Monatsarchiv für Januar 2008


Schnütsgüfeli

Zürich, 31. Januar 2008, 18:15 | von Paco

Die Zeit im ICE reicht genau, um die heutige F-Zeitung und den »Spiegel« vom Montag durchzulesen. Als der Zug anfängt auf dem Zürcher Hbf zu halten, lese ich gerade den letzten Satz (»Shame on you.«) des 5-Seiten-Artikels zum US-Vorwahlkampf, den Gregor Peter Schmitz und Gabor Steingart geschrieben haben (S. 100-104).

Die Überschrift lautet: »Die Clintons im Krieg«, und es geht um die Endausscheidung im demokratischen Lager, um die rhetorischen Offensiv-Strategien, die Hillary und Bill gegen Barack fahren. Usw.

In der Innenstadt sammle ich dann alle erreichbaren Gratiszeitungen ein, die ich von der Berichterstattung auf medienlese.com her kenne, und gehe damit ins nächste Starbucks. Die dürren Blätter lesen sich von der Informationsdichte her wie gestreckte SMS-Nachrichten, man hat in eineinhalb Minuten einmal komplett umgeblättert.

In .ch stoße ich auf S. 18 im »people«-Teil auf ein schönes Interview mit Fabian Unteregger. Darin die Passage:

Frage: Wen würden Sie gern imitieren?

Antwort: Den Papst. Dann könnte ich ja 180 Sprachen. Ein Wort kann aber auch der Papst nicht aussprechen: Schnütsgüfeli.

Ich kenne natürlich das letzte Wort nicht und frage die Studentin neben mir. Innerhalb von 30 Sekunden spricht sich meine Wissbegier herum, die ganze untere Etage des Cafés ist in einer Art hilfsbereiter Aufruhr und strömt so halb auf mich zu mit immer wieder neuen Antworten.

Das Wort wird lauthals in seine Bestandteile zerlegt, dann die Bedeutung wieder zusammengesetzt. Jemand googelt die Vokabel, aber ein bisschen erfolglos.

Scheint evtl. ein interner Witz für die Unteregger-Gemeinde zu sein. Sachdienliche Hinweise sind willkommen, hehe.

Morgen dann Stippvisite beim Blogwerk. Und dann kommt noch Marcuccio angefahren und wir gehen umblättern in den zukünftigen Kaffeehäusern des Monats.


Endlich fertig: Das Kinojahr 2007

Hamburg, 30. Januar 2008, 05:15 | von San Andreas

Etwas spät dran, aber nicht zu spät: Wie jedes Jahr (hehe) präsentiert der Umblätterer eine umfängliche wie kurzweilige Phänomenologie des vergangenen Filmjahres – die Spitzenleistungen, die Instant Classics, die Beachtlichen, die Erwähnenswerten, die versteckten Perlen, aber auch jene Filme, die enttäuscht haben.

Das Panoptikum speist sich ausschließlich aus Filmen, die im Jahr 2007 ins deutsche Kino kamen. Ihre Auswahl orientiert sich sowohl am Rauschen im Medienwald, an der kritischen Resonanz in den Feuilletons als auch an meinem persönlichen, hoffnungslos subjektiven Urteil. Komplettisten werden allerdings das Nachsehen haben; die Simpsons fehlen, die Piraten ebenso, und auch Herr Potter hat sich entschuldigt.

Zur kommentierten Übersicht geht es hier bzw. direkt zu den einzelnen Titeln:

5 Sterne
»The Assassination of Jesse James …« (Andrew Dominik)
»The Bourne Ultimatum« (Paul Greengrass)
»Ratatouille« (Brad Bird)

4einhalb Sterne
»The Prestige« (Christopher Nolan)
»Atonement« (Joe Wright)
»Blood Diamond« (Edward Zwick)
»Zodiac« (David Fincher)
»Little Children« (Todd Field)   Perle!

4 Sterne
»Notes on a Scandal« (Richard Eyre)
»The Queen« (Stephen Frears)
»Gone Baby Gone« (Ben Affleck)
»The Last King of Scotland« (Kevin Macdonald)
»Eastern Promises« (David Cronenberg)
»Efter brylluppet« (Susanne Bier)
»Letters from Iwo Jima« (Clint Eastwood)
»Die Fälscher« (Stefan Ruzowitzky)
»Reign Over Me« (Mike Binder)   Perle!
»Stranger than Fiction« (Marc Forster)   Perle!

3einhalb Sterne
»3:10 to Yuma« (James Mangold)
»Vier Minuten« (Chris Kraus)
»La Tourneuse de pages« (Denis Dercourt)
»A Prairie Home Companion « (Robert Altman)
»Sicko« (Michael Moore)
»Irina Palm« (Sam Gabarsky)
»Waitress« (Adrienne Shelly)   Perle!
»Jesus Camp« (Heidi Ewing, Rachel Grady)   Perle!
»Junebug« (Phil Morrison)   Perle!

Enttäuschung
»The Golden Compass« (Chris Weitz)
»The Invasion« (Oliver Hirschbiegel)
»Spider-Man 3« (Sam Raimi)
»Death Proof« (Quentin Tarantino)
»The Good German« (Steven Soderbergh)
»The Number 23« (Joel Schumacher)


Wir Möchtegern-Römer: Die FAS vom 27. 1. 2008

Leipzig, 28. Januar 2008, 14:52 | von Paco

Gestern keine Zeit, deshalb heute Lesen der FAS von genau 6:34 bis 9:06, mit einer Pause am Kaffeeautomaten inkl. Gespräch mit einem der Hausmeister über den gestrigen ZDF-Blogbuster »Das Wunder von Berlin« (ich fing mit der Hessen-Wahl an, aber er winkte ab und fragte stattdessen nach dem Wendefilm mit dem NVA-Punk).

Das FAS-Feuilleton wie immer hinten angefangen zu lesen, daher zuerst der übliche Medienkolumnen-Doppelschlag auf der Seite mit dem TV-Programm: Stefan Niggemeiers »Teletext« und der anschließende, aus dem Fernseher abgeschriebene »Teledialog«.

S. N. schreibt über Niels Ruf, und ich wollte gerade aufhören zu lesen (schon wieder ein Verriss, dachte ich), als es ganz anders gemeint war und Niels Ruf und seine Kotzbrockenserie »Herzog« schön gelobt wurden. Zumindest für nächsten Freitag steht die Serie auch noch in den Online-TV-Zeitschriften, und S. N.s Sorge um eine neuerliche Zu-früh-Absetzung ist vielleicht unbegründet.

Speaking of which, Niggemeiers Mitautor Michael Reufsteck (»Das Fernsehlexikon«, ein ganz großer Wurf der TV-Geschichtsschreibung in Form eines dunkelblauen Ziegelsteins), Reufsteck also schreibt passend zur Niggemeier-Kolumne auf der Seite davor einen Artikel, in dem es genau darum geht: um panische frühzeitige Absetzungen deutscher Eigenproduktionen durch diverse Sender. Die Überschrift des Artikels lässt alle Headliner-Herzen höher schlägen, denn sie lautet: »Die Serienkiller«. Ein Volltreffer.

Volker Weidermann rezensiert dann die rororo-Biografie zu Céline. Das Buch wird gelobt vor allem, aber: »manchmal übertreibt es Geyersbach auch mit seinem Entzauberungswillen«.

Dann schreibt noch Peter Körte über den Sean-Penn-Film »In die Wildnis«. Nach der Lektüre hat man einen Film à la Werner Herzogs Doku »Grizzly Man« vor Augen, der aber nicht erwähnt wird.

Dann mein heutiger Lieblingsartikel: Andreas Kilb über die Ausstellung »Roma e i Barbari«. Warum interessieren uns Größe und Fall des RR, wieso kucken wir alle die HBO-Serie »Rome«, wieso weshalb warum, und Kilb findet eine richtige Antwort:

»Schließlich sind wir alle kleine Möchtegern-Römer, die das Pathos der imperialen Großbauten und den Luxus der zentralgeheizten Villen und Badehäuser bewundern (…)«.

Genau das predigt Millek übrigens schon seit einiger Zeit, nur mit anderen Worten, und wurde so gestern zum Andreas-Kilb-Zitatensammler (eins hat er jetzt schon, hehe).

Dann Reich-Ranicki und seine »Fragen Sie …«-Rubrik. Die wird immer mehr l’arte pour l’arte, und er macht es sich zu einem Spaß, im Prinzip rhetorische Fragen dann doch zu beantworten. Beispiel heute, ein Leser aus Göttingen fragt:

Warum soll ich Richard Ford lesen?

Antwort MRR:

Das weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, dass Sie unbedingt Philip Roth lesen sollten und auch John Updike.

Zack! Dann weiter zurückblättern, dahin, wo Claudius Seidl die Tom-Cruise-Biografie von Andrew Morton bespricht und die Position der F-Zeitung in der anhaltenden Tom-Cruise-Debattiererei festigt, und was er unter »erstens« und »zweitens« sagt, ist auf jeden Fall richtig, auch wenn er dabei von »einer deutschen Spielart des McCarthyismus« spricht, hehe. Darüber kann man den Kopf schütteln, aber es klingt jedenfalls nicht schlecht.

Am Ende noch der Aufmacher, »Das Leben der anderen«, ein Artikel von Johanna Adorján über das überbordende öffentliche Interesse am Privatleben der what-so-ever Stars. Er kommt etwas bedenkenträgerig daher, vor allem das Ende, aber die Beispiele sind schlagend, das Phänomen treffend dargestellt, und allein für die Darstellung dieser einen Szene aus der »Late Late Show« mit Craig Ferguson lohnt sich der Artikel.

Soweit die FAS, wie immer jede Zeile wert.


Kaffeehaus des Monats (Teil 23)

sine loco, 27. Januar 2008, 08:21 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

La Giralda sobre Corrientes, Buenos Aires

Buenos Aires
La Giralda in der Corrientes.

(Der Schwung des mozo ließ einige churros vom Teller
rutschen, genau auf den einen Artikel in Radar Libros,
eine Rezension von Rodrigo Fresán, die ich beinahe
überblättert hätte. Die leichten Fettflecken ließen
mich den Text noch mal fokussieren, zum Glück,
und ich las dann durch das Fett hindurch den
Artikel, ein Hammer, wie alle Artikel von R. F.)


Im Gewandhaus: Dimitrij »Chailly« Kitajenko

Leipzig, 25. Januar 2008, 00:02 | von Austin

Bin also diese Woche überhaupt nicht mehr zum Kaffeeautomaten. »Na, wieder plötzlich Karten über für heute Abend?« Ja. Doch. Und auch heute Abend wieder konsequent selbst hingegangen zu den Einspringer-Wochen im Gewandhaus.

Der erste Eindruck heute: Ein Schlachtfeld. Alte Herrschaften belagern Tische im Foyer. Das Programm für die nächste Saison ist da. Das Gewühl gibt schlaglichtartig Blicke frei auf ältere Damen, die sich gleich fünf Broschüren in ihre Handtaschen laden. Eine davon treffe ich wieder, als sie mich fragt, mit Blick auf meine Jeans, ob der eine Anzug in der Reinigung sei.

Das Gewandhausorchester selbst setzt nahtlos dort an, wo es letzte Woche mit Dvořák aufgehört hat. Ansatzlos zieht Kitajenko die Streichereröffnung von Beethovens »Egmont«-Ouvertüre in die tiefsten Tiefen. Was für ein satter Sound. Und eisenhart dirigiert er weiter. Ein in Erz gegossenes Klangbild. Respekt. Was für ein Einstieg.

Und so geht es weiter in Beethovens 8. und Bruckners 4. Wunderfein, wenn ältere Dirigenten sich darauf verlassen können, sonnenklare Einsätze zu geben, die souverän den Klangfluss facettieren.

Die Lady auf dem Nachbarplatz hingegen – »eine Egmont-Ouvertüre ist doch kein Grund zum Jubeln« – setzt ihre eigenen Akzente mit conaisseurhaftem Gespür für die pianissimo-Passagen. Und sie ist nicht alleine. Idee für »Wetten, dass …?«: Erkennen Sie anhand des Auswurfs und der Röchler den Konzertsaal.

22.30 Uhr. Konzert vorbei. Ovationen für den Solo-Hornisten. Draußen regnet es. Warum das? Neben mir hustet jemand, ich weiche aus, und mein Blick fällt wieder auf Masurs Robotron-Digitalanzeige. Heute ist sie defekt.


Pontormo, Rosso Fiorentino, Berberaffe

London, 24. Januar 2008, 09:34 | von Dique

Ich fahre übrigens gerade oder schon seit einiger Zeit auf Pontormo ab, der auch Lehrer von Bronzino war. Ich hatte den noch vor einiger Zeit nicht richtig oder mit leichter Missgunst wahrgenommen, aber finde ihn mittlerweile hervorragend.

Leider sind viele seiner wichtigsten Werke in Fresko nicht mehr erhalten, aus den letzten 20 Jahren seines Lebens gibt es lediglich ein paar Zeichnungen. Ich habe gerade Vasaris Pontormo-Biografie in der Wagenbach-Ausgabe weggebraten und gleich danach noch eine bildbandige Monografie.

Er war zusammen mit Rosso Fiorentino ein Schüler von Andrea del Sarto, man sieht ganz klar die del-Sarto-Einflüsse, besonders das Dunkle um die Augen, besonders bei Rosso, Pontormo wird dann bei seinen Figuren extrem schlank und fragil.

Vasari wirft ihm in seiner Biografie ständig vor, hier den deutschen Stil zu kopieren, weil er sich sehr von damals weit verbreiteten Dürer-Stichen beeinflussen ließ. Pontormo war jedenfalls ein ziemlicher Freak, sehr belesen in zeitgenössischer Philosophie und antiken Schriften.

Er soll in seinem Haus eine Art Turmzimmer gehabt haben, in dem er arbeitete und in das er sich zurückzog, man konnte dieses nur über eine Leiter erreichen, und diese zog er zumeist ein.

Vasari schreibt außerdem über Pontormos Heim, dass dieses »eher der Behausung eines Phantasten und Eigenbrötlers gleichkommt als einer wohldurchdachten Wohnstätte«. Und weiter: »Doch das, was den Menschen am meisten an ihm mißfiel, war, daß er nicht arbeiten wollte, wenn ihm Zeit und Auftraggeber nicht zusagten, und nur entsprechend seiner Laune.«

Die Rosso-Vasari-Wagenbach-Biografie las ich auch gleich noch. Von Rosso gibt es noch weniger Arbeiten als von Pontormo, er starb aber auch früher, vielmehr nahm er sich höchstwahrscheinlich selbst das Leben.

Rosso war wohl ein ziemlicher Exzentriker und hielt sich nach Vasari einen Berberaffen, und »da dieser eine wunderbare Auffassungsgabe besaß, ließ er ihn zahlreiche Hilfsdienste ausführen«. Er liefert eine recht lange Anekdote, wie einer von Rossos Schülern ihn wohl darauf trainiert hatte, im nachbarlichen Kloster Weintrauben zu stehlen.

Dabei wird der Affe vom Konventsvorsteher erwischt, und es kommt zu allerlei Trubel, und der Affe bricht mitsamt dem Weinstock, der sich um eine Pergola rankt, über dem Ordensbruder zusammen. Wegen der Beschwerde des Bruders wird nach Rosso geschickt, und man »verurteilte den Berberaffen zum Scherz dazu, ein Gewicht an seinem Hinterteil zu tragen, damit er nicht mehr auf Lauben springen konnte wie zuvor«.

Sehr witzige Geschichte, besonders, wenn sie in diesem zeremoniellen Vasari-Style erzählt wird. Rosso war einer der wichtigsten Maler der Schule von Fontainebleau, neben Primaticcio natürlich. Zu diesem gibt es aber leider noch nicht die Wagenbach-Version der Vasari-Abhandlung.

Da komme ich auch sofort mal zum nächsten Umblätterer-Betriebsausflug. Im Louvre waren wir schon ein Jahr nicht, damals ja auch eher auf Parmi-Salvatore-Rosa-Ingres-Trip, hier ein Erinnerungsfoto mit mir und Paco (v.l.n.r.) auf dem Weg dahin:

Dique, Paco, Paris, close to the infamous Louvre

Doch im Louvre hängen natürlich auch einige Bilder von Pontormo zumindest, aber ebenso von Rosso. Pontormo würde natürlich für Florenz sprechen, denn Ponte war Hofmaler der Medici, und seine schönsten Bilder hängen dort in Kirchen und Palästen und natürlich den Uffizien.

Gut, es gibt den Joseph-Zyklus hier in der National Gallery mit dem 13-jährigen Bronzino auf der Treppe sitzend. Da gehe ich jetzt gleich noch mal in die NG und glotze mir das Zeug mit frischem Blick an.

Viele Grüße
Dique


Alban Nikolai Herbst, »Azreds Buch«:
Ach du liebe Güte! Eine Necronomicon-Erzählung!

Leipzig, 23. Januar 2008, 05:28 | von Paco

Azreds BuchDie bisher unveröffentlichte phantastische Erzählung »Azreds Buch« hat ANH schon mal 2004 in seinem Vortrag »Fantastische Räume« für das Linzer Phantastik-Symposium erwähnt und kurz zitiert. Vor gut einem Monat, um Weihnachten herum, hat er sie dann in seinem Weblog »Die Dschungel. Anderswelt.« in 5 Fortsetzungen online publiziert (Inhalt: Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf).

(In Rezensionen wird ja normalerweise ohne Ankündigung gespoilt. Wer die Geschichte, die wirklich spannend ist – Lesezeit ca. 30 Minuten –, vorher lesen will, sollte das tun und hier abbrechen.)

Also dann: Es geht fast sozialrealistisch los mit einem Erzähler namens Baumann und einem Vermieter (und Ich-Erzähler zweiten Grades) namens Mielke. Ein guter Anfang für eine phantastische Erzählung: In diesen scheinbar normalen Alltag kann dann schön das Unerwartete hineinbrechen.

Dass übrigens ANH den Vermieter wirklich ›Mielke‹ nennt, ohne falsche Assoziationen zu fürchten, … na gut, wenn man bedenkt, was die Mielke-Figur im weiteren Verlauf der Story treibt, ist das vielleicht doch keine zufällige Benamsung, hehe. Nebenbei, auch Sebastian Brock hat in seinem Roman »Silbersee« neulich die Hauptfigur einfach mal ›Walser‹ genannt, ohne Furcht vor den ganzen Assoziationen, die dann ständig in die Lektüre funken könnten.

Was macht ANH nun? Er bereichert die Literaturgeschichte um eine weitere Necronomicon-Erzählung in der Nachfolge H. P. Lovecrafts. Laut HPL hat Abdul Alhazred das arabische »Necronomicon«-Original »Al Azif« um 730 herum verfasst. Bei ANH hat es dieser legendäre Verfasser nun sogar irgendwie bis in unsere Gegenwart geschafft, ermöglicht durch eine Art Seelenwanderung bzw. Körperbemächtigung.

Herbst schreibt notorisch im Präsens. Das liest sich anfangs etwas schräg, hat am Ende aber einen bestimmten Effekt. Ansonsten ist der teils ins Horrorgenre hinübergleitende Text auch lustig. Etwa wenn Mielke von der »unterirdisch gelegenen Dämonenstadt« erzählt, »worin man der Weltherrschaft harrt«, und Baumann antwortet: »Ach du liebe Güte!«

Die von Mielke kundgetane Binnengeschichte nimmt den größten Teil ein und handelt davon, wie der junge Ägyptologe einem Professor Djahangir Hazegnehad nach Schottland folgt, wo dann in den Räumlichkeiten unter einem Hünengrab ein bisschen Horrorschock stattfindet. Außerdem wird dort eben auch Azreds Buch aufbewahrt.

Der Professor entpuppt sich schließlich als Dämon, als irgendwie Geist Al Azreds, der sich offenbar aller paar Jahrzehnte in einen neuen Körper schwingen muss. Mit dem Besitz des Buches ist dann auch Macht verbunden, und dass Mielke das Ding einfach mitnimmt und abhaut, bringt ihm zwar einen Karrierepush, wird ihm aber auch zum Verhängnis, denn er lebt ein Leben in ständiger Flucht vor dem Dämon.

Mehrere Passagen über sich ändernde visuelle Eindrücke erinnern an andere Herbst-Texte, etwa an die »Enzyklopedia Babilonica« in der Erzählung »Der Gräfenberg-Club«, die beim Blättern ihre Inhalte ändert.

Ansonsten wirkt der Text durchkomponiert und korrekturgelesen (auch wenn »Cthullu«/»Chtullhu« in verschiedenen Schreibweisen vorkommt, wo es außerdem normalerweise doch »Cthulhu« heißt, oder? aber das ist die Ausnahme), und ich frage mich, warum sie nicht schon in den 2005 erschienenen hervorragenden Sammelband »Die Niedertracht der Musik« mit aufgenommen wurde.

Im Netz liest sich »Azreds Buch« aber auch gut, da es eine Art Cliffhanger-Struktur gibt und man dadurch gezwungen ist schnell weiterzuklicken.

Bild:
Wikimedia Commons

Und wer noch nie was davon gehört hat:
Jason Colavito: Inside the Necronomicon – The true story behind the most infamous book never written (2002)


Das Handy in der Gegenwartsliteratur

Konstanz, 22. Januar 2008, 07:55 | von Marcuccio

Auf der Literaturseite der S-Zeitung vom letzten Freitag sprach sich Florian Kessler für eine »akute Gegenwartsliteratur« im Deutschunterricht aus. Wegen des akut anstehenden Migrationshintergrunds des Nokia-Handys wird in den deutschen Lehrerzimmern nun heftig um die geeigneteren Arbeitstexte für den Unterricht gerungen: Auf der einen Seite wartet der Reclam-Klassensatz »Migrantenliteratur«, auf der anderen, nämlich dieser hier, präsentiert der Umblätterer seine kleine Kompilation Mobilfunkliteratur:

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

Keiner hat Handy

Als Relikt aus einer mobilfunklosen Zeit bietet sich dieses Buch von Alexa Hennig von Lange wie kein zweites an: »Relax«. Das holt die Schüler von heute erst mal synonymisch bei ihren 100, 200 oder 400 Inklusivminuten von T-Mobile ab und führt ihnen dann vor Augen, was das Leben ohne Handy gestern war.

»Jungs, bin gleich wieder da!«
»Wohin gehstn du?«
»Weg!«
»Gehste pissen?«
»Nein telefonieren!«
»Was?«
»Ich muß ma kurz telefonieren!«
»Hier gibt’s aber kein Telefon!«
»Dann such ich eins!«
»Warum mußte denn jetzt telefonieren?«
»Ich muß meine Kleine anrufen!«
»Relax, Chris!«

– Tatsächlich bestimmt das hier noch nicht vorhandene Mobiltelefon den weiteren Verlauf der Handlung fatal. Denn nur weil er kein Handy in der Tasche hat und keiner seiner Kumpels auch nicht, geht Chris überhaupt wie ein Blöder los und sucht (ein Telefon!), steigt auf Bäume, stürzt herunter, und stirbt zuletzt auf einem Parkplatz. (Okay, ein bisschen too much auf dem Trip ist er dabei natürlich auch ;-).

Umgekehrt sitzt die Kleine, nur weil sie ihren Chris nie mal ansimsen kann, das ganze Buch über wie blöde vor ihrem Festnetzapparat und wartet auf Anrufe von Chris. Am Ende reißt sie sich endlich von zu Hause los, um ihren Chris im Nachtleben zu suchen und – ohne Handy natürlich viel zu spät – zu finden:

»Chris, hier is deine Kleine!«
»…!«
»Chris, hörst du mich?«
»…!«
»Chris! Das is nich lustig!«
»…!«
»Chris? Ich liebe dich!«
»…!«
»Chris?«
»…!«

Mit anderen Worten: Es wurde wirklich mal Zeit für ein Mobiltelefon in der deutschen Literatur.

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

Einer hat Handy

Das erste Mobilfunktelefon in der deutschen Literatur gibt’s bei Christian Kracht: In »Faserland« kommt das Handy noch richtig schön schnöselig daher, nämlich als rauschechtes C-Netz für S-Klasse-Fahrer auf Sylt.

»Kurz vor Kampen biegt Karin plötzlich rechts ab, auf den Parkplatz von Buhne 16, dem Nacktbadestrand, und ich denke, Moment mal, was kommt denn jetzt?«

Und weil ein 1995er Kracht auf Sylt kein 1998er Houellebecq am Cap d’Agde ist, folgt an dieser Stelle wirklich nur diese Mobilfunkorgie: Irgendein Sergio hat mit dem Mobiltelefon extra vom Strand aus im Mercedes angerufen (Sachen gibt’s, hehe). Und dann dieser faserlandtypische Satz:

»Wir steigen aus und ich denke daran, daß das Mobiltelefon sicher ziemlich versaut wird, dort am Strand, wegen dem Sand und dem Salzwasser.«

Also, richtig relaxed klingt das mit dem Mobiltelefon noch nicht. Oder verschwendet heute noch ernstlich jemand Gedanken an Salz und Sand, wenn er Strand-MMSen versendet oder empfängt? Krachts defätistische Handy-Affirmation zeigt deshalb schön, wie leicht die Spezies Mobilfunkteilnehmer Mitte der 1990er noch verunsichert und fertig gemacht werden konnte.

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]

Alle haben Handy

Kollektiver Frieden mit dem Mobilfunk war dann wohl so spätestens um 2000, als wir von Florian Illies in unser aller Generation Golf zu lesen bekamen, »daß es nichts mehr bedeutet, ein Handy zu haben. Daß es aber auch nichts mehr bedeutet, in einem Café zu telefonieren.«

»Ortsgespräch«, Illies‘ GG-Aufguss von 2006, war, so gesehen, natürlich schon wieder eine Retro-Mode. Kein Anschluss unter dieser Nummer herrscht hingegen bei Ingo Schulze. Weitere Texte zum Thema Telekommunikation wären vielleicht noch Else Buschheuers »Ruf! Mich! An!« oder die »Wahlverwandtschaften«.

Und last but not least Johanna Adorjáns Tante, die immer noch ihren Festnetzapparat im Flur favorisiert. Das war definitiv mal einer der Silvester-Knaller, mit denen ein Deutschlehrer seine Schüler 2008 fürs Feuilleton begeistern könnte (neues Jahr, neues Glück?).

[ Keiner hat Handy | Einer hat Handy | Alle haben Handy ]


Die FAS und die Tauben

London, 20. Januar 2008, 23:51 | von Dique

»Taube, Vogel im grauen Gewand …« – so verherrlichend beginnt der Massenmörder/Dichter Benoît in dem belgischen Mockumentary-Klassiker »Mann beißt Hund« sein Gedicht über diese Tierart, aber sobald mir das gräuliche Federvieh zu sehr auf die Pelle rückt, bekomme ich Paranoia, und anscheinend immer kommen diese blöden Viecher zu mir, zu nah.

So wie heute Morgen, ich hatte gerade erst die neue FAS von meinem Newsagent erworben, der immer noch ein bisschen zerknittert wirkte, weil they gerade die Straße vor seinem Laden aufreißen. Das kann nicht gut fürs Geschäft sein.

Ich ging dann ins Lisboa. Man kann da wirklich nur eine Kaffeelänge zubringen, denn es ist einfach zu voll und zu ungemütlich, wenn auch irgendwie charmant. Aber der Kaffee, der Galão, ist so köstlich, und dazu die leckeren Schweinsohren oder, eleganter ausgedrückt, die Palmiers.

Nun gut, das Ding gerammelt voll, wie erwartet, aber mildes Wetter, da platziere ich mich an einem der kleinen Tische draußen vor der Tür.

Kaum sitze ich, streue Zucker in den Kaffee und will beim Umrühren schon mal in mein Schweineohr beißen, kommt das erste graue Federviech daherstolziert, pirscht sich langsam heran, unauffällig pickend, und zeigt schon nach kurzem keine Scheu mehr, pickt schon fast an meinen Schuhen herum.

Ich verjage es, es kommt wieder, ich stampfe noch mal mit dem Fuß auf, und wieder kommt es langsam heranspaziert, es treibt sein Spiel. Und dann, wie aus dem Nichts, ich bemerke es nicht, startet ein gutes Dutzend Tauben vom Häusersims gegenüber, landet vor mir auf dem Fußweg und kreist mich, unauffällig pickend, ein.

Ich hatte gerade ein paar Bissen getan und ein paar vorsichtige Schlucke des heißen Milchkaffees eingenommen, noch nicht mal die FAS hatte ich umsortieren können, geschweige denn meine Nase in einen der Artikel klemmen.

Also gut, Flucht nach drinnen, an die kleine Theke zwischen den großen Kaffeemaschinen, und hier falte ich dann im Stehen an der FAS herum. Sport, Technik, Motor, alles will entsorgt sein, stream lining, auf das Wesentliche konzentrieren. Dann austrinken und schnell raus und weg, die Tauben werden sich einen Ast lachen. Dann eben ein Cafe Nero in der Nähe, taubenfrei und endlich Ruhe.

Peter Richter schreibt als »wir vom gutbürgerlichen Feuilleton« einen Artikel über den deutschen Gangsterrap, hochgradig empfehlenswert. Es geht überwiegend um den Rapper Massiv aus Pirmasens, der jetzt in Berlin lebt und dessen Rap anscheinend nach einem »dicken Jungen« klingt, »der die Treppe nicht hochkommt«, hehe.

Johanna Adorján macht Lust auf ein auf den ersten Blick unspannend klingendes Buch von Alan Bennett, »The Uncommon Reader« (FAS nicht online, dafür NYT), in dem sich die englische Königin durch Zufall und natürlich fiktiv zum Bücherwurm entwickelt.

Dann gibt es von Peer Schader lustige Anekdoten über Fernsehzuschauer und deren Wahrnehmung des Mediums, eine lange Kritik von Peter Körte über den neuen und ersten englischsprachigen Film von Wong Kar-Wai, und Feuilleton-Aufmacher ist Wladimir Sorokins Buch »Der Tag des Opritschniks«.

Jetzt müsste eine Pointe kommen, die irgendwas mit Tauben zu tun hat, denn schließlich fing der Text hier so an, aber ich sah keine Taube, weit und breit nicht, als ich mich auf den Rückweg machte. Ich glaube, das ist auch der Punkt, den Benoît in seinem Filmgedicht machen will:

Taube, Vogel im grauen Gewand
In der Städte Hölle hast du von mir
Deine Blicke verbannt
Du bist wirklich die Schnelle


Kaffeehaus des Monats (Teil 22)

sine loco, 20. Januar 2008, 19:25 | von Millek

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Adora, Tel Aviv

Tel Aviv
Das Adora in der Rehov Ben Yehuda.

(Milch und Honig, immer wieder Milch und Honig.)