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100-Seiten-Bücher – Teil 68
Thomas De Quincey: »Die letzten Tage des Immanuel Kant« (1827/1854)

Berlin, 17. Mai 2013, 00:50 | von Josik

Thomas De Quincey ist ja vor allem durch seine Opiumbeichte bekannt, aber eigentlich noch besser ist dieses Büchlein über die letzten Tage des Immanuel Kant. Man muss natürlich nicht alles glauben, was hier behauptet wird, aber es liest sich eben sehr angenehm. Zum Beispiel: »Kant schwitzte niemals«. Oder auch: »Wenn immer jemand vorzeitig starb, pflegte Kant zu sagen: ›Er hat vermutlich Bier getrunken.‹ Oder wenn ein anderer unpäßlich war, fragte er mit Sicherheit: ›Trinkt er etwa Bier?‹«

Warum Kant hier ein derart extremer Bierhass untergeschoben wird, ist nicht recht ersichtlich. Der deutschen Ausgabe dieses Buches ist im Anhang noch eine kleine Abhandlung »Über den Schädel Kants« beigefügt, mit sehr interessanten Aufnahmen von Kants Totenkopfschädel – von vorne, von hinten und im Profil. Von hinten sieht Kants Totenkopfschädel ein wenig aus wie eine unförmige Kartoffel. Aber heute ist es ja sowieso wissenschaftlich erwiesen, dass diese ganze Schädelforschung oder Totenkopfschädelforschung, in die das 19. Jahrhundert so vernarrt war, völliger Quatsch ist.

Länge des Buches: ca. 110.000 Zeichen (engl.). – Ausgaben:

Thomas De Quincey: Die letzten Tage des Immanuel Kant. Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Cornelia Langendorf. Mit Beiträgen von Fleur Jaeggy, Giorgio Manganelli und Albert Caraco sowie einem Anhang. München: Matthes & Seitz 1984.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 66
Pearl S. Buck: »Die Frau, die sich wandelt« (1937)

Berlin, 8. Mai 2013, 12:29 | von Josik

Als Doris Lessing im Jahr 2007 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, sagte sie: »I’m 88 years old and they can’t give the Nobel to someone who’s dead, so I think they were probably thinking they’d probably better give it to me now before I’ve popped off.« Als im Jahr 1938 beratschlagt wurde, wer mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden soll, war Hermann Hesse zum zweiten Mal nominiert. Abgesahnt hat ihn dann aber, im jugendlichen Alter von 46 Jahren, Pearl Sydenstricker Buck, die kein einziger Buchmacher überhaupt auf dem Zettel hatte und von der im Nobelpreiskomitee noch nie zuvor die Rede war. Dies führte dort zur Lex Pearl S. Buck, wonach fortan nie wieder jemand sofort bereits bei der Erstnominierung literaturnobelausgepreist werden darf.

Pearl S. Buck jedenfalls musste nun niemandem mehr etwas beweisen und konnte nach 1938 machen, was sie wollte. Deshalb hat sie dann auch den Hundertseiter »The Woman who was changed« geschrieben, ein Buch, das sämtliche Ingredienzien für einen Bestseller, Topseller und Longseller enthält und das unbedingt wieder neu aufgelegt werden sollte. Es muss ja nicht unbedingt unter dem ambitionierten Titel »Die Frau, die sich wandelt« sein. Die aus dem Fernsehen bekannte Schriftstellerin Christine Westermann gab einem ihrer Romane den etwas eingängigeren Titel: »Baby, wann heiratest du mich?« Lustigerweise ist dieser Christine-Westermann-Titel auch schon die komplette Inhaltsangabe des beliebten Buckbuchs.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Pearl S. Buck: Die Frau, die sich wandelt. Roman. Aus dem Amerikanischen von Anke Schmidt. Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1989. S. 5–107 (= 103 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 65
Peter Bichsel: »Cherubin Hammer und Cherubin Hammer« (1999)

Berlin, 4. Mai 2013, 18:08 | von Josik

In Peter Bichsels »Cherubin Hammer und Cherubin Hammer« geht es (wie der Name schon sagt oder wie die Namen schon sagen) um die Geschichte von Cherubin Hammer und um die Geschichte von Cherubin Hammer. Obwohl es sich um einen erzählerischen Text handelt (»den zweitlängsten Erzähltext des Autors«), ist er mit insgesamt 54 Fuß­noten durchsetzt, die aber nicht weiter stören.

In Fußnote 2, in Fußnote 41 und in Fußnote 53 ist vom Zürcher »Tages Anzeiger« die Rede, im Volksmund auch ›Tagi‹ genannt. In Fußnote 2 und in Fußnote 53 ist sogar, noch präziser, von der Seite 14 des »Tages Anzeiger« die Rede. Wäre darüber hinaus auch noch in Fußnote 41 von der Seite 14 des »Tages Anzeiger« die Rede, so könnte man glatt sagen, dass in diesem Buch nicht nur der »Tages Anzeiger« als solcher, sondern eben die Seite 14 des »Tages Anzeiger« ein Leitmotiv ist.

Als Cherubin Hammer dann gefragt wird, wie er denn dazu gekommen sei, zu sagen, dass auf Seite 14 des »Tages Anzeigers« etwas stehe, das unbedingt gelesen werden solle, antwortet er (in Fußnote 2): »Ich habe es nicht verstanden, da habe ich mir gedacht, es könnte etwas für dich sein.«

Irgendwie kam mir das alles sehr wunderlich vor, deshalb bin ich neulich, am Karfreitag, extra zum Hauptbahnhof gefahren in der Absicht, den »Tages Anzeiger« käuflich zu erwerben und dann mal nachzukucken, ob die Seite 14 denn wirklich so schwer verständlich ist? Dummerweise war der »Tages Anzeiger« aber schon ausverkauft bzw. an der Kasse konnten sie mir auch gar nicht sagen, ob er denn an normalen Tagen (Nichtfeiertagen) erhältlich ist.

Ersatzhalber bin ich jetzt wenigstens auf die Homepage des »Tages Anzeiger« gegangen und habe mir die Startseite komplett durchgelesen und, ja!, tatsächlich!, es gibt dort ein (1) Wort, das nicht auf Anhieb verständlich ist: »Schnitzelbank-Opfer«.

Länge des Buches: ca. 138.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Bichsel: Cherubin Hammer und Cherubin Hammer. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999. S. 5–109 (= 105 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Rainald »sozusagen« Goetz

Berlin, 25. April 2013, 08:03 | von Josik

(inspiriert von Joachim Lottmann)

»ZDF-Nachtstudio«, 5.9.2001, Teil 1 (YouTube):

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»ZDF-Nachtstudio«, 12.9.2001, Teil 1 (YouTube):

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»Harald Schmidt«, 8.4.2010 (YouTube):

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Kontext:

Vor 10 Jahren im »ZDF nachtstudio«: »Fernsehen I bis III« (Rainald Goetz & Comp.) (Umbl 11.12.2011)

Rainald Goetz bei Harald Schmidt (Umbl 3.6.2010)
 


100-Seiten-Bücher – Teil 62
Anna Seghers: »Aufstand der Fischer von St. Barbara« (1928)

Berlin, 23. April 2013, 13:12 | von Josik

Bereits im ersten Satz wird verraten, wie diese Geschichte ausgeht. Wem es reicht, die Auflösung zu erfahren, der kann also das Buch nach dem ersten Satz wieder zuklappen. Wer aber wissen will, wie es zu diesem Ende gekommen ist, der sollte auch den Rest noch lesen – zumal es sich um Anna Seghers’ erstes Buch handelt, für welches ihr, dank Hans Henny Jahnn, auch gleich der Kleist-Preis zuerkannt wurde. Ein paar Jahre später hat Erwin Piscator in der Sowjetunion dieses Büchel sogar verfilmt.

Wenn man nur den Film kuckt, verpasst man aber die ausdrucks­starken literarischen Vergleiche, die Anna Seghers in ihrem Buch abfeuert: »wie die Platten einer ungeheuren hydraulischen Presse« (S. 8), »[w]ie der Zeigefinger einer ausgestreckten Hand« (S. 8), »wie ein Kind, das seine Mutter im Dunkeln wiedererkennt« (S. 8), »wie die geschweiften Schwingen zweier in der Luft ruhenden Vögel« (S. 21), »wie ein Knorz von einer dünnen Wurzel« (S. 22), »wie ein an einem Riemen befestigtes Bleigewicht« (S. 53), »wie ein Kassenschrank« (S. 73). Usw. usw.

Piscator war ja schon in den 20er-Jahren in der »Künstlerhilfe für die Hungernden in Rußland« aktiv und richtete auch einmal eine Anfrage an, wie er ihn nannte, »Herrn Karl Krauss« (Fackel Nr. 759–765, S. 60). Woraufhin Kraus sachlich feststellte, dass Piscator »meinem Namen das zweite s appliziert hat, das dem seinen freilich eher gebührte« (ebd., S. 68).

Länge des Buches: ca. 171.000 Zeichen. – Ausgaben:

Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara. Weimar: Kiepenheuer 1947. S. 5–108 (= 104 Textseiten).

Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara. Berlin: Aufbau-Verlag 2002 (= Werkausgabe. Das erzählerische Werk I/1.1). S. 3–93 (= 91 Textseiten).

Anna Seghers: Aufstand der Fischer von St. Barbara. Erzählung [laut Stephan Hermlin aber ein »Roman«!]. Mit einem Nachwort von Sonja Hilzinger. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 4. Auflage 2011. S. 3–109 (= 107 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 7):
Ausblicke

Berlin, 14. April 2013, 12:45 | von Josik

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Mit dem Hinweis auf zwei weitere Hundertseiter aus der Feder von Ulla Berkéwicz geht die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche heute leider schon zu Ende. Eine ungewöhnliche Autorin galt es wiederzuentdecken – wenngleich unsere Schuldigkeit noch nicht ganz getan ist. Literaturhistorisch bedeutsam ist es nämlich, dass in dem Buch »Vielleicht werden wir ja verrückt« (2002) auf Seite 51 die Wendung »Hanauer Gefühle« auftaucht. Der Satz ist zu herzzerreißend, um ihn nicht in voller Länge zu zitieren:

»Ich war fünfzehn, Weltschmerz und Verachtung tobten mir gleich stark in der Brust, die Hanauer Gefühle schnürten mir den Hals ab, ich hörte ›Insch allah‹ und ›Hava Nagila‹ aus der Milchbar-Jukebox und schrieb meine Gedichte, Elegien, Klagen, Anklagen und Verweigerungstraktate.« (S. 50f.)

Es scheint dies schon eine subtile Vorausdeutung auf den Essay »Hanauer Gefühle« zu sein. Das Cover und der Vorschautext für »Hanauer Gefühle« geistern noch immer durchs Internet. Ein »eigensinnig schöner Essay« wird uns da schmackhaft gemacht, in dem zu lesen steht, wie ein hessisches Mädchen in seiner Jugend mit seinen Idealen gegen Wände läuft und sich dennoch sagt: Eine andere Welt ist möglich – vielleicht eine Welt außerhalb Hessens.

Leider aber ist dieser Essay »Hanauer Gefühle« nie erschienen. Nach Angaben der Deutschen Nationalbibliothek hätte er die klassische Hundertseiterlänge von 90 Seiten umfassen und im Jahr 2003 erscheinen sollen. Wer sich nicht auszumalen wagt, welch unersetzlichen Verlust für die deutschsprachige Literatur es bedeuten würde, wenn dieses Werk auch fürderhin in der Schublade liegen bleibt, der kann nur hoffen, dass hier bald noch ein weiterer Schatz zu heben ist. Wer auf der Verlagshomepage nach »Hanauer Gefühle« sucht, erhält die lakonische Auskunft: »Ihre Suche nach ›Hanauer Gefühle‹ ergab kein Ergebnis«.

Andere Ulla-Berkéwicz-Werke hingegen kann man direkt auf www.suhrkamp.de bestellen: »Michel, sag ich« etwa schon für EUR 1,45 oder »Adam« für EUR 2,45, zzgl. EUR 3,00 Versandkosten. Bei einem Warenbestellwert über EUR 20,00 werden einem die Versandkosten erlassen. Man kann sich jedes Buch bei Suhrkamp auch als Geschenk verpacken lassen (»Für die Geschenkverpackung fallen pro Artikel 2,00 Euro an«). Es gibt für diese Geschenkverpackung zwei Muster, Muster 2 finde ich schöner als Muster 1.

Etwas mehr Glück haben wir da mit dem allerneuesten Ulla-Berkéwicz-Buch: »Reine Erfindung«, abermals ein klassischer Hundertseiter, diesmal 80 Seiten lang. Laut Vorschautext wirft dieses Buch die Frage auf, ob es schon Endzeit oder erst Angst und Ahnung sei, wenn der katholische Priester sich im Gebälk des Glockenturms erhängt und der muslimische Schlachter das Messer an die eigene Kehle setzt.

Noch Anfang Februar d. J. war auf der Verlagshomepage als Erscheinungstermin wohl nicht zufällig Balzacs Geburtstag, der 20. Mai, angekündigt. Inzwischen wurde, aus noch ungeklärter Ursache, der Termin auf den 11. November, Dostojewskis Geburtstag, verschoben. Uns bleibt vorerst nur die Hoffnung, mit der Würdigung dieses Hundertseiters, dessen Erscheinungstermin nicht ein weiteres Mal zu verschieben wir Gott bitten, uns auch um die nächste Ulla-Berkéwicz-Renaissance verdient machen zu können.
 


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 6):
»Überlebnis« (2008)

Berlin, 13. April 2013, 09:40 | von Josik

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 60)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Gleich auf der ersten Seite taucht der »Spielspieler« auf, und wer sich hier an eine so wunderbare Wortschöpfung wie den Sat.1-Filmfilm erinnert fühlt, liegt genau richtig. Schon auf der zweiten Seite nämlich sind irgendwelche Leute dann von etwas »überweltigt«, und auch im folgenden zeugt dieses Werk trotz seiner ernsten Thematik von einem derart beseelten Sprachwitz, wie er wohl nicht mal Dieter Nuhr bzw. Hildebrandt zu eigen ist. In das hinreißende Wort »Muttergottesgeil­heit« (S. 132) scheint Ulla Berkéwicz selbst ganz vernarrt zu sein, tauchte die »Muttergottesgeilheit« doch bereits in dem großen Essay »Vielleicht werden wir ja verrückt« auf (2009, S. 18).

Ich habe das Buch in einem Rutsch ausgelesen, nur einmal musste ich kurz innehalten. Da beschreibt die Erzählerin, was sie in ihrer Handtasche hat: »den Lader für das Handy, zwei Päckchen Zigaretten, zwei Tüten Pfefferminzbonbons, Geld, Ausweis, Kamm und Lippenstift« (S. 60). Vielleicht können sich ältere Leser noch erinnern: Sagte man damals, als Handys aufkamen, ›Lader‹? Hoffentlich! Denn es ist ja in der Tat nicht einzusehen, warum das hässliche, kalte, technizistische, umständliche, pfuiteuflische ›Ladegerät‹ oder gar ›Aufladegerät‹ sich überhaupt durchgesetzt hat gegenüber dem zehntausendmal schöneren, farbigeren, sinnvolleren, poetischeren und auch kompakteren ›Lader‹. Nicht zuletzt deshalb ist die Lektüre von »Überlebnis« unbedingt zu empfehlen.

Länge des Buches: ca. 157.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ulla Berkéwicz: Überlebnis. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008. S. 5–139 (= 135 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 5):
»Vielleicht werden wir ja verrückt« (2002)

Berlin, 12. April 2013, 08:20 | von Josik

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 59)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Der Essay »Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus«, wohl kurz nach dem 11. September 2001 entstanden, ist ohne jeden Zweifel Ulla Berkéwiczs Meisterwerk. Nicht nur, weil man hier als Leser sein medizinisches Vokabular ungemein erweitern kann (ich hatte z. B. nicht gewusst, was auf S. 101 der 2009er Ausgabe »gangränös« bedeutet, weiß es aber nun, nachdem ich im Duden nachgeschlagen habe: »brandig«), sondern auch weil Ulla Berkéwicz hier zu ihrer mundartlichen Hochform aufläuft: Da »haut der Vadder aufn Tisch, haut die Omma aufn Kopp, haut der Oppa übers Ohr« (S. 100), und an einer anderen Stelle heißt es: »die Schmidtys […] meinen, man könne sich eben nun ma nich dümmer stellen, als man nun ma eben nun ma is« (S. 12).

Einen abendfüllenden Disput wäre sicherlich auch diese Passage wert: »Die Mischung aus Koran und Schießübungen mitsamt dem gemeinsamen Haschischgenuß […] bringen […] jede ›Blutige Braut‹ um den Verstand, und die spirituellen Energien, die durch die Verknüpfung von Moschee und Terror die Glut entfachen, die ihren sozialistischen Vorkämpfern nicht mal in Gedanken an die Eier von Che Guevara in den Sinn gekommen wären, um den freien Willen.« (S. 40f.) In der Tat streitwürdig! Ich selbst halte es nicht für ausgemacht, dass die Mischung aus Koran, Schießübungen und Haschisch spirituelle Energien um deren freien Willen bringt, einfach weil ich bezweifle, dass spirituelle Energien einen freien Willen haben – aber da gibt es sicherlich auch gute und beste Argumente dagegen.

Herausragend dann wieder dieser einprägsame Kinderreim, den Ulla Berkéwicz vielleicht sogar selbst gedichtet hat: »›Gott ist tott und alle fott, / durch die Wüste, tocka hott.‹« (S. 120) Um nun aber wieder zu den Moscheen zurückzukommen: Gegen Ende des Buches schildert Ulla Berkéwicz sehr plastisch die Inneneinrichtung einer Moschee hinterm Frankfurter Hauptbahnhof, und wir erfahren, dass die dortigen Kristalllüster von Woolworth stammen! (S. 108f.)

An einer anderen Stelle kommt sie auf Hitler zu sprechen: »[A]ls er«, heißt es da, »1938 in die Lautsprecher des Reichstags brüllte: ›Es gibt eine höhere Bestimmung, und wir alle sind nichts als seine Werkzeuge‹, jubelte eine ganze Nation ihm zu« (S. 21). Man versetze sich einmal in das Jahr 1938 zurück, in den damaligen Reichstag, und man wird tatsächlich vieles für möglich halten – auch dass Hitler den besagten Satz in die Lautsprecher des Reichstags brüllte.

Sätze in einen Lautsprecher brüllen ist eine für Choleriker womöglich charakteristische Verhaltensweise. Aber eine merkwürdige Vorstellung bleibt es doch trotz alledem: Brüllte Hitler diesen Satz wirklich in die Lautsprecher des Reichstags? Hitler stand doch vermutlich eher am Rednerpult und brüllte in das Mikrofon, und die Lautsprecher werden dieses Gebrüll dann übertragen haben. Diese Lautsprecher hingen ja weiß Gott wo, schätzungsweise irgendwo hoch oben an den Wänden. Hitler wird sich doch wohl kaum die Mühe gemacht haben, den Weg zu den Lautsprechern zurückzulegen, im Reichstag die Wände hochzukraxeln und dann in diese Lautsprecher hineinzubrüllen. Zumal das ja auch völlig sinnlos gewesen wäre, denn wenn man in einen Lautsprecher hineinbrüllt, erreicht man mit seinem Gebrüll natürlich viel, viel weniger Leute, als wenn man in ein angeschaltetes Mikrofon hineinbrüllt.

Aber noch einmal: Vorstellbar ist es auf jeden Fall schon, dass Hitler, wie Ulla Berkéwicz schreibt, den Satz »Es gibt eine höhere Bestimmung, und wir alle sind nichts als seine Werkzeuge« brüllte. Denn natürlich traut man Hitler auch sofort zu, einen solchen grammatikalischen Schmus fabriziert zu haben. Indes: Sprach er, auch wenn er zugegebenermaßen aus Österreich stammte, wirklich so schlecht deutsch? In dem zitierten Satz ist ja nicht klar, worauf das Pronomen seine sich bezieht. Das einzige Wort, auf das es sich in diesem Satz logischerweise beziehen könnte, ist Bestimmung, aber Bestimmung ist ja nun mal weiblich. Folglich dürfte es nicht seine Werkzeuge, sondern müsste ihre Werkzeuge heißen.

Sechs Jahre nach Erscheinen des Buches »Vielleicht werden wir ja verrückt« diente der zitierte Hitler-Satz Ulla Berkéwicz in einer Rede, die sie anlässlich des großen Erfolgs von »Hammerstein oder Der Eigensinn« vor Hans Magnus Enzensberger, 135 Mitgliedern der Familie Hammerstein und weiterem Publikum hielt, als Exordium; nunmehr aber fügte sie dem Zitat eine merkwürdige Frage hinzu. Sie sagte nämlich: »Als Hitler 1938 in die Lautsprecher des Reichstags brüllte: ›Es gibt eine höhere Bestimmung, und wir alle sind nichts als seine Werkzeuge‹, jubelte eine ganze Nation – oder nicht?« Warum dieses nachgeschobene »oder nicht«? Man weiß es nicht. Man weiß eigentlich nur, dass der Satz im Standardwerk von Max Domarus: »Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen«, I. Band: Triumph (1932–1938), Copyright 1962 by Dr. Max Domarus, Würzburg, Gesamtherstellung und Auslieferung: Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt a. d. Aisch, auf S. 849, dort zitiert nach dem ›Völkischen Beobachter‹ Nr. 101 vom 11.4.1938, wie folgt wiedergegeben wird: »Es gibt eine höhere Bestimmung, und wir alle sind nichts anderes als ihre Werkzeuge.«

Hitler war schon monströs genug, man muss ihm gar nicht unbedingt noch einen grammatikalischen Lapsus unterjubeln, der ihm womöglich nie unterlaufen ist. Man kann natürlich auch Hans Magnus Enzensberger, dem dieser Hitler-Lapsus aufgefallen sein dürfte, verstehen, dass er nach dieser Rede Ulla Berkéwicz gentleman-like sicherlich nicht korrigiert haben wird. Sowieso gehört es, wie ich bezeugen kann, zu den unangenehmsten Gefühlen überhaupt, die einen im Laufe des Lebens so überkommen, ausgerechnet Hitler gegen Ulla Berkéwicz in Schutz nehmen zu müssen.

Es ist bei alledem ja noch immer nicht ausgeschlossen, dass Ulla Berkéwicz, die in ihrem Buch »Vielleicht werden wir ja verrückt« keine Quelle für ihr Hitler-Zitat angibt, sich auf eine ganz andere Quelle gestützt hat als auf Max Domarus und dass sie nach der von ihr benutzten Quelle durchaus korrekt zitiert. Nach der von mir benutzten Quelle hat sich dann jedenfalls auch das Reichstagsproblem in Wohlgefallen bzw. in Luft aufgelöst, denn wie Domarus auf S. 848 schreibt, hat Hitler den Satz »Es gibt eine höhere Bestimmung, und wir alle sind nichts anderes als ihre Werkzeuge« ohnehin nicht im Reichstag, sondern, am Abend des 9. April 1938, in der Halle des Wiener Nordwestbahnhofs gesprochen. Der Satz stammt, Domarus zufolge, aus der letzten Wahlrede, die Hitler vor der Volksabstimmung über den sogenannten Anschluss Österreichs gehalten hat.

Übrigens darf man dieses eventuelle Fehlzitat natürlich nicht überbewerten, es handelt sich bei den hier konstatierten Abweichungen letztlich ja sowieso bloß um Pipifax. Man sollte auch nicht vergessen, dass Ulla Berkéwicz keine gelernte Historikerin ist, sondern gelernte Schauspielerin, dass immerhin das von ihr angegebene Jahr 1938 stimmt, und dass sie auf der Bühne einen Text, in dem der besagte Satz, ob nun in der Adolf-Hitler-Fassung oder in der Ulla-Berkéwicz-Fassung, vorkommt, sicherlich in einer Weise rezitieren könnte, dass es dem Publikum kalte Schauer über den Rücken jagt.

Länge des Buches: ca. 168.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ulla Berkéwicz: Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002.

Ulla Berkéwicz: Vielleicht werden wir ja verrückt. Eine Orientierung in vergleichendem Fanatismus. Frankfurt/M.: Verlag der Weltreligionen 2009. S. 7–122 (= 116 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Tag 1):
»Josef stirbt« (1982)

Berlin, 8. April 2013, 09:55 | von Josik

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 55)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Am 4. September 1982 erscheint Ulla Berkéwiczs Debut »Josef stirbt«. Danach geht es Schlag auf Schlag. Drei Tage nachdem der Bundestag für Helmut Kohl als Bundeskanzler gemisstrauensvotet hat, taucht der Name Ulla Berkéwicz zum ersten Mal im »Spiegel« auf – ihr literarischer Einstand wird über vier riesenlange Spalten hinweg in einer einzigartigen und unvergleichlichen Jubelarie abgefeiert. Natürlich zu Recht, denn wenn man die Erzählung »Josef stirbt« heute noch einmal zur Hand nimmt, ist man einfach baff, wie frisch, wie unverbraucht, wie zeitlos der damalige Jugendslang auch heute noch klingt. So sagt die Ich-Erzählerin einmal: »Ich ziehe mir am Automaten drei Nuts« (S. 20). Sich ganze drei Nuts auf einmal zu ziehen, was ist da los! Darüber hinaus sind dann auch noch zwei kleine literaturhistorische Scherze in den Text eingebaut, es tauchen nämlich »der blonde Sohn, der Egbert« (S. 25) sowie »der blonde Sohn, der Egbert« (S. 114) auf.

Die Titelfigur in »Josef stirbt« war bis ins sehr hohe Alter hinein von recht robuster Konstitution, denn erst »mit 88«, so erfahren wir, »kam der erste Schnupfen« (S. 13). Darüber hätte Friedrich Theodor Vischer, der sogenannte V-Fischer, wahrscheinlich eine Hohnlache aufgeschlagen, hatte er doch seit jeher mit dem Schnupfen zu kämpfen und sich in seiner 600-seitigen Novelle »Auch Einer«, die quasi ausschließlich vom Schnupfen handelt, darüber beschwert, dass, wer Schnupfen hat, trotzdem nicht als berechtigt gilt, krank zu sein. Ein Happy End gibt es in Ulla Berkéwiczs Debut natürlich nicht, und spoilern kann man hier schlechterdings auch nichts, wenn man verrät, worauf’s dann halt doch irgendwann hinausläuft: wenig überraschend, stirbt Josef.

Länge des Buches: ca. 108.000 Zeichen. – Ausgaben:

Ulla Berkéwicz: Josef stirbt. Erzählung. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1982.

Ulla Berkéwicz: Josef stirbt. Erzählung. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1985. S. 5–115 (= 111 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die große Ulla-Berkéwicz-Festwoche (Vorwort)

Berlin, 7. April 2013, 10:00 | von Josik

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Ulla Berkéwicz ist die klassische Hundertseiterautorin der Gegenwart. Grund genug also, dass wir eine Woche lang jeden Tag – ab morgen – einem ihrer Hundertseiter eine kleine Betrachtung widmen. Nicht bunt durcheinander, nicht nach Lust und Laune, sondern streng chronologisch geordnet – um auf diese Weise einen außerordentlichen schriftstellerischen Entwicklungsgang nachzeichnen zu können.

In dem 2010 erschienenen Werk »Überlebnis« heißt es: »Und jetzt, nach elf Büchern manchmal, in der Nacht manchmal, ist mir bang, was aus den Wortfiguren, was aus den Welten, die ich für sie entworfen habe, wohl geworden ist.« (S. 27) Ja, was ist aus ihnen wohl geworden? Dieser Frage gehen wir nach. Manche dieser inzwischen sogar schon mehr als elf Bücher unter- bzw. überschreiten die Hundertseitergrenze zwar, aber es bleiben immer noch genug Werke für eine ganze Ulla-Berkéwicz-Festwoche übrig.

Was wir während dieser Festwoche leider nicht mit würdigen können, sind Ulla Berkéwiczs Übersetzungen. Nach Angaben der Deutschen Nationalbibliothek lautet Ulla Berkéwiczs Pseudonym Johannes Fein. Eine Information zu diesem Pseudonym hat Ulla Berkéwicz offenbar an die Autorin der Studie »Clarissas Krambude – Autoren erzählen von ihren Pseudonymen« weiterleiten lassen: »Frau Unseld-Berkéwicz möchte die Geschichte ihres Pseudonyms Johannes Fein nicht preisgeben, wenn, dann wird sie sie eines Tages selbst aufschreiben, schrieb mir 2006 ihre Assistenz Frau Christina Striewski.« (S. 241)

Tatsächlich ist die Geschichte des Pseudonyms Johannes Fein bisher bloß in Umrissen bekannt. Fest steht aber, dass dieses Pseudonym eine eigene Biografie hat. Im Feuilleton des Hamburger Abendblatts vom 7./8. August 1976 wurde auf Seite 23 über die Inszenierung von Shakespeares »Sturm« am Schauspielhaus unter der Regie von Wilfried Minks berichtet. »In einem Gespräch mit Minks erhielt das Hamburger Abendblatt erste Einblicke in die Arbeit des Regisseurs und Bühnenbildners«, so heißt es in diesem Artikel aus der Feder von Eberhard von Wiese.

Und weiter: »Es wird keine ›hausgemachte‹ Übersetzung wie bei ›Othello‹ geben. Das klingt verheißungsvoll. Minks: ›Unsere Übersetzung stammt von dem Ost-Berliner Schriftsteller Johannes Fein. Ich halte sie für geglückt. Sie kommt dem englischen Original sehr nahe. Sie ist modern, ohne modernistisch zu sein. Die Schlegel-Tieck-Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert liegen uns doch zu fern.‹« Der Regisseur Wilfried Minks, der hier Johannes Fein, den Übersetzer des ›Sturms‹, als einen Ost-Berliner Schriftsteller ausgibt, ist natürlich niemand anderer als Ulla Berkéwiczs erster Ehemann, und man kann die ausgeklügelte Maskerade dieses Pseudonyms sowie die eigens erfundene Herkunft nur bewundern: Johannes Fein ein Ost-Berliner!

Nur noch antiquarisch angeboten wird eine 1977 im Münchner Drei Masken Verlag erschienene Ausgabe des »Mittsommernachtstraums«, wieder übersetzt von einem Johannes Fein. Und auch eine der vielen Übersetzungen von John Millington Synges Drama »The Playboy of the Western World« scheint von einem Johannes Fein zu stammen. Um all dies aber wird es in den kommenden Tagen, wie gesagt, nicht gehen, denn es wäre ja auch äußerst ermüdend, wollte man tagelang einfach nur irgendwelche Fakten aneinanderreihen. Vielmehr wenden wir uns der Literatur zu und widmen uns Ulla Berkéwiczs Hundertseiter­autorenschaft. Wenn Der Umblätterer einen Wunsch äußern dürfte, so wäre es der, dass Ulla Berkéwicz noch einen Hundertseiter über die Geschichte ihres Pseudonyms Johannes Fein verfasst.

Dass jeder ihrer bisher erschienenen Hundertseiter, die wir hier vorstellen und der literarisch interessierten Öffentlichkeit nachdrücklich ans Herz legen möchten, tatsächlich ein ausgesprochen feiner Hundertseiter ist, wird sich an jedem der kommenden sieben Tage ohnehin zur Genüge erweisen. Der Sinn der großen Ulla-Berkéwicz-Festwoche ist es also, das Publikum für Ulla Berkéwiczs Hundertseitenwerke zu gewinnen. Morgen geht’s los.