Berlin, 23. Mai 2011, 20:58 | von John Roxton
Was hatten sie diskutiert mit den Schlipsheinis von der Leitung. Die Fahrgeschäfte am Kai machen ja auch nicht dicht wegen bisschen Wind. Sie bestanden darauf: Ausschalten! Die rumänischen Schaler wollten aber vor dem Wochenende nicht unterbrechen, sondern fertig werden und dann heim zum Schnaps in die Karpaten oder gottweißwo. Kann man verstehen. Der Alte von den Rumänen bekniete ihn persönlich. Also hat er den Alimak doch noch eine halbe Stunde angelassen, damit die Bande hoch auf die Konstruktion konnte, um den letzten Beton zu machen. Jetzt hat er dieses weiche Gefühl im Steiß, das Gefühl vom frühen Morgen, wenn man die erste Platte oder den ersten Sack Gips im Rohbau die Treppe raufschafft. Weich von hinten die Beine runter und in den Magen hoch. Kreislauf. Atmen. Der Aufzug wurde von einer Bö erfasst und von hier oben sah es aus wie ein Jojo, das über die ganze Breite des Hafenpanoramas schwingt. Der Aufschlag war nicht zu hören. Oder er hörte ihn nicht. Er dachte an den Papierkram, der jetzt bis rüber nach Rumänien zu erledigen war.
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Berlin, 23. Mai 2010, 21:24 | von John Roxton
Es ließ sich später nicht mehr feststellen, wie die Granate ins Feuer geraten konnte. Der rotglühende Ofen war explodiert wie ein kaputter Dampftopf und entfaltete in dem kleinen Schankraum die Wirkung eines Kartätschenvolltreffers. Aus den aufgelesenen Körperteilen und der hastig vorgenommenen Zuordnung der gefundenen Habseligkeiten wurde die Zahl der Toten im offiziellen Bericht mit sechs angegeben. Trotz der schützenden Theke waren der Wirt und seine Tochter von der Wucht der Explosion zerrissen worden. Drei Soldaten des Jägerbataillons konnten anhand der Uniformstücke und der verbogenen Zinnkrüge mit dem Signet ihrer Einheit identifiziert werden. Auf einen vierten Mitspieler des Würfelspiels ließ sich nur durch die Aufzeichnung der Spielstände auf einem Bierfilz schließen. Der einzige Überlebende, ein politischer Geschäftsführer des Straßenbahnkonzerns, konnte wegen eines handtellergroßen Lochs im Gesicht bis zum Rückflug der Untersuchungskommission nicht vernommen werden.
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Berlin, 23. Mai 2009, 21:00 | von John Roxton
Entweder Glück oder ein verdammt guter Richtschütze. Der Einschlag aus dem Nichts riss die Hügelkuppe mit einem Kreischen auseinander und die entfesselte Gischt aus Erde machte jede Orientierung, jede bewusste Unterscheidung des Raumes unmöglich. Der Tisch, auf dem eben noch der Leutnant gelegen hatte, flog zerlegt in Einzelteile durch die Luft. Platte und Beine zeigten irgendwo oben eine artistische Figur und erstarrten. Lächerlich. Sie hatten das Möbel extra aus einem der niedergebrannten Gehöfte auf die Höhe gezerrt, um ihm eine möglichst ebene Auflage für sein Gewehr zu geben. Hatte der Leutnant überhaupt gefeuert? Er konnte sich nicht erinnern. Der Scharfschütze erschießt den Lafettenmann. Was für ein Plan. Der zweite Treffer beendete das Taumeln und rammte ihn mit dem Kopf voran in die Erde. Es war, als hätte Antaios selbst ihn niedergerungen und ihm seine erbarmungslosen Finger aus Dreck in Augen, Mund und Nase gestoßen.
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Berlin, 23. Mai 2008, 23:53 | von John Roxton
Wir trafen schließlich auf sie dort, wo der Hang in die Ebene übergeht. Die Talsohle war von Bäumen bestanden. Ebenso wie sie eröffneten wir aus dem Galopp heraus im Moment des gegenseitigen Erkennens unverzüglich das Feuer. De Geoffroy und Hanes waren sofort tot. Ich erhielt einen Schlag in den Rücken. Noch im Fallen feuerte ich ohne Ziel das Terzerol ab und sah, wie Faucillon den Degen in der Rechten und eine Pistole in der Linken, die Zügel seines Pferdes mit den Zähnen führte.
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Berlin–Leipzig per Kurier, 3. Juli 2007, 11:49 | von John Roxton
Es ist etwas Vernünftiges geschehen. Lutz Seiler hat den Bachmannpreis gewonnen. An sich nix besonderes, weil ja jedes Jahr jemand gewinnt. Aber von Herrn Seiler stammt ein sehr gutes Gedicht, das ich vor etwa einem Jahr bei einer nächtlichen Autobahnfahrt aus Berlin heraus nach Brandenburg zum Takt der Teerrillen im Radio hörte. Seiler, der in Huchels altem Haus am Rande Berlins lebt, las selbst. Das Gedicht trägt den Namen »Hubertusweg«, wie die Straße vor Seilers Haus, und schon die ersten Zeilen gehören zum Besten, was die deutsche Poesie derzeit zu bieten hat. Zitat:
… heimleuchten, hartwuchs: der preussische wald
ist moränen-mechanik, als ob
er noch aufrücken könnte, wort
für wort, wenn kühl
im laub mit dem regen, der kommt, der wind
anschlägt und
sein langes, langsames sprechen
beginnt jahrelang
selber wald gewesen tags (…)
Da steckt diese ganze brandenburgische Verlassenheit drin, die Schreie der Seelower Höhen und der endlose Sommer in den kleinen geduckten Dörfern. Das Buch heißt »vierzig kilometer nacht« und ist bei Suhrkamp erschienen.
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Berlin, 11. Juni 2007, 17:13 | von John Roxton
Der Kommentar zu Altkanzler Schmidt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 10. Juno 2007 ist absolut preiswürdig und wird daher vom Unterzeichnenden offiziell nominiert. Herr Zastrow (FAS) hat das Phänomen »Schmidt« mit erstklassiger Klarheit beschrieben und auf die These verdichtet, dass Schmidt zu seinen Amtszeiten ein hochgradig entscheidungsschwacher Kanzler war, der es bis heute glänzend versteht, den knallharten Exekutor zu geben. Von dieser hackenschlagenden Warte aus nimmt sich Schmidt die Politweicheier und Kompromisskaliber unserer Zeit zur Brust. Bravo!
In die Kategorie Feuilleton gehört das, weil Schmidts Bühne gottlob schon lange nicht mehr die Politik, sondern die Quatschecke der Gesellschaft ist.
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Leipzig, 30. Mai 2007, 18:14 | von John Roxton
Wiglaf Droste, heute gesehen im 13.52er ICE Berlin Hbf. nach Leipzig Hbf.
Mit Hut und Mantel.
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Berlin, 23. Mai 2007, 22:13 | von John Roxton
Mit einem Knirschen fuhr ihm das Messer aufwärts durch den Unterarm während ich gleichzeitig seinen Schlag mit der rechten Hand abfing. Das Messer arretierte den Körper einen ausreichenden Moment, um zu treten und erneut anzusetzen. ›Wenn es ernst ist, versuchen nur Dummköpfe einen Tritt höher als Körpermitte‹ – Weisheit der Hütten. Während er fiel, bekam ich sein Knie in den Unterleib und das Reißen seiner Kehle vermischte sich mit meinem Schmerz. Gekrümmt humpelte ich um ihn herum, um die Wand in den Rücken zu bekommen. Ich hob das Messer auf, das nach dem Schnitt durch seinen Hals auf den Boden gefallen war und wischte es an seiner Kleidung ab, ehe ich daran ging, ihm die Kommunikationseinheit aus der Brust zu schneiden.
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