Erleuchtung

Lyon, 29. Januar 2010, 12:24 | von Niwoabyl

Spannend bis in die Lesermeinungen hinein: die neue FAZ-Serie »Intellektuelle Erleuchtungen«. Im ersten Teil Henning Ritter über Descartes. In den Kommentaren dann folgendes Szenario:

  • am 13.01. um 18:31 – bibliografische Anmerkungen eines ziemlich sammelwütigen Lesers, Hinweise auf die Erleuchtungserlebnisse von Karl Marx und Charles Darwin, Lob Henning Ritters;
  • am 13.01. um 18:41 – derselbe Leser (sicher leider gar nicht der Helmut Hampl, von dem Google weiß, dass er von Beruf Tischten­nistrainer ist) fügt noch etwas zur theologischen Sicht der Erleuchtung hinzu und zitiert ermüdend lang aus der »Theologischen Realenzyklopädie«;
  • am 14.01. um 20:51 – ein anderer Leser meldet sich zu Wort, und zwar mit einer schönen Geschichte, in der es um dänischen Pan­theismus geht;
  • am 15.01. um 07:53 – Comic Relief: lustige Bemerkung eines wie­derum anderen Lesers über Descartes‘ äußere Erscheinung (und tatsächlich sieht Descartes auf dem Bild, das die FAZ-Leute ausgewählt haben, ganz gutgelaunt aus);
  • am 15.01. um 11:10 – na also: wilder Angriff auf Descartes und nebenbei auch auf Freud, denen der aufgeregte Leser Montaigne und Schopenhauer vorzieht;
  • am 15.01. um 14:10 – derselbe Leser hat drei Stunden später offenbar gedacht, er habe sich nicht klar genug ausgedrückt, und liefert eine Verallgemeinerung bzw. Theoretisierung, indem er aus ideengeschichtlicher Perspektive das Thema der intellektuellen Erleuchtung als Populismus verwirft, peng!

Nun freue ich mich sehr auf die Lesermeinungen, die der eben erschienene zweite Teil der Serie (Iris Wenderholm über Rousseau) veranlassen wird. Liebe FAZ.NET-Leserschar, enttäusch mich nicht!

Charles Matton in Jena

Jena, 28. Januar 2010, 14:15 | von Paco

Schnell nach Jena in die Charles-Matton-Ausstellung (in der Göhre, noch bis 21. Februar). Es ist ja die erste ihrer Art in Deutschland, und da hatte es sich selbst SP*N nicht nehmen lassen, darüber zu berichten. (An den anderen Feuilletons ist das vorbeigegangen. Schande, Schande, Schande!)

Die Genrebezeichnung der ausgestellten Werke lautet boîtes, Boxen. Das sind diese absonderliche Guckkästen, an denen Matton seit Mitte der Achtziger bis zu seinem Tod vor etwas mehr als einem Jahr herumgebaut hat. Sie zeigen das Zimmer einer unordentlichen Frau (Spielkarten, zerwühlte Decken, Revolver auf dem Kissen), Hotel­szenen oder Künstlerateliers, etwa die von Francis Bacon und Alberto Giacometti. Die Boxen lassen sich als bloße Kulissennachbauten interpretieren oder aber als extrem originäre Überkunst.

Die Logik der Spiegel

16 der insgesamt knapp 100 von Matton gefertigten Boîtes sind in Jena ausgestellt (daneben auch noch ein paar Dutzend Fotografien). Die Kantenlängen der Boxen, die in Sichthöhe aufgebahrt sind, betra­gen jeweils zwischen 50 und 100 cm. Die gläserne Frontseite gibt den Blick frei auf die jeweilige Miniaturszene. Durch die obere Abdeckung strömt ab und zu noch etwas künstliches Licht.

Die den realen Gegenständen nachgebildeten Einzelelemente in den Kästen hat Matton meist aus Kunstharz und Marmorstaub angefertigt. Das waren sicher so fitzelige Sessions wie damals vor 400 Jahren, als Adam Elsheimer seinen perfektionistischen Sternenhimmel auf diese eine Kupferplatte setzte. Das wichtigste Stilmittel aber sind (vor allem teildurchlässige) Spiegel, deren Logik nicht immer leicht zu durch­schauen ist. Sie verlängern einen Weinkeller, eine Hotelhalle oder gleich die Bibliothek zu Babel ins Unendliche.

Zeitungen, immer wieder Zeitungen

Bibliothèque de Babel (Box von Charles Matton)In der Box mit der Babel-Bibliothek, eine Hommage an Borges, sieht man naturgemäß volle Bücherregale und eben endlos scheinende Gänge. Matton hat die Szene aber eher frei gestaltet: An den Bücherrega­len hängen miniaturisierte Poster von Rimbaud, Proust, Joyce und anderen Kanonschriftstellern, das erinnert dann eher an ein Jugendzimmer. Und über dem Geländer hängt komischerweise eine »Wiener Zeitung«.

Und überhaupt, die Matton-Boxen lassen sich auch als Parteinahme pro Holzmedien lesen. Denn in fast allen Boxen stehen Bücher und liegen Zeitungen en miniature herum. Zeitungen, immer wieder Zeitungen. In einer leeren Hotelhalle flattert eine FAZ herum. In Sigmund Freuds Arbeitszimmer wieder die »Wiener Zeitung«. Sonst natürlich viele »Le Monde«-Exemplare, sogar auch noch in Sacher-Masochs Dachstube, wo eine »Le Monde« direkt vor einem Abu-Ghuraib-artig gefesselten Mann liegt, zusammen mit einer Ausgabe des »Chronicle« und einem aufgeschlagenen Buch.

Foto der Box »Bibliothek zu Babel«:
Stadtmuseum Jena

Willkürliche Superlative (Teil 1): Wann
wurde der schönste Satz aller Zeiten gesagt?

Lyon, 27. Januar 2010, 06:28 | von Niwoabyl

Der schönste Satz aller Zeiten wurde irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts n. Chr. in Ägypten, genauer: in den Wüsteneien der Thebais, gesagt, oder eher: geschrien, mit voller, vibrierender Stimme und mit einer erhabenen Geste der Weigerung samt hoch über den Kopf erhobenen Armen. Und zwar vom Anachoreten Palemon, der zum Glück Pachomios‘ Meister war, denn der inzwischen zum Heiligen avancierten Famulus hat den sublimen Satz in die Ewigkeit retten können.

« En ce temps-là, le désert était peuplé d’anachorètes … » (Anatole France: « Thaïs », auch nicht schlecht). Und am Abend saßen sie munter zusammen zum Abendbrot und -gebet und verzehrten mit Olivenöl übergossenes Salz.

Und siehe da, als Palemon des Öls ansichtig wurde, da durchfuhr ihn der Geist und ließ ihn verlautbaren:

»DER HERRGOTT WIRD GEKREUZIGT,
UND ICH, ICH, ICH ESSE ÖL?«


Die Nouvelle Revue Française vom 1. März 1935

Paris, 25. Januar 2010, 10:15 | von Paco

Die Zeitungen waren heute nicht geliefert worden, also ging ich hinaus Richtung Jardin du Luxembourg, um sie mir nachzuholen. Ich blieb auf halber Strecke in einem Antiquariat stecken und kaufte mir dann dort lieber eine alte NRF, die Ausgabe vom 1. März 1935, und ging gleich wieder zurück nach Hause.

Wie herrlich! Darin die Anfangskapitel von Malraux‘ »Le temps du mépris«. So ein gewaltiger Erzählschrott ist mir lange, lange, lange nicht mehr untergekommen. Genosse Kassner, von Beruf her jetzt also Protagonist dieses Romans, ist in die Fänge der Gestapo geraten, das ist dann im März 1935 eben frisch zeitgenössisch. Die Interrogations­szene gleich zu Anfang liest sich wie »CSI: Miami«, und das ist in diesem Fall negativ gemeint.

Vor Jahren hatte ich einen anderen Roman von Malraux, »L’Espoir«, lesen und anschließend zu Tode kommentieren müssen. Und obwohl das Buch viel besser ist als der übliche Malraux (auch zum Beispiel »Les Noyers de l’Altenburg« … aaaahh!), erinnere ich mich vor allem daran, dass wir ständig über die Stilblüten lachen mussten.

Zum Beispiel ergeht sich Malraux in so einer Art ausgeweiteter Lavater’scher Physiognomie und verbindet Gesichtszüge ständig mit dem Charakter oder dem Beruf (diese Intellektuellen! mit ihrer hohen kahlen Stirn! diese Bauern! mit ihrem quadratischen Schädel! diese Piloten! mit ihrer typischen krummen Nase! … sicher noch nicht die schlimmsten Beispiele).

Zurück zur NRF, denn dieses Hefterl ist so schön durchzublättern, so eine Monatsrundschrift im alten Stil mit lauter interessanten Sachen aus der zweiten Reihe, dargebracht mit einer uckermärkischen Lang­samkeit, einfach nur superst. Sowas war mir zuletzt vor ein paar Wochen beim Durchbrowsen einer alten »Sinn und Form« aus den Siebzigern passiert.

Irgendwie jedenfalls hatte mich auch der Anfang dieses Malraux-Romans letztlich zu fesseln begonnen, vielleicht sogar wegen dieser narrativen Latschigkeit, als der Text nach 20 Seiten mit einem »(à suivre)« abbrach, und da werde ich mal versuchen, die Folge-NRF aufzutreiben.

Ich könnte auch gleich den fertigen Roman irgendwo kaufen, aber das wäre natürlich witzlos.

Mario Perutz

Hamburg, 24. Januar 2010, 09:45 | von Dique

Ich hatte einem Bekannten irgendwann mal Leo Perutz empfohlen. Neulich traf ich diesen Bekannten auf einer Hochzeit wieder. Da stellte sich heraus, dass er inzwischen tatsächlich Perutz gekauft und gelesen hatte, und das nicht wenig.

Allerdings sprach er die ganze Zeit von Mario Perutz, deshalb fragte ich noch mal ganz vorsichtig nach dem Titel des Werks, über das er gerade geredet hatte. Er nannte es dann tatsächlich den »Schwe­dischen Reiter« und hat sich also nur den Namen des Autors falsch gemerkt.

Korrigiert habe ich ihn nicht, denn das geht ab einem bestimmten Zeitpunkt ja nicht mehr, und er sagte dann noch ein paar Mal Mario Perutz.

Kunstmarkt

Hamburg, 22. Januar 2010, 09:23 | von Dique

Auf kunstmarkt.com geht es, wie der Name schon sagt, um den Kunstmarkt. Wie im »Kunstmarkt« der FAZ am Samstag gibt es hier auch Berichte aus den Auktionshäusern.

Mit langweiligen Auflistungen, in denen die Verkaufspreise abgerollt werden, gibt man sich auf kunstmarkt.com aber nicht zufrieden. Johannes Sander, denn der schreibt die meisten der Berichte von der Auktionshausfront, hat sich dafür entschieden, diese durch wettkämpferische Sportlichkeit aufzuhübschen.

Hier werden nicht einfach Preise abgerollt. Hier wird die Atmosphäre während der Auktionen mit in den Text aufgenommen. Beim Lesen herrscht dann eine Stimmung wie auf der Pferderennbahn oder auf dem Fußballplatz. Künstler, zum Teil wieder auferstanden, gehen an die Startlinie oder treten in den Ring und fighten verbissen um den höchsten Sale.

Da macht sich ein Pastell von Édouard Vallet bei 27.000 Franken davon und bei Lempertz wird Jawlensky vor Liebermann Tagessieger. Der Zeitgenosse Rudolf Hausner legt mit 72.000 Euro einen fulminanten Start hin. Auf dem gegenüberliegenden Spielfeld finden die Alten Meister einmal mehr in Rembrandt ihren Herrn und Meister.

Und sobald man denkt, dass die Partie schon gelaufen ist, starten die Meister der Moderne noch mal mit einem wahren Paukenschlag durch, und der arme Max Liebermann landet bei irgendeinem Nebenwett­kampf abgeschlagen auf dem zweiten Platz.

Die Mona Lisa des Fußballs

Konstanz, 19. Januar 2010, 11:44 | von Marcuccio

Sport vs. Feuilleton: der Ressortvergleich. Der Sportteil bolzt Synonyme, das Feuilleton kultiviert Antonomasien.

Begegnet bin ich diesem offenen onomastischen Geheimnis gerade wieder in meiner, ja, Regionalzeitung, in einer Art Eigensprachanalyse des Sportteils. Es ging darum, dass mit Schumis Comeback nun natürlich auch »der Kerpener« wiederkommt. Der ewige Kerpener. So wie der Leimener und die Brühlerin und diese ganzen Synonyme überhaupt. Eingebrannt ins kollektive Gedächtnis.

Paul Biedermann kommt wahrscheinlich noch nicht überall als der Hallenser durch den Synonym-Scanner. Aber Sportfans wissen auch, dass man solche Synonyme (legendär auch: der Rostocker, der Merdinger, der Scherzinger) immer solange lesen, hören, schlucken muss, bis der (Doping-)Arzt kommt.

Richtig assoziieren

Was kann der Sport außer Synonymen? Er kann Vergleiche, wenn zum Beispiel Christoph Daum sagt: »Ronaldo ist wie Mona Lisa.« Was kein so ganz schlechter Vergleich war, auch wenn man eine Mona Lisa im Gegensatz zu vielem anderen Pariser Zeug ja noch eher selten auf dem Transfermarkt gesehen hat und auch das mit dem ins Stadion »hängen« noch mal genauer zu bedenken wäre.

Aus Vergleichen, die erst erklärt werden müssen, macht das Feuilleton zum Glück meistens schon vorher eine Antonomasie: »Die Mona Lisa des Fußballs« oder so. Da fragt keiner nach und jeder hätte in etwa natürlich trotzdem richtig assoziiert, was zu assoziieren war: zu exponiert, zu teuer, in Fachkreisen viele Gegner, aber alle wollen sie trotzdem sehen usw. usf.

Wenn im Sportjournalismus Antonomasien bemüht werden, kommt meist etwas Ungelenkes heraus: »Die Tour de Ski ist die Vierschanzentournee der Langläufer.« (ZDF) Man macht auf Antonomasie, landet qua Prädikation dann aber doch wieder nur beim profanen Vergleich. Da war RTL mit der »Formel 1 des Winters« schon mal weiter. Apropos.

Höher, schneller, weiter

Muss denn erst wieder ein Peter Richter zeigen, was die Disziplin Hochsprung alles kann. Sein Dubai-Artikel in der vorletzten FAS barg nämlich nicht nur den wohl zeitgemäßesten Eintrag ins neue Guiness-Buch der Rekorde:

»Von den technischen Daten her ist der Burj Khalifa (…) das, was beim Autoquartett der Superstecher war.«

Nein, es gab auch mal wieder eine Antonomasie vom Feinsten, Bezug nehmend auf westliche, europäische Vorbehalte gegen dieses neue höchste Haus der Welt und überhaupt gegen alle Gegner der Emirate und ihre Strategie, sich da jetzt die abendländische Kultur einzukaufen (Stichwort: Louvre-Dependance in Abu Dhabi):

»Man darf davon ausgehen, dass die üblichen Ressentiments dem neuen Prunk am Golf gegenüber in etwa dem entsprechen, was einem italienischen Mönch des 18. Jahrhunderts durch den Kopf gegangen sein mag, wenn er daran dachte, wie jenseits der Alpen, in [Achtung!] den Dubais des Nordens neureiche Potentaten italienische Kunst und Kultur zusammenkauften.«

Schreibt Peter Richter, den die Sportjournalisten an dieser Stelle wohl standesgemäß den Elbflorenzer nennen müssten, hehe.

Regionalzeitung (Teil 21) — SZ-Spezial

Leipzig, 18. Januar 2010, 08:53 | von Austin

 
  101.   erläutert der Regierende Bürgermeister fachmännisch

  102.   drängeln sich etwa 900 Gäste

  103.   und verrät, dass sie gleich drei Handys bei sich trägt

  104.   verspeist gutgelaunt zwei Portionen Schnitzel mit Kartoffelsalat

  105.   zu später Stunde
 

alles gefunden in:
Süddeutsche Zeitung, 14. Januar, S. 9,
über die »Nacht der Süddeutschen Zeitung«

 

Kaffeehaus des Monats (Teil 50)

sine loco, 17. Januar 2010, 09:01 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Café Cantona, Leipzig, verschwommen wie immer (keine Zeit), thx to walloftime.net

Leipzig
Das Café Cantona in der Windmühlenstraße.

(Jubiläumswoche beim Umblätterer. 5 Jahre Goldener Maulwurf und
nun noch das 50. Kaffeehaus des Monats. Im Cantona wurde vor
einigen Jahren das Consortium Feuilletonorum Insaniaeque gegründet.
Und zwar unmittelbar im Anschluss an ein Gespräch über die einzige
lustige Stelle in der »Pietisterey im Fischbein-Rocke«, dem bekanntes-
ten Werk der Gottschedin. – Ansonsten empfehlen wir, den im Cantona
erfundenen Drink HEIDEGGER zu nehmen, »an awesome yet some-
what taxing double shot drink that combines VODKA and KORN«.)
 

»Dabei gibt es auch ostdeutsche F.A.Z.-Leser!«

Konstanz, 15. Januar 2010, 16:08 | von Marcuccio

Neue Eskalationen an der Leserbrieffront. Nachdem schon länger kein Relaunch mehr stattfand, sorgt jetzt die Edition der Feldbriefe selbst für Zündstoff.

F-Zeitung vom 14. Januar 2010, S. 17: Ein Leser aus »Friedrichsdorf (Hessen)« beschwert sich in studienrätlicher Ironie über die »dezente Unterweisung in deutscher Geographie«:

»Wie hilfreich sind doch die Hinweise in Artikeln oder unter Leserbriefen, die da lauten: ›im thüringischen Erfurt‹, ›Magdeburg (Sachsen-Anhalt)‹ oder ›Dresden/Sachsen‹. Wer im Westen wüsste sonst, wo diese Provinz-Hauptstädte liegen? Nur seltsam, man liest nie: ›im bayerischen München‹ oder von ›Stuttgart (Baden-Württemberg)‹. Dabei gibt es doch auch ostdeutsche F.A.Z.-Leser! Sind die am Ende gar die klügeren Köpfe?«

(Tipp übrigens für alle Einsender, die unbedingt veröffentlicht werden wollen: Anspielungen auf den FAZ-Slogan machen einen Abdruck so gut wie sicher. Überschrift dieses Leserbriefs war: »Die klügeren Köpfe.«)

Und als wollte die Leserbriefregie noch eins draufsetzen, platziert sie untendran dann wirklich noch eine Zuschrift aus Chemnitz, ganz ohne Zusatz »Sachsen«. Der Brief selbst sozusagen die Live-Antwort auf so viel geografische Ranschmeißerei. Gleichzeitig ein wunderschönes Lautgedicht, rauschendes Wasser auf Maxim Billers Mühle (»Ossifizierung der Leserbriefspalten«):

»was wir (…) nicht wollten, das waren die westdeutschen Kolonialherren, die dritt- und viertklassigen Hanswurste, die meinten, uns das Essen mit Messer und Gabel beibringen zu müssen. Nein, einem solchen Deutschland wollten wir gewiss nicht angehören!«

Szene-Aussteiger bestätigen immer wieder, dass es vor allem diese Geheimpoesie ist, die die Loge der Leserbriefschreiber und die Fanloge der Leserbriefleser so stark gemacht hat.