Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 6):
»Verwerfungen« (1972)

Leipzig, 6. Dezember 2013, 08:05 | von Paco

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

›Verwerfung‹ ist nicht als »Geworfenheit« (Heidegger) des kleinen Mannes zu verstehen, sondern als irgendetwas anderes. Raddatz bemüht zur Erklärung seines metaphorisch-vieldeutigen Buchtitels den Brockhaus, die Wikipedia des 19. und 20. Jahrhunderts. Dort firmiere die Verwerfung als »Verschiebung« einer »Gesteins- oder Gangmasse«. Übersetzt heißt das ungefähr, dass Raddatz Kritik und Einwände anbringen will gegen die sechs Autoren, denen er seine Essaysammlung widmet, vor allem auch gegen deren Rezeption.

Es geht gut los mit zwei Polemiken gegen den laut Raddatz Nicht-Polemiker Karl Kraus (»Karl Kraus hatte unrecht«, S. 28) und gegen die »›Frauenlyrik‹« (S. 50) verfassende Nelly Sachs. Über die Nobelpreisträgerin fällt er das schlimmste Urteil, das man über eine in deutscher Sprache schreibende Lyrikerin fällen kann: Man solle von einigen ihrer Gedichte lieber die englische Übersetzung lesen, die sei besser. Antastbarkeit von Dichterruhm ist hier das große Thema.

Doch nach diesem sensationellen Auftakt bespricht Raddatz plötzlich drei Franzosen und von dem polemischen Hau ist nichts mehr zu spüren. Stattdessen schreibt er informative Werkbiografien zu Louis Aragon, Jean Genet und Louis-Ferdinand Céline auf.

Erst mit dem abschließenden Text zu Witold Gombrowicz fängt er sich wieder. »Ferdydurke« und »Pornografia« lässt er ja noch gelten, aber dann: »Witold Gombrowicz ist nicht, worauf sich aus Mißverständnis die Kritik einigte, ein großer Tagebuchschreiber« (S. 149). Verwerfung pur!

Länge des Buches: > 225.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Verwerfungen. Sechs literarische Essays. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1972. S. 3–156 (= 154 Textseiten).

(Erfüllt doch nicht wie gedacht die Kriterien eines Hundertseiters, vgl. die Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 5):
»Georg Lukács« (1972)

New Haven, 5. Dezember 2013, 08:10 | von Srifo

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 86)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Rauschhaft versetzt einen das Cover sofort in die 70er-Jahre zurück: der stumpenhaltende Lukács im bourgeoisen Tweedjacket, ganz in Ro-Ro-Rot gefärbt. Im Text selbst geht’s dann noch weiter zurück – alles zentrifugiert um und auf das im Thomas-Mann-Style verfasste Kapitel »Naphta im Exil« zu (S. 52ff.). Schon im Kick-off-Abschnitt »Budapest als geistige Lebensform« (S. 7ff.) surrt uns feinster Castorp um die Ohren. Raddatz beginnt seine Erzählung nicht etwa mit Lukács‘ Kinderjahren, sondern mit Lukács‘ Tod. An den Zeilenlängen der Nekrologe liest er die Wirkmächtigkeit des Verstorbenen wie auch glatte Weltpolitik ab (bitte Wort- und Ziffernwahl der Zahlenmystik beachten!):

»Die ›Prawda‹ brachte auf Seite 4 eine Fünf-Zeilen-Notiz, das ›Neue Deutschland‹ versteckte die Nachricht in elf Klein-Zeilen; ›Le Monde‹ dagegen druckte eine Seite, in ›L’Humanité‹ schrieb der französische Schriftsteller André Wurmser seine Würdigung auf Seite 1, alle deutschsprachigen Zeitungen des Westens widmeten dem Ereignis ganzseitige Artikel […]: des sechsundachtzigjährigen Georg Lukács‘ Tod am 4. Juni 1971 war nicht nur das Ende einer (theoretischen) Kunstperiode, sondern gab auch, auf verquere Weise, die Summe eines Lebens: Akklamation und Würdigung in der alten Welt, deren Ende er hatte mit herbeiführen wollen.« (S. 7)

Zu konstatieren, der Autor sei in »Höchstform«, ist nach dieser Lektüre des vierten von über zwei Dutzend Hundertseitern keinesfalls vorschnell: Angesichts der Erscheinung, die FJR darstellt, müssen wir schon jetzt erkennen, dass es offenkundig die Möglichkeit gibt, sich im permanenten stilistischen Superlativzustand zu befinden.

Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Georg Lukács in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1972. S. 3–126 (= 124 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 4):
»Erfolg oder Wirkung« (1972)

Berlin, 4. Dezember 2013, 08:05 | von Josik

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 85)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Fritz J. Raddatz porträtiert in diesem Buch Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Erich Mühsam, Willi Münzenberg, Ernst Niekisch und Robert Havemann. Es sind meisterliche impressionistische Genrebilder, die er mit leichter Hand skizziert, absolute Pflichtlektüre für alle, vielleicht nur für den Erdkunde- oder Geschichtsunterricht nicht unbedingt. Aus Raddatz spricht die ungestillte Sehnsucht nach dem Süden, wenn er einen Kreis junger Naturalisten nach »Friedrichshafen am Müggelsee« (S. 55) verlegt; aus ihm spricht der klare Wunsch, dass Hitler schon viel früher hätte weggeräumt werden müssen, wenn er das berühmte Attentat auf den »20. Juli 1940« (S. 130) datiert; und dass eine zweibändige Erich-Mühsam-Auswahl, die 1958 in der DDR erschien, dort »nie wieder aufgelegt« (S. 53) worden sei, ist natürlich ebenfalls falsch.

Cool sind die lebenspraktischen Tipps: Indirekt empfiehlt Raddatz, in keine Autos zu steigen, in denen vom Rückspiegel eine Zottelhexe hängt. Allen Geheimdiensten gemeinsam nämlich sei eine »Atmosphäre von Blechkaffeekanne, Blümchen auf dem Fensterbrett und die Zottelhexe am Rückspiegel der Abholautos« (S. 129). Muffige Zottelhexen am Rückspiegel kann der Stilexperte Raddatz nicht gutheißen; und gerade in Stilfragen sollte man sich generell auf Raddatz’ Urteil verlassen, seit er im FAZ-Interview erklärte: »Ob Sie einer schwangeren Frau den Bauch aufschneiden oder sechs Millionen Juden vergasen – das hat alles mit Stil überhaupt nichts mehr zu tun« und darüber hinaus auch noch lehrte, dass man normalerweise die Unterwäsche jeden »zweiten« Tag wechselt.

Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Erfolg oder Wirkung. Schicksale politischer Publizisten in Deutschland. München: Hanser 1972. S. 3–137 (= 135 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 3):
»Tucholsky« (1961)

Berlin, 3. Dezember 2013, 08:00 | von Josik

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 84)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Dieses Kleinod ist die erste von mehreren Tucholsky-Betrachtungen aus Fritz J. Raddatz’ Feder. Der direkte Vergleich zeigt, dass Raddatz in späteren Tucholsky-Essays gravierendste Änderungen vorgenommen hat, betreffen sie nun Jahreszahlen, Monatszahlen, Tageszahlen oder einfach ganz natürliche Zahlen.

Heißt es in dieser Bildbiografie von 1961 noch: »Mord wurde die legitime politische Waffe, sie stand billig im Kurs: (…) am 8. Oktober 1919 Hugo Haase« (S. 60), so steht 1989 in »Tucholsky. Ein Pseudonym« plötzlich etwas völlig anderes: »Mord wurde die legitime politische Waffe: (…) am 7. November 1919 Hugo Haase« (S. 24).

Heißt es 1961 noch: »Am 23. Februar 1922 erschien der Artikel Die Reichswehr, dessen Klarsicht uns noch heute entsetzen kann (…). Schon sieben Jahre später, 1929, zog Hitler mit 106 Abgeordneten in den Reichstag« (S. 63), so heißt es 1989: »Am 23. Februar 1922 erscheint der Artikel ›Die Reichswehr‹, dessen Klarsicht uns noch heute entsetzen kann (…). Genau acht Jahre später – 1930 – zieht Hitler mit 107 Abgeordneten in den Reichstag« (S. 24). Am 23. Februar 1922 erschien Tucholskys Artikel und tatsächlich fanden die Reichstagswahlen genau acht Jahre später statt, am 14. September 1930. Auf Genauigkeit legt Raddatz nämlich besonderen Wert und 1922+8 ist, das wird jeder Mathematiker bestätigen, genau 1930.

Auffallende optische Verbesserungen hatte Raddatz bereits in dem 1972 erschienenen Band »Erfolg oder Wirkung« vorgenommen, dort war z. B. die Zahl 106 ausgeschrieben: »Mord wurde die legitime politische Waffe: (…) am 8. Oktober 1919 Hugo Haase (…). Am 23. Februar 1922 erschien der Artikel ›Die Reichswehr‹, dessen Klarsicht uns noch heute entsetzen kann (…). Sieben Jahre später – 1929 – zog Hitler mit hundertsechs Abgeordneten in den Reichstag« (S. 17f.) Seltsam, dass Raddatz dann wiederum im Jahr 1989 die Zahl 107 nicht ausgeschrieben hat. Hoffentlich bringt Klett-Cotta bald eine historisch-kritische buntscheckige mehrfarbige Synopse dieser höchst unterschiedlichen Tucholsky-Abhandlungen heraus, damit man ihre Genese kritisch nachverfolgen kann; was für Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« recht ist, sollte für Raddatz doch billig sein.

Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Tucholsky. Eine Bildbiographie. München: Kindler 1961. S. 3–141 (= 139 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 2):
»Herders Konzeption der Literatur, dargelegt an seinen Frühschriften« (1958)

Leipzig, 2. Dezember 2013, 08:05 | von Marcuccio

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 83)

Logo der Raddatz-Festwochen

(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Also, es fängt damit an, dass ich in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig sitze und einen der dünnsten Hundertseiter aller Zeiten öffne. 99 Seiten Haupttext aus dem Jahr 1958, in Handtipparbeit auf hauch­dünnem Butterbrotpapier vervielfältigt: So eine maschinengeschrie­bene Dissertation ist eigentlich superschön. Vor allem, wenn es sich um ein CC-Exemplar handelt, in dem das große W zu bockig war, um typografisch durchzuschlagen:

Ich starte also beim »esen des schöpferischen Künstlers« (S. 18), arbeite mich über die »idersprüchlichkeit« (ebd.) und das »illkürliche« (S. 22) zur »ahrheit« (S. 24) vor. Lese sodann über die »urzeln von Herders Harmoniestreben« (S. 37), grüße unterwegs Herrn »inckel­mann« (S. 46) und nehme später zur Kenntnis: »Homer war ein ilder« (S. 77). »ahrscheinlich« (S. 78) wenigstens. Herder, merke ich mir, ging es zu jeder Zeit um das Verhältnis von »Kunst und irklichkeit« (S. 91). »Mit anderen orten« (S. 97): Um »das Schöne, ahre, Gute« (S. 98).

Eine Frage, die ich mir beim W-Phantomzählen dann noch stelle: Ob sich in der Qualifikationsarbeit des Doktoranden schon der spätere Feuilletonist abzeichnet? Ich suche Anwandlungen und finde: nicht allzuviel. Die Liebe zum Fremdwort ist schon da; auch die Lust, im gleichen Satz abzuwatschen und zu loben, zum Beispiel Herder für seine »Hamlet«-Übersetzung. Ansonsten?

Das Herder-Zitat, das FJR der Diss als Motto vollmundig vorangestellt hat, behauptet, dass »das Erste Werk eines Menschen sein bestes seyn wird«. Da hätte unser Raddatz-Adventskalender noch ein paar Gegenbeweise.

Länge des Buches: > 100.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz Joachim Raddatz: Herders Konzeption der Literatur, dargelegt an seinen Frühschriften. Berlin: Humboldt-Universität, Philosophische Fakultät. Dissertation vom 7. Mai 1958. Umfang: 140 DIN A4-Seiten, davon 99 Seiten Text, der Rest Anhang: Anmerkungen, Literaturverzeichnis, Inhaltsverzeichnis, Lebenslauf. Letzterer wird in den nächsten Wochen noch stückweise in die Wikipedia eingepflegt.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 1):
Vorwort

Berlin, 1. Dezember 2013, 14:00 | von Josik

Logo der Raddatz-Festwochen

(Inhaltsübersicht hier.)

Es ist ein bisschen ungerecht, dass Fritz J. Raddatz hauptsächlich für seine dickeren Bücher berühmt ist, etwa für den 938-Seiter »Tagebücher 1982–2001« oder für den 291-Seiter »Warum ich Marxist bin«. Man sollte nämlich nicht vergessen, dass Fritz J. Raddatz ein Meister nicht nur der Langstrecke, sondern auch ein wohl ungeschla­gener vielfacher Weltrekordhalter der Kurzstrecke ist: Im Lauf der letzten 82 Jahre hat er unfassbarerweise insgesamt über zwei Dutzend Hundertseiter rausgehauen! Diese wollen wir in den nächsten Wochen in gefühlt chronologischer Reihenfolge würdigen.

Damit präsentiert Der Umblätterer einen verlängerten Adventskalender, der sich über den gesamten Monat Dezember erstreckt. Hinter jedem Türchen befindet sich die schlaglichtartige Beleuchtung eines Raddatz-Hundertseiters oder eine andere tolle kleine Überraschung. Morgen geht’s los mit seiner 1958 eingereichten Dissertation »Herders Konzeption der Literatur, dargelegt an seinen Frühschriften«. Wir empfehlen, alle im Handel erhältlichen Raddatz-Hundertseiter als Komplettpaket zu kaufen und an Weihnachten großflächig zu verschenken. Diese Bücher eignen sich für jeden, auch für Kinder und Greise.

Auf die Idee, die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen zu zelebrieren, sind wir übrigens gekommen, als wir neulich in der Mittagspause kurz mal eben in den Fritz-J.-Raddatz-Hundertseiter »Nizza – mon amour« geklickt haben und bei folgender Stelle hängenblieben:

»Man muß stets eingedenk sein, daß auch hier im Süden Frankreichs deutsche Truppen marodierten, plünderten, mordeten. So recht behaglich kann einem nicht sein beim Einkauf in Nizzas ›Galeries Lafayette‹, wenn da links an einer Säule eingemeißelt steht: Ende der Vorschau für dieses Kindle eBook. Hat Ihnen die Vorschau gefallen?«

 


Mein Krüger

Düsseldorf, 11. November 2013, 19:47 | von Luisa

Vor einigen Jahren geriet ich mal wieder in den Borges-Rausch, las ihn mitten im Juli auf dem Balkon, um die argentinische Hitze zu ahnen, dann wieder drinnen, im Dämmer der Jalousien. Borges war lange tot und sehr weit weg, also richtete ich die Begeisterung und Dankbarkeit auf seinen deutschen Verlag und den Verleger. Als ich erfuhr, dass Michael Krüger in die Buchhandlung Müller & Böhm im Heine-Haus kommen würde, um sich mit einem ehemaligen Professor der Kunstakademie zu unterhalten, ging ich sofort hin.

Der Abend war heißer als mancher Mittag, aber ich musste ja nur ein paar Straßen und über den Rhein und noch ein bisschen weiter laufen. Nach ein paar Metern allerdings dachte ich, dass kein Mensch bei dieser Hitze ein Kunstgespräch zwischen einem nicht mehr jungen Verleger und einem alten Professor ertragen könnte. Die werden allein auf dem Podium sitzen, dachte ich, niemand tut sich so einen Unsinn an, jeder trifft Freunde und trinkt und lacht und amüsiert sich, also was hat Borges davon, wenn ich im Heine-Haus unter dem Glasdach sitze und zerfließe?

Andererseits war Michael Krüger extra von München nach Düsseldorf gekommen, um jenem längst emeritierten Professor, dessen Namen ich nicht kannte, einen Gefallen zu tun, und schuldete ich etwa Krüger keinen Gefallen? Also reiß dich zusammen, sagte ich mir, wisch dir die Stirn, halt es aus und sitz mit drei, vier Leuten einfach einen Dank ab, von dem er nichts weiß, und fertig.

So schleppte ich mich über den Rhein in die berühmte Düsseldorfer Altstadt, die ja bis an den Fluss reicht und wo an Sommerabenden ein fürchterliches Gedränge herrscht. Dazu Frittendampf, Bierdunst, Bässe, Gejohle, Geschrei. Dass Heine hier zur Welt kam, ist seine Rache.

Kurz vor dem Ziel blieb ich dann in der Menge stecken, bloß um festzustellen, dass die Leute um mich herum weder johlten noch tranken, vielmehr nervös auf den Zehen wippten und die Hälse verrenkten. Kriegen wir noch Karten?, tuschelten sie. Ich komm extra aus Korschenbroich! Das ist doch nicht ausverkauft? Nicht im Ernst, an so einem Abend, in Düsseldorf? Was, ausverkauft? Wirklich??

Ich wage hier mal die These, dass in einem Monat, wenn Michael Krüger 70 wird, jeder deutsche Leser auf mindestens eine Krüger-Begegnung zurückblicken kann. Oder auf eine Nicht-Begegnung. Damals waren die Leute übrigens nicht des großen Michael wegen angereist. Sie wollten den kleinen Fritz Schwegler sehen.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 82
Magnus Florin: »Der Garten« (1995)

Düsseldorf, 14. Oktober 2013, 19:47 | von Luisa

Ziemlich früh am Mittwochmorgen, während die Buchmesse gerade öffnete, begann ich die in den letzten Tagen gesammelten Buchmessebeilagen der Zeitungen zu lesen, ordentlich der Reihe nach, und bis zum Frühstück hatte ich schon elf Rezensionen geschafft. Nach Kaffee und Cronuts ging es weiter, Seite um Seite, Text um Text, Buch um Buch. Mittags war ich dann fertig, doch immer noch unruhig und hungrig. Einen kurzen, störrischen Text hätte ich mir jetzt gewünscht über ein kurzes, störrisches, aber nicht zu störrisches Buch, das mir auf seltsame Weise eine Gegend zeigte, die ich nicht kannte, bewohnt von Menschen, die mir ganz fremd waren. Von Plänen und Ereignissen sollte die Rede sein, die mich nicht interessierten und eine Zeit betrafen, die längst vorbei war und unerreichbar. Durch solch ein Buch wollte ich mich Satz für Satz hangeln, ganz gemächlich, und nach jedem Punkt eine Pause machen und durchatmen und wieder weiter lesen.

Kurze Sätze zum Beispiel: »Die Tage vergehen. Herbst. Der Geruch rostiger Nägel in der morgendlichen Kälte.«

Aber auch lange: »Es sind Gerüchte, die bis nach Tjocksta, Vallby, Sävja, Krisslinge, Edeby, Söderby und Ängeby in der Gemeinde Danmark im Bezirk Vaksala gedrungen sind, bis zu Höfen der Gemeinde Funbo im Bezirk Rasbo und bis nach Kasby und Marma in der Gemeinde Lagga im Bezirk Långhundra.«

Und mittellange: »Dunkles Licht, dumpfer Klang, viele Ahnungen, nichts geschieht offen, ein träges Warten, ein Gefühl von Drohungen und Versprechen, vermischt.«

Das würde mir wirklich gefallen.

Die Gegend ist Hammarby in Schweden, die Zeit ist das 18. Jahrhun­dert, die Personen sind Carl von Linné, sein Gärtner, seine Schüler, ein Kutscher, ein Knecht und noch andere. Geschrieben wurde das Buch 1995, ins Deutsche übersetzt 2012, verlegt 2013. Zwischen seinen kurzen Absätzen ist viel Raum.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Magnus Florin: Der Garten. Aus dem Schwedischen übersetzt und mit einem Nachwort von Benedikt Grabinski. Berlin: Edition Rugerup 2013.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Konstruktivismus im Kirow-Distrikt

St. Petersburg, 11. Oktober 2013, 08:05 | von Baumanski

Mittwochmorgen, zehn Uhr dreissig. Auch als der Wecker zum dritten Mal klingelt, bleibe ich liegen, nehme das Buch vom Nachttisch und lese endlich die letzten paar Seiten von »Oblomow«. Meine Siebzigerjahre-Ausgabe von Gontscharows grossem Prokrastinationsroman hat den typisch säuerlichen Geruch sowjetischer Bücher und sieht mit dem gelben Einband und der saloonmässigen Aufschrift mehr nach Karl May als nach einem russischen Klassiker aus. Das Buch habe ich vor zwei Jahren in einem Antiquariat an der Gorochovaja gekauft, also zufällig just an der Strasse, an der auch die Wohnung liegt, wo Oblomow die ersten 200 Seiten des Romans verbringt.

Nach dem etwas deprimierenden Schluss stehe ich dann doch auf – es ist nun schon fast Mittag –, trinke einen Kaffee und fahre dann mit der Metro ins Zentrum. Beim Gostinyj Dvor steige ich aus, gehe zur Nationalbibliothek an der Ploschtschad Ostrovskogo, gebe Jacke und Tasche ab, fülle den Kontrollzettel aus und betrete dann wie immer erst mal den Lesesaal für Zeitschriften. Neben der Theke hängt ein Schild: »Genossen Leser! Schreiben Sie bei der Bestellung von Zeitschriften die im Katalog vorgefundene Signatur auf den Bestellzettel. Dies beschleunigt den Erhalt der bestellten Literatur beträchtlich.« Na ja, und bisher ging es eigentlich tatsächlich immer ganz zügig. In der Bibliothek gibt es kein Internet, und das ist doch eigentlich das beste Mittel gegen die Oblomowerei.

(…)

Nach ein paar Stunden verlasse ich die Bibliothek und fahre mit der Metro in den Kirow-Distrikt am südlichen Stadtrand. Dort habe ich mich an der Station Narvskaja mit unserem Freund, dem Opernsänger verabredet, um die konstruktivistischen Bauten des Viertels zu besichtigen. Der Opernsänger ist mal wieder in Bestform. Wir schlendern erst die Traktornaja-Strasse entlang, dann den Narvskij-Prospekt, und er ordnet locker die verschiedenen sowjetischen Gebäude ihrer jeweiligen Epoche zu: eine konstruktivistische Kirowka von Noj Trotzkij hier, eine neoklassizistische Stalinka dort, die typische fünfstöckige Tristesse einer Chruschtschowka dahinter!

Wir überqueren den Obvodnyj Kanal, kaufen eine kleine Flasche Wodka und betreten dann eines der grossen Mietshäuser direkt am Kanal, wo ein Freund des Opernsängers wohnt. Dieser ist Filmemacher, und nach dem ersten Gläschen Wodka rezitiert er erst ein paar Brodskij-Verse und zeigt uns dann Videos des fast 85-jährigen Petersburger Komponisten Oleg Karavajtschuk, der nur mit einem Kissenbezug über dem Kopf auftritt.

Irgendwann, es ist nun schon dunkel, geht es durch die Hinterhöfe weiter, über die Fontanka hinein ins Kolomna-Viertel, vorbei an Ilja Repins Atelier, auf ein paar Teigtaschen in einen usbekischen Imbiss, vorbei an Alexander Bloks Haus, auf einen Schluck Wodka und ein Heringbrötchen in eine Kneipe sowjetischen Stils, bis wir schliesslich wieder mitten im Zentrum sind.

Gegen Ende des Abends sind wir dann noch in so einem Prostranstvo unweit der Isaakskathedrale, einem dieser schön angehipsterten »Art Spaces«, die in Petersburg zurzeit in jedem dritten Hinterhaus zu entstehen scheinen. In diesem Fall: ein altes Wohnhaus mit hohen Decken, ein winziger Ausstellungsraum, eine Bar, und ein Saal mit bröckelndem Stuck und zwei staubigen Kronleuchtern, in dem günstige Gummistiefel verkauft werden. Ich stürze mich sofort auf die Gummistiefel, schliesslich brauche ich ein Paar für die Datscha, aber meine Grösse ist schon ausverkauft.
 


100-Seiten-Bücher – Teil 81
John Kenneth Galbraith: »Eine kurze Geschichte der Spekulation« (1990)

Barcelona, 9. Oktober 2013, 10:58 | von Dique

John Kenneth Galbraith ist ein Vielschreiber der ökonomischen Literatur, eine Art Johannes Mario Simmel seines Genres. »The Great Crash, 1929«, der ganz nüchterne Account der größten Krise aller Zeiten, ist natürlich sein größter Hit. Der große Crash spielt auch in (Originaltitel:) »A Short History of Financial Euphoria« eine Rolle, aber diese kurze Geschichte ist nicht der kleine Bruder des großen Klassikers desselben Autors, sondern so was wie der kleine Stiefenkel von »Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds« von Charles Mackay.

Charles Mackay veröffentlichte seinen Ziegelstein bereits 1841 und reißt neben der Tulipomanie und der South Sea Bubble auch gleich mal die Geschichte der Alchemie und Scharlatanerie mit ab. Ein irres Buch, ein schönes Buch, aber eben ein Ziegelstein. Galbraith tanzt mindestens genauso elegant durch die Geschichte der Spekulation, aber leichter und flockiger und mit viel weniger Schnörkel und Detail. Ab und an klaut er sich auch mal eine Anekdote von Mackay. Zum Beispiel die mittlerweile berühmte mit dem Seemann, der nach Holland kommt und einen reichen Händler in seinem Warenhaus aufsucht, um ihm das Eintreffen seiner Waren zu melden.

Der Händler ist natürlich, wie quasi jeder im Holland des Tulpenwahns, ein Tulpenspekulant. Zwischen Samt und Seide im Warenhaus sieht der Seemann, der gern Zwiebel isst, auch etwas liegen, das er für eine solche hält, und lässt sie in seiner Tasche verschwinden. Kaum hat er das Lagerhaus verlassen, bemerkt der Händler das Fehlen der Zwiebel. Es handelt sich um eine Semper Augustus, die teuerste Tulpenart. Rasend vor Wut durchforstet er das ganze Lager und kann die Semper Augustus nicht finden.

Da erinnert er sich an den Besuch des Seemanns. Zusammen mit seinen Angestellten stürmt er hinunter zum Quai. Dort sehen sie den Seemann sitzen, er hängt zufrieden in einer großen Rolle Seil und verzehrt genüsslich das letzte Stück seiner ›Zwiebel‹. Von dem Wert dieser Semper Augustus hätte man ein ganzes Jahr lang die Besatzung des Schiffes ernähren können. Als ich das las, saß ich gerade im Bordrestaurant bei Königsberger Klopsen mit Butterreis und hätte mir auch fast eine rohe Zwiebel dazu bestellt.

Man kann natürlich für alle Hundertseiter sagen, dass sie sich bestens auf einer Bahnfahrt erledigen lassen. Man beginnt dann Reise und Buch gleichzeitig und schließt beide auch zur selben Zeit ab. Der letzte Schrei zur Geschichte der Spekulation ist übrigens »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor. Doch dieses Buch ist dann auch wieder etwas umfangreicher, wenn auch noch kein Ziegelstein. Trotzdem muss man dann schon eine längere Zugreise wagen, Hamburg–München und zurück und das ganze zwei Mal, zum Beispiel.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

John Kenneth Galbraith: Finanzgenies. Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 1992.

John Kenneth Galbraith: Eine kurze Geschichte der Spekulation. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Rhiel. Frankfurt/M.: Eichborn 2010.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)