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Die linken Füße von Princeton

St. Petersburg, 1. Juli 2019, 09:00 | von Paco

Das Slawistik-Department hatte eingeladen, also nahmen wir den Direktflug von Moskau nach New York, dann das Überlandtaxi nach Princeton, zwei Stunden, und schon ist man da. New Jersey ist einfach nice, das sagten wir immer wieder, während der Taxista uns links und rechts auf landschaftliche Höhepunkte hinwies, und Princeton selbst erst!

Abends nach unserer Show wurden wir zum gemeinsamen Dinner eingeladen (ins »Mistral«), und zunächst wurden Food-Allergien diskutiert, von denen ich die meisten kannte, einige schienen mir aber neu und interessant zu sein.

TV-Serien wurden auch kurz angeschnitten, und da es ein Slawisten-Dinner war, ging es nicht um »Game of Thrones«, das sich ja gerade sang- und klanglos von den Bildschirmen verabschiedet hatte. Sondern es ging um »The Romanoffs«. Schnell jedoch war dieser Diskussionsstrang beendet, denn die Serie erschien allen als »too contrived«, und alle kündigten an, sie nie je zu Ende sehen zu wollen.

Ein weiterer Gesprächsfaden – Slawisten sind ja auch Linguisten – handelte vom englischen Verb ›to trump‹ (übertrumpfen, übertreffen). Einer der Mitspeisenden meinte beobachtet zu haben, dass einige Leute (er selbst auch) das Verbum ›to trump‹ aus Protest mittlerweile vermieden, auch in Kontexten, wo es angebracht und eigentlich unausweichlich scheint. Eine Kollegin schlug vor, dies empirisch zu überprüfen, und ein Plan war gefasst, und es war überhaupt insgesamt ein schönes Dinner, das mit vielen lauteren Wünschen ausklang.

Anderntags kamen wir am frühen Nachmittag unten vom Tenniscourt und waren guter Dinge, als uns ein unvermittelt einsetzender Platzregen ins nächstgelegene Gebäude zwang; es handelte sich zufällig um das Princeton Art Museum. Wir stellten die Blumenvasen im Self-Service-Garderobenschrank ab und …

Moment, welche Blumenvasen? Ein Sekretär, der auch für unsere Reisekostenabrechnungen zuständig war, hatte uns auf dem Weg nach oben getroffen und gebeten, zwei ellbogengroße Blumenvasen ins Department mitzunehmen. Haben wir dann sofort übernommen, da wir uns gut mit ihm stellen wollten und eh dort vorbeikommen würden.

… betraten die Museumssäle. Wir dankten dem Regen, denn ohne ihn wären wir wahrscheinlich gar nicht hier gelandet, einfach weil es so viele andere Sachen in Princeton zu machen gibt.

Eine nicht ganz fertiggestellte Replika aus Jacques-Louis Davids Studio, »Der Tod des Sokrates« (nach 1787), konnte man sich leider nicht aus der Nähe ansehen. Denn direkt davor steht eine bequeme Kunstbetrachtungscouch, in der sich ein sprichwörtlicher älterer Herr positioniert hatte und diesen Platz nicht räumte, während der gesamten zwei Stunden nicht, die wir im Museum zubrachten, und er verschmolz für uns übrige Museumsbesucher langsam mit dem Bild, vor dem er regungslos saß, was schon auch was hermachte.

Längere Zeit verbrachte ich mit einem historischen Gemälde von Angelika Kauffmann, »Plinius der Jüngere mit seiner Mutter beim Ausbruch des Vesuvs in Misenum« (1785). Das Sujet hatte mich sofort wieder gepackt und ich wanderte die Ebenen und dargestellten Figuren ab, aber irgendwas stimmte nicht, und ich wusste nicht was, bis auf einmal, hä?

Der jüngere Plinius, der in blauem Gewand und mit offenen Sandalen in der Mitte der vorderen Figurengruppe sitzt, die Beine übereinander geschlagen, hat zwei linke Füße! Ein Glitch, der einen sofort zwingt, voller Abscheu den Blick wegzuwenden, um sich dann doch ganz langsam und in verschiedenen Etappen an dieses Phänomen heranzutasten, das ja in der Kunstgeschichte kein seltenes ist, cf. Tischbein.

Der Katalog hat eine Erklärung parat:

»As was noted when the work was first exhibited at London’s Royal Academy in 1786, Pliny has two left feet. The reason for this may be that Kauffmann, then among the most popular artists in Rome, evidently relied on her less-talented husband, Antonio Zucchi, to complete many of her commissions.«

Antonio Zucchi, was hast du getan!

Mit diesem gellenden Ruf verließen wir das Museum, als es sich ausgeregnet hatte, und es war mal wieder Zeit für Dinner in Princeton.

Einige Tage später, wir waren längst wieder zu Hause, schrieb ich eine E-Mail an das Princeton Art Museum. Ich begann damit, meinem Excitement über die Sammlung Ausdruck zu geben und von den schönen Erinnerungen an unseren Besuch zu berichten. Im nächsten Absatz bat ich dann darum, doch bitte mal unverbindlich in der Garderobe nach zwei ellbogengroßen Blumenvasen Ausschau zu halten, denn die hatten wir dort einfach vergessen, und der Sekretär hatte sich tagelang nicht bei uns gemeldet wegen der Abrechnungen. Blumenvasen!
 


Menschen der Jahre 2002 und 2003

Leipzig, 7. April 2019, 13:37 | von Paco

Auch habe ich in den letzten Wochen einen Harald-Schmidt-Show-Rerun begonnen. Die Sendungen vor dem Aus der Sat.1-Originalshow Ende 2003 sind inzwischen fast alle auf YouTube und im Internet Archive gelandet. Die Folgen vor der Bundestagswahl im September 2002 lassen sich gut schauen, und auch die danach. Am 26. November 2002 zum Beispiel liest Schmidt in hallendem Kathedralensound das Kapitel »Vom neuen Götzen« aus Nietzsches »Zarathustra« vor.

Eckhard Schumachers Schmidt-Show-Artikel aus dem »Merkur« (Heft 641/642, September 2002) habe ich gleich auch noch mal gelesen, und ist schon gut beschrieben, was dieses letztlich immer selbstbezogene »Fernsehfernsehen« ausmacht, von dem sich Böhmermann ja explizit mit seiner télévision engagée absetzt.

Schmidt dagegen stellt sich nicht den Themen, er performt sie. Ankunft im Jahr 2003, der Irakkrieg steht vor der Tür, Schmidt lässt mit Ensemble und Gästen das Friedenstaubensymbol darstellen. Überhaupt der immer légère Einbezug des Publikums, Menschen der Jahre 2002 und 2003, irgendwelche Gastwirte oder Angestellte aus der nordrhein-westfälischen Provinz (»Wie heißen Sie? Was machen Sie?«), die man jetzt einfach googlen kann, um zu schauen, was aus ihnen geworden ist.
 


Ein Hyundai als Genisa

Haifa, 8. Oktober 2018, 18:03 | von Paco

Absolut herrlicher Oktobervibe in Haifa, ich sitze zum Frühstück im Garten des »Fattoush« in der deutschen Kolonie am Fuß des Bergs Karmel, um zum Tagesauftakt eine Schakschuka zu verspeisen und einen Hafuch zu trinken. Gesagt, getan. Irgendwann trifft Yael ein und dann fahren wir zusammen in ihrem alten Hyundai zur Konferenz am Port Campus.

Der Zustand ihres Wagens ist ihr etwas peinlich. Die ganze Rückbank ist zugemüllt mit Bergen loser Buchseiten, zehntausende müssen das sein, auch auf dem Beifahrersitz fliegen ein paar herum. Ihr sei vor ein paar Wochen der riesige Karton mit den Seiten drin umgekippt, und jetzt sei das eben so der Zustand ihres Autos.

Zuvor hatte sie die Bücher in eine Druckerei gebracht und um Benutzung des Schneidegeräts gebeten. Hart hatte sie kämpfen müssen, um die skeptischen Ladenbetreiber davon zu überzeugen, dass sie eine treue Kämpferin für das gedruckte Wort sei, dass sie aber diese Bücher zerschneiden müsse, um sie automatisiert scannen und digital beforschen zu können. Die zerschnittenen Exemplare hatte sie alle wieder im Karton abgelegt und diesen auf die Rückbank ihres Autos gestellt, bis er dann eben umgekippt ist.

Soweit ihre Erzählung, die ich erst mal einfach so hinnahm, bis mir während der Konferenz plötzlich einleuchtete, warum die Seiten da jetzt noch so rumliegen und Yael mit dieser Situation ganz zufrieden ist, auch wenn sie dadurch ihren Viersitzer zum Zweisitzer degradiert.

Denn die Konferenz drehte sich um die jahrtausendealten Schriftrollen aus den Höhlen von Qumran, nach dem Zweiten Weltkrieg dort entdeckt und zu Weltruhm gelangt.

Althebräische Handschriften, die den Namen Gottes enthielten, durften nicht einfach so entsorgt werden, auch wenn sie nicht mehr benutzt wurden. Sie wurden in Genisas aufbewahrt, zugemauerten Hohlräumen, und haben so oft die Zeiten überdauert. Als eine Art Genisa haben also auch die Qumranhöhlen gedient.

Die Konferenz dauerte schon eine Weile, Forscher und Forscherinnen aus aller Welt, aus Hinz- und Kunzistan sozusagen, problematisierten alte und feierten neue Erkenntnisse und plötzlich wurde mir alles klar. Yaels Auto ist eine Genisa. Sie will die geliebten Buchstaben nicht vernichten, und so überdauern sie nun auf der Rückbank ihres Hyundai bis zum jüngsten Tag. Ich schaute kurz zu ihr hinüber, treue Kämpferin für das gedruckte Wort, und sie schaute zurück, und ich wusste, dass es so war.
 


Moskau vor der Weltmeisterschaft

Moskau, 13. Juni 2018, 11:49 | von Paco

Der 12. Juni, der Tag, an dem Johan Nilsen Nagel in seinem gelben Kostüm in der kleinen norwegischen Hafenstadt anlegt und damit die Handlung in Knut Hamsuns Roman »Mysterien« in Gang setzt, ist nunmehr auch russischer Nationalfeiertag, das Unigebäude ist geschlossen, also bleibe ich erst mal zu Hause und sehe den Film »Relatos salvajes«, lange vor mir hergeschoben, und meine Güte, ich liebe ihn.

Nachmittags machen wir uns auf den Weg zum ВДНХ-Komplex, zur Majakowski-Ausstellung im Pavillon »Arbeiter und Kolchosbäuerin«. Hier noch mal chronologisch das ganze Majakowski-Projekt recappen, dem Wladimir Wladimirowitsch dann durch Selbstmord ein Ende setzte, mit dem genau richtigen Gespür für das Verhältnis zwischen Todeszeitpunkt und Vermächtnis.

In der Metro zeigen sich die ersten WM-Touristen, leicht zu erkennen an ihren leuchtenden Outdoorrucksackmodellen und an den neugierigen Blicken, etwas, das man sonst in Moskau niemals sieht, niemand schaut interessiert einfach so in der Gegend umher, in Moskau herrscht das abgeklärt-desinteressierte Verhalten.

Abends zu einer Geburtstagsfeier in einem Weinlokal in der Nähe der Belorusskaja. Wir bleiben bis Kassenschluss und spazieren dann die paar Kilometer nach Hause, frühsommerliche Nacht, Moskau vor der Weltmeisterschaft. Am Kasaner Bahnhof geht um 3 Uhr morgens die Straßenbeleuchtung aus, der Job wird weitergegeben an die Morgenwolken, die zuckerwatterosa leuchten. Ein paar Schlachtenbummler stehen in ihre ägyptischen Fahnen gewickelt in der Gegend herum. Straßenbahnschaffner mit den typischen Alkoholikeraktentaschen überqueren Straßen. Ein Hotel mit ausladend beflaggter Eingangskuppel zeigt die Nationalfarben aller Teilnehmerländer sowie Indiens.
 


Zwischenfall in Glasgow

auf Reisen, 21. April 2018, 11:32 | von Paco

Am Abend vor dem Briefkastenerlebnis trank und sprang ich noch mit Leuten in der »Park Bar«, die betrieben wird von Vertretern der Hebrideninsel Tiree, und »the guy behind Tyree Gin« war auch da und die Musik sehr akkordeonlastig und der Hauptaufenthaltsmodus war ›Canadian Barn Dance‹.

Ich war also in Glasgow, und am nächsten Morgen hatte ich noch etwas Zeit vor der Abreise und lief gedankenverloren vom Hotel in die Innenstadt und sah unterwegs viele schöne Details, cooler Dachgiebel hier, derbes Frühlingsblumenbeet da, der crazy Blick eines Taxifahrers, ein brennender Briefkasten und so weiter. Wait, ein brennender Briefkasten? Arrr.

Ich war schon vorübergegangen eigentlich, blickte mich aber noch einmal um, und da peitschten Flammen aus dem lichterlohen Briefkasten am Haus einer Wohltätigkeitsorganisation. Ich machte einen Schritt weiter in Richtung Innenstadt, aber mein Körper lenkte mich sanft zurück zum Haus der Wohltätigkeitsorganisation, kurz Bescheid geben wollte ich den Leuten drinnen, und so hielt ich mir die Nase zu und lief in den offenen Eingangsflur, der sich bereits mit stechendem Rauch gefüllt hatte.

Am Ende des Flurs war aber nichts, keine Tür, niemand zu sehen, es führte nur eine enge Wendeltreppe nach oben. Nachdem ich drei Stockwerke lang keinerlei Eintrittsmöglichkeit oder so vorfand, verlor mein Vorsatz deutlich an Grundlage. Denn zu weit war ich schon vom brennenden Briefkasten entfernt, als dass er noch irgendetwas zu tun haben könnte mit meiner Position im Wendeltreppenhaus.

Ganz ganz oben dann doch eine Tür, dahinter ein flauschig gestalteter Empfangsraum. Sofort war eine Mitarbeiterin zur Stelle, knallblaues T-Shirt mit dem Logo der Organisation drauf. »Sorry to drop in like this«, sagte ich, »but I think your letterbox is burning.«

Die Mitarbeiterin, die anderthalb Köpfe größer war als ich, wiederholte fragend meine Aussage. Da wir in Schottland sind, wurde aus »burning« ungefähr so etwas wie »burmy«, also fragte sie: »The letterbox is burmy?« Diesen Satz hörte ich, immer im Wechsel mit Ausrufe- und Fragezeichen dann noch mehrmals.

Andere Mitarbeiterin, gleiches T-Shirt, kommt herbeigelaufen: »The letterbox is burmy!« – »The letterbox is burmy?« – »The letterbox is burmy!!!«

Weiterer Mitarbeiter, selbes Spiel.

Und noch einer, und noch einer, bis die Nachricht den Obermitarbeiter erreichte, der nun eine Entscheidung fällen musste. Zusammen mit der ersten Mitarbeiterin ging ich die endlose Wendeltreppe nach unten, in die sich der elende Rauch bereits vorgearbeitet hatte.

Die Mitarbeiterin hatte einige Ausdrücke negativer Überraschung parat, »oh shit« und so was. Sie zog sich das T-Shirt über die Nase, SpongeBOZZ-Style, und näherte sich der Flamme, die immer noch aus dem Briefkastenschlitz rausfauchte. Erst da bemerkte ich, dass sie eine Kaffeetasse mitführte, die sie erhob und in den Briefkasten entleerte. In diesem Moment kamen weitere blaue T-Shirts aus dem Flurgang, neue Kaffeetassen, und sie beschmissen alle das Feuer mit kaltem Bürokaffee und das war ein Weltrettungsfeeling wie damals das Sandsackwerfen beim Oderhochwasser 1997.

Das große Briefkastenfeuer von Glasgow, es war nach wenigen Minuten gelöscht, und ich ging wieder meiner Wege, hinunter in die Innenstadt.
 


Tag in Tula

Moskau, 21. März 2018, 22:54 | von Paco

Samstagmorgen, der Tag vor der Präsidentschaftswahl, und wir fuhren mit der Lastotschka nach Tula. Das dauert von Moskau aus nur zwei Stunden und schon ist man im gefährlichen Tula, denn es ist Eiszapfensaison und, anders als in Moskau, waren noch nicht alle Eiszapfen kontrolliert abgeschmolzen oder abgedroschen worden. An die Häuser waren A4-Zettel mit Warnungen geklebt: Achtung vor dem Eiszapfen! Zehn-Kilo-Eispickel hingen tropfend von maroden Dachrinnen und es war nur eine Frage der Zeit, bis.

Im Beloussow-Park fuhren wir eine Weile Ski, vielleicht die letzte ordentliche Skifahrt diesen Winter, und in der parkeigenen Brasserie »Pjotr Petrowitsch«, benannt nach dem Parkgründer, gab es dann lauter gute Sachen zur Erfrischung.

Um etwas Zeit zu überbrücken, gingen wir ins »Eremitage« geheißene Theater. Dort gab es einen Tschechow-Abend, und gerade, als wir verspätet hineinschneiten, begann die Aufführung der Zwei-Seiten-Erzählung »Datschniki«, die von ungebetenen Gästen handelt, und die von der Truppe irgendwie auf 20 Minuten gestreckt wurde.

Es war aber noch mehr los im Haus. In der Etage drüber gab es ein Jazzkonzert, und die Band stand vor einer frühneuzeitlichen Weltkarte, und zwar der doppelhemisphärischen von Claes Janszoon Visscher, Mitte 17. Jahrhundert, die durch den Jazz hindurch zu mir herüberschimmerte. Nach dem Konzert trat ich näher heran, die Weltkarte stellte sich als riesiges Puzzlespiel heraus, das irgendjemand erfolgreich zusammengesteckt und dann aufgeklebt, eingerahmt und mit Glasscheibe versehen hatte.

Dann wurde es Zeit, schließlich war Salsa Night in der »Stetschkin«-Bar, die benannt ist nach dem berühmten, in Tula ansässig gewesenen Waffenkonstrukteur Igor Jakowlewitsch Stetschkin. Wir trafen einige Leute, die uns unter anderem kopfschüttelnd erzählen hörten, dass wir »in diesem bescheuerten Theater« gewesen seien, aber uns hatte es dort ja gefallen.

Die Salsa Night selber kann man jetzt schlecht beschreiben, jedenfalls waren wir wie geplant um 3 Uhr morgens wieder am Bahnhof und nahmen den Zug zurück nach Moskau, und unterwegs las ich hot-off-the-presses die krasse Berghain-Story im aktuellen »Spiegel«: »Tod in Berlin«, unheimlich aufgeschrieben von Alexander Osang, bleibt erst mal im Hirn wie ein Fincher-Film.

In Moskau angekommen war alles beim Alten und wir schliefen in den späten Nachmittag hinein, um uns von dem Ausflug nach Tula zu erholen.
 


Mitterrand

Moskau, 25. Februar 2018, 12:58 | von Paco

Ich war gestern Abend im Café Puschkin am Twerskoj Boulevard, eingeladen von einem französischen Freund. Ich wusste nicht so richtig, was mich erwartet, und dachte eigentlich, das wär so ein one-on-one und wir updaten uns einfach ein bisschen gegenseitig, weil lange nicht gesehen.

Als ich aber ankam, waren um den Tisch in der Bibliothek insgesamt drei Franzosen und zwei frankophile Russen versammelt, und es wurde also ein schöner französischer Abend, wozu das Café Puschkin ja ursprünglich auch mal gegründet worden war.

Mitten aus einer Diskussion heraus fragte plötzlich jemand, wer eigentlich unsere Lieblingsgestalt in der Geschichte sei, also ein bisschen wie im Questionnaire de Proust, und jedenfalls diskutierten wir dann lange über Robespierre, Napoléon, sogar über Lamartine, davon ausgehend auch über alternative Geschichtsverläufe, und es war eine relativ sinnlose High-Level-Diskussion, aber wir tranken und aßen ja nebenbei auch gute Sachen, und es war ein schönes gesellschaftliches Spiel irgendwie.

Plötzlich ergriff Igor, der die ganze Zeit nichts zu dieser Diskussion beigetragen hatte, das Wort und sagte in die Runde hinein: »Also ich fand Mitterrand ganz gut.«

Und das war so ein unfassbarer Bruch des Kontexts, ein sofort von allen empfundener regelwidriger Sprung durchs Geschichtsbuch, dass das Gespräch indigniert verstummte und eine Minute pausierte, und dann fingen wir langsam an, über etwas anderes zu reden, und kamen nie wieder auf das Thema zurück.
 


Nachtzug nach Berlin

auf Reisen, 19. Dezember 2017, 01:25 | von Paco

Gestern Abend Ankunft in Zürich, sofort das Gepäck ins Hotel gedonnert, raus in die Altstadt und auf ein Schnitzel rein in die Rheinfelder Bierhalle. Fast nichts mehr frei, also setzte ich mich an einen Tisch mit einigen siebzigjährigen Freisinnigen und da redeten wir nun zwei Stunden über die Lage. Irgendwann richtete ich die Diskussion wieder gezielt auf das Réduit, diesen dann ja doch sehr konkreten Mythos, und eine Quartstunde lang hörte ich Neues und Altes über das schweizerische Bollwerk.

Heute Morgen hoch zur Universität, wie immer alles super dort, spätnachmittags wieder runter zum Bahnhof und mit den SBB erst mal nach Basel und dort zum Libanesen am Barfüsserplatz, wo ich mit ein paar Influencern zu libanesischem Rotwein verabredet war, bevor ich dann genau pünktlich den Nachtzug nach Berlin bestieg. Der wird ja inzwischen von den Österreichischen Bundesbahnen betrieben, und an Bord gab es einige Geschenke von der Nachtzugleitung und ein heutiges Exemplar der Wiener »Presse«.

Ich las das Printprodukt sofort durch und traf dann auf der Suche nach der Bordbar noch zufällig ein paar Spanier und es gab in diesem Kontext doch einiges zu trinken, fast soviel wie in der täglichen Aeroflot-Maschine von Moskau nach Málaga, und dann zog ich mich in mein Sé­pa­rée zurück und begann in diesem Zustand die zweite Staffel »Babylon Berlin« zu schauen und vergab spontan 10 von 10 Punkten, eine Wertung, die ich morgen früh vielleicht noch mal neu evaluieren sollte, wenn ich in Babylon Berlin angekommen sein werde, »zu Asche, zu Staub, dem Licht geraubt«, gute Nacht.
 


Die Spielplatzproduzentin

Aarhus, 31. Oktober 2017, 15:40 | von Paco

In der Bahn vom Flughafen Kopenhagen nach Aarhus traf ich grad zufällig eine Spielplatzproduzentin. Wir kamen wegen etwas anderem ins Gespräch, aber dann stellte sich recht schnell heraus, dass sie Spielplatzproduzentin ist, also Spielplätze produziert. Sie musste nach einer Stunde aussteigen, aber bis dahin hatte ich viel erfahren über Spielplatzarchitektur, gummierte Spielplatzböden, Hexagonschaukeln usw., und wir sind auf jeden Fall weiter in Kontakt, demnächst also mehr über Spielplätze und deren Produktionskette, und China wird natürlich auch eine Rolle spielen, und am Ende ging es sogar um einige Accounting-Details, sodass ich kurz das Gefühl hatte, ich würde jetzt also im Kontor eines dänischen Spielplatzproduzenten arbeiten.
 


15 Stunden M.M.M.:
Medienkonsum zwischen Montréal und Moskau

Moskau, 19. August 2017, 15:05 | von Paco

Nun bin ich wieder zu Hause, von Tür zu Tür in 15 Stunden, da war genug Zeit, um zwischen einigen Powernaps verschiedenste Medien zu konsumieren.

Im 747er-Bus vom Hotel Bonaventure zum Aéroport Montréal-Trudeau las ich schnell noch den »Spiegel« Nr. 32 zu Ende, wofür in den beiden Wochen davor keine Zeit gewesen war. Check-in und Sicherheitskontrolle reichten dann genau, um die Sommersnippets von »Fest & Flauschig« zu hören, sind ja nicht so viele und jedes nur ein paar Minuten lang.

Kleiner Jumpcut ins Innere des Lufthansafliegers, wo vor dem Start ein Steward lieblos versucht, die FAZ und SZ vom Freitag zu verteilen, aber in ausgeklapptem Zustand riesenhafte Printprodukte will ja niemand mehr wirklich haben, niemand außer mir. Die FAZ war dann in 30 Minuten ausgelesen, Harald Schmidt war darin von Timo Frasch zum 60. gelobhudelt worden, mit einem Seitenhieb gegen Böhmermann und dessen angeblich nur »drittklassigen« Stand-up-Qualitäten, hehe.

Doch nun richtete sich meine Aufmerksamkeit auf den vor mir schwebenden Monitor mit den Medienangeboten der Lufthansa, und als erstes sah ich dort die ziemlich gute Krausser-Verfilmung »Einsamkeit und Sex und Mitleid«, Regie: Lars Montag, ein tiefer sexualkundlicher Blick in unsere breite Gegenwart, thematisch gespickt mit den typischen Krausser-Obsessionen. Nach einem Jahrzehnt extremer Krausser-Müdigkeit kam das eigentlich wieder mal ganz gut. Die Kamera hat mich ein wenig an »Finsterworld« erinnert mit ihrem Interesse an urdeutschen Dingen, einfach mal draufhalten auf das blau-plüschige Interieur eines ICE!

Als nächstes holte ich die letzten beiden »Twin Peaks«-Folgen nach, 3×13 und 3×14, und empfand dabei wieder das große, große Glück, dass es diese neue »Twin Peaks«-Staffel gibt: »Coffee for the great Dougie Jones!«

Dann war der »Spiegel« Nr. 33/2017 dran, denn bei der Zwischenlandung in Frankfurt würde schon die neue Ausgabe erhältlich sein, also sollte die alte noch verarztet sein, bevor der Atlantik überquert war. Und … done! Doch wie nun weiter, vielleicht noch ein Film? Ich entschied mich für »Guardians of the Galaxy Vol. 2« und habe es nicht bereut.

In Frankfurt dann der angekündigte »Spiegel«-Kauf, Nr. 34/2017, für €4,90! Ich las als erstes das Interview mit Frauke Petry und Kurbjuweits Hommage an Lobo Antunes und dessen Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann, schön sind da auch die Abschnitte zum periphrastischen Infinitiv. Nun jedoch widmete ich mich endlich voller Lesedrang dem Stück über den Flughafenmoloch BER: »Made in Germany«. Und na ja, »BER«, das ultimative Airportdesaster – will man nach einem halben Jahrzehnt voller lahmer BER-Witze (pars pro toto »Der Postillon«: »Neue Zeitform Futur III eingeführt, um Gespräche über Flughafen BER zu ermöglichen«) wirklich noch was darüber lesen? Aber ja und unbedingt, und zwar wenn es im »Spiegel« steht »und mit 20 Seiten so lang ist wie kaum eine SPIEGEL-Geschichte zuvor«.

Bitte lest alle diesen Artikel, er ist supergut, auch wenn ich eine widersprüchliche Stelle gefunden habe, die mich sicher noch lange beschäftigen wird. Und zwar steht in der Hausmitteilung auf Seite 9, dass die »Spiegel«-Leute »sieben Monate lang für ihre Recherchen benötigten«, und dann habe aber laut Seite 66 »[e]in Team von SPIEGEL-Redakteuren […] acht Monate lang recherchiert«. Was stimmt nun? Sieben oder acht?

Hoch über Weißrussland war der neuste »Spiegel« schließlich ausgelesen, aber ich hatte noch die Season-Premiere-Folge der fünften und letzten Staffel von »Episodes« im Gepäck, und die schaute ich auch noch an, sehr gut, wie immer, Tamsin Greig, Stephen Mangan und Matt »How you doin’?« LeBlanc. In einem offenen Browserfenster wartete auch noch das Interview, das Michele d’Angelo vom »Freitag« mit Ellen Kositza geführt hat, und ich war jedenfalls dermaßen im Leserausch, dass ich auch noch alle anderen geöffneten Browserfenster runterlas, meist Artikel von »heise online« und »Ars Technica«, die da seit Wochen herumlagen.

Aber noch mal zum »Spiegel«. Alle sagen ja immer: Der Spiegel, Der Spiegel. Wer lese den denn noch. Der habe doch an Bedeutung usw. verloren. Aber ich sage euch: Ich lese den noch, und habe seit schätzungsweise 2004 keine einzige Ausgabe verpasst. Ich wäre auch bereit, mich dazu einmal interviewen zu lassen, um über meine Gefühle beim wöchentlichen Lesen dieses herrlichen alten Wurschtblattes zu sprechen, denn es ist schon immer wieder eine hübsche Achterbahnfahrt, Motion Sickness inklusive, aber man muss doch den »Spiegel« lesen, denke ich immer, und ich bin damit auch nicht ganz allein, wenn ihr mal an Diques unfassbare »Spiegel«-Eloge denkt, die seinen gerade erschienenen Feuilletonband »Abenteuer im Kaffeehaus« beschließt: Diese Eloge ist, natürlich unter gänzlich anderen Voraussetzungen, der würdige Nachfolger von Enzensbergers »Die Sprache des Spiegel«, und Zeit wurde es, denn das Enzensberger-Ding ist ja schon 1957 erschienen, aber wie auch immer, ich bin jetzt wieder zu Hause in Moskau und sah grad vor ein paar Minuten noch, wie unten in der Metro Kurskaja, beim Übergang zur blauen Linie, wie dort ein Mitarbeiter in Monteurskluft ein wuchtiges Reliefbild mit dem Stationsnamen putzte, doch nun, Jetlag und so, werde ich eine Runde schlafen, »sieben, acht / gute Nacht«.