Regionalzeitung (Teil 61)
Leipzig, 5. November 2013, 21:00 | von Paco
301. nahm ihm den Wind aus den Segeln
302. der passionierte Oldtimerfan
303. auf schwankenden Planken
304. aus dem Nähkästchen
305. ließen sie den Abend ausklingen
301. nahm ihm den Wind aus den Segeln
302. der passionierte Oldtimerfan
303. auf schwankenden Planken
304. aus dem Nähkästchen
305. ließen sie den Abend ausklingen
Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

St. Petersburg
Das »Bufet« der Nationalbibliothek
an der Ploschtschad Ostrovskogo.
(Das »Bufet« hat eine Monopolstellung bei Allen, die sich nicht nach jeder Pause einen neuen Kontrollzettel ausstellen lassen wollen. Das Essen ist höchst mittelmässig, der Kaffee eher schwach und die Bedienung konsequent kühl. Im Radio laufen meistens russische Schnulzen, aber jetzt gerade ein lustiges Lied über Kakerlaken. Manchmal ist das »Bufet« über Mittag plötzlich für drei oder vier Stunden geschlossen, aber, na ja, die Enttäuschung hält sich dann auch in Grenzen.)
Ziemlich früh am Mittwochmorgen, während die Buchmesse gerade öffnete, begann ich die in den letzten Tagen gesammelten Buchmessebeilagen der Zeitungen zu lesen, ordentlich der Reihe nach, und bis zum Frühstück hatte ich schon elf Rezensionen geschafft. Nach Kaffee und Cronuts ging es weiter, Seite um Seite, Text um Text, Buch um Buch. Mittags war ich dann fertig, doch immer noch unruhig und hungrig. Einen kurzen, störrischen Text hätte ich mir jetzt gewünscht über ein kurzes, störrisches, aber nicht zu störrisches Buch, das mir auf seltsame Weise eine Gegend zeigte, die ich nicht kannte, bewohnt von Menschen, die mir ganz fremd waren. Von Plänen und Ereignissen sollte die Rede sein, die mich nicht interessierten und eine Zeit betrafen, die längst vorbei war und unerreichbar. Durch solch ein Buch wollte ich mich Satz für Satz hangeln, ganz gemächlich, und nach jedem Punkt eine Pause machen und durchatmen und wieder weiter lesen.
Kurze Sätze zum Beispiel: »Die Tage vergehen. Herbst. Der Geruch rostiger Nägel in der morgendlichen Kälte.«
Aber auch lange: »Es sind Gerüchte, die bis nach Tjocksta, Vallby, Sävja, Krisslinge, Edeby, Söderby und Ängeby in der Gemeinde Danmark im Bezirk Vaksala gedrungen sind, bis zu Höfen der Gemeinde Funbo im Bezirk Rasbo und bis nach Kasby und Marma in der Gemeinde Lagga im Bezirk Långhundra.«
Und mittellange: »Dunkles Licht, dumpfer Klang, viele Ahnungen, nichts geschieht offen, ein träges Warten, ein Gefühl von Drohungen und Versprechen, vermischt.«
Das würde mir wirklich gefallen.
Die Gegend ist Hammarby in Schweden, die Zeit ist das 18. Jahrhundert, die Personen sind Carl von Linné, sein Gärtner, seine Schüler, ein Kutscher, ein Knecht und noch andere. Geschrieben wurde das Buch 1995, ins Deutsche übersetzt 2012, verlegt 2013. Zwischen seinen kurzen Absätzen ist viel Raum.
»Hunde in der Großstadt – quo vadis?«
(Zitat von www.hundelobby.de)
Die aktuelle ZEIT, Nr. 42, Seite 85, die Leserbriefecke! Unter der redaktionellen Notiz »Zum Tod vom (sic!) Marcel Reich-Ranicki« ist ein Schreiben von Brigitte Stöber-Harries abgedruckt, Autorin der Bücher »Ein Hund soll es sein«, »Hundesprache verstehen«, »Warum lässt mein Hund mich nicht aufs Sofa?«, »Mein Öko-Hund«, »Ein Welpe kommt ins Haus«, »Der Knigge für Hund und Halter« etc.
Der Leserbrief setzt an wie ein sozialromantischer Roman aus den 1970er Jahren: »1959: Ubierweg 10 B, Hamburg-Niendorf, Neubaublocks mit Sozialwohnungen, 63 Quadratmeter groß. Meine Eltern hatten einen Berechtigungsschein für so eine Wohnung. Zweieinhalb Zimmer und ein kleiner Balkon! Und ich hatte endlich ein eigenes Zimmer.«
Er geht weiter wie eine Pearl-S.-Buck-Novelle: »Da meine Mutter eine patente Hausfrau war, suchte Frau Ranicki manchmal Rat bei ihr, oder wir halfen mit einem Haushaltsgerät oder einem Ei aus. (…) die Kenntnis der Natur oder praktisches Wissen waren nicht die Stärke der Ranickis.«
Und kulminiert schockartig in einer bitteren Anklage, die stilistisch einer aus der Feder von Émile Zola stammenden Flugschrift nicht nachsteht: »Als Reich-Ranicki dann kometenhaft Karriere machte, ließ er Fußvolk wie uns hinter sich. Meine Briefe an ihn blieben ohne Antwort. So hat es mich nicht gewundert, dass er in Mein Leben seine Zeit in Hamburg als eine ohne gute Sozialkontakte beschreibt. Da habe ich gelernt, dass wir uns gerne damit geschmückt haben, einen so berühmten Mann zu kennen, wir für ihn aber unbedeutend waren.«
Mittwochmorgen, zehn Uhr dreissig. Auch als der Wecker zum dritten Mal klingelt, bleibe ich liegen, nehme das Buch vom Nachttisch und lese endlich die letzten paar Seiten von »Oblomow«. Meine Siebzigerjahre-Ausgabe von Gontscharows grossem Prokrastinationsroman hat den typisch säuerlichen Geruch sowjetischer Bücher und sieht mit dem gelben Einband und der saloonmässigen Aufschrift mehr nach Karl May als nach einem russischen Klassiker aus. Das Buch habe ich vor zwei Jahren in einem Antiquariat an der Gorochovaja gekauft, also zufällig just an der Strasse, an der auch die Wohnung liegt, wo Oblomow die ersten 200 Seiten des Romans verbringt.
Nach dem etwas deprimierenden Schluss stehe ich dann doch auf – es ist nun schon fast Mittag –, trinke einen Kaffee und fahre dann mit der Metro ins Zentrum. Beim Gostinyj Dvor steige ich aus, gehe zur Nationalbibliothek an der Ploschtschad Ostrovskogo, gebe Jacke und Tasche ab, fülle den Kontrollzettel aus und betrete dann wie immer erst mal den Lesesaal für Zeitschriften. Neben der Theke hängt ein Schild: »Genossen Leser! Schreiben Sie bei der Bestellung von Zeitschriften die im Katalog vorgefundene Signatur auf den Bestellzettel. Dies beschleunigt den Erhalt der bestellten Literatur beträchtlich.« Na ja, und bisher ging es eigentlich tatsächlich immer ganz zügig. In der Bibliothek gibt es kein Internet, und das ist doch eigentlich das beste Mittel gegen die Oblomowerei.
(…)
Nach ein paar Stunden verlasse ich die Bibliothek und fahre mit der Metro in den Kirow-Distrikt am südlichen Stadtrand. Dort habe ich mich an der Station Narvskaja mit unserem Freund, dem Opernsänger verabredet, um die konstruktivistischen Bauten des Viertels zu besichtigen. Der Opernsänger ist mal wieder in Bestform. Wir schlendern erst die Traktornaja-Strasse entlang, dann den Narvskij-Prospekt, und er ordnet locker die verschiedenen sowjetischen Gebäude ihrer jeweiligen Epoche zu: eine konstruktivistische Kirowka von Noj Trotzkij hier, eine neoklassizistische Stalinka dort, die typische fünfstöckige Tristesse einer Chruschtschowka dahinter!
Wir überqueren den Obvodnyj Kanal, kaufen eine kleine Flasche Wodka und betreten dann eines der grossen Mietshäuser direkt am Kanal, wo ein Freund des Opernsängers wohnt. Dieser ist Filmemacher, und nach dem ersten Gläschen Wodka rezitiert er erst ein paar Brodskij-Verse und zeigt uns dann Videos des fast 85-jährigen Petersburger Komponisten Oleg Karavajtschuk, der nur mit einem Kissenbezug über dem Kopf auftritt.
Irgendwann, es ist nun schon dunkel, geht es durch die Hinterhöfe weiter, über die Fontanka hinein ins Kolomna-Viertel, vorbei an Ilja Repins Atelier, auf ein paar Teigtaschen in einen usbekischen Imbiss, vorbei an Alexander Bloks Haus, auf einen Schluck Wodka und ein Heringbrötchen in eine Kneipe sowjetischen Stils, bis wir schliesslich wieder mitten im Zentrum sind.
Gegen Ende des Abends sind wir dann noch in so einem Prostranstvo unweit der Isaakskathedrale, einem dieser schön angehipsterten »Art Spaces«, die in Petersburg zurzeit in jedem dritten Hinterhaus zu entstehen scheinen. In diesem Fall: ein altes Wohnhaus mit hohen Decken, ein winziger Ausstellungsraum, eine Bar, und ein Saal mit bröckelndem Stuck und zwei staubigen Kronleuchtern, in dem günstige Gummistiefel verkauft werden. Ich stürze mich sofort auf die Gummistiefel, schliesslich brauche ich ein Paar für die Datscha, aber meine Grösse ist schon ausverkauft.
John Kenneth Galbraith ist ein Vielschreiber der ökonomischen Literatur, eine Art Johannes Mario Simmel seines Genres. »The Great Crash, 1929«, der ganz nüchterne Account der größten Krise aller Zeiten, ist natürlich sein größter Hit. Der große Crash spielt auch in (Originaltitel:) »A Short History of Financial Euphoria« eine Rolle, aber diese kurze Geschichte ist nicht der kleine Bruder des großen Klassikers desselben Autors, sondern so was wie der kleine Stiefenkel von »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« von Charles Mackay.
Charles Mackay veröffentlichte seinen Ziegelstein bereits 1841 und reißt neben der Tulipomanie und der South Sea Bubble auch gleich mal die Geschichte der Alchemie und Scharlatanerie mit ab. Ein irres Buch, ein schönes Buch, aber eben ein Ziegelstein. Galbraith tanzt mindestens genauso elegant durch die Geschichte der Spekulation, aber leichter und flockiger und mit viel weniger Schnörkel und Detail. Ab und an klaut er sich auch mal eine Anekdote von Mackay. Zum Beispiel die mittlerweile berühmte mit dem Seemann, der nach Holland kommt und einen reichen Händler in seinem Warenhaus aufsucht, um ihm das Eintreffen seiner Waren zu melden.
Der Händler ist natürlich, wie quasi jeder im Holland des Tulpenwahns, ein Tulpenspekulant. Zwischen Samt und Seide im Warenhaus sieht der Seemann, der gern Zwiebel isst, auch etwas liegen, das er für eine solche hält, und lässt sie in seiner Tasche verschwinden. Kaum hat er das Lagerhaus verlassen, bemerkt der Händler das Fehlen der Zwiebel. Es handelt sich um eine Semper Augustus, die teuerste Tulpenart. Rasend vor Wut durchforstet er das ganze Lager und kann die Semper Augustus nicht finden.
Da erinnert er sich an den Besuch des Seemanns. Zusammen mit seinen Angestellten stürmt er hinunter zum Quai. Dort sehen sie den Seemann sitzen, er hängt zufrieden in einer großen Rolle Seil und verzehrt genüsslich das letzte Stück seiner ›Zwiebel‹. Von dem Wert dieser Semper Augustus hätte man ein ganzes Jahr lang die Besatzung des Schiffes ernähren können. Als ich das las, saß ich gerade im Bordrestaurant bei Königsberger Klopsen mit Butterreis und hätte mir auch fast eine rohe Zwiebel dazu bestellt.
Man kann natürlich für alle Hundertseiter sagen, dass sie sich bestens auf einer Bahnfahrt erledigen lassen. Man beginnt dann Reise und Buch gleichzeitig und schließt beide auch zur selben Zeit ab. Der letzte Schrei zur Geschichte der Spekulation ist übrigens »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor. Doch dieses Buch ist dann auch wieder etwas umfangreicher, wenn auch noch kein Ziegelstein. Trotzdem muss man dann schon eine längere Zugreise wagen, Hamburg–München und zurück und das ganze zwei Mal, zum Beispiel.
John Kenneth Galbraith: Finanzgenies. Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 1992.
John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 2010.
(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)
Es ist natürlich eine hübsche Sache, dass Ilija Trojanow, auf dessen Anwesenheit nach der Auffassung US-amerikanischen Sicherheitsorgane beruhigt verzichtet werden kann, kurz zuvor ein Buch mit dem Titel »Der überflüssige Mensch« veröffentlicht hat. Allerdings geht es in dem Büchlein weniger um den Autor als um die Frage, wie der Reichtum in der Welt gerechterweise zu verteilen sei.
»Gerechtigkeit«, sagt Sancho Pansa, »ist etwas so Gutes, dass sie sogar unter den Spitzbuben notwendig ist.« Kein Wunder also, dass die Verteilungsgerechtigkeit – eines der Hauptprobleme jeder Räuberbande, also auch der, deren Mitglieder wir sind – seit 2.500 Jahren auf der Agenda der kleinen und großen Philosophen zu finden ist. Eigentlich sollte dies Problem in der sogenannten christlich-abendländischen Kultur allein aufgrund der Tatsache, dass am Grunde der christlichen Ideologie eine solide Verachtung jeglichen weltlichen Besitzes zu finden ist, durch die umfassende Armut aller ihrer Mitglieder gelöst sein. Ist es aber nicht.
Da das Christentum unserer Räuberbande also nicht zur inneren und äußeren Gerechtigkeit verholfen hat, hat vor etwa 150 Jahren ein Mann aus Trier eine Theorie zur Umverteilung allen Kapitals entwickelt. Auf der Basis dieser Theorie wurde vor etwa hundert Jahren ein praktischer Versuch gestartet, der, wahrscheinlich bedingt durch anthropologische Schwächen der Theorie, musterhaft gescheitert ist. Seitdem ist der Name des Trierers zum Tabuwort und kein neuer Großversuch einer Theorie der Verteilungsgerechtigkeit bekannt geworden. Und wo es keine Lösung gibt, bleibt nur das Klagen. Das tut Trojanow denn auch.
(Ausführliche Besprechung des Buches hier.)
Ja, im Ministerialblatt des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus und Sport Nr. 8/2010 unter Aktenzeichen 35-6615.30/973/1 auf S. 320 steht, dass »zum potenziellen Prüfungsstoff« des Grundkurses neben »Jakob der Lügner« und »Die Physiker« eben auch die »Ganzschrift« »Tonio Kröger« von »T. Mann« gehört.
Der mittellanghaarige, fortschrittsgewandte Referendar hatte eben etwas kumpelmäßig – in Abstimmung und kurzem Blickkontakt mit der Lehrerin – die Tonio-Kröger-Wikipedia-Seite in den ersten Minuten der Behandlung des Werks zu einer ausnahmsweise vertrauenswürdigen Quelle erhoben. Dadurch ermutigt erklärte ein nach dem Thema des Buches befragter, pflichtbewusster Mitschüler links hinter mir, es ginge hauptsächlich um den »unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Künstlertum und Bürgerlichkeit«.
Ich war überrascht, hatte ich nach gewissenhafter Lektüre der ersten paar Seiten doch eher mit einer sich weiter fortsetzenden homoerotischen Lovestory gerechnet. Deswegen und aufgrund der augenscheinlichen Abneigung der versammelten Klassenzimmerinsassen gegenüber der Erzählung – sie stellten sie wohl alle ebenfalls höchstens auf eine Stufe mit »Grete Minde« – … jedenfalls wurde ich zur weiteren Lektüre angespornt. Und stellte etwas später – hinter mir die mit
dunkeläugig blauäugig
brünett blond
träumerisch sportlich etc.
beschriebene Kreidetafel – mindestens zwanzig Merkmale vor, die den Novellencharakter der Erzählung beweisen.
Die Dresdner hauts fonctionnaires haben das aus dem Kanon enttäuschend hervorstechende Werk mittlerweile detektiert und (so vermerkt im Ministerialblatt des SMK Nr. 7/2011 unter den Hinweisen zur Vorbereitung auf die Abiturprüfung und die Ergänzungsprüfungen 2013 an allgemeinbildenden Gymnasien, Abendgymnasien und Kollegs im Freistaat Sachsen, Az. 35-6615.30/1016/1, S. 184) den gänzlich funkzellenüberwachungsunkritischen »Tonio Kröger« mit Juli Zehs »Corpus Delicti« ersetzt.
Thomas Mann: Tonio Kröger. Berlin: S. Fischer 1913.
Thomas Mann: Tonio Kröger. In: Tonio Kröger / Mario und der Zauberer. Ein tragisches Reiseerlebnis. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1994.
(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)
Als ich mich letztens wieder einmal auf der Homepage des Fachbereiches Soziologie der Universität Trier herum trieb, entdeckte ich ein Zitat:
»Könntest du mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus nehmen soll?« , fragte Alice auf ihrem Weg durch das Wunderland die Katze. Worauf die Katze antwortete: »Das hängt von einem guten Teil davon ab, wohin du willst.« Ach darüber mache ich mir keine besonderen Gedanken« sagte Alice. Die Katze antwortete: »Dann ist es auch egal, welchen Weg du weitergehst.«
Keine Angabe über die Ausgabe, aus der zitiert wurde. Ich setzte sofort eine E-Mail an den PD Dr. Waldemar Vogelgesang auf und bat ihn um einen Quellenhinweis. Mir war der Wortlaut ein wenig anders, doch ebenfalls deutsch in Erinnerung, und so schlug ich in der Insel-Ausgabe nach, Seite 67:
»Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll? (…) Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest«, sagte die Katze. »Ach, wohin ist mir eigentlich gleich –«, sagte Alice. »Dann ist es auch egal, wie du weitergehst«, sagte die Katze.
Als ich dann etwas später meinen Müll runter brachte, vernahm ich folgende Gesprächsfetzen, die, mir unvergesslich, über den Hinterhof schallten:
»Übrigens, was ist aus dem Baby geworden? (…) Fast hätte ich vergessen, danach zu fragen.«
»Es hat sich in ein Ferkel verwandelt.« (…)
»Das hab ich mir gleich gedacht.« (Insel-Ausgabe, Seite 68)
Dieser Wortwechsel beeindruckte mich derart, dass ich ihn unbedingt auf meine Homepage schreiben will, sollte ich jemals an einem Soziologie-Lehrstuhl der Uni Trier arbeiten. Vor Begeisterung merkte ich dann zurück am Bildschirm erst gar nicht, dass Dr. Vogelgesang inzwischen geantwortet hatte, so pfeilschnell und sympathisch, dass ich mich fast für meine freche, lahme Anfrage schämte. Die »Alice«-Zeilen seien seine eigene kleine Übersetzung, schrieb er, und das leuchtete mir trotz der über 30 vollständigen deutschen Übertragungen sofort ein und ich machte mich an die Arbeit:
»Hey, watt is’n aus (sic!) den Kleen jewordn?« fragte die Katze. »Fast hätt ick fajessn zu fragn.«
»Er is’n kleenet Ferkel jewordn«, antwortete Alice, gerade als wie wenn die Katze auf ganz jewöhnliche Weise zurückgekomm wär.
»Hab icks mir doch jedacht«, sagte die Katze und verschwand wieder.
Lewis Carroll: Alices Abenteuer im Wunderland. Mit Bildern von Jonathan Wolstenholme. Nach der ersten dt. Übers. von Antonie Zimmermann. Getreu & behutsam erneuert von Gerd Haffmans. Leipzig: Haffmans Verlag bei Zweitausendeins 2012.
(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)