Regionalzeitung (Teil 36)

Leipzig, 14. September 2010, 15:55 | von Paco

 
  176.   ein verschmitztes Lächeln

  177.   trudelten die letzten Gäste ein

  178.   tiefgründige Charaktere

  179.   entfaltet einen ungeheuren Sog

  180.   löste große Verärgerung aus
 

In der Buchhandlung Thye in Oldenburg

Hamburg, 7. September 2010, 18:30 | von Dique

Wir fahren von Stade über Hamburg-Harburg nach Oldenburg und werden uns dort dann gleich weiter zur Buchhandlung A. Thye begeben. Das wird dann wieder maximal zehn Minuten dauern. Die Besichtigungen gehen schnell und insgesamt wird sich Richard Deiss an diesem Wochenende 12 Buchläden angesehen haben, bei drei Besuchen werde ich dabei gewesen sein.

Deiss ist ein Enigma in seiner Liebe zu Details von allem Möglichen, zum Beispiel Bahnhöfen (Buch 1, 2, 3, 4) oder der Binnenschifffahrt. Dabei bleibt er bewusst und gern an der Oberfläche, trägt lieber zusammen als tief zu bohren und ist deshalb ja auch Geograf geworden, sagt er.

Deiss war noch nicht in der Buchhandlung Thye, kennt aber den Oldenburger Bahnhof. Eines der wenigen Gebäude der Neuen Sachlichkeit und es gibt dort noch eine altmodische Bahnhofswirtschaft in eben diesem Stil, die schönerweise Klinkerburg heißt, und vielleicht ist dafür nachher noch Zeit. Wobei gerade die Idee zu gären beginnt, neben den beiden geplanten Buchläden in Stade und Oldenburg noch einen auf dem Bremer Flughafen einzuschieben, den Space-Shop, obwohl der eigentlich keine Buchhandlung im engeren Sinn ist.

Zwischendurch hat sich keine Gelegenheit zum Essen gefunden, in Stade fehlte die Zeit, ein belegtes Brot aus der Bahnhofsbäckerei in Hamburg-Harburg wollte ich mir nicht antun, und im überfüllten Speisewagen im Zug war zeitlich auch nichts zu machen vor Oldenburg. Aber Deiss‘ Sportsgeist hält mich am Laufen, es muss weitergehen, auch ohne Nahrung.

Mir knurrt also der Magen, als wir Oldenburg vom Bahnhof bis zum Marktplatz durchmessen, wo sich die Buchhandlung Thye befindet. Auf dem Markt ist heute wirklich Markt, an Ständen werden Töpferware und Steingut feilgeboten. Wir schauen uns aber unbeirrt die Fassade unseres Zielortes an, welche wirklich sehr schön ist, beeindruckende große und wunderbar eingefasste Fenster.

Getrübt wird der Blick durch einige Scheibenaufkleber im oberen Segment des rechten Flügels. Es handelt sich um weiße Aufkleber mit roter Schrift, die darauf hinweisen, dass es auch eine Webpräsenz und digitale Medien im Laden gibt. Thye wurde 2007 von Kamloth + Schweitzer übernommen, die zwar am Stil des Ladens nichts geändert, aber für diesen Hinweis in eben dieser Form gesorgt haben.

Im Geschäft selbst ist dann alles rot. Jedenfalls sind die Holzregale rot getüncht, und das unterstreicht den bunten Eindruck moderner Buchrücken. Nur in der Rechtsabteilung sieht das charmant aus, ansonsten ist das eigentlich eher nicht so schön. Die Regale sind auch wieder nicht komplett aufgefüllt und auch hier gibt es dafür, wie schon bei Schaumburg in Stade, einige dann auch tatsächlich einleuchtende Ausreden.

Der Fußboden gestaltet sich in baumarktgrauem Filz, Holzfußboden sei gar nicht möglich hier, sagt uns eine Angestellte, und tatsächlich ist der Boden ungeheuer wellig. Der hintere Bereich des Ladens ist ein Anbau und sieht mit seiner schwachen Bestückung wie eine Weltbild-Abteilung bei Karstadt aus, auch hier die rotlackierten Regale, kaum gefüllt, bunte Frontalpräsentation.

In diesem Bereich gibt es eine Kaffeemaschine auf einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen dran. Das ist zwar toll, aber so richtig einladend nicht, die Kaffeemaschine arbeitet sicher mit diesen schrecklichen Kaffeepads und sieht aus wie eine Stereokompaktanlage der frühen Neunziger. Der Tisch ist an der Wand befestigt und wird vorn von einem Bein gehalten, eines dieser dicken lackierten Metallbeine, auf dem eine kunststofffurnierte Tischplatte in schwarz liegt.

Richard Deiss ist viel versöhnlicher mit der Buchhandlung Thye, ich leider nicht, sicher zu Unrecht, aber wachsende Hungergefühle beeinträchtigen meine Gutmütigkeit, ich hätte vielleicht, wie der Hamsun’sche »Hunger«-Charakter, auf Holzspänen kauen sollen, hatte aber in dieser Hinsicht nicht vorgesorgt.

Die Hoffnung auf ein spätes Mittag- bzw. frühes Abendessen zerschlägt sich dann auch noch, denn der Space-Shop auf dem Bremer Flughafen ist zeitlich tatsächlich noch möglich. Also schnell ein Ginger Ale in der schönen Klinkerburg und hinein in den Zug nach Bremen.

Regionalzeitung (Teil 35)

Leipzig, 6. September 2010, 08:38 | von Paco

 
  171.   schon Goethe hat

  172.   ging reibungslos über die Bühne

  173.   stand der Spaß ins Gesicht geschrieben

  174.   zollten ihnen Respekt

  175.   einen fahrbaren Untersatz
 

Software & Erinnerung (Teil 5)

Leipzig, 1. September 2010, 12:10 | von Paco

Das Motto bleibt dasselbe:
»Et tout d’un coup le souvenir m’est apparu.« (Proust, Combray)

Wenn man sich bei OldVersion.com zum Beispiel die Version 4.7 des Netscape Navigators runterlädt (1999) und tatsächlich noch mal installiert (Erfahrungsbericht), oder den Firefox 0.8 (2004) oder eine alte WordPress- oder OpenOffice-Version, ist das genau das Stückchen Sandgebäck, das Proust in den Tee sinken lässt. Die schwerfälligen Knöpfe im alten OpenOffice, das spartanische Look & Feel des frühen Mozilla-Browsers, die sagenhaften Verzögerungen im uralten IE – das ruft sofort eine andere Zeit in Erinnerung, siehe Motto.

Unsere Versionsnummern-Lyrik geht heute ins vierte Jahr (siehe 1. Sept. 2007, 1. Sept. 2008, 1. Sept. 2009). Wir listen hier also die heute aktuellen Versionsnummern und dahinter, getrennt durch einen senkrechten Strich, die Versionsnummern, die vor genau einem, zwei bzw. drei Jahren aktuell waren. Es handelt sich um Software, die wir auch damals schon benutzt haben. Neue Programme wurden nicht aufgenommen, obwohl man diese Versionsnummernpoesie auf jeden Fall zum Beispiel auch für Apps starten sollte.

Versionsnummern-Politik kann man sich etwa anhand der Versionen­geschichte des VLC media players veranschaulichen. Im Juli 2009 machte der Player einen Sprung von 0.9.9 auf 1.0, nicht auf 0.10 – das erweckte den Eindruck, als ob endlich das Betastadium verlassen und die Finalversion erreicht wurde, die übliche Benennung als Version 0.10 jedenfalls hätte nach außen hin evtl. unseriös gewirkt. Usw., usw., für die Konsequenz und Schönheit der V-Nummern gibt es hunderte weitere Beispiele.

Ergänzend zu der Forderung von Frank Schirrmacher – »Die Algorith­men müssen in Narration übersetzt werden.« – rufen wir weiterhin nach einer verschriftlichten Ästhetik der Versionsnummer und, warum nicht, einem Lehrstuhl für Softwaregeschichte. Hier aber erst mal weiteres historisches Material:

(Schema)

(Name) (V-Nr. 2010) | (V-Nr. 2009) | (V-Nr. 2008) | (V-Nr. 2007)

Browser & Aufsätze

Opera 10.61 | 10.00 | 9.52 | 9.23
Firefox 3.6.8 | 3.5.2 | 3.0.1 | 2.0.0.6
SeaMonkey 2.0.6 | 1.1.17 | 1.1.11 | 1.1.4
Netscape Navigator (†) 9.0.0.6 | 9.0.0.6 | 9.0.0.6 | 9.0b3
Konqueror 4.5.0 | 4.3.0 | 4.1.0 | 3.5.7
Safari 5.0.1 (7533.17.8) | 4.0.3 (531.9.1) | 3.1.2 (525.21) | 3.0.3 (522.15.5)
Google Chrome 5.0.375.127 | 2.0.172.43 | 0.2.149.27 [1583] | –
Amaya 11.3.1 | 11.2 | 10.0.1 | 9.55
Internet Explorer 8.0.6001.18943 | 8.0.6001.18813 | 8.0.6001.18241 | 7.0.5730.11
Maxthon 2.5.15.1000 | 2.5.6.350 | 2.1.4.238 | 2.0.3.4643

Server/Database/CMS

Apache 2.2.16 | 2.2.13 | 2.2.9 | 2.2.4
MySQL Community Server 5.1.50 | 5.1.37 | 5.0.67 | 5.0.45
PostgreSQL 8.4.4 | 8.4.0 | 8.3.3 | 8.2.4
MediaWiki 1.16.0 | 1.15.1 | 1.13.0 | 1.10.1
osCommerce v3.0 Alpha 5 | 3.0 Alpha 5 | 2.2 RC 2a | 2.2 RC1
Trac 0.12 | 0.11.5 | 0.11.1 | 0.10.4
WordPress 3.0.1 | 2.8.4 | 2.6.1 | 2.2.2
Typo3 4.4.2 | 4.2.8 | 4.2.1 | 4.1.2
Joomla 1.5.20 | 1.5.14 | 1.5.6 | 1.5 RC1

Clients

WinSCP 4.2.8 | 4.1.9 | 4.1.6 | 4.0.3
FileZilla 3.3.4.1 | 3.2.7.1 | 3.1.2 | 3.0.0 RC3
FireFTP 1.0.9 | 1.0.5 | 1.0.2 | 0.98
Trillian 4.2.0.22 | 4.0.0.117 | 3.1.10.0 | 3.1.7.0
mIRC 7.1 | 6.35 | 6.34 | 6.3
RapidSVN 0.12.0 | 0.10.0 | 0.9.6 | 0.9.4 / Subversion 1.6.5 | 1.6.3 | 1.5.2 | 1.4.2

Media Players

VLC media player 1.1.4 | 1.0.1 | 0.8.6i | 0.8.6c
Media Player Classic 6.4.9.1 rev 107 | 6.4.9.1 rev 104 | 6.4.9.1 rev 72 | 6.4.9.0
Songbird 1.7.3 | 1.2.0 | 0.7.0 | 0.2.5
Amarok 2.3.1 | 2.1.1 | 1.4.10 | 1.4.6
foobar2000 1.1 | 0.9.6.9 | 0.9.5.5 | 0.9.4.4
Winamp 5.58 | 5.56 | 5.541 | 5.35 (immer noch gut: 2.91)

Editoren/Word Processors

OpenOffice 3.2.1 | 3.1.1 | 2.4.1 | 2.2.1
XMLmind 4.6.1 | 4.4.0 | 4.0.0 | 3.6.1
Notepad++ 5.7 | 5.4.5 | 5.0.3 | 4.2.2
UltraEdit 16.10 | 15.10 | 14.10 | 13.10a
Kate 3.4 | 3.3.0 | 3.1 | 2.5.4
XEmacs 21.4.22 | 21.4.22 | 21.4.21 | 21.4.20
JOE 3.7 | 3.7 | 3.5 | 3.5

Coding

Perl 5.12.1 | 5.10.1 | 5.10.0 | 5.8.8
PHP 5.3.3 | 5.3.0 | 5.2.6 | 5.2.4
Python 3.1.2 | 3.1.1 | 2.5.2 | 2.5.1
GCC 4.5.1 | 4.4.1 | 4.3.2 | 4.2.1
Ruby 1.9.2 | 1.9.1 | 1.9.0 | 1.8.6
Ruby on Rails 3.0.0 | 2.3.3 | 2.1.0 | 1.2.3
JDK 6 Update 21 | 6 Update 16 | 6 Update 7 | 6 Update 2

Gfx/Pics/Print

Photoshop CS5 | CS4 | CS3 | CS3
GIMP 2.6.10 | 2.6.7 | 2.4.7 | 2.2.17
IrfanView 4.27 | 4.25 | 4.20 | 4.00g
Picasa 3.8 Build 115.45 | 3.1.0 Build 71.43 | 2.70 Build 37.36 | 2.7.0
ImageMagick 6.6.3-8 | 6.5.5-5 | 6.4.3-6 | 6.3.5-6
Ghostscript 8.71 | 8.70 | 8.63 | 8.60

Edu

LingoPad 2.6 (360) | 2.6 (360) | 2.6 (360) | 2.5.1 (325)
Google Earth 5.2.1.1547 | 5.0.11733.9347 | 4.3.7284.3916 | 4.2.0181.2634

Distros

Kubuntu 10.04 | 9.04 | 8.04 | 7.04
OpenSUSE 11.3 | 11.1 | 11.0 | 10.2
Slackware 13.1 | 13.0 | 12.1 | 12.0

Desktop/Command Line

KDE 4.5.0 | 4.3.0 | 4.1.0 | 3.5.7
Beagle (momentan gestoppt) 0.3.9 | 0.3.9 | 0.3.8 | 0.2.18
Bash 4.1.7 | 4.0.28 | 3.2.33 | 3.2.17

Kaffeehaus des Monats (Teil 56)

sine loco, 28. August 2010, 11:50 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

fyal central, Münster, ultraschlechtes Foto, wie immer :-)

Münster
Das fyal central im Geisbergweg 8.

(Immer wenn wir ins fyal kommen, ist der Kuchen »gerade alle gewor­den«. Wir lassen uns dann vom Kurierdienst der Familie Krimphove eine Auswahl der besten Tortenkreationen und Petits Fours bringen. Das dauert drei Minuten, denn in Steinwurfnähe betreibt die Familie das »Pain et gâteau«. Dieses Brot- und Kuchenhaus wurde erst vor einem Jahr dort eröffnet, wirkt aber, als sei es mindestens so alt und traditionsreich wie das Göttinger »Cron und Lanz« (1876). Manchmal treffen übrigens während des Aufenthalts im fyal Horrormeldungen ein, so wie gestern, als der bevorstehende Untergang Münsters vermeldet und Angst und Schrecken verbreitet wurden wie damals bei den von Orson Welles inszenierten Radioübertragungen von »War of the Worlds«. Dann bestellt man noch einen Kaffee pur und rückt noch enger zusammen auf den heimeligen Holzbänken des fyal.)
 

Die Welt als Schopenhauer und Überschrift

Konstanz, 25. August 2010, 18:44 | von Marcuccio

Gabriel ist mir im Traum erschienen, der hier schon öfters erwähnte Überschriftenerfinder. Und zwar in Form von Christoph Poschenrieder, der Überschriften gefischt hat. Überschriften aus dem großen Meer der Anspielungen, mit denen Journalisten und namentlich Feuilletonisten gern Buchtitel, Filmtitel, Songtitel usw. umsegeln. Klassisch hierzu natürlich schon der ewige MRR:

  • »Jenseits der Literatur« = Überschrift seines Verrisses zu Martin Walsers »Jenseits der Liebe« (1976)
  • »Die Angst des Dichters beim Erzählen« = Überschrift zu Peter Handke (1972)

Es gibt gewisse ungeschriebene Gesetze der Branche: Wenn z. B. Franka Potente neulich einen Erzählband vorlegt, dann kann die Überschrift natürlich nur wie lauten? Genau:

  • »Lola schreibt« (Tagesanzeiger, 5. August, und WELT, 7. August)

Witzig ist es dann eben auch mal, Langzeitprofile anzulegen. Christoph Poschenrieder hat genau das getan und eine Liste gesammelter Verballhornungen vorgelegt, die auf Schopenhauers »Die Welt als Wille und Vorstellung« anspielen:

  • »Die Welt als Willy und Vorstellung« (Tagesspiegel, Artikel über die SPD)
  • »Die Welt als William und Vorstellung« (ZEIT, Artikel über Shakespeare am Berliner Ensemble)
  • »Die Welt als Wille und Wechselstrom« (FAZ)
  • »Die Welt als Pille und Vorstellung« (SZ-Magazin)
  • »Die Welt als Wille und Vorurteil« (Der Standard)

Diese und weitere Findungen sind nachzulesen im aktuellen Diogenes-Magazin (Nr. 4, Sommer 2010, S. 22).

Wieso sammelt Poschenrieder Schopenhauer-Überschriften? Weil er einen Schopenhauer-Roman vorgelegt hat: »Die Welt ist im Kopf«. Das Buch liest sich schnurstracks weg. Ein bisschen so als hätte Daniel Kehlmann über Schopenhauer & Lord Byron statt über Humboldt & Gauß geschrieben.

Vossianische Antonomasie (Teil 14)

Konstanz, 22. August 2010, 18:50 | von Marcuccio

 

  1. der Christus der Nationen
  2. der Hansi Hinterseer des Techno
  3. der Westerwelle der Philosophie
  4. der Obama aus Meckenheim
  5. das Internet des 19. Jahrhunderts

 

In der Buchhandlung Schaumburg in Stade

Hamburg, 19. August 2010, 20:52 | von Dique

Soeben erschienen gleich zwei Bücher über schöne Buchhandlungen. Einmal das Coffee Table Book »Die schönsten Buchhandlungen Europas« von Rainer Moritz und zum zweiten »Kaufhaus der Worte – 222 Buchläden, die man kennen sollte« von Richard Deiss.

Moritz‘ Buch ist eine feine Auswahl von 20 Highlights, die jeweils mit einem Kurztext und vielen Fotos präsentiert werden. Der große Buchladenhit, der wohl weitgehend übereinstimmend schönste Buchladen, die Livraria Lello in Porto, ziert das Cover. Das Buch von Richard Deiss kommt hingegen im schlichten Books-on-Demand-Gewand daher, geht aber inhaltlich weiter und liefert eine über 200 Läden starke Liste mit Kurzbeschreibungen.

Die Idee zu seinem Buchladenbuch trug Deiss schon eine Zeit lang mit sich herum. Der Listenliebhaber und Beinamensammler fühlte sich quasi zur Erstellung dieses Buches verpflichtet. Nun sammelt er nicht einfach die Namen von schicken Buchläden ein, sondern bemüht sich auch darum, die Läden selbst zu besuchen.

Letzten Samstag begleitete ich ihn spontan auf einer seiner Buchladentouren. Die erste von drei Stationen lag in Stade, die Buchhandlung Schaumburg, die es immerhin auch in die Top 20 des Coffee Table Books von Moritz schaffte. Die Buchhandlung hat eine lange Tradition (1840) und ist auch ansonsten sehr schön und für Stade und eine breite Umgebung eine wahre Perle. Ob sie wirklich europäisches Top-20-Material ist, kann man sicher bezweifeln, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass etwa Hatchards nicht in die Auswahl gelangen konnte. Aber, sagt Deiss:

»Für mich ist es ein ebenso großes Wunder, dass es in Stade Schaumburg gibt, wie dass es in einer Millionenmetropole wie London Hatchards gibt.«

Einer der Mängel von Schaumburg ist, dass die Regale, die nur beinah bis unter die Decke gehen, nicht bis oben mit Büchern gefüllt sind. Ein Kriterium, welches für Deiss von höchster Wichtigkeit ist, und ich kann ihm diesbezüglich natürlich total beipflichten. Besonders dieser Umstand nimmt dem Laden, trotz alter Regale, dann doch etwas den Charme.

Auch das Angebot scheint nicht so richtig zu überzeugen, ok, wir sind hier schließlich in Stade und irgendwie ist die ganze Atmosphäre zu aufgeräumt. Die Regale, die nicht komplett gefüllten, besonders oben sieht man die Freiflächen, schließen auch nicht mit der Decke ab, und an letzterer hängen dann auch noch relativ unattraktive Beleuchtungs­körper.

Ich fragte mich die ganze Zeit, also bis zum ersten Buchladen, den ich mit Richard Deiss gemeinsam besichtigen würde, was er in so einem Buchladen dann wohl so treibt, wenn er ihn auscheckt und bewertet, und das war dann eigentlich nicht so viel. Schon nach weniger als 10 Minuten signalisiert er, dass er eigentlich durch ist.

In dieser kurzen Zeit hat er allerdings jeden Winkel des Ladens mehrfach durchschritten, ein nachvollziehbares System mache ich aber nicht aus und frage auch nicht danach. Ein bisschen Mythos muss bleiben.

Am Ende des Besuchs kaufen wir uns dann beide, ganz Klischee, das Coffee-Table-Book von Rainer Moritz und kommen an der Kasse noch mit dem Inhaber ins Gespräch, den Deiss sofort mit der Schwäche der nicht bis nach oben gefüllten Regale konfrontiert.

Unser Kurzauftritt in Stade endet mit einem Kaffee am alten Hafen, maximal 20 Minuten sind dafür vorgehalten, denn dann geht es zum Bahnhof und weiter nach Hamburg-Harburg und von dort nach Oldenburg in die Buchhandlung Thye.

Der »Neon«-Leser als Theaterkritiker

Konstanz, 17. August 2010, 01:09 | von Marcuccio

Neulich hat Gerhard Stadelmaier, liebste Hassfigur des Théâtre alle­mand, eine Kritikertypologie vorgelegt. Jetzt scheint es so, als gäbe es noch einen Nachrückkandidaten: den »Neon«-Leser, der Theater­kritiker bei der Regionalzeitung wurde.

Hier mal das Schema (Formatvorlage und Abwandlung) an zwei historischen Beispielen:

Film-Hermeneutik
in der NEON
vs. Theater-Hermeneutik
im SÜDKURIER
»Lara Croft: The Cradle of Life« (Regie: Ang Lee) Thema »Die heilige Johanna der Schlachthöfe« (Regie: Samuel Schwarz)
»Worum geht’s?
Die schlagkräftige Action-Archäologin muss sich diesmal den Weg zu einem Unterwas­sertempel freikämpfen, um einen (wie immer sagenum­wobenen) Schatz gegen (wie immer fiese) Schurken zu verteidigen. Einer davon ist Ex-Lindensträßler Til Schweiger.«
Hermeneu-
tischer
Akt I
»Darum geht’s:
Am Fleischmarkt von Chicago herrschen desolate Arbeitsbedin­gungen. Den Fleisch-Großhändlern geht es prima, sie sprechen sich ab, es gibt Insider-Tipps und Intrigen. Die Heils­armee um Titelheldin Johanna Dark will die Verhältnisse ändern – und muss am Ende erkennen, dass das nur mit Gewalt geht.«
»Worum geht es wirklich?
Diese Lippen, diese Titten! Angelina Jolie spielt nicht nur eine Comicfigur, sie ist auch wirklich eine.«
Hermeneu-
tischer
Akt II
»Darum geht’s wirklich:
Um die Fragen, wie viel erträgt der Mensch, ehe er revoltiert, und mit welchen Mitteln wird der Aufstand von den Machthabern unterbunden. In der Hauptrolle hierbei: Die Medien- und Unterhal­tungsindustrie, die, so der Tenor, alte Machtstruk­turen nur reproduziert.«
NEON Nr. 1 (!) vom Juli 2003, S. 167 (online) Zitatnachweis (Erstbelege) SÜDKURIER vom 22. Januar 2010, Ressort »Konstanzer Kulturleben«

 
Wenn man also eine Traditionslinie von »Tempo« (1986–1996) zu »jetzt« (1993–2002) und »Neon« (2003 ff.) ziehen will, dann sind die Reste des Copyshop-Feelings also heuer im Lokaljournalismus angekommen.
 

Salamanca

Leipzig, 14. August 2010, 10:01 | von Hiller

Verworren sein und nicht Schreiben können ist noch kein Surrealismus, hat mein Praktikant gestern gesagt, als ich ihn bat, meinen Reisebe­richt für die DFG auf Tippfehler durchzusehen. Sein Frevel blieb unkom­mentiert, aber ich glaube, er hatte recht.

Man hatte mich zu einem ansprechend klingenden Symposium eingeladen. Im schon von den Comedian Harmonists besungenden, schönen Spanien sollte es abgehalten werden, und man plante etwas sehr Kompliziertes, das man mir schlichtem Geist allerdings als eine Art situationistische Wiederaufführung der Bremer Stadtmusikanten zu verkaufen suchte: Ein Symposium über Singvögel, Makaken, Schimpan­sen und ein paar Menschenvokalisationen. Also Spanien. Sie müssen wissen, dass ich Spanien insgesamt für einen Fehler und eigentlich nicht vermittelbar halte. Zu trocken, zu teuer, und zu gefährlich, um das Standardlehrbuch zum Thema Reiseplanung, den Kracht/Nickel, nur unwesentlich zu paraphrasieren.

Salamanca, Figure 1Der Flughafen Madrid täuschte erfolgreich ein geschlossenes Busshuttlesystem vor, um mich erst einlullend im Kreis zu kut­schieren und mich dann auszusetzen an einem per Matlab-Skript zufällig ermittelten Terminal zwischen 1 und 4. Ein Reisebus der lobend zu erwähnenden, allerdings dem Arbeitskampf sehr zugetanen Firma Avanza bot sich an, mich drei Stunden lang recht unverwandt in das nicht für möglich gehaltene, weil noch langweiligere Landesinnere zu karren, meinem Ziel Salamanca entgegen. Die ebenso schlichte wie zwingende Absicherung des Drahtlos-Netzwerkes gegen Schadnut­zung durch Unbefugte bestand in der Nichtstationarität des Funksig­nals an Bord eines bewegten Reisebusses; Passworte oder gar die üblichen WAP-Quisquilien waren nicht von Nöten.

In Salamanca angelangt, musste ich sofort an den größten Sohn der Stadt denken, Don Quixote: Hatte nicht auch er gegen das Nichts angekämpft, gegen die Windmühlen des Sinnlosen! Alles aus Stein und Staub; selten hat ein Reisender von trauriger Gestalt das satte Grün und die dicken Eichen der deutschen Innerlichkeit mehr vermisst. Ich schnallte mir meine Rüstung um und trabte mit meinen Getreuen quer durch die Ödnis dieser Innenstadt.

Salamanca, Figure 1Kurz vor Erreichen der Herberge, an einer Anhöhe gelegen, wäre es fast noch zu einem sogenann­ten Showdown gekommen mit einem dicken Mann, der sich uns ins den Weg stellte. Ich for­derte freies Geleit, und fragte ihn nach seinem Namen. Breton, gab er mir zu verstehen. Der ganze Platz war nach ihm benannt, und ich dach­te: unglaublich, so schlimm kann es doch um Spa­nien, die Welt, unsere Zeit also nicht bestimmt sein, wenn sie in diesem Dorf eine Statue nach dem Begründer des Surrealismus, der großen Manifest-Maschine André Breton benennen. Hinter Breton staubte es gewaltig, doch bevor mir die Luft knapp und die Zeit zu lang wurde, gelang mir noch einer mei­ner allegorischen Kunstschüsse, für die ich geliebt werde: DER ER­FINDER DES SURREALISMUS SCHAUT AUF DIE TRÜMMER DER POST­MODERNE.

Was bleibt mir zu sagen: Die Performance am nächsten Tag wurde natürlich ein großer Erfolg. Auf dem so schnell wie möglich eingeleite­ten Rückflug (die Firma Avanza arbeite mit allen Angestellten an einem Relaunch der Website, wie man mir versicherte, und stattdessen fuhr ein Künstlerkollege mich zum Flughafen) lernte die Flugbegleiterin hinter meinem Sitz die Sicherheitsansagen auf Spanisch auswendig. Heute morgen begegnete ich dann meinem mir wegen seiner über­steuerten Hispanistik widerlich gewordenen Nachbarn, der mich darauf hinwies, dass Don Quixote de la Mancha ja bekanntlich aus, nun, La Mancha gewesen sei. Bestimmt war er auch der anonyme Schlaumeier, der mich nun bei Wikipedia aufklärt, dass Salamanca allerorten seinem angeblich sehr berühmten Sohn, dem obskuren Komponisten Tomás Bretón huldige. Fahren Sie dort bitte niemals hin.