Monatsarchiv für Juni 2009


Vossianische Antonomasie (Teil 3)

Paris, 29. Juni 2009, 00:26 | von Paco

 

  1. der Epikuräer des Schrecklichen
  2. der deutsche Rainald Goetz
  3. der Thomas Pynchon des nordrhein-westfälischen Lebensmittel-Einzelhandels (*)
  4. der Boris Becker der Literatur
  5. die Mona Lisa unserer Zeit

 


Pierre Boulez spricht

Paris, 25. Juni 2009, 11:40 | von Austin

Sonntag. 20.20 Uhr. Warten im Cour Napoléon. Fête de la musique. Um 21.15 Uhr ist Einlass für das Konzert sous la pyramide du Louvre: Pierre Boulez und das Orchestre de Paris. Vor uns eine lange Schlange. Hinter uns eine immer länger werdende Schlange.

Vor uns zwei Pariserinnen, Amt für Statistik & Marketing bei L’Oréal, wollen unbedingt zu Buläh. Hinter uns zwei Kolumbianerinnen, wollen unbedingt zu Buläs.

sous la pyramide

22.00 Uhr. Angeblich sitzen jetzt 2.000 Menschen auf dem Marmorbo­den des Auditorium du Louvre. Über uns der Richelieu-Flügel. Über uns die Pyramide. An ihren Scheiben die, die nicht reingekommen sind. Würden sie durchbrechen, würden sie auf den Schlagwerker des Orchesters fallen.

Und tatsächlich erscheint vor uns der große alte Mann der europäi­schen Musik und dirigiert: Strawinskis »Feuervogel«. Irre präzis, fabelhaft trocken, ohne jeden billigen Effekt.

Nach dem Konzert Jubel. Pierre Boulez scheint dem Publikum etwas sagen zu wollen. Er spricht. Was er sagt, geht unter in der Begeis­terung.

Am Nachmittag schon in einer anderen Schlange gewesen: im Musée Jacquemart-André, das im Baedeker einen ganzen Stern abbekom­men hat. Vermutlich vergeben für einen großartigen Rembrandt und eine schöne Orangen-Tarte im Museumscafé.

Ansonsten beantwortet dieses Museum vor allem die Frage, wie Tadzio, sollte er die venezianische Seuche überstanden haben, seinen Lebensabend gestaltet haben könnte. In diesem Haus hätte Tinto Brass Pornos drehen sollen, selbst der Staub scheint hier historisch zu sein, und hinter jeder Ecke erwartet man Siegfried und Roy.

Nichtsdestotrotz kommen wir rechtzeitig zum letzten Tag der Ausstel­lung italienischer Maler des Trecento, ausgeliehen aus einem Museum in »Altenbourg«, einer laut Informationstext »kleinen Stadt bei Dresden«.

Und die Leute drängen sich in den kleinen Räumen, um das Lebens­werk des Herren Lindenau zu sehen. Und wahrscheinlich sind es in diesem Moment, in dieser Stunde mehr Menschen, als in Altenburg in einem ganzen Jahr.

Passend zum Pariser Mittsommernachtstreffen des Umblätterers gibt es eine Frankreich-FAS, darin ganzseitige Artikel zu Julie Delpy (Interview) und Michel Foucault (kein Interview). Die Lektüre am Erscheinungstag wird aber durch oben genannte Ereignisse mehrfach vereitelt.

Usw.


Die besten zehn Jahrhunderte

Paris, 23. Juni 2009, 22:42 | von Paco

 
        1.   Das 16. Jahrhundert

        2.   Das 18. Jahrhundert

        3.   Das 4. Jahrhundert v. Chr.

        4.   Das 20. Jahrhundert

        5.   Das 1. Jahrhundert v. Chr.

        6.   Das 9. Jahrhundert

        7.   Das 13. Jahrhundert

        8.   Das 19. Jahrhundert

        9.   Das 5. Jahrhundert

        10.   Das 15. Jahrhundert
 


Immer wieder Perutz, immer wieder Fontane

London, 20. Juni 2009, 11:05 | von Dique

Ich habe jetzt den letzten mir fehlenden Perutz-Roman gelesen, »Turlupin«. Er spielt in Paris zu Zeiten Richelieus. Während des ersten Drittels des Buches war ich ein bisschen perutzmüde und las so dahin, aber irgendwann packte es mich wieder, und ich frage mich, wie er das macht, wie er das immer wieder schafft. Die Story ist erste Sahne, wie gewöhnlich, dazu dieser Style, der fliegt so dahin, das ist ein wahrer Traum.

Neulich las ich auch mal wieder Fontane, das muss ich einfach immer mal machen (im Archiv nennen sie mich schon Fonty, hehe). Ich hatte irgendwo auf dem Flohmarkt »Stine« gekauft und las es dann ein paar Tage später im Zug. Auch bei Fontane geht es ja oft ein bisschen lahm los und ist dann eben dieser Fontane-Style, und dann dachte ich mir, meine Fresse, jetzt lese ich schon wieder Fontane. Im Zeichen der Leseökonomie sollte ich doch lieber in die Breite lesen, um mehr andere Autoren abzudecken.

Aber »Stine« ist ja nur eines dieser kurzen Bändchen (gern unter dem furchtbar klingenden Schirm »Berliner Frauenromane« geführt), ein paar dutzend Seiten war ich jedenfalls im Zweifel mit meiner Lektüre, ärgerte mich, dass ich nichts anderes eingesteckt hatte, aber plötzlich hatte ich wieder diesen Fontane-Moment. Das ist der Teil der Story, bei dem man einfach nur noch denkt: WTF!


William Blake im Petit Palais

Paris, 17. Juni 2009, 00:48 | von Paco

Blake, The Ancient of Days, 1794 (Quelle: Wikimedia Commons)Heute morgen bei Eric Kayser am Anfang der Rue Monge (wird hier auch bald zum Kaffeehaus des Monats gekürt), und dabei lese ich in »Libération«, dass die William-Blake-Ausstellung im Petit Palais nur noch 10 Tage vorgehalten wird. Das ist aber nicht nur irgendein kurzer Hinweis, nein, zu diesem Countdown gibt es einen echten, vollwertigen Feuilleton-Artikel (»William Blake l’enluminé«, S. 31). So eine Rezension hat es in »Libé« zwar auch schon Ende April gegeben. Aber vielleicht wollte der Autor des heutigen Textes, Philippe Lançon, einfach noch einen Blake-Artikel loswerden, den er eh auf Halde hatte.

Hat sich jedenfalls gelohnt, der Artikel ist ziemlich gut und wurde virtuos aus dem feuilletonistischen Referenzbaukasten bestückt. In den drei Spalten finden sich Nennungen von: Milton, Borges, Dickens, Michelangelo, Watteau, der deutschen Romantik insgesamt, Coleridge, Robert Walser, García Márquez.

Dank der Ermahnung vonseiten der Zeitung dann zur Mittagszeit vor Ort. In einem der Begleittexte an den Eckpfeilern des Parcours wird noch mal daran erinnert, dass die Ausstellungen zu Lebzeiten des Popromantikers Blake nur schlecht besucht waren. 1809 gab es eine im Haus seines Bruders, es kamen 6 Leute. Den Beruf ›verkanntes Genie‹ hat Blake als guter Romantiker natürlich selbst mit gewählt, zu sehen etwa anhand eines Bulletins vom 15. Mai 1809, das er mit dem weinerlichen Milton-Zitat versieht: »Fit Audience find tho‘ few«.

An den Ausstellungswänden hängen die immer wieder ansehnlichen Klassiker (»The Tyger«, »The Ancient of Days«, »Europe, supported by Africa and America« usw.) und noch ein paar andere Sachen. Und es gibt viele kleinteilige Blake-Lyrics zu entziffern, was entfernt an die Lektüre von Robert Walsers Original-Mikrogrammen erinnert, in diese Richtung zielte jedenfalls auch die oben erwähnte Walser-Anspielung in »Libé«.

Und nun, ihr alle, auf zu William Blake, der ist da jetzt nur noch 9 Tage.

 
Bildquelle: Wikimedia Commons.


Vossianische Antonomasie (Teil 2)

Konstanz, 15. Juni 2009, 21:25 | von Marcuccio

 

  1. die Jil Sander der semiautomatischen Waffen
  2. der Che Guevara der deutschen Verlagswirtschaft
  3. die portugiesischen Buddenbrooks
  4. die französische Anne Frank
  5. der Prager Pitaval
  6.  


Einsteins Briefe

London, 12. Juni 2009, 15:35 | von Dique

Gestern in der U-Bahn fragt unsere Praktikantin, was ich gerade lese. Ich habe ein Buch in der Hand, einen Suhrkamp-Sammelband mit Essays über H. P. Lovecraft, und den kennt sie jedenfalls nicht. Ich erzähle kurz, wer das ist und dass er so viele Briefe geschrieben hat.

Heute Mittag sagt sie dann zu mir, weil ich doch gestern das mit den Briefen erzählt habe, dass ihr jemand mal ein Buch mit Briefen von Einstein geschenkt hat, und einmal hatte sie überhaupt nichts mehr zu lesen, und dann hat sie aus Verlegenheit diese Einstein-Briefe gelesen, und die waren dann ziemlich gut.


Wie man Dankesreden für Literaturpreise schreibt

Konstanz, 10. Juni 2009, 07:05 | von Marcuccio

Eine symptomatische Szene aus dem deutschen Literaturbetrieb. Lesen konnte man sie bisher nur im Regionalfeuilleton (»Südkurier« vom 25. Mai 2009), aber sie hat eigentlich doch überregionale, um nicht zu sagen: www-Relevanz:

Annette von Droste-Hülshoff, Porträt von J. J. Sprick, 1838 (Quelle: Wikimedia Commons)Die Ausgangslage ist menschlich, allzu literatur­betriebsmenschlich: Schriftstellerin (in diesem Fall: Marlene Streeruwitz) erhält Literatur­preis, mit dessen Namensgeberin (Annette von Droste-Hülshoff) sie nicht wirklich etwas anfangen kann. Für 6000 Euro Preisgeld wird sie aber trotzdem eine Dankesrede halten und darin irgendeine Beziehung zu der Dichterin finden müssen. Also schaut sie halt mal ins Netz, landet im Gutenberg-Portal bei SP*N und liest den dort eingestellten Lebenslauf der Droste. Über diese »Recherche« schreibt sie, und fertig ist die Dankesrede.

Aber halt! Wer jetzt gleich wieder schreit »Hungert sie aus! Streicht den deutschen Autoren alle Stipendien und Preisgelder!« – der hat eine kleine Sternstunde im Dankesreden-Theater verpasst. Denn Streeruwitz spart sich alles Alibi-Gequatsche von wegen Identifikation mit der Droste: »Das kann ich nicht.« Stattdessen dekonstruiert sie einfach den 10-Zeilen-Lebenslauf der Droste bei Gutenberg@SP*N – sehr gut! Man hätte gar nicht für möglich gehalten, dass die Kurzbio­grafien in dieser Online-Frische-Box für Literatur so gammelig sind:

»Da heißt es. Zitat: ›Seit 1841 lebte sie meist am Bodensee. Dort erfuhr sie eine halbmütterliche Liebe zum 17 Jahre jüngeren Levin Schücking. Sie starb am 24. Mai 1848 in Meersburg am Bodensee.‹

Also. Die halbmütterliche Liebe wird erfahren. […] Die Frau, die eine Liebe erfährt. Das relative Verbum ›erfahren‹ beschreibt im Akkusativobjekt das, was erfahren wird. Hier ist es eine Liebe. Die Liebe dringt als Erfahrung über das Verbum selbst auf das Subjekt ein. […] Das Subjekt ist das Bedeutungsobjekt des grammatikali­schen Objekts.

In dieser Verdrehung wird die Entmächtigung des Subjekts vorge­nommen. […] eine Darstellung, die vollkommen von außen be­stimmt ist. Die Landschaft. Die Liebe. Die Halbmütterlichkeit. Der 17 Jahre jüngere Mann und dann gleich der Tod. So wird über Beschreibung eine Person vollkommen ihres Werks beraubt. Sie wird in minderwertige Kategorien des Geschlechts und der Lebens­führung eingeschrieben.

[…] Über diesen heutigen Text kann ich mich dann sehr wohl mit Annette von Droste-Hülshoff identifizieren. Wir unterliegen aus­schließlich aufgrund unseres Geschlechts dieser Weiterschreibung, die die Männernamen fett druckt und die Frauennamen ins allge­meine zurückfallen lässt und darin die Wertung höchst selbstver­ständlich vorführt.

Ich bitte also die Droste-Gesellschaft, sich dieses Texts anzuneh­men. Denn. Neben der himmelschreienden Beraubung der Leis­tungen einer Person handelt es sich um einen Vorgang des Anti­demokratischen. Vielen Dank.«

Okay, das mit den fetten Männernamen (sie sind halt als Links mar­kiert!) wäre ein eigenes Tagungsthema für die feministische Literatur­wissenschaft: Geschlechterspezifische Hypertext-Hierarchien oder so ähnlich …

Aber der passivisch fomulierte Lebenslauf der Droste ist wirklich un­säglich. Vielleicht sollten sich zukünftig einfach mehr Dankesreden für Literaturpreise an den Dichter-Biografien in Online-Datenbanken abar­beiten. Die Subventionskritiker könnte man damit sicher auch ein we­nig besänftigen, wenn im Literaturbetrieb nicht mehr nur abgestaubt, sondern auch ein bisschen entstaubt wird.

Bildquelle: Wikimedia Commons.
Die ganze Dankesrede gibt es auch bei rebell.tv.


Vossianische Antonomasie (Teil 1)

Konstanz, 9. Juni 2009, 09:04 | von Marcuccio

 

  1. der deutsche Bob Woodward
  2. der Stalin der Reformation
  3. der Capote der Generation Golf
  4. die schwäbische Jelinek
  5. das Pompeji des Einzelhandels
  6.  


Der grooooße John Flaxman

London, 7. Juni 2009, 10:05 | von Dique

Die Flaxman-Ausstellung hatte ich ja schon erwähnt, und im Kunst­BlogBuch gab es auch gerade eine schöne Kritik mit einigen Erinnerungsfotos vom Ausstellungsraum.

Die Schar der Flaxman-Bewunderer scheint mir sehr klein zu sein, selbst Bekannte mit kunsthistorischem Hintergrund schenken mir ein eher mitleidiges Lächeln, wenn ich von den Umrisszeichnungen, Reliefs und Wedgwood-Designs von John Flaxman schwärme, als gäbe es kein Morgen.

Der GROOOOSSE Flaxman war sogar mal der Running Gag eines Freun­des, mit dem ich ein Wochenende lang in der Stadt unterwegs war. Deshalb freute ich mich dann auch diebisch, als weder die Felsgrot­tenmadonna (wird restauriert) noch das »Supper at Emmaus« (war verliehen) während seines Besuches in der National Gallery zu sehen waren. Ätsch!

Die erste Flaxman-Ausstellung sah ich 2003 im Sir John Soane’s House in London. Hier waren es die Umriss­zeichnungen (outline drawings), die mich sehr beeindruckten. Diese klaren und weichen Umrisslinien, auf weißem Grund, dezent gerahmt, klassizistischer Minimalismus. Die Feinheit der Linie fasziniert mich auch immer wieder an den Zeichnun­gen von Ingres, aber das ist ein anderes Kapitel.

In der Ausstellung im Soane’s gab es außerdem ein Gipsmodell des Schildes von Achilles zu sehen, welches so extraordinary wirkte, eben weil es noch nicht gegossen war, es noch nicht metallen glänzte, sich also die Konturen, die Figuren des reichlich berelieften Schildes um­risshaft in der weißen, beschliffenen Oberfläche abzeichneten. Es stellte sich ebenso reduziert und minimalistisch dar wie seine Umriss­zeichnungen, mit welchen er Dante (Göttliche Komödie) und Homer (Odyssee) illustrierte.

Flaxman: Ulysse descend aux enfers, par les conseils de Circé ; pour y consulter l'ombre de Tyrésias
« Ulysse descend aux enfers, par les conseils de Circé ;    
pour y consulter l’ombre de Tyrésias »    

Wenn man Glück hat, findet man sogar mal eine schöne Ausgabe im Antiquariat und begibt sich bei der Lektüre (oder einfach nur beim An­sehen) automatisch in beste Gesellschaft. Denn wie ich erst kürzlich las, lernte Anselm Feuerbach in seiner Kindheit die homerische Welt anhand von Flaxman-Illustrationen kennen.

Feuerbach werde ich hier demnächst mal mit Lawrence Alma-Tadema vergleichen, aber erst wenn endlich die große Coen-Brothers-Werk­monografie von San Andreas gelaufen ist, zum ersten Mal angekündigt im November letzten Jahres! Quousque tandem, San Andi, abutere patientia nostra!

(Bildquelle: Wikimedia Commons)