Autoren Archiv


Besuch im Serienland #7:
Die 10 besten US-Serien der Saison 2011/12

Leipzig, 28. August 2012, 01:34 | von Paco

»I told you last time it was the last time.«
(Michael Dudikoff, »American Ninja 4«)

Obwohl hier also letztes Jahr gemeldet wurde, dass es im Umblätterer vielleicht keinen jährlichen Rundown der aktuellen US-Serien-Saison mehr geben wird, geht dieser Service jetzt doch noch ins 7. Jahr. Wieder stehen da unten die arguably 10 besten TV-Serien, diesmal die der Saison 2011/12.

Ein paar Sachen fehlen natürlich, die 2. Staffel von »Portlandia« zum Beispiel war auch wieder toll, aber ich kann mich da an nichts Konkretes mehr erinnern. Oder doch, an das Ehepaar, das eigentlich auf einen Geburtstag will, dann aber noch schnell die 1. Folge von »Battlestar Galactica« kuckt (»I heard really good things about it.«), und dann immer weiter macht, Folge für Folge, Staffel für Staffel, bis die Serie zu Ende ist, und dann suchen sie den vermeintlichen Ronald D. Moore auf, der zufällig auch in Portland zu wohnen scheint. Endlich mal Titelthema: Seriensucht als fragwürdiger Zustand.

Wie auch immer, das vergangene Jahr hat mehr als bestätigt, dass das goldene Serienzeitalter vorerst vorbei ist. Es gibt im Moment keine selbstevidente Überserie (auch wenn ich wegen der anhaltenden Propaganda von allen Seiten nun doch »Game of Thrones« weiter­geschaut habe). Die gerade laufende erste Hälfte der Finalstaffel von »Breaking Bad« hätte dieses Potenzial haben können, aber da wurde die Fulminanz schon ziemlich in der vorletzten Staffel verschossen. Ich meine, eine Finalstaffel ohne Gus Fring und den Rollstuhlklingelopa – was soll das denn für eine Finalstaffel sein!

Hier sind jetzt noch schnell die Charts der letzten Jahre: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09, 2009/10, 2010/11.

Und hier die von 2011/12 (Achtung, es wird gespoilert!):

1. Curb Your Enthusiasm   (8. Staffel, HBO)
2. Breaking Bad   (4. Staffel, amc)
3. Louie   (2. Staffel, FX)
4. Boardwalk Empire   (2. Staffel, HBO)
5. Dexter   (6. Staffel, Showtime)
6. Game of Thrones   (2. Staffel, HBO)
7. Mad Men   (5. Staffel, amc)
8. Homeland   (1. Staffel, Showtime)
9. The Office   (8. Staffel, NBC)
10. Episodes   (2. Staffel, Showtime/BBC Two)

*

1. Curb Your Enthusiasm   (8. Staffel, HBO)

Nach der grandiosen 7. Staffel, der »Seinfeld«-Reunion, der besten Reunion-Show, die es jemals gab und jemals geben wird, was sollte da noch kommen? Und so wirkt Staffel 8 auf den ersten Blick ein bisschen wie Resteverwertung. Auch deshalb, weil im Gegensatz zu den Vorgängerstaffeln ein Storybogen fehlt, der sich von Folge 1 bis 10 zöge, und das Ganze etwas beliebig aussah. Aber! Diese Feststellung erweist sich spätestens beim zweiten Durchlauf als vorschnell und völlig falsch, die 8. Curb-Staffel ist wieder unübertroffen grandios. Aus sehr schön hanebüchenen Gründen (um nicht auf eine bestimmte Wohltätigkeitsveranstaltung gehen zu müssen) findet sich Larry (samt Susie und Jeff und natürlich Leon) in der zweiten Hälfte der Staffel in New York wieder, wo eine Folge lang Ricky Gervais mitspielt, und diese 6. Folge (»The Hero«) hat die wohl beste Catchphrase des Jahres gebracht, an die man sich noch lange, lange, lange erinnern wird: »Oh, and you’re right about the bread, Simmington. It is hard.« In Folge 9 (»Mister Softee«) gibt es einen Gastauftritt des Baseballstars Bill Buckner, der endlich den legendären Fehler, der ihm in der 1986 World Series unterlaufen ist, wieder gutmachen kann: Er fängt unter lautem Jubel ein Baby auf, das aus einem brennenden Haus geworfen wird und vom Sprungtuch abprallt. Am Ende der Staffel wird LD von Bürgermeister Bloomberg persönlich der Stadt verwiesen. Und weil er wieder eine Ausrede braucht, um einem diesmal von Michael J. Fox organisierten Wohltätigkeitsball ausweichen zu können, flieht er zusammen mit Leon nach Paris. Dort ergeht er sich auf Französisch in einem Streit mit einem Autofahrer, der ohne Not direkt auf einem Begrenzungsstreifen geparkt hat (»Vous êtes content avec ça ? Vous êtes un pig parker !«). Und so muss es doch sein. Da eine 9. Staffel noch nicht in Sicht ist, kann man sich solange mal das hier anschauen.


2. Breaking Bad   (4. Staffel, amc)

Wie Walt in dieser Staffel von Gus vor sich hergetrieben wird, wie er seiner Allianz mit Jessie verlustig geht, das ließ ihn wie einen albuquerquischen Raskolnikow erscheinen, der sich schon längst im »Sühne«-Teil seines Romans befindet. Überhaupt schien ihm Gus Fring, wie er bei einem Treffen unter gleißender Partysonne mit einem ekligen Trick und Jesses Hilfe seine Kartellkonkurrenten ausschaltet, langsam die Show zu stehlen. Aber dann geschieht das unerwartete Unwahrscheinliche. Immerhin bekommt Gus einen grandiosen Abgang spendiert, zupft sich noch mal den Anzug zurecht nach dem Selbstmordattentat des klingelnden Rollstuhlopas, sieht weiter tadellos aus, bis die Kamera um seinen Kopf fährt und seine weggebombte rechte Gesichtshälfte ins Bild holt. Erst dann sackt Gus in sich zusammen: Ende eines Hähnchenbraters und Drogenbosses. Und das wäre eigentlich die perfekte letzte Staffel gewesen, ich meine, dieses Finale und Walts Satz »I won!«, unvergesslich. Aber leider geht es jetzt noch weiter mit zwei abschließenden Halbstaffeln, wie damals bei »Lost«. Es fehlt ja noch der eigentlich nicht mehr allzu interessante Schluss, und mal sehen, ob Hank Schrader ein guter Porfiri Petrowitsch sein wird und seinem methkochenden Schwager auf die Schliche kommt. Das trio infernal aus Mike, Walt und Jesse ist jedenfalls nicht so der Kracher, und die zusammengestückelten Ideen, um die Serie noch am Köcheln zu halten (ich sage nur: Zugüberfall), sind ziemlich, na ja, eben zusammengestückelt, ganz zu schweigen von der unendlichen Schrecklichkeit von Mrs. White, aber gut, das war ja nie anders.


3. Louie   (2. Staffel, FX)

»Louie« hätte das Zeug dazu, zum »Seinfeld« der 2010er-Jahre zu werden (mit allerdings ein paar Dutzend Millionen Zuschauern weniger). Wie bei »Seinfeld« gibt es rahmende Stand-up-Passagen, in denen Louis C. K. sein Repertoire von unheard-of über gross bis disgusting durchnimmt. Im Kern werden aber Episoden aus dem Alltag des frisch oder unfrisch geschiedenen Comedians erzählt, der vom Typ her ein Freak ist, der sich aber wegen seiner beiden kleinen Töchter zusammenreißen muss. Mit dem Mikro auf der Bühne ist er der souveräne Grenzüberschreiter, der eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt (doch!), in den narrativen Teilen ist er trotz seiner Wurstigkeit der vielleicht doch nicht ganz unsympathische Loser. Im Moment läuft schon die 3. Staffel, aber noch mal kurz zur Staffel davor: Höhepunkte waren die Cameo-Auftritte der knapp 80-jährigen Joan Rivers (in Folge 4, am Ende wird – »ah, what the hell« – ein One-Night-Stand daraus) und von Dane Cook (Folge 7), der Showdown zwischen comic’s comic (Louie) und sell-out comedian (Cook), bei dem es um die Frage geht, ob Cook wirklich drei Witze von Louie geklaut hat oder nicht (eine ganz neue Art von Plagiarismus: joke thievery). Aber wirklich unvergleichbar und nicht von dieser Welt war die Afghanistan-Folge (Nr. 11) mit dem Entenküken. Ja, Entenküken.


4. Boardwalk Empire   (2. Staffel, HBO)

Warum ich immer noch »Boardwalk Empire« schaue? Ich weiß es nicht, es gibt da diesen Timeslot in den frühen Donnerstagmorgenstunden. Aber dass Steve Buscemi mal so nerven könnte, wer hätte das gedacht. Ihm so lange am Stück zuzusehen, hat leider den Effekt, alle seine drei Mimiken und Gesten auswendig zu kennen (wenn er zum Beispiel die Lippen aufeinanderpresst und dabei sacht die Augenbrauen hochzieht, heißt das: »nu ja«, und das ist seine Hauptgeste). Es gibt wieder die bewährten Schreckensmomente, etwa in Folge 10, wenn der neue unangenehme Player, Fleischermeister Manny Horvitz, Darmodys herrliche Frau Angela und ihre Geliebte einfach so erschießen darf. Danach (Folge 11) werden wir in Jimmys Princeton-Zeit zurückgebeamt, wir sehen, wie er und seine Mutter (Gretchen Mol) sich bravourös in Inzest versuchen, dazu gibt es Geräusche von fahrenden Zügen, und danach meldet sich Jimmy in den Krieg. Wieder zurück in den 20er-Jahren bringt er dann noch seinen leiblichen Vater, den Commodore um, Vatermord galore!, und zwar nach Aufforderung durch seine Mutter (»Finish it!«). Euripides for beginners, hehe. Ich will nicht verhehlen, dass das Staffelfinale den besten Moment der ganzen TV-Saison hervorgebracht hat, Nucky persönlich erschießt seinen erklärten Ziehsohn statt, wie erwartet, Manny Horvitz. Der ebenfalls überraschte Jimmy Darmody hat offensichtlich nie den Vorspann seiner eigenen Serie gesehen, sonst hätte er nicht auf die falschen Pferde gesetzt, sondern weiterhin auf seinen Ziehvater Nucky Thompson, denn außer diesem und seinen herrlichen Oxford Full Brogues kommt im Intro ja niemand weiter vor. Für die Drehbuchautoren sind also prinzipiell alle vogelfrei, außer eben Nucky. Und so gab es ein breaking-bad-mäßig intensives Finale in Staffel 2. Diedrich Diederichsen kuckt jetzt vielleicht auch gar nicht mehr weiter, da der seiner Meinung nach »interessanteste Charakter« kurzerhand einfach mal wegrationalisiert wurde. Vielleicht die richtige Entscheidung, wir werden sehen.


5. Dexter   (6. Staffel, Showtime)

Pünktlich zur neuen Staffel gibt es natürlich wieder seltsame Serienkiller in Miami. Diesmal ist es der Doomsday Killer, der anhand seiner Opfer christliche Botschaften verschickt, also ein bisschen wie in Finchers »Se7en«. Durch Dexters Bekanntschaft mit dem Sympathieträger Brother Sam wird übrigens die religiöse Thematik weitergetrieben, leider stirbt dieser in der Mitte der Staffel, und so muss Dexter die Absolution von jemand anderem erteilt werden, und zwar einem dementen Priester, der Dexters Geständnis, ein übler Serienmörder zu sein, schon längst vergessen hat, als er ihm im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes von all seinen Sünden absolviert, Amen. (Dexter nachdenklich: »Thank you.«) Sonst geht eigentlich alles weiter seinen Gang, insgesamt ein bisschen zu viel »Dexter«-Routine, aber wenigstens gibt es am Ende von Folge 9 einen schönen Mindfuck-Twist, als sich herausstellt, dass (Achtung, Spoiler:) Prof. Gellar schon lange tot ist und nur als Projektion von Travis fungiert, diesem harmlos aussehenden Schlaks, der aufgrund seiner sorgfältig kostümierten Mordopfer so eine Art Lady Gaga unter den Serienkillern ist. Übrigens droht der Cliffhanger des Staffelfinales, das ganze Seriengebäude zusammenkrachen zu lassen: big Anagnorisis! Debra sieht ihren Bruder den Doomsday Killer killen. Dexter: »Oh, God!«


6. Game of Thrones   (2. Staffel, HBO)

Ok, in der zweiten Staffel wird es langsam etwas unübersichtlich. Die sieben Kingdoms kriegt man noch problemlos zusammen, bei den ganzen sich immer weiter verzweigenden Familiendynastien und Beziehungsformen wird es schon schwieriger, und nicht alle der schönen Fantasienamen sind ja so unmittelbar eingängig wie die von Renly Baratheon, Daenerys Targaryen oder Xaro Xhoan Daxos. Gegen ein bisschen voraufklärerische Fantasy für zwischendurch ist ja aber nichts einzuwenden, auch wenn die sympathischste Serienfigur aller Zeiten (nämlich Eddard Stark) schon in der 1. Staffel geköpft wurde. Seine herrliche Tomboy-Tochter Arya, die für ein paar Folgen inkognito als Dienerin auf Harrenhal festgehalten wurde, ist ein würdiger Ersatz. Ihre doppelbödigen Gespräche mit Tywin Lannister gehörten zu den Highlights der 2. Staffel (übrigens eine Leistung des Drehbuchs, denn in der Buchvorlage von George R. R. Martin gibt es die nicht). Auch die abgeklärt-ironischen Kommentare eines Machtgenies wie Tyrion sind immer wieder sehr gut, weil sie das manchmal unerträgliche Pathos entschärfen. Die Storyline um die Mother of Dragons, die mit ihren fauchenden Tierchen in Qarth zwischengelandet ist, kann man diesmal als pures Zeitspiel verbuchen. Ihr ständiger Begleiter Jorah immerhin hat mit seinen todernsten Erklärungen das Zeug zum Don Draper der Serie, unvergessen seine Sätze, die mit »The Dothraki have a saying, …« begannen. Und wer sich immer schon mal gefragt hat, wie sich ein König in der Pubertät benimmt, hatte in den letzten Folgen sicher viel Freude an Joffrey Baratheon.


7. Mad Men   (5. Staffel, amc)

»He’s smiling like a fool, like he’s the first man who ever married his secretary.« Wer nach diesem Joanie-Satz vom Ende der letzten Staffel dachte, dass das jetzt mit Don und Megan eine ebenso triste Sache wird wie mit Don und Betsy, hat sich arg getäuscht, zum Glück. Der Tanz der Frankokanadierin in der initialen Doppelfolge hat es sogar in den »Spiegel« geschafft, und nicht nur Don Draper traute seinen Augen und Ohren nicht, nach der langen, langen »Mad Men«-Pause fühlt sich die Serie auf einmal sehr anders an. Die bisher fast durchsichtige January Jones muss in ihren rar gewordenen Szenen inzwischen mit Fatsuit herumlaufen – nicht die subtilste Art, um der von ihr gespielten Betsy irgendeinen neuen Drift zu geben, auch wenn das natürlich einen großen Schauwert hat! Unentbehrlicher denn je ist der prototypische Wichser Roger Sterling mit seiner Silbermähne, seine Sätze sind die am besten geschriebenen im gesamten »Mad Men«-Drehbuch. Pete macht ein bisschen auf Don Draper für Arme, seine große Stunde ist der infantile Bürofight mit Lane (Folge 5). Joan hat eine Substory im Stil von »Ein unmoralisches Angebot« abbekommen und gelangt so an Firmenanteile. In derselben Folge schmeißt Peggy bei SCDP hin und heuert bei der Konkurrenz an, sicher nur ein kurzes Intermezzo. Und Jon Hamm alias Don Draper scheint übrigens mehr und mehr an seine schauspielerischen Grenzen zu stoßen. Immer hat er diesen gleichen Old-Spice-Blick und diese immer gleiche sanft eruptive Sprechweise, was in »Mad Men« aber egal ist und eher in anderen Rollen zum Problem werden könnte. Hübsch ist diese Zahnwehgeschichte wie sie damals auch Thomas Buddenbrook erlebt hat (»It’ll go away!«), so ein Moment des Innehaltens nach Lanes Selbsmord, an dem Don eine ziemliche Mitschuld trägt. Wie übrigens Lane in fast jeder Folge immer wieder mit seinem schönen britischen Akzent nach den »christmas bonusses« fragt, das wird von dieser Staffel am stärksten im Gedächtnis bleiben, wie gruselig.


8. Homeland   (1. Staffel, Showtime)

»Homeland« erinnert ein bisschen an das gescheiterte »Rubicon«, ist aber psychologisch viel interessanter und weniger klischiert. Mindestens die ersten drei Folgen sind fulminant, die sollte und muss man eigentlich auch am Stück sehen. Nach der Hälfte der Staffel ist das einzigartige Psychospiel zwischen Sergeant Brody und Carrie »An American POW has been turned!« Mathison leider vorbei. Danach wird alles weniger subtil und auch leider etwas lächerlich. Brody soll und will sich samt dem Vizepräsidenten und Entourage in die Luft jagen, aber dann gibt es zunächst eine Ladehemmung und beim zweiten Versuch ruft dann, logisch, ganz unerwartet Brodys Tochter an und ruft ihn ins Leben zurück. Und die Bombenweste ist ja auch für später noch gut! Und ein paar weitere Staffeln soll es ja auch noch geben, so wie damals beim Serienverlängerungsklassiker »Heroes«, hehe. Allerdings: Der Trailer zu Season 2 »has shut this critic up with a moody minute-and-a-half of snippets«. Und dann habe ich gerade Taos Kritik der letzten 4 Folgen gelesen, das klingt dann doch auch besser als das, was ich hier hingeschrieben habe. Und dann sagte mir Linda neulich noch, dass nach dem Twist doch immer vor dem Twist ist, und dass Brody bestimmt noch nicht der ist, für den wir ihn im Moment halten sollen.


9. The Office   (8. Staffel, NBC)

Tja, was ist nun »The Office« ohne Michael Scott? Schon weit unspektakulärer, aber das gute an dieser 8. Staffel war das Understatement, es wurde gar nicht erst versucht, einen wie auch immer gearteten adäquaten Ersatz für Michael Scott zu finden. Zunächst ist also Andy der neue Boss. Von seinen Slapstickqualitäten und seinem Fremdschämpotenzial her sicher keine schlechte Wahl. Allerdings war der Charakter von Anfang an etwas anders angelegt, das ungerechtfertigte Bossverhalten (wie es David Brent, Michael Scott und Stromberg an den Tag legen) geht ihm ab und geht eben auch dem restlichen Cast ab. Dafür wurde jetzt ein neuer Corporate Guy installiert, der ab und zu mal vorbeischaut, Robert California, ein sehr ungeeigneter Typ, der einfach keinen Spaß macht. »The Office« ist ein bisschen wie die »Lindenstraße« geworden, kein Charakter ragt mehr heraus, der Humor ist ein bisschen weniger exklusiv. Ach so, Dwight K. Schrute (Rainn Wilson) soll demnächst einen Spin-off bei NBC bekommen, das auf der Schrute-Farm angesiedelt sein soll. Es klingt wie die schlechteste Serienidee, die jemals erdacht wurde, hehe.


10. Episodes   (2. Staffel, Showtime/BBC Two)

Leider konnte diese zweite Staffel das Niveau der ersten nicht halten. Das Beziehungsdrama von Sean und Beverly und die damit verknüpften Libidofragen kreisen um sich selbst, Matt LeBlanc ist leider immer noch kein besserer Schauspieler geworden (na gut, seine Affäre mit der blinden Jamie Lapidus ist schon nicht schlecht) und die abgrundtiefe Ekelhaftigkeit eines Mannes wie Merc Lapidus hat schon in der ersten Staffel aufgehört lustig zu sein. Meine mittlerweilige Lieblingsfigur, die in der gesamten Staffel auf kaum mehr als zwei Minuten Bildschirmpräsenz kommen dürfte, ist diese herrliche, unwirklich geniale Myra, ihres Zeichens Head of Comedy. Der Großteil ihrer Auftrittszeit geht für diese großartige Szene drauf. Diese unfassbare Stimme, dieses absichtlich gut-schlecht gespielte Unding von Charakter, wann hat man jemals so was gesehen. Ach so, das wichtigste recurring element in dieser Staffel ist Mornings Kugelschreiber mit den sich ja wirklich ganz von selbst entschlüsselnden Initialen »YCOMT«. Und auch Folge 6 ist nicht schlecht, als Matt nämlich versucht, einen seiner »Friends«-Kollegen für einen Gastauftritt bei »Pucks!« zu gewinnen und es ihm auch tatsächlich gelingt. Auftritt: Gunther, der Kellner aus dem »Central Perk«.
 


Der Koffer

Leipzig, 16. August 2012, 13:45 | von Paco

Man kann doch so ein regelmäßiges 65537-Eck einfach mal konstruie­ren, muss sich Johann Gustav Hermes gedacht haben. Am 4. November 1879 legte er los. Zehn Jahre später war er dann soweit. Er ließ einen passenden Koffer anfertigen, verstaute das Papierkonvolut darin und gab das Ganze an die Universität Göttingen, wo es bis heute aufbe­wahrt wird.

Ich glaube, es war im Sommersemester 1998, als ich zum ersten Mal von diesem sagenumwobenen Göttinger Koffer hörte. Herbert Kästner hat kurz von ihm erzählt, in seinen Vorlesungen im alten Seminar­gebäude der Uni Leipzig. Seitdem bin ich diesem Mysterium immer mal wieder begegnet, und immer klang die zugehörige Anekdote ein bisschen anders.

Neulich lief ich dann Herbert Kästner, der übrigens gerade auch eine Bibliografie der Insel-Bücherei herausgegeben hat, wieder über den Weg. Nebenbei kamen wir auf den Koffer zu sprechen, und da ich ein paar Tage später sowieso in Göttingen war, verabredete ich mich am Mathematischen Institut in der Bunsenstraße mit den Proff. Brüdern und Schick, die den Koffer ausnahmsweise mal wieder hervorholten.

Die ganze Geschichte steht in der heute erschienenen Ausgabe der »Zeit«, Seite 33. Die auratischen Fotos stammen von Christian Malsch.

Artikel über den Hermes-Koffer aus der ZEIT

Corrigendum:

Folgende Fehler / die sich im Dru- / cken eingeschlichen / beliebe der / geneigte Leser ohnbeschwehrt / zu verbessern.

  • Im Text fehlen drei Wörter, es muss natürlich heißen: »(…), dass ein regelmäßiges n-Eck mit primer Eckenzahl genau dann nur mit Zirkel und Lineal konstruierbar ist, (…)“ – Online ist der Fehler korrigiert. Dank an T. D., J. D., W. L., R. H.

Und noch ein paar Kontextlinks:


 


Regionalzeitung (Teil 52)

Leipzig, 15. Juli 2012, 14:02 | von Paco

 
  256.   bricht mit allen Klischees

  257.   ist ein literarischer Überzeugungstäter

  258.   der Altmeister

  259.   konnte aufs neue seine Zweikampfstärke unter Beweis stellen

  260.   und viele andere namhafte Interpreten
 


Irina Antonowa

Leipzig, 11. Juli 2012, 22:18 | von Paco

Als ich diese Woche den wieder mal randvoll mit sehr schönen Artikeln gefüllten »Spiegel« las, musste ich unweigerlich an »Curb Your Enthusiasm« denken, an die Folge »Chet’s Shirt« aus der 3. Staffel:

Larry kauft sich bei Caruso’s in Santa Monica dieses schwarz-cremefarbene Shirt, das er auf einem Foto des verstorbenen Chet gesehen hat. Als sich Ted Danson später lobend über dieses Kleidungsstück äußert, beschließt Larry, ein weiteres Exemplar zu besorgen und es Ted zu schenken. Bei der Geschenkübergabe stellt sich allerdings heraus, dass da ein Loch im Gewebe ist. Larry will das kaputte Shirt aber nicht zurücknehmen, lieber soll nun Ted wieder zu Caruso’s gehen und das Shirt ganzmachen lassen, es gehöre ja jetzt ihm, das Geschenk sei ja schon auf den Beschenkten übergegangen: »I don’t own this shirt anymore, as I see it. I gave it to you. It’s your responsibility.«

Worauf Ted Danson definiert: »You didn’t give me a gift. You gave me a defective shirt. It’s got a hole in it. (…) That’s a problem, not a gift

You call it a gift and I call it a problem. Also genau wie bei Ginger Rogers & Fred Astaire (»you say tomäjto and I say tomahto«). Und genau wie im aktuellen »Spiegel«. Denn darin ist auf den Seiten 80 bis 84 ein sehr hervorragendes Interview mit der 90-jährigen Immer-noch-Direktorin des Moskauer Puschkin-Museums abgedruckt. Und schon im Artikelvorspann rufen ihr die Autoren zu: You say Trophäenkunst and we say Beutekunst.

Ich habe den Text mittlerweile dreimal gelesen, einfach spitze von vorne bis hinten. Neben der Benennungsschlacht zwischen Beute- und Trophäenkunst startet Irina Antonowa in all ihrer Neunzigjährigkeit noch ein weiteres Scharmützel:

»Ein bei uns recht bekannter Künstler kam 1993 ins Puschkin-Museum und verrichtete vor einem Gemälde von van Gogh seine Notdurft. Das nennt sich dann Performance. Das ist doch keine Kunst, sondern eine Schweinerei. Ich denke, dass ihm drei Monate Gefängnis nicht geschadet hätten, um darüber nachzudenken, was er da getan hat.« (S. 81)

You say Performance and I say Schweinerei. An dieser Stelle heißt es dann bei Ginger & Fred: Let’s call the whole thing off. Aber das »Spiegel«-Interview geht weiter, immer weiter, in all seiner Herrlichkeit.
 


Regionalzeitung (Teil 51)

Leipzig, 5. Juni 2012, 08:02 | von Paco

 
  251.   im Herzen der Innenstadt

  252.   ein Fest der Sinne

  253.   das Trainerkarussell dreht sich weiter

  254.   gelang ihnen ein Achtungserfolg

  255.   einer der ganz Großen der DDR-Kunst
 


Weltmüller — Die Premiere

Leipzig, 29. Mai 2012, 08:15 | von Paco

Die Literaturzeitschrift EDIT, der SuKuLTuR Verlag
und Der Umblätterer präsentieren:

Weltmüller (Buchumschlag) 

Weltmüller

Premiere

Morgen Abend in Leipzig:

Mittwoch, 30. Mai 2012, 20 Uhr
HALLE 14, Leipziger Baumwollspinnerei
Spinnereistraße 7, 04179 Leipzig
Der Eintritt ist frei.

http://www.editonline.de/
veranstaltungen/




»Am 30. Mai, dem Tag der großen Premiere, sind pünktlich um 20 Uhr alle Plätze eingenommen. Das Haus ist gefüllt wie noch nie, in dem großen Saal herrscht eine schwer zu beschreibende Unruhe.
Alle warten. Auf Godot. Auf Weltmüller.« (S. 34)

 
Weltmüller   ·   auf Papier   ·   als E-Book
 


Acht mal acht

Leipzig, 12. April 2012, 13:10 | von Paco

Letzten Sonntag stieg ich also in den ICE, um von Dresden zurück nach Leipzig zu fahren. Ich hatte einen Schokoladenosterhasen und die FAS dabei. Zuerst las ich voller Begeisterung das sehr schöne Inter­view, das Volker Weidermann mit Marcel Reich-Ranicki geführt hat (S. 19). Während ich aber auf die nächste Seite umblätterte, hörte ich plötzlich etwas, das mir die ganze restliche Reise verdarb.

Und zwar saßen in der Reihe links neben mir ein Vater und sein Sohn. Der Junge war mehr oder weniger im Grundschulalter und fragte seinen Vater einfach mal so, wie viel acht mal acht sei. Und der Vater gab ihm freundlich und überzeugend die Antwort:

»Zweiundsechzig.«

Der Junge war zufrieden, er blätterte weiter in seinem Bilderbuch und murmelte leise vor sich hin. Natürlich hatte ich noch mal nachgerech­net, acht mal acht ist vierundsechzig, da war ich mir trotz kurzer Verunsicherung wieder ziemlich sicher. Mit einer Mitreisenden schräg gegenüber gab es einen kurzen Blickkontakt, denn auch sie hatte aufgehorcht und aufgeschaut, als der Vater sein Verbrechen gegen die Mathematik beging, aber dann hatte sie einfach weiter in der »taz« gelesen, als ob nichts geschehen wäre.

Mir dagegen stellte sich nun die Dr.-Dr.-Erlinger-Frage, ob ich den Vater korrigieren sollte, hier vor versammelter Mannschaft im ICE. So was geht natürlich aus verschiedenen guten Gründen eigentlich nicht, niemals, das ist vielleicht das Furchtbarste, was man so machen kann, fremde Eltern fremder Kinder vor einem Haufen fremder Menschen inhaltlich zu korrigieren.

Trotzdem konnte ich mich kaum konzentrieren, als ich dann angestrengt versuchte, weiter in der FAS zu lesen. Während der Schokohase unangetastet auf dem Nebensitz hockte, steigerte ich mich immer weiter in meine Weltrettungsidee hinein. Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, ich konnte jetzt unmöglich noch an vorhin anknüpfen, war aber immer überzeugter davon, dass ich es dennoch tun muss, auch wenn es mir absolut zuwider war. Und deshalb freute ich mich wie nie zuvor, als per Durchsage die baldige Ankunft in Leipzig angekündigt wurde.

In diesem Moment hörte ich den Jungen wieder etwas fragen, wieder das Einmaleins betreffend, diesmal ging es ihm um sieben mal neun. »Papi, wie viel ist sieben mal neun?« Und während ich den Vater in Zeitlupe den Mund öffnen sah, hatte ich die FAS zusammengeschlagen, hatte mir den Schokohasen geschnappt, war vom Sitz hochgesprungen und rannte den Gang runter. Ich wollte auf gar keinen Fall auch noch wissen, wie viel sieben mal neun ist.
 


Kaffeehaus des Monats (Teil 69)

sine loco, 2. April 2012, 10:15 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Café Ungeheuer, völlig unbedeutendes Streetside-Foto, sry

Berlin-Neukölln
Das »Café Ungeheuer« in der Emser Straße.

(Das Café Ungeheuer heißt so, weil hier alles ungeheuer gut schmeckt.)
 


Regionalzeitung (Teil 50)

Leipzig, 26. März 2012, 09:25 | von Paco

 
  246.   es war ein steiniger Weg

  247.   die Fährnisse des Lebens

  248.   für ihn ist das Glas stets halb voll

  249.   die Faszination ist ungebrochen

  250.   die Dunkelziffer ist weit höher
 


»Slavoj Žižek gewidmet«

Paris, 27. Februar 2012, 14:17 | von Paco

Sonntagmorgen, die Glocken der serbisch-orthodoxen Kirche nebenan taten ihr Werk, und eineinhalb Croissants und zweieinhalb FAS-Artikel später waren wir schon auf dem Weg. Wir wollten nämlich in die Ai-Weiwei-Ausstellung im Jeu de Paume gehen, um uns darüber lustig zu machen, fanden sie aber dann doch ganz gut.

Eigentlich wollte ich noch was anderes erzählen. Und zwar haben wir vor ein paar Tagen in der Cité de la musique ein neues Stück des Komponisten Brice Pauset gehört, eine Variation auf Motive von Beethoven und Mao Zedong. Und im Programmheft stand tatsächlich Folgendes: »La pièce est dédiée à Slavoj Zizek.«

Es gibt also tatsächlich Leute, die dem Joachim Gauck der Philosophie ein Musikstück widmen, ein unbegreiflicher Akt ambitionierter Klugheit, wunderbar!

Als wir dann gestern aus dem Jeu de Paume kamen, spazierten wir gemächlich zurück nach Hause und gingen später ins Restaurant an der Ecke, wo wir, wie so oft, den ganzen Abend über Griechenland sprachen.