Hadesfahrt im Verkehrsverbund

Berlin, 22. Februar 2012, 16:05 | von Maltus

U-Bahn-Verspätung am Südring, Schneegestöber und der eigentlich herrliche Spaziergang durch den Kadettenweg zum Bundesarchiv wird zur Matschsafari. Da muss man einfach mal an T. S. Eliot denken, den notorischen U-Bahn-Hasser und Lyriker Londoner Straßenschmutzes.

Wenn die Lektüre der Werke Peter Handkes, wie Sibylle Lewitscharoff das gerade so schön ausgedrückt hat, einem das Gefühl verleiht, als würde man »mit Stifter auf ein Autobahndreieck schauen«, dann guckt man bei Eliot mit John Donne in den Orkus des London Underground. Eine New Yorker Zeitung nannte sein geniales Gemisch aus Hadesfahrt und ÖPNV nicht umsonst »Subway Metaphysics«.

Aber das hebe ich mir für den nächsten S-Bahn-Streik in Berlin auf. Stattdessen ein paar andere Zeilen dieses lyrischen Straßenkehrers mit Stehkragen, die mir heute im Matsch durch den Kopf gingen und die nassen Füße fast vergessen ließen:

The winter evening settles down
With smells of steaks in passageways.
Six o’clock.
The burnt-out ends of smoky days.
And now a gusty shower wraps
The grimy scraps
Of withered leaves about your feet
And newspapers from vacant lots;
The showers beat
On broken blinds and chimney-pots,
And at the corner of the street
A lonely cab-horse steams and stamps.
And then the lighting of the lamps.

— T. S. Eliot, Preludes

 

Ein Interview mit dem Interviewmüller

Konstanz, 21. Februar 2012, 13:04 | von Marcuccio

Moritz von Uslar gegen Jahresende in der »Zeit« (Nr. 50/2011): »Warum habe ich den Interviewer André Müller nie interviewt?«

Vor gut einem Jahr, am 10. April 2011, ist der Interviewmüller gestorben. »Interviewkünstler« haben ihn die Nachrufe genannt. Interviews mit dem Interviewer gibt es kaum, und in Uslars Frage schwingt mit, was für ein kulturhistorisches Versäumnis das ist.

Einige wenige gibt es immerhin doch (Claudia von Arx für NZZ Folio 1997 und, besonders toll, das Videointerview mit amadelio von 2007). Und Volker Weidermann hat ihn zum Gespräch getroffen und dieses dann im Januar 2011 für die FAS beschrieben.

Beim Entstauben der Bücherregale habe ich nun in einem Handbuch für Journalisten noch ein weiteres leibhaftiges Interview mit André Müller entdeckt, geführt von Michael Haller im Februar 1990. [*] Ein Werk­stattgespräch mit hervorragendem Material für Zitatdatenbanken.

Haller fragt Müller sinngemäß: Warum eigentlich Interviews, und nur Interviews?

Das habe, wie so typisch bei den Großen, banalere Gründe als man denkt. Interviews seien einfach das gegen Redigiermaßnahmen am besten gefeite Genre gewesen. Müller:

»Ich hatte mit anderen journalistischen Formen überwiegend schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn ich ein Feature schrieb, für den ›stern‹ zum Beispiel, dann wurde mir der Text in der Redaktion umgeschrieben. Mich ärgerte das.«

Für die Spezialisierung auf Interviews sprach aber nicht nur das Redigierungsgebaren, sondern auch die Einkommensfrage. Müller:

»Ich begriff, dass dies eine Form ist, mit der ich rasch auf einen großen Umfang komme. Das wirkt sich im Honorar aus. Einen ähnlich langen Text selbst zu erarbeiten, kostet viel Anstrengung.«

Ernst Jünger lachte auf eine merkwürdige Weise viel

Auf Hallers Frage, wie das eigentlich mit dem Warm-up in Interviews vonstatten gehe, hat Müller eine aparte Anekdote zu Ernst Jünger parat:

»Sie wissen ja, wenn man jemanden interviewt und der macht zu Beginn des Gesprächs ein paar Witze, dann lacht man als Interviewer einfach mit, ob man diese nun lustig findet oder nicht. Ernst Jünger lachte auf eine merkwürdige Weise viel. Ganz zu Beginn habe ich ein, zwei Mal mitgelacht. Doch er hat sein Lachen, als meines einsetzte, abrupt beendet. Ich verstand: Er verbittet sich jede Solidarisierung, jede Annäherung. Das war ein sehr schönes Erlebnis für mich.«

Irgendwann geht es dann darum, dass die besten Interviews die sind, bei denen Interviewer und Interviewter in stiller Übereinkunft wissen, dass sie Leser bedienen müssen und sich die Bälle deswegen ruhig ein bisschen zuspielen:

»Thomas Bernhard sagte mal zu mir: ›Es ist wurscht, was Sie schreiben; schreiben Sie, wie Sie es haben wollen.‹«

Daraufhin stellt Haller die (heute muss man sie so nennen) Tom-Kummer-Frage: »Erfinden Sie im Spiel auch Dialoge – oder müssen die sich real ereignet haben?« Müller:

»Ich habe mich mal als Theaterstückeschreiber versucht, es aber dann bleiben lassen: ich kann keine Dialoge erfinden. Ich benötige das tatsächlich stattgefundene Gespräch.«

Haller spricht Müller daraufhin auf das Interview »mit Ihrer eigenen Mutter« an (»Die Zeit« Nr. 40/1989): »Die Frau, ungebildet und offenbar Alkoholikerin, war betrunken, gelegentlich flossen Tränen. Doch die Sprache, die Sie Ihrer Mutter in den Mund legen, ist ungeheuer prägnant, von literarischer Qualität. Der Text hat Tiefe, die ein Interview eigentlich nicht erreicht.«

Woraufhin Müller zugibt, dass das Gespräch in diesem Fall »nur den Stoff für den Text« geliefert habe:

»Ja, ich habe ihn gestaltet wie ein Stück Literatur, mit Spannungsbögen, mit Dehnungen und Verkürzungen. Es sind meine Formulierungen.«

Vom Stoff sprach und spricht ja auch Kummer immer gern, wenn er sinngemäß sagt, er habe nur den Stoff geliefert, den die Medien von ihm wollten. Die feinen Unterschiede zwischen einer Müllermutter-Interviewmontage und der ins Interviewformat gegossenen Hollywood-Fanfiction eines Tom Kummer hätte man von der Journalistik und/oder Literaturwissenschaft aber schon noch mal gerne aufgearbeitet.


[*] Das ganze Interview: »Nein, ich habe kein Schamgefühl«. Ein Gespräch mit dem hauptberuflichen Interviewer André Müller über seine besondere Art, Gespräche zu führen. In: Michael Haller: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. München: Ölschläger 1991. Alle Zitate aus der 2. Auflage, Konstanz: UVK 1997, S. 419–429.
 

Listen-Archäologie (Teil 10):
Die Reclam-Top-Ten

Leipzig, 16. Februar 2012, 14:01 | von Paco

Die Reclam-Bände wurden ja gerade redesignt, aus diesem Anlass ist der schöne autothematische Band »Die Welt in Gelb« erschienen (auch als PDF). Darin findet sich auf Seite 65 die Top Ten der bestsellerisch­sten Bände der Reclam-Universal-Bibliothek seit 1948, das ist doch auch mal interessant:

1. Schiller, Wilhelm Tell (5,4 Mio. Exemplare)
2. Goethe, Faust I (4,9 Mio.)
3. Keller, Kleider machen Leute (4,4 Mio.)
4. Lessing, Nathan der Weise (4,4 Mio.)
5. Droste-Hülshoff, Judenbuche (3,9 Mio.)
6. Hauptmann, Bahnwärter Thiel (3,7 Mio.)
7. Schiller, Maria Stuart (3,6 Mio.)
8. Storm, Schimmelreiter (3,1 Mio.)
9. Schiller, Kabale und Liebe (3,1 Mio.)
10. Goethe, Götz von Berlichingen (3,0 Mio.)

(Eine Besprechung des Redesigns, der in jedem Wort zuzustimmen ist, hat übrigens Martin Z. Schröder für die SZ geschrieben: »Mögen auch diesem kennerhaft fein durchgearbeiteten Entwurf ein bis zwei Dekaden beschieden sein!«)
 

Landschaftsmalerei

Hamburg, 7. Februar 2012, 02:46 | von Dique

In seinem FAS-Artikel über die Claude-Lorrain-Ausstellung im Frankfur­ter Städel erwähnt Peter Richter gleich mit den ersten beiden Wörtern Bob Ross, den Fernseh­maler. Sofort erscheint er vor meinem geistigen Auge, samt seiner Lockenpracht und seiner beruhigenden Stimme. Das letzte Mal habe ich ihn in »Peep Show« gesehen, ganz kurz nur. Mark und Jeremy schalten spontan rüber zu seinem Dauermalprogramm, und »God« beschäftigt sich gerade mit einem schönen wolkigen Himmel.

Zwischen Claude Lorrain und Ross liegen zwar kunsthistorische Welten, aber beide haben sich überwiegend der Landschafts- und damit zwangsweise auch der Himmelsmalerei gewidmet, der eine als barocker Superstar, der andere eben als Fernsehmaler. Was für eine schöne Berufsbezeichnung übrigens und wie schön würde das auf einer Visitenkarte aussehen.

Der Peter-Richter-Artikel kommt gleich zu Beginn auch auf Vitali Komar and Alexander Melamid zu sprechen, die Mitte der Neunziger den all­gemeinen Geschmack mit klassischen Befragungstechniken statistisch erfassen wollten, »intending to discover what a true ›people’s art‹ would look like«. Heraus kam jedenfalls, dass in fast allen Ländern (außer Italien und Holland) das landschaftliche Bild bevorzugt wird und dass abstrakte Formen nicht so gern als gute Kunst wahrgenommen werden. »Truth is a number«, sagt Alex Melamid noch, und wenn das stimmt, dann sollte die Frankfurter Ausstellung ein Hit werden.
 

Tobias-Meyer-Interview

Hamburg, 6. Februar 2012, 03:13 | von Dique

Der größte Hit gelang der FAZ am Samstag mit dem Tobias-Meyer-Interview, geführt von Rose-Maria Gropp. Von vorn bis hinten ein schönes Gespräch. Das liegt auch an Tobias Meyer, der einfach ein guter Fragenbeantworter ist und mit großer Lust einfach loserzählt. Der reinste Enthusiasmus schäumt da aus den Zeilen hervor, immer wieder mal gibt es emotionale Bestätigungen wie »Ja, natürlich!« oder »Und wie!« Das kennen wir schon aus dem »Spiegel«-Interview vom Januar 2006, »Let’s make it a million«. Im »Spiegel« war Meyer der »coolste Auktionator der Welt« und die FAZ spricht dagegen vom »elegantesten Mann am Pult des Auktionators«.

Neben dem wunderschönen Dahinerzählen bekommen wir auch ein paar Halbfakten endgültig aus erster Hand bestätigt. Ja, Ronald S. Lauder hat 135 Millionen Dollar für den güldenen Klimt gezahlt. Ja, kurze Zeit später wurde Pollocks »No. 5« für 140 Millionen Dollar verkauft. Geschickt tut Rose-Maria Gropp dabei immer ein wenig ungläubig. »Wenn Sie das sagen, dann glaube ich es von nun an auch«, sagt sie auf den Klimt, und auf den Pollock: »dann glaube ich Ihnen auch das«. Am Ende erzählt Meyer noch, dass er für sich selbst gern Kunstgewerbe aus dem 18. Jahrhundert kaufe, weil es einfach so billig sei, z. B. einen Becher von Höroldt für 2000 Euro, und da hat er doch einfach mal Recht.
 

Ganz viele Filme:
Das Kinojahr 2011

Hamburg, 31. Januar 2012, 01:55 | von San Andreas

Kinojahr 2011 Einklinker 494 Filme sind in Deutschland im letzten Jahr gestartet. Alle konnte man nicht sehen, alle musste man nicht sehen. Hier unser alljährliches Kompendium mit den allerbesten und den allerenttäuschendsten Werken, so wie in den Vorjahren (2010, 2009, 2008, 2007).

Eine kleine, gefühlte Spitzengruppe hat sich abgesetzt, in ihr die Produktionen aus Hollywood und England, die künstlerischen mit kommerziellem Erfolg verbinden konnten (zusammen 994 Mio. $), aber auch Beiträge aus Dänemark, Spanien und Kanada, die im Vergleich viel größere thematische Bögen schlugen – nach Afrika, nach Bolivien, in den Libanon – und so mehr Resonanz mit der Welt da draußen aufbauten. Der Erfolg dieser durchaus wichtiger und wertvoller er­scheinenden Filme hielt sich freilich in Grenzen (zusammen 19 Mio. $).

Der Rest der Liste versammelt zweieinhalb Dutzend gute und/oder bedeutende Werke, plus eine Handvoll derjenigen Filme, die leider nicht so toll ausfielen wie gedacht. Zur ausführlichen Fassung geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

5 Sterne
»También la lluvia« (Icíar Bollaín)
»True Grit« (Ethan & Joel Coen)
»Incendies« (Denis Villeneuve)
»Black Swan« (Darren Aronofsky)
»Jodaeiye Nader az Simin« (Asghar Farhadi)
»The King’s Speech« (Tom Hooper)
»Hævnen« (Susanne Bier)

4 Sterne
»Melancholia« (Lars von Trier)
»Super 8« (J. J. Abrams)
»Carnage« (Roman Polanski)
»Tyrannosaur« (Paddy Considine)
»The Ides of March« (George Clooney)
»The Guard« (John Michael McDonagh)
»Halt auf freier Strecke« (Andreas Dresen)
»Rise of the Planet of the Apes« (Rupert Wyatt)
»Cave of Forgotten Dreams« (Werner Herzog)
»Another Year« (Mike Leigh)
»This Must Be the Place« (Paolo Sorrentino)
»Mission: Impossible – Ghost Protocol« (Brad Bird)
»Winter’s Bone« (Debra Granik)
»La piel que habito« (Pedro Almodóvar)
»The Tree of Life« (Terrence Malick)
»127 Hours« (Danny Boyle)
»The Adventures of Tintin« (Steven Spielberg)
»Pina« (Wim Wenders)
»Biutiful« (Alejandro González Iñárritu)
»Let Me In« (Matt Reeves)
»Margin Call« (J. C. Chandor)
»Rango« (Gore Verbinski)
»Contagion« (Steven Soderbergh)
»The Fighter« (David O. Russell)
»Attack the Block« (Joe Cornish)
»Four Lions« (Christopher Morris)
»Inside Job« (Charles Ferguson)
»Blue Valentine« (Derek Cianfrance)
»Midnight in Paris« (Woody Allen)
»The Thing« (Matthijs van Heijningen Jr.)

1 Stern
»Sanctum« (Alister Grierson)
»Kokowääh« (Til Schweiger)
»Cowboys & Aliens« (Jon Favreau)
»Sucker Punch« (Zack Snyder)
»Battle Los Angeles« (Jonathan Liebesman)

*

Und wie immer ist Vollständigkeit kein realistisches Kriterium für die Liste. Um einen Teil der wütenden Proteste im Vorhinein abzufangen, folgt hier noch eine kleine Sammlung von Filmen, die auf jeden Fall auch kuckbar waren, es aber aus irgendeinem Grund nicht auf die Liste geschafft haben:

»Beginners« (Mike Mills) – Coming-Out mit 75, warum nicht. »Crazy, Stupid, Love.« (Glenn Ficarra, John Requa) – die Konsenskomödie des Jahres. »Hanna« (Joe Wright) – stylischer Rachethriller mit Powermädel. »Trolljegeren« (André Øvredal) – eine norwegische Monster-Mockumen­tary, wer hätte das gedacht. »Never Let Me Go« (Mark Romanek) – traurige, anmutige Dystopie über Sterblichkeit und Repression. »Tucker and Dale vs Evil« (Eli Craig) – selten ein lustigeres Blutbad gesehen. »Win Win« (Tom McCarthy) – einnehmende, amüsante Indie-Perle. »Kokuhaku« (Tetsuya Nakashima) – ausgekochtes Psychospielchen mit viel Zeitlupe. »Senna« (Asif Kapadia) – die definitive Doku über die F1-Legende. »Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 2« (David Yates) – ein würdiger, fulminanter Abschluss der Zauberburschen-Saga. »Somos lo que hay« (Jorge Michel Grau) – Kannibalen haben’s auch nicht leicht. »Howl« (Rob Epstein, Jeffrey Friedman) – Ode an ein Gedicht: mal was anderes.

Und ach so, der Film »Let Me In« war bereits auf der 2010er Liste erschienen, kein Mensch weiß warum. Er startete in Deutschland erst Mitte Dezember 2011, über ein Jahr nach seiner Weltpremiere im September 2010, auch ein Skandal eigentlich. Der Text ist noch mal derselbe wie letztes Jahr.

Soweit jetzt also das Kinojahr 2011. Bis nächstes Jahr,
San Andreas
 

Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (1/2012)

Leipzig, 30. Januar 2012, 14:38 | von Paco

Über den Dächern von Danzig

1. Mole spotted above ground: Der Goldene Maulwurf 2011 a.k.a. »die Oscar Night des Feuilletons« (Die Presse).

2. Und morgen früh hier: DAS KINOJAHR 2011. (Von den Machern der Kinojahre 2010, 2009, 2008 und 2007.)

3. Einer der schönsten Essays des letzten Jahres, aus der »BELLA triste«: »Futter für die Bestie. 528 Wege … zum nächsten guten Buch«, von Stefan Mesch.

4. Herrlicher Geigenhass in der SZ (letzten Freitag, S. 11), Jens-Christian Rabe über Lana Del Rey, wunderbar.

5. »Ganz langsam sollten solche Sätze gelesen werden (welchen Grund kann es überhaupt geben, Literatur schnell zu lesen?)« (Gumbrecht über Musil)

6. »Es ist wunderbar, Figuren einfach auftreten lassen zu können.«

7. Demnächst große Regionalzeitungsgala, Anlass ist die 50. Folge unserer beliebten Serie »Regionalzeitung«.

8. »Wolfram von Eschenbach, beginne!« (2. Aufzug, 4. Szene)
 

In Dostojewskis Banja

St. Petersburg, 29. Januar 2012, 16:15 | von Baumanski

Auf Barclay de Tollys Schultern liegt etwas Schnee, als ich am Samstag­mittag an seiner Statue vorbeilaufe. Der dauerbewölkte Himmel und das graue Semifreddo der Kanäle lassen St. Petersburg in diesem lauwarmen Januar etwas düster wirken. Ich treffe mich mit Ivan Borisowitsch in der Stolovaja, und er stochert in seinen Kohlrouladen herum, schwärmt von der Schönheit des sich ausdehnenden Univer­sums und beklagt sich über dies und jenes, bevor er abrupt aufbricht.

Ich bleibe noch etwas sitzen und lese weiter in Wenedikt Jerofejews schönem Säuferroman (oder Poem, wie es der Autor in bester gogol­scher Tradition nennt) »Moskau – Petuschki«. Doch schon nach ein paar Seiten holt mich die nicht weniger hochprozentige Realität ein, als der Alkoholiker am Nebentisch, der gerade in nicht mehr als zehn Minuten eine Flasche armenischen Kognak geleert hat, derbe Schimpf­wörter ins Telefon zu schreien beginnt. Eine Frau schüttelt immer wie­der missbilligend den Kopf, und ich gehe lieber rasch nach draussen.

Ich bin sowieso in der Eremitage verabredet, wohin mich zwei Bekannte, eine Restauratorin und ein äusserst begeisterungsfähiger Kunsthistoriker, zu einer leicht chaotischen Privatführung eingeladen haben. Die beiden diskutieren über Rubens’ unproportionale Pferde und Rembrandts mässig schöne Frau (»Aber er hat sie geliebt«) und viele andere Sachen. Irgendwie kommen wir auf die neue U-Bahn-Station im Zentrum zu sprechen und es steht die Frage im Raum, ob man die scheusslichen Mosaike darin als postmodern bezeichnen könne. Man könne, findet der Kunsthistoriker, denn der russische Postmodernismus sei »бессмысленный и беспощадный«, sinnlos und erbarmungslos.

Am Abend besuche ich mit unserem Freund, dem Opernsänger, die öffentliche Banja, in die angeblich schon der omnipräsente Dostojewski zu gehen pflegte: Dampf, Birkenzweige, kaltes Wasser und vor allem schwitzende Wänste. Straffe und faltige, behaarte und unbehaarte, mehr und weniger aufgedunsene. Eine gute Stunde verbringen wir in der Schwitzanstalt, und danach gibt es Bier.

Gegen Mitternacht sitze ich dann einmal mehr in irgendeiner Gemein­schaftsküche in irgendeinem alten Haus mit irgendwelchen Leuten. Ich kenne zwar nur die Hälfte davon, aber die Diskussion ist lebhaft, es geht schliesslich um kulinarische Fragen. In der Hitze des Gefechts lasse ich mich zu der Behauptung verleiten, dass sich die russische Küche zur französischen verhalte wie die Ikonenmalerei zum Impressionismus, und damit sind natürlich wieder mal nicht alle einverstanden.
 

Vossianische Antonomasie (Teil 22)

Leipzig, 28. Januar 2012, 07:59 | von Paco

 

  1. der Richard Gere des Berner Oberlandes
  2. der Justin Bieber der Kreidezeit
  3. der Stauffenberg der Pressefreiheit
  4. der Jörg Pilawa der klassischen Musik
  5. die Maren Gilzer der Social Media

 

Yellow Dots

Den Haag, 27. Januar 2012, 16:15 | von Luisa

Niesel auf Autobahnen und Gewerbegebiete, Bäume kahl, Kühe weggesperrt. Holland im Januar: grau. In Den Haag pfeift ein übler Wind, also lieber gleich ins Museum.

Dort, im Mauritshuis, überwintert das berühmte holländische Licht auf Vermeers »Ansicht von Delft«. Fast zwei Drittel des Bildes nimmt der Himmel ein, außerdem gibt es Wasser zu sehen (die Schie) und einen teils besonnten, teils schattigen Streifen Delfter Dächer hinter der Stadtmauer. Irgendwo darin soll das »petit pan de mur jaune« stecken, eine Mauerecke, so gut gemalt, »daß sie allein für sich betrachtet einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme«, was der Schriftsteller Bergotte gerade noch wahrnimmt, bevor er zusammenbricht und Proust zu einem seiner kürzesten Sätze inspiriert: »Er war tot.« (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Die Gefangene).

Zweifellos ist es das meistzitierte Mauerstück der Literatur, zweifelhaft ist, ob es außerhalb der Literatur überhaupt existiert. Dieter E. Zimmer beispielsweise suchte lange und gründlich und behauptete in der SZ: Nein. Kein Gelb, nirgends. Lange vor ihm sind jedoch verschiedene Autoren an verschiedenen Stellen fündig geworden.

Seit den zwanziger Jahren pilgern ganze Pulks von Proustiens nach Den Haag, um die Mauerecke zu suchen, »welche mit so viel Können und letzter Verfeinerung ein auf alle Zeiten unbekannter und nur notdürftig unter dem Namen Vermeer identifizierter Maler einmal geschaffen hat«.

Proust jedenfalls nutzte das Mauereckchen zu einem Ausflug in die Transzendenz, indem er von der Perfektion, mit der die Mauerecke gemalt ist, auf die Möglichkeit einer jenseitigen Welt schloss, in der dem Künstler das Verlangen nach solcher Perfektion eingepflanzt wurde. Kitschig auch der Satz über die in den Schaufenstern der Buchhandlungen aufgestellten Bücher Bergottes, die nach seinem Tod »wie Engel mit entfalteten Flügeln« die Auferstehung der Autorseele andeuten.

»Gezicht op Delft« ist das größte Bild, das Vermeer je gemalt hat (98,5 × 117,5). In zwei Meter Entfernung auf einem Rundsofa sitzend (wie das, auf welches Bergotte niedersank), sehe ich es von unten, während der Maler den Blick von oben wählte, wahrscheinlich den aus einem im zweiten Stock gelegenen Fenster. Diese unten-oben-Simultanschau ergibt einen ganz eigenen Effekt, der sich noch zu der Tiefenwirkung addiert; man blickt gleichzeitig als Maulwurf und als Möwe bis hinter die Nieuwe Kerk.

Aus der Nähe ist dann zu sehen, wie der Glanz und das Leuchten auf Mauern und Dächer und Wasser zustande kommen: Zahllose gelbe Pünktchen, getupft mit einem Pinsel von höchstens drei Haaren, sind über die Fläche verstreut. Dazwischen schwimmen nicht sehr realistische Farblinien, z. B. hellblaue an einer Schiffsreling. Der Effekt ist geheimzinnig en mysterieus und stimmt milde gegen metaphysische Mauerecken.


Das Mauritshuis wird ab April renoviert und für lange Zeit geschlossen. Die Bilder werden dann im Gemeentemuseum gezeigt.