Room 59, der Saal des Gurkenmalers

London, 31. Oktober 2011, 09:00 | von Dique

Im Room 59 der National Gallery in London hängen 14 Gemälde von Carlo Crivelli, zweite Hälfte 15. Jahrhundert, mit ausschließlich religiösen Inhalten. Vasari widmete Crivelli kein Künstlerleben, auch sonst ist fast nichts über ihn bekannt. So muss Carlo Crivelli durch seine Bilder zu uns sprechen, deren Faszination man sich, laut Informationen der deutschen Wikipedia, nur schwer entziehen kann. Im selben Artikel heißt es weiter:

»Eine ganz besondere Vorliebe entwickelte er für Dekorationen und prachtvolle Ornamente, mit denen er seine Bilder oftmals völlig zu überladen pflegte. Hierzu gehören auch die auf vielen Gemälden vorhandenen Gurken, die eine nahezu surrealistische Wirkung hervorrufen.«

Crivellis Leidenschaft für die Gurkenmalerei hatten wir bereits erwähnt, als wir während einer UMBL-Dienstreise nach Neapel auf den berühm­ten Birnenmaler Bartolomeo Bimbi zu sprechen kamen. Nun bin ich wegen der Crivelli-Gurken noch einmal in den Room 59 in der National Gallery gegangen.

Auf fünf der 14 Gemälde, also auf mehr als einem Drittel, hat Crivelli mindestens eine Gurke untergebracht. Und auf allen diesen Gurken­bildern ist auch eine Madonna zu sehen. Dagegen handelt es sich bei den gurkenlosen Bildern um Portraits von Heiligen bzw. in einem Ausnahmefall um ein Bildnis des Heilands selbst, »The Dead Christ supported by Two Angels«.

Da man es in der Kunstgeschichte höchst selten mit der Gurke zu tun bekommt, selbst auf Stillleben ist sie kaum zu finden, stellt sich natürlich die Frage nach der Ursache dieser Gurkenmanie. Diese verschwenderisch gemalten grünen Phallusse könnte man irgendwie als Empfängnissymbol deuten, das würde deren Präsenz auf den Madonnenbildern erklären und deren Abwesenheit auf den Heiligen­portraits. Ansonsten hat man versucht, sie als Symbol für Auferstehung oder Ursünde zu deuten, aber »nessuna delle interpretazioni risulta convincente«.

Jede banale Erklärung würde die einmalige Crivelli’sche Gurkenleiden­schaft auch unnötig entzaubern, und so einfach ist es auch nicht, schon weil es für die Gurke keine Bildtradition gibt. Crivelli hat sich ganz bewusst für die Gurke entschieden, aber kein anderer Madon­nenmaler seiner oder irgendeiner andern Zeit hat es ihm gleich­getan.

Nach beinah einer Stunde mit Crivelli und seinen Gurken konnte ich mir an diesem Tag keine weiteren Gemälde mehr ansehen. Es war Mittags­zeit und ich hatte einfach nur Appetit auf einen frischen Gartensalat.

Hier noch die Bildfolge im Room 59, im Uhrzeigersinn, angefangen beim erwähnten Christusgemälde:

1. The Dead Christ supported by Two Angels
2. The Vision of the Blessed Gabriele
3. The Immaculate Conception (Gurke)
4. Saint Catherine of Alexandria
5. Saint Mary Magdalene
6. Saints Peter and Paul
7. The Virgin and Child (Gurke)
8. Saint Jerome
9. Saint Peter Martyr
10. Saint Michael
11. Saint Lucy
12. The Virgin and Child with Saints Francis and Sebastian (Gurke)
13. La Madonna della Rondine (Gurke)
14. The Annunciation, with Saint Emidius (Gurke)

 

Interview zu F. C. Delius:
»Wer schreibt denn jetzt über Terrorismus?«

Konstanz, 27. Oktober 2011, 17:50 | von Marcuccio

Die Literaturwissenschaftlerin Constanze Reichardt über den Büchnerpreis für Friedrich Christian Delius, die RAF als literarischen Stoff und den Käseigel in der deutschen Literatur

Der Umblätterer: Erst mal Glückwunsch! Jahrelang musstest du auf Partys erklären, über welchen Schriftsteller du promovierst. Und jetzt ist es ein Büchnerpreisträger, am Samstag ist die Preisverleihung. Du hast kürzlich deine Dissertation über F. C. Delius eingereicht.

Constanze Reichardt: Das hört sich ja fast so an, als hätte ich den Preis bekommen. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut und fand es toll, dass sich die Jury für Delius entschieden hat.

Der Umblätterer: Hast du das Medienecho bei der Bekanntgabe verfolgt?

Reichardt: Positiv bewertet hat es eigentlich nur die »Welt«. FAZ und »Süddeutsche« waren sehr verhalten, so mit dem Tenor: Falscher Mann, total langweilig, warum denn jetzt der? Der große Rest hat einfach nur die Pressemitteilung abgeschrieben. Mehr war nicht.

Der Umblätterer: Delius kommt in den Literaturgeschichten von Kritikern wie Volker Weidermann oder Richard Kämmerlings gar nicht vor. Hast du eine Erklärung?

Reichardt: Ich glaube, Delius wird oft unterschätzt, gerade von Kritikern. Die Erklärung, die sie geben, lautet, überspitzt formuliert, dass Delius zwar ein guter Sprachhandwerker, aber ein mittelmäßiger Autor sei. Das heißt, man findet ihn nicht originell, nicht innovativ genug.

Der Umblätterer: Und wie sieht das die Literaturwissenschaft? Es gibt ja nicht gerade viele Forscher, die sich mit F. C. Delius beschäftigt haben, oder?

Reichardt: Es gibt viele verstreute Aufsätze, aber nur einen einzigen Aufsatzband. Zur Dokumentarliteratur gibt es einiges. Und zu jeder Erzählung, zu jedem Roman so ein, zwei, drei Aufsätze. Aber das war’s dann auch schon.

Der Umblätterer: Dann bist du jetzt eine der wenigen Sachverstän­digen der Stunde. Was hast du untersucht und herausgefunden?

Reichardt: Ich habe mich mit dem Deutschen Herbst als politischem Mythos beschäftigt und Delius’ Terrorismus-Trilogie unter der Fragestellung untersucht, welche Aspekte politischer Mythen dort behandelt werden. Delius beschreibt in seinen Texten, welch enorme symbolische Bedeutung die Ereignisse im Herbst 1977 für das Selbstverständnis der Westdeutschen hatten.

Keine eindeutigen Antworten in Sachen RAF

Der Umblätterer: Was bietet Delius’ Trilogie über den Deutschen Herbst, was Sachbücher von Stefan Aust und das Eichinger-Kino nicht bieten?

Reichardt: So einiges. Als literarischer Autor hat Delius ja viel mehr Möglichkeiten, wie er sich der RAF nähern kann. Vor allem erhebt Delius, anders als Aust, nicht den Anspruch des »So ist es gewesen«, sondern fragt vor allem nach dem »So könnte es gewesen sein«, ohne dabei allerdings eine Legendenbildung zu betreiben. Die eindeutige Interpretation der RAF-Geschichte, die im »Baader-Meinhof-Komplex« dargelegt wird, hinterfragt Delius in seinen Texten. Er legt den Schwerpunkt auf andere Aspekte, auf andere Figuren, und er setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, warum immer alle eindeutige Antworten haben wollen, wenn es um die RAF geht.

Der Umblätterer: Du hast den Deutschen Herbst zum Anlass genommen, dich mit der Bedeutung politischer Mythen für die modernen Demokratien zu beschäftigen. Wenn ich dich richtig verstehe, stellt Delius das kollektive Gedächtnis, die öffentliche Sichtweise zum Beispiel auf Mogadischu in Frage. Kannst du das an einem Beispiel erläutern?

Reichardt: Die Befreiung der Geiseln in Mogadischu durch die GSG 9 wurde als Sieg der Demokratie über den Terrorismus gedeutet. Die vorherrschende Meinung war, dass man die Feinde der Demokratie, also die RAF, mit demokratischen Mitteln besiegt hätte. Das war ein Einschnitt. Das Ende der Nachkriegszeit. Die öffentliche Sichtweise auf die Ereignisse in Mogadischu ist die Sichtweise der Regierung und der Medien, nicht aber die Sichtweise der Opfer. Die kommen nur am Rande vor, zum einen, wenn man sie, wie den getöteten Flugzeugkapitän Schumann, als Opfer für die Demokratie deuten, also zum Märtyrer machen kann. Und zum anderen, wenn man ihr Schicksal in den Medien ausschlachten kann.

In Delius’ Roman steht dagegen zum ersten Mal die Perspektive des Opfers im Vordergrund. Die Hauptfigur beschreibt in allen Einzelheiten, was ihr während der fünf Tage, in denen sie den Geiselnehmern ausgeliefert ist, passiert. Für sie haben die Ereignisse natürlich keinerlei symbolische Bedeutung, sondern es geht allein darum, die Entführung zu überleben. Das ist eine Perspektive, die im öffentlichen RAF-Diskurs bis heute immer viel zu kurz gekommen ist. Denn der ist von der Sichtweise der Regierung, aber auch der der Täter geprägt.

Der Umblätterer: Warum ist »Ein Held der inneren Sicherheit« (1981) ein Roman über das Herstellen von politischen Mythen – »Myth­making«, wie du es mit einem Begriff von Christopher Flood nennst?

Reichardt: In »Ein Held der inneren Sicherheit« geht es unter anderem darum, wie sich ein Vertreter der nationalsozialistischen Wirtschafts­elite in der Bundesrepublik zurechtfindet, wie er seine Karriere möglichst reibungslos fortsetzen kann. Das tut er, indem er eine strategische Position in einem Wirtschaftsverband einnimmt und dann diesen Verband zu einer Institution macht, die großen Einfluss auf die Deutung der Vergangenheit hat. Zunächst geht es darum, den eigenen Anteil am Funktionieren des NS-Systems zu vertuschen. Sehr bald wird daraus allerdings eine umfassende Umdeutung der Vergangenheit.

Im Roman wird beschrieben, wie die Bundesrepublik nach dem Krieg ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt. Der Text legt den Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Entwicklung. Der schnelle Wiederaufbau, den die Westdeutschen aus eigener Kraft geschafft haben, gefolgt vom Wirtschaftswunder. Darauf sind die Romanfiguren stolz und ignorieren dabei alles, was davor war. Es gibt in dem Text keine Auseinander­setzung mit der Vergangenheit. Im Roman liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung dieses Prozesses: wie diese Sichtweise zu einer allgemein gültigen gemacht wird, also wie ein politischer Mythos konstruiert wird.

Der Dokumentarist als Schriftsteller

Der Umblätterer: Irgendwie ist das ein Werk voller zeitgeschichtlicher Stoffe: Vom »Wunder von Bern« (in »Der Sonntag, an dem ich Welt­meister wurde«, 1994) über die Studentenbewegung (»Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«, 1997) und den Terrorismus (Roman­trilogie »Deutscher Herbst«, 1981–1992) bis hin zu DDR-Flüchtlingen (»Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, 1995) und Wieder­vereinigung (»Die Birnen von Ribbeck«, 1991). Versteht sich Delius als literarische Bundeszentrale für politische Bildung?

Reichardt: Nein, eher im Gegenteil. Delius beleuchtet diese Stoffe immer von ganz anderen Seiten als öffentliche Diskurse dies tun. Seine Texte hinterfragen oder ergänzen diese. Die Figuren zweifeln allgemein anerkannte Sichtweisen oft an, oder ihre Geschichte macht Probleme sichtbar, zeigt Konflikte und Widersprüche auf. Zum Beispiel in der Erzählung »Die Birnen von Ribbeck«: Kurz nach der Wende erschienen, wird darin unter anderem die Einheitseuphorie kritisiert.

Der Umblätterer: Hat das Label, ein politischer Autor zu sein, FCDs germanistischer Anerkennung geschadet?

Reichardt: Das Label wurde ihm ja von der Literaturkritik angeheftet und zeichnet ein sehr einseitiges Bild von Delius’ Werk, das die Literaturwissenschaft nicht teilt. Wenn auch die Sekundärliteratur zu Delius nicht sehr umfangreich ist, so ist sie doch auf jeden Fall differenziert und hält sich nicht mit Labeln auf. Außerdem verstehe ich nicht ganz, was an der Bezeichnung politischer Autor schädigend sein soll.

Der Umblätterer: Na ja, Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb schreiben in ihrer »Inventur« (2003), dass Delius den »Tod der Literatur« wörtlich genommen habe. Sie lenken den Blick auf seine genuine Form der »Dokumentarsatire, die Fiktion und Fakten vermischt«. Tatsächlich hat er ja CDU-Parteitagsprotokolle oder Siemens-Festschriften parodiert – was ihm auch Prozesse um die Kunstfreiheit eingebracht hat. Wie schätzt du diesen Teil von Delius’ Werk heute ein?

Reichardt: Die Texte waren damals eine innovative Weiterentwicklung der Dokumentarliteratur, und einige der Methoden, die Delius da entwickelt hat, hat er später auch in seinen Romanen verwendet. Aber ich denke auch, dass heute niemand mehr solche Texte schreiben würde. Übrigens, das mit dem Tod der Literatur, da würde ich das Gegenteil behaupten. Die Auseinandersetzung mit dokumentarischem Material hat Delius ja erst zur Literatur hingeführt. Sein erster Roman »Ein Held der inneren Sicherheit« war eine Abgrenzung von der vorgeformten Sprache der Dokumente und eine bewusste Hinwendung zur eigenen, literarischen Sprache.

Das Handbuch zur FAZ-Sprache

Der Umblätterer: Sprachbetrachtungen scheinen ihm überhaupt sehr wichtig zu sein. Er hat ja mal eine Schrift herausgebracht, die sich mit der Sprache der FAZ beschäftigt: »Konservativ in 30 Tagen. Ein Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze« (1988). Ich fand das neulich ganz witzig, als mit Frank Schirrmacher und Lorenz Jäger gleich zwei namhafte Stimmen der FAZ erklärt haben, nicht mehr konservativ zu sein. Klang wie Delius im Rückwärtsgang, und war noch nicht mal ironisch gemeint.

Reichardt: Ja. Gerade aus dieser Schrift kann man sehr gut ableiten, wie Delius arbeitet. Das Sprachkritische ist bei ihm extrem wichtig, von Anfang an kann man in seinem Werk beobachten, wie er sich mit ideologischer Sprache auseinandersetzt. Politische Sprachen, Wirtschaftssprachen, Fachsprachen, die er kritisiert und wo er fragt: Was sind eigentlich die Verkürzungen, die solche Sprachen mit sich bringen? »Konservativ in 30 Tagen« ist so ein Ding. Und auch in seiner Terrorismus-Trilogie geht’s ganz oft um Sprachkritik. Wobei Delius die Sprache – auch in seinen Dokumentarsatiren – so verwendet und montiert, dass sie sich selbst entlarvt.

Alles wartete auf den Wenderoman …

Der Umblätterer: Was denkst du über »Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«? Es gilt vielen ja als das Buch über West-Berlin. Die FAS hatte es vor Jahren auf einer Liste mit den zehn prototypischen Berlin-Romanen der Gegenwart, Michael Angele, heute Kulturchef beim »Freitag«, nannte das Buch auf den »Berliner Seiten« der FAZ eine »herrliche Hommage« an das Studentenmilieu, das 1966 erstmals gegen den Vietnamkrieg politisiert.

Reichardt: Ich fand es eigentlich auch ziemlich cool. Und es beschreibt bestimmt sehr gut die Stimmung in West-Berlin Mitte der 60er-Jahre. Vor allem hat es auch biografische Züge. Ein gelungenes Buch, das die Zeit vor 1968 einfängt. Interessant eben, dass und wie Delius bei den Anfängen ansetzt.

Der Umblätterer: Der damalige FAZ-Literaturchef Thomas Steinfeld fand »Amerikahaus« 1997 gar nicht authentisch. Er warf Delius sogar »Verrat an seiner Generation« vor, weil er erst aus der Rückschau, mit 30 Jahren Abstand, über diese Zeit schreibt.

Reichardt: Total daneben. Dann soll er sich mal Sachen von Gerd Koenen ankucken. Oder von Götz Aly. Das sind zwar alles keine literarischen Verarbeitungen. Aber das wäre der eigentliche Verrat an 1968. Das ist wieder so ein typischer Vorwurf der Kritik, die offenbar nicht damit umgehen kann, dass der Delius sich nicht nur dann mit zeitgeschichtlichen Themen beschäftigt, wenn ein entsprechendes Jubiläum ansteht. Sondern er macht das zu eigenwilligen Zeitpunkten, und das stört die Literaturkritik immer ungemein. Der dritte Terrorismusroman kam 1992 raus – und natürlich sagten sofort alle wieder: Wer schreibt denn jetzt einen Roman über den Terrorismus? Wir haben doch die Wende …

Der Umblätterer: Alles wartete auf den Wenderoman …

Reichardt: So wollte bei Erscheinen von »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« kurz nach der Wiedervereinigung kaum einer mehr was von Terrorismus hören. In den letzten Jahren sind viele lesenswerte Untersuchungen zur RAF erschienen, wenn man die liest, wird deutlich: Delius hat da viel vorweggenommen.

Er beschäftigt sich in seinen Texten fast immer mit wichtigen historischen Ereignissen der Bundesrepublik, tut dies aber oft zum scheinbar falschen Zeitpunkt. Die Sichtweisen, die in den Texten geboten werden, der andere Blick auf die Ereignisse, die neuen Erkenntnisse, die sie liefern, gehen oft unter.

Beinahe Popliteratur

Der Umblätterer: Noch mal zu »Amerikahaus«. Könnte man diese wunderbare Coming-of-Age-Erzählung im Studentenmilieu nicht auch zur Popliteratur zählen? Sie steckt doch voller Song- und Filmtitel, zitiert Werbeslogans und Zeitungsschlagzeilen, speichert also viel Alltags- und Zeitgeschichte und leistet so lustvolle Arbeit am Archiv, wie es Moritz Baßler als konstitutiv für den deutschen Poproman definiert hat. Insofern verwunderlich, dass dieses 1997 erschienene Buch nie als Popliteratur thematisiert worden ist.

Reichardt: Interessanter Gedanke. Zitate waren schon immer ein wichtiger Bestandteil von Delius’ Werk, allerdings setzt er sie ganz anders ein, als die sogenannten Popliteraten der 90er-Jahre das tun. In der Popliteratur geht es, wenn ich mich richtig erinnere, vor allem um das Sammeln und Auflisten von Bestandteilen der Gegenwartskultur. Das Einstreuen von Song- oder Filmtiteln oder auch von Markennamen dient ja der Verortung der Autorinnen und Autoren, aber auch der Leserinnen und Leser in dieser Gegenwartskultur. Die Auflistung von Bandnamen, zum Beispiel in »Soloalbum« von Stuckrad-Barre, dient ja dazu, bei den Leserinnnen und Lesern ein bestimmtes Lebensgefühl aufzurufen. Wenn die diese Anspielungen nicht verstehen, funktioniert das nicht.

In »Amerikahaus« ist genau das Gegenteil der Fall. Die Hauptfigur, der Student Martin, gibt immer wieder zu, dass er nicht mitreden kann, wenn sich seine Freunde über aktuelle Filme unterhalten. Hier geht es nicht um die »lustvolle Arbeit am Archiv«, sondern eher um eine Kritik an dessen Subjektivität. Und während die Popliteratur vom selbstverständlichen Leben in einer Konsumwelt erzählt, beschreibt »Amerikahaus« diese Konsumwelt als irritierend und störend, als Ablenkung vom »Nachkrieg« (S. 55), in dem sich die Hauptfigur nach eigener Aussage 1966 noch immer befindet, während die meisten Berliner mit Winterschlussverkauf oder der Grünen Woche beschäftigt sind.

Der Käseigel in der deutschen Literatur

Der Umblätterer: Apropos Grüne Woche. Du betreibst neben deinen Delius-Studien auch einen Veganer-Blog. Spielt Essen im Werk von FCD irgendeine besondere Rolle?

Reichardt: Da habe ich noch nie drüber nachgedacht.

Der Umblätterer: Mir ist kurioserweise ein Detail aus »Amerikahaus« in Erinnerung: Der Käseigel! So wie Stuckrad-Barre die Crunchips der 1990er ins literarische Gedächtnis eingespeist hat, so hat FCD den Käseigel unserer Omis und Tanten archiviert: dieses wunderbare kulinarische Dingsymbol der 1960er. Einerseits noch ganz Zeichen für den Überfluss der Fresswelle: Man isst jetzt Käse ohne Brot! Andererseits aber auch schon ein Vorbote der Verfeinerung (S. 103): »die neue Art Käse zu essen – Käse aus Holland: Das muß man gesehen haben, feine Holzstäbchen in Käsewürfel gespießt, die man einfach zum Munde führt, ohne Brot!« Yesss! Und dann gibt es doch auch diese Delius-Denkschrift »Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser« (1984). War er ein früher Vegetarismus-Apologet?

Reichardt: In den beiden von dir genannten Beispielen stehen Lebensmittel, steht Essen vor allem für die Konsum- und Überflussgesellschaft. In »Amerikahaus« wird das Treiben auf der Grünen Woche beschrieben, auf der nach Jahren der Entbehrung, des Hungers, nun endlich wieder geschlemmt werden darf. Und in »Verteidigung der Gemüseesser« geht es ja um den Zusammenhang von Hunger und Wohlstand, um die Industrieländer, die auf Kosten der sogenannten Dritten Welt leben. Dieser kritische Blick auf Lebensmittel wird auf jeden Fall von vielen Veganerinnen und Veganern geteilt.

Der Umblätterer: Ein Satz wie für die taz. Vielen Dank für das Gespräch. Und alles Gute für die Verteidigung deiner Delius-Diss.!
 

Constanze Reichardt hat in Leipzig, Oslo und Göttingen Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaft studiert. An der FU Berlin hat sie vor wenigen Wochen ihre Doktorarbeit zur Begutachtung eingereicht. Sie untersucht darin, welche Rolle politische Mythen in den Romanen »Ein Held der inneren Sicherheit«, »Mogadischu Fensterplatz« und »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« spielen. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Irmela von der Lühe.

 

Von Berlin nach Baden-Baden

Berlin, 26. Oktober 2011, 07:59 | von Josik

Sophie Rois hatten wir schon lange nicht mehr schreien hören, deshalb entschlossen wir uns, mal wieder in die Volksbühne zu gehen. Wir waren zwar erst vier Tage zuvor dort gewesen, aber nur im Roten Salon, wo das neue und natürlich neuartige Computerspiel »TwinKomplex« vorgestellt wurde, für das berühmte Fassbinder-Schauspieler wie Irm Hermann leibhaftig Videosequenzen eingespielt haben.

Weil »Der Spieler« ja einer der kürzeren Dostojewskis ist, kann, so dachten wir, die Inszenierung auch nicht soo lange dauern. Ein Irrtum! Schon der Titel war gefaket, es ging hauptsächlich gar nicht um den »Spieler«, sondern unter anderem um das viel weniger bekannte, aber noch viel bessere »Krokodil«, und wie immer bei Castorf waren die Videosequenzen und Sophie Rois’ Geschrei am besten.

In der Pause bekamen wir heraus, dass das Stück noch bis Mitternacht dauern sollte, insgesamt also fünf Stunden. Natürlich wollten wir aber auch noch ein Bier trinken und gingen deshalb unverzüglich in eine der umliegenden Kneipen. Wir kamen wieder auf die Berlin-Wahl zu sprechen und die wundervolle Szene vom Wahlabend, als das SPD-Parteivolk einem von Wowereit in der Hand gehaltenen Teddybären zujubelte.

Außerdem erfuhr ich von der hochschwangeren Kellnerin, dass »TwinKomplex«, das Computerspiel aus dem Roten Salon, von Leuten entwickelt wird, die früher mal »Lettre International« geleitet o. ä. haben, und dass Dostojewski in Moskau geboren ist!

Weniger schön war der Nachhauseweg. Ganz entgegen meiner Gewohnheit ging ich nicht zu Fuß, wie es Rousseau, Kant, Franz Hessel und eben alle großen Denker vorgemacht haben. Sondern weil ich am Hackeschen Markt eine S-Bahn schon dastehen sah, sprang ich vor lauter Freude gleich hinein und fuhr los.

Seit nunmehr anderthalb Jahren war ich wegen des S-Bahn-Chaos immer entweder gelaufen oder U-Bahn gefahren, und kaum schloss sich die Tür, wurden natürlich die Fahrscheine kontrolliert. Es gab nichts drum herumzureden, weder hatte ich überhaupt nur daran gedacht, dass ich ein Ticket brauche, noch hatte ich damit gerechnet, dass die S-Bahn nach so vielen Jahren Chaos plötzlich wieder Kontrolleure ausschickt.

Ich ließ mir sofort den Überweisungsschein aushändigen. Die 40 Euro Strafe musste ich dann an die infoscore Forderungsmanagement GmbH überweisen, die kurioserweise in 76532 Baden-Baden sitzt, wo ja auch schon Dostojewski usw. usw.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 18
Ferdinand von Saar: »Leutnant Burda« (1887)

Leipzig, 25. Oktober 2011, 07:33 | von Paco

»Leutnant Burda« ist ein absolutes Spitzenwerk der Weltliteratur. Auf knapp hundert Seiten wird hier die Entwicklung einer sehr speziellen fixen Idee geschildert. Die Hauptfigur, der Leutnant Joseph Burda, ist sicher einer der tragischsten Semiotiker, die sich denken lassen. Er missinterpretiert ein paar vermeintliche Zeichen und gelangt so zu der Überzeugung, dass sich die Prinzessin Fanny in ihn verliebt hat und nun beständig seine Nähe sucht. Die junge Dame befindet sich natürlich himmelschreiend weit außerhalb von Burdas Möglichkeiten, sie ist eine der Töchter des Fürsten L., der zum Hofstaat gehört.

Allerdings scheint in den zufälligen Gesten der Prinzessin ab und zu auch aus Sicht des Erzählers »ein Schein der Absichtlichkeit« zu liegen. Dieser Burda-Logik kann man sich anfangs auch nicht entziehen. Das ist ganz große Erzähl- und Spannungskunst, wie man hier während der Lektüre gezwungen wird, Wahrscheinlichkeiten auszuloten und absurde Schlussfolgerungen für vielleicht doch möglich zu halten. In der Summe führen diese Fehldeutungen bei Burda dann aber zu einem sich nur noch selbst bestätigenden Wahn, der ihm durch kein gutes Zureden mehr auszutreiben ist.

Er wird zwischenzeitlich zum Stalker, sodass ein fürstlicher Adjutant den Erzähler bitten muss, Burda zur Räson zu bringen, um Peinlicheres zu verhindern. Er ist dann zwar auch vorsichtiger, vermutet im Hintergrund aber eine Intrige, auf dass die Prinzessin gegen ihren Willen von ihm ferngehalten werde. Der Erzähler, ein Offizierskollege, führt uns mit ein paar Schauplatzwechseln (Brünn, Wien, eine ungenannte Ortschaft in Böhmen, Prag) in neun ungefähr gleichlangen Kapiteln bis zum Showdown auf dem Hradschin (»Il l’a voulu.«). Dabei wird vor allem das Wien der 1850er Jahre (vor dem Bau der Ringstraße) ganz nebenbei noch mal ein bisschen mit abgefeiert.

Länge des Buches: ca. 121.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Novelle. Leipzig: Hesse & Becker (ca.) 1915.

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Novelle. Wien; Leipzig: Luser 1939.

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Kritisch hrsg. und gedeutet von Veronika Kribs. Tübingen: Niemeyer 1996. S. 3–49. (= 47 Textseiten)

Ferdinand von Saar: Leutnant Burda. Göttingen: Steidl 1998. S. 3–95. (= 93 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Puschkin, Przewalski, Pilze, Prokofjew

St. Petersburg, 23. Oktober 2011, 09:05 | von Baumanski

Es ist Freitag und schon elf Uhr vorbei, als ich aufstehe. Am Abend davor habe ich mehr als genug, aber nicht allzu viel getrunken (die Russen haben dafür sogar ein eigenes Verb, »недоперепить«). Aber jetzt muss ich noch schnell vor Wochenschluss zum International Office der Universität, um irgendwelche Sachen zu erledigen.

Hernach spaziere ich – vorbei an zwei Puschkin-Denkmälern und einer Büste des Forschungsreisenden Przewalski, der Stalin so ähnlich sieht, dass viele ihn für dessen heimlichen Vater halten – zum Puschkin-Museum. Dort überzeuge ich mich vom zeichnerischen Talent des Nationaldichters und höre mir die Ausführungen der Museumsführerin an, die, wie andere ja auch, seitenweise auswendig aus seinen Werken zitieren kann.

Nach dem Museum bin ich etwas hungrig und entscheide mich kurzerhand für eines der russischen Schnellrestaurants, von denen es in Petersburg etwa so viele gibt wie Puschkin-Denkmäler. Ich bestelle ein Glas Kwas sowie Bliny mit Hackfleisch und Pilzen (übrigens sind alle Russen davon überzeugt, dass in Westeuropa niemand Pilze sammelt). Kostenpunkt: 220 Rubel.

Da ich zuvor noch schnell zum Bankomaten musste, habe ich nur einen 5000-Rubel-Schein dabei, also sozusagen 150 Franken bzw. 125 Euro am Stück, was hier gewöhnlich nicht besonders gerne gesehen wird. (Die Schweiz ist ja bekanntlich das einzige Land, wo man auch mit einer Tausendernote einen Kaugummi bezahlen darf.)

»Kann ich damit zahlen?«, frage ich deshalb präventiv und halte den 5000-Rubel-Schein ins Blickfeld der jungen Verkäuferin. Sie schaut mich verständnislos an. »Ja«, sagt sie langsam und deutlich. »Das ist Geld.« Sie hält mich offenbar nicht für freundlich und umsichtig, sondern für dämlich, und während ich dann meine Bliny esse, sehe ich von weitem, wie sie ab und zu kopfschüttelnd in meine Richtung blickt.

Um sechs Uhr ruft mich Ivan Borisowitsch an und sagt, ich müsse in einer Stunde unbedingt mit ins Konzert kommen. Als ich knappe fünf Minuten zu spät vor dem Eingangstor zur Philharmonie erscheine, ist vom sonst überpünktlichen Ivan Borisowitsch noch nichts zu sehen. Ich rufe ihn auf seinem Handy an, worauf sich folgender Dialog entwickelt:

I.B.: Allo?
Ich: Privjet, ich bin’s. Ich wäre jetzt also da.
I.B.: Ich stehe direkt vor dem Eingang. Wo sind Sie denn?
Ich: Hier, vor dem Eingang.
I.B.: Ich sehe Sie aber nicht.
Ich: Ich bin aber hier!

Plötzlich kommt Ivan angerannt. Er war ein paar Meter zur Seite getreten, um etwas aufzuschreiben, und hatte vergessen, dass er nicht mehr vor dem Tor stand.

Wir betreten die Philharmonie, wo das laut dem britischen Magazin »Gramophone« sechzehntbeste Orchester der Welt auch an diesem Abend überzeugend spielt: Prokofjews »Skythische Suite« und eine Symphonie des Schostakowitsch-Schülers Tischtschenko. Auch Ivan Borisowitsch ist äusserst zufrieden.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 17
Adolph Müllner: »Der Kaliber« (1828)

Leipzig, 19. Oktober 2011, 13:52 | von Paco

Spätherbstliche Witterung, Abenddämmerung, die ersten Schnee­flocken. Herr von L. sitzt noch an seinem Arbeitstisch. Da sucht ihn der Reisende Ferdinand Albus auf und berichtet vom Mord an seinem Bruder Heinrich, geschehen soeben im finsteren Scheidewald, der sowieso von Räubern heimgesucht wird und dem Herrn von L. ein Dorn im Auge ist.

Der Beamte ist also fast glücklich über den Mord, denn nun hat er endlich eine Handhabe, nun muss trotz »permanenter Exerzierzeit« endlich das Militär ausrücken und die Räuber einsammeln. Darum geht es im Verlauf der Geschichte aber gar nicht so sehr, sondern um den Fall Albus, der dann noch mehrere überraschende Wendungen nimmt.

Der Hundertseiter ist in 24 Kurzkapitel aufgeteilt, die Lektüre verschnellert sich auf diese Weise noch mal, trotz der behutsamen spätromantischen Diktion mit Sätzen wie diesen:

»Ich legte in meinem Zimmer einige Actenhefte zurecht, die in meiner Abwesenheit gebraucht werden konnten, und meine Schwester kramte in meinen Commodenfächern, um die einzelnen Stücke meiner selten gebrauchten Ballkleidung zusammen zu suchen. Die Tritte des Pferdes vor der Hausthür zogen sie ans Fenster.« (11. Kapitel)

Damit leitet sich genau in der Mitte der Novelle eine erste fundamen­tale Wendung ein. Der Kriminalbeamte Herr von L. ist als Erzähler übrigens ein (allerdings ungenialer) Vorläufer der späteren Meister­detektive von Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie. Damit war Müllner seiner Zeit also ein bisschen voraus.

Länge des Buches: ca. 153.500 Zeichen. – Ausgaben:

Adolph Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Leipzig: Focke 1829. S. 1–216. (= 216 Textseiten) (online)

A. Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Leipzig: Reclam (ca.) 1868. S. 0–84. (= 85 Textseiten) (online)

Adolf Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Kriminalbeamten. Lahr: Schauenburg (ca.) 1908. S. 1–83. (= 83 Textseiten) (online)

Adolph Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Waging am See: Liliom Verlag 2002. S. 3–106. (= 104 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Vossianische Antonomasie (Teil 21)

Konstanz, 16. Oktober 2011, 15:59 | von Marcuccio

 

  1. der Helmut Kohl unter den Brotaufstrichen
  2. der James Joyce des 16. Jahrhunderts
  3. ein Abraham a Santa Clara des Medienzeitalters
  4. der Michael Ballack der Politik
  5. der Mozart der Massenproteste

 

Kaffeehaus des Monats (Teil 64)

sine loco, 14. Oktober 2011, 09:05 | von Marcuccio

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Das Pons in Lüneburg, mit einem ultrafurchtbaren Foto, wie in dieser Reihe üblich :-)

Lüneburg
Das »Pons« in der Salzstraße am Wasser 1.

(»Mons, Pons, Fons« – die Systemtheorie der Stadt Lüneburg steht auf jedem Gullideckel. Wir wählten das »Pons«: unser Kaffeehaus des Monats für Biertrinker, weil vormals »Alt-Lüneburger Bierstube« und Brauereilokal der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von Niklas Luhmann. Aus der jüngeren Geschichte des Hauses: »Um die Jahrtausendwende übernahm der Sohn Niklas Luhmanns vorübergehend den Kneipenbetrieb.« (Vgl. Lilli Nitsche: Backsteingiebel und Systemtheorie. Merlin Verlag (Nexus) 2011, S. 50.) Feuilletons fanden wir im »Pons« keine, dafür aber mindestens zwei soziale Systeme: Auf dem Weg zur Toilette lag die »Gorleben-Rundschau« aus; und draußen im Biergarten diskutierten Drittsemester die Kontingenz der Speisekarte: Laut Fußnote ist der Feta im »Schafsfladen« nämlich aus Kuhmilch. Mehr zur »Gastronomie der Gesellschaft« dann bestimmt noch mal in einem weiteren Luhmann-Nachlass. Zum Wohl!)
 

Nummernzauber: Autoren ohne Namen

Düsseldorf, 12. Oktober 2011, 20:03 | von Luisa

Die Wiener Literaturzeitung VOLLTEXT, durchaus im Chaos zuhause (dieses Jahr bloß vier Ausgaben statt sechs), präsentiert sich in der gerade erschienenen Nr. 3 ungewohnt systematisch: Die Verfasser der Artikel werden nicht beim Namen genannt, sondern sind streng durchnummeriert. Das liest sich dann so: »Mit offener Blende. Die Verschränkung von Wahrnehmung und Erinnerung in Peter Kurzecks Roman Vorabend. Von Nummer 13.«

Im Editorial erklären Nummer 2 und Nummer 3 (Herausgeber Thomas Keul und Redakteurin Teresa Profanter), warum: »Klingende Namen von AutorInnen – und von Verlagen – steuern unsere Wahrnehmung und Wertschätzung von Texten, kein vernünftiger Mensch wird das gänzlich abstreiten wollen. Wie irritierend stark dieser Namenzauber allerdings wirkt, wird erst sinnfällig, wenn man ihm die Grundlage entzieht, indem man die Namen tilgt.« Die Rezension also als nackter Text, ohne die »Aura« des Verfassernamens.

Schönes Experiment. Aber werden da nicht die falschen Namen getilgt? Gehören die »klingenden Namen« nicht den Buch-Autoren? Oder war das mal und besitzen heute doch eher jene die »Aura«, die in der E-Kultur die Mitspieler casten? Lese ich eine Rezension, weil mich Dietmar Dath interessiert oder weil ich wissen will, was Elmar Krekeler so denkt? Mal so, mal so und keins von beiden, würde ich in schlichter Entschiedenheit sagen. Jedenfalls: Wenige Namen sind es, die selber leuchten, sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite, und glücklich jene, denen ihre Sonne scheint, so oder so.

Schon zaubern Nummer 2 und 3 die nächste Überraschung aus dem Hut: »Wir haben die Auswahl der zu besprechenden Titel diesmal nicht selbst besorgt, sondern in die Hände von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gelegt, die ohne inhaltliche Einschränkung unsererseits jene Bücher ausgewählt haben, die sie selbst gerade interessieren.«

Und dann wird auch verraten, wo die Namen zu finden sind: nicht in Spiegelschrift oder auf dem Kopf stehend wie in den Heftchen unserer Kindheit, sondern auf www.volltext.net, akkurat aufgelistet mit Viten und Werken. Völlig korrekt also, und so richtig und nötig das ist, ist es ein bisschen enttäuschend wie meistens, wenn Geheimnisse gelüftet werden. Insgeheim hoffte ich doch auf Scheherazade oder den Großen Bösen Wolf.

Hätten eigentlich hauptberufliche Rezensenten diese Medieninstal­lation unterstützt? Hätten sie darauf vertraut, dass der Leser die »Who’s who«-Liste aufrufen wird, oder hätten sie abgewunken wg. Angst vor Umsonst? Ist das Handling von Autoren leichter, sind sie fügsamer, und wenn ja, warum? Oder haben sie einfach mehr Lust zu rezensieren, weil sie es seltener tun, und auch mehr Sinn für das Ausscheren aus Immerzu-und-jede-Literaturbeilage-wieder-Mustern? Und wessen Name verleiht nun wem Glanz? Noch einmal: Wäre es nicht reizvoller, das Verfahren umzukehren? Mal ein Buch zu rezensieren, ohne Titel und Verfasser zu nennen? Ohne die öden Pflichtnummern der Inhaltsangaben und ohne Bezüge zum letzten und vorletzten Werk? Als tänzerisches Nachsinnen und reine Kür für Kritiker? Läse ich gern.
 

Der Staatstrojaner — Was davor geschah

St. Petersburg, 11. Oktober 2011, 15:18 | von Paco

»Die Algorithmen müssen in Narration übersetzt werden«, hat Frank Schirrmacher vor einiger Zeit zu Alexander Kluge gesagt. Und exemplarisch wurde das jetzt mal anhand des »Staatstrojaners« getan, inkl. disassemblierten Codeschnipseln über mehrere Seiten hinweg. (Btw, Frank Rieger ist ein begnadeter Algorithmen-in-Narration-Übersetzer.) Die FAS vom letzten Sonntag war aber weit mehr als der Bundestrojaner-Showdown. Sie war insgesamt genommen mal wieder eine Jahrhundert-FAS. Schon der übliche Literaturbeilagenbandwurmtext »Die Suada« trug dazu entscheidend bei, geschrieben wie immer von den wahnsinnigen Archivaren des FAS-Feuilletons. Kurz gesagt:

Die Suada der FAS ist so was wie Der Umblätterer in gut.

Am Samstagmorgen hatte ich allerdings noch keine Ahnung vom Inhalt der morgigen FAS. Da saß ich gerade in der Küche und pulte eine gute Stunde lang ohne übertriebene Hast das Preisschild von einem Buch ab (das ich im Dom Knigi gekauft hatte, dort verwenden sie immer diesen mit Staub und Mikrofasern gestreckten Preisschildkleber noch aus Sowjetzeiten). Während ich das tat, beantwortete Denis Scheck im Deutschlandradio Kultur gerade zwei Stunden lang ausführlich Hörer­fragen. Wie schön! Ich könnte Denis Scheck stundenlang zuhören (guilty pleasure), aber irgendwann war die Sendung vorbei, was gut war, denn ich hatte inzwischen unbemerkt den Buchumschlag fast durchgescheuert.

Und ich musste mich beeilen, ich war nämlich auf der Jelagin-Insel zu einem Spaziergang verabredet, wo es um diese Jahreszeit aussieht wie in einem Rilke-Gedicht:

Im Kirow-Park auf der Jelagin-Insel

Ivan Jelagin, der den schönen Vatersnamen Perfiljewitsch trug, war ungefähr der Joseph Sonnenfels des russischen Zarenreiches, umtriebig und in allem weit ausholend, sodass ihn später keiner mehr auf einen Nenner bringen konnte und er deshalb leichter vergessen werden konnte. Mitten zwischen den Dingen hat er zum Beispiel auch noch Katharina der Großen bei ihren Lustspieldichtungen geholfen. Und dafür und noch für ein paar andere Sachen hat er dann dieses schöne Inselgeschenk erhalten. Den neuen Palast auf seiner Insel hat er allerdings nie gesehen, er stammt aus dem 19. Jahrhundert, einer der sehr vielen Carlo-Rossi-Prunkbauten in St. Petersburg und wie so oft nur eine Ausrede, mal wieder ein gutes Dutzend Säulen zu verbauen. Hier mit der berühmten saftigen Butterwiese davor:

Jelagin-Palais mit Butterwiese davor

Am Nachmittag war ich wieder im Zentrum und traf mich mit Baumanski auf ein paar Pyshki in einer Bäckerei am Ploschad Wosstanija. Viel Neues gab es nicht zu bereden, die FAS war ja wie gesagt noch nicht erschienen, und so entschieden wir uns, warum denn auch nicht, endlich mal für einen Besuch im Polarmuseum in der Uliza Marata, denn die hatten kürzlich ein neues lebensgroßes Eisbärenmodell reinge­kriegt, das auf den Namen Artur hört, und das mussten wir natürlich sehen.

Das Museum ist ja in einem grandiosen alten Kirchenbau unterge­bracht, zweckentfremdet im Namen der gesamtgesellschaftlichen Revolution schon in den 30er Jahren:

Arktis- und Antarktismuseum in St. Petersburg

Beim Reingehen reißt man sofort erschrocken den Kopf nach oben, denn dort schwebt eine originale Schawrow Sch-2, ein Amphibien­flugzeug, dessen Flügel bis weit in die Seitenschiffe der alten Kirche hineinragen. Was für eine unfassbare Installation, unbedingt ansehen! Und auch sonst ist das Polarmuseum in St. Petersburg unbedingt unser Museum des Jahres.

Erschöpft gingen wir nach zweieinhalb Stunden Arktis und Antarktis weiter zum Abendessen in das georgische Spitzenrestaurant in der Borowaja Uliza, Chatschapuri und Chinkali für alle, und einige Zeit später fanden wir uns wie so oft in diesem neuen Artspace »Taiga« an der Dworzowaja Nabereschnaja wieder. Wir trafen dort u. a. den Nightlife-Fotografen Sergey Yugov, der gerade dieses schöne Foto geschossen hatte (© bei ihm):

(c) Sergey Yukov

Irgendwann wurde es unheimlich dort, denn ein paar Leute lobten sehr lang und breit und laut und einen Tick zu offiziell den niederlän­dischen Geheimdienst, er sei der beste der Welt, aus den und den Gründen (»Ich wusste bis vorhin gar nicht, dass es den gibt.« – »Eben!«), und jedenfalls gingen wir dann mit dem berühmten Nightlife-Fotografen noch woanders hin, Richtung Dumskaja, zu dieser Club-Favela mitten in downtown St. Pete.

(…)

(…)

(…)

In den späten Morgenstunden saß ich dann wieder in der Galerie und las bei faz.net mit großer Hingabe die ganzen Artikel über den gehackten Staatstrojaner. Bei einer solchen Informationslage war an Schlaf erst mal nicht zu denken, ich ging also sofort wieder los und besorgte mir die erwähnte Druckausgabe der erwähnten aktuellen Jahrhun­dert-FAS und ging damit wiederum ein paar Pyshki essen und las und las und war nach ein paar Stunden zu müde zum Weiterlesen und ging nach Hause und löste dann zur Entspannung erst mal noch schnell das Kreuzworträtsel in der aktuellen SUPERillu, die mir Josik aus dem Air-Berlin-Flieger mitgebracht hatte.

Usw.