Monatsarchiv für August 2007


Todd D. Monokohli

Hamburg, 31. August 2007, 00:45 | von San Andreas

Todd D. KohliWeil hier doch gerade vom aktuellen »Monocle« die Rede war; ich hab heute bei meinem Newsagent drin geblättert. Auf Seite 54 befindet sich tatsächlich ein Interview mit meinem San Franciscaner Buddy Todd D. Kohli, und das kleine runde Konterfei ist ein Foto, dass ich seinerzeit vorm Hamburger Planetarium von ihm gemacht habe. Von Rechts wegen müsste ich diesem »Monocle«-Menschen jetzt eine Rechnung schreiben, aber ich hab gesagt: Tyler, lass gut sein.

(Edit: Story wird hier fortgesetzt.)


KulturSPIEGEL XXL und CCC

Konstanz, 30. August 2007, 01:11 | von Marcuccio

A. R., Diplom-Ingenieur (60), hat nach 28 Jahren abbestellt. H. F., Oberstudienrat i. R. (71), sein Abo im 46. Bezugsjahrgang gekündigt. Und O. G., Austologe (39), sagt: »Hallo liebe Zielgruppe! Bitte auch nicht am Kiosk kaufen!«

So hätte es kommen können, nach der hier so treffend benannten »längsten Spiegelsommerpause ever«. Aber es ist »Goldrausch« angesagt, zumindest beim KulturSPIEGEL: 96 Seiten – soviel Abo-Beilage gab’s noch nie.

Wie ein zu groß gewordenes Kälbchen flutscht einem das Sabblemong für September aus dem aktuellen Mutterheft entgegen. Viele Storys, opulente Fotostrecken, Damien Hursts Diamanten-Schädel funkelt auf 1/1-Größe, und 38 Anzeigenseiten stellen 12 Jahre stabiler Heftumfänge à 48 Seiten in den Schatten.

Ich suche nach einer Hausmitteilung, die mir die voluminöse Verdopplung von einem Monat auf den nächsten erklärt. Fehlanzeige.

Stattdessen stechen die ebenfalls neuen, seitenlangen Kleinanzeigenmärkte im Terminteil ins Auge. Neben die gewohnte KulturSPIEGEL-Champions-League der Redaktion darf und soll sich jetzt also auch die Regionalliga ins Heft buchen.

Sinnbildlich sichtbar wird das in der Anzeige für das Panoramamuseum am Kyffhäuser, das sich mit seinem Werner-Tübke-Rundgemälde als »Sixtina des Nordens« empfiehlt. Na dann. Aber ob die durch den KulturSPIEGEL angetickten Massen dann auch noch die Sehenswürdigkeit im Museumscafé (hehe) zu Gesicht bekommen?

Eigentlich kann so eine Anzeigen- und Seiten-Expansion ja nur mit der Auflage zusammenhängen, und tatsächlich: Dem Impressum ist zu entnehmen, dass es diesmal statt der üblichen 460.000 doch glatt 1.051.000 KulturSPIEGEL gibt. Wörtlich steht da natürlich nur:

»Dieser KulturSPIEGEL liegt der Abonnenten- und Inlands-Einzelverkaufsauflage von 35/2007 bei. Sie erreichen den Abo-Service unter …« usw.

Auch wenn es vermutlich nur eine einmalige Aktion zur Abonnentenwerbung ist, so ist es die Erklärung für das Anzeigenwunder. Und ein printener KulturSPIEGEL für alle. Okay, fast alle. Damit aber auch dem Spiegel-Ausland nichts vorenthalten bleibt, zitieren wir hier mal aus der Schlusspassage des Interviews mit Produzenten-Legende Dino De Laurentiis:

»An Ruhestand denken Sie also nicht?

Ich gehe in den Ruhestand, wenn ich sterbe. Wissen Sie, in Italien sagt man, dass es auf die drei »C« ankommt: cuore, das Herz, cervello, das Hirn, und coglioni, die Eier. Bei mir funktioniert alles noch ganz gut.«

Na bitte. Und der »Spiegel« funktioniert ab dieser Woche auch wieder ganz gut, wobei ich finde, dass man neben Alexander Osang auch ruhig mal Namensvetter Smoltczyk erwähnen darf, und zwar sowohl aktuell (Roberto Saviano) wie generell (»Global Village« darf ja keiner so oft wie er).


»Stalingrad-Saufen«, Counter-Strike, Sarkozy

auf Reisen, 29. August 2007, 12:21 | von Paco

Bevor morgen die neue Ausgabe erscheint, hier ein kleiner Rundown der letzten »Vanity Fair«-Ausgabe, Nr. 35 vom 23. August 2007. Darin mindestens 3 Hammerartikel, die mein Urteil von gestern bestätigen.

Passend zur Games Convention, die für mich in diesem Jahr ja ausfiel, gab es einen Bericht von Andreas Rosenfelder über die Counter-Strike-Szene (»Die Waffen der Frauen«, S. 88-95).

Nun ist jeder Artikel besser und seriöser als der total noob-Artikel in der F-Zeitung von letztem Mittwoch. Und glücklicherweise merkt man schon an Rosenfelders Schreibduktus, dass hier nicht der nächste pseudojournalistische Bedenkenträgerartikel kommt. Der »Verachtung der ohne DSL-Flatrate aufgewachsenen Generationen« stellt er ein paar verständnisheischende Worte entgegen:

»Dabei ist Counter-Strike eine ganz nüchterne Angelegenheit (…). Tatsächlich folgt das Spiel einem so strengen Regelwerk, dass wohl selbst ein Sepp Herberger seine helle Freude daran gehabt hätte.« (S. 92)

Sepp Herberger – na ja, okay. Jedenfalls begleitet der Autor zwei Mädchenclans bei ihrem Headshot-Hobby, und das ist doch mal eine gute Idee, um die eingefahrenen Wege der CS-Berichterstattung zu verlassen.

Ansonsten gab es noch diesen Artikel mit dem »Stalingrad-Saufen«: Der Salem-Bericht von Friedrich von Trotha (S. 54-59) will Arbeit am Mythos sein, aber mehr als die Geschichte mit den Wehrmachtsuniformen (auf S. 55) wird davon wohl nicht bleiben, hehe.

Dann muss umbedinkt noch der Artikel von Martina Meister erwähnt werden, »100 Tage Raserei« heißt er und handelt von Sarkozy und seinem »naturgewaltigen« Regierungsantritt (S. 74-81).

Das ist inhaltlich und stilistisch eine absolut »Spiegel«-würdige Story. In den Bildbeschreibungen wird auch mal nicht verzeichnet, welcher Herrenausstatter jetzt für welchen getragenen Anzug verantwortlich ist, und das kann der kritischen Haltung des Textes nur dienlich sein (hehe).

Die Sarkozy-Auslandsberichterstattung ist ja auch deshalb so wichtig, weil in den französischen Leitmedien gern mal Dinge weggelassen werden, ob das jetzt der Schwips beim G8-Gipfel ist oder eine »rouleau de gras«.

Ach ja, im »Kultur«-Teil fragt Adriano Sack endlich einmal nach, wie »Irene Dische« nun eigentlich ausgesprochen wird. Die Antwort ist dann unpräzise, aber man kann sich im Zweifelsfall darauf berufen. Man könne den Nachnamen der Autorin aussprechen »wie man will: Dische, Disky, Dish« (S. 130).


Darf man das lesen? (Teil 7: »Vanity Fair«)

auf Reisen, 28. August 2007, 10:02 | von Paco

Man will ja die deutschsprachige »Vanity Fair« schon wegen einiger ihrer Kritiker gut finden. Wer aber auch nur halbwegs mit dem konform geht, was Vargas Llosa neulich in »El País« (und etwas später auch in der S-Zeitung) geschrieben hat, wird die VF nicht lesen dürfen. Darin wird nun mal genau das Entertainment (als Gegenteil von Information, Meinung, Kritik) geliefert, das der zornige Autor anprangert. Aber langsam, erst mal die Basics:

Jede VF-Ausgabe besteht aus den 4 Teilen »Leute«, »Agenda«, »Kultur« und »Stil«. Den ersten Teil, den ganzen »Leute«-Kappes und Jetset-Ennui sollte man gleich übergehen, eine Rubrik wie »Die Partys der Woche« ist nicht mehr als der Vorhof zur »Was macht eigentlich …«-Hölle. Auf den vielen zerhäckselten Seiten mit Fotos und irgendwelchen Ein-Satz-Zitaten von Schauspielerinnen kann man sich auch nicht lange aufhalten, da hat naturgemäß kein Gedanke Platz.

Die IN&OUT-Doppelseite ist übrigens die Hochform dieser Häckselkunst. Dort gibt es ganz rechts außen immerhin einen Pressespiegel, in dem auch mal ein »Merkur«-Artikel erwähnt wird (Nr. 29, S. 15!) – an solchen versteckten Stellen wird deutlich, dass eben Ulf Poschardt Chefredakteur ist und nicht Hinz oder Kunz.

Trotzdem werden die wenigen Feuilleton-Themen, die sich die VF leistet, mitunter extrem boulevardisiert, siehe die Botho-Strauß-Homestory von neulich. Das sind dann oft die im falschen Stil verfassten Texte zum falschen Thema im falschen Medium. Es gibt dann aber doch genügend Ausnahmen, etwa Rainald Goetz‘ Bericht über Peter Steins »Wallenstein«.

Und damit zum Schluss noch das Gute und die Beantwortung der obigen Frage mit »ja«: Die Storys, bei denen der Text auch mal länger ist als eine Seite, sind ein guter Grund dafür, regelmäßiger »Vanity Fair« zu lesen – etwa die Übersetzung des VF-Original-Artikels von Todd Purdum über die »84«, die Bushs, die US-Präsidenten Nr. 41+43 (Nr. 28 vom 5. 7. 2007).

Die VF hat mit ihrem »Kultur«-Chef Volker Corsten, mit Robin Alexander und Andreas Rosenfelder ein paar sehr gute Feuilletonisten dabei. Bei Ingeborg Harms werden sogar einige (leider nicht alle) der Society-Porträts zum interessanten Gegenstand, z. B. das über den römischen Designer (in der VF heißt das freilich durchgehend »Couturier«, hehe) Valentino Garavani – 10 Seiten Fotos und immerhin 2 Seiten Text.

Und Rosenfelders Artikel über die Witwe von Hunter S. Thompson behandelt zwar nicht gerade ein Top-notch-Thema, wäre aber so auch in der »SZ am Wochenende« oder der FAS denkbar. Und der herrliche Artikel von Robin Alexander, der den Bundespräsidenten auf den Balkan begleitet hat (Nr. 29, S. 74-79), könnte genauso gut auch auf der »Seite 3« der S-Zeitung stehen.


Sonntag: Ablaufdiagramm

auf Reisen, 26. August 2007, 11:40 | von Paco

-Welchen Teil liest du zuerst? Feuilleton?
-Nein.
-Politik?
-Nein.
-Gesellschaft? Wirtschaft?
-Nein. Geld & Mehr.
-Nee, echt?
-Und du?
-Wissenschaft.


Darf man das lesen? (Teil 6: »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel«)

Konstanz, 24. August 2007, 21:59 | von Marcuccio

Es führt die böse Börse nur im Namen und ist nicht mit (schl)echten Börsenblättern wie etwa dem »Effecten Spiegel« zu verwechseln.

Von dem war dieser Tage zu lesen, weil Bolko Hoffmann gestorben ist: der Mann, der vor allem durch seine Anzeigen gegen den Euro bekannt wurde. Sein Vorname lebt im Hund Bolko von PR-Berater Moritz Hunzinger weiter, wie Hans Leyendecker in der S-Zeitung schreibt. Doch das nur nebenbei.

Und dann also dieses Börsenblatt für den Buchhandel: Wieso eigentlich Börse, haben die nicht Ladenpreisbindung, also quasi Planwirtschaft fürs gute Buch? Schon. Aber Buch-Börsianer funktionieren eben anders … Wer wissen will wie, wirft donnerstags einen Klickblick [PDF] in die Gutenberg-Galaxis hinein (oder freitags in die Perlentaucher-Rubrik Die Buchmacher).

Meistens merkt’s natürlich keiner, wenn das Börsenblatt ein bisschen Feuilleton spielt und Schiffsschreiber Matthias Politicky nach seiner Weltumrundung exklusivinterviewt [PDF]. Oder den Mann unter die Lupe nimmt, der uns als »Karlmann« einen guten Bücherherbst bereiten könnte.

Und dann gibt es sogar einen Börsenblatt-Korrespondenten: Nils Kahlefendt, der immer Schönes über die Buchmesse und andere Dinge (zuletzt: das Kunstbuch zum Kunstboom [PDF]) aus Leipzig zu berichten weiß.


Happenings und Grunge-Partys

London, 23. August 2007, 22:46 | von Dique

Was ist los beim großen Städte-Ranking. Die deutsche »Vanity Fair« lese ich nicht, aber dort wurde ja laut Oliver Gehrs München zur coolsten Stadt erklärt, und da ist man sich immerhin einig mit »Monocle«.

Wir kennen das alljährliche Städte-Ranking. Welche ist wohl die teuerste der Metropolen, und der aktuelle Gewinner ist Moskau. London ist auch immer oben dabei, und Zürich, und Genf, und New York, und Tokio, also die üblichen Verdächtigen.

Wo es sich dagegen wirklich gut lebt und warum, ist vielleicht eine andere Frage, und da hat »Monocle« mit einem relativ einleuchtenden System nach bestimmten Grundsätzen und Annehmlichkeiten einer Stadt eben besagtes München auf den Top-Platz gesetzt.

London fliegt raus wegen seines unzulänglichen öffentlichen Verkehrssystems, der vergleichsweise hohen Kriminalität und vor allem, weil man Probleme hat, nach um 11 noch irgendwo in relaxter Atmosphäre einen picheln zu gehen.

Stimmt zwar alles, aber mit dreihundertachtundvierzig Millionen Topmuseen und Galerien, ebenso vielen Theatern, einer Handvoll Opernhäuser und unzähligen Klassik-, Rock-, Pop-Events und Restaurants jeglicher Art und Qualität könnte man bestimmte Prioritäten bezüglich der Lebensqualität infrage stellen.

Aber gut, das ist Tyler Brûlé, und John Roxton hat sicher Recht mit seiner Beobachtung, dass Brûlé eben eine Schwäche für alles Feine, Saubere und gut Funktionierende hat, am besten mit skandinavisch-nordischem Einschlag, damit eben auch eine nachvollziehbare Liebe zu Zürich, München und Wien, aber auch zu Tokio und Kyoto.

Während »Monocle« einen Maßstab anlegt, welcher eins a erklärt wird, haut uns der »Spiegel« mit recht abstruser Begründung so genannte »second cities« um die Ohren, die sich aus dem Schatten der großen, jetzt uncoolen Städte erhoben haben.

So ist auch hier London out, und Berlin und Paris erst recht, aber die estnische Vierhunderttausendeinwohnerklitsche Tallinn ist in und hip und unter anderem hier vermuten die »Spiegel«-Redakteure den nächsten Steve Jobs und/oder Bill Gates.

Mal ganz kurz: Was genau ist eigentlich cool an einem Ort, der Leute wie Gates und Jobs ausspuckt. Ist Silicon Valley cool? Will da oder wollte dort irgendwer leben, der nichts mit Computern zu tun hat?

Warum der »Spiegel« auf Krampf versucht, Amsterdam zu empfehlen, bleibt auch unklar. Die Story hangelt sich an einer Kreativen entlang, die aus Fahrradschläuchen und Luftmatratzen Handtaschen näht und, ach wie toll, die Dinger werden sogar bei Guggenheims verscherbelt.

Ansonsten wohnt die Frau in irgendeinem subventionierten Zentrum für einhundert weitere Kreative, und das ist natürlich super und vor allem cool. Amsterdam ist cool, ja, aber das war es schon immer, und das ist es eher trotz als wegen der Fahrradschlauchtaschendesignerin.

Und dann noch mal Tallinn. »Projekte für die alternative Szene, Happenings und Grunge-Partys« steht da als Unterschrift unter zwei Bildern zum Text. Grunge-Partys, meine Güte, und Happenings.

Auf einem der Fotos aus einer Tallinner Diskothek sieht man zwei tanzende Mädchen, von denen eine einen grinsenden Teufel auf die Jeans genäht hat, eben cool, und am Ende des Textes erzählt uns Erich Follath, dass man über irgendeine Entertainmentfirma einen KGB-Abend einschließlich Verhaftung und Verhör mit anschließendem Wodka-Umtrunk buchen kann.

Das klingt ungefähr so attraktiv wie eine Fahrt mit dem Trabant durch Berlin und anschließendem Eintopfessen mit Erich Mielke im Stasimuseum.

Das ist die längste Spiegelsommerpause ever, erst wurde die Kunst vor 38.500 Jahren in Deutschland erfunden und dann ist Tallinn unter den fünf coolsten Städten Europas. Der einzig gute Artikel ist der auf Seite 126 über den sehr lustigen »Islamic Rage Boy«. Islamic Rage Boy, so ein edler Name, mit dem würde ich gern mal ins Museum für Morgenlandfahrer gehen.


Reihenweise Vorzüge

Leipzig, 23. August 2007, 20:32 | von Millek

Heute Morgen kam mir Paco aufgeregt entgegen. Seine Aufregung hatte zwei Gründe. Erstens hatte er Angst, seinen Flug zu verpassen. Es handelte sich, glaube ich, um eine schon länger geplante Reise, und ich wunderte mich, ihn überhaupt noch im Institut anzutreffen.

Zweitens war er im Straßenbild daran erinnert worden, dass diese große Computerspielemesse gerade begonnen hatte. Das versuchte er zu verdrängen, denn er muss nun »wegen dieser vermaledeiten Reise« auf seine Lieblingsdialogfetzen verzichten, Dialoge à la

»Aus der Schweiz kam noch nie ein guter CS-Gamer!«

Ich schenkte ihm kurzerhand meine »Frankfurter Rundschau«. Darin findet sich heute der herrliche Artikel von Arno Widmann, der endlich einmal die Vorzüge der Wagenbach’schen Vasari-Reihe preist, die sich skandalöserweise so schlecht verkauft.

Die Zeitung unter dem Arm, eilte Paco zum Ausgang. Ich schaute ihm nach und fragte mich, wer bei mir zu Hause die FR ins Probeabo genommen hat. Hoffentlich ist es nur ein Probeabo – denn eigentlich braucht man unbedingt den Platz in der Mitte der Sitzreihe eines Flugzeugs, um sich von den Vorzügen der FR überzeugen zu lassen.


Die große Oliver-Gehrs-Nacht

Leipzig, 23. August 2007, 06:23 | von Paco

Fast kein Mensch kennt WatchBerlin, und wer das da ist und was die da machen, scheint auch noch so ein Geheimnis zu sein, obwohl die Karten gut erkennbar auf dem Tisch liegen. Es ist mit Sicherheit kein neues 08/15-Videoportal nach dem youtube-sevenload-myvideo-Schema.

Die dort redaktionell betreuten Videoblogger sind die zurzeit besten Videoblogger around, das kann man ganz ohne Übertreibung mal hier hinschreiben, die Mischung ist rund und spicy, auch ein paar Duschbeutel sind dabei, aber die gehen schön unter.

Von Henryk M. Broder erscheint leider viel zu selten etwas Neues. Wenn man Harald Martenstein zuhört, weiß man endlich, dass man seine fetzigen Kolumnen langsam und bedächtig lesen muss, so wie er selber eben spricht, wenn er in seiner Küche vor der WatchBerlin-Kamera spricht.

Volker Weidermann bereitet sich in seiner schönen Videokolumne »Book.Book« hoffentlich auf Einsätze im Fernsehen vor, er wäre eine schöne Bereicherung zu den mittlerweile fast einzigen Buchmenschen im deutschen TV, Thea Dorn, Elke Heidenreich und Denis Scheck.

Und dann ist da noch die Rubrik »Blattschuss!«, in der Oliver Gehrs seit dem 30. April jeden Montag den neuen »Spiegel« kurz bespricht. Das ist so gut und so unterhaltsam, dass es im Prinzip auch ohne Kenntnis des kritisierten Gegenstands funktioniert.

Die 16 bisher geuploadeten Folgen ergeben bei einer durchschnittlichen Länge von 3 bis 5 Minuten einen kürzeren Spielfilm, und daher haben wir gestern Abend »Die große Oliver-Gehrs-Nacht« veranstaltet, im Bunkerkino im zweiten Stock.

Die Mädels waren hin und weg. Und das wöchentliche Verschwinden und Wiederauftauchen des Gehrs’schen 7-Tage-Barts war vielen schon Schauwert genug.

Das Kunststück von Gehrs ist es, immer grundsympathisch zu bleiben, obwohl er ja zuweilen recht beckmesserisch über das beste Magazin der Welt (so weit kann man immer mal wieder gehen) räsonniert, während die Handkamera um ihn herumtänzelt. Das könnte pedantisch bzw. total bescheuert wirken, tut es aber nicht.

Das Tolle ist ja, dass man sich über den »Spiegel« anders aufregt, als etwa über die »Bild«. Da haben Bezeichnungen wie »bodenlose Dämlichkeit« und »reinster Schrott«, die aus dem aktuellen Beitrag über die Titelstory »Europas coole Städte« stammen, noch eine unterscheidende Aussagekraft.

Gehrs lobt nämlich auch, meist zurecht, und dann plauzt eine »Spiegel«-Begeisterung aus ihm heraus, die jeder langjährige Leser kennt und die sofort ansteckt und besser wirkt als jeder Werbespot und jeder Titelbild-Aufsteller.

Trotz einiger Resonanz in der Blogosphäre – ganz vorn in der Gehrs-Berichterstattung liegt übrigens der popkulturjunkie Jens Schröder – fallen die Klickzahlen unverständlicherweise eher gering aus (immer so knapp oder auch mal etwas deutlicher über 1000). Immerhin habe ich im Institut schon mehrfach den Gehrs-Begrüßungstext »Hallo, liebe Zielgruppe« gehört, die Popularisierung schreitet also voran.


Hans Neuenfels trifft Richard Wagner – häää?

Leipzig, 22. August 2007, 12:30 | von Paco

+++ Bevor morgen die neue Ausgabe erscheint +++ Neues von Neuenfels in der letzten »Zeit« +++ Vollkommene Ratlosigkeit beim Leser +++ Wer Wie Was? +++ Die Meldung im Einzelnen:

Es war der Aufmacher des Feuilletons (S. 35 und 36). Der Opernregisseur Hans Neuenfels ist endlich mal in Bayreuth gewesen und schildert nun zunächst mal sehr schön die Reise dorthin.

Schilderungen von Zugfahrten sind immer interessant, so etwas will jeder lesen. Irgendwann kommt aber jeder Zug an, und der Regisseur ist also mittlerweile in Bayreuth und wir mit ihm im Festspielhaus. So weit, so gut.

»Wagner ist unter uns« lautet die (wie sich später herausstellt: irgendwie programmatisch gemeinte) Überschrift des »Zeit«-Textes. Jedenfalls wird Neuenfels beim Nachdenken über Wagner & Bayreuth kurz unterbrochen:

»In der zweiten Pause sollte ich mich im Konferenzzimmer einfinden, wurde mir von einem jungen Mann mitgeteilt. Oder war es ein Knappe?«

Mit dem Wort ›Knappe‹ wechselt der Text schon hinüber in eine irgendwie historisierende Fantastik inklusive Ironie, und tatsächlich, »dann öffnete sich die Tür, und der Meister, er, Richard Wagner war da«.

Neuenfels unterhält sich ein wenig mit Wagner und … Moment, häää? … ich erschrak immer mehr, Neuenfels sieht Zombies im taubtrüben Ginst am Musenhain! Und die »Zeit« druckt es ab!

Bestürzung machte sich breit hinsichtlich dieses brachialen Literarisierungsversuchs. Gibt es eine Goldene Himbeere für die ausgedachteste Fiktion aller Zeiten? Die Bestürzung wich der Ratlosigkeit, ich blätterte um und um und um, bis die »Zeit« zuende war.

Hinterher wandelte sich meine Meinung ein wenig, ich hatte folgenden anerkennenden Gedanken: Da macht der das einfach mal! Sich ein Gepräch mit Richard Wagner ausdenken und dort alles reinpacken, was er vielleicht zu sagen hat.

Ich höre schon Austins »gaaanz schlecht«, und er hätte ja Recht damit. Trotzdem sind solche Brechertexte, also Texte im Feuilleton, die da eigentlich nicht reingehören und die Leseroutine kaputtbrechen, immer mal wieder schön, allerdings natürlich nur im Nachhinein.

Ich werde den Artikel aber nicht weiter erwähnen, sonst werde ich wieder gedisst wie damals, als ich Marcus Jauers Wowereit-Tagebuch gut fand.