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Joggen

Berlin, 28. März 2026, 14:30 | von Paco

Es war noch früh am Morgen, da passierte ich die Südspitze des Kracauerplatzes. Die dortige Baustelle sollte eigentlich schon Ende Januar fertig sein, aber der Kälteeinbruch hat alles nach hinten verschoben. Gerade an diesem Tag waren nach wochenlanger Pause wieder Bauarbeiter am Werk, und auf dem Baustellenradio lief megalaut »Die da!?!« von den Fantastischen Vier.

Ich hatte »DAS WETTER« unterm Arm, Ausgabe #37, und steuerte auf »Heller Kaffees« in der Sybelstraße zu (wochentags normalerweise ab 8:00 geöffnet!).

Hinsetzen, blättern, schauen, alles interessant, Seiten 37 bis 43, Gespräch zwischen Rainald Goetz (RG) und Leif Randt (LR).

  • LR: »Ich habe gefühlt noch nie einen gelungenen Verriss über meine Arbeit in einer Zeitung gelesen.« (challenge accepted)
  • RG: »[…] ich finde es wichtig, dass Bücher missverstanden werden.«
  • LR: »Ich bestehe auf kurze Bücher.« 💯
  • LR: »Joggen ist auf jeden Fall etwas, das die Perspektive auf alles erleichtert. […] Die Realität nach dem Sport ist die beste Realität, aber da muss man sich fast vor schützen, vor dieser Euphorie und dem Selbstbewusstsein nach dem Sport, […]«

Zwischendurch Anruf von Gabriel, dies das, und ob ich den Podcast mit Iris Radisch endlich gehört hätte, wie sie da Lukas Rietzschel in Grund und Boden verreißt. Hatte ich nicht und finde generell »Zeit«-Podcasts, nun ja, »Hund oder Katze?«, etwas schwierig.

Dann Nachricht von Josik aus München, der auf der Leopoldstraße folgenden Satz overheard hat:

»Der will bei seinem Junggesellenabschied mit uns Go Kart fahren, das ist doch einfach so langweilig.«

Zurück zum Thema Joggen, sehr gutes Feature von Katharina Teutsch auf Deutschlandfunk Kultur (»Das Leben ist eine Mutter, die Luftballons zerstört«). Darin sagt Helene Hegemann:

»Joggen hat so begonnen Ende der 70er, Anfang der 80er, plötzlich rannten alle wie irre und man dachte: WARUM? Das war so ein Trend, aber, eigentlich glaube ich am ehesten, eine Reaktion auf eine politische Handlungsunfähigkeit, weil das einzige, was du kontrollieren kannst, der einzige Bereich, den du kontrollieren kannst, der übrig bleibt, dein eigener Körper ist.« (18:00 mins. in)

Randt, Hegemann, und nun gehe ich vielleicht auch einfach eine Runde Joggen im Grunewald? Einfach an der Havel entlang Richtung Schwanenwerder?
 


Umblätterer-Lesung gestern Abend, Setlist

Leipzig, 21. März 2026, 08:30 | von Paco

Wie angekündigt gab es gestern im Leipziger Hotel Vienna House Easy vor vollem Haus die Umblätterer-Lesung mit Dique und Josik, hier die Setlist:

Bartolomeo Bimbi, der Birnenmaler
Fritzi-Spritzi, Stritzi, Mitzi
Room 59, der Saal des Gurkenmalers
Mit Lettre im Türkenhof (feat. Baumanski)
Crivellische Gurkenträume in Mailand
Der Preis ist heiß
In der Buchhandlung Schaumburg in Stade
Birgit Vanderbeke: Alberta empfängt einen Liebhaber
In der Buchhandlung Thye in Oldenburg
Eva Illouz: Die neue Liebesordnung
Im Space-Shop am Bremer Flughafen
Colette: Mitsou
Erstaunliches aus dem Leben eines Umblätterers
Russia’s Next Top Dichter (1969)

Die Bücher, in denen diese Geschichten gedruckt wurden:

– André Seelmann: Abenteuer im Kaffeehaus (2017; 2. Auflage 2025)
– Joseph Wälzholz: 100 superste 100-Seiten-Bücher (2023)
– Joseph Wälzholz: ABC – Artikel · Blogposts · Columnen (2025)
– Joseph Wälzholz: Über Karl Kraus (2026)

 


Verlag Ille & Riemer wird 25

Leipzig, 18. März 2026, 18:15 | von Paco

Nach Gründung der GbR im Jahr 2001 erschien im Jahr darauf das erste Buch in diesem Leipziger Verlag, die Neuausgabe eines Trauerspiels von 1758, Joachim Wilhelm von Brawes »Der Freygeist«, herausgegeben von Jörg Riemer und mir.

Jörg ist einer von vier Verlagsgründern, sein Bruder sowie die Gebrüder Ille gehörten auch dazu. Mittlerweile haben sich alle aus dem sogenannten Tagesgeschäft zurückgezogen, Träger der GbR ist Markus R. Wiese.

Meine Erfahrung mit dem Verlag ist nun schon so, dass er der ideale Partner ist für gemeinsame Freizeitprojekte. Und dass eigentlich alles funktioniert, wie es soll. Früher wartete man wohl schon ein paar Wochen, bis ein Titel ausgeliefert wurde, aber diese Zeiten sind vorbei. Mittlerweile kommen die Bücher zappzarapp, und dann hat man sie.

Die beste Geschichte über den Verlag hat aber mit dem Nobelpreis für Peter Handke zu tun.

Nach den Kontroversen um die Preisvergabe veröffentlichte Henrik Petersen, der als externer Experte dem Nobelpreiskomitee für Literatur angehört, im »Spiegel« eine Stellungnahme, in der es hieß:

»Wer mehr darüber erfahren möchte, was Handke tatsächlich über Jugoslawien gesagt hat, dem empfehle ich Lothar Strucks Ausführungen in ›Der mit seinem Jugoslawien‹. Peter Handke im Spannungsfeld zwischen Literatur, Medien und Politik von 2013«.

Der Band ist jedenfalls im Verlag Ille & Riemer erschienen, und ich schickte damals den Link sofort an den Verlag mit dem Tipp, damit die Homepage zuzukleistern. Noch ein Jahr später war nichts in dieser Sache geschehen. Vielleicht nahm ich das Nobelpreiskomitee auch einfach zu ernst.

Irgendwann war es dann doch dort zu lesen, als eine von vielen Stimmen zum Band.

Bei Ille & Riemer erscheinen übrigens auch die »Schriften des Umblätterers«, bisher zwei Bände. Den Anfang machten 2017 die »Abenteuer im Kaffeehaus« von André Seelmann (nom de plume: Dique). Die Lesung, die wir beide im selben Jahr zusammen auf der Buchmesse hielten, war auch sehr gut besucht, und es blieb kein ausliegendes Exemplar unverkauft.

Der Rest war dann auch irgendwann vergriffen, denn am 22. Februar 2023 hielt Rainald Goetz eine Rede am Berliner Wissenschaftskolleg, und unter vielen anderen Dingen beklagte er zunächst, dass Carlos Spoerhases »Linie Fläche Raum« nicht mal mehr antiquarisch zu bekommen sei, und fuhr dann fort: »André Seelmann, Abenteuer im Kaffeehaus, auch nirgends mehr zu kaufen.«

Der Redetext wurde in der »Zeit« und im Suhrkamp-Band »wrong« gedruckt und führte dann auch dazu, dass es nun eine Neuauflage der »Abenteuer im Kaffeehaus« gibt, mit ein paar neuen Texten. Zu den Neuheiten gehört der Text über eine Begegnung mit Christian Kracht in Florenz. Letztes Jahr auf der Buchmesse in Leipzig lasen Dique und Josik u. a. diesen Text, mehr als 90 Zuhörer*innen wurden gezählt (ich weiß nicht, von wem).

Diesen Freitag, 20. März 2026, ab 20:00 Uhr, lesen Dique und Josik wieder abwechselnd aus ihren bei Ille & Riemer erschienenen und samt und sonders von San Andreas gestalteten Bänden: aus »Abenteuer im Kaffeehaus« sowie aus dem zweiten Band unserer Schriftenreihe, »100 superste 100-Seiten-Bücher«, der aus dem Hundertseiterprojekt entstanden ist.

Der Ort der Lesung könnte gelegener nicht sein, sehr mittig, nämlich schräg gegenüber vom Hauptbahnhof im Hotel Vienna House Easy (Goethestraße 11, 04109 Leipzig), Hotellobby im Erdgeschoss. Eintritt frei.

Am Tag darauf, Buchmessesamstag, 21. März 2026, ab 19 Uhr, liest Marc Degens am selben Ort aus seinem bei Ille & Riemer erschienenen Band »Eriwan«.

Der Verlag hat auch einen Stand auf der Buchmesse (Halle 5, Stand G201).

Liebe Illes, liebe Riemers, lieber Markus R. Wiese, danke und alles Gute zum 25. Verlagsjubiläum!
 


Clemens Setz, Paulina Czienskowski, Helga Schubert, »Spiegel«, Nelson Saúte

Berlin, 8. Dezember 2025, 11:44 | von Paco

Letzte Woche wieder einiges gelesen, das mich »zum Nachregen angedenkt« hat (Moritz Hürtgen).

Los ging es mit Clemens Setz, der aus Tagebuchnotizen der Jahre 2000 bis 2010 das »Buch zum Film« kompiliert hat. In der Buchhandlung war ich mit explorativem Buchaufschlag-Griff direkt auf Seite 88 gelandet und las als erstes über den Germanistikprofessor H. und seine Vorlesung zu Büchners »Lenz«, daraufhin sofort zugeklappt und ab zur Kasse.

Im Buchverlauf strich ich dann einige Stellen an, zum Beispiel die Notiz zur »Prinzessin auf der Erbse«, laut Setz »das beste Märchen überhaupt« (S. 50). Ich geh da gern mit, enthält auch meinen Lieblingssatz von Andersen: »og Ærten kom paa Kunstkammeret, hvor den endnu er at see, dersom ingen har taget den« (Wikisource). Ich würde diese wichtige konkrete Erbse auf jeden Fall gern im genannten Museum bestaunen bzw. im Fall des Erbsenraubs gern wissen, wer diesen warum bzw. in wessen Auftrag durchgeführt hat!

Im Anschluss dann den Roman »Dem Mond geht es gut« von Paulina Czienskowski. Besonders gut getroffen fand ich die Schilderung, wie sich ein Kleinkind beim Versteckspielen verhält:

»Sag mal piep! Und du: Piep! Redest du zu leise? Noch mal, los: Piiiep. Das muss er gehört haben. […] Und dann läuft er einfach weiter, vorbei an der Zimmerlinde, am Kratzbaum, hinaus in den Flur, piep.

Papa, willst du rufen, was machst du? Ich bin doch hier!« (S. 103–104)

Im Handyspeicher war auch noch ein November-Interview des Deutschlandfunk Kultur mit Helga Schubert zu ihrem neuen Buch »Luft zum Leben«. Zwischendrin spricht sie sich für eine Poetik der Bewegungsmelder aus und beschreibt das »wunderbare Gefühl, dass etwas plötzlich angeht«. (ab ca. Minute 4:00)

Dann lag hier noch ein alter »Spiegel« rum, Nr. 44 (24.10.2025), wo ich auf S. 78–79 das Interview mit Arthur Mensch las, Mitgründer von Mistral, »die letzte europäische KI-Hoffnung« (Zitat »Spiegel«). Mensch: »wir wollen keine KI-Kolonie werden«.

In derselben Ausgabe auf S. 106–107 das Interview mit Johanna zu ihrem Buch »The Game is On«, kann ich nur empfehlen.

Und dann hatte mir Miguel noch berichtet, dass die Erzählung »Die Beerdigung des Fahrrads« von Nelson Saúte, die ich neulich hier lobhudelnd erwähnte, mittlerweile als Übersetzung in der aktuellen Ausgabe #64 der »metamorphosen« erschienen ist, S. 43–49, gleich besorgt und noch mal in der Übersetzung von Sarita Brandt gelesen, und dann war die Lesewoche erst mal vorbei und nun beginnt eine neue.
 


Die Fußmatte

Berlin, 14. März 2025, 13:41 | von Paco

Jeder Morgen beginnt mit der Fußmatte, die sich in der Platane vor unserem Fenster verfangen hat.

Die Matte muss vor einigen Monaten aus einem der Stockwerke über uns – vielleicht aus Versehen, beim Ausschütteln – herabgesegelt sein. Gemeldet hat sich aber niemand, und jetzt hängt sie da so im Baum, perfekt gelandet auf einem Ast, von dem sie fifty-fifty in beide Richtungen herunterlappt.

Sie ist vom Fenster aus nicht zu greifen, knapp außerhalb Besenreichweite. Jeden Morgen beim Aufziehen der schweren Vorhänge blicke ich in ihr grauschwarzes Antlitz.

Wie immer lassen die Fußmattengedanken nach, sobald ich das Haus verlasse. In der U-Bahn lese ich eine Kurzgeschichte von Nelson Saúte: »O Enterro da Bicicleta«. Vor ein paar Tagen hat mir Miguel davon erzählt, der Text kam in einem Portugiesischseminar vor. Ich fand das lustig mit der Beerdigung des Fahrrads und er hat mir dann das PDF geschickt.

Also, in einem mosambikanischen Dorf wohnte ein Abgeordneter, der auf dem Weg zum Parlament in der Hauptstadt immer zunächst mit dem Fahrrad vom Dorf in das nächstgrößere Städtchen fuhr, von wo aus ihn der Bus (›machimbombo‹) zum nächstgelegenen Flughafen brachte. Die unerhörte Begebenheit besteht nun darin, dass der Abgeordnete eines Tages auf dem Weg zum Städtchen von einem Löwen gefressen wird, obwohl man in dieser Gegend vorher und nachher nichts je von Löwen gehört hat.

Übrig bleiben nur ein paar Fetzen – und sein Fahrrad. Der mit Abstand bedeutendste Dorfbewohner soll nun anständig bestattet werden. Einer meint, man müsse ein Mausoleum bauen, aber dann weiß niemand, was das eigentlich genau ist. Schließlich wird in einer feierlichen Prozession anstatt des vom Löwen gefressenen Abgeordneten dessen übrig gebliebenes Fahrrad beerdigt (»os homens da aldeia carregarem, compungidos, aquela enorme e disforme urna«). Danach trifft noch ein rätselhafter Bote ein, aber der ist so fix und alle, dass er ins Koma fällt und er niemandem mehr sagen kann, warum er so herbeigeeilt ist. Ende.

Das waren jetzt nur elf Seiten, muss mal demnächst weiter Nelson Saúte lesen.

Ich bin dann vor dem ersten Meeting des Tages kurz im Büro gewesen und habe bei dieser Gelegenheit den letzten Sugee-Keks aus der Box gegessen, die mir ein Kollege vor Monaten aus Singapur mitgebracht hat. Damit ist ein weiteres Langzeitprojekt zu seinem Ende gekommen, denn ich habe durchschnittlich pro Woche höchstens einen dieser butterigen melt-in-your-mouth cookies gegessen.

Als ich abends nach Hause komme, fällt mir sofort auf, dass etwas anders ist. Blick in die Platane, die Fußmatte ist spurlos verschwunden. Wie die Kastanie in Martin Mosebachs Roman »Was davor geschah«, einfach weg, und ich bleibe ein bisschen allein zurück. Fußmatte, mosambikanischer Abgeordneter, Sugee-Kekse – alle plötzlich nicht mehr da.
 


Rote-Beete-Saft auf dem In-Ear und Peach Melba in der FU-Mensa

Berlin, 25. Juni 2024, 20:12 | von Paco

Ich hatte heute morgen schon einen großen Topf ukrainischen Borschtsch vorgekocht. Dabei war irgendwie ein bisschen Rote-Beete-Saft auf meinen linken In-Ear gelangt. Der Tropfen war inzwischen getrocknet und leuchtete so schön karminrot, dass ich ihn nicht abwischen mochte, und mit gesprenkeltem Ohr saß ich dann in der U7 und hörte die heutige »Drinnies«-Folge (»95 Kilo Schienbein«).

Da ging es unter anderem um Speisen, die von selbst eine Haut bilden:

»Wenn sich bei eurem Gericht eine Haut bildet, dann stimmt da irgendwas nicht. (…) Für mich ist das ein Aggregatszustand von Essen, den ich nicht möchte. (…) Iiih, das Essen will sich selber schützen und sich selber eine Haut zulegen, so wie bei Ikea die Soße vom Köttbullar.« (nach Min. 21:30)

In der FU-Mensa stand heut wieder »Pfirsisch Melba-Pudding« auf dem Speiseplan – unser Teamdessert –, historisch gesehen eine systemgastronomische Schwundstufe der »Pêche Melba«, die der Meisterkoch Auguste Escoffier um 1892 anlässlich des Besuchs der australischen Sopranistin Nellie Melba am Londoner Royal Opera House kreierte.

Cortázars erster veröffentlichter Roman »Los premios« spielt ja auf diesem mysteriösen Kreuzfahrtschiff, das relativ kurz nach der Abfahrt in Buenos Aires einfach so auf dem Ozean stehen bleibt. Jedenfalls, auf der Menükarte der Schiffsküche steht eben auch die Coupe Melba, Miguel hat das Zitat schnell mal rausgesucht:

»La voz de Atilio Presutti se alzó sobre las demás para celebrar con entusiasmo la llegada de una copa Melba.«

Nachmittags war ich unterwegs zu einem Termin, als ich erfuhr, dass er kurzfristig ausfallen musste, und in einer Übersprungshandlung trat ich in den nächstgelegenen Laden – einen Kiosk. Ich schnappte mir einfach so mal wieder eine FAZ. In dem Café gleich nebenan schlug ich wie immer auf gut Glück die Zeitung auf, landete geübterweise im Feuilleton, und las dann auf Seite 14 direkt den Artikel von Thomas Combrink über das Forschungsmuseum Schöningen, das in Niedersachsen an der Grenze zu Sachsen-Anhalt liegt.

Hauptexponate sind die Speere aus der Altsteinzeit, die im nahen stillgelegten Braunkohletagebau gefunden wurden. Das Alter der hölzernen Wurfinstrumente wird auf 300.000 Jahre geschätzt und das ist natürlich der Clou: »Die hohe Bedeutung der Artefakte liegt in der Tatsache, dass Holz ein vergängliches Material ist und sich nur in seltenen Fällen über einen langen Zeitraum erhält.«

Ich nahm einen Schluck des bestellten Pritzelwassers. Mein Blick ruhte beim Trinken auf einem Senior zwei Tische weiter, der hatte eine faszinierende Gestik, erinnerte mich an eine Stelle in Antonia Baums Roman »Siegfried« aus dem letzten Jahr. Die Erzählerin und ihre Stiefoma Hilde treffen im Café Krone die Schmidtbauers, und der Herr Professor Schmidtbauer »lächelte, nicht für die Leute um ihn herum, sondern für sich, wie jemand, der nichts mehr zu erledigen hat« (S. 59f.).

Dann schnell noch vor allen andern nach Hause und die Herdplatte mit dem Borschtsch auf 3 gestellt.
 


Kafka, El Hotzo, Verabschiedungen

Berlin, 3. Mai 2024, 19:35 | von Paco

Mal ein kleiner Bericht von heute. Ich habe noch nie proaktiv Erdnüsse oder ähnliche Nussprodukte gekauft, stehe aber kurz davor, glaube ich. Und zwar geht mir der Nüsse kauende Kafka aus der gleichnamigen ARD-Serie nicht mehr aus dem Sinn.

Kafka, in der Bestbesetzung Joel Basman, dessen Finger sich in die Schale voll Nüssen versenken und ein paar davon in den Mund schaufeln, und dann geht es los, nach der Kaumethode von Horace Fletcher, kau kau schmatz, herrlich, endlos, auch beim Date mit Felice Bauer.

Aber was anderes, in letzter Zeit höre ich snippetweise in Podcasts rein, für die ich eigentlich gar keine Zeit habe, und das ist eine gute Sache, so wie man manchmal auf der Straße interessante Einzelsätze aufschnappt von Leuten, an denen man vorüberzischt.

So also kam ich zu einem Snippet aus dem Podcast von El Hotzo und Salwa Houmsi, das mich natürlich sofort erinnerte an die eine Stelle in »Faserland«, in der es heißt, dass, »wenn es keinen Krieg gegeben hätte«, dass dann »Deutschland so wie das Wort Neckarauen« wäre:

»Wenn der Freistaat Bayern so wäre wie das Wort ›einkehren‹, dann hätten wir kein Problem mit ihm.«

(Hotz & Houmsi: »Skincare-Propaganda«, 27. April 2024, ca. 57:55)

Was sonst noch, guter Empfang heute in der U3, da textete ich ein bisschen und fiel mit Josik in ein unvorhergesehenes Rabbit Hole, nämlich die Grußformeln, die man über das wunderbare Projekt correspSearch aus digitalisierten Briefen herausziehen kann, und so ging es dann hin und her:

  • »Nochmals um recht baldigen Bescheid bittend und mich aufs Wiedersehen freuend, mit herzlichen Grüssen« (Quelle)
  • »Mit der ganz untertänigsten Bitte an die Hohe Gräfliche Familie einen schönen Handkuss samt herzlichem Gruß entrichten zu wollen, unterzeichnet sich« (Quelle)
  • »Erhalten Sie mir Ihr wohlwollendes Andenken und Ihre Freundschaft, und nehmen Sie die Versichrung meiner ausgezeichnetesten Hochachtung und Ergebenheit an.« (Quelle)
  • »Empfangen Sie theuerster Freund die erneuerte Versicherung meiner ausgezeichneten und freundschaftlichen Hochachtung.«
    (Quelle)
  • »Es sind die Gesinnungen der vorzüglichsten Hochachtung und wahren freundschaftlichen Anhänglichkeit, mit denen ich verharre« (Quelle)
  • »Ich verbleibe mit tiefester Verehrung und Anhänglichkeit Ew. Königlichen Hoheit unterthanigstgehorsamster« (Quelle)
  • »Seien Sie herzlichst gegrüßt, auch von meiner Frau, die sich auf der Terrasse sonnt. Ihr« (Quelle)

Usw.

Und dann brannte noch diese Fabrikhalle in Lichterfelde und Katwarn wurde ausgelöst: »Giftige Rauchgase aufgrund eines Brandes in einem Störfallbetrieb«.


Für Luisa 🖤

Mainz, 13. April 2024, 14:40 | von Paco

In der heutigen FAZ wurde unsere gemeinsame Traueranzeige veröffentlicht.

Traueranzeige für Gisela Trahms, FAZ, 13. April 2024

Unter dem Spitznamen Luisa hat Gisela Trahms 23 Texte im »Umblätterer« veröffentlicht.

Giselas erste Mail an mich datiert vom 4. September 2010. Damals hatte ich ihren eingesandten Beitrag noch abgelehnt, da wir keine herkömmlichen Rezensionen veröffentlichen. Sie blieb aber hartnäckig, und was in Gregor Dotzauers Nachruf im »Tagesspiegel« steht, haben wir genau so erlebt: »Je älter sie wurde, desto stärker interessierte sie sich sogar für die Jüngeren.«

Sie hat sich dann wirklich in »Umblätterer«-Form und -Stil reingedacht und am 20. Juli 2011 erschien unter dem von ihr gewünschten Spitznamen Luisa ihr erster Beitrag, zur Hundertseiter-Sektion.

Legendär ihr Text über Vermeer, auf den Wolfgang Herrndorf himself in den Kommentaren reagiert hat.

Zuletzt hat sie noch den Blurb für das Hundertseitenbuch von Josik geschrieben.

Sie war auf so viele Weisen eine Bereicherung für unsere Leipziger Jungstruppe. Ich bin sehr froh, dass sie sich uns ausgesucht hat.

*

Gisela Trahms (Foto: Jochen Trahms, lizenziert unter der CC BY 4.0)
Gisela Trahms (Foto: Jochen Trahms, CC BY 4.0)

Von der Familie stammt folgender Lebensabriss, den wir dankenswerterweise hier veröffentlichen dürfen:

Am 31. Januar 1944 wird Gisela Lore Trahms als Tochter des Ingenieurs Rudolf Schulz und seiner Frau Hildegard, geb. Koch, in Eickelborn (Kreis Soest) geboren. Der Vater wird während des Zweiten Weltkrieges 1945 in Rumänien vermisst. Die Mutter heiratet 1952 in zweiter Ehe den Bankinspektor Arno Lange, der Gisela adoptiert. Die Familie zieht nach Düsseldorf. 1963 legt Gisela Trahms am Theodor-Fliedner-Gymnasium in Düsseldorf das Abitur ab und beginnt eine Buchhändlerinnenlehre in der Schrobsdorff’schen Buchhandlung in Düsseldorf. Nach erfolgreichem Abschluss ihrer Lehre beginnt sie 1965 ein Studium der Germanistik und Romanistik in Freiburg und Kiel und heiratet 1966 in Bonn den Studenten der Medizin Hans-Joachim Trahms. Am 4. Januar 1967 wird ihr gemeinsamer Sohn Jesko geboren. Ihr Studium nimmt Gisela Trahms im Jahr 1970 wieder auf und beendet es 1974 in den Fächern Deutsch und Philosophie an der Universität Düsseldorf mit dem ersten Staatsexamen. Am 16. September 1975 wird Tochter Julia geboren. Gisela Trahms promoviert 1980 an der philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf über »Sprache und Defizit – Aspekte des Verhältnisses von Aphasie-Forschung und Linguistik«. Von 1981 bis 2005 arbeitet sie als Oberstudienrätin am Albert-Einstein-Gymnasium Kaarst bei Düsseldorf. Ab 2008 widmet sie sich voll und ganz der Literatur, schreibt Kritiken und Rezensionen in Feuilletonblogs (umblaetterer.de, poetenladen.de), schreibt für verschiedene Zeitungen wie den »Tagesspiegel«, die »Literarische Welt«, »Volltext«, die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« (darin für die Frankfurter Anthologie) und veröffentlicht auch eigene Texte in Literatur-Magazinen (»Am Erker«, SuKuLTuR-Verlag). Von 2009 bis 2010 veröffentlicht sie außerdem gemeinsam mit ihrer Tochter den Podcast »Abicast«, in dem sie die Literatur bespricht, die Schüler*innen für das neu eingeführte Zentralabitur in Nordrhein-Westfalen kennen müssen, und so eine ganz neue Form der Lernhilfe bietet.
 


Book-Release-Party
»100 superste 100-Seiten-Bücher«

Berlin, 27. März 2024, 15:43 | von Paco

Der Band ist im Dezember 2023 erschienen, die Book-Release-Lesung fand letzte Woche, am 22. März 2024, während der Leipziger Buchmesse statt:

Leipziger Lesung '100 superste 100-Seiten-Bücher', 22. März 2024

Die Setlist wie folgt:

  1. Einleitung
  2. Agatha Christie: »Das Geheimnis von Greenshore Garden« (1954/2014)
  3. Pearl S. Buck: »Die Frau, die sich wandelt« (1937)
  4. Annie Ernaux: »La Place« (1983)
  5. Ljudmila Ulitzkaja: »Sonetschka« (1992)
  6. Irmtraud Morgner: »Die wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers« (1972)
  7. Marie von Ebner-Eschenbach: »Die Freiherren von Gemperlein« (1878)
  8. Doris Lessing: »Die Versuchung des Jack Orkney« (1972)
  9. Marie Darrieussecq: »Hiersein ist herrlich. Das Leben der Paula Modersohn-Becker« (2016)
  10. Elizabeth C. Gaskell: »Sechs Wochen in Heppenheim« (1862)
  11. Eva Illouz: »Die neue Liebesordnung« (2013)
  12. Saphia Azzeddine: »Zorngebete« (2008)
  13. Birgit Vanderbeke: »Alberta empfängt einen Liebhaber« (1997)
  14. N. N.: »Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland« (1949/2017)
  15. Marguerite Duras: »Sommer 1980« (1980)
  16. Mayra Montero: »Bolero der Leidenschaft« (1991)
  17. Yasmina Reza: »Eine Verzweiflung« (1999)
  18. Hedwig Dohm: »Werde, die du bist« (1894)
  19. Irmgard Keun: »D-Zug dritter Klasse« (1938)
  20. Gudrun Pausewang: »Wetten, daß Goethe den Wahnsinn verböte« (1992)
  21. Marguerite Yourcenar: »Mishima oder die Vision der Leere« (1980)

»100 superste 100-Seiten-Bücher« ist gleichzeitig auch Band 2 unserer bei Ille & Riemer erscheinenden Reihe »Schriften des Umblätterers«. Band 1 ist 2017 erschienen: »Abenteuer im Kaffeehaus«. Rein rechnerisch erscheint der nächste Band also in 6 bis 7 Jahren.
 


Was vom Tage 212 übrig blieb:
Café im Literaturhaus, Charlottenburg

Berlin, 31. März 2023, 23:00 | von Paco

Aufwach: 6:45 Uhr.

Sieben Monate Karenzzeit, heute letzter Tag. Ein super Ort, um dieses kleine Nichtprojekt zu beenden, ist doch das …

Café im Literaturhaus
Fasanenstraße 23
(Charlottenburg)

Espresso: €3,60.

Höchster Espressopreis bisher, dafür weiße Tischdecke und alle Feuilletons vor Ort verfügbar, am Zeitungsstock.

Keiner der Artikel in FAZ und SZ packt mich sofort, welchen soll ich zuerst lesen? Ich versuch es mal mit der Methode, eine elfsilbige Überschrift zu finden. Neulich in einer tollen Dokuserie über Nicanor Parra gesehn, in der es heißt: »Para él, los buenos titulares de diario, como las buenas frases, eran de 11 sílabas.« (YouTube)

Meine Suche ist erfolglos, zum Beispiel in der FAZ:

  • »Der Zauber burgundischer Virtuositäten« (13 Silben)
  • »Absolut offensichtliche Undurchschaubarkeit« (13 Silben)
  • »Keine Moderne ohne verschleppte Sklaven« (12 Silben)

Ich starte dann mit dem Rachmaninow-Special, denn als ich sein Porträtfoto sehe, liegen mir irgendwie sofort die Halleluja-Kaskaden im 3. Satz der »Ganznächtlichen Vigil« im Ohr. Jedenfalls bringt die FAZ anlässlich seines 150. Geburtstags »vier Plädoyers für einen denkwürdigen Komponisten«, dem oft der Kunstrang abgesprochen werde. Die Plädoyers (von Francesco Piemontesi, Jan Brachmann, Paavo Järvi und Vladimir Michailowitsch Jurowski) lesen sich alle gut weg.

Dann hinein ins 15. Jahrhundert, Andreas Kilb hat die Hugo-van-der-Goes-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie besucht und wirft erst mal mit Jahreszahlen um sich, sein Einstieg klingt wie eine typische Episode des Erfolgspodcasts »Geschichten aus der Geschichte«, den ich ja neulich schon mal erwähnt hab. Die Ausstellung hat grad erst begonnen und ich muss da eigentlich sofort mal hin, es werden zum ersten Mal fast alle erhaltenen Gemälde und Zeichnungen von HvdG gezeigt.

In der SZ lese ich nur schnell Andreas Toblers Interview mit Houellebecq, und na ja, Zeitung lesen zu können ohne Druck demotiviert mich gerade etwas. Eigentlich will ich mal wieder einen Roman zu Ende lesen, ein paar hab ich seit Beginn der Eingewöhnung angefangen, aber aus Schlaf- und Zeitmangel nicht weiterlesen gekonnt, obwohl sie alle sehr Bock machen, Tonio Schachinger »Echtzeitalter« zum Beispiel. Immerhin hab ich diese Woche Jenny Schäfers »Arbeitstage« zu Ende gelesen, ihr Tagebuch des Jahres 2021, ganz nah nachfühlbarer Struggle zwischen Kunst machen, Lohnjob (in der Kita), Mutterschaft; und Corona war ja auch noch. Der Band brachte auch kleinere Relektüren von Anke Stelling und Anna Mayr mit sich, die begeistert zitiert werden.

Sieben Monate Karenzzeit, sieben Monate wieder mal Print-Feuilleton lesen, sobald eine der vielen unberechenbar kurzen Pausen entsteht. Vor allem die drei Hamburg-Monate waren hohes Glück, will ich mich eigentlich gern gleich noch mal dran erinnern und fang am besten mit dem Eintrag vom 1. September 2022 an, als ich vor 212 Tagen im MalinaStories in Barmbek hiermit losgelegt hab. Sehr weit werd ich wahrscheinlich nicht kommen, ich denk auch eher schon an Montag, wenn mich die U3 zum ersten Mal wieder zur Uni bringen wird, und vielleicht sollte ich lieber mal ein bisschen Forschungsliteratur lesen oder so?