Der Seinsüberwurf und die drei Verdoppelungen (Lottchen, Marx und Malick)

Stanford, 21. Juni 2011, 02:30 | von Srifo

Aus dem Schatten des doppelten Lottchens hat Ekkehard Knörer ja im »Freitag« den »doppelten Marx« heraustreten lassen, was als Sequel gut passt, denn 1942 hieß Kästners Drehbuch noch »Das große Geheimnis«. Beide Märxe waren vor kurzem nämlich gleichzeitig im bekannten Ferienheim Berlin zu Besuch. Sie konnten sich erst gar nicht ausstehen und fanden aber dann bei Schokoladenmilch auf irgendeine Weise heraus, dass sie durch die Scheidung ihrer Eltern getrennt wurden.

Was nun das große Geheimnis der Stunde angeht, friemelt Knörer auseinander, muss es so sein, dass obwohl die zwei Märxe »zuneh­mend blaß um die Nase« werden, sie trotzdem »egal ob auf Kopf oder Füßen« hinterlistig und qua Bekanntschaft ihrer Erzeuger (der eine aus Saarlouis, der andere aus Ljubljana) als »Virtuosen der Vernetzung« agieren.

Das sieht auch Uwe Justus Wenzel in der NZZ so. Laut seiner Beobach­tung der marxistischen Szenik gibt es einzig bei der »Tischgenossen­schaft« der Märxe, dieses täuschend einhelligen Zusammenhalts der »Keimzelle eines neuen ›Wir‹«, »allenthalben« eine neue Erkenntnis, nämlich die der Vervielfältigung. Dass es damit dann den »authentischen Marx« gar »nicht zu entdecken gibt«, hat ob der Verdopplungswirren auch Tania Martini in der taz feststellen müssen. Was bleibt, ist gegenseitige Verwechselbarkeit im Ferienlager, bei Schokomilch und Heidesand.

Selbst der alte Marx-Monadist Immanuel Wallerstein, dessen soziologisches »World-System« 1974 wider allen Anschein von nur einer Welt voll dependency sprechen wollte, hat letztens indirekt eingeräumt, dass es nach dem »next-to-last speculative bubble burst« 2008 nun vorbei ist mit dem erstrebten Glanz seiner alten Einheits-Idee. Ein Vervielfachen, »an ever-escalating stretching of the interpretation of Marxism« ist wohl die Lösung bzw. ist »actually a world depression«.

Auch das letzte Ressort der Seinsgelassenheit, ein neuer Film von Terrence Malick, kann da nicht mehr zeigen, wie alles Sein zusammen­hängt – Brad Pitt als Naturstrenge? Die Mutter Jessica Chastain als Urknallgnade? Abermals die falschen Eltern. Das klingt sogar nach einem ›ever-escalating stretching‹ von Malick. »Days of Heaven« (1978) hat jedenfalls mehr Sakralität draufgehabt. Hier könnte man jetzt wieder auf Heidegger referieren. Aber das tun ja die anderen schon. Bloß die »Zeit«-Diagnostik macht es kurz und sagt es der Tischgenossenschaft ins Gesicht: »Malicks Naturgott ist schizophren«.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 5
Markus Werner: »Zündels Abgang« (1984)

Berlin, 19. Juni 2011, 19:14 | von Josik

Genau in dem Moment, als im ICE 1605 die Zugführerin per Durchsage von »dem nächsten Unterwegshalt« sprach, wusste ich nicht mehr, ob ich nun über die Oxymoronhaftigkeit des Wortes »Unterwegshalt« nachsinnen soll oder über den schon im Buch in Anführungszeichen gesetzten »Schlankheitsabgrund«, bei dem ich gerade angelangt war. Denn man möchte eigentlich alles, schon den ersten Satz, mit dem Markus Werner in die Geschichte der Weltliteratur eintritt und den so natürlich nur ein Schweizer schreiben konnte, nämlich:

Schöne Kindheit im Warenhaus.

– alles also an dieser Herrlichkeit von Debüt, in dem ein sehr sympa­thischer Misanthrop, der wie alle normalen Menschen als Lehrer arbeitet, verduftet, möchte man am liebsten anstaunen.

Und wenn man etwas nicht versteht und noch kein Google hat, wie zum Beispiel in den 80ern, dann ruft man einfach den Autor an. Eine Freundin des Instituts hat das kurz nach Erscheinen von »Zündels Abgang« getan, als Markus Werner noch nicht berühmt war und sein Name noch im Telefonbuch stand. Sie hat ihn gefragt, wer denn eigentlich »der unstete Geist eines französischen Dichters« ist, von dem es auf Seite 69 heißt, er habe im weltberühmten Portofino seine Ruhe gefunden. Herr Werner gab freundlichst und bereitwilligst Auskunft, dass es sich hier um Guy de Maupassant handle, der in Portofino »Bel Ami« geschrieben habe.

An das zweite literarische Rätsel, um dessen Auflösung sie ihn ebenfalls gebeten hat, konnte er sich leider partout nicht erinnern. Um die lustige Titelpersiflage »Ahndung und Gegenschlag« handelte es sich jedenfalls nicht und auch nicht um eine der Fragen und Antworten in dem grandiosen Zündholzspiel: Man stellt eine Frage und wenn die Antwort »richtig oder wenigstens gut« ist, gibt’s ein Zündholz; wer zuerst fünf Zündhölzer hat, hat gewonnen. Der vorletzte Satz, der von Zündel überliefert ist, lautet: »Geh jetzt bitte, ich stehe unter Sprechverbot«.

Länge des Buches: ca. 189.000 Zeichen. – Ausgaben:

Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. Salzburg; Wien: Residenz Verlag 1984. S. 3–138. (= 136 Textseiten)

Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. München: dtv 1988. S. 3–116. (= 114 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (2/2011)

Rorschach, 15. Juni 2011, 12:17 | von Paco

Wolken.Heim

1. Der Umblätterer @ Deutschlandfunk, vorletzten Sonntag: Inter­view mit Burkhard Müller-Ullrich (auch via Flash und als MP3; die ganze Sendung ist hier). Thematischer Dreischritt: Chinaersatzverkehr, Medienaffirmation, Abenteuer Zeitungskauf.

2. »Manchmal gehört zu einem guten Feuilletonisten auch ein Stück Verantwortungslosigkeit.« (Thomas Steinfeld zu Alexander Kluge)

3. Die Serie zum 100-Seiten-Kanon ist angelaufen. Am Ende soll ein Kanon mit 100 Büchern à 100 Seiten stehen: a.) Einführung ins Projekt. b.) Übersicht über momentan 305 berühmte Hundertseiter (vielen Dank besonders an Thomas Reschke). c.) Interview mit einem 100-Seiten-Fanatiker.

4. Aha, das ganze Appenzell steht voller Trampoline.

5. »Wie, ihr lest keine Lyrik? Seid ihr wahnsinnig?« (Maria Gazzetti in der FAZ)

6. Der Tyndall-Effekt und die deutsche Romantik.

7. Und in diesem Zusammenhang: »MASSAKERMINIATUREN, Teil 5« (= 2011 Edition).

8. Fragile Falafel. 99 Lautgedichte von Günter Grass. Demnächst.

9. »Bis ihn ein fragwürdiger Auftrag selbst zum Gejagten macht.«

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2011

 

Der tausendste Buchladen

Hamburg, 9. Juni 2011, 19:46 | von Dique

Und hier nun der Schlussstein unserer Richard-Deiss-Berichterstattung. Schon im Umfeld unseres Interviews zu den 100-Seiten-Büchern hatte er be­kanntgegeben, dass er demnächst offiziell seinen 1000. Buchladen besuchen werde, und zwar »25books« in Berlin. Doch viele Hindernisse wurden dem Humboldt unter den Buchladenforschern in den Weg gelegt. Nach vollbrachter Tat bekamen wir diese Mail, in der die abenteuerlichen Ereignisse spannend wiedergegeben werden:

Datum: 24. Mai 2011
Von: Richard Deiss

Endlich habe ich es geschafft, der 1000. Buchladen ist besucht, und ab jetzt werde ich mir nur noch ausgewählte Läden vornehmen und jedenfalls keinen Buchladenmarathon mehr veranstalten. Der letzte war denn auch noch ziemlich aufreibend:

Am Abend hatte ich den Flug zur Dienstreise nach Berlin verpasst und musste eine frühe Morgenmaschine nehmen. Im Flugzeug schlief ich ein und kam nicht mehr zu meinem Plan, der Stewardess eines dieser Handzählgeräte, mit welchem das Bordpersonal die Passagiere durch­zählt, abzuschwatzen und zu einem Buchladometer umzuwidmen, mit dem ich dann den Besuch des 1000. Ladens feststellen wollte.

In Berlin verlor ich dann nach der Sitzung wertvolle Zeit mit der Suche eines Handzählgerätes, kein Laden hatte sowas vorrätig. Schon lange hatte ich eines im Internet bestellen wollen, dass ich das nicht getan hatte, rächte sich jetzt.

Endlich wurde ich bei Conrad Electronic fündig, der hatte zwei Hand­zählgeräte, aber das, welches ich dann kaufte, sollte mir viel Ärger bereiten, denn immer wieder kam man unabsichtlich auf den hervor­stehenden Nullstellungsknopf, und immer wieder musste ich fast tausendmal klicken, um den richtigen Zählerstand zu generieren. Wenn man zu schnell klickte, verkanteten sich die Zahlen zwischen 1000 und 1001 und man musste wieder von vorn beginnen. Insgesamt sollte ich dann im Laufe meiner Tour fast zehnmal die fast tausend Buchläden durchgedrückt haben.

Es war bereits nach 18 Uhr, als es bei einem Zählerstand von 980 mit der Besichtigung der letzten 20 Läden losgehen konnte. Doch den Laden »Motto« in der Skalitzer Straße fand ich nicht. In der Oranien­straße konnte ich dann wenigstens noch drei Buchläden besuchen. Eigentlich wollte ich in Berlin zehn Buchläden sehen, doch bei meiner Abreise nach Dresden war der Stand erst bei 985.

Von Dresden ging es den nächsten Morgen nach Freiberg, wo ich vier Buchläden besuchte, leider hatte der fünfte ausnahmsweise bereits um 12 Uhr geschlossen, so dass ich immer noch nicht einmal bei 990 lag. In Dresden besichtigte ich dann vier weitere Läden, doch bei einem Zählerstand von 993 machten in der Neustadt schon die meisten Buchläden dicht. Ich beschloss, nach Prag zu reisen, denn dort haben manche Buchläden auch am Sonntag auf.

Nachdem ich dort ein Hotel reserviert hatte, kam ich auf dem Weg zum Bahnhof doch noch an einigen Buchläden vorbei, darunter Walther König im Residenzschloss, und die Zahl war auf 998 gestiegen, fast war die Pragreise überflüssig geworden. In Prag angekommen hatte der Globe Bookstore noch um 23 Uhr geöffnet, und beruhigenderweise war die Zahl von 999 Buchläden erreicht. Doch am nächsten Morgen waren alle Läden auf meiner Liste entweder sonntags geschlossen, hatten noch nicht auf oder existierten gar nicht mehr.

Ich beschloss, frühzeitig wieder nach Berlin zurückzureisen. Dort waren aber zwei Läden, die ich noch sehen wollte, sonntags ebenfalls nicht geöffnet, und meine letzte Hoffnung war »Berlin Story«, der Berlin­buchladen, der wegen Insolvenz von Unter den Linden in eine Parallelstraße gezogen war. Durch diesen Umzug konnte ich ihn als weiteren Buchladen rechnen, und er hat sonntags bis 19 Uhr auf.

Kurz vor sieben kam ich in der Mittelstraße an, doch ein Schild zeigte zu meinem Schrecken, dass der Buchladen an seinen Ursprungsort Unter den Linden zurückgezogen war, ich konnte ihn also nicht als neuen Buchladen ansehen. Wo sollte ich jetzt den 1000. Buchladen herneh­men? Ich beschloss, doch noch zu »25books«, der eigentlich am Sonntag zu hat, zu fahren und die Besichtigung von außen als halben besuchten Buchladen zu zählen und den veränderten »Berlin Story« als weiteren halben.

Überraschenderweise war bei »25books« die Tür auf und ich konnte hineingehen. Ich erzählte dem Inhaber von meinem Anliegen, und er war sogar bereit, mir das Wort ›Buchladometer‹ auszudrucken, damit ich es auf mein Handzählgerät aufkleben und eine entsprechende Aufnahme machen konnte. Leider war sein Pritt-Stift ausgetrocknet und der Text musste mit Spucke befestigt werden und wurde leicht wellig.

Schon wieder war der Buchladometer durch den Rückstellungsknopf auf Null, und ich musste wieder 1000 Mal drücken, bevor ich das Foto machen konnte. Ich kaufte dem Inhaber das Buch »802 Photobooks« ab, und er zeigte mir Poster, die den Inhalt verschiedener Kurzbücher (»Das kommunistische Manifest«, Homers »Ilias« etc.) in winziger Schrift auf einem einzigen Blatt abgedruckt hatten, was ja irgendwie zu eurem Projekt mit den 100-Seiten-Büchern passt. So hatte alles noch ein passendes Happy End genommen mit »25books« als 1000. Buchladen, ich konnte die Phase der Buchladenmarathons endlich abschließen und die Blasen an meinen Füßen auskurieren.

Beste Grüße,
Richard
 

100-Seiten-Bücher – Teil 4
Theodor Fontane: »Grete Minde« (1880)

Hamburg, 7. Juni 2011, 00:35 | von Dique

Ich hatte noch knappe zwei Stunden, und da wollte ich einfach mal endlich »Grete Minde« lesen, 100 Seiten, dafür dürfte die Zeit ja reichen. Ich war mitten im Sog der Geschichte, die sich einem ruhig auslaufenden Ende zu nähern schien. Fünf Seiten vor Schluss musste ich allerdings zur U-Bahn, wo ich dann auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier noch schnell den Rest lesen wollte.

Dazu kam es aber nicht, denn ich traf eine Bekannte und musste mit ihr Neuigkeiten austauschen. Ich hatte das Buch in der Hand, sie fragte: »Und? Gut?« Ich brachte kurz die Story: Der Tod von Gretes Mutter und dann des Vaters, dann die böse Schwägerin, die ihr die Lebensfreude gänzlich nehmen will. Noch sehr jung an Jahren, lässt Grete zusammen mit dem Nachbarsburschen das unschöne Leben bei ihrer Familie hinter sich und schließt sich fahrendem Volk an. Sie wird Mutter, kehrt irgendwann nach Tangermünde zurück und fordert ihren Teil vom Erbe. Das Ende musste ich in meiner Schilderung leider weglassen, ich kannte es ja noch nicht, wollte es aber bei Gelegenheit nachliefern.

Als ich bei der Feier ankam, hatte ich das Buch noch in der Hand, gleich nickte mir der Gastgeber zu, »zeig mal, ach, ›Grete Minde‹, was für ein wahnsinniges Ende, oder?« Ich erzählte das mit den fünf noch fehlenden Seiten. »Mach dich auf was gefasst!«, hieß es da.

Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären, die Geschichte schien mir erzählt zu sein, ich rechnete nicht mehr mit einem großen Drama, was sollte da noch passieren? Ich las den Rest auf der U-Bahn-Fahrt nach Hause und rief dann bestürzt sofort meine Bekannte an.

»Grete Minde« ist angeblich eines der schlechteren Bücher von Fontane, aber das stimmt nicht. »Grete Minde« ist ein 100-Seiten-Meilenstein.

Länge des Buches: ca. 192.000 Zeichen. – Ausgaben:

Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Mit einem Nachwort von Peter Demetz. Frankfurt/M.: Insel Verlag 1989. S. 7–138 (= 132 Textseiten).

Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Hrsg. von Frederick Betz. Stuttgart: Reclam 2006. S. 3–108 (= 106 Textsei­ten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Listen-Archäologie (Teil 9):
Ernst Jünger in Leipzig

Leipzig, 2. Juni 2011, 00:10 | von Paco

Von 1923 bis 1927 wohnte Ernst Jünger in Leipzig. Er studierte damals Zoologie und sonderte ansonsten politische Pamphlete fragwürdigster Art ab. Am Ende der Leipziger Zeit steht aber auch die literarisch-surrealistische Initialzündung »Das abenteuerliche Herz«, die in ihrer ersten Fassung dann 1929 erschienen ist.

Hier nun jedenfalls mal chronologisch geordnet die fünf sechs gesicher­ten Adressen aus Jüngers Leipziger Jahren, kleine Vorarbeit zu einem größeren Projekt:

1. Gutenbergstraße 3 (heute: Seemannstraße)
2. Sternwartenstraße 77
3. Talstraße 25
4. Sidonienstraße 54 (heute: Paul-Gruner-Straße)
5. Sebastian-Bach-Straße 18
6. Scharnhorststraße 17

Zur Lage der Wohnungen im Stadtgebiet siehe Google Maps bzw. diese kmz-Datei für Google Earth. Die ersten drei Adressen liegen in unmittelbarer Nähe des Instituts für Zoologie. Über die Sternwarten­straße gibt es zum Beispiel eine Anekdote in den »Annäherungen« (1970).

Außerdem ist dieser einschlägige und sehr gute Artikel zum Thema zu empfehlen:

Norbert Dietka: »Ich konnte im Kittel zum Laboratorium gehen«. Ernst Jünger in Leipzig. In: Leipziger Blätter 40 (2002), S. 47–49.

 

Regionalzeitung (Teil 46)

Leipzig, 29. Mai 2011, 19:05 | von Paco

 
  226.   der geneigte Leser

  227.   haben amerikanische Forscher herausgefunden

  228.   liegt ihr von Geburt an im Blut

  229.   gewohnt bissig

  230.   lernten sich kennen und lieben
 

Friedwart Pfaiffenberger (1787):
»Gottgetreu, oder die verhinderte Unthat«

Bochum, 25. Mai 2011, 22:45 | von Paco

»Attention, water pumps!« (U 96, Das Boot)

Steinlaus? Nie wieder. Ich kenne aber noch mindestens drei bisher unentdeckte U-Boote in der letzten Brockhaus-Enzyklopädie (21. Auflage), eins davon ist sogar auch lustig. Im schönen »Dramenlexikon des 18. Jahrhunderts«, 2001 bei C. H. Beck erschienen, bin ich jetzt auf noch eins gestoßen, nicht schlecht.

In der Wikipedia zum Beispiel geht das ja nicht mehr, Humor funktioniert nicht, wenn er in den Relevanzkriterien nicht vorgesehen ist. Manchmal überlebt so etwas dann eine Weile, am längsten bis jetzt sicher ANHs Artikel über Carl Johannes Verbeen. Aber auch da kam dann nach Jahren noch jemand und hat ihn in den Orkus geschossen (jetzt ist er hier).

Nun also zum »Dramenlexikon«. Da steht irgendwo zwischen Goethe, Gottsched, Lessing, Schiller auf Seite 236 ein Mensch namens:

(Friedwart) Konrad Kasimir Pfaiffenberger (1733–1805)

Ein fränkischer Internatslehrer, und geschrieben hat er eine dreiaktige Prosakomödie, die den Titel trägt: »Gottgetreu, oder die verhinderte Unthat«. Erschienen 1787, Datum der Uraufführung nicht bekannt.

Inhalt: »Das Fürstenpaar Albrecht und Adelheid regiert über Weitzenburg, wo die Ausstellung neu entdeckter Reliquien erwartet wird.« Diese wollen von fünf »unaufgeklärten Räubarabiern« entwendet werden, und nur einer stellt sich ihnen entgegen: der »verwahrloste Gottgetreu«! Es geht alles gut aus. Zur Belohnung erhält Gottgetreu »die Hand der Nichte«.

Künstlerisch gelungen ist die Komödie wohl nicht so richtig, trotz allem: »Didaktische Momente wie die auffallende Lichtmetaphorik stehen unmotiviert neben märchenhaft-exotischen, oft burlesken Elementen, wie zum Beispiel dem Bericht über eine Drachenjagd.« (@Foxi: Ist doch was für deine Drachenforschungen?)

Ich hab all das jedenfalls erst mal so hingenommen, aber das ging natürlich nicht. Name gegoogelt: kein Treffer (außer eben dem einen bei Google Books). Und das darf nicht so bleiben. Mit diesem Eintrag hier sind es jetzt schon zwei direkte Treffer. Freiheit für Friedwart Konrad Kasimir Pfaiffenberger, die Erforschung seines Werks hat gerade erst begonnen.

Nachtrag 27. 5.:
Vergessener Pfaiffenberger (holio.wordpress.com)

 

Massakerminiaturen (5)

Berlin, 23. Mai 2011, 20:58 | von John Roxton

Was hatten sie diskutiert mit den Schlipsheinis von der Leitung. Die Fahrgeschäfte am Kai machen ja auch nicht dicht wegen bisschen Wind. Sie bestanden darauf: Ausschalten! Die rumänischen Schaler wollten aber vor dem Wochenende nicht unterbrechen, sondern fertig werden und dann heim zum Schnaps in die Karpaten oder gottweißwo. Kann man verstehen. Der Alte von den Rumänen bekniete ihn persönlich. Also hat er den Alimak doch noch eine halbe Stunde angelassen, damit die Bande hoch auf die Konstruktion konnte, um den letzten Beton zu machen. Jetzt hat er dieses weiche Gefühl im Steiß, das Gefühl vom frühen Morgen, wenn man die erste Platte oder den ersten Sack Gips im Rohbau die Treppe raufschafft. Weich von hinten die Beine runter und in den Magen hoch. Kreislauf. Atmen. Der Aufzug wurde von einer Bö erfasst und von hier oben sah es aus wie ein Jojo, das über die ganze Breite des Hafenpanoramas schwingt. Der Aufschlag war nicht zu hören. Oder er hörte ihn nicht. Er dachte an den Papierkram, der jetzt bis rüber nach Rumänien zu erledigen war.

*

Jedes Jahr am 23. Mai:

John Roxton: »Massakerminiaturen«

#1 (2007)#2 (2008)#3 (2009)#4 (2010)#5 (2011)
#6 (2012)#7 (2013)#8 (2014)#9 (2015)#10 (2021)

In Santa Cruz:
Überflüssiger Bücherkauf mit Gottfried Benn

Stanford, 20. Mai 2011, 12:02 | von Srifo

Aus dem Regen flüchten wir in den etwas größeren Buchladen auf der Pacific Avenue in Santa Cruz, nicht in den weiter unten, der den schönen Grabbeltisch »What is Santa Cruz Reading?« hat, sondern wir gehen zu »Logos«.

Aus parallelem Heimweh hatte mich letztens dort ein Kochbuch interessiert, in dem eine Exilitalienerin aus dem nahegelegenen Oakland eine Gaumenhommage an ›ihr‹ Kalabrien schreibt, wie man abgezogene Tomaten einweckt etc. Auch heute hoffe ich auf derartige Fünde.

Ich habe einen Benn-Band dabei, »Sämtliche Erzählungen« (Rowohlt), runtergekommenes Exemplar mit sich von allein abfriemelndem Zellophan, dem untrüglichen Zeichen der Bücher der Nachkriegsjahr­zehnte. Trotzdem bleibe ich noch auf der Trittmatte von »Logos« in der Hoffnung stehen, dass der Cashier mich als Buchmitbringer wahrnimmt.

Denn »Logos« hat neben Verlagsfrischem nicht nur eine nette Sammlung vertonten Wortes, womöglich um in schamvoller Ehrerbietung Heideggers der Tiefenetymologie des Ladentitels (»Sammeln«, »Rede«, »Wort«) nachzukommen, sondern ebenfalls Bücher für den Zweitbesitz.

Während ich mich wie zufällig von der Matte aus zum »Bargain Books«-Stelltisch neige, erwarte ich daher in sozialfühliger amerikanischer Manier, dass der NickCave-scheitlige Kassentyp den leicht herausgeschobenen Benn unter meinem Arm sieht und ihn als bereits beim Zutreten zu mir gehörig zählt.

Unter meinem so gestellten Blick dorthin öffnet sich aber plötzlich eine Möglichkeit, das Manöver unbedingt gewinnbringend zu vollenden, denn ich sehe »Les Planches courbes« von Yves Bonnefoy, immerhin in der »Bilingual Edition« für $5.98, und stecke es neben Benn an meine Seite. Bonnefoy taugt leicht als Pfand dafür, später beim Kauf auf jeden Fall mit dem »Logos«-Kassenwärter in eine seinerseits willkommene Interaktion zu gelangen. Den Benn könnte ich wie beiläufig dann mit »already mine« ausweisen.

Einer meiner Schuhe ist innen nass, und draußen regnet es immer noch, ich setze mich also wartend auf einen Einräumhocker in »Used Lit. Crit.« und lese eben Benns »Weinhaus Wolf«. Da unten finde ich aber dann bei »Intl.« zwischen »Portuguese« und »Russian« wie handverlesen den Debris deutschsprachiger Exilbibliotheken: Die Jahrgänge 1983 bis 1988 von »Kakteen und andere Sukkulenten«, dem »monatlich erscheinenden Organ der Deutschen Kakteen-Gesellschaft; der Gesellschaft Österreichischer Kakteenfreunde; der Schweizerischen Kakteen-Gesellschaft«; auf dem Brett darüber sogar das komplementäre Kakteenkompendium.

Weiterhin lockt unter den nicht einmal drei Dutzend Bänden: »Attis, seine Mythen und sein Kult«, die Dissertation des späteren Mitheraus­gebers der »Hessischen Blätter für Volkskunde«, Hugo Hepding, verlegt bei der J. Ricker’schen Verlagsbuchhandlung (Alfred Töpelmann) GIESZEN im Original von 1903 (die anbetrachts der frisch gefüllten Stempelkarte des Harvard-Exemplars offenbar ungebrochen ein Standardwerk ist).

Es gibt auch Kanon im »Logos«, einen Insel-Goethe und Leder-Rilke, aber, recht verwunderlich, sogar den leinenen Band 1 der großen gelbschnittigen Löwener Husserl-Ausgabe »Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge« von 1950. Für $14 ein Topf Gold, denke ich und packe ihn zu Bonnefoy und Benn.

Gekauft habe ich letztlich dann noch den ’67-Klassiker »Hegel im Kontext« (»Wer Hegel verstehen will, der ist noch immer mit sich allein.«) und eine ›beriebene‹ »Publikumsbeschimpfung«, der in zittrig zartem Blei erläuternd »insult!« auf dem Titelbogen notiert ist. Beide edition suhrkamp in grün und angesichts der am Orte beheimateten linken Reformuni aus den 60ern (»das Bielefeld im Golden State«), beide von derselben germanophilen Revolutionärin der Neuen Welt angelegt (fraglich, ob die UCSC-Hegelianer Fluch oder Segen für den »Logos« sind).

Wegen der schön übersättigten Farben blättere ich noch mal durch die Sukkulentendrucke und kehre dann zurück zu Nick Cave, zahle und winke einvernehmlich und vielsagend mit meinem Benn. Es hat zwar aufgehört zu regnen, aber draußen drückt mir eine nasse Trottoirdelle gleich wieder Wasser durch die Sohle, und während wir einige Blocks später im gefüllten Hipstercafé »Pergolesi« ankommen, stößt es mir aus dem »Weinhaus Wolf« auf:

»Individualitäten! Orgasmus zu seiner Stunde, später Weihwasser, auch Teilnahme an Festen. Berufsgruppen! Besteigen nachmittags einen Zug, Geschäftsreise, Geschmack von Rauch, etwas Kühle im Coupé, Landschaft streicht vorüber, Dämmerung –, Tage und Existenzen! Parallele: schuldlos geschiedene Blondine, Mann Syndikus, jetzt Broterwerb ausgenossene Gattin.

Gespenster! Leere! Gliedloses Gewoge! Cäsarisch am Schlips: rotkariert, nicht Punkte; Eigenblust im Römer: Obstsaft, keinen Federweißen! Reize, Gewohnheiten, Verstimmungen der Höchstfall von Besonderheiten! Fruchtwerdendes, anlagemäßiges Müssen nie.«

Usw.