Der Dresscode der Alten

Hamburg, 8. April 2010, 08:02 | von Dique

Das neue Highlight von Dresden ist die »Türckische Cammer«. Über 100 Jahre nach Rudolf II. haute der Sachsenkönig mit seiner Sammlung auf die Pauke, häufte zwar keine vergleichbaren Schätze an, aber er war ja auch nicht römischer Kaiser. Ich habe die Cammer noch nicht gesehen, bin aber schon nach der Einleitung dieses FAZ-Artikels von Dieter Bartetzko Feuer und Flamme:

»Wenn August der Starke es abends einmal leger mochte oder eine seiner Mätressen beeindrucken wollte, kleidete er sich in einen Kaftan. Lachsrot, glänzende Seide mit tausenderlei Paspeln und Abnähern, …«

Der Sachsenkönig im lachsroten Kalifengewand voller Paspeln und Abnäher. In der Printausgabe der FAZ war dieses Gewand auch abgebildet. Zumindest farblich könnte man es in die Nähe des berühmten Skythenfilzanzuges rücken, den man vor wenigen Jahren in Berlin bewundern konnte. Der flamboyante Dresscode der ›Alten‹ ist doch immer wieder faszinierend. Da wurde noch mit herrlichem Material in noch herrlicheren Farben geprotzt. Dagegen verblasst sogar der gelbe Anzug von Johan Nilsen Nagel.

Über Matthias Grünewald weiß man eigentlich nicht viel, aber jeder (jeder!) kennt und verehrt den von ihm geschaffenen Isenheimer Altar. Immerhin existierte ein Nachlass des Malers, der dereinst in fünf Kisten in Frankfurt am Main lagerte. Die Kisten waren dort geblieben, als Grünewald nach Halle zurückkehrte, wo er 1528 starb. Darin befanden sich Malutensilien, aber auch reformatorische Schriften, und das ist für die Forschung von extremem Interesse. Für uns ist aber viel wichtiger, dass Grünewald eine sehr elegante Garderobe pflegte. In den Kisten befanden sich zudem:

  • drei rote Hofgewänder
  • ein grauvioletter Rock mit Sammet an den Ärmeln
  • ein purpurianischer Rock mit schwarzem Futter
  • vier Atlaswämser
  • ein goldgelbes Paar Hosen
  • ein Mantel aus weißem Filz mit Leder überzogen
  • ein damastenes Brusttuch
  • goldgestickte Hemden und dazu noch Geschmeide, Ringe etc.

Wie Wilhelm Fraenger, nach dem das hier zitiert ist, sagt: »Alles in allem ein Kostümaufwand, für die besonderen Erfordernisse eines Hofmannes zugeschnitten.« Zum Vergleich: Dürer hatte sich 1506, also ein paar Jahre vor Grünewalds Abgang, in einem Brief aus Venedig an seinen Freund Pirckheimer beklagt: »Hÿ pin ich ein her, doheim ein schmarotzer etc.«

Ein »her« zu sein, manifestiert sich sicher nicht nur in der Kleidung, aber wie das Beispiel Grünewald zeigt, scheinen zumindest einige, oder eben einfach nur einer der nordischen Renaissancemaler, schon ganz Gentleman gewesen zu sein.

Der italienische Dürer, nämlich Leonardo, war bekanntermaßen ganz Herr, Hofmann und Dandy. In der berühmten Biografie von Nicholl steht dann auch mal drin, wie viel er mitunter für ein feines Kleidungsstück hinlegte:

»In the 1490s Leonardo purchased a 600-page book on mathematics, in folio, for 6 lire, and a silver cloak with green velvet trim for 15 lire.«

Von dem Geld für den mit grünem Samt abgesetzten Silbermantel konnte man immerhin für eine vierköpfige Familie ein Jahr lang Brot kaufen, soweit der Vergleich der historischen Währungsumrechner.

Regionalzeitung (Teil 24)

Leipzig, 7. April 2010, 21:58 | von Austin

 
  116.   entdeckte früh seine Leidenschaft für

  117.   das furiose Debüt des jungen Autors

  118.   um dem Alltag zu entfliehen

  119.   gerade heute, in diesen politisch bleiernen Zeiten

  120.   in ihren Bann zogen
 

Lost: 6. Staffel, 11. Folge

Frankfurt Airport, 7. April 2010, 15:22 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Happily Ever After«
Episode Number: 6.11 (#113)
First Aired: April 6, 2010 (Tuesday)
Deutscher Titel: »Bis ans Ende ihrer Tage« (EA 26. 5. 2010)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Eine Desmond-Folge, und endlich gibt es mal deutliche, fast schon holzhammerartige Überschneidungen der beiden Parallelwelten. Butter bei die Fisch, das Ende ist nah:

1. – Insel-Plot

Ein Klassiker unter den »Lost«-Motiven: Die Großaufnahme eines Auges, das zu einem gerade Erwachenden gehört. Diesmal ist es Desmond. Als erstes erblickt er diese Tina-Fey-Doppelgängerin Zoe, »das unnützeste, schmutzige plot device seit Bai Ling«, hehe. Ihre üble Windigkeit scheint sich Desmond sofort zu vermitteln, aber dann gleich Auftritt Widmore, der ihm verklickert, dass er wieder auf der Insel sei, nach welcher Information Desmond erst mal wild auf ihn eindrischt. Widmore erwehrt sich und belehrt den Aufmüpfigen wie­derum mit einem »Lost«-Zitateklassiker: »The island isn’t done with you yet!«

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Lost: 6. Staffel, 10. Folge

Leipzig, 7. April 2010, 03:05 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Package«
Episode Number: 6.10 (#112)
First Aired: March 30, 2010 (Tuesday)
Deutscher Titel: »Die Fracht« (EA 19. 5. 2010)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Am Anfang denke ich: WTF!, eine Sun-Folge, kucke dann aber doch weiter. Ansonsten wird im L.A.-Plot erzählt, wie es in Folge 6.06 dazu kam, dass Sayid nach der Niederstreckung von Keamy den armen geknebelten Jin in dieser Vorratskammer findet. Auf der Insel gibt es diesmal wieder extensive »my people«/»his people«/»our people«-Dialoge, also »Lost«-Lingo vom Feinsten.

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Provinzen

Konstanz, 2. April 2010, 17:03 | von Marcuccio

Mit der Binse, dass es die ›Provinz‹, das super Thema von DUMMY Nr. 26, im Grunde gar nicht gibt, dass Provinz nur in den Köpfen usw., hält sich Oliver Gehrs zum Glück nicht lange auf. Bekommt man im Feuilleton ja jede Spielzeit serviert, wenn einer dieser Intendanten mal wieder wortreich erklärt, warum Oldenburg oder Saarbrücken jetzt doch besser ist als Hamburg oder Zürich.

Beste Story des ganzen DUMMY-Heftes ist die über eine frühere Politiker-Kneipe namens »Provinz« in Bonn: »In einem fernen Land« – allein die Bebilderung bezeugt Historisches: Schröders Hillu war die Rebecca Casati der 1980er Jahre!

Ein weiteres Highlight sind die Auszüge aus der 1916 veröffentlichten Grammatik zu einer Plansprache für die deutschen Afrika-Provinzen. Mit »Kolonial-Deutsch« wollte ein Münchner Beamter linguistisch »Fleisch von unserem Fleisch« schaffen.

Und natürlich dürfen auch die Zeitungsprovinzen nicht fehlen: Die Aufstellung der deutschen Regionalzeitungsmonopole (S. 71 sieht – trotz Art Directors aus Amsterdam – sehr nach Hamburg aus: um nicht zu sagen wie eine dieser von mir ja sehr gemochten Deutschland­karten des »Zeit«-Magazins).

Dann keine Provinz ohne Pendler! Auch wenn mein Held zu dem Thema wohl für immer Erwin Teufel im »Spiegel« bleibt: Gestalterisch 1:0 für DUMMY wegen der Idee, gerade bei dieser Geschichte (mit dem Titel: »Was auf der Strecke bleibt«) ganz viel Weißraum zu lassen.

Das Genom für Kraftfahrer druckt DUMMY auf der Doppelseite mit den Sprüchen zu den zwei- oder dreistelligen Autokennzeichen ab: SAD (Sau auf Durchreise) und dergl. Natürlich gibt’s das haufenweise im Netz (wahlweise auch von jedem tiefergelegten Beifahrer), doch das Arsenal der dumpfdoofen und doch faszinierenden Provinz-Stigmata einfach mal so zu zitieren, ist ein ganz gefälliger Coup. Und schließlich wären da noch:

Die beiden Oliver G.s aus Ostwestfalen

Was vielleicht nicht jeder weiß: Die DUMMY-Leute machen ja auch das ziemlich gelungene »Fluter«-Heft der Bundeszentrale für politische Bildung. Oliver Geyer schreibt in der aktuellen DUMMY über seine Heimatstadt Bielefeld (hier als PDF), und ich hätte schwören können, dass ich das schon mal genauso im »Fluter« gelesen hab. Es war aber Oliver Gehrs, der dort neurotisch-witzig über seine Heimatstadt Paderborn geschrieben hat. Bei der Ostwestfalen-Connection, die noch dazu redaktionelles Carsharing macht, kann man schon mal durcheinander kommen.

Und wo wir beim Thema Dummyfluter sind. Es gibt im »Fluter« diese Seite, wo über redaktionelle Ausschussware (verworfene Geschichten, alternative Themen etc.) Rechenschaft abgelegt wird. »Provinzen, die es nicht ins Heft geschafft haben« sind ja irgendwie auch die Bundes­länder bzw. ihre Ministerpräsidenten als moderne Provinzfürsten, von österreichischen Landeshauptmännern (»Pröllistan«!) ganz zu schweigen.

Da müssen wir wahrscheinlich auf eine Extra-DUMMY warten (vielleicht zum spannenden Thema »FÖDERALISMUS«, hehe). Bis dahin bleibt die aktuelle Ausgabe kein schlechter Aperitif oder auch Digestif für alle, die Ostern heimfahren – und Provinz ganz entspannt verdauen möchten.

Vossianische Antonomasie (Teil 10)

Leipzig, 2. April 2010, 09:37 | von Paco

 

  1. der Kippenberger des Techno
  2. der Harald Schmidt Portugals
  3. der niedersächsische Diderot
  4. der Che Guevara der Akademiker
  5. the Hans Landa of inter-sexual cognition *

* Coined by Wash Echte (via Christian M.).

 

Der größte Plebejer der zeitgenössischen Kunst

Hamburg, 30. März 2010, 20:44 | von Dique

»Grimmelshausen ist seit Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr Mitglied des deutschen Schriftstellerverbandes.« So kom­mentierte Michael Naumann den angestrebten Generationswechsel, der bei der Eichborn’schen »Anderen Bibliothek« zu seiner Kündigung geführt hat.

In einem der Bände der (guten alten?) Enzensbergerzeit, in Philipp Bloms »Sammelwunder, Sammelwahn«, steht neben vielen anderen supersten Anekdoten zum Thema Sammelei auch eine über den General Franco, er soll den Arm der Heiligen Teresa von Ávila mit sich herumgetragen haben, aber nicht, um damit zu unterschreiben, sich damit zu kratzen oder sonst irgendetwas Nützliches zu tun, sondern wegen der mythischen Kraft dieser Reliquie.

Aus ähnlichen Gründen wollte Rudolf II. unbedingt einen bestimmten Narwalzahn (galt damals noch als Horn des Einhorns bzw. Ainkhürns) und die berühmte Achatschale besitzen, in der durch schattige Einschlüsse der Name Christi zu lesen gewesen sei.

In Bloms Buch gibt es auch ein paar spannende Überlegungen zur Demokratisierung des Sammelns. War das uferlose Zusammentragen wertvoller oder wundersamer Dinge ehedem Privileg, ist die heutige Sammelei in alle Schichten der Bevölkerung vorgedrungen (Bierdeckel, Milchflaschen, Überraschungseiinhalte).

Zum Glück bleibt wenigstens die Kunst schön undemokratisch, siehe Helmut Krausser: »Kunst ist ein aristokratisches Phänomen, kein demokratisches, und erst recht kein plebejisches.« Dieses Zitat ist in der eben erschienenen »Substanz« des 12-bändigen Krausser’schen Tagebuchprojekts zu lesen, immer noch einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten.

Vorhin war ich noch in der PopLife-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Die einzige Entschädigung für die schiere Langeweile, die bunte Warholsiebdrucke nun einmal verbreiten, war das in Formalde­hyd eingelegte Goldene Kalb von Hirst, dem vielleicht größten Plebejer der zeitgenössischen Kunst.

Usw.

Die fünf besten Studenten der Weltliteratur

Hamburg, 30. März 2010, 03:54 | von Dique

 
1. Stanislaus Demba in Leo Perutz: »Zwischen neun und neun«

2. Charousek in Gustav Meyrink: »Der Golem«

3. Anselmus in E. T. A. Hoffmann: »Der goldne Topf«

4. Øien in Knut Hamsun: »Mysterien«

Ein fünfter fällt mir gerade nicht ein, hehe.
 

Lost: 6. Staffel, 9. Folge

Berlin, 28. März 2010, 18:11 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Ab Aeterno«
Episode Number: 6.09 (#111)
First Aired: March 23, 2010 (Tuesday)
Deutscher Titel: »Seit Anbeginn der Zeit« (EA 12. 5. 2010)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Die lange erwartete Richard-Folge! Richard Alpert – Seine Vorge­schichte, sein Teufelspakt und seine Dämlichkeit (»I want to live forever!«). Insgesamt ziemlich viel Höllentalk, und die allegorischen Mächte Gut und Böse rüsten sich weiter zum Endkampf. (Einen L.A.-Plot gibt es diesmal nicht.)

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Kaffeehaus des Monats (Teil 51)

sine loco, 26. März 2010, 10:49 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Saint-Jean-de-Luz, McDonald's, Avenue de Layatz, verschwommen wie immer (keine Zeit)

Saint-Jean-de-Luz
McDonald’s in der Avenue de Layatz.

(Mehrwöchiger Aufenthalt in Saint-Jean-de-Luz, im Zeichen der
Ernst-von-Salomon-Forschung. Dort spielt ja eine EvS-Geschichte,
die in der Erstausgabe den her-vor-ra-gen-den Titel trug: »Boche
in Frankreich«
. Zur Erholung las ich dann alte Reclam-Hefte bei
tatsächlich McDonald’s, dem einzigen normalen Ort in der Stadt, hehe.
Und in diesem Zusammenhang noch schnell die Idee des Jahres, ich
zitiere: »Wenn ich einmal Geld brauche, verfasse ich das Drehbuch
zu einem Biopic über Ernst von Salomon.« – Michael Angele)