100-Seiten-Bücher – Teil 54
Elfriede Gerstl: »Spielräume« (1977)

Berlin, 6. April 2013, 11:25 | von Josik

Das Buch »Spielräume« wird hie und da als Elfriede Gerstls ›einziger Roman‹ bezeichnet, dabei trägt es in Wirklichkeit gar keine Gattungs­bezeichnung, sondern ist einfach nur eines der wunderbarsten Bücher, die jemals geschrieben wurden. Es ist schwer, sich für ein charakteristisches Zitat aus diesem Buch zu entscheiden, weil man im Grunde jeden einzelnen Satz zitieren müsste, es ist ein Wunderwerk an Lakonie.

Ganz besonders herrlich aber fand ich diesen Satz, den man sich als Lebensmaxime zu eigen machen sollte: »ich halte nichts von Problemen«. Als ich ziemlich genau in der Mitte der Seite 25 diesen tollen Satz gelesen habe: »ich halte nichts von Problemen«, fiel mir wieder eine Stelle aus einem Interview ein, das Peter Scholl-Latour im November 2001 der Zeitschrift KONKRET gegeben hat. Da sagt Scholli: »Wenn ein souveräner palästinensischer Staat gegründet wird, wäre Israel existentiell bedroht.« Darauf fragt ihn die KONKI: »Und wie würden Sie das Problem lösen?« Scholli sagt lakonisch: »Gar nicht.« Die KONKI fragt irritiert: »Warum?« Und Scholli stellt die sehr berechtigte Gegenfrage: »Sie meinen auch, daß man alle Probleme lösen muß?«

Wer sich eingehender mit Elfriede Gerstl beschäftigen möchte, dem sei übrigens noch Herbert J. Wimmers Arbeit »In Schwebe halten – Spielräume von Elfriede Gerstl« nahegebracht. Dort ist in Faksimile z. B. ein Brief abgedruckt, den Walter Hasenclever 1963 an Elfriede Gerstl geschrieben hat, und in diesem Brief heißt es: »Falls Sie am Flughafen Tempelhof ankommen, könnten wir uns am Eingang zum Gepäckabholeplatz treffen; wir würden daran kenntlich sein, daß wir die ›Hundejahre‹ von Günter Grass sichtbar tragen.« Die »Hundejahre« von Grass als Erkennungszeichen – ist das nicht komisch!

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Elfriede Gerstl: Spielräume. Linz: Ed. Neue Texte 1977.

Elfriede Gerstl: Spielräume. Mit einem Nachwort von Heimrad Bäcker. Neuauflage. Graz; Wien: Literaturverlag Droschl 1993.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 53
Édouard Dujardin: »Geschnittener Lorbeer« (1887)

Paris, 5. April 2013, 01:20 | von Niwoabyl

Das Wagnerjahr wollte ich nicht verstreichen lassen, ohne einmal an Édouard Dujardin erinnert zu haben, den Gründer der französischen »Revue wagnérienne«. Interessanterweise betitelte der vergessene Symbolist seinen epochalen Hundertseiter nicht »Winterstürme wichen dem Wonnemond« oder so, sondern »Les Lauriers sont coupés«, nach dem zweiten Vers des berühmten alten französischen Kreisliedes »Nous n’irons plus au bois«, nicht weniger ohrwurmhaft, dafür aber einen Deut pessimistischer. Über die eigentliche Bedeutung dieses Titels lässt sich prächtig spekulieren, selbst Petrarca wird dazu bemüht, was man ein bisschen weit hergeholt finden darf. Eigentlich soll das Liedlein, heute noch französischer Pausenhofhit, die Gründung der ersten Versailler Bordelle kommemoriert haben, und im Buch geht es ja auch um käufliche Liebe.

Erzählt wird ein Abend im Leben eines »Studenten«, der gleich anfangs gesteht, dass er sich nicht sonderlich um Jura kümmert. Da er im Paris des Fin de siècle lebt, bleiben ihm freilich drei ausgesuchte Betätigungsfelder: die oberflächlichen Gespräche mit Künstlerfreunden, das einsame Essen in deprimierenden Cafés (man fühlt sich an Huysmans‘ großartigen »À vau-l’eau« erinnert) und schließlich das Theater, will sagen: das abendliche Warten auf Schauspielerinnen, mit denen sich eventuell Liebschaften anfangen lassen.

Amüsant ist vor allem die wilde Stilmischung, ein wirkliches Fin-de-siècle-Potpourri, von derben, »authentischen« Ausfällen über komische Szenen zum entfesseltesten symbolistischen Gefasel. Der Auftakt zum Beispiel möchte gern so etwas sein wie ein Prosa gewordenes »Rheingold«-Vorspiel, mit einer Erzählstimme, die aus dem Nichts entsteht und sich allmählich in den Abend hineinmaterialisiert. Und nach nur ein paar Seiten schon will der Besitzer besagter Stimme im Café eine Frau durch gezieltes Billettzustecken anbaggern. Dann freilich verzichtet er darauf und macht sich ihr erst dadurch bemerkbar, dass er sorgfältig sein Billett zu kauen beginnt. So schnell verlässt man hier Bayreuth zugunsten der Vaudeville-Bühne.

Obwohl die Erzählung das erste bekannte Beispiel eines buchlangen inneren Monologs sein soll – so will es die Literaturgeschichte –, fühlte ich mich eben eher an die vielen komischen Monologe erinnert, die damals Furore machten, etwa an Georges Courtelines »Théodore cherche des allumettes«. Darin tappt die beschwipste Hauptfigur eine halbe Stunde auf der Suche nach Streichhölzern im Dunkeln, somit allerhand Kataströphchen verursachend, die er zur Freude des Publikums laut kommentiert. Das ist immer noch sehr lustig, und so was Hochkomisches hätte Dujardin wahrscheinlich auch drauf gehabt. Wäre er nur nicht Mallarmé-Freund gewesen.

Länge des Buches: ca. 146.000 Zeichen (frz.). – Ausgaben:

Édouard Dujardin: Geschnittener Lorbeer. Roman. Aus d. Franz. von Günter Herburger. Köln; Berlin: Kiepenheuer u. Witsch 1966.

Edouard Dujardin: Die Lorbeerbäume sind geschnitten. Dt. von Irene Riesen. Nachwort von Fritz Senn. Zürich: Haffmans 1984.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Velázquez

Madrid, 3. April 2013, 22:43 | von Dique

Ich bin drei Tage in Madrid und nehme als erstes Infobit mit, dass es im Louvre keinen einzigen Velázquez gibt. Und das, wo doch in Orléans, in Rouen und selbst in São Paulo einer hängt. Aber der Louvre, das Museum mit der z. B. auch höchsten Leonardo-Dichte, hat einfach keinen. Ich nehme das also zur Kenntnis, während wir durch den Prado laufen, wo es wiederum so vor Velázquessen wimmelt, dass man es kaum aushält. Man kann sich kein Bild wirklich anschauen, weil gleich daneben das nächste Spitzenstück hängt.

Velázquez ist natürlich auch ein schöner Name, vielleicht reden wir auch deshalb so viel von ihm, um immer wieder Velázquez sagen zu können. Mir gefällt eigentlich die Malerei von Ribera viel besser, auch wenn der natürlich rein technisch gesehen keineswegs besser ist, aber der Name hat natürlich gegen Velázquez keinen Klang.

Irgendwann reden wir dann doch noch über was anderes, leider ist das neue Thema der frühe Rubens, und zu Rubens muss ich mich immer ziemlich zwingen. Zu allem Übel läuft auch gerade eine große van-Dyck-Ausstellung, Rubens-Schüler bekanntlich, und diese Ausstellung laufen wir noch schnell Stück um Stück ab, nach jeder Ecke hoffe ich auf ein Ende, aber für eine lange Zeit schließt sich ganz verwinkelt immer direkt der nächste Raum an.

Es dauert etwas, bis wir endlich in die Dauerausstellung gelangen, in der wir dann leider auch gleich auf die Venezianer stoßen. Tizian ist ja immer herrlich und hier hängt auch das Wahnsinns-Reiterportrait von Karl V. auf dem Mühlberg, das beste aller Reitergemälde, noch besser als die Philipp-IV.-Reiterportraits von Velázquez. Aber wir stoßen zuerst auf den venezianischen Schrecken von Veronese und Tintoretto. Irgendwann ist der auch vorbei, aber dann müssen wir leider schon los, weil wir noch zur Vorbesichtigung bei Ansorena wollen. Dort gibt es neben zwei van Dycks im Freiverkauf auch einen sehr, sehr guten Meister von Frankfurt. Der steht im Obergeschoss einfach so auf einem klassizistischen Stuhl rum, ebenfalls im Freiverkauf zum stattlichen Preis.

Dann gehen wir endlich was essen und bestellen Percebes. Denn ein Paar am Fenster hat diese ungewöhnlichen Dinger auf dem Teller liegen, und wir fragen aus Neugier nach. Die Dame, die auf jeden Fall einem Rubensgemälde entstiegen ist und nun nach einem harten Tag an den Wänden des Prado hier ihren Feierabend begeht, sagt uns, dass es sich eben um Percebes handele, was wir akustisch erst nach einigen Nachfragen verstehen.

Die Percebes sind so länglich und krustig und sehen aus wie Schildkrötenfüße, man dreht sie auf und isst das salzige, rosa Innere, die Konsistenz liegt zwischen Muschel und Calamares. Ich texte einer einheimischen Freundin, doch die Antwort erreicht mich erst am nächsten Morgen: »Percebes are some kind of seafood. They are disgusting und expensive. Don’t order them.« Mittlerweile wissen wir, dass es sich um sogenannte Entenmuscheln handelt. Sie sind expensive und disgusting und ich werde sie nicht noch einmal bestellen.
 

Die Racine-Charts

Paris, 2. April 2013, 19:55 | von Niwoabyl

Die 12 Stücke von Racine, objektiv geordnet nach Qualität:

1. Andromaque (1667)
Ohne Worte, das Stück der Stücke!

2. Les Plaideurs (1668)
Die mit Abstand lustigste Komödie des 17. Jahrhunderts!

3. Britannicus (1669)
Action pur!

4. Bérénice (1670)
« Hélas ! »

5. Mithridate (1672)
Kennt kein Mensch und hat daher auch niemand gelesen, deshalb.

6. Phèdre (1677)
Gehört eigentlich in die Top-3, wird aber eh schon zu viel gelobt.

7. La Thébaïde (1664)
Jugendstück Nr. 1, keine Erinnerung mehr daran, außer dass es irgendwie okay gut war.

8. Alexandre le Grand (1665)
Jugendstück Nr. 2, dito.

9. Bajazet (1672)
Eigentlich langweilig, aber die hinter der Bühne wartenden Henker sind großartig. Wenn Bajazet die Bühne verlässt, ist er tot.

10. Esther (1689)
Alttestamentliche Tragödie 1, unlesbar.

11. Athalie (1691)
Alttestamentliche Tragödie 2, dito.

12. Iphigénie (1674)
Ein Happy End, unfassbar, so was geht doch nicht, trotz Euripides!

 

100-Seiten-Bücher – Teil 52
Joseph Brodsky: »Ufer der Verlorenen« (1989)

Leipzig, 31. März 2013, 16:05 | von Paco

Brodsky war seit 1972 jeden Winter für ein paar Tage oder Wochen in Venedig und hat deshalb 17 Jahre später dieses schöne kleine Pamphlet darüber veröffentlicht. Es erschien 1989 zunächst in italienischer Übersetzung unter dem ursprünglichen Titel »Fondamenta degli incurabili«, das englische Original dann in erweiterter Form als »Watermark«. Es liegt nun die Vermutung nahe, dass Brodsky dieses Buch geschrieben hat, um weitere Touristen davon abzuhalten, in seine Winterresidenzstadt zu reisen. Immerhin war er damals schon Nobelpreisträger, seinen Worten wird also einiges Gewicht beigemessen worden sein.

Brodsky selbst ist jedenfalls der beste aller Touris, was er auch unumwunden zugibt. Angewidert ereifert er sich über andere und vor allem deutsche Pauschalreisende und macht seine Leser ebenfalls zu Touristen, die sich wiederum über Brodsky aufregen sollen. Denn er mag zum Beispiel Wagner und Tschaikowski nicht, was provozierend unoriginell ist, und außerdem rechnet er auf wohlfeile Weise mit Ezra Pound ab. Zusammen mit Susan Sontag besucht er dessen Witwe, die ihnen den Gefallen tut, die Machenschaften ihres verstorbenen Mannes unaufgefordert mit einer elend langen Rechtfertigungsrede zu verteidigen. Brodskys Bericht von diesem Besuch wirkt so unangenehm gerecht wie damals Michael Moores Visite beim armen NRA-Maskottchen Charlton Heston, aber wie gesagt, das ist sicher genau so auch beabsichtigt.

Insgesamt hat der Venedigveteran für den Band 48 Kurztexte versammelt, lose verbundene Impressionen mit poetischem Mehrwert, wobei das jetzt unbedingt positiv gemeint ist. Denn wer literarische Beschreibungen des Geruchs von gefrorenem Seetang liebt, muss dieses Buch unbedingt lesen.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. München; Wien: Hanser 1991.

Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. Mit Photographien von Peter-Andreas Hassiepen. München; Wien: Hanser 2001.

Joseph Brodsky: Ufer der Verlorenen. Aus dem Amerikanischen von Jörg Trobitius. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 2002. S. 5–94 (= 90 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 51
Eduard Mörike: »Mozart auf der Reise nach Prag« (1855)

Berlin, 28. März 2013, 15:53 | von Josik

Diese gewitzte und raffiniert gebaute Novelle gehört zu Mörikes Knüllern. Wer den originellen Wolfgang Amadeus Mozart und seine bezaubernde Gattin Constanze noch nicht ins Herz geschlossen hat, wird dies spätestens nach der Lektüre dieses herzerfrischenden Werkes tun. Was man einem Schwaben wie Mörike vielleicht nicht vorwerfen kann, was man ihm letztlich dann aber vielleicht doch vorwerfen muss, ist allerdings, dass er Wolfgangs bzw. Constanzes Dialekt nicht authentisch wiedergegeben hat, sondern eben nur so, wie ein Schwabe sich vorstellt, dass Österreicher reden.

Da ist dann statt von einem ›Backhendl‹ absurderweise von einem »Backhähnl« (S. 11) die Rede, später in anderem Zusammenhang noch von einem »Wäldel« (S. 13), und man sagt sogar: »Ja, gelten S‘, Freundin«. In diesem niedlichen Tonfall geht es immer weiter. Mit einem Wort: Mörike lässt die Mozarts wie Volldeppen klingen. Zum Beispiel das Personal bei Ludwig Ganghofer drückt sich ganz ähnlich aus: »Ja, Fräuln! Aber den Vater muß ich verentschuldigen, daß er heut nix anders hat als bloß a Bröserl Butter und a Töpferl Milli. Morgen bring ich schon werden was. Gelten S‘, ich därf morgen wiederkommen?«

Saukomisch aber ist es dann, wie Mörike im Text das Liedchen »Giovinette, che fatte all’amore« zitiert und in einer Fußnote die Stelle »La la la!« wie folgt ins Deutsche übersetzt: »Tra la la!« (S. 53) Als Vea Kaiser übrigens neulich ihren Roman »Blasmusikpop« publiziert hat, ist es auch Sigrid Löffler sauer aufgestoßen, dass der dort dargebotene »Kunst-Dialekt […] für Kenner des Österreichischen […] eher nach Wiener Unterschicht-Jargon als nach alpenländischer Mundart klingt«, und Frau Löffler verweist auch noch mal eindringlich auf das Faktum, dass man in Österreich nicht ›Hackfleisch‹ sagt, sondern ›Faschiertes‹.

Länge des Buches: ca. 128.000 Zeichen. – Ausgaben:

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Eine Novelle. Mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag und einem Nachwort von Traude Dienel. Frankfurt/M.: Insel Verlag 1979. S. 7–107 (= 101 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Novelle. Mit 12 Illustrationen von Karin Rauhut. Rudolstadt: Greifenverlag, 4. Auflage 1984. S. 3–88 (= 86 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Novelle. Stuttgart: Reclam 1987. S. 1–75 (= 75 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. [Originalfassung Stuttgart und Augsburg 1856 in der Reihe »Bibliothek der Erstausgaben«.] Hrsg. von Joseph Kiermeier-Debre. München: dtv 1997. S. 5–88 (= 84 Textseiten).

Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag. Mit einem Nachwort von Hugo Rokyta. Prag: Vitalis Verlag, 2. Auflage 2003. S. 5–101 (= 97 Textseiten).

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Willi Winkler und der Ulf-Poschardt-Mythos

Leipzig, 23. März 2013, 12:52 | von Josik

Die Feuilletonforschung muss ihr Arbeitsgebiet nunmehr auch auf die Glamour-Zeitschrift GALA ausdehnen. Am vergangenen Sonntag, gerade als die Buchmesse dabei war, zu Ende zu gehen, machte Marcuccio in irgendeiner zwischen dem Café Puschkin und dem Hotel Seeblick gelegenen, komplett atmofreien Bäckerei mich nämlich darauf aufmerksam, dass der Aufmacher der damals aktuellen GALA von niemand Geringerem als Willi Winkler stammt.

Auf Wikipedia steht, das Motto der Zeitschrift GALA sei: »Gute Nachrichten und schöne Bilder statt negativer Schlagzeilen und Leid«. Und es bestätigt sich hier wieder einmal, dass man Wikipedia grundsätzlich nichts glauben soll. Denn wie nicht anders zu erwarten, führt Willi Winkler das besagte Motto gewohnt subversiv ad absurdum. Gute Nachrichten gibt es in seiner Titelgeschichte schlichtweg nicht, geht es darin doch um den gereiften, aber auch um den jungen Karl-Theodor zu Guttenberg.

Der erste, von der GALA-Redaktion stammende Satz unter einem Foto von Willi Winkler lautet: »Willi Winkler ist einer der renommiertesten deutschen Autoren.« Was die GALA-Redaktion dann aber im zweiten Satz dieser Bildunterschrift über Willi Winkler schreibt, ist die Tatsachenbehauptung des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts. Dort steht: »Exklusiv für GALA arbeitet er sich am Guttenberg-Mythos ab«. Der Witz dabei ist, dass Willi Winkler sich exklusiv für GALA eigentlich weniger am Karl-Theodor-zu-Guttenberg-Mythos abarbeitet als vielmehr am Ulf-Poschardt-Mythos – freilich ohne Ulf Poschardt ein einziges Mal beim Namen zu nennen.

Ulf Poschardt wird als »ein amtlich anerkannter Ersteiger der sozialen Pyramide mit untrüglichem Blick« umschrieben, und Willi Winkler zitiert aus einem 2009 in der »Welt« erschienenen Artikel von Ulf Poschardt die folgenden beiden Sätze – den ersten Satz wörtlich, den zweiten Satz nur partiell: »Ein promovierter Adliger mit einer ebenso adligen, attraktiven Frau als Hoffnungsfigur einer betont sozialen Volkspartei ist in der Heimat des Egalitären eigentlich unmöglich. Wird solches als List der Geschichte möglich, gibt es der Figur ein Profil und eine Authentizität, welche in der Politik fast erodiert war.«

Als Willi Winkler ein weiteres Mal Ulf Poschardts Namen umgeht, bezeichnet er ihn bloß als einen »Analytiker beim Abhorchen der sozialen Verhältnisse«. Besonders macht Winkler sich über Poschardts Wendung »List der Geschichte« lustig, indem er sie im vorletzten Satz seiner Story gehässigerweise noch einmal ironisch zitiert. Wenn es Schule machen sollte, dass solche genuin feuilletonistischen Kämpfe künftig vermehrt in der Yellow Press ausgefochten werden, so steigt die Spannung natürlich ins Unermessliche: Wird Ulf Poschardt einen Gegenangriff publizieren, und wenn ja, wo? Im »Gartenspaß«? Im »Umblätterer«? Im »Metal Hammer«?
 

Ganz viele Filme:
Das Kinojahr 2012

Hamburg, 21. März 2013, 01:52 | von San Andreas

Kinojahr 2012 Einklinker Also, viel länger als Oscar wollte sich der Umblätterer auch nicht Zeit lassen für die traditionelle Kinojahres­rückschau (vgl. 2011, 2010, 2009, 2008, 2007). Hier also wieder eine Revue der passabelsten und am-meisten-drüber-geredetsten Filme, die letztes Jahr bei uns in die Kinos gekommen sind. Diesmal ohne Ranking als bunte, ungeordnete Liste ohne Sternchen und Zeug plus einer Handvoll Blindgänger hinterdrein. Zu den ausführlichen Texten geht es hier bzw. direkt über die einzelnen Titel:

»Take Shelter« (Jeff Nichols)
»Argo« (Ben Affleck)
»Amour« (Michael Haneke)
»The Descendants« (Alexander Payne)
»Life of Pi« (Ang Lee)
»The Artist« (Michel Hazanavicius)
»Drive« (Nicolas Winding Refn)
»Prometheus« (Ridley Scott)
»Monsieur Lazhar« (Philippe Falardeau)
»Extremely Loud and Incredibly Close« (Stephen Daldry)
»Skyfall« (Sam Mendes)
»Looper« (Rian Johnson)
»Intouchables« (Olivier Nakache, Éric Toledano)
»Tinker Tailor Soldier Spy« (Thomas Alfredson)
»Hugo« (Martin Scorsese)
»Bir Zamanlar Anadolu’da« (Nuri Bilge Ceylan)
»War Horse« (Steven Spielberg)
»Moonrise Kingdom« (Wes Anderson)
»The Dark Knight Rises« (Christopher Nolan)
»Beasts of the Southern Wild« (Benh Zeitlin)
»Cloud Atlas« (Tom Tykwer, Andy & Lana Wachowski)
»Moneyball« (Bennett Miller)
»The Hobbit: An Unexpected Journey« (Peter Jackson)
»Le gamin au vélo« (Jean-Pierre & Luc Dardenne)
»Chronicle« (Josh Trank)

Blindgänger:

»To Rome with Love« (Woody Allen)
»Battleship« (Peter Berg)
»Twixt« (Francis Ford Coppola)
»J. Edgar« (Clint Eastwood)
»Dark Shadows« (Tim Burton)

*

Ach so, noch ein paar lobende Erwähnungen:

»Young Adult« (Jason Reitman) – Charlize Theron als Nicht-Erwachsen-Werden-Wollende. »The Iron Lady« (Phyllida Lloyd) – nur kuckbar wegen Frau Streep. »John Carter« (Andrew Stanton) – macht mehr Spaß als die Kritik erlaubt. »The Girl with the Dragon Tattoo« (David Fincher) – so gut wie das Original, mindestens. »The Pirates! Band of Misfits« (Peter Lord) – völlig irres Knetspektakel. »Martha Marcy May Marlene« (T. Sean Durkin) – verstörendes Psychodrama über Sekten und Identitätsverlust. »The Hunger Games« (Gary Ross) – besser als das Buch, so they say. »Holy Motors« (Leos Carax) – kryptisches Kunstkino, aber nicht uninteressant. »The Avengers« (Joss Whedon) – kolossales Superhelden-Gipfeltreffen. »50/50« (Jonathan Levine) – sehr gute Krebsdramödie. »We Bought a Zoo« (Cameron Crowe) – netter, wirklich netter Familienfilm. »We need to talk about Kevin« (Lynne Ramsay) – schlechte Erziehung oder von Geburt an böse – außergewöhnliches Drama mit einer großen Swinton. »Premium Rush« (David Koepp) – kurzweiliger Kinetik-Knaller im Messenger-Milieu. »The Angels’ Share« (Ken Loach) – Verschnitt aus Sozialdrama und Gaunerkomödie, warm im Abgang. »Seven Psychopaths« (Martin McDonagh) – genau wie »In Bruges«, nur anders. »Shame« (Steve McQueen) – intensive Charakterstudie um Sucht und Schande.

Soviel zum Kino 2012, bis nächstes Jahr,
San Andreas
 

100-Seiten-Bücher – Teil 50
Peter Handke: »Versuch über den Stillen Ort« (2012)

Berlin, 18. März 2013, 12:45 | von Josik

Leider kommt Der Umblätterer nicht umhin, einen philologischen Skandal riesenhaften Ausmaßes aufzudecken. Auf dem Cover dieses epochemachenden ›Versuchs‹ ist nämlich der größte Teil der ersten Manuskriptseite abgebildet. Man sieht dort Handkes wunderschöne, gestochen scharfe Handschrift; wie üblich hat er alles mit Bleistift geschrieben.

Einzelne Wörter auf dieser Manuskriptseite sind durchgestrichen. Wenn man die Manuskriptseite auf dem Cover nun mit dem Beginn des gedruckten Fließtextes, im Buch ab Seite 7, kollationiert, stellt man fest: Die Worte, die im Manuskript gestrichen sind, kommen auch im gedruckten Text nicht vor. So weit hat also alles seine Richtigkeit. Im ersten Satz des ›Versuchs‹ berichtet Handke, dass er vor langer Zeit einmal einen Roman des englischen Schriftstellers A. J. Cronin gelesen habe, und er löst in einer Parenthese die Initialen dieses Autornamens wie folgt auf: »›Archibald Joseph‹, wenn ich mich nicht irre«. Haargenau so ist es auch auf dem Cover zu sehen – großartig!

Im dritten Satz gibt Handke eine knappe Inhaltsangabe des Cronin’schen Romans, so wie er sich an ihn erinnert. Liest man den gedruckten Text, so steht da: »Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (›wenn ich mich nicht irre‹).« Kuckt man nun aber den Text auf dem Cover an, die Manuskriptseite, das Original – so steht da etwas völlig anderes, nämlich: »Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (wiederum: ›wenn ich mich nicht irre‹)«. Das wiederum und der darauffolgende Doppelpunkt sind hier eindeutig nicht gestrichen, sondern Bestandteil der Handkehandschrift!

Warum sind im gedruckten Text dieses wiederum und der darauffolgende Doppelpunkt verschwunden? Steht hier Handke’sche Beschreibungspotenz gegen Suhrkamp’sche Editionsimpotenz? Dass ein Handkebuch erhaben ist, auch und gerade dann wenn es sich um ein poetologisches Scheißhaustraktat handelt, leuchtet ja unmittelbar ein. Umso unverantwortlicher sind also derartige Streichungsorgien, wie sie hier zelebriert wurden. Vielleicht wird Herr Dr. Fellinger oder wer auch immer einmal dazu Stellung nehmen müssen, wie es zu solchen Inkohärenzen kommen konnte.

Eine Erklärung dahingehend, dass die Streichung des Wortes wiederum und des hierauf folgenden Doppelpunkts in Absprache mit Handke erfolgt sei, wäre natürlich allzu billig und auch völlig unglaubwürdig, abstrus und aberwitzig, schließlich präsentiert uns hier ein und dasselbe Buch je verschiedene Seiten des gleichen Textes, von denen man mit Fug und Recht der abgebildeten Manuskriptseite eine höhere, werktreuere Autorität wird zubilligen müssen. Suhrkamp müsste gewarnt sein: Das unmögliche Schachbrettcover eines anderen Verlags wurde bereits zum ikonischen Zeichen für den »ahnungslosen Dilettantismus« Peer Steinbrücks.

Länge des Buches: ca. 90.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort. Berlin: Suhrkamp 2012. S. 5–109 (= 105 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

1813 — ein Jahr am Rand der Studienzeit

Leipzig, 8. März 2013, 13:47 | von Marcuccio

Kaufe ich mir 1813 jetzt für 6,60 Euro am Kiosk – oder durchklicke ich es kostenfrei bei Wikipedia? Seit Enzyklopädien immer redseliger werden, liest sich eben auch ein lexikografiertes Jahr erstaunlich süffig, wie ein historischer Newsticker.

Jahre überhaupt als Erzählung – vielleicht ist Florian Illies mit seiner Revue »1913« schon jetzt viel mehr gelungen als ein Bestseller: Er hat das aus dem History-TV bekannte Prinzip der szenischen Rekonstruktion sehr einschlägig ins Genre des erzählenden Sachbuchs transferiert. Vom »Spiegel« bis zu den Regionalzeitungen gab es Anfang 2013 kaum ein Medium, das diese Zeitmaschinenmasche (»Vor genau hundert Jahren«) im journalistischen Kleinformat nicht nachgeahmt hätte. Publizistisches Reenactment mag aus der Branche keiner sagen, weil ja Guido »ZDF-Emeritus« Knopp es miterfunden hat. Doch seit ganze Jahre auf den Histotainment-Laufsteg geschickt werden, dürfen auch 1913 und 1812 mal miteinander flirten.

Elke Heidenreich hausierte letzten Herbst hier und da mit diesem Gag: Sie habe sich auf einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer in »1913« vertieft, und ein jüngerer Mitpassagier an Deck hätte gerade »1812« gelesen, doch gar nicht weiter auf ihre Buchdeckel-Zeichen reagiert … Nicht auszudenken, wenn jetzt auch noch jemand seine Bord-Liege mit »1926« reserviert hätte. Ich selbst stehe inzwischen natürlich auch längst an der imaginären Reling und blättere konspirativ mein »Geo«-Heft »1813«.

»Geo« ganz normal übrigens, nicht »Geo Epoche« oder so, obwohl »1813« explizit als »Schicksalsjahr der Deutschen« tituliert wird und in der Spin-off-Logik von Gruner & Jahr mindestens ein »Geo Thema Epoche Geolino extra Spezial« oder so verdient hätte. Völkerschlachten stehen schließlich für Zäsuren, und da macht auch die Tatsache, dass »Geo« die ganze Titelgeschichte mit Spielszenenfotos der Trachtenvereine illustriert, das Jahr nicht kleiner.

Zur Ausgangsfrage, ob man das Jahr 1813 jetzt am Kiosk kaufen oder lieber bei Wikipedia nachlesen soll, zur Kernfrage also: ob der Journalismus im Jahr 2013 den narrativen Enzyklopädismus der Schwarmintelligenz noch schlägt, kann ich im vorliegenden Fall keine klare Antwort geben. Ich hätte 1813 gern hier wie da ein bisschen feuilletonistischer gehabt, und da kommt mir plötzlich noch Hodler in den Sinn: Ferdinand Hodler hat den »Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg 1813« auf monumentale Leinwand gebannt, das Bild hängt in der Aula der Uni Jena: Der Schimmelbesteiger, der Tornisterträger und vor allem der Mantelanzieher sind schon ziemlich kurios ikonisch für das, was uns Reenactment-Vereine, Chefhistoriker und Gedenkjournalismus in den nächsten Monaten noch zuhauf nacherzählen werden: die lange Mobilmachung zur Völkerschlacht.

»Straße des 18. Oktober« heißt eine bekannte Leipziger Studentenheim-Adresse, an der viele als Erstsemester ankamen, und gleich erst mal ein Urlaubssemester nahmen, nehmen mussten! Der Grund waren natürlich die ständigen Partys ganzen Recherchen zu der im Straßenraum stehenden Frage, was es denn mit diesem Datum auf sich habe. Heute sind alle möglichen Linkschleudern auf historische Dauerfeuer programmiert. Damals gab es für schnelle Antworten weder Wikipedia. Noch ein gefälliges »Geo«-Heft namens 1813.