Monatsarchiv für August 2007


Damals vor 6 Jahren

Leipzig, 9. August 2007, 09:08 | von Paco

Die Jüngeren werden sich nicht daran erinnern, dass die Feuilletons der F- und der S-Zeitung mal ziemlich ausführlich das Personal getauscht haben. Das ist erst 6 Jahre her, und trotzdem habe ich gestern im Institut folgenden Dialogfetzen aufgeschnappt:

-Und Thomas Steinfeld war ja mal bei der FAZ.
-Niemals! Der schreibt doch immer schon so SZ-ig, der war niemals –

Doch. Und dass zum Beispiel Edo Reents (erst SZ, jetzt FAZ) und Franziska Augstein (umgekehrt) auch mal für das andere Team gespielt haben, glaubt einem heute ebenfalls keiner mehr.

Auch, dass es vor 6 Jahren die (überregionale) FAS noch nicht gab. Was müssen das damals für Wams-Bams-Sonntage gewesen sein.

Als ich später den ungläubigen Institutler wiedertraf, wirkte er vergrätzt. Er hatte inzwischen gegoogelt und auf eine dpa-Meldung geklickt und kämpfte nun mit seiner Niederlage.


Opfer der Mode

Leipzig, 8. August 2007, 19:08 | von Millek

An einem dieser heißen Tage saß ich auf dem Balkon und las in der S-Zeitung. Stefan Ulrich berichtete über die italienische Krawattenkrise, bei der sich das ganze Land über das Für und Wider des Tragens dieses Kleidungsstücks bei sommerlicher Hitze auszulassen schien.

»Sage keiner, die Krawatte sei nur ein lästiges Accessoire. Denn zum einen schützt sie ihren Träger vor Halsentzündungen, zum anderen verrät sie einiges über seine Persönlichkeit.«

Ich dachte an die verschiedenen Krisen der Institutspersönlichkeiten und daran, dass eine Krawattenkrise uns noch nicht untergekommen war. Wie sollte sie auch – sind wir uns doch darin einig, dass die Krawatte zum Abendland gehört wie die klassische Ahmadinejacket auf des Rentners Leib.

Allerdings gelten wir Deutschen (hehe) ja auch nicht als Gestalter, sondern als »Opfer der Mode«, wie es Jens Jessen vor Jahren einmal in der »Zeit« zusammenfasste. Glücklicherweise unterscheidet unsere Sprache nicht zwischen sacrifice und victime, was uns, zumindest für die Art der Opferrolle, eine Wahl lässt.

Da sich nun aber die wenigsten Deutschen überhaupt in einen Mode-Kultur-Kontext hineinziehen lassen, wird uns das Durchleben solcher Krisen leider auf ewig verwehrt bleiben.


Stadelmeiers Theaterstadel

Konstanz, 7. August 2007, 19:23 | von Marcuccio

Grundsätzlich finde ich die Idee ja gar nicht schlecht, dass da irgendwo im deutschen Feuilleton jemand sitzt, der auf einem Spiralblock ausrechnet, auf wieviel verschiedenen Bühnen Yasmina Rezas »Gott des Gemetzels« in der kommenden Spielzeit zu sehen sein wird (auf 15) und was generell so angesagt ist auf dem Theater. Denn dafür ist das Feuilleton ja auch da, dass man nicht immer gleich »Theater heute« studieren muss, wenn man solche Dinge mal en bloc wissen will.

Nur: Wenn man sich so durch Stadelmeiers Nicht-Pointen vom letzten Samstag kämpft (Diagnose: fortschreitende »Selbstauflösung der Theater«, massive Repertoire-Vermüllung durch Roman- und Kino-Adaptionen, und erst das »Laienbeitragswesen«!), fragt man sich schon, ob es nicht unverschämt und mindestens mal wieder ein Kündigungsgrund für das F-Zeitungsabo ist, wenn einem der Spiral-Blogwart (haha) dann auch noch diese Blogging-Definition diktiert:

»Leute also, die im Internet zu allem Beliebigen beliebig was zu sagen haben«. Und dass die »Internet-Ergüsse« auch noch »aus Ostblockländern« kommen, ist ja wirklich billigste Kaltkriegsrhetorik gegen die Blogosphäre.

Gibt es denn wirklich niemanden, der das anderswo im Feuilleton nicht noch ein bisschen besser könnte? So eine Schauspiel-Saisonvorschau, meine ich? Und wo bleiben Stücke-Rankings, Bühnen-Charts, tabellarische Aufbereitungen von Theater-Trends, wie sie in anderen Feuilletonsparten längst gang und gäbe sind? Die Literaturkritik macht Buchtipps, Bestseller- und Bestenlisten, die Filmkritik kennt die besten Filme der Woche, der Saison, aller Zeiten. Sogar die Kunstkritik sortiert sich zur Grand Tour 2007. Warum nur klinkt sich die Theaterberichterstattung nicht in die Listen-Formate ein und wartet stattdessen, bis »G.St.« auch den letzten Leser vergrault hat?


»Transformers«: Darf man das sehen?

Hamburg, 7. August 2007, 12:51 | von San Andreas

Ich hatte noch diesen Kinogutschein einzulösen und nicht übel Lust auf gute Unterhaltung. »Transformers«, hab ich gedacht, hat vielleicht jene larger-than-life-Qualität, die man als Gegengewicht zu verkopftem Kunstkino bisweilen zu schätzen weiß.

Doch schon als das Publikum bei den Trailern zu der Pubertätsklamotte »Superbad« und dem Fließbandblödsinn »Rush Hour 3« schier aus dem Häuschen geriet, beschlich mich der Argwohn, ich säße womöglich im falschen Film.

Hollywood orientiere sich mehr und mehr an bekannten Marken als Erfolgsgaranten. Verlasse sich allzu sehr auf CGI. Treibe die Rechenpower in ungeahnte Höhen und lasse die Erzählkunst verkümmern. So das Feuilleton, und es stimmt ja irgendwo alles.

So weit wie Tarantino möchte man jedoch nicht gehen, der Filme mit Computerunterstützung mit dem unschönen Wort ›Verarsche‹ etikettiert. Mithilfe des Rechners lassen sich im Kino Geschichten bebildern, die unsere Väter nur in papierner Form kannten. Unbestritten können da feine Filme bei rauskommen, man denke nur an die gelungeneren Comicverfilmungen der letzten Jahre.

Aber man muss unterscheiden: Comic-Helden auf der einen, Spielzeug auf der anderen Seite. Ich hätte besser aufpassen sollen, als mein Neffe mit seinen Bionicles spielte: Plaste-Roboter haben keine interessanten Geschichten zu erzählen. Die kloppen sich nur.

Das ist teilweise auch recht hübsch anzusehen. Es heißt, bei einer einzelnen Transformation bewegten sich 10 108 Bauteile (von denen der Zuschauer eh nur 50 auszumachen vermag, wie Hanns-Georg Rodek so spöttisch wie korrekt bemerkt). Aber 2 1/2 Stunden Roboterhatz ermüden einen dann doch, ganz zu schweigen davon, dass diese Lauflänge mein Filmtheater veranlasste, eine Pause einzufügen.

Mit Jon Voight, John Turturro und Shia LaBeouf sind durchaus respektable Leute am Start (Letzterer wird den Film eventuell als Jugendsünde abtun, sobald er zu dem Tom Hanks gereift ist, als dessen Nachfolger er gehandelt wird). Das hindert den Film aber nicht daran, eine vollkommen überdrehte, infantile Art an den Tag zu legen. Ganze Dialoge drehen sich darum, dass ein kleiner Erden-Chihuahua einem 20-m-Roboter-Alien nicht an die Karosserie zu urinieren habe, weil: das rostet.

Be that as it may, man muss dem Film zugute halten, dass er sehr wohl weiß, wie albern er ist. Die Komik ist selten unfreiwillig, stets jedoch so subtil wie eine Tüte Knallfrösche – aber letztendlich ist eine derart naive Unbefangenheit wahrscheinlich die einzige Form, Kinderspielzeug filmisch gerecht zu werden. Ob man sich das ansehen muss, ist eine andere Frage. Eher nicht. Aber: man darf.


Das »Me, Myself & I«-Workout

Konstanz, 6. August 2007, 14:37 | von Marcuccio

Weiterbildung statt Urlaub: So lautete die Sommerloch-Forderung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die letzte Woche, gelinde gesagt, Empörung auslöste. Als Exklusivausrichter der Exzellenzinitiative »Best of Feuilleton« steht der Umblätterer dem Fortbildungsgedanken erst mal grundsätzlich positiv gegenüber. Und er weiß zwar nicht, wo und wie Kristina Maidt-Zinke ihren Urlaub verbringt, aber er meint:

Das Seminar »Ich-Strategien entwickeln« von und mit Stephan Porombka wäre durchaus eine Option. Der Hildesheimer Juniorprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus hat da nämlich ein Workout erarbeitet, das helfen soll, mit der subjektiven Anwesenheit in der Kritik umzugehen. Die Urlaubsverbesserungskommission (UVK) des deutschen Feuilletons hat es in ihr Fortbildungsprogramm aufgenommen und sieht laut Trainingskatalog (S. 155 ff.) u. a. folgende Coaching-Einheiten vor:

Aufgabe 1: Das ›ich‹ finden. Schauen, wie es andere Autoren machen, ob sie ›ich‹, ›man‹, ›wir‹ o. ä. schreiben.

Aufgabe 2: Eine Ich-Typologie entwerfen. Funktionen des ›Ich‹-Sagens und des Nicht-›Ich‹-Sagens in den Texten charakterisieren und etikettieren.

Aufgabe 3: Möglichkeiten und Grenzen der Personalisierung (also der verschiedenen Arten, ›Ich‹ zu sagen) identifizieren, nach dem Motto: Der Ich-Sager muss immer ›ich‹ sagen; der Wir-Sager mag nie alleine sein; der Man-Sager bleibt am liebsten unerkannt etc.

Aufgabe 4: Die eigene Kritik mit Hilfe verschiedener Ich-Typologien verwandeln, etwa in den Reich-Ranicki-Stil, in den Wir-Stil von Hubert Winkels, in die deutlich Ich-bezogenen Man-Version von Ulrich Greiner, in die kaum merkliche, aber trotzdem anwesende Detering-Ich-Version usw. usw.

Die so genannte »Me, Myself & I«-Methode nach Porombka könnte sich schon bald zum echten Fortbildungsschlager fürs deutsche Feuilleton entwickeln, zumal die Marktforschung eben erst kürzlich diesen unglaublichen Fortbildungsbedarf von 94 Prozent ermittelt hat. Vor allem aber der Preis – schlappe 19,90 Euro – unterbietet wohl jeden einfachen Ryanair-Flug vor Steuern. Also: Wenn K. M.-Z. jetzt noch nicht weiß, was sie im Urlaub macht, dann weiß »ich« auch nicht.


Beim Zahnarzt

Leipzig, 3. August 2007, 15:46 | von Paco

Ich gehe gern zum Zahnarzt, weil da immer (zumindest bei meiner Zahnärztin) jüngere bis mittelalte »Spiegel«-Ausgaben ausliegen. Da kann ich schön ein paar Texte nachholen, die ich wegen unterschiedlicher Prioritäten bei der Erstdurchsicht auslassen musste.

Angeteast durch das letztlich interessante Interview, das Julia Encke mit Monika Maron für die letzte FAS geführt hat, lese ich heute dann doch auch noch das im »Spiegel« Nr. 30 vom 23. Juli, S. 140–142. Schön wieder die Bemerkungen zum Ehemann in Marons neuem Roman »Ach Glück«, dem sogenannten »Kleist-Forscher«.

Aber das absolute Highlight ist die Eingangsfrage der »Spiegel-Leute«. Roman Leick & Volker Hage fragen da nämlich, ob »die Widmung Ihres Romans … einem Hund gilt«. Im Buch selber steht »Für B.«, und dass damit sowohl der Romanhund (»Bredow«) als auch Marons eigener wuscheliger Vierpföter (»Bruno«) gemeint ist, das erscheint nach den ersten Interviewfetzen so plausibel wie literarhistorisch innovativ.

Während ich so dahinlese, wird das Gespräch an der Anmeldetheke lauter. Da steht ein Mann vom Typus ›aufmüpfiger Zausel‹ und schreit beleidigt: »Wieso könn‘ Sie keinen 500-Euro-Schein wechseln! Ich hab ein Anrecht dadrauf!«

Die Thekendame betont wiederholt das Missverhältnis zwischen der 10-Euro-Praxisgebühr und dem irgendwie windigen Geldschein, den ihr der Zausel unterjubeln will. Am Ende sagt sie einfach, sie habe nicht so viel Wechselgeld und verschränkt brüsk ihre Arme.

Der Zausel flucht komische Flüche gegen sie und verlässt schließlich wütend die Praxis. Sie wedelt ihm mit seiner Krankenkassenkarte nach, »Ihre Karte, Sie haben Ihre Chipkarte vergessen!«

Er hört das noch, faselt aber etwas von hinten reinstecken und ist weg. Die Tür plauzt. Ok, war dann sicher nicht seine eigene Karte, die er da hingelegt hat. Und seine Zahnschmerzen waren dann sicher nur gefaket, so wie der 500-Euro-Schein.

Eigentlich könnte nun Ruhe einkehren, da entdecke ich am Ende des Interviews, S. 142, rechts unten, einen unfassbaren Fehler:

»Frau Maron, wie danken Ihnen für dieses Gespräch.«

Nicht nur, dass der »Spiegel« für diese Schlussformel »wir danken Ihnen für dieses Gespräch« berühmt ist. Das Magazin hat auch die beste Schlussredaktion der Welt.

Ich fühle mich sofort an den peinlichen »Rückname«Fehler vom August 2004 erinnert, aber weiter komme ich nicht in meinen Überlegungen, denn auf einmal werde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Auch das noch. Dabei wollte ich noch schön den Technik-Teil komplettieren.

Habe mir dann gleich einen neuen Termin geben lassen.


»Leipzig ist längst tot«

Konstanz, 3. August 2007, 13:03 | von Marcuccio

Und ich frage mich: War Juli Zeh literarisch je lebendig? Aber auf die Tagline, die der Konstanzer »Südkurier« aus der seit gestern 15:45 Uhr über den Ticker laufenden Meldung gemacht hat, bin ich natürlich trotzdem reingefallen. Interessant ist doch mal der letzte Satz. Wenn Juli Zehs neuer Roman tatsächlich am 12. 8. erscheint, kann das ja nur heißen, dass ihr Durchbruch im Bahnhofsbuchhandel unmittelbar bevorsteht. Wo sonst sollte man am Sonntag, dem 12. 8., Juli-Zeh-Bücher kaufen können, geschweige wollen?


Geschichten aus der Bahn

Hamburg, 2. August 2007, 20:45 | von San Andreas

Ich hatte gerade den IC nach Schwerin bestiegen und auf meinem reservierten Gangplatz im Wagen 23 Stellung bezogen, als ich auf dem leeren Sitz vor mir eine saftige FAZ bemerkte. Bar jedes anderen Lesematerials griff ich erfreut zu und begann, das Konvolut zu sichten.

Während ich mich in einem Artikel über das Billigflieger-Dilemma festlas, bemerkte ich im Augenwinkel einen Mann, der den Gang aus Richtung Zugmitte entlangkam und in der Nähe meines Platzes verharrte. Tatsächlich stand er genau neben mir, wie ich überrascht realisierte, als ich aufschaute.

Er war korrekt gekleidet, älteren Alters, sah mich ausdruckslos an und schnurrte: »Darf ich bitte meine Zeitung wiederhaben?« Ich verstand augenblicklich, faltete die FAZ zügig zusammen und überreichte sie dem Herrn zusammen mit einer Entschuldigung.

Und obwohl ich ein klein wenig das Gefühl hatte, dass er sie mir eher entriss als dass ich sie ihm gab, war ich doch froh, dass sich die Situation auf solch hochzivilisierten Niveau hatte auflösen lassen. Gute Erziehung ist eben alles.


Der Kaiser in Bayreuth (Teil 4 und Schluss)

Bayreuth, 2. August 2007, 00:04 | von Austin

»Zurück vom Ring! Muss Wäsche waschen. Morgen Salzburg.«


Boese Boerse

London, 1. August 2007, 22:48 | von Dique

Heute bin ich wieder mit dem FAS-Watchblog dran.

Ueber Jahre angekuendigt, und nun kommt der Subprime Mortgage Markt in den USA wirklich ins Rutschen, einige Banken kommen in Schwierigkeiten, und den Anlegern geht der Frack. Deshalb ist der Tippfehler auf Seite 41 auch ziemlich lustig, »Finanzaktien wurden in der vergangenen Woche an der Boese hart abgestraft, …«, die Kurse purzeln, und aus der Boerse wird die Boese. Boese Boerse.

Fuer den Sozialstaats-/Sicherheits-/etc. Artikel von Walter Schmitt Glaeser muss ein Bild von James Rosenquist herhalten. »Growth Plan« heisst es, ist wunderbar und von 1966. Ich finde schon immer, dass die viel zitierte Neue Leipziger Schule (inklusive der nicht aus Leipzig stammenden Kuenstlerschaft mit aehnlichem Stil) Gerhard Richter und Luc Tuymans mehr verdankt als Mattheuer und Tuebke. Aber anscheinend auch James Rosenquist, der zwar ein breiteres Oeuvre hat, aber speziell dieses Bild erscheint wie ein Prototyp der Biskys, Havekosts, Eitels und der Legion anderer Namen im Gefolge selbstreferenzieller Ausdruckslosigkeit dieser »neuen« Gegenstaendlichkeit.

Ulrich Muehe ist verstorben, als Nachruf bringt die FAS ein drei Jahre altes Gedicht von Helmut Krausser ueber den Schauspieler. Es endet auf: »oasen der sprache im grenzbereich«.