Vossianische Antonomasie (Teil 34)
Leipzig, 29. November 2013, 12:40 | von Paco
- der Mick Jagger der Literatur
- eine Jane Austen des Nachkriegsenglands
- der Heinrich George des Polizeiwesens
- der Gandhi des Internet
- der Lech Walesa des Netzes
Lange hat man nichts von ihm gehört und jetzt hatte er einen Auftritt bei Jay Leno: George W. Bush, Nr. 43 der ewigen Bestenliste, hehe. Nach eigener Aussage ist er jetzt Maler geworden. Dazu inspiriert habe ihn ein Buch von W. Churchill, »Painting as a Pastime«.
W. Churchill war ja ein sehr berühmter Hobbymaler, ebenso wie der berühmte und deutsch-österreichische Postkartenmaler A. Hitler. Und schon im Februar hatten amerikanische Quatschmedien festgestellt, »dass Bush gar nicht so ungeschickt male für einen Amateur – besser jedenfalls als Adolf Hitler und Winston Churchill«.
Der entsprechende Dialog bei Leno geht nun so:
Leno: Now, I know you’ve taken up some hobbies, you’re painting now, you showed me some of your paintings. I was very impressed.
Bush: I am a painter.
Leno: Yeah, yeah … oh, you are a painter now!?
Bush: I mean, you may not think I’m a painter. I think I’m a painter.
Leno: Is that second on your credits, President of the United States, painter, on your resume?
Bush: It depends whether you like the painting or not.
Natürlich bin ich sofort neugierig, was wird er malen und in welchem Stil? Glücklicherweise werden gleich ein paar Beispiele eingeblendet. Sein Hund Barney ist als erstes zu sehen und dazu gibt es gleich noch die herrliche Anekdote, wie der kleine Terrier mit eigenem Wikipedia-Eintrag damals von W. Putin gedisst wurde, als dieser auf Besuch bei Bushs war.
Das nächste Motiv ist Bushs neuer Kater Bob (noch ohne Wikipedia-Eintrag) und als große Überraschung gibt es dann als Gastgeschenk noch ein Jay-Leno-Portrait. Von weitem erinnern die Bilder ziemlich an die Malerei, die normalerweise entlang von Einkaufsstraßen und auf Pariser Brücken angeboten oder verfertigt wird (grobe Pinselstriche, dicker Farbauftrag, etwas unnatürlich wirkende Farben), aber das kann täuschen.
Bei einem seiner vierjährlichen Fernsehauftritte bei Denis Scheck gestand Christian Kracht einmal, dass er eigentlich Maler habe werden wollen und nicht Schriftsteller. Sogar ein entsprechendes Studium sei er angegangen. Irgendwann habe er dann aber feststellen müssen, dass er gar kein Maler sei, sondern nur ein Malerdarsteller, also jemand, der sich kleidet wie ein Maler und sich benimmt wie ein Maler, der sich sogar Farbflecken auf seinen Overall kleckst, um die Darstellung zu perfektionieren.
Zum eigenen Leidwesen habe Christian Kracht seinen Plan irgendwann aber aufgegeben und hat uns nun als Schriftstellerdarsteller ein paar sehr schöne Romane geschenkt und jetzt sogar noch einen grandiosen Film in Gemeinschaftsproduktion mit seiner Frau.
Seiner historischen Leistung nach zu urteilen, ist auch George W. Bush also ein Malerdarsteller, und zwar ein sehr guter!
321. dann funkelt ihre Sprache
322. in malerischer Umgebung
323. ist keine eierlegende Wollmilchsau
324. der etwas anderen Art
325. Besucher aus zahlreichen Ländern
316. den Spiegel vorgehalten
317. sind damit vorprogrammiert
318. hatten alles im Repertoire
319. prominenter Gast war der erstaunlich jung gebliebene
320. für die nächste Saison gut aufgestellt
Hammertext. Der Schweinsohr kauende Vater … Diese Väter-Söhne-Geschichten von Jens über Kohl bis Unseld und Wimbauer sind wirklich ein Verhaltens- und Kulturmotor ersten Ranges. Oft genug die reine Hypothek. Der eine verdaut den Vater offensiv, der nächste hyperaktiv, der dritte passiv – Sohn von Hildebrand Gurlitt zu sein, bedeutete ja auch, lebenslänglich Sohn zu sein. Da erbst du 1406 Kunstwerke und kannst sie doch nur deponieren. Einem Beruf gehst du erst gar nicht nach. Nur wenn die Knödelvorräte zur Neige gehen, verkaufst du halt mal wieder einen Schinken. Der Kunstmarkt spielt Jahrzehnte diskret mit. Wie schlecht die »Focus«-Story von vor einer Woche war, zeigte sich erst gestern. Man hat in der Sache nichts Substanzielles verpasst, wenn man erst den »Spiegel« las (S. 150–158). Lustig finde ich ja auch, dass »Paris Match« gelang, was »Bild«, SZ und »Abendzeitung« (»Servus aus München«) mit geballter Münchner Lokalmedienmacht nicht schafften. Gurlitt, der die ganze Zeit zu Hause war, zu Gesicht zu kriegen.
Vor einigen Jahren geriet ich mal wieder in den Borges-Rausch, las ihn mitten im Juli auf dem Balkon, um die argentinische Hitze zu ahnen, dann wieder drinnen, im Dämmer der Jalousien. Borges war lange tot und sehr weit weg, also richtete ich die Begeisterung und Dankbarkeit auf seinen deutschen Verlag und den Verleger. Als ich erfuhr, dass Michael Krüger in die Buchhandlung Müller & Böhm im Heine-Haus kommen würde, um sich mit einem ehemaligen Professor der Kunstakademie zu unterhalten, ging ich sofort hin.
Der Abend war heißer als mancher Mittag, aber ich musste ja nur ein paar Straßen und über den Rhein und noch ein bisschen weiter laufen. Nach ein paar Metern allerdings dachte ich, dass kein Mensch bei dieser Hitze ein Kunstgespräch zwischen einem nicht mehr jungen Verleger und einem alten Professor ertragen könnte. Die werden allein auf dem Podium sitzen, dachte ich, niemand tut sich so einen Unsinn an, jeder trifft Freunde und trinkt und lacht und amüsiert sich, also was hat Borges davon, wenn ich im Heine-Haus unter dem Glasdach sitze und zerfließe?
Andererseits war Michael Krüger extra von München nach Düsseldorf gekommen, um jenem längst emeritierten Professor, dessen Namen ich nicht kannte, einen Gefallen zu tun, und schuldete ich etwa Krüger keinen Gefallen? Also reiß dich zusammen, sagte ich mir, wisch dir die Stirn, halt es aus und sitz mit drei, vier Leuten einfach einen Dank ab, von dem er nichts weiß, und fertig.
So schleppte ich mich über den Rhein in die berühmte Düsseldorfer Altstadt, die ja bis an den Fluss reicht und wo an Sommerabenden ein fürchterliches Gedränge herrscht. Dazu Frittendampf, Bierdunst, Bässe, Gejohle, Geschrei. Dass Heine hier zur Welt kam, ist seine Rache.
Kurz vor dem Ziel blieb ich dann in der Menge stecken, bloß um festzustellen, dass die Leute um mich herum weder johlten noch tranken, vielmehr nervös auf den Zehen wippten und die Hälse verrenkten. Kriegen wir noch Karten?, tuschelten sie. Ich komm extra aus Korschenbroich! Das ist doch nicht ausverkauft? Nicht im Ernst, an so einem Abend, in Düsseldorf? Was, ausverkauft? Wirklich??
Ich wage hier mal die These, dass in einem Monat, wenn Michael Krüger 70 wird, jeder deutsche Leser auf mindestens eine Krüger-Begegnung zurückblicken kann. Oder auf eine Nicht-Begegnung. Damals waren die Leute übrigens nicht des großen Michael wegen angereist. Sie wollten den kleinen Fritz Schwegler sehen.
311. nahm an den Entwicklungen seiner Zeit großen Anteil
312. wurde ihr nicht in die Wiege gelegt
313. auch das kam nicht zu kurz
314. ist keine Einbahnstraße
315. das Mekka der
306. lässt wieder von sich hören
307. die müden Glieder zu erfrischen
308. strapazierte die Lachmuskeln
309. ein vielschichtiges Porträt der amerikanischen Gesellschaft
310. kritisch hinterfragen
Mit Dank an Ronald Meyer-Arlt.