Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2010)

Leipzig, 10. Juli 2010, 09:09 | von Paco

Stämme

1. Motto: »Die Zeitungen von gestern sind viel besser als man gemeinhin glaubt.« (Andreas Platthaus, mp3)

2. Das halbe Feuilletonjahr ist um. Noch 6 Monate bis zur Feuilleton-Meisterschaft, dem Goldenen Maulwurf 2010. Schon jetzt platzt die Longlist aus allen sogenannten Nähten, schon jetzt könnten wir eine Jahres-Top-Ten mit supersten Texten präsentieren. Danke, deutsches Feuilleton. Mehr an dieser Stelle am 11. Januar 2011.

3. Ansonsten war das Feuilleton-Großereignis des Jahres: die im ZDF übertragene Verleihung der Börne-Medaille an Reich-Ranicki in der Paulskirche am 6. Juni. Herles moderiert an, dann treten alle nur denkbaren Überlaudatoren auf: Thomas Gottschalk, Harald Schmidt mit einem Bert-Brecht-Song, Frank Schirrmacher, Henryk M. Broder. Ein unfassbares Powwow allerhöchster Hochkultur, ich selber hab es mir in Abständen drei Mal komplett angeschaut und würde es jederzeit wieder tun.

4. Die Entdeckung des Jahres und unser neues Lieblingsblog: nach21.wordpress.com.

5. Tagung: »Durs Grünbeins Fahrradunfall am 7. Dezember 2008«. Call for Papers folgt.

6. Remember: Der große Eklat, für den einmal der unnachahmliche Jean d’Ormesson gesorgt hat. Der adlige wie rechtsgerichtete Intellektuelle, Autor bildungsprotziger Romane, Möchtegern-Chateaubriand und Le Figaro-Hauptkolumnist erklärte vorlaut den strammen Stalinisten Aragon zu Frankreichs größtem Romancier des 20. Jahrhunderts. Ich war noch klein, kann mich aber noch genau an all die Erwiderungen und endlosen Rechtfertigungen erinnern.

7. Demnächst: Die Best of US-Serien der Saison 2009/2010, analog zu den Vorjahren: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09.

8. Krise des Schlüsselromans.

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2010Nr. 2/2010

 

Die FAS vom 4. Juli 2010:
Die Lyrik der Spionage

Leipzig, 5. Juli 2010, 19:47 | von Paco

Der Interviewmüller

Irgendwann nach Mitternacht habe ich noch schnell die letzte FAS weggekauft, kurz bevor sie aus dem Regal entfernt wurde. Als erstes dann das André-Müller-Interview mit Luc Bondy gelesen, und der legendäre Interviewmüller hat natürlich wieder ein paar komische Fragen gestellt, was ja immer noch sehr gut kommt.

»Spione wie wir«

Dann den sehr schön erzählten Artikel von Nils Minkmar über die »Lyrik der Spionage«, die Vexierhaftigkeit von Geheimdienstaktionen. Der Text beginnt mit der Operation Mincemeat, bei der 1943 die Leiche eines vermeintlichen Britenmajors von den Alliierten in spanischen Gewässern abgelegt wurde, mitsamt einer Aktentasche, in der sich so vertrauliche wie gefälschte Dokumente befanden, die dann planmäßig beim Feind landeten.

Bei der deutschen Abwehr wurde die Fälschung erkannt, aber Alexis von Roenne sprach sich wider besseren Wissens für die Authentizität der Dokumente aus, denn er arbeitete da schon im Sinne des antihitlerischen Widerstands, was aber die Briten ja nicht gewusst haben konnten usw. usw.

Nach diesem historischen Einstieg wird zu den aktuellen Ereignissen geschaltet, zu den enttarnten russischen Spionen, die gerade im Vorstadtamerika der Desperate Housewives ausgehoben wurden, was eventuell eben auch planmäßig geschah, im Zuge irgendeiner mehrdimensionalen Strategie, wie zu vermuten steht.

»Pastewka«-Bruder Hagen

Nach diesem für die frühesten Morgenstunden eher komplexen Artikel las ich dann noch das Interview mit Matthias Matschke, der den »Pastewka«-Bruder Hagen spielt. Es geht im Großen und Ganzen um den Unterschied zwischen Theater und TV etc. etc., und dann rekapituliert er da unter anderem sehr ausführlich die »Extras«-Folge mit Orlando Bloom, hab sofort Lust gekriegt, die Folge selbst noch mal anzuschauen.

Eine Ladung Žižek

Stattdessen las ich aber noch den Žižek-Artikel im neuen »Spiegel«. Der lustige slowenische Modephilosoph ist ja die Einladung an einen jeden Reporter, mit seinem Beschreibungspotenzial an die Grenzen zu gehen:

»Er hat einen S-Fehler, der Buchstabe klingt bei ihm wie eine Fahrradluftpumpe. Seine Vorträge beginnen meist mit ›Did you know …‹.«

Žižek: gääähn, ich weiß, aber ab und zu muss man sich mal wieder eine Ladung Žižek geben, und wenn das in Form dieses großartigen und hervorragenden »Spiegel«-Style-Artikels von Philipp Oehmke geschieht, umso besser:

»Mein Freund Peter, zum Beispiel, fucking Sloterdijk, ich mag ihn sehr, aber natürlich muss er in den Gulag. Aber er wird ein bisschen besser gestellt dort, vielleicht kann er Koch werden.«

Es herrscht also natürlich wieder das übliche Žižek-Anekdotentum, aber die ganze Žižekerei wurde mal in einen schön auserzählten Artikel gegossen. Ich hab dann noch ein wenig weiter im »Spiegel« gelesen, bis mich der Schlaf übermannte, heute vormittag konnte ich mich dann an nichts mehr erinnern und las den »Spiegel« also einfach noch mal von vorn.

Regionalzeitung (Teil 32)

Leipzig, 3. Juli 2010, 10:36 | von Paco

 
  156.   die Sensation ist perfekt

  157.   daran erinnert sich heutzutage kaum einer mehr

  158.   das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht

  159.   die frischgebackene Mutter/Abiturientin/Olympiasiegerin

  160.   eine gelungene Mischung
 

Bundespräsidiales Feuilleton

Konstanz, 30. Juni 2010, 07:07 | von Marcuccio

Unter rein feuilletonistischen Gesichtspunkten bleibt ja bis auf weiteres nur ein Bundespräsident wählbar.

Einer, der Hodler und Goya zum Amtsantritt genauso souverän besprochen hat wie er Max-Reinhardt-Inszenierungen rezensiert oder Detlev von Liliencron zum 60. gratuliert hat. Der seine »Architektur-Notizen aus Belgien und Holland« ebenso ins Amt mit einbringt wie seine Abhandlungen über »Gotik in Paris« oder das Baptisterium von Florenz.

Einer, der bundespräsidiale Stippvisiten schon 1909 in Naumburg geübt hat: »Dreieinhalb Stunden Zeit. Es muß reichen. Ich will ja nur die alten Statuen im Dom ansehen.«

Ein Bundespräsident, der zudem auch mit der politischen Farbenlehre vertraut scheint:

»Reichlich viel Violett – das sind die geistlichen Gebiete –, allerhand reichsunmittelbare Grafschaft und Ritterschaft, einige vorderösterreichische Landvogteien, dazwischen eingesprenkelt das harte Rotbraun der Reichsstädte.«

Voilà, Theodor Heuss, wie er sich gerade mit dem Putzger-Atlas in Kunstreiselaune bringt. Heuss – der Abiturient, der keine Ahnung hatte, was er studieren wollte, aber dann halt mal mit »National­ökonomie, Staatslehre, Philosophie, Historie, Kunstgeschichte und Literatur« begann – im Prinzip konnte dieser Heuss nur ein guter Feuilleton-Allrounder werden.

»Einen eigenen, unverwechselbaren Stil entwickelte er aber nicht«, schreibt Reiner Burger von der FAZ in seiner Studie »Theodor Heuss als Journalist«. Vielmehr liegt die Schreib-Leistung dieses Bundespräsi­denten im soliden Bildungsfeuilleton, Burger spricht denn auch vom »Volkshochschulkurs in gedruckter Form«, hehe.

Spannend auch Heuss als Role Model des landsmannschaftlich gefärbten Feuilletonismus, wie er uns in Form von Peter Richter (Sachsen) oder Claudius Seidl (München) bis heute begegnet. So sympathisch befangen zum Beispiel Nils Minkmar immer über das Saarland (be)richtet, so ungeniert lässt Heuss keine Gelegenheit aus, seine schwäbischen Dichter zu promoten.

Heuss hat über »Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.« promoviert, zeigt sich in seinen Reisereportagen aber durchaus geschmacksoffen: »Der Wein von Ischia ist recht ordentlich; wir kannten uns schon und haben in den paar Tagen des Besuchs gute Kameradschaft gehalten.«

Sämtliche Originalzitate aus der Sammlung »Von Ort zu Ort« (hrsg. von Hermann Leins, Tübingen 1959, mehrere Auflagen, zuletzt 1986 bei der DVA), antiquarisch erhältlich.

Vossianische Antonomasie (Teil 12)

Leipzig, 29. Juni 2010, 14:02 | von Paco

 

  1. die Steffi Graf des Feuilletons*
  2. der Sloterdijk der Bundesliga
  3. die Jeanne d’Arc des deutschen Schlagers
  4. ein Boccaccio der Studentenszene**
  5. der Erich von Däniken der neueren Geschichte

*Dank an Aléa Torik, **Dank an Benjamin Stein.

 

Die FAS vom 27. Juni 2010:
Airen und Reich-Ranicki

Leipzig, 27. Juni 2010, 09:27 | von Paco

Danke, liebe FAS, für die heutige Seite 23. Airen und Reich-Ranicki auf einer Zeitungsseite. Allein diese Contentverteilung ist pures, bestes, großartigstes Feuilleton. Und ein schöner Hinweis darauf, dass Airen und MRR ja im Prinzip dasselbe machen. Beide schreien sie Leuten mit arg bildungsbürgerlichen Vorstellungen von Literatur zu: Lasst uns in Ruhe mit eurem Scheiß.

Airen macht das in Form eines Recaps des Bachmann-Wettlesens: »Schön langsam nervt die Jury mit ihrem verkrampften Germanisten­gesülze.« Airen ist ja der Prototyp des naiven Dichters aus dem Schiller-Aufsatz, der eigenen Angaben zufolge auch kaum was gelesen hat und von Literatur Gegenwart und Unmittelbarkeit verlangt, »direkt ins Herz, ins Jetzt«.

Der Text wird ergänzt durch drei Airen-Fotos. Wie der Gartenzwerg aus dem »Amélie«-Film hat sich Airen mit seinem Laptop in Mexico City an verschiedenen Orten fotografieren lassen. Obwohl er im Text schreibt, er habe sich zum Bachmannbloggen in einem Apartment mit WLAN eingeschlos­sen. Kontrafaktischer Fotojournalismus also, auch das noch.

MRR in seiner »Fragen Sie«-Rubrik dann wieder normal hervorragend, er arbeitet diesmal sechs Einsendungen ab, dann ist er eh am besten, wenn er kurz und schmerzlos seinen Unmut über die fragwürdigen Fragen seiner Leserschaft zum Ausdruck bringt: »Bitte, quälen Sie mich nicht.«

Eine Umblätterung weiter, Seite 25, gibt es ein Interview von Rüdiger Suchsland mit Pegah Ferydoni, sie interessiert sich für Gadamer, super. Und mehr hab ich erst mal gar nicht gelesen in der FAS, nur noch den Feuilleton-Opener von Claudius Seidl über das Nachfolgebuch zu »Less Than Zero«, das Bret Easton Ellis jetzt also tatsächlich geschrieben hat. Und nun, halb zehn Uhr morgens: hinaus in die Unmittelbarkeit.

Regionalzeitung (Teil 31)

Leipzig, 26. Juni 2010, 09:06 | von Paco

 
  151.   musste sich auch ein paar unbequeme Fragen gefallen lassen

  152.   steht wieder ganz im Zeichen der

  153.   gab seinem Herzen einen Stoß

  154.   per pedes

  155.   das nötige Kleingeld
 

Kafka, redigiert

Leipzig, 24. Juni 2010, 09:55 | von Paco

Man könnte ein ganzes Blog mit Lieblingsstellen aus den Krausser-Tagebüchern bestreiten, »einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten«, wie Dique neulich schon schrieb. Auf Jahre hin hätte man Stoff. Gerade ist »Substanz« erschienen, eine Auswahl aus den 12 Tagebuchbänden, aber »Substanz« zählt natürlich nicht, man muss sie schon alle lesen, im Zusammenhang.

An eine Stelle aus dem »März« (2003) habe ich mich wieder erinnert, als ich Florian Illies‘ »Substanz«-Verriss in der »Zeit« gelesen habe. Und selbst der verrisswillige Illies lässt diese Stelle gelten: »Ein einziges Mal, als er auf drei Seiten einen Satz von Kafka auseinander­nimmt und redigiert und verbessert, scheint auf, wieso im begründeten Denkmalsturz eine eigene Größe gewonnen werden kann.« Es geht um den ersten Satz aus Kafkas »Proceß«:

»Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.«

Den Satz hat vor zwei Jahren auch Frank Schirrmacher mal schön exemplarisch auseinandergenommen. Krausser aber macht noch etwas anderes, etwas Unerhörtes, er macht Verbesserungsvor­schläge.

Er schreibt über den Satz: »Das ist nicht schlecht, aber genial?« Und formuliert ihn probehalber um und begründet es damit, dass man »sich heute zugunsten der erzählerischen Komplexität Optionen offen halten« würde, damit das, was im Roman folgt, nicht gleich »als tragisch gestempelt, eingleisig« wäre: »genaugenommen kann man sich den Rest auch sparen«. Kraussers Alternativvorschlag:

»Josef K. glaubte an eine Verleumdung, denn ohne bewußt Böses getan zu haben, wurde er an seiner Haustür verhaftet.«

Krausser schreibt übrigens auch: »Es geht nicht darum, den heiligen Franz zu verbessern. / Aber mal grundsätzlich: wenn heutzutage nicht besser geschrieben werden könnte als zu Kafkas Zeiten, hätte kein Fortschritt stattgefunden. Unsereins stehen so viel mehr Techniken zur Verfügung.«

Also, kleiner Kafka-Sockelsturz, schulbuchwürdig, im positiven Sinn.

Kaffeehaus des Monats (Teil 54)

sine loco, 22. Juni 2010, 18:34 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Casa de Chá im Parque de Serralves

Porto
Das Casa de Chá im Parque de Serralves.

(Ich kam direkt vom Strand, ich hatte einen Deziliter Meerwasser ge­schluckt, es ging mir schrecklich. Trotzdem delirierte ich mich im Museu de Serralves durch die Videos der Dana-Birnbaum-Ausstellung, zuletzt saß ich in so einer unvorstellbar riesigen Dunkelkammer und ging dann hinaus und wankte durch den schattigen Park bis zum Casa de Chá, und dort gab es glücklicherweise etwas zu trinken und auch zu essen. Am Nebentisch saßen zwei Brasilianerinnen, eine junge und eine alte, Durchschnittsalter ca. 35 Jahre, und sie unterhielten sich über diesen einen Roman von Guimarães Rosa und über ihre Fingernägel, und um irgendeine Sängerin ging es auch noch, und völlig irrsinnigerweise war ich ihnen in diesem Moment dankbar, unendlich dankbar.)
 

Die FAS vom 20. Juni 2010:
Die Sportteil-Aussortierung

Hamburg, 20. Juni 2010, 21:43 | von Dique

Beginn der Rahmenhandlung

Ich konnte die FAS nicht gleich morgens lesen bzw. nur einen kleinen Teil, denn ich musste zum Spanischkurs. Dort fragte mich meine Banknachbarin in der Pause, ob denn etwas über die HSH Nordbank in der Zeitung stehe. Sie blätterte kurz in meine Sonntagszeitung hinein und fand nichts, und als ich sie fragte, was sie denn für einen Artikel über die HSH Nordbank erwarte, verstand ich dann nicht so genau, worum es ihr ging.

Später am U-Bahnsteig begann ich mit dem Aussortieren der Zeitungs­teile. Auch während der WM bin und bleibe ich FAS-Sportteil-Aussor­tierer, obwohl ich schon mehrfach, auch von vertrauenswürdigen Bekannten, darauf hingewiesen wurde, wie gut doch die Artikel im Sportteil oft seien, besonders am Wochenende, besonders in der FAZ und in der FAS.

Die U-Bahn traf ein, ich konnte gerade noch den Sportteil herausziehen und hinter mir auf der Bank ablegen. Während der Fahrt begann ich mit dem dramatischen Wirtschaftsteil, den ich dann auch erst im Café beendete.

Der Wirtschaftsteil

Die Dramatik startet gleich im obligatorischen Interview auf Ressortseite 3 (= Seite 33), wo sich Jagdish Bhagwati zur aktuellen Finanzmarktproblematik äußert. Er hebt sich dabei angenehm ab vom viel zu populären Bankerbashing und bleibt dabei so logisch und freundlich, man hört ihn beim Lesen fast laut reden. Auf dem Foto zum Interview wirkt Bhagwati auch ungeheuer sympathisch, die beiden Zeigefinger in die Luft gestreckt, ohne Krawatte und bescheiden lächelnd sitzt er vor einer Bücherwand, deren buntgemischte Buch­rücken auf eine moderne Wirtschaftsbibliothek schließen lassen.

Ansonsten hat diese Ausgabe einen ziemlichen Benzingeruch, es geht um Autos und Öl, gleich von der FAS-Frontseite wird man in den Wirtschafts­teil hineingeteast. Die S-Klasse von Mercedes muss wieder in Sonderschichten hergestellt werden, weil immer mehr Chinesen ihre stetig wachsende Infrastruktur damit befahren möchten. Die Krise ist vorbei, ade Kurzarbeit, jetzt wird auch am Samstag geschraubt, montiert und lackiert.

Dagegen reißen bei BP die Probleme einfach nicht ab, statt der üblichen sechs rechnet man in diesem Jahr zur kommenden Hurrikanzeit mit vierzehn Wirbelstürmen. Dann wird es historisch, mit einem Gang durch die Geschichte des BP-Konzerns. Das Unternehmen wurde vor über hundert Jahren von einem spekulierenden Glücksritter begründet, der sich persische Bohrlizenzen besorgte und kurz vor der eigenen Pleite endlich Öl fand.

Bewegt ging es weiter, und dazu gibt es dann eine Menge Fotos, angefangen beim Schreibtischporträt des Gründers William Knox D’Arcy über die englische Königin bei der Einweihung des Forties-Ölfeldes in der Nordsee bis hin zum Schutzhelmfoto des unglücklichen Tony Hayward, des aktuellen Bosses des Konzerns. Gerade wurde er als Krisenmanager suspendiert und tritt gleich ins nächste Fettnäpfchen. Er entspannt wohl erst mal auf einem Segeltörn, und SPON zitiert dazu Obamas Stabschef, Rahm Emanuel: »Ich glaube, wir kommen alle zu dem Schluss, das Tony Hayward nicht vor einer Zweitkarriere als PR-Berater steht.«

Eine Umblätterung weiter geht es abermals mehr oder weniger um Treibstoff, denn der Industrielle Herbert Quandt wurde vor ca. 100 Jahren geboren und hat sich vor ca. 50 Jahren für die Sanierung von BMW engagiert, indem er sein Aktienpaket aufstockte usw., und vielleicht geht es sogar im Rückseitenportrait irgendwie um Treibstoff, um das Zaubermittel, das die 32-jährige Kristina Schröder, Mini fahrende und twitternde Familienministerin, immer wieder antreibt. Herausfinden wollte ich das aber nicht, der Ritt bis dahin war dramatisch genug, Ressortwechsel.

Schluss der Rahmenhandlung

Nun suchte ich das Feuilleton und konnte es nicht finden. Mehrfach blätterte ich hin und her, ordnete die Bücher neu – nada. Sofort verdächtigte ich die HSH-Nordbank-Interessierte aus dem Spanisch­kurs! Hatte sie sich mit ihrem Taschenspielertrick Zugang zu meiner Zeitung verschafft, um sich das Feuilleton anzueignen? Aber so was ist ja unter allen möglichen Geschehnissen auf dieser Welt nicht vorgesehen und konnte eigentlich nicht sein.

Wahrscheinlicher ist, dass das Feuilleton eben zusammen mit dem Sport auf der Bahnsteigbank gelandet ist, denn beide Ressorts werden ja in der FAS genau hintereinander gelegt. Mir war der Sportteil auch ungewöhnlich dick erschienen, aber ich hatte das auf die zusätzliche WM-Berichterstattung geschoben, irgendwelche Extras, Fußballer­figuren zum Ausschneiden und Aufstellen oder Luftballons. Nun hoffte ich, dass der Finder nicht enttäuscht war, wenn er statt Luftballons und Fußballspielern zum Basteln nur ein ungelesenes Feuilleton fand.

Soweit die Rahmenhandlung, und falls ich irgendetwas im verlorenen Feuilleton verpasst haben sollte, bitte ich um kurze Mitteilung.