ich musste auf die Fortsetzung plötzlich warten. Beeil dich mal, Matussek, wann kommt endlich Folge 152!

Der Umblätterer: Wieso hast du dir eigentlich systematisch alle »Matussek«-Folgen gegeben?

Spreckels: Morgens beim Kaffee lese ich normalerweise SPON und andere News-Seiten, auch Blogs usw. Am besten passen zum Frühstück aber kurze Videos, und »Matussek« ist da eine gute Sache, weil die Folgen nicht zu lange dauern, vier, fünf, sechs Minuten. Ich bin keiner, der sich morgens 50 Minuten lang eine Folge »Mad Men« ansieht. Auf die Idee kam ich übrigens, als ich bei euch auf den »Matussek«-Episodenführer gestoßen bin. SPON selbst ist ja in Sachen »Matussek« nicht so gut sortiert, die haben da nur diesen endlosen ungeordneten Feed, in dem auch mal Folgen fehlen.

Der Umblätterer: Es hat mir sofort eingeleuchtet, alle Episoden chronologisch nacheinander ansehen zu wollen. Matussek beginnt ja irgendwann, wiederkehrende Elemente einzuführen. Beim Wandern im Harz sammelt er das »Ding« auf, dieses unförmige geklöppelte Etwas, das er dann als Figur behandelt und immer mal wieder aufkreuzen lässt. Leider wurde das »Ding« später auf mysteriöse Weise entführt und ist bis heute verschollen.

Spreckels: Nicht zu vergessen das Handpuppenensemble: Goethe und Mephisto. Das sind tatsächlich handelnde Personen, erst die machen aus dem Videoblog eine Fortsetzungsserie.

Der Umblätterer: Man könnte eine ganze »Matussek«-Mythologie aufstellen, unter Umständen reichte das dann sogar für eine mittelgute Masterarbeit.

Spreckels: Genau, das ist fast vergleichbar mit »Harry Potter« oder Fantasyromanen. Matussek erweitert die Welt, wie wir sie kennen, um eine neue Realität, in der Blogger die Stars sind. Das sind quasi alles Elemente, die sich bisher in unserer Welt versteckt gehalten haben, und auf einmal tritt die unheimliche Fiktivfirma Blogging Enterprises Inc. auf. Ganz langsam entfernt sich die ursprüngliche Realität immer mehr in Richtung Fantasy, bis es komplett abdreht und Goethe auf einmal Kanzlerkandidat ist.

Der Umblätterer: Und Blogging Enterprises bricht wegen der Finanzkrise an der Börse ein. Die Storys werden immer angetrieben durch ausgewählte Ereignisse des Weltgeschehens. Matussek hat ja einen Pool an Lieblingsthemen, an denen er sich zuvörderst abarbeitet. Er hat sich als nachweislich verrücktester Kulturkonservativer und katholischster Comedian Deutschlands etabliert und bespielt seine ureigenen Themen auf ganz hohem Eigentlichkeitsniveau.

Spreckels: Ja, die erste Debatte um Sarrazin zum Beispiel, Oktober 2009, das »Lettre«-Interview, die »Kopftuchmädchen«, das war ja medial dann nach ein paar Tagen ziemlich abgegrast, bei ihm kommt es noch wochenlang an vorderster Blogfront vor.

Der Umblätterer: Das sind die Episoden mit Hasan Cobanli, dem er zum Beispiel zeigt, wie man richtig Weihnachten feiert (»Advent mit dem Kopftuchtürken«, Folge 135).

Spreckels: Das ist einfach sehr gut, auch der von Matussek immer wieder ehrerbietig angesprochene Hasan mit seinem perfekten deutschtürkischen Singsang. Gleich zu Anfang fragt er Matussek: »Darf ich dü zu dir sagen?« Als jetzt diese neue Sarrazin-Debatte begann, war ich übrigens mit dem »Matussek«-Schauen gerade bei der alten Sarrazin-Debatte angekommen, das passte zufällig ganz genau, ein schöner Spiegelungseffekt.

Der Umblätterer: Könntest du dir eine »Matussek«-Edition auf DVD vorstellen? Wenn man jetzt mal von fünf Minuten durchschnittlicher Folgenlänge ausgeht, wären das bis jetzt ca. 750 Minuten Material, also zwölfeinhalb Stunden Kulturgeschichte und Entertainment 2006–2010.

Spreckels: Ja, unbedingt. Ich wäre in dem Fall auch für Bonusmaterial, das ein paar Aspekte des »Matussek«-Universums näher beleuchtet, ich will Making-ofs.

Der Umblätterer: Das Making-of ist doch eigentlich schon drin in jeder »Matussek«-Episode.

Spreckels: Vielleicht, ja. Aber ich will auch bisher offene Fragen beantwortet haben: Wer war eigentlich dieser Goethe?

Der Umblätterer: Hehe, genau. Das komplette »Matussek«-DVD-Set wäre übrigens schon jetzt bedeutend länger als das legendäre achtstündige »Abécédaire« von Deleuze und dabei mindestens auf dieselbe mythologische Art komisch. Dabei hat das Ganze ja unter dem langweiligsten aller vorstellbaren Genretitel angefangen, als »Kulturtipp«. Es hieß ja lange noch so, dabei war es schon bald eher Kulturtipp gone mad.

Spreckels: Früher habe ich beim SPON-Surfen die Hinweise auf »Matusseks Kulturtipp« immer ausgeblendet. Gute Güte, »Kulturtipp«! Du klickunwürdigstes aller Worte! Irgendwann hat mich dann ein Freund beschwört: Kuck es trotzdem! Dem hab ich dann nachgegeben.

Der Umblätterer: Die Überschreitung des »Kulturtipp«-Genres beginnt ja so richtig erst nach Matusseks Demission als Kulturchef des »Spiegels«, Anfang Dezember 2007.

Spreckels: Der große Eklat. Und die bange Frage: Was wird aus dem Videoblog? In der Folge direkt nach der Entlassung war er dann mit Hellmuth Karasek in der »Spiegel«-Kantine und hat Spiegeleier gebraten. (»Matussek kocht!«, Folge 57)

Der Umblätterer: Ja, es ging weiter, das Videoblog war und ist sein Pakt mit der Öffentlichkeit. Ein Glück. Es gibt nichts Vergleichbares, das haben auch die Konkurrenten eingesehen.

Spreckels: Genau, in der Folge kurz vor Weihnachten 2009 kommen sie alle zu ihm, zum Treffen der »Anonymen Blogger«: Kai Diekmann, Harald Martenstein, Alan Posener. (»Das Bloggen ruiniert meine Ehe«, Folge 136)

Der Umblätterer: Vor zweieinhalb Wochen lief übrigens die 150. Folge. Im Gegensatz zur 50. und 100. wurde die nicht extra gefeiert, was ist da los?

Spreckels: Tja, schade, so ein Jubiläum auszulassen. Aber vielleicht ist die Message: Ich muss kein Jubiläum mehr feiern, jede Folge ist ein Event.

Der Umblätterer: Die Jubiläen sind ja auch immer ganz plötzlich da. Manchmal kam wochen- oder sogar monatelang keine neue Folge, und dann ging es weiter, als ob nichts gewesen wäre, und wieder waren 50 Folgen um.

Spreckels: Nach der langen Pause Anfang 2009, vier Monate kein »Matussek«, dachte ich bei der ersten Neufolge, das sei jetzt ein Schauspieler, der Matussek spielt. Für mich gab es diese zeitliche Unterbrechung ja nicht, und auf einmal war es wie wenn man einem Bekannten begegnet, den man fünf Jahre nicht gesehen hat, er sah ganz anders aus.

Der Umblätterer: Das wäre jetzt was für den Kommentartrack der DVD.

Spreckels: Ich hätte da noch eine Sache, die dringend kommentiert werden müsste. Und zwar scheint im SPON-Archiv eine Folge gelöscht worden zu sein, man kann sie sich nicht mehr ansehen, Folge 104: »Die Schlacht der Giganten – Teil 2«.

Der Umblätterer: Stimmt, der Link ist tot. Das war übrigens wieder eine Folge mit Michel Friedman als Diskussionspartner. Und jetzt ist das Video »nicht mehr verfügbar«, ohne Angabe von Gründen. Ich hatte Matussek deswegen auch mal gefragt, als Antwort kam eine lange, sehr poetische Mail mit naturgewaltigen Schilderungen jüngster Erlebnisse, ein Ablenkungsmanöver. Die Frage ist also: Wieso schweigt Matussek?

Spreckels: Ja, wieso schweigt Matussek? Rein zufällig scheint irgendeine Folge offline zu sein, so weit, so normal, aber im Hintergrund lauert der Skandal.

Der Umblätterer: Was machst du eigentlich jetzt nach deinem »Matussek«-Marathon?

Spreckels: Das ist die Frage. Es herrscht eine große Leere.

Philipp Spreckels, 25, studiert Geschichte in Münster. Er betreibt die Blogs Epenschmiede und philippspreckels.wordpress.com und ist Mitarbei­ter des Radiomagazins Q History.
 

Listen-Archäologie (Teil 5):
Die Autoren-Charts des Jahres 1926

Paris, 22. Oktober 2010, 09:17 | von Paco

Reich-Ranicki erwähnt ja immer mal wieder gern diese Autoren-Charts, die 1926 von der »Literarischen Welt« per Leserabstimmung aufge­stellt wurden. Zuletzt hat er sie letzten Sonntag in seiner FAS-Kolumne erwähnt, und da diese Liste noch nirgends im Netz in ganzer Pracht anzuschauen ist, hier ist sie.

Anlass für die Befragung der geschätzten 20.000 Leser der »Literarischen Welt« war damals die bevorstehende Gründung einer Sektion für Dichtkunst, die der Preußischen Akademie der Künste angegliedert werden sollte und auch wurde. Als wurde gefragt:

»Welche Dichter gehören in diese Sektion für Dichtkunst der Akademie?«

Am 21. Mai 1926 wurden die Charts dann veröffentlicht, diese 27 Autoren erhielten über 100 Stimmen:

  1. Thomas Mann  (1421 Stimmen)
  2. Franz Werfel  (682)
  3. Gerhart Hauptmann  (594)
  4. Rudolf Borchardt  (461)
  5. Stefan George  (450)
  6. Alfred Döblin  (402)
  7. Rainer Maria Rilke  (384)
  8. Hermann Hesse  (362)
  9. Albrecht Schaeffer  (323)
  10. Fritz v. Unruh  (320)
  11. Heinrich Mann  (311)
  12. Ricarda Huch  (309)
  13. Jakob Wassermann  (304)
  14. Leonhard Frank  (302)
  15. Georg Kaiser  (273)
  16. Stefan Zweig  (261)
  17. Ernst Toller  (247)
  18. Arno Holz  (174)
  19. Hugo v. Hofmannsthal  (169)
  20. Klabund  (162)
  21. Alfred Kerr  (132)
  22. Frank Thieß  (130)
  23. Ernst Barlach  (122)
  24. Bert Brecht  (120)
  25. Arnolt Bronnen  (118)
  26. Friedrich Gundolf  (103)
  27. Oskar Loerke  (101)

Quelle:
Anton Kaes (Hg.): Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918–1933. Stuttgart: Metzler 1983. S. 96. (DNB)

Wer sich darüber hinaus für das fantastische Jahr 1926 interessiert: siehe Gumbrecht.
 

Curb Your Enthusiasm (7. Staffel, HBO)

Paris, 21. Oktober 2010, 08:16 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Neben dem »Lost«-Finale war die »Seinfeld«-Reunion das Ereignis dieser TV-Saison. Die neue »Curb«-Staffel lieferte uns gleich mehrere Momente TV-Geschichte. In der Finalfolge kriegen wir dann wasch­echtes neues »Seinfeld«-Material präsentiert, es ist einfach die bestmögliche Reunion-Show aller Zeiten geworden.

Wir haben hier im Umblätterer alle zehn Folgen ordnungsgemäß gerecappt und werden das auch für die 8. Staffel so handhaben, denn es wird sie tatsächlich geben, wahrscheinlich Anfang 2011.
 

Breaking Bad (3. Staffel, AMC)

Paris, 20. Oktober 2010, 08:12 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Was für eine superste dritte Season! Auf halber Strecke setzt es schon einen derartigen Höhepunkt. Aber der Reihe nach:

Irgendwann musste Skyler ja mitkriegen, dass Walts familiärer Finanzierungsplan in Drogenherstellerei und Kollateralhandlungen besteht. Anna Gunn, die Skyler-Darstellerin, hat jedenfalls in dieser Staffel, nachdem sie bisher lediglich Kreisliga spielen musste, auch mal eine Glanzleistung hinlegen dürfen.

Vom absoluten Angewidertsein bis hin zum kalkulierten Mitmachen beim breaking bad ist es ja psychologisch sehr, sehr weit, und es hat trotzdem funktioniert, und am Ende ist nicht alles gut zwischen den Eheleuten, aber sie arbeiten jetzt plausibel zusammen, auch wenn die heile Kleinbürgerwelt ein für alle mal zerstört ist, was für uns natürlich gut ist, weil spannend.

Skyler kompensiert ihr Angewidertsein mit eigenen Grenzübertre­tungen, sie geht zum Beispiel ostentativ mit einem Kollegen fremd und lässt Walt leiden. Allerdings will sie dessen Drogengeld nun auch für die Behandlung ihres drogenfahndenden Schwagers Hank einsetzen, der den schon angesprochenen Klimax in der Season-Mitte gerade so überlebt hat.

Später sitzen Walt und nun eben auch Skyler bei Hallodri-Anwalt Saul und beratschlagen, wie sie das Drogengeld waschen können (Folge 11). Eine schöne Szene, wie Skyler danach erst mal den Wikipedia-Artikel zu ›Money laundering‹ liest, hehe. (Folge 12)

Dabei wollte Walt ursprünglich seiner Drogenkoch-Karriere den Rücken kehren, er hat genug Geld herausbekommen. Er ist aber schon unentbehrlich. Der nette Fastfoodketten-Manager Gus, der die Crystal-Meth-Distribution in der Umgebung kontrolliert, stimmt ihn um und stellt ihm ein eigenes, gut verstecktes Hightech-Labor zur Verfügung.

Aber jetzt zum großen Clash. Am Anfang der 3. Staffel sehen wir zwei Mexikaner über die Grenze kommen, die sich effektvoll ihren Weg freimorden, um ihren Cousin Tuco zu rächen, der in Staffel 2 erst von Jesse angeschossen, dann von Hank gekillt wurde. Bei der Gelegenheit hat auch der mexikanische Onkel mit der Handklingel wieder seinen Auftritt. Rring! Rring! Er verweist sie an Walt.

Nur durch die Fürsprache von Gus kommt Walt a.k.a. Heisenberg mit dem Leben davon, denn auf seinen Einspruch hin wird der Tötungs­wunsch der Cousins vom Kartell abgewiesen. Gus schlägt den beiden vor, sich lieber Hank vorzunehmen.

Und in Folge 7 kulminiert dann die Racheshow. Schon das Geräusch, mit dem die Tuco-Cousins die Axt über den Boden schleifen lassen, trifft direkt ins Mark. Und dann schafft es Hank nur mit Mühe und Not, die Attacke der Tuco-Cousins gegen sie selbst zu wenden, Shootout auf einem öffentlichen Parkplatz, gefilmte Atemlosigkeit.

Ach ja, Jesse! Eigentlich kriegt Walt einen neuen Assistenten zugeteilt, den Chemikerkollegen Gale, der irgendwann von Gus gefragt wird, ob er Walt bald ersetzen könne. Walt durchschaut das, am Ende muss Jesse dann heulen und aber trotzdem Gale hinrichten, damit Walt weiter unentbehrlich bleibt, und damit endet Staffel 3. Fortsetzung folgt erst im Juli 2011.
 

Lost (6. und letzte Staffel, ABC)

Paris, 19. Oktober 2010, 08:15 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Was soll man sagen, Ende Mai hat es sich ausgelostet. Wir haben hier die ganze Finalstaffel ausführlich folgenweise gerecappt, außerdem gab es dann noch diesen Artikel in der »Welt«, und für alle, die enttäuscht waren von irgendwelchen offen gebliebenen Fragen, muss noch mal hoch21 zitiert werden:

»Lost war nie etwas anderes als Disneyworld. Lost war ein Themenpark.«

 

Mad Men (3. Staffel, AMC)

Paris, 18. Oktober 2010, 07:48 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Ja, ich weiß, gestern hat bereits Season 4 geendet, aber hier doch noch mal kurz zu Season 3, denn die gab uns endlich den Anagnorisis-Moment, auf den die gesamte bisherige Handlung zulief. Denn in der Waschmaschine rumpelte mit der Wäsche ein vergessener Schlüssel­bund mit. Betsy fischt ihn heraus und kann nun Dons Geheimschublade öffnen, wo sie die Scheidungsdokumente eines Don Draper findet und Hinweise auf Dons andere Identität als Dick Whitman. BOOOM! (Folge 11)

Parallel zum Kennedy-Mord fasst Betsy dann einen Entschluss. Sie besteht auf der Scheidung von Don und gibt den Avancen des herrlich graumelierten Henry Francis nach. Dass Betty nun tatsächlich mal handelt, ist schon ein ziemlicher Schritt, eventuell sogar in Richtung Moderne. Vorher waren ihre zittrigen Hände und Halluzinationen Szenen ohne dramaturgischen Zweck, reines Stimmungstheater, was aber natürlich okay ist.

Bettys Entscheidung lässt dann das Handlungsgefüge nachhaltig erzittern, und das dürfte jeden vom Hocker gehauen haben, denn eigentlich tritt »Mad Men« mit seinen Figuren schon sehr auffällig auf der Stelle, viele Sachen schwelen nur im Hintergrund, ohne dass es zu Eruptionen zwischen den Charakteren kommt. Dieses Nicht-von-der-Stelle-Kommen bei eher konservativ angelegten Twists (»Ehebruchs­probleme und Bürointrigen«) meinte Tobias Rüther, als er Ende Juli in der FAS schrieb: »Die Serie ist todlangweilig. Aus Pappe geklebt, ein Studioalbtraum, konstruiert und banal.« (FAS, 25. Juli 2010, S. 21, nicht online)

Angesichts solcher Befunde, die ja schon irgendwo auch zutreffen, überrascht dann die 3. Staffel doch öfters mal: Denn neben dem beschriebenen Erkenntnismoment in der Don-&-Betsy-Geschichte gab es auch noch eine knallblutige Szene im Büro, als ein so nerviger wie aufstrebender Jungbrite mit dem Rasenmäher (Testfahrt!) den Fuß abgefahren kriegt. Die Sterling Coopers machen Scherze darüber (»he might lose his foot, right when he got it in the door«), während dahinter an den Milchglasscheiben die Blutspritzer abgewischt werden. (Folge 6)

Neben dem Kennedy-Attentat, einem vor allem auch Fernsehereignis (im Hintergrund ist sogar Willy Brandt mit seiner Kondolenzmeldung zu sehen, Folge 12) gibt es weiteres Zeitkolorit: Die Martin-Luther-King-Rede schwappt mehrmals aus dem Radio, und außerdem sehen wir, wie Lee Harvey Oswald vor laufender Kamera erschossen wird.

Am Ende herrscht Aufbruchstimmung in der Madison Avenue. Sterling Cooper darf noch das 40. Firmenjubiläum feiern. Und dann beginnt die Flucht nach vorn, so ein bisschen Ocean’s-Eleven-Stimmung brandet auf, vor einem Weiterverkauf der Company sortieren sich die Partner neu, kaufen sich aus der Britenfirma heraus, nehmen dabei noch alle möglichen Kunden mit und plündern das Office.
 

Dexter (4. Staffel, Showtime)

Paris, 17. Oktober 2010, 07:24 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

»What kind of father would I be? After all, I kill people.« (Folge 2)

Der liebenswerte Serienmörder Dex ist also Vater geworden. Eines Tages will er wieder mal zur Tat schreiten, aber dann schreit Sohn Harrison, die Orgie muss erst mal ausfallen, zu seinem großen Ärger: »I need a good kill!«

Der Hauptmissetäter der Staffel lässt nicht lange auf sich warten. Er wird Trinity genannt, weil er immer im Dreierpack killt. Dexter pirscht sich an ihn heran, stellt sich ihm als Kyle vor und verabredet sich ab und zu mit ihm. Denn Trinity, der eigentlich Arthur Mitchell heißt, hat wie Dexter auch Familie, und Dex sieht sich in ihm gespiegelt: »He’s – like me.«

Er versucht sogar ernsthaft, brauchbare Beziehungs- und Familientipps von Trinity einzuholen, vielleicht lassen sich Serienmörderei und Familienleben ja doch harmonisch miteinander verbinden. Das macht die Sache spannend, da der Kälteklotz Dexter jetzt offiziell etwas zu verlieren hat, eine what-so-ever Familienidylle mit Rita, ihren beiden Kindern und dem kleinen Harrison.

Auf der Jagd nach Trinity taucht auch Special Agent Lundy wieder auf, aber bevor er wieder richtig mit Dex‘ Stiefschwester Debra loslegen kann, wird er relativ rasch ermordet (Folge 4), ein bisschen überraschend, aber geht in Ordnung, denn Lundy hat schon immer genervt mit seiner altväterlichen Art. Verantwortlich ist übrigens nicht Trinity, sondern, ein gelungener Twist am Ende von Folge 9, dessen Tochter, die Journalistin Christine, die mit Dex‘ nervigem Kollegen Quinn angebandelt und es darauf anlegte hatte, ihren Vater zu schützen.

Die Staffel wird nebenbei noch mit etwas Büroromantik geschmückt: Angel und unsere Lieblingsvorgesetzte LaGuerta haben eine Affäre, was publik wird, woraufhin einer von beiden die Homicide-Abteilung verlassen soll, einziger Ausweg: Heirat. Dexter wird kurzfristig zum Trauzeugen bestimmt und weiß gar nicht, wie ihm geschieht.

Die Finalfolge ist vielleicht die spannendste der ganzen Serien­saison gewesen. Pünktlich zehn Minuten vor Schluss der Staffel liegt Arthur Mitchell dann zwar doch auf Dexters Richtblock. Aber er hat auch für Dex noch eine Überraschung hinterlassen, letzte Szene: Rita liegt tot in der Wanne, als letztes Opfer von Trinity. Dieser Handlungsfaden wird in der gerade angelaufenen 5. Staffel unmittelbar fortgesetzt.
 

Big Love (4. Staffel, HBO)

Paris, 16. Oktober 2010, 07:54 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

In Staffel 4 der in Utah angesiedelten Familiensaga im polygamen Milieu sind es zwar wieder weniger Folgen geworden, nur noch neun, aber die sind ordentlich gefüllt mit neuen Ideen, die alle organisch integriert sind. Diesmal betätigen sich Bills drei Frauen und die Ex-Viertfrau nachgerade emanzipatorisch und machen, was sie wollen, und trotzdem gelingt es Bill zusätzlich noch, seine Firma und die Casino-Neugründung zu regeln und auch für einen Senatssitz zu kandidieren.

Die »Big Love«-Autoren haben ja den Anspruch, sich nicht an Gemein­plätzen abzuarbeiten und mit den Geschichten wirklich in die Untiefen des polygamen Principles zu begeben, und dabei wird es dann eben auch lustig, denn Emanzipation zum Beispiel ist nicht Teil des Welt­bildes. Beispiel: Bei einem politisch-geschäftlichen Essen trifft Bill seine Ex-Viertfrau Ana wieder, die schwanger ist (Folge 6). Zwar hat sie einen neuen Freund, aber das Kind stammt von Bill und soll daher auch irgendwie zur Henrickson-Familie gehören. Bills Drittfrau Marge, die aber offiziell natürlich unverheiratet ist, heiratet nun ohne Absprache einfach Anas Gefährten Goran, damit er in Amerika bleiben kann. Und wird danach über die Nichtreversibilität der Mehrpartnerehe auf­geklärt: »A woman cannot have two men.«

Roman Grant, der Patriarch und Prophet, ist ja tot, siehe Staffel 3, aber der Kampf um dessen Nachfolge kann nicht so richtig entbrennen, denn dessen Sohn Alby, der ja im Prinzip nur auf den Tod seines Vaters gewartet hat, darf nun endlich erst mal sein bisher verdruckstes Schwulsein ausleben, und was für eine super Idee: Der eventuelle neue Prophet der Polygamistengemeinde ist schwul. Seinem verheirateten und von schlechtem Gewissen geplagten Lover Dale erklärt er: »Homosexuality is a sin, we are just fooling around.« Aber der Geliebte erhängt sich schließlich und Alby landet vor Gericht.

Bei Bills Wahlkampf um den vakanten Sitz im Utah State Senate muss er seine Polygamie natürlich verschweigen, will sich aber nach einem potenziellen Sieg der Öffentlichkeit offenbaren, »someone has to defend the Principle«: »Our whole way of life is under attack, and we need to push back!« Er will gewinnen und sich dann offenbaren, er will einen »open dialogue« über ihren Lifestyle. Und am Ende wird er auch gewählt und erwähnt in seiner Siegesrede, dass er Polygamist sei, und stellt seine Frauen vor. Und nun warten wir mal auf Staffel Nr. 5.
 

The Office (6. Staffel, NBC)

Paris, 15. Oktober 2010, 07:40 | von Paco

(Übersicht: Alle 10 besprochenen Serien. – Vorwort: Besuch im Serienland.)

Die 6. Staffel von »The Office« ist vergleichsweise überladen mit kleineren Storybögen: Jim als Co-Chef, die Pam-Jim-Hochzeit, Michaels Affäre mit Pams Mom (eindrucksvoll Pams Urschrei, als sie davon erfährt), Andy und Erin, die Übernahme von Sabre (Kathy Bathes als Firmenboss), Dwight und Angelas Kinderwunsch »for business reasons« usw. Bei der Inszenierung von Michael Scotts Macht­zinnober strotzt jede Folge aber weiterhin vor unterhaltsamer Leichtigkeit wie sonst im Moment keine andere Comedy, da bin ich genau anderer Meinung als das sablog.

›Büro‹ ist hier auch nicht ›Krieg‹ wie bei »Stromberg«, sondern eher gutmütige Prokrastination. Wenn mal grad keine YouTube-Session anliegt, wird ein Spanischtag ausgerufen und werden alle möglichen Dinge mit einem Hinweis auf ihr grammatisches Geschlecht beklebt, was Stunden gedauert haben muss und, según Dwight, langfristig gesehen eh sinnlos ist: »I have it on very good authority that within 20 years everyone will be speaking German …, or, a Chinese-German hybrid.« (Folge 23)

Behutsam loten die Scripts Möglichkeiten der Neukonstellation aus, so wirkt die Berufung Jims zum Co-Boss auf Zeit (Folgen 2 bis 16) null gestelzt, sondern dynamisierend, weil sie sofort Dwights Eifersucht auf den Plan ruft und zu einem Pakt mit Ryan führt, »to take Jim Halpert down« (Folge 12).

Ihr nahes Ende ist der Show trotzdem eingeschrieben. Steve Carells Vertrag läuft aus, er wird nach der 7. Staffel, die gerade begonnen hat, aufhören, und das ist dann natürlich wie »Seinfeld« ohne Seinfeld, egal wer auf Michael Scott folgt und egal ob die Autoren das Weitermachen als Chance verkaufen werden.