Archiv des Themenkreises ›Buchbuch‹


100-Seiten-Bücher – Teil 110
Wolfgang Bächler: »Traumprotokolle« (1972)

Berlin, 7. März 2014, 17:09 | von Josik

Aus therapeutischen Gründen hat Wolfgang Bächler jahrzehntelang unmittelbar nach dem Aufwachen seine Träume niedergeschrieben. Diese Träume haben mit allem möglichen zu tun, manchmal zum Beispiel mit Unterricht: »Ich gehe in eine Schule. In ihr gibt es auch ein Unterrichtsfach für Geselligkeit und Heiterkeit, in dem ich besonders schlecht bin und immer unangenehm auffalle.« (S. 11) – »Ich gehe in den Französisch-Abendkurs. Aber der Französischlehrer gibt auf einmal Unterricht im Teekochen.« (S. 88)

Oft haben die Träume mit der Gruppe 47 zu tun, deren jüngster Mitbegründer Bächler war: »Jedele vom Süddeutschen Fernsehen (…) fragt mich, ob die ›Gruppe 47‹ am nächsten Tag zum großen Fernsehschießen komme. Ich möchte Näheres wissen, ob das ein richtiges Schießen mit Kanonen und Richtkreisbemessungen sei usw. Jedele nickt und bestätigt das. Ich denke, das ist endlich mal was, wo ich eine richtige Ausbildung habe und vielleicht den anderen überlegen bin.«

Es ist überhaupt sehr interessant, welches Personal durch Bächlers Träume geistert, neben Diktatoren hauptsächlich Schriftsteller u. ä.: Peter Huchel (immer wieder Peter Huchel!), Wolfgang Harich, Hermann Kasack, Hans Bender, Ernst Bloch, Alfred Andersch, Günter Eich, Hermann Lenz, Adriaan Morriën, Helene Weigel, Simone de Beauvoir, Frau Schnurre, Hans Werner Richter, Heinrich Böll, Bertolt Brecht, Helmut Gollwitzer, Hermann Kesten, Willfried Schröpfer, Hans Georg Brenner, Walter Hilsbecher, Reinhard Lettau, Stalin, Grass, Walser usw.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Wolfgang Bächler: Traumprotokolle. Ein Nachtbuch. Mit einem Nachwort von Martin Walser. München: Hanser 1972. S. 3–117 (= 115 Textsei­ten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 109
Wolfgang Bächler: »Der nächtliche Gast« (1950)

Berlin, 6. März 2014, 14:38 | von Josik

Oberflächlich betrachtet gleichen sich die Settings in Bächlers Romanen »Der nächtliche Gast« und »Einer, der auszog, sich köpfen zu lassen«: Die Geschichte spielt sich hauptsächlich in München ab, sie spielt sich hauptsächlich in einer einzigen Nacht ab, und einer erzählt dem anderen seine halbe oder ganze Lebensgeschichte.

Der hier erzählt, ist ein 16-jähriger Bursche namens Ritschi. Der hier zuhört, ist ein junger, abstrebender Theaterkritiker namens Kaubrich. Beide besuchten am Abend zuvor eine Uraufführung im fiktiven Bad Kressenbach (nicht zu verwechseln mit dem realen Kressenbach).

Im Zentrum des Geschehens stehen neben Ritschi die schöne junge Hella und der berühmte Schauspieler Divorni. Ich will nicht zuviel verraten, aber einer von den dreien wird am Ende draufgehen, das steht auch eigentlich schon im Klappentext, wo Michael Krüger nämlich von einer »ödipalen Travestie« spricht. Etwas überraschend endet die Geschichte im fiktiven Gornheimer Wald (nicht zu verwechseln mit dem realen Bornheimer Wald).

Alfred Andersch soll über dieses Buch gesagt haben: »Einer der ganz wenigen Romane der ersten Nachkriegsjahre, der sich heute noch zu lesen lohnt«, und egal ob man nun Fritz J. Raddatz zustimmt, der Alfred Andersch für einen Großen hält, oder aber ob man Tilman Krause zustimmt, der Alfred Andersch für einen Kleinen hält – wenigstens in diesem Punkt hatte Andersch halt einfach mal Recht.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Wolfgang Bächler: Der nächtliche Gast. Roman. Mit einem Nachwort von Michael Krüger. München; Zürich: Piper 1988. S. 3–146 (= 144 Text­seiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


»Moby Dick« auf dem Kindle

Jena, 27. Februar 2014, 17:16 | von Guest Star

(Ein Erlebnisbericht von Konrad Linke,
noch als kleiner Nachtrag zur
Friedrich-Forssman-Debatte neulich.)

Weihnachten 2011 wünschte ich mir also ein Kindle. Meine Mutter schenkte es mir gern: ein Stück Technologie, das offensichtlich der sinnvollen Beschäftigung diente. Gemäß meinem Wunsch »a regular Kindle for a regular guy« bekam ich die Standardvariante, Schwarzweißbildschirm, ohne Touchscreen. Mein Plan war, zunächst einige Klassiker der Weltliteratur zu lesen, die es angeblich kostenlos zum Download gab.

Da ich damals zu Hause kein Internet hatte, gerieten aber das Kindle und der damit verknüpfte Plan schnell aus meinem Blickfeld. Zum Glück ging irgendwann meine Waschmaschine kaputt. Der örtliche Waschsalon – »Steffen´s Waschsalon« – verfügt über ein freies WLAN und da erinnerte ich mich auch wieder an mein Kindle. Etwa ein Jahr, nachdem ich das Gerät erhalten hatte (meine Waschmaschine ging erst Ende 2012 kaputt), war ich endlich damit online.

Als erstes Buch lud ich mir »Moby Dick: or, the White Whale« von Herman Melville herunter. Es war tatsächlich kostenfrei, allerdings war es natürlich keine kritische Edition, sondern die Sparvariante aus irgendeinem E-Text-Korpus. Ein Inhaltsverzeichnis gab es nicht, die Anmerkungen des Autors hingegen hatte man mitdigitalisiert.

Statt Seitenzahlen befand sich am unteren Ende des Displays eine Prozentleiste, nach rund zehnmal umblättern ging es einen Prozentpunkt weiter. Nach einer Woche war ich bei Kapitel 4 bzw. zwei Prozent angelangt.

Die ersten Kapitel waren unterhaltsam, und zudem lernte ich ein paar neue Wörter, wie ›vertebra‹ (›Wirbel‹) und ›descry‹ (›erspähen‹, üblicherweise in der Kollokation »a ship was descried«). Außerdem gefiel mir die Möglichkeit, Textpassagen zu markieren und abzuspeichern. Die Textpassagen haben dann sogar eine Seitenangabe, zum Beispiel:

Like a nob of young collegians, they are full of fight, fun, and wickedness, tumbling round the world at such a reckless, rollicking rate, that no prudent underwriter would insure them anymore than he would a riotous lad at Yale or Harward. Seite 372 | Pos. 5706-8.

Oder:

And thus there seems a reason in all things, even in law. Seite 392 | Pos. 6009-12.

Oder:

Would that I could keep squeezing that sperm for ever! Seite 393 | Pos. 6015-16.

Derartig geistreiche Passagen sind natürlich schön, sonst jedoch passierte im Buch nicht viel. Bei 60 Prozent verließ mich die Motivation. Was auch daran lag, dass ich mich damals nicht mehr regelmäßig über die neuesten Marotten des Käpt’n Ahab austauschen konnte, wie ich das sonst mit einer Mitdoktorandin während der Mittagspause immer getan hatte. Da sie aber kurz vor der Abgabe ihrer Dissertation stand, musste sie ihre »Moby Dick«-Lektüre unterbrechen.

Zum Glück lernte ich zu dieser Zeit auf der Hochzeit meines besten Freundes eine chinesische Germanistin kennen, die mir auf der Heimfahrt erzählte, dass man Zugang zu »Moby Dick« über Gilles Deleuze erhielt. Deleuze! Das weckte mein Interesse. Kurz nach unserem Gespräch schickte sie mir »Sacher-Masoch und der Masochismus« und später dann sogar auch noch den Text, den sie eigentlich gemeint hatte.

Das half. Der Deleuze-Schwung trug mich etwa 30 Prozent weiter bei meiner Lektüre des »Moby Dick«, bis ich bei 90 Prozent erneut feststeckte. Wiederum war nicht viel passiert, die Pequod schipperte noch immer im Pazifik, vom Weißen Wal fehlte jede Spur. Doch eines Nachts wachte ich gegen 2 Uhr auf, nahm das Kindle zur Hand und las weiter. Bei 92 Prozent kam ein Kapitel namens »The Chase – First Day«. Wenn das nicht der Anfang eines epischen Endes war, was dann?

Und tatsächlich! Bei 97 Prozent wurde Ahab – Achtung, Spoiler! – von Moby Dick in die Tiefe gerissen.

Was für ein Ende! Ja, die Lektüre war teils ein zähes Ringen um Prozentpunkte, aber die letzten Seiten rissen alles wieder raus. Rasch blätterte ich mich durch die verbliebenen 3 Prozent – ein ausführliches Etymologie-Kapitel, in dem Wal-Referenzen in der Weltliteratur ausgelistet standen (Plutarch, Rabelais, Shakespeare etc.). Als ich die letzte Seite erreicht hatte (99 Prozent) und umblätterte, las ich jedoch Folgendes:

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Kunden, die dieses Buch gekauft haben, kauften auch
– David Copperfield (Illustrated) von Charles Dickens
[…]

Das nur mal zur etwas, äh, problematischen Aura des Literaturwerks im Zeitalter seiner technischen E-Book-barkeit. Ohne, dass ich jetzt gleich mit Friedrich Forssman komme: »Zur Ästhetik des E-Books kann ich gar nichts schreiben, denn es gibt sie nicht.«
 


Vossianische Antonomasie (Teil 36)

Düsseldorf, 4. Februar 2014, 14:38 | von Guest Star

(Gregor Keuschnig liest Fritz J. Raddatz)

 

  1. ein Majakowski der Primanerzeitungslyrik
  2. die Ilse Ritter der DDR
  3. eine Soraya der 90er Jahre
  4. Nurejew der Literatur
  5. die Madeleine Renaud des Ostens

alles gefunden in:
Fritz J. Raddatz: Tagebücher 1982–2001
(Danke, Gregor!)

 


100-Seiten-Bücher – Teil 107
Maurice Blanchot: »Das Todesurteil« (1948)

Düsseldorf, 28. Januar 2014, 19:50 | von Luisa

Unter hundert Hundertseitern muss natürlich auch einer sein, der sich verbirgt. Korrekte Sätze und trotzdem nicht zu entschlüsseln. Seitenlang schildert ein abwechselnd selbstgewisser und zaghafter Ich-Erzähler seine abrupten Begegnungen mit Frauen, und weil der Tod nahe und alles möglich ist (durch Wände gehen, sterben und wieder erwachen), wechselt die Geschichte (aber es gibt eigentlich keine) nach Belieben die Richtung. Doch trotz aller Wirrnis ist es ein sehr nützliches Buch. Es bietet eine Menge Sätze, die als Spickfäden die eigenen alltäglichen Gedanken deutlich upgraden können:

»Was spricht, ist die jetzige Minute und die, die darauf folgt.«

»Das Außerordentliche beginnt in dem Augenblick, wo ich aufhöre. Aber darüber zu sprechen, liegt nicht mehr in meiner Hand.«

»Wenn ich Romane schrieb, entstanden sie dann, wenn die Worte anfingen, vor der Wahrheit zurückzuschrecken.«

»Übrigens sah ich die Unschuld dieses Angebotes durchaus, aber ich sah das gespaltene Herz der Unschuld nicht.«

»Wer hat mich denn geblendet? Meine Klarsicht. Wer hat mich in die Irre geführt? Mein aufrechter Sinn.«

Das Buch erschien zuerst bei Suhrkamp, dann bei Urs Engeler, der auch die Auflagenhöhe hineindruckte: nur 500 Exemplare, erstaunlich. Dabei sind solche récits eine schöne Kurzkur, um von Familienromanen und Historienwälzern zu gesunden. Oder nachdem jemand auf tausend Seiten die Welt erklärt hat. Dann ist so eine Blanchot’sche Betäubung einfach eine Wohltat, vom ersten bis zum letzten Satz.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen. – Ausgaben:

Maurice Blanchot: Das Todesurteil. Aus dem Französischen von Jürg Laederach. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990.

Maurice Blanchot: Das Todesurteil. Aus dem Französischen von Jürg Laederach. Frankfurt/M.: Basel; Weil am Rhein: Engeler 2007.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


100-Seiten-Bücher – Teil 106
»Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen« (1731)

Leipzig, 9. Januar 2014, 09:00 | von Marcuccio

Dieser Hundertseiter wurde um 1560 einem Pfarrer zur Mitschrift diktiert – und klar: Wer will schon einen Tausendseiter beichten? Also hat Gottfried von Berlichingen sich diszipliniert mit der Idee: »Meine Sachen und Händel, die ich geführt habe, kurz abzufassen und niederzuschreiben«.

Dass ein Ritter aus dem späten Mittelalter überhaupt Memoiren hinterlässt, war ungewöhnlich genug, hat wohl auch damit zu tun, dass er zu Lebzeiten doch allerhand Zoff hatte und sich noch mal rechtfertigen wollte. Ein Reichs-Cavalier von der rauflustigen Sorte: Wenn Leute Pech hatten (wie der Nürnberger Kaufmann auf S. 51 der Reclam-Ausgabe), wurden sie von Götz gleich dreimal innerhalb eines halben Jahres gefangen genommen und ausgeraubt.

Wem 100 Seiten voller Fehderecht, das eigentlich schon abgeschafft war, zuviel sind, der bekommt auf Seite 28 übrigens das ganze Buch in einem Satz: »Händel und Scharmützel hatten wir überall genug«. Darauf könnte man’s beschränken, wenn man nicht das Wichtigste verpassen würde. Zum Beispiel den Moment, in dem Götz »bemerkte, daß die Hand [seine leibliche] nur noch lose an der Haut hing« (S. 29). Autsch. Doch weiter, immer weiter. Noch im Wundfieber ersinnt sich Götz die Prothesenhand.

»Gern hab ich nicht gesengt und gebrannt«, lässt uns Götz später im Showdown wissen, doch weil er »wollte, daß der Amtmann herausrücken sollte« (aus der Burg Krautheim), musste er die Sache ein bisschen anfeuern: »Aber der Amtmann schrie, während ich unten brannte, nur von der Mauer herab, und ich rief zurück, er möchte mich hinten lecken.« (S. 64)

Götz hat, soviel ist sicher, ein Gespür für Geschichten, die auf den Punkt kommen. Nur als Anführer im Bauernkrieg verheddert er sich ein wenig. Damit sein Buch aber nicht mit dieser Niederlage endet (wie später bei Goethe), und damit der Reclam-Hundertseiter auch voll wird, sattelt unser Ritter mit der eisernen Hand ab Seite 91 noch Bonustracks drauf: »Einige Reiterstücke außerhalb der Fehden«. Tatsächlich ist Götz, der für seine Zeit biblisch alt wurde (82 Jahre!), noch mit 62 gegen die Türken nach Wien geritten und mit 64 an der Seite von Karl V. gegen Frankreich. In dem Alter liegen andere faul auf der Couch!

Noch herrlicher als dieser Hundertseiter war eigentlich nur mein Burgschmaus mit dem leibhaftigen Götz von Berlichingen. Denn ja, er lebt. Hat zwei heile Hände. Und heißt wirklich so: »Wenn bei irgendwelchen Stadtschulmeisterschaften mein Name über den Lautsprecher kam, hat immer das ganze Stadion gelacht.«

Länge des Buches: ca. 177.000 Zeichen. – Ausgaben:

Götz von Berlichingen: Lebens-Beschreibung Herrn Gözens von Berlichingen, Zugenannt mit der Eisern Hand, […]. Mit verschiedenen Anmerckungen erläutert, und Mit einem vollständigen Indice versehen, zum Drück befördert, von Verono Franck von Steigerwald […]. Nürnberg: Feißecker 1731. S. 1–252 (= 252 Textseiten). (online)

Götz von Berlichingen: Lebens-Beschreibung des Herrn Gözens von Berlichingen. Abdruck der Original-Ausgabe von Steigerwald, Nürnberg 1731. Halle: Niemeyer 1886. S. 3–111 (= 109 Textseiten). (online)

Götz von Berlichingen: Lebensbeschreibung des Ritters Götz von Berlichingen. Ins Neuhochdeutsche übertragen von Karl Müller. Nachwort von Hermann Missenharter. Stuttgart: Reclam 1993. S. 3–100 (= 98 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Fünfundsechzig verweht

Hamburg, 7. Januar 2014, 12:01 | von Dique

Wer von Ernst Jünger spricht, darf von Christine Westermann nicht schweigen. Ich erkläre gleich warum.

Neulich jedenfalls wieder mal mit John Roxton auf ein Stück Butterkuchen bei Stenzel. Danach fahren und spazieren wir ein bisschen kreuz und quer durch die Gegend und kommen dann zufällig an einem Antiquariat vorbei, das ich noch nicht kenne. Sehr klein, schön vollgestellt. Der Antiquar ein gediegener älterer Herr, der eigentlich gerade schließen will, aber nichts dagegen hat, dass wir uns noch kurz umsehen.

In einer Vitrine steht eine breite Zeile mit Ernst-Jünger-Büchern und wir geraten darüber kurz ins Gespräch mit dem Antiquar. Nichts Besonderes, er bringt die alte Kamelle, dass Jünger in Deutschland noch immer verpönt sei, in Frankreich dagegen ohne Probleme schon lange mit Lust gelesen werde. Zeit zu gehen.

In der Verabschiedungszeremonie fällt aus irgendeinem Grund noch der Name Ernst von Salomons und der Antiquar sagt, dass er den Fahrer des Rathenaumordfahrzeuges persönlich gekannt habe, Ernst Werner Techow, außerdem besitze er privat eine handsignierte Ausgabe der »Kadetten«. Das klingt jetzt wie eins dieser äußerst fragwürdigen Facebook-Likes, also lieber nicht weiter bohren und weg da, aber dann sehe ich im Hinausgehen drei Bände »Siebzig verweht« schön gebunden da stehen und ich frage noch schnell, was die denn kosten. Also eigentlich ja 58 Euro, stehe auch so im Buch drin, und er bietet sie mir dann für 40 an, und obwohl mir das ein wenig unangenehm ist (ist das der Kameradenpreis?), schlage ich ein.

Zu Hause durchblättere ich die Bände dann nach Blutspuren, Übersprungshandlung, und dann fällt mir ein, dass ich es wie Bardamu bei Céline hätte machen sollen. Ein paar unverbindlich zustimmende Worte mehr (»Salomon wird ja auch viel zu wenig gelesen, Rathenau war ja eh schon ziemlich alt, Jünger ist ja leider nie Bundespräsident geworden« oder Ähnliches) und ich hätte die »Siebzig verweht«-Bände für umsonst bekommen, hehe.

Von Céline und der »Reise ans Ende der Nacht« übrigens hatte Harald Schmidt nach eigenem Bekunden noch nie etwas gehört, bis ihm Helge Malchow seine berüchtigte Liste mit Must-read-Büchern gab, so Schmidt Mitte Dezember im Interviewgespräch mit der sympathischen Christine Westermann. À propos, »Klick ins Buch«, in den derzeitigen Bestseller eben jener Christine Westermann: »Da geht noch was – Mit 65 in die Kurve«, ich bin noch immer nicht über den ersten Satz hinweg: »Das Wesen einer Einleitung ist, dass sie am Anfang eines Buches steht.«
 


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 29):
»Bestiarium der deutschen Literatur« (2012)

Jena, 29. Dezember 2013, 08:25 | von Montúfar

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 105)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

In einem so auf Vollständigkeit angelegten Fortsetzungswerk wie diesem alphabetisch sortierten »Bestiarium der deutschen Literatur« (zauberhaft illustriert von Klaus Ensikat) darf natürlich der Verfasser selbst nicht fehlen. Während Uwe Johnson als »Pottwal« (S. 55) beschrieben und Juli Zeh synekdochisch ausgebaut wird zum »Rauhfußkauz« (S. 130), tituliert Raddatz sich selbst als »Prachtleierschwanz« (S. 133) und präsentiert sich als Ebenbild eines »sehr eitlen Tieres« (ebd.).

Der Prachtleierschwanz trägt seinen Namen, so erfahren wir, völlig zu Recht, denn es »stülpt der gerne vor spiegelndem Wasser Kokettierende den imposanten Sturz seines pfauenähnlichen Schwanzgefieders beim Kopulieren über seinen und des Weibchens gesamten Körper, was ein Forscher ›monströse Schönheit‹ nannte« (S. 133).

Peter Sloterdijk hat sich kürzlich ebenfalls treffend über sein Aussehen geäußert. In »Zeilen und Tage« beschrieb er sich als ›unfrisierbaren Oger‹. Das ist zwar monströs, aber nur bedingt schön. Und bekanntlich hatte Friedrich Engels seinerzeit in »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie« über die materialistische Dialektik behauptet: »damit wurde die Hegelsche Dialektik auf den Kopf, oder vielmehr vom Kopf, auf dem sie stand, wieder auf die Füße gestellt.«

Raddatz – so muss man schlussfolgern – stellt intelligente Literatur- und Literatenbetrachtung vom Kopf auf den Schwanz. Das ist definitiv unterhaltsamer, als grobschlächtige Riesen zu kämmen, und verdient vorbehaltlose Hochachtung. Aber es ist auch Vorsicht geboten, denn: »Diese ›Leierschwanz-Facetten‹ täuschen (…) darüber hinweg, daß das eigentlich scheue Tier gegen Feinde äußerst aggressiv ist, die es durch eine übelriechende Ausscheidung betäubt, um dann mit stolzgeschwungenen langen Schwanzfedern in Siegerpose den Kampfplatz zu verlassen.« (S. 135)

Länge des Buches: ca. 86.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Bestiarium der deutschen Literatur. Illustrationen von Klaus Ensikat. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2012. S. 3–139 (= 137 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 28):
»Die Tagebücher in Bildern« (2011)

Jena, 28. Dezember 2013, 08:25 | von Montúfar

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 104)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Dieses Buch leidet anscheinend – und das völlig zu Unrecht – an seiner Kürze. Denn schon im Vorwort berichtet Namensvetter Joachim Kaiser über die Tagebücher: »Sie umfassen immerhin 900 Seiten und knapp zwei Jahrzehnte, und doch habe ich sie in drei aberwitzigen Tagen und Nächten durchgelesen, durchstürmt; nur am Schluß ein wenig überdrüssig.« (S. 7)

Und auch am Ende findet sich abgedruckte Fanpost, in der immer von ekstatischen Leseerlebnissen die Rede ist; wohlgemerkt für die Tagebücher. Dabei sind »Die Tagebücher in Bildern« viel besser als ihr beleibterer und beliebterer Verwandter, denn sie destillieren aus dem »großen Gesellschaftsroman der Bundesrepublik« (Frank Schirrmacher) auch noch einen so schönen wie kleinformatigen Beitrag zur Gattung des Coffee Table Books.

Und was es hier zu sehen gibt, bestätigt augenscheinlich, was ich bisher nur befürchtete: FJR kennt sie nicht nur alle und ist immer der sprachlich Treffsicherste, sondern er ist dabei auch immer am besten angezogen. Ich begann sofort wieder damit, gebügelte Hemden zu tragen, und hätte beinahe wieder angefangen zu rauchen. Davor bewahrte mich nur, dass ich mich relativ schnell ausschließlich auf die Tagebuchauszüge zurückkonzentrierte.

Und da wird dann z. B. der Vorwortgeber, »[m]ein so eloquenter und begabter Freund Kaiser« (S. 76), mit den Worten gewürdigt, dass ihm beim Versuch, über die Schönheit von Musik zu reden, schlicht die Worte fehlten. Das könnte Raddatz nicht passieren. Bei einem Abend für Wolf Wondratschek in Hamburg trifft er einen Boxer, »Herrn Marke oder Maske« (S. 110), und »ein stadtbekannter Zuhälter« (ebd.) stellt ihn, Raddatz, zur Rede: »Sahn Se ma, wat is denn nun der Unterschied zwischen Gedichten und Romanen.« (ebd.)

Ganz am Ende äußert sich Raddatz noch zu einigen undankbaren Kritiken seiner Tagebücher, in einem Faksimileauszug aus seinen fortgeschriebenen Aufzeichnungen. Hier zeigt sich dann doch eine menschliche Schwäche des Titanen FJR: seine Handschrift ist gar nicht so leicht zu entziffern. Wie gut also, dass es nur noch 69 Tage dauert, bis bei Rowohlt die Tagebücher 2002–2012 erscheinen, in Druckschrift. Und welch Hinterfotzigkeit des Verlags, im Vorschautext für diese neue Tagebuchtranche einfach mal die alten Tagebücher zu dissen: »neue Namen tauchen auf: nicht mehr nur Hochhuth, Enzensberger und Grass«.

Länge des Buches: ca. 121.000 Zeichen (inkl. der Einleitung von Joachim Kaiser und den Leserbriefen am Ende, aber ohne das faksimilierte Postscriptum auf den Seiten 127–136). – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Die Tagebücher in Bildern. Mit einer Einleitung von Joachim Kaiser, einigen Briefen an den Autor und einem Postscriptum aus dessen fortgeführtem Tagebuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2011. S. 3–136 (= 134 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


Die großen Fritz-J.-Raddatz-Festwochen (Tag 27):
»Tucholsky. Eine biografische Momentaufnahme« (2010)

Basel, 27. Dezember 2013, 08:25 | von Baumanski

(= 100-Seiten-Bücher – Teil 103)

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(Vorwort zur Festwoche hier. Inhaltsübersicht hier.)

Von Raddatz’ Rechenkünsten war an dieser Stelle ja unlängst schon die Rede. Die Lektüre seines vierten und bis dato letzten Tucholsky-Hundertseiters – es geht hier vor allem um Tucholskys Beziehung zu seiner zweiten Frau Mary Gerold – bietet neuerlichen Anlass zum Lob der »Genau«-igkeit. Auf Seite 81 zitiert Raddatz nämlich ein paar Sätze aus Marys Tagebuch und notiert dazu: »Das stammt aus dem November 1920. Doch schon genau ein Jahr später, im August 1921, muß sie sich eingestehen: (…)«.

Kurz vor Ende des Buchs verlassen wir dann Tucholskys kindisches Liebesleben (FJR, S. 120: »Phallokratie«) für einen 25-seitigen Exkurs über seine Fehde mit dem nicht minder kindischen Karl Kraus, was natürlich dem Unterhaltungswert der Lektüre zuträglich ist. Für den »Great Hater« Kraus war Tucholsky eine »fünfdeutige Gestalt« und, viel schlimmer, »der Herr Tucholsky«, und er meinte dann auch: »Mit Pantern, Tigern und selbst zahmeren Haustieren werde ich bestimmt noch fertig.« Als Leser fragt man sich bei Betrachtung dieser Fiesheiten unweigerlich, was Karl Kraus wohl über Fritz J. Raddatz geschrieben hätte, aber hier spielt natürlich einmal mehr die, hehe, Gnade der späten Geburt.

Länge des Buches: > 150.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz J. Raddatz: Kurt Tucholsky. Eine biografische Momentaufnahme. Freiburg/Br.; Basel; Wien: Herder 2010. S. 3–144 (= 142 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)