Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


Joggen

Berlin, 28. März 2026, 14:30 | von Paco

Es war noch früh am Morgen, da passierte ich die Südspitze des Kracauerplatzes. Die dortige Baustelle sollte eigentlich schon Ende Januar fertig sein, aber der Kälteeinbruch hat alles nach hinten verschoben. Gerade an diesem Tag waren nach wochenlanger Pause wieder Bauarbeiter am Werk, und auf dem Baustellenradio lief megalaut »Die da!?!« von den Fantastischen Vier.

Ich hatte »DAS WETTER« unterm Arm, Ausgabe #37, und steuerte auf »Heller Kaffees« in der Sybelstraße zu (wochentags normalerweise ab 8:00 geöffnet!).

Hinsetzen, blättern, schauen, alles interessant, Seiten 37 bis 43, Gespräch zwischen Rainald Goetz (RG) und Leif Randt (LR).

  • LR: »Ich habe gefühlt noch nie einen gelungenen Verriss über meine Arbeit in einer Zeitung gelesen.« (challenge accepted)
  • RG: »[…] ich finde es wichtig, dass Bücher missverstanden werden.«
  • LR: »Ich bestehe auf kurze Bücher.« 💯
  • LR: »Joggen ist auf jeden Fall etwas, das die Perspektive auf alles erleichtert. […] Die Realität nach dem Sport ist die beste Realität, aber da muss man sich fast vor schützen, vor dieser Euphorie und dem Selbstbewusstsein nach dem Sport, […]«

Zwischendurch Anruf von Gabriel, dies das, und ob ich den Podcast mit Iris Radisch endlich gehört hätte, wie sie da Lukas Rietzschel in Grund und Boden verreißt. Hatte ich nicht und finde generell »Zeit«-Podcasts, nun ja, »Hund oder Katze?«, etwas schwierig.

Dann Nachricht von Josik aus München, der auf der Leopoldstraße folgenden Satz overheard hat:

»Der will bei seinem Junggesellenabschied mit uns Go Kart fahren, das ist doch einfach so langweilig.«

Zurück zum Thema Joggen, sehr gutes Feature von Katharina Teutsch auf Deutschlandfunk Kultur (»Das Leben ist eine Mutter, die Luftballons zerstört«). Darin sagt Helene Hegemann:

»Joggen hat so begonnen Ende der 70er, Anfang der 80er, plötzlich rannten alle wie irre und man dachte: WARUM? Das war so ein Trend, aber, eigentlich glaube ich am ehesten, eine Reaktion auf eine politische Handlungsunfähigkeit, weil das einzige, was du kontrollieren kannst, der einzige Bereich, den du kontrollieren kannst, der übrig bleibt, dein eigener Körper ist.« (18:00 mins. in)

Randt, Hegemann, und nun gehe ich vielleicht auch einfach eine Runde Joggen im Grunewald? Einfach an der Havel entlang Richtung Schwanenwerder?
 


Umblätterer-Lesung gestern Abend, Setlist

Leipzig, 21. März 2026, 08:30 | von Paco

Wie angekündigt gab es gestern im Leipziger Hotel Vienna House Easy vor vollem Haus die Umblätterer-Lesung mit Dique und Josik, hier die Setlist:

Bartolomeo Bimbi, der Birnenmaler
Fritzi-Spritzi, Stritzi, Mitzi
Room 59, der Saal des Gurkenmalers
Mit Lettre im Türkenhof (feat. Baumanski)
Crivellische Gurkenträume in Mailand
Der Preis ist heiß
In der Buchhandlung Schaumburg in Stade
Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber
In der Buchhandlung Thye in Oldenburg
Eva Illouz: Die neue Liebesordnung
Im Space-Shop am Bremer Flughafen
Colette: Mitsou
Erstaunliches aus dem Leben eines Umblätterers
Russia’s Next Top Dichter (1969)

Die Bücher, in denen diese Geschichten gedruckt wurden:

– André Seelmann: Abenteuer im Kaffeehaus (2017; 2. Auflage 2025)
– Joseph Wälzholz: 100 superste 100-Seiten-Bücher (2023)
– Joseph Wälzholz: ABC – Artikel · Blogposts · Columnen (2025)
– Joseph Wälzholz: Über Karl Kraus (2026)

 


Verlag Ille & Riemer wird 25

Leipzig, 18. März 2026, 18:15 | von Paco

Nach Gründung der GbR im Jahr 2001 erschien im Jahr darauf das erste Buch in diesem Leipziger Verlag, die Neuausgabe eines Trauerspiels von 1758, Joachim Wilhelm von Brawes »Der Freygeist«, herausgegeben von Jörg Riemer und mir.

Jörg ist einer von vier Verlagsgründern, sein Bruder sowie die Gebrüder Ille gehörten auch dazu. Mittlerweile haben sich alle aus dem sogenannten Tagesgeschäft zurückgezogen, Träger der GbR ist Markus R. Wiese.

Meine Erfahrung mit dem Verlag ist nun schon so, dass er der ideale Partner ist für gemeinsame Freizeitprojekte. Und dass eigentlich alles funktioniert, wie es soll. Früher wartete man wohl schon ein paar Wochen, bis ein Titel ausgeliefert wurde, aber diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile kommen die Bücher zappzarapp, und dann hat man sie.

Die beste Geschichte über den Verlag hat aber mit dem Nobelpreis für Peter Handke zu tun.

Nach den Kontroversen um die Preisvergabe veröffentlichte Henrik Petersen, der als externer Experte dem Nobelpreiskomitee für Literatur angehört, im »Spiegel« eine Stellungnahme, in der es hieß:

»Wer mehr darüber erfahren möchte, was Handke tatsächlich über Jugoslawien gesagt hat, dem empfehle ich Lothar Strucks Ausführungen in ›Der mit seinem Jugoslawien‹. Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik von 2013«.

Der Band ist jedenfalls im Verlag Ille & Riemer erschienen, und ich schickte damals den Link sofort an den Verlag mit dem Tipp, damit die Homepage zuzukleistern. Noch ein Jahr später war nichts in dieser Sache geschehen. Vielleicht nahm ich das Nobelpreiskomitee auch einfach zu ernst.

Irgendwann war es dann doch dort zu lesen, als eine von vielen Stimmen zum Band.

Bei Ille & Riemer erscheinen übrigens auch die »Schriften des Umblätterers«, bisher zwei Bände. Den Anfang machten 2017 die »Abenteuer im Kaffeehaus« von André Seelmann (nom de plume: Dique). Die Lesung, die wir beide im selben Jahr zusammen auf der Buchmesse hielten, war auch sehr gut besucht, und es blieb kein ausliegendes Exemplar unverkauft.

Der Rest war dann auch irgendwann vergriffen, denn am 22. Februar 2023 hielt Rainald Goetz eine Rede am Berliner Wissenschaftskolleg, und unter vielen anderen Dingen beklagte er zunächst, dass Carlos Spoerhases »Linie Fläche Raum« nicht mal mehr antiquarisch zu bekommen sei, und fuhr dann fort: »André Seelmann, Abenteuer im Kaffeehaus, auch nirgends mehr zu kaufen.«

Der Redetext wurde in der »Zeit« und im Suhrkamp-Band »wrong« gedruckt und führte dann auch dazu, dass es nun eine Neuauflage der »Abenteuer im Kaffeehaus« gibt, mit ein paar neuen Texten. Zu den Neuheiten gehört der Text über eine Begegnung mit Christian Kracht in Florenz. Letztes Jahr auf der Buchmesse in Leipzig lasen Dique und Josik u. a. diesen Text, mehr als 90 Zuhörer*innen wurden gezählt (ich weiß nicht, von wem).

Diesen Freitag, 20. März 2026, ab 20:00 Uhr, lesen Dique und Josik wieder abwechselnd aus ihren bei Ille & Riemer erschienenen und samt und sonders von San Andreas gestalteten Bänden: aus »Abenteuer im Kaffeehaus« sowie aus dem zweiten Band unserer Schriftenreihe, »100 superste 100-Seiten-Bücher«, der aus dem Hundertseiterprojekt entstanden ist.

Der Ort der Lesung könnte gelegener nicht sein, sehr mittig, nämlich schräg gegenüber vom Hauptbahnhof im Hotel Vienna House Easy (Goethestraße 11, 04109 Leipzig), Hotellobby im Erdgeschoss. Eintritt frei.

Am Tag darauf, Buchmessesamstag, 21. März 2026, ab 19 Uhr, liest Marc Degens am selben Ort aus seinem bei Ille & Riemer erschienenen Band »Eriwan«.

Der Verlag hat auch einen Stand auf der Buchmesse (Halle 5, Stand G201).

Liebe Illes, liebe Riemers, lieber Markus R. Wiese, danke und alles Gute zum 25. Verlagsjubiläum!
 


Fritzi-Spritzi, Stritzi, Mitzi

München, 5. Februar 2026, 12:00 | von Josik

Immer wenn San Andreas und ich uns in Leipzig fröhlich im Kaffeehaus Riquet treffen und beide, ohne nachzudenken, ein nordisches Frühstück bestellen, kommen wir schon nach wenigen Minuten auf Karl Kraus zu sprechen. Letztes Mal aber blieb mir der Lachs direkt im Hals stecken. Ich kannte Kraus, ich kannte die »Fackel«, ich kannte die verfeindeten Fraktionen innerhalb der Kraus-Community, ja, die Beschäftigung mit Karl Kraus hat mich sogar zeitweise ernährt.

Damals lebte ich ein paar Jahre lang davon, dass ich jeden Tag allen Leuten erklärte, wie sehr Kraus vor der Drucklegung seiner Texte auf jeden einzelnen Trennungsstrich geachtet hat. Und deshalb, so sagte ich immer, ist es sehr wichtig, dass wir bei einer Neuedition seines Buches »Dritte Walpurgisnacht« das dort von ihm verwendete Wort »Ur-instinkt« ggf. unbedingt schon nach der ersten Silbe umbrechen und nicht etwa erst nach der zweiten Silbe: »Urin-stinkt«.

Einige Zeit vor mir hatte Daniel Kehlmann genau am selben Ort gearbeitet und später, in der »Zeit« Nr. 12/2020, darüber geschrieben: »Alles begann damit, dass ich während meines Germanistikstudiums […] am dreibändigen Karl-Kraus-Wörterbuch der Österreichischen Akademie der Wissenschaften mitarbeitete […]. Die Wörterbuchredaktion der Akademie war chaotisch, der präsidierende Germanist ein herrschsüchtiger Wirrkopf, und das Lexikon erwies sich schon während seiner Entstehung als unbrauchbar«.

Diese Beschreibung ist ein bisschen ungerecht. Erstens, weil jedwede Art von Wörterbuch letztlich einfach ein Spaßprojekt ist und man da sowieso keine strengen Maßstäbchen anlegen darf. Zweitens, weil der präsidierende Germanist, von dem hier die Rede ist, nämlich Professor Welzig, ein brillanter Philologe war. Freilich kann man Kehlmann als Autor die zitierte Beschreibung auch nicht vorwerfen. Es ist ja klar, dass er für eine Pointe seine besten Freunde verkaufen würde. Das verstehe ich gut, auch ich würde für eine Pointe Kehlmanns beste Freunde verkaufen.

Nun aber, in Leipzig, im Kaffeehaus Riquet, stellte San Andreas mir eine Frage, die geeignet ist, die Kraus-Forschung zu revolutionieren und auf die in der gesamten Weltgeschichte überhaupt noch nie irgendein Mensch vor ihm gekommen war. Er fragte nämlich: »Warum eigentlich nennt Karl Kraus in seinem Weltkriegsdrama ›Die letzten Tage der Menschheit‹ eine Figur ›Fritzi-Spritzi‹, schreibt aber in seinem Gedicht ›Wien‹ plötzlich ›Stritzi, Mitzi‹?« In der Tat taucht in den »Letzten Tagen der Menschheit« im V. Akt, 27. Szene, ganz kurz Fritzi-Spritzi auf, und in der Tat lautet eine der 40 Strophen aus dem Gedicht »Wien«, erschienen 1922, in voller Länge:

Schieber schieben auf dem Striche,
Stritzi, Mitzi, Kipper, Wipper.
Aber jener fürchterliche
Oberleutnant hat den Tripper.

Dieses Gedicht ist das beste Gedicht, das Karl Kraus jemals geschrieben hat, nach einhelliger Meinung von mir sowie aller Leute, die sich meiner Meinung anschließen. Es ist einfach toll, welche Worte Kraus hier für böse oder gedankenlose Menschen gefunden hat. Andere Strophen in diesem Gedicht lauten etwa:

Wie sie wackeln mit den Ärschen,
eingedenk der Lorbeerreiser,
gerne ließen sie beherrschen
wieder sich von einem Kaiser.

Oder:

Seht, wie sie die Luft beglotzen,
eh sie sie den Menschen nehmen.
Und sie können Phrasen kotzen,
diese blutgenährten Schemen.

Oder:

Nein, dem Teufel, ich will wetten,
sind sie als ein Furz entsprungen
oder gar aus Operetten
in das Leben eingedrungen.

Ich weiß nicht, ob man sich über eine Interpretation dieses Gedichts streiten kann, eigentlich kann man sich hier eine Gedichtinterpretation komplett sparen. Man spürt sofort, wie ungeheuer modern Kraus war: »Fritzi-Spritzi«, so könnte schließlich auch heutzutage ein in einer Start-up-Klitsche von zugekoksten Werbetextern ersonnenes hippes Kultgetränk heißen.

Das wiederum kann man von »Stritzi, Mitzi« eigentlich nicht behaupten. Ein kleiner Auszug aus den zahllosen Definitionen von »Stritzi« im »Wörterbuch der Wiener Mundart« (von Maria Hornung und Sigmar Grüner, 2. Auflage 2002) lautet: Strolch, Lausbub, lächerlich wirkende steife Person, Modegeck, Dandy, auch kosend zu kleinem Kind, arbeitsscheuer Zuhälter. Für Nicht-Wiener sind diese Definitionen nicht besonders hilfreich.

Kürzen wir das Ganze einfach ab. Die Antwort auf die Frage, warum Karl Kraus in den »Letzten Tagen der Menschheit« eine Figur »Fritzi-Spritzi« nannte, in seinem Gedicht »Wien« aber »Stritzi, Mitzi« schrieb, liegt auf der Hand: weil es ihm Spaß gemacht hat.
 


Clemens Setz, Paulina Czienskowski, Helga Schubert, »Spiegel«, Nelson Saúte

Berlin, 8. Dezember 2025, 11:44 | von Paco

Letzte Woche wieder einiges gelesen, das mich »zum Nachregen angedenkt« hat (Moritz Hürtgen).

Los ging es mit Clemens Setz, der aus Tagebuchnotizen der Jahre 2000 bis 2010 das »Buch zum Film« kompiliert hat. In der Buchhandlung war ich mit explorativem Buchaufschlag-Griff direkt auf Seite 88 gelandet und las als erstes über den Germanistikprofessor H. und seine Vorlesung zu Büchners »Lenz«, daraufhin sofort zugeklappt und ab zur Kasse.

Im Buchverlauf strich ich dann einige Stellen an, zum Beispiel die Notiz zur »Prinzessin auf der Erbse«, laut Setz »das beste Märchen überhaupt« (S. 50). Ich geh da gern mit, enthält auch meinen Lieblingssatz von Andersen: »og Ærten kom paa Kunstkammeret, hvor den endnu er at see, dersom ingen har taget den« (Wikisource). Ich würde diese wichtige konkrete Erbse auf jeden Fall gern im genannten Museum bestaunen bzw. im Fall des Erbsenraubs gern wissen, wer diesen warum bzw. in wessen Auftrag durchgeführt hat!

Im Anschluss dann den Roman »Dem Mond geht es gut« von Paulina Czienskowski. Besonders gut getroffen fand ich die Schilderung, wie sich ein Kleinkind beim Versteckspielen verhält:

»Sag mal piep! Und du: Piep! Redest du zu leise? Noch mal, los: Piiiep. Das muss er gehört haben. […] Und dann läuft er einfach weiter, vorbei an der Zimmerlinde, am Kratzbaum, hinaus in den Flur, piep.

Papa, willst du rufen, was machst du? Ich bin doch hier!« (S. 103–104)

Im Handyspeicher war auch noch ein November-Interview des Deutschlandfunk Kultur mit Helga Schubert zu ihrem neuen Buch »Luft zum Leben«. Zwischendrin spricht sie sich für eine Poetik der Bewegungsmelder aus und beschreibt das »wunderbare Gefühl, dass etwas plötzlich angeht«. (ab ca. Minute 4:00)

Dann lag hier noch ein alter »Spiegel« rum, Nr. 44 (24.10.2025), wo ich auf S. 78–79 das Interview mit Arthur Mensch las, Mitgründer von Mistral, »die letzte europäische KI-Hoffnung« (Zitat »Spiegel«). Mensch: »wir wollen keine KI-Kolonie werden«.

In derselben Ausgabe auf S. 106–107 das Interview mit Johanna zu ihrem Buch »The Game is On«, kann ich nur empfehlen.

Und dann hatte mir Miguel noch berichtet, dass die Erzählung »Die Beerdigung des Fahrrads« von Nelson Saúte, die ich neulich hier lobhudelnd erwähnte, mittlerweile als Übersetzung in der aktuellen Ausgabe #64 der »metamorphosen« erschienen ist, S. 43–49, gleich besorgt und noch mal in der Übersetzung von Sarita Brandt gelesen, und dann war die Lesewoche erst mal vorbei und nun beginnt eine neue.
 


GKM in der Hansestadt Frankfurt an der Oder

Palma de Mallorca, 7. November 2025, 19:30 | von Dique

Ich bin mit der Regionalbahn nach Frankfurt an der Oder gefahren. Nicht wegen Kleist, nicht wegen der Stadt, sondern wegen der Gerhard-Kurt-Müller-Ausstellung. Die meisten seiner Werke haben kein festes Zuhause, in dem man sie regelmäßig besuchen könnte, also ist jede Chance auf eine Ausstellung wie pures Gold.

Ich kenne Frankfurt an der Oder ja so gar nicht (who does?) und bin nur wegen der Ausstellung aus Leipzig her- und danach direkt wieder zurückgefahren. Von den Freuden einer solchen zwei Mal dreistündigen Regionalbahnfahrt demnächst mehr.

Früh bin ich da, das Museum öffnet erst um elf, also schlendere ich pfeifend gen Innenstadt. Vom Bahnhof aus gleich um die Ecke, auf dem Kiliansberg, steht das mir bisher völlig unbekannte Eisenbahner-Gefallenen-Denkmal. Aus einem flachen Sockel ragen drei graue Stelen in die Höhe; obenauf eines dieser schönen Eisenbahnräder mit Flügeln.

Umringt von einer schlichten Mauer, davor ein kleiner begrünter Flecken von Hecken umschlossen. Morgendlicher Nebel hängt im Land und ich denke an den Heiligen Hain des großen Schweizers Arnold Böcklin. Dazu die frische Morgenluft von Frankfurt an der Oder.

Ich bleib nicht lange, steige den Kiliansberg hinab, folge ein paar geschlängelten Straßen und schon trennt mich nur noch eine Hauptstraße vom Kleist-Denkmal. Heinrich von Kleist wurde in Frankfurt an der Oder geboren, das weiß dann wieder jeder. Es ist noch nicht November, beziehungsweise war es noch nicht, ich schreibe diesen Text einige Wochen danach. Es liegen aber keine dreißig Jahre dazwischen so wie bei Patrick Leigh Fermor und »A Time of Gifts«.

Seitdem ist es nun November geworden, eine kleine Herbstschwermut bringt meine Gedanken auf Henriette Vogel und Heinrich von Kleist. Doch als ich Anfang Oktober da stehe, in Frankfurt an der Oder, schießen noch ein paar spätsommerliche Sonnenstrahlen hervor, und der schreckliche Tod bekommt sinnlos romantische Züge.

Ich steh wieder nicht lange herum, im Park, in den späten Sonnenstrahlen, vor Kleist. Und ziehe weiter, hinein in die Innenstadt, zu Markt und Rathaus, und auf dem Weg dorthin erfreue ich mich an den hier von mir nicht erwarteten Hansehäusern. Ich google nach der Verbindung von Frankfurt an der Oder zur Hanse. Das alles innerhalb weniger Minuten, und schon bin ich am Fluss und schaue hinüber nach Polen.

Das Kleist-Museum liegt gleich hier, Alt- und Neubau, und ein Stück den Fluss hinauf steht der Packhof. Dort geht es direkt in die Ausstellung, »Gerhard Kurt Müller und Klassiker der Moderne«. Ausgesprochen froh, dass sich der Teil nach dem »und« auf wenige Stücke beschränkt.

Die Location, ziemlich spektakulär: Man steigt eine Treppe hinauf und hat den Eindruck, sich auf einem riesigen Dachboden zu befinden, mit einem Hauch Industriegebäude. Dazu die weißen Wände, ich denke an »Das Kalkwerk« von Thomas Bernhard. Nun will aber eigentlich niemand an das deprimierende »Kalkwerk« von Bernhard denken, zumindest nicht ich, und los geht es mit den Müller-Gemälden. Es gibt auch Skulpturen und Grafiken, aber ich bin nun mal ein paint boy. Die Gedanken an Bernhard und die furchtbaren Experimente nach der Urbantschitschen Methode an der Konrad im »Kalkwerk« sind schnell verflogen.

Am Treppenaufgang zur Ausstellung hängt bereits ein Stillleben von Gerhard Kurt Müller, eher frühes Werk, aus dem Œuvre herausfallend, Stillleben sind von ihm nicht geläufig. Solche Anomalien sind immer fesselnd, siehe zum Beispiel Vermeer, denkt da wirklich jemand an »Die kleine Straße«?

Nun hängt da dieses eine Bild, das einzige im ersten Stock, für den Rest muss man nach oben, und es ist das einzige Stillleben der Ausstellung (meine ich zumindest) und vielleicht das einzige im Œuvre des Künstlers (das weiß ich nicht). Wir sehen eine runde, geöffnete Dose mit Fisch. Silbrig glänzen die Schuppen, das Metall der Dose schimmert bläulich-matt. Aus welchem Grund auch immer fasziniert mich die gedrängte Anordnung liegender Fische, ob in der Dose oder in der Holzkiste am Mittelmeer.

Das Bild atmet die Siebziger, die Zeit seiner Entstehung, zitiert aber zugleich die Neue Sachlichkeit: die wunderschön in Öl gebannte Fischbüchsigkeit, banal, schön. Wie im »Maelström« von Poe wird man in die Büchsenpracht hineingezogen. Von da direkt weiter ins 17. Jahrhundert, zu Giovan Battista Recco, dem Fischmaler schlechthin.

Ich stehe lange vor dieser geöffneten Fischbüchse, erfreue mich an Motiv und Textur (diese getrockneten Furchen der Ölfarben, ob hier oder bei einem Spitzkragen von Velázquez).

Professor Müller ist leider vor sechs Jahren gestorben. Und ich durchschreite mehrere Male die einzelnen Räume dieses Kalkwerks der Künste in Frankfurt an der Oder.
 


Corneille-Kanon

Berlin, 8. Juli 2025, 11:00 | von Niwoabyl

Ich war neulich mit Paco im Engelbecken und nachdem wir einige brennende Themen diskutiert hatten, kamen wir wieder mal auf (Pierre) Corneille zu sprechen. Jedenfalls überlegten wir, welche Stücke zum Corneille-Kanon gehören sollten.

Ich hatte meine Titelliste auf einem zufällig daliegenden Bierdeckel der Klosterbrauerei Andechs festgehalten, und Paco hatte mir einen reinen alten Sorbonne-Geist attestiert. Als ich dann wieder zu Hause war, hab ich ein bisschen in alten Lehrbüchern gestöbert (https://obtic.huma-num.fr/obvil-web/corpus/ecole/), um zu schauen, was die dazu zu sagen haben:

– Léon Feugère, 1866 (Sekunda): Horace, Cinna.

– Léon Feugère, 1867 (Rhetorik, also Prima): Polyeucte, Rodogune.

– Gustave Merlet, 1872 (»Cours moyen et supérieur«): Le Menteur, Le Cid, Polyeucte.

– F.-L. Marcou, 1881 (Tertia, Sekunda, Rhetorik): Hier wird’s jetzt überraschend! Rodogune, Don Sanche, Agésilas. Ich bin ganz begeistert! Ich vermute, dass die bekannteren Sachen einfach vorausgesetzt wurden. Aber selbst dann, was für eine Auswahl. Don Sanche ist ein sehr spätes barockes Stück (»comédie héroïque«), 1649 schon ziemlich aus der Mode. Der französische Wikipedia-Eintrag spricht Bände (https://fr.wikipedia.org/wiki/Don_Sanche_d’Aragon). Agésilas ist wirklich der Gipfel: An das Stück erinnert man sich eigentlich nur (aber das recht gut) wegen eines spöttischen Vierzeilers von Boileau, der so dem alternden erfolglosen Corneille den epigrammatischen Gnadenstoß verpasste:

Après l’Agésilas,
Hélas !
Mais après l’Attila,
Holà !

Marcous Fußnote sagt dann auch, er wolle dem hinabgestoßenen Corneille Justiz widerfahren lassen (»ce que pouvait Corneille déchu«). Coole Ansage jedenfalls.

– Albert Cahen, 1912 (»Premier cycle«, also vielleicht Sexta bis Tertia?): Nicomède, Le Menteur.

Zu den Stücken, die nur zitiert und nicht direkt zur Lektüre empfohlen werden, zählen noch Pompée und Sertorius, auch ziemlich überraschend, von denen weiß ich so gut wie nichts. Mich erstaunt aber am meisten, dass gar keiner L’Illusion Comique zitiert. Im 20. Jahrhun­dert avancierte das Stück sicher zum beliebtesten und vor allem am häufigst gespielten unter den nicht-tragischen Werken von Corneille.

Der »Matamore« aus L’Illusion ist sicher die bekannteste französische Verkörperung des Miles Gloriosus. Wurde das Stück vergessen und wiederentdeckt? Oder eine Weile absichtlich verschmäht? Eigentlich hätte es den Romantikern gefallen müssen, es hat was Shakespearehaftes an sich, eine uneindeutige Komödie, die das Theater selbst thematisiert, wahrlich eine Seltenheit im französischen Kontext.

Im klassischen Lehrbuch »Lagarde et Michard« aus dem Jahr 1951, das heute immer noch gedruckt wird, werden Le Cid, Horace, Cinna, Polyeucte ausdrücklich als bekannt vorausgesetzt und La Veuve (!), L’Illusion Comique, Psyché (gemeinsames Werk von Molière und Corneille), Rodogune, Nicomède und schließlich Suréna in Auszügen vorgestellt. (Suréna hat auch nur wenige vor dem 20. Jahrhundert interessiert, wurde aber dann wiederentdeckt und gefeiert.)

Ich weiß nicht, wie ernst es Paco damit meinte, dass er bald ein Corneille-Seminar veranstalten werde, aber ich bin gespannt auf die Stückeauswahl.
 


Die Fußmatte

Berlin, 14. März 2025, 13:41 | von Paco

Jeder Morgen beginnt mit der Fußmatte, die sich in der Platane vor unserem Fenster verfangen hat.

Die Matte muss vor einigen Monaten aus einem der Stockwerke über uns – vielleicht aus Versehen, beim Ausschütteln – herabgesegelt sein. Gemeldet hat sich aber niemand, und jetzt hängt sie da so im Baum, perfekt gelandet auf einem Ast, von dem sie fifty-fifty in beide Richtungen herunterlappt.

Sie ist vom Fenster aus nicht zu greifen, knapp außerhalb Besenreichweite. Jeden Morgen beim Aufziehen der schweren Vorhänge blicke ich in ihr grauschwarzes Antlitz.

Wie immer lassen die Fußmattengedanken nach, sobald ich das Haus verlasse. In der U-Bahn lese ich eine Kurzgeschichte von Nelson Saúte: »O Enterro da Bicicleta«. Vor ein paar Tagen hat mir Miguel davon erzählt, der Text kam in einem Portugiesischseminar vor. Ich fand das lustig mit der Beerdigung des Fahrrads und er hat mir dann das PDF geschickt.

Also, in einem mosambikanischen Dorf wohnte ein Abgeordneter, der auf dem Weg zum Parlament in der Hauptstadt immer zunächst mit dem Fahrrad vom Dorf in das nächstgrößere Städtchen fuhr, von wo aus ihn der Bus (›machimbombo‹) zum nächstgelegenen Flughafen brachte. Die unerhörte Begebenheit besteht nun darin, dass der Abgeordnete eines Tages auf dem Weg zum Städtchen von einem Löwen gefressen wird, obwohl man in dieser Gegend vorher und nachher nichts je von Löwen gehört hat.

Übrig bleiben nur ein paar Fetzen – und sein Fahrrad. Der mit Abstand bedeutendste Dorfbewohner soll nun anständig bestattet werden. Einer meint, man müsse ein Mausoleum bauen, aber dann weiß niemand, was das eigentlich genau ist. Schließlich wird in einer feierlichen Prozession anstatt des vom Löwen gefressenen Abgeordneten dessen übrig gebliebenes Fahrrad beerdigt (»os homens da aldeia carregarem, compungidos, aquela enorme e disforme urna«). Danach trifft noch ein rätselhafter Bote ein, aber der ist so fix und alle, dass er ins Koma fällt und er niemandem mehr sagen kann, warum er so herbeigeeilt ist. Ende.

Das waren jetzt nur elf Seiten, muss mal demnächst weiter Nelson Saúte lesen.

Ich bin dann vor dem ersten Meeting des Tages kurz im Büro gewesen und habe bei dieser Gelegenheit den letzten Sugee-Keks aus der Box gegessen, die mir ein Kollege vor Monaten aus Singapur mitgebracht hat. Damit ist ein weiteres Langzeitprojekt zu seinem Ende gekommen, denn ich habe durchschnittlich pro Woche höchstens einen dieser butterigen melt-in-your-mouth cookies gegessen.

Als ich abends nach Hause komme, fällt mir sofort auf, dass etwas anders ist. Blick in die Platane, die Fußmatte ist spurlos verschwunden. Wie die Kastanie in Martin Mosebachs Roman »Was davor geschah«, einfach weg, und ich bleibe ein bisschen allein zurück. Fußmatte, mosambikanischer Abgeordneter, Sugee-Kekse – alle plötzlich nicht mehr da.
 


Erstaunliches aus dem Leben eines Umblätterers

Hamburg/Berlin/Leipzig, 27. September 2024, 12:19 | von Dique

Es ist Sonntag. Ich treffe mich mit Maltus vor der Kunsthalle und wir gehen direkt in die Blake-Ausstellung. In der Ankündigung hat gestanden, dass man hier »das erstaunliche Œuvre des englischen Zeichners und Grafikers« präsentieren würde.

Guter Teaser eigentlich. Wobei ich erwarten und hoffen würde, dass das Œuvre von fast jedem ausgestellten Künstler irgendwie auch und mindestens erstaunlich ist. Wenige Tage später werde ich zum Beispiel die Frans-Hals-Ausstellung in Berlin besuchen, dazu gleich mehr.

Back to Blake, wir betreten die Ausstellung, gelangen aber nicht direkt in den ersten Raum, sondern mehr oder weniger in den letzten, und anstatt Blake hängt hier vor allem das grafische Werk des Lokalmatadors Philipp Otto Runge, verantwortlich für die scheußlich schönen Hülsenbeck’schen Kinder, die inkarnierten Pausbacken. Was hat Runge in einer Blake-Ausstellung zu suchen, vielleicht erfahren wir es noch.

Nach ein paar Minuten schaffen wir den Reboot, beginnen in Raum 1 und gehen nun chronologisch William Blakes Werk ab. Neben den Zeichnungen und Grafiken von Blake wird auch dessen Umfeld beleuchtet (also Runge, haha), unter anderem mit Werken von Füssli und dem grooooßen John Flaxman, und wir können uns hier ein paar schöne Zeichnungen und Grafiken ansehen, auch zwei skulpturale Werke sind dabei.

Wir schwirren wie die Bienen um diese einfach nur herrlichen Flaxmans. Ich finde vor allem seine feinen Zeichnungen so großartig, oft zeichnet er Figuren mit nur einer Linie. Irgendwo, ich glaube in Friedlaenders »David to Delacroix«, habe ich mal gelesen, dass er während seines Parisaufenthalts nur wenig fand, das ihn begeisterte (wahrscheinlich war wenig Erstaunliches dabei), außer ein Gemälde von Ingres.

Bevor ich dann, wie gesagt, weiter zu Frans Hals nach Berlin reisen werde (Malle Babbe, ick hör dir trapsen!), gehe ich am Montag noch aufs LEFT TO DIE-Konzert. LEFT TO DIE bestehen aus ehemaligen Mitgliedern von DEATH, OBITUARY, EXHUMED und anderen Bands. Das Besondere ist, dass sie einfach nur mit den Songs der ersten beiden DEATH-Alben auf Tour gehen, also »Scream Bloody Gore« und »Leprosy«.

Klingt das gut, klingt das schlecht? Ich habe mich fachmännisch per YouTube informiert und konnte feststellen, dass das erstaunliche Œuvre von DEATH einfach herrlich runtergespielt wird. Ein lauschiger Abend, kurzentschlossen gehe ich ins »Knust«.

Dabei gehe ich fast nie auf Konzerte, vor allem nicht auf Metal-Konzerte, daher generelles Premierenfeeling. Und ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber ich bin dann beinah ein wenig überrascht, dass man hier komplett auf ein Klischee trifft. Schwarze Band-T-Shirt und Metalkutten, und wer noch Haare hat, der trägt sie lang. Jedenfalls alles supernett und easy.

Im »Knust« gibt es oben eine Galerie, wo man ganz ohne Schubserei die Musik genießen kann. Der Sound der Vorband ist leider furchtbar matschig und ich mache mir Sorgen, dass ich dann später die Songs von DEATH aus einem zusammengemanschten Brei heraus würde erahnen müssen. Das passiert aber nicht. LEFT TO DIE stehen toll auf der Bühne und spielen das Set runter. Ein paar Lichteffekte dazu und das ist alles. Sie beginnen mit »Choke on It«:

Choke on it
As your tongue goes down
Choke on it
Death is all around

Der Sound ist perfekt, kristallklar, crisp. Die Double Bass klickt wie zwei parallel geschaltete Singer-Nähmaschinen und die Stimme von Matt Harvey erinnert tatsächlich an Chuck Schuldiner, den ungekrönten und leider verstorbenen König des Florida Death Metal.

Ich muss hier nicht mehr viel erzählen, wenn man einmal auf dem Konzert einer geliebten Band war, deren Songs man auswendig kennt und regelmäßig unter der Dusche trällert, …

Their lives decay before their eyes
There is no hope of cure
Among their own kind they live
A life that’s so obscure
First an arm and then a leg
Deterioration grows
Rotting while they breathe
Death comes slow

… wird man nachvollziehen können, welcher Fun das ist, diese Songs full blast live zu hören.

Ich lehne nun da oben auf der Brüstung und genieße Song für Song, mit dümmlich-glücklichem Grinsen im Gesicht, wenn ich denke: OMG jetzt spielen sie »Forgotten Past«! und jetzt »Open Casket«! und irgendwann brülle ich dann in den Übergang zwischen zwei Stücken hinein »Pull the Pluuuuuuug!«

»Pull the Plug« ist der absolut beste Song des »Leprosy«-Albums, und nach dem nächsten Lied brülle ich noch mal und andere tun es mir gleich, alle im sinnlosen Schrei vereint wie die drei Gesellen in Rückerts Gedicht, wenn der Todesengel sie liegen sieht: »Er sah auf ihrem Munde / Die Spur des Wortes noch.«

»Pull the Plug« ist der letzte Song des Abends, die Zugabe, bevor die plugs gepullt werden, vielleicht hätten wir also gar nicht so toben müssen. Sie haben insgesamt nicht viel mehr als eine Stunde gespielt, ein richtig gutes Set, no messing around, no BS, einfach diese herrlichen Songs von DEATH runtergehauen. Matt Harvey erwähnt, dass es sich um einen Tribute für Chuck handelt, dem wir diesen ganzen Traum verdanken. Als der ganze Saal »Chuck, Chuck, Chuck!« brüllt, finde ich es ein bisschen befremdlich, so wie Leute, die im Kino klatschen, obwohl weder Filmteam noch Schauspieler anwesend sind, aber warum denn nicht.

Dann endlich weiter zu Frans Hals nach Berlin. Unmengen dieser herrlichen Portraits, viele bekannte Gemälde aus Amsterdam, London, Berlin, Dresden, schwarze Gewänder, Mühlsteinkragen und Spitze, ob um den Hals oder an Saum oder Manschette. In der Fülle ist die Wahrnehmung natürlich eine ganz andere, die Werke im direkten Vergleich, nebeneinander. Der lachende Kavalier aus der Wallace Collection in London ist ja dort der einzige Hals; hier unter all den anderen Hälsen gewinnt er an Dimension.

Ich studiere teils aus nächster Nähe, doch irgendwann sehe ich keine Pinselstriche mehr, nur noch lächelnde, ja lachende Menschen. Frauen, Männer, Kinder strahlen mich aus ihren großen Mühlsteinkragen an, und angesteckt von dieser ganzen guten Laune verlasse ich die Ausstellung durch eine der vielen Türen direkt in die Dauerausstellung und gehe zum x-ten Mal durch die wunderschöne Sammlung der Gemäldegalerie. Der Bilderbuch-Caravaggio, das erbsenessende Bauernpaar von Georges de la Tour, das erste bekannte Gemälde von Parmigianino, der Elsheimer, die Velázquez und eine der besten Madonnen mit Gurke von Carlo Crivelli.

Eigentlich bin ich in Berlin noch mit Paco verabredet, aber er hat an irgendeinem Badesee die Zeit vergessen, und so fahre ich direkt weiter nach Leipzig. Dort treffe ich am nächsten Tag John Roxton, den glücklicherweise lebenden, lebensfrohen und ungekrönten König der Massakerminiatur. Ich werde auf eine Kanalbootfahrt mit anschließendem Mittagessen eingeladen. John Roxton hat den Hals nicht gesehen, den Blake nicht und von LEFT TO DIE hat er noch nie gehört, und ich erzähle ihm das alles, und er erzählt vom letzten Bret Easton Ellis, von Iris Origo und Robert Byron, und wir sprechen über Gogol und über Rainald Goetz, denn JR hat mir freundlicherweise den Band »wrong« des großartigen Autors als Geschenk mitgebracht.

Auf dem Weg zum Treffen besuche ich noch schnell das Leipziger Museum der bildenden Künste, einfach um Klingers Beethoven und den Schmerzensmann von Meister Francke mal wieder zu sehen. Nach wie vor lebt das Museum vor allem von seinen Dimensionen, diesem mächtigen Betonklumpen mit Glaseinschüben, den monströs großen und schweren Holztüren, es lebt weniger von der Sammlung, die ich zumindest nicht als so erstaunlich bezeichnen würde wie das Werk von William Blake.
 


Book-Release-Party
»100 superste 100-Seiten-Bücher«

Berlin, 27. März 2024, 15:43 | von Paco

Der Band ist im Dezember 2023 erschienen, die Book-Release-Lesung fand letzte Woche, am 22. März 2024, während der Leipziger Buchmesse statt:

Leipziger Lesung '100 superste 100-Seiten-Bücher', 22. März 2024

Die Setlist wie folgt:

  1. Einleitung
  2. Agatha Christie: »Das Geheimnis von Greenshore Garden« (1954/2014)
  3. Pearl S. Buck: »Die Frau, die sich wandelt« (1937)
  4. Annie Ernaux: »La Place« (1983)
  5. Ljudmila Ulitzkaja: »Sonetschka« (1992)
  6. Irmtraud Morgner: »Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers« (1972)
  7. Marie von Ebner-Eschenbach: »Die Freiherren von Gemperlein« (1878)
  8. Doris Lessing: »Die Versuchung des Jack Orkney« (1972)
  9. Marie Darrieussecq: »Hiersein ist herrlich. Das Leben der Paula Modersohn-Becker« (2016)
  10. Elizabeth C. Gaskell: »Sechs Wochen in Heppenheim« (1862)
  11. Eva Illouz: »Die neue Liebesordnung« (2013)
  12. Saphia Azzeddine: »Zorngebete« (2008)
  13. Birgit Vanderbeke: »Alberta empfängt einen Liebhaber« (1997)
  14. N. N.: »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« (1949/2017)
  15. Marguerite Duras: »Sommer 1980« (1980)
  16. Mayra Montero: »Bolero der Leidenschaft« (1991)
  17. Yasmina Reza: »Eine Verzweiflung« (1999)
  18. Hedwig Dohm: »Werde, die du bist« (1894)
  19. Irmgard Keun: »D-Zug dritter Klasse« (1938)
  20. Gudrun Pausewang: »Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte« (1992)
  21. Marguerite Yourcenar: »Mishima oder die Vision der Leere« (1980)

»100 superste 100-Seiten-Bücher« ist gleichzeitig auch Band 2 unserer bei Ille & Riemer erscheinenden Reihe »Schriften des Umblätterers«. Band 1 ist 2017 erschienen: »Abenteuer im Kaffeehaus«. Rein rechnerisch erscheint der nächste Band also in 6 bis 7 Jahren.