Monatsarchiv für März 2008


Das Uefa-Cup-Finale von Leipzig

Konstanz, 13. März 2008, 11:58 | von Marcuccio

Für alle Fans des Feuilleton-Sports wird dann heute nachmittag erst mal der Uefa-Cup der deutschen Buchpreise ausgetragen. Das war übrigens schön, wie Wiebke Porombka in der taz das Standing der konkurrierenden Buchmesse-Awards (Frankfurt vs. Leipzig) mal so beschrieb:

» (…) der ›Preis der Leipziger Buchmesse‹ (…) gilt hinter vorgehaltener Hand eher als Uefa-Cup-Teilnahme. Entspannen wir uns also ein bisschen bis zur Frankfurter Champions League, die im Oktober 2008 ausgetragen wird.«

Wobei so ein Uefa-Cup ja durchaus auch mal mehr Qualität bieten kann als ein vermeintlich hochkarätiges CL-Finale: Wir alle erinnern uns an 2003, als es bei Juve gegen Milan auch nach 90 Minuten plus Verlängerung immer noch 0:0 stand (gähn). Rein von der Aufstellung (keine Julia Franck II, kein Arno Geiger IV) steckt dieses Leipziger Shortlist-Finale heute sowieso schon voller Überraschungen. 16 Uhr wissen wir mehr.


Neues vom 1. FC Feuilleton

Konstanz, 12. März 2008, 07:01 | von Marcuccio

Paco und ich hatten an dieser Stelle schon mal den legendären Mannschaftstausch zwischen S- und F-Zeitung rekapituliert – den größten Spielertransfer der jüngeren Feuilleton-Geschichte! Nun geht ein Leser der F-Zeitung den nächsten Schritt und präsentiert seine persönliche Feuilleton-Auswahl:

Der FAZ-Linksaußen

Manche werden jetzt erst mal fragen, ob diese Position überhaupt bespielt wird. Aber ja doch, zumindest wenn man die »Angriffe auf die Feuilletonredaktion« ernst nimmt, von denen Stefan Kleie aus Basel auf der Leserbriefseite der F-Zeitung vom 28. Februar (S. 38) schreibt. Danach haben die »Leser Herbert J. Exner und Ernst Liebert in der F.A.Z. vom 11. und 22. Februar« dem für die Sachbuchseite zuständigen Redakteur Christian Geyer »Linksfundamentalismus« vorgeworfen. Das möchte Kleie so nicht gelten lassen:

»Geyers subtile Anmerkungen (…) sind keineswegs schlicht links, sondern können ebenso als Bekenntnisse eines skrupulösen Wertkonservatismus gelesen werden.«

Der Rechtsaußen

Ähnliches, so Kleie, gelte auch für die »Beiträge von Lorenz Jäger, in dem manche den Rechtsaußen des Feuilletons sehen wollen, und die Versuche Frank Schirrmachers, mit Blick auf Stefan George und Ernst Jünger nichts Geringeres als eine Neubwertung der deutschen Geistesgeschichte vor 1945 vorzunehmen.«

Insgesamt hält Leser Kleie nicht viel vom althergebrachten, starren Rechts-Links-Schema. Vielmehr gibt er sich – wie wohl die meisten Feuilleton-Fans seines Alters – als Anhänger eines flexiblen Spielsystems zu erkennen:

»Für mich als Angehörigen einer jüngeren, noch dazu in Ostdeutschland geborenen Generation sind solche Grabenkämpfe der alten Bundesrepublik irrelevant (…).«

So wundert’s einen auch nicht, dass Kleies größte Sympathie einer Feuilleton-Position gilt, die sowieso alle gängigen Schemata unterläuft:

Der Libero

»Zu Dietmar Daths großartigen Pop- und Marxismus-Exegesen brauche ich hier nicht eigens etwas auszuführen. Es wäre zu wünschen, dass er wieder einmal ganze Artikel schriebe.«

Ja, so bescheiden klingen Fans der Halbwelt … Tatsächlich liest man Dath zurzeit nur noch in der samstäglichen Sputnik-Kolumne. (Vielleicht macht er aber auch gerade Kreativpause für ein nächstes Buch? Was weiß ich. Dienstältester Dath-Umblätterer ist ja auch Paco …)

Und die Mannschafts-Hymne

»Es ist die Polyphonie der unterschiedlichen Ressorts und der einzelnen Positionen im Feuilleton, die die F.A.Z. für mich zu einer der besten Zeitungen der Welt macht.«

Das ist doch mal ein Bekenntnis. Und überhaupt wäre es toll, wenn sich auf den Leserbriefseiten neben all den Herrenreitern noch viel mehr Stefan Kleies zu ihren feuilletonistischen Lieblingsspielern zu Wort melden würden. Forza!


Lost: 4. Staffel, 6. Folge

auf Reisen, 12. März 2008, 02:42 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Other Woman«
Episode Number: 4.06 (#77)
First Aired: March 6, 2008 (Thursday)
Deutscher Titel: »Die andere Frau« (EA 20. 7. 2008)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Jetzt wird es konkreter, jetzt muss es konkreter werden, denn es geht dem Ende entgegen. Nach dem SciFi-Zeitsprung-Kram der letzten Folge kriegen wir nun von Ben bestätigt, dass Pennys Vater, Mr. Widmore, die Insel will.

Damit ist wieder eines der Hauptthemen da: Väter. Viele Subgeschichten handeln von Vater-Sohn-Beziehungen, von Sohnes- oder Tochterleid und Vatermord. Locke und Sawyer und Kate und Jack. Es ist kein Zufall, dass all diese Hauptcharaktere schwere father issues haben.

Und nun Mr. Widmore, wieder so ein Vatervieh, das irgendwas im Schilde führt. Laut Ben hegt Widmore ganz normale Bereicherungs- und Ausbeutungspläne, ob dieser notorisch unzuverlässigen Quelle diesmal zu trauen ist, wissen wir natürlich nicht. Jedenfalls hat der Offshore-Feind jetzt ein Gesicht.

Daneben gab es vor allem viel Juliet in dieser Folge. Sie hat sich nach ihrer Ankunft auf der Insel mit Goodwin eingelassen, dem Mann der Other-Therapeutin Harper, den wir schon aus früheren Staffeln kennen. Die Affäre ist aber insofern ein Fehler, als Ben von Anfang an einen crush on Juliet hat, und warum: »She looks just like her.« Die Frage »Like who?« ergänzt wieder mal den Strauß dringend zu beantwortender Fragen.

In weiteren Szenen sehen wir einen verliebten Ben, der Juliet mit einem Dinner for two hofieren will. Sie soll dann allerdings auch begreifen, »that you’re mine«, uh-oh, sowas kommt schlecht an bei einer modernen Frau – da hat Ben auf der Insel wohl ein paar Jahrhunderte Menschheitsentwicklung verpasst.

Jedenfalls hat er Goodwin aus Eifersucht unter die Überlebenden von Oceanic 815 geschickt, wo er irgendwann von Ana Lucia gekillt wurde. Ben führte Juliet dann persönlich zum gepfählten Goodwin, um Juliet seine Rache effektvoll unter die Nase zu reiben.

Als Spannungselement gibt es diesmal übrigens ein Wettrennen zu The Tempest, dem Elektrowerk, das die Insel mit Energie versieht. Wieder so ein Inselbunker.

Faraday und Charlotte erreichen das Ziel als erste, doch werden vorher im Dschungel kurz von Kate gestellt. Die kriegt aber von Charlotte eins übergebraten. Jack und Juliet finden die zusammengeschlagene Kate, Jack befragt sie, doch darüber verschwindet dann wieder Juliet voreilig Richtung Tempest.

Dort stellt sie Faraday, der gerade an so einem Monogreen-Bildschirm herumtippt. Charlotte probt wieder ihre Überzieherkünste und bringt Juliet zu Fall. Die letzten Sekunden zählen sich herunter, die Szene ist ähnlich wie damals beim Hatch-Computer ein bisschen hollywoodesk überzogen.

Charlotte meint, sie wollen mit ihrer Aktion das Ausströmen eines tödlichen Gases verhindern, mit dem Ben alle Insulaner killen wollen würde. Und siehe da, Juliet glaubt das offenbar und hält Faraday nicht auf. Der schafft es dann auch einen Moment vor der Nullsekunde das Ding anzuhalten: »That … that was a close one.«

Und ach ja, Claire kriegt von den Autoren mal wieder ein paar Zeilen zugeschanzt. Sie darf heute mal Locke anzweifeln, und wenn sogar sie nicht mehr glaubt, dass er es reißen kann, muss was dran sein. Das erkennt auch Locke und entschließt sich endlich zu einem Deal mit Ben. Der führt ihn zu einer Videokassette mit einer heimlich gefilmten Tiefgaragenszene, in der Charles Widmore auftaucht.

Wir müssen dann den Erklärungen von Ben glauben, aber Locke bekommt von ihm immerhin eine Akte über Widmore ausgehändigt, zusammen mit dem Geständnis, dass das Bens letzter Trumpf war. Na gut, fehlt nur noch Bens Mann auf dem Boot: »You need to sit down«, meint Ben, aber die Antwort hören wir in dieser Folge nicht mehr.

Am Ende gibt es eine Szene mit Hurley und Sawyer, damit wir auch die beiden nicht ganz vergessen. Sie spielen Hufeisenboccia, als sie plötzlich ungläubig den freigelassenen Ben vorbeispazieren sehen: »See you guys at dinner«, meint er grinsend zu den glotzenden Hufeisenwerfern, und da ist es mal wieder Zeit für eine Hommage an die Figur Ben, an deren Vielschichtigkeit, die sich so schön langsam herausgeschält hat. Man muss sich wirklich noch mal die 2.14 ansehen, in der er zum ersten Mal auftaucht. Damals glaubt man ihm noch seine Unschuldsstory – mit dem geballten Wissen um seine geheimnisvolle coole Verlogenheit wird man diese Szenen jetzt anders sehen.


Javier Cáceres interviewt Alfredo Di Stéfano:
Mann! Bah! Tchis!

München, 11. März 2008, 10:48 | von Millek

Neulich wurde im Madrider Estadio Santiago Bernabéu eine Alfredo-Di-Stéfano-Bronzestatue enthüllt, die »einem der größten, wenn nicht gar dem größten Fußballer aller Zeiten« gilt, wie Javier Cáceres in der S-Zeitung schreibt (Ausgabe vom 16. 2.). Als gute River-Plate-Fans haben Paco und ich natürlich das aus diesem Anlass geführte Gespräch zwischen Cáceres und dem Geehrten gelesen.

Vor 2 Jahren hat Cáceres in seinem Buch »Fútbol« geschrieben, dass Di Stéfano ein mittlerweile griesgrämiger Achtzigjähriger sei, der keine Interviews mehr mag. Das kann so nicht stimmen, denn anhand des SZ-Gesprächs sieht man, wieviel Spaß der noch hat. Überhaupt, den Interview-Style kann man gar nicht genug loben:

Die beiden duzen sich im Deutschen. Entweder kennen sie sich also oder sie haben den ›voseo‹ benutzt, was zwischen einem gebürtigen Chilenen und einem gebürtigen Argentinier nicht unwahrscheinlich ist. Dieser kumpelhafte Ton ist auch der einzig richtige für dieses Gespräch (ganz anders als in der FAS, wo sich Charlotte Roche und Julia Encke neulich siezten, als sie über Intimrasuren sprachen, hehe).

Und Di Stéfano sagt »Mann!«, also vielleicht ein lässiges »hombre«, ein gefälliges »boludo« wie unter alten Freunden oder eben ein anderes der reichhaltigen »Mann!«-kompatiblen Wörter im Spanischen. Er bezeichnet sich als »ein Kind des Viertels«, das klingt sehr übersetzt, man hört da noch den »pibe del barrio« durch. Und er sagt, dass er die Straßenbahn nehmen musste, um Buenos Aires zu durchqueren – das ist Jahrhunderte her, dass die Capital Federal eine Tram hatte – erst seit Juli 2007 fährt wieder eine.

Zischgeräusche werden korrekt wiedergegeben: »In Europa ist der Rasen kurz, und der Ball fliegt über die Narbe, als würde ihn jemand – tchis! – ausspucken.« Und auch Antwortfragmente wie »Sí, señor.« bleiben unübersetzt im Originalzustand. Man müsste die sowieso mit »Auf jeden!« oder so übersetzen, jedenfalls nicht mit »Ja, mein Herr.« Wir sind ja nicht im 18. Jahrhundert.

Als es um das legendäre Glasgower 7:3 geht (Real gg. Eintracht Frankfurt, Finale des Europapokals der Landesmeister 1960, siehe Wikipedia), kommt Di Stéfano auf das perfekte Zusammenspiel seiner Mannschaft zu sprechen: »Puskas mit seinem unfassbaren Antritt, Del Sol … Bah, es war ein Riesenteam.« – Auch dieses kastilische »Bah«: so herrlich und so unübersetzbar.

»Früher war der Fußball romantischer. Bohème.« sagt Di Stéfano an einer Stelle. Dieser Text ist auch Bohème, ein Musterbeispiel für gelungenes Sportfeuilleton. Bah …


Die FAS vom 9. 3. 2008:
90 Wörter von Peter Hacks

London, 9. März 2008, 22:12 | von Dique

Zwei Wochen fremdgekauft, weil auf Reisen, heute wieder die FAS bei meinem Newsagent. Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich meine Lektüre unterwegs kaufe und nicht wie gewohnt in seinem kleinen Laden auf Westbourne Grove.

Letzteren laufe ich nun hinunter, und mir kommt Peer Steinbrück entgegen bzw. eine sehr gute Kopie in einem furchtbaren hellen Anzug. Was will der denn hier, Budget Hotel in Bayswater? Es ist wohl die Combo aus Frisur und Brille, die ihn dem deutschen Finanzminister so täuschend ähneln lässt, und der Anzug natürlich.

Ich denke sofort an eine »Seinfeld«-Szene (»The Diplomat’s Club«, Folge 6.22), in der George Costanza seinem Boss Mr. Morgan sagt, dass er aussehe wie Sugar Ray Leonard. Der findet das aber gar nicht komisch und sagt: »I suppose we all look alike to you, right, Costanza?«

Wer die Folge kennt: Ich befinde mich nicht auf der Suche nach einem Freund mit Halbglatze und Brille, um eventuellen Verdachtsmomenten vorzubeugen, obwohl mir da sofort Jason Alexander oder eben gleich Larry David selber als mögliche Kandidaten einfallen, hehe. Jedenfalls raune ich dem Westbourne-Grove-Steinbrück leise aber verständlich »Ypsilanti« zu, als wir auf gleicher Höhe sind, aber keine Reaktion, strahlend marschiert er weiter.

Jetzt habe ich schon die Hälfte der Zeilen, die mir Paco für heute eingeräumt hat, für das Vorgeplänkel verballert, deshalb mal ein bisschen was zum Inhalt der heutigen FAS:

Mein Lieblingssatz stammt aus dem Artikel »Neue Herren, harte Schnitte, freche Mode« von Bettina Weiguny, der vom Engagement vieler Private-Equity-Gesellschaften in Modefirmen handelt. Thomas Schlytter-Henrichsen von der Alpha-Gruppe wird da zitiert:

»Wenn Sie einem Designer als Einsparmaßnahme die Kekse streichen, kippt die Stimmung. Das ist tödlich für ein kreatives Team.«

In einer Extra-Beilage gibt es mal wieder ein Städte-Ranking (»Städte im Wettbewerb«), dieses Mal geordnet nach Kreativitätspotenzial. München ist vorn, und die FAS kommentiert das im Teasertext mit einem »Wer hätte es gedacht«. Dabei wurde die bayrische Metropole bereits letztes Jahr von »Vanity Fair« und »Monocle« zur coolsten Stadt gekürt (wir berichteten), bei »Monocle« sogar im weltweiten Maßstab.

Das Feuilleton wird von Frank Schirrmacher persönlich eröffnet, mit einer Hymne auf 90 Wörter von Peter Hacks. 90 Wörter formvollendet ausgewählt und zusammengeführt, ein traumhaftes Gedicht (»Beeilt euch, ihr Stunden«), von dem Stefan Amzoll schon vor einem halben Jahr im »Freitag« geschrieben hat, dass es »das schönste« der Hacksgedichte sei. Man liest es zweimal oder dreimal, bevor es mit Schirrmacher weitergeht:

»Die Frage ist, ob diese paar Zeilen eine halbe Bibliothek von politischen Gemeinheiten aufwiegen. Die Antwort lautet, dass neunzig Worte in der richtigen Reihenfolge mehr wert sind als zehntausend Worte in der falschen. Das Letztere ist Gesellschaft, das Erstere ist Kunst.«

Ich folge einfach. Das betrifft ja nicht nur Hacks. Vor ein paar Tagen las ich die Céline-Biografie von Ulf Geyersbach, ebenfalls erst kürzlich in der FAS empfohlen. Geyersbach lässt kaum ein gutes Haar an Leben und Werk Célines, aber dann gibt es ja noch die »Reise ans Ende der Nacht«. Und vielleicht sollte man auch hier richtigerweise in Kunst und Gesellschaft trennen.

Ansonsten viele Buchvorstellungen (Buchmesse approaching), von denen Tobias Rüthers Rezension »Der Dandy im Kochtopf« in grotesker Weise hervorsticht. Der Artikel endet mit dem Satz:

»Herr Ehlers war längst zum nächsten Sehnsuchtsort unterwegs: Neuguinea. Etwas später ist er dann aufgegessen worden.«

Es geht um die Neuauflage des Buchs »Samoa. Die Perle der Südsee« vom reiselustigen Otto E. Ehlers (hier der Link zu einer Altauflage). Tatsächlich wurde Ehlers Opfer von »Hungerkannibalismus«, was für ein Wort, aufgegessen von seinen melanesischen Trägern. Details bleibt uns die FAS schuldig, aber ich denke an den finsteren Heroismus des Untergangs des Medusa-Floßes auf dem fantastischen Bild von Géricault im Louvre, auch wenn die Umstände etwas anderer Natur waren.

Nicht zu vergessen ein Interview mit Clemens Meyer, von dem wir hören, dass er seinen auch finanziellen Erfolg mit »Als wir träumten« vor allem für »Wein, Weib und Gesang« verschossen hat. Darauf ein Prosit.

Und habe ich schon erwähnt, dass Billers »Moralische Geschichte« wieder sehr gut ist, nein, aber das ist sie ja immer, dieses Kleinod am Rande.


Kaffeehaus des Monats (Teil 26)

sine loco, 9. März 2008, 09:50 | von Guest Star

(Gastbeitrag von Benjamin Stein)

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Café Bracha, München

München
Das Café Bracha in der Klenzestraße.

(Das einzige koschere Café in der Stadt (milchig). Unsere
Kinder schätzen dort besonders die heiße Schokolade und
die ausliegenden Comic-Hefte. Ich selbst komme dort eher
nicht zum Lesen, weil ich bei jedem Besuch unweigerlich
Bekannte treffe und in Gespräche verwickelt werde.)


Die Feuilleton-Hits zu Jahresbeginn (Teil 6):
David Bauer über Internetwillige

Leipzig, 7. März 2008, 08:03 | von Paco

Januar und Februar waren gute Feuilleton-Monate, ganz anders als im letzten Jahr. Wir stellen hier die 6 interessantesten, schönsten, bestgeschriebenen, relevantesten, lesenswertesten Feuilleton-Artikel des Jahresbeginns vor, die auch sozusagen automatisch für die Best of Feuilleton 2008 nominiert sind. Hier ist Teil 6:

David Bauer: Anschluss gesucht (SonntagsZeitung, 3. 2. 2008)

In der Schweizer SonntagsZeitung vom 3. 2. 2008 gab es im »Multimedia«-Teil (S. 100) eine kleine Reportage von David Bauer, deren Thema so geht:

»Wie ist das eigentlich, wenn man vom Internet keine Ahnung hat? Zu Besuch in einem Kurs für Anfänger«

Der Text ist auf der Homepage des Autors noch zugänglich.

Es gibt darin natürlich die Noob-Anekdoten, die man erwartet: »Vorne fragt eine Frau, ob E-Mailen gefährlich sei«. Es gibt aber auch eine Passage wie die Folgende, die schon fast poetische Züge trägt: »Daniel schreibt eine E-Mail. Zum ersten Mal in seinem Leben.«

Die Idee der Mini-Reportage fand ich sofort interessant und zwingend. Die vielen kleinen Biografiedetails der Kursgänger verdichten sich trotz des eher amüsierten Unterton zu einem exemplarischen Text über das Altern und die Angst, den Anschluss zu verlieren.


Die Feuilleton-Hits zu Jahresbeginn (Teil 5):
Andrian Kreye über schießende Amerikaner

Leipzig, 6. März 2008, 08:50 | von Paco

Januar und Februar waren gute Feuilleton-Monate, ganz anders als im letzten Jahr. Wir stellen hier die 6 interessantesten, schönsten, bestgeschriebenen, relevantesten, lesenswertesten Feuilleton-Artikel des Jahresbeginns vor, die auch sozusagen automatisch für die Best of Feuilleton 2008 nominiert sind. Hier ist Teil 5:

Andrian Kreye: »Freiheit, die sie meinen« (SZ, 19./20. 1. 2008)

Dieser Artikel über US-Amerikaner und ihre Feuerwaffen stand im »Wochenende«-Teil der S-Zeitung und kam zur Abwechslung mal angenehm unhysterisch daher. Der Teasertext geht so:

»Warum wir das Verhältnis der Amerikaner zu Feuerwaffen nicht verstehen, das aber gerade in einem Wahljahr tun sollten.«

Kreye war dann auch wirklich mal in einem Schießverein und hat sich, auch als »humanistisch gebildeter Europäer«, von einem NRA-Mann einweisen lassen und auf die »Primary Targets« eines Pappkameraden gezielt. Sehr passend ist sein Exkurs über Raptexte, die von bestimmten Waffen handeln. Unvergessen natürlich »It’s been a good day« von Ice Cube:

Today I didn’t even have to use my AK
I got to say it was a good day

Gemeint ist natürlich die AK-47 (die ja übrigens auch u. a. in der Flagge Mosambiks Verwendung findet). Kreye bleibt übrigens dabei: »Natürlich gibt es keinen vernünftigen Grund, als Privatperson eine dieser Waffen zu besitzen.« Er vergisst auch nicht, die Opferzahlen von Gewaltverbrechen mit Feuerwaffen zu nennen, nachdem er die US-Waffennarretei aus dem 2. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung von 1791 hergeleitet hat.

Letzte Passage: »Und wir Europäer? Wir müssen diesen Freiheitsbegriff nicht gut finden. Wir müssen ihn nur verstehen.« Kreye zeigt hier mal die andere Seite einer eingefahrenen Berichterstattung, ähnlich wie damals Jochen Bittner mit seinem »Zeit«-Artikel über deutsche George-W.-Bush-Fans (17. 2. 2005). Sowas kann man von einem wagemutigen Feuilleton ruhig ab und zu erwarten.


Walsers Propaganda-Krawatte

Konstanz, 5. März 2008, 07:16 | von Marcuccio

Letzten Freitag war Krawattentag im deutschen Feuilleton, denn in Weimar, bei einem der kollektiven Betriebsausflüge letzte Woche, hatten se dann doch so intensiv in Walsers Krawatte gelesen, dass der Perlentaucher tatsächlich sinnig titelte:

»Heute in den Feuilletons: Giftig hellblaue Muster«

Konsequenterweise hätten die Perlentauchers bei der Gelegenheit aber auch gleich mal wieder von ihrer neuen (zuletzt bei Isabella Rosselinis »Green Porno« angewandten) Sitte der illustrierten Presseschau Gebrauch machen müssen.

Krawatten-Exeget der Stunde war Dirk Knipphals, der im Perlentaucher nicht nur ausführlich zitiert wurde sondern, sich seiner neuen Verantwortung als führender Krawatten-Experte des deutschen Feuilletons bewusst, am Tag drauf sogar noch mal nachlegte und in der taz vom Wochenende (S. 18) berichtigte:

»Von wegen anarchisch, nur weil ihre Farben etwas giftig waren. Der Schluss war ohne Blick auf ihren Zipfel gezogen: Da prangte, passend zur Lesung aus einem Roman über den alten Goethe, dieser höchstselbst beziehungswiese seine Silhouette nach dem berühmten Gemälde von Heinrich Tischbein ›Goethe in der Campagne‹«.

Witzigerweise heißt das Tischbein-Gemälde ja eigentlich »Goethe in der Campagna«, aber Knipphals soll sich ja nicht noch mal berichtigen müssen, und Campagne mit »-e« passt zu Walsers Propaganda-Schlips natürlich auch, hehe.


Lost: 4. Staffel, 5. Folge

London, 5. März 2008, 01:20 | von Dique

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Constant«
Episode Number: 4.05 (#76)
First Aired: February 28, 2008 (Thursday)
Deutscher Titel: »Die Konstante« (EA 13. 7. 2008)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Der Propeller rattert, ein glücklich lächelnder Desmond, ein besorgter Sayid, und der »Renegade«-mäßige Pilot bringt die Chopper schlingernd in eine Schlechtwetterfront.

Ziemlich verregnet geht es weiter, wir befinden uns plötzlich in einer Kaserne in Schottland, wo Desmond Militärdienst leistet, im Jahr 1996.

Was für ein Schotte, dieser Desmond. Was für ein Schotter, diese Folge. Zumindest kam mir das so vor. Egal ob Bewusstseinsstörung oder Zeitreise: Wer da keine Konstante hat, ja, der ist verloren und todgeweiht. »Lost« wird mit dieser Folge also endgültig Science-Fiction – das war ja nicht unbedingt in dieser Konsequenz zu erwarten.

Und das muss auch nicht schlecht sein, doch leider geht es nicht so richtig vorwärts, eher seitwärts. Besonders die Sache mit Desmond und seinen Zeitsprüngen muss erst mal inhaltlich verdaut werden. Die Angst wächst, dass sich viele Mysterien um die Insel in Klischees auflösen.

Desmonds Traumsucht kennen wir ja schon von seinen Blicken in die Zukunft, durch die er mehrfach Charlies Tod voraussah, bis der Rocker am Ende der 3. Staffel schließlich im Looking Glass ersoffen ist. Nachdem Des nun die Insel verlassen hat, scheint er über seine Realvisionen den Verstand zu verlieren. Wieso weiß er plötzlich nicht mehr, wer Sayid ist und wo er selber sich gerade befindet und überhaupt?

Das klärt sich dann einigermaßen auf: In dieser Folge werden Konstanten gesucht, wie schon der Titel ankündigt, und für uns, die Zuschauer, fungiert Daniel Faraday als Konstante, wie er back in time als junger hitziger Professor für Aufklärung sorgen soll, Mitte der Neunziger, am Physics Department in Oxford.

Das sind Szenen zum Aufpassen, hier wird sicher irgendwie der Plan für das »Lost«-Finale schon in Gang gesetzt, und bei all dem Ernst geht Daniels coole Antwort ein bisschen unter, die er Desmond gibt, nachdem dieser ihm sagt, was ihm vom 2004er Faraday aufgetragen wurde zu sagen:

»Why didn’t I just help you there, in the future? Why would I put you through the headache of time travel? You know what I mean, it just seems a little unnecessary.«

Danach wird es allerdings ziemlich klischiert: Wir sehen eine mit Formeln vollgeschmierte Tafel, ein Experiment mit einer Laborratte und einen besessenen Faraday, dem es irgendwie zu gelingen scheint, den Beweis für die Funktionalität dieser träumerischen Zeitreisen zu erbringen.

Wenigstens wird in dieser Desmond-Folge ein wichtiger loser Erzählfaden aufgegriffen: Im Jahr 1996 haben Penny und Desmond ihre Beziehung beendet, die genauen Gründe bleiben im Dunkel. Es gibt aber Parallelen zu einem früheren Ereignis: Desmond lernte Penny kennen, als er gerade aus einem Kloster entlassen wurde. Recht spontan hatte er sich davor für den Gang ins Kloster entschieden, kurz vor seiner Hochzeit, also eine Art Flucht. War der Gang in die Kaserne eine ähnliche Flucht? Ist das der Grund why Penny is »trying to make a clean break« von Desmond?

Und dann ist da noch die Sache mit der Telefonnummer. Gib mir deine Telefonnummer und ich rufe dich in 8 Jahren an. Das klingt dick aufgetragen und unglaubwürdig, sorgt aber trotzdem für starke Momente:

»I won’t call for 8 years. December 24th, 2004, Christmas Eve.«

Dazu dieses gänsehautige Musikthema, dieser Teil, wenn an einem knackigen Bass eine Saite angerissen wird und lange ausschwingt. Solche Momente lassen jedenfalls alle Räder stillstehen und enden in einem emotionalen Feuerwerk. Penny mit ihrem wunderbaren Akzent schmeißt Desmond aus der Wohnung. Aber 8 Jahre danach, wir müssen gar nicht lange warten, es ist ja auf der Insel bzw. offshore jetzt genau Weihnachten 2004, da kommt auch tatsächlich der Anruf von Desmond:

»Hello?«
»Penny?«
»Desmond?«
»Penny, Penny, answer, answer, Penny …«
»Des, where are you?«
»I’m, I’m, I’m, I’m on a boat, errm, I’ve been on an island …«

Beenden wir das Ganze mit ein paar offenen Fragen, nein, nicht mit der nach dem vierzehigen Statuenrest, sondern mit der nach dem letzten der Oceanic Six, oder der nach dem komisch gestrandeten Schiff, das die Losties am Ende von Staffel 1 mitten auf der Insel finden, und dessen Logbuch nun von Mr. Widmore, Pennys Vater, bei Southfield’s in London ersteigert wird.

Und wer ist Bens Mann an Bord des Schiffes? Die »Lost«-Fansites erwarten in diesem Zusammenhang die Rückkehr von Michael, oder vielleicht ist es doch ein tropischer Eisbär, der hier eingehüllt von schwarzem Rauch die Szene betreten wird?