Puschkin, Przewalski, Pilze, Prokofjew

St. Petersburg, 23. Oktober 2011, 09:05 | von Baumanski

Es ist Freitag und schon elf Uhr vorbei, als ich aufstehe. Am Abend davor habe ich mehr als genug, aber nicht allzu viel getrunken (die Russen haben dafür sogar ein eigenes Verb, »недоперепить«). Aber jetzt muss ich noch schnell vor Wochenschluss zum International Office der Universität, um irgendwelche Sachen zu erledigen.

Hernach spaziere ich – vorbei an zwei Puschkin-Denkmälern und einer Büste des Forschungsreisenden Przewalski, der Stalin so ähnlich sieht, dass viele ihn für dessen heimlichen Vater halten – zum Puschkin-Museum. Dort überzeuge ich mich vom zeichnerischen Talent des Nationaldichters und höre mir die Ausführungen der Museumsführerin an, die, wie andere ja auch, seitenweise auswendig aus seinen Werken zitieren kann.

Nach dem Museum bin ich etwas hungrig und entscheide mich kurzerhand für eines der russischen Schnellrestaurants, von denen es in Petersburg etwa so viele gibt wie Puschkin-Denkmäler. Ich bestelle ein Glas Kwas sowie Bliny mit Hackfleisch und Pilzen (übrigens sind alle Russen davon überzeugt, dass in Westeuropa niemand Pilze sammelt). Kostenpunkt: 220 Rubel.

Da ich zuvor noch schnell zum Bankomaten musste, habe ich nur einen 5000-Rubel-Schein dabei, also sozusagen 150 Franken bzw. 125 Euro am Stück, was hier gewöhnlich nicht besonders gerne gesehen wird. (Die Schweiz ist ja bekanntlich das einzige Land, wo man auch mit einer Tausendernote einen Kaugummi bezahlen darf.)

»Kann ich damit zahlen?«, frage ich deshalb präventiv und halte den 5000-Rubel-Schein ins Blickfeld der jungen Verkäuferin. Sie schaut mich verständnislos an. »Ja«, sagt sie langsam und deutlich. »Das ist Geld.« Sie hält mich offenbar nicht für freundlich und umsichtig, sondern für dämlich, und während ich dann meine Bliny esse, sehe ich von weitem, wie sie ab und zu kopfschüttelnd in meine Richtung blickt.

Um sechs Uhr ruft mich Ivan Borisowitsch an und sagt, ich müsse in einer Stunde unbedingt mit ins Konzert kommen. Als ich knappe fünf Minuten zu spät vor dem Eingangstor zur Philharmonie erscheine, ist vom sonst überpünktlichen Ivan Borisowitsch noch nichts zu sehen. Ich rufe ihn auf seinem Handy an, worauf sich folgender Dialog entwickelt:

I.B.: Allo?
Ich: Privjet, ich bin’s. Ich wäre jetzt also da.
I.B.: Ich stehe direkt vor dem Eingang. Wo sind Sie denn?
Ich: Hier, vor dem Eingang.
I.B.: Ich sehe Sie aber nicht.
Ich: Ich bin aber hier!

Plötzlich kommt Ivan angerannt. Er war ein paar Meter zur Seite getreten, um etwas aufzuschreiben, und hatte vergessen, dass er nicht mehr vor dem Tor stand.

Wir betreten die Philharmonie, wo das laut dem britischen Magazin »Gramophone« sechzehntbeste Orchester der Welt auch an diesem Abend überzeugend spielt: Prokofjews »Skythische Suite« und eine Symphonie des Schostakowitsch-Schülers Tischtschenko. Auch Ivan Borisowitsch ist äusserst zufrieden.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 17
Adolph Müllner: »Der Kaliber« (1828)

Leipzig, 19. Oktober 2011, 13:52 | von Paco

Spätherbstliche Witterung, Abenddämmerung, die ersten Schnee­flocken. Herr von L. sitzt noch an seinem Arbeitstisch. Da sucht ihn der Reisende Ferdinand Albus auf und berichtet vom Mord an seinem Bruder Heinrich, geschehen soeben im finsteren Scheidewald, der sowieso von Räubern heimgesucht wird und dem Herrn von L. ein Dorn im Auge ist.

Der Beamte ist also fast glücklich über den Mord, denn nun hat er endlich eine Handhabe, nun muss trotz »permanenter Exerzierzeit« endlich das Militär ausrücken und die Räuber einsammeln. Darum geht es im Verlauf der Geschichte aber gar nicht so sehr, sondern um den Fall Albus, der dann noch mehrere überraschende Wendungen nimmt.

Der Hundertseiter ist in 24 Kurzkapitel aufgeteilt, die Lektüre verschnellert sich auf diese Weise noch mal, trotz der behutsamen spätromantischen Diktion mit Sätzen wie diesen:

»Ich legte in meinem Zimmer einige Actenhefte zurecht, die in meiner Abwesenheit gebraucht werden konnten, und meine Schwester kramte in meinen Commodenfächern, um die einzelnen Stücke meiner selten gebrauchten Ballkleidung zusammen zu suchen. Die Tritte des Pferdes vor der Hausthür zogen sie ans Fenster.« (11. Kapitel)

Damit leitet sich genau in der Mitte der Novelle eine erste fundamen­tale Wendung ein. Der Kriminalbeamte Herr von L. ist als Erzähler übrigens ein (allerdings ungenialer) Vorläufer der späteren Meister­detektive von Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und Agatha Christie. Damit war Müllner seiner Zeit also ein bisschen voraus.

Länge des Buches: ca. 153.500 Zeichen. – Ausgaben:

Adolph Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Leipzig: Focke 1829. S. 1–216. (= 216 Textseiten) (online)

A. Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Leipzig: Reclam (ca.) 1868. S. 0–84. (= 85 Textseiten) (online)

Adolf Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Kriminalbeamten. Lahr: Schauenburg (ca.) 1908. S. 1–83. (= 83 Textseiten) (online)

Adolph Müllner: Der Kaliber. Aus den Papieren eines Criminalbeamten. Waging am See: Liliom Verlag 2002. S. 3–106. (= 104 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Vossianische Antonomasie (Teil 21)

Konstanz, 16. Oktober 2011, 15:59 | von Marcuccio

 

  1. der Helmut Kohl unter den Brotaufstrichen
  2. der James Joyce des 16. Jahrhunderts
  3. ein Abraham a Santa Clara des Medienzeitalters
  4. der Michael Ballack der Politik
  5. der Mozart der Massenproteste

 

Kaffeehaus des Monats (Teil 64)

sine loco, 14. Oktober 2011, 09:05 | von Marcuccio

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Das Pons in Lüneburg, mit einem ultrafurchtbaren Foto, wie in dieser Reihe üblich :-)

Lüneburg
Das »Pons« in der Salzstraße am Wasser 1.

(»Mons, Pons, Fons« – die Systemtheorie der Stadt Lüneburg steht auf jedem Gullideckel. Wir wählten das »Pons«: unser Kaffeehaus des Monats für Biertrinker, weil vormals »Alt-Lüneburger Bierstube« und Brauereilokal der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von Niklas Luhmann. Aus der jüngeren Geschichte des Hauses: »Um die Jahrtausendwende übernahm der Sohn Niklas Luhmanns vorübergehend den Kneipenbetrieb.« (Vgl. Lilli Nitsche: Backsteingiebel und Systemtheorie. Merlin Verlag (Nexus) 2011, S. 50.) Feuilletons fanden wir im »Pons« keine, dafür aber mindestens zwei soziale Systeme: Auf dem Weg zur Toilette lag die »Gorleben-Rundschau« aus; und draußen im Biergarten diskutierten Drittsemester die Kontingenz der Speisekarte: Laut Fußnote ist der Feta im »Schafsfladen« nämlich aus Kuhmilch. Mehr zur »Gastronomie der Gesellschaft« dann bestimmt noch mal in einem weiteren Luhmann-Nachlass. Zum Wohl!)
 

Nummernzauber: Autoren ohne Namen

Düsseldorf, 12. Oktober 2011, 20:03 | von Luisa

Die Wiener Literaturzeitung VOLLTEXT, durchaus im Chaos zuhause (dieses Jahr bloß vier Ausgaben statt sechs), präsentiert sich in der gerade erschienenen Nr. 3 ungewohnt systematisch: Die Verfasser der Artikel werden nicht beim Namen genannt, sondern sind streng durchnummeriert. Das liest sich dann so: »Mit offener Blende. Die Verschränkung von Wahrnehmung und Erinnerung in Peter Kurzecks Roman Vorabend. Von Nummer 13.«

Im Editorial erklären Nummer 2 und Nummer 3 (Herausgeber Thomas Keul und Redakteurin Teresa Profanter), warum: »Klingende Namen von AutorInnen – und von Verlagen – steuern unsere Wahrnehmung und Wertschätzung von Texten, kein vernünftiger Mensch wird das gänzlich abstreiten wollen. Wie irritierend stark dieser Namenzauber allerdings wirkt, wird erst sinnfällig, wenn man ihm die Grundlage entzieht, indem man die Namen tilgt.« Die Rezension also als nackter Text, ohne die »Aura« des Verfassernamens.

Schönes Experiment. Aber werden da nicht die falschen Namen getilgt? Gehören die »klingenden Namen« nicht den Buch-Autoren? Oder war das mal und besitzen heute doch eher jene die »Aura«, die in der E-Kultur die Mitspieler casten? Lese ich eine Rezension, weil mich Dietmar Dath interessiert oder weil ich wissen will, was Elmar Krekeler so denkt? Mal so, mal so und keins von beiden, würde ich in schlichter Entschiedenheit sagen. Jedenfalls: Wenige Namen sind es, die selber leuchten, sowohl auf der einen wie auf der anderen Seite, und glücklich jene, denen ihre Sonne scheint, so oder so.

Schon zaubern Nummer 2 und 3 die nächste Überraschung aus dem Hut: »Wir haben die Auswahl der zu besprechenden Titel diesmal nicht selbst besorgt, sondern in die Hände von Schriftstellerinnen und Schriftstellern gelegt, die ohne inhaltliche Einschränkung unsererseits jene Bücher ausgewählt haben, die sie selbst gerade interessieren.«

Und dann wird auch verraten, wo die Namen zu finden sind: nicht in Spiegelschrift oder auf dem Kopf stehend wie in den Heftchen unserer Kindheit, sondern auf www.volltext.net, akkurat aufgelistet mit Viten und Werken. Völlig korrekt also, und so richtig und nötig das ist, ist es ein bisschen enttäuschend wie meistens, wenn Geheimnisse gelüftet werden. Insgeheim hoffte ich doch auf Scheherazade oder den Großen Bösen Wolf.

Hätten eigentlich hauptberufliche Rezensenten diese Medieninstal­lation unterstützt? Hätten sie darauf vertraut, dass der Leser die »Who’s who«-Liste aufrufen wird, oder hätten sie abgewunken wg. Angst vor Umsonst? Ist das Handling von Autoren leichter, sind sie fügsamer, und wenn ja, warum? Oder haben sie einfach mehr Lust zu rezensieren, weil sie es seltener tun, und auch mehr Sinn für das Ausscheren aus Immerzu-und-jede-Literaturbeilage-wieder-Mustern? Und wessen Name verleiht nun wem Glanz? Noch einmal: Wäre es nicht reizvoller, das Verfahren umzukehren? Mal ein Buch zu rezensieren, ohne Titel und Verfasser zu nennen? Ohne die öden Pflichtnummern der Inhaltsangaben und ohne Bezüge zum letzten und vorletzten Werk? Als tänzerisches Nachsinnen und reine Kür für Kritiker? Läse ich gern.
 

Der Staatstrojaner — Was davor geschah

St. Petersburg, 11. Oktober 2011, 15:18 | von Paco

»Die Algorithmen müssen in Narration übersetzt werden«, hat Frank Schirrmacher vor einiger Zeit zu Alexander Kluge gesagt. Und exemplarisch wurde das jetzt mal anhand des »Staatstrojaners« getan, inkl. disassemblierten Codeschnipseln über mehrere Seiten hinweg. (Btw, Frank Rieger ist ein begnadeter Algorithmen-in-Narration-Übersetzer.) Die FAS vom letzten Sonntag war aber weit mehr als der Bundestrojaner-Showdown. Sie war insgesamt genommen mal wieder eine Jahrhundert-FAS. Schon der übliche Literaturbeilagenbandwurmtext »Die Suada« trug dazu entscheidend bei, geschrieben wie immer von den wahnsinnigen Archivaren des FAS-Feuilletons. Kurz gesagt:

Die Suada der FAS ist so was wie Der Umblätterer in gut.

Am Samstagmorgen hatte ich allerdings noch keine Ahnung vom Inhalt der morgigen FAS. Da saß ich gerade in der Küche und pulte eine gute Stunde lang ohne übertriebene Hast das Preisschild von einem Buch ab (das ich im Dom Knigi gekauft hatte, dort verwenden sie immer diesen mit Staub und Mikrofasern gestreckten Preisschildkleber noch aus Sowjetzeiten). Während ich das tat, beantwortete Denis Scheck im Deutschlandradio Kultur gerade zwei Stunden lang ausführlich Hörer­fragen. Wie schön! Ich könnte Denis Scheck stundenlang zuhören (guilty pleasure), aber irgendwann war die Sendung vorbei, was gut war, denn ich hatte inzwischen unbemerkt den Buchumschlag fast durchgescheuert.

Und ich musste mich beeilen, ich war nämlich auf der Jelagin-Insel zu einem Spaziergang verabredet, wo es um diese Jahreszeit aussieht wie in einem Rilke-Gedicht:

Im Kirow-Park auf der Jelagin-Insel

Ivan Jelagin, der den schönen Vatersnamen Perfiljewitsch trug, war ungefähr der Joseph Sonnenfels des russischen Zarenreiches, umtriebig und in allem weit ausholend, sodass ihn später keiner mehr auf einen Nenner bringen konnte und er deshalb leichter vergessen werden konnte. Mitten zwischen den Dingen hat er zum Beispiel auch noch Katharina der Großen bei ihren Lustspieldichtungen geholfen. Und dafür und noch für ein paar andere Sachen hat er dann dieses schöne Inselgeschenk erhalten. Den neuen Palast auf seiner Insel hat er allerdings nie gesehen, er stammt aus dem 19. Jahrhundert, einer der sehr vielen Carlo-Rossi-Prunkbauten in St. Petersburg und wie so oft nur eine Ausrede, mal wieder ein gutes Dutzend Säulen zu verbauen. Hier mit der berühmten saftigen Butterwiese davor:

Jelagin-Palais mit Butterwiese davor

Am Nachmittag war ich wieder im Zentrum und traf mich mit Baumanski auf ein paar Pyshki in einer Bäckerei am Ploschad Wosstanija. Viel Neues gab es nicht zu bereden, die FAS war ja wie gesagt noch nicht erschienen, und so entschieden wir uns, warum denn auch nicht, endlich mal für einen Besuch im Polarmuseum in der Uliza Marata, denn die hatten kürzlich ein neues lebensgroßes Eisbärenmodell reinge­kriegt, das auf den Namen Artur hört, und das mussten wir natürlich sehen.

Das Museum ist ja in einem grandiosen alten Kirchenbau unterge­bracht, zweckentfremdet im Namen der gesamtgesellschaftlichen Revolution schon in den 30er Jahren:

Arktis- und Antarktismuseum in St. Petersburg

Beim Reingehen reißt man sofort erschrocken den Kopf nach oben, denn dort schwebt eine originale Schawrow Sch-2, ein Amphibien­flugzeug, dessen Flügel bis weit in die Seitenschiffe der alten Kirche hineinragen. Was für eine unfassbare Installation, unbedingt ansehen! Und auch sonst ist das Polarmuseum in St. Petersburg unbedingt unser Museum des Jahres.

Erschöpft gingen wir nach zweieinhalb Stunden Arktis und Antarktis weiter zum Abendessen in das georgische Spitzenrestaurant in der Borowaja Uliza, Chatschapuri und Chinkali für alle, und einige Zeit später fanden wir uns wie so oft in diesem neuen Artspace »Taiga« an der Dworzowaja Nabereschnaja wieder. Wir trafen dort u. a. den Nightlife-Fotografen Sergey Yugov, der gerade dieses schöne Foto geschossen hatte (© bei ihm):

(c) Sergey Yukov

Irgendwann wurde es unheimlich dort, denn ein paar Leute lobten sehr lang und breit und laut und einen Tick zu offiziell den niederlän­dischen Geheimdienst, er sei der beste der Welt, aus den und den Gründen (»Ich wusste bis vorhin gar nicht, dass es den gibt.« – »Eben!«), und jedenfalls gingen wir dann mit dem berühmten Nightlife-Fotografen noch woanders hin, Richtung Dumskaja, zu dieser Club-Favela mitten in downtown St. Pete.

(…)

(…)

(…)

In den späten Morgenstunden saß ich dann wieder in der Galerie und las bei faz.net mit großer Hingabe die ganzen Artikel über den gehackten Staatstrojaner. Bei einer solchen Informationslage war an Schlaf erst mal nicht zu denken, ich ging also sofort wieder los und besorgte mir die erwähnte Druckausgabe der erwähnten aktuellen Jahrhun­dert-FAS und ging damit wiederum ein paar Pyshki essen und las und las und war nach ein paar Stunden zu müde zum Weiterlesen und ging nach Hause und löste dann zur Entspannung erst mal noch schnell das Kreuzworträtsel in der aktuellen SUPERillu, die mir Josik aus dem Air-Berlin-Flieger mitgebracht hatte.

Usw.
 

Regionalzeitung (Teil 49)

St. Petersburg, 6. Oktober 2011, 22:16 | von Paco

 
  241.   steht ganz im Zeichen der

  242.   bekannt aus Funk und Fernsehen

  243.   so das Ergebnis einer Studie

  244.   ohne Scheuklappen zu diskutieren

  245.   zwei Temperamente, die unterschiedlicher kaum sein könnten
 

100-Seiten-Bücher – Teil 16
Georges Rodenbach: »Das tote Brügge« (1892)

Düsseldorf, 1. Oktober 2011, 09:35 | von Luisa

Brügge ist so ziemlich die lebendigste Stadt Belgiens, wenn man Lebendigkeit nach Körperdichte pro Straßenkilometer definiert. Das ganze Jahr über wird es von Touristen berannt, sein Charme gleicht inzwischen dem von Venedig. Melancholie verbreitet höchstens das Wetter.

Das Buch weiß es anders: »Bruges-la-Morte« lautet der Originaltitel, Korngolds darauf basierende Oper heißt »Die tote Stadt«. Ein noch junger Witwer namens Hugues zieht aus Paris nach Brügge, weil dessen menschenleere Plätze die passende Kulisse für seine Trauerarbeit darstellen. Flandrischer Nebel, Dämmerung über den Kanälen, dazu eine Wiedergängerin der Toten, die den schlaffen Hugues zu ruinieren droht: Lautlos und andantissime schleicht die Geschichte ihrem melodramatischen Ende entgegen. Vielleicht weil Rodenbach spürte, wie dünn sie ist, bekräftigte er sie mit Fotografien der Stadt, die immer noch reizvoll sind.

»Brügge sehen … und sterben?« hieß vor ein paar Jahren ein Film, der mit dem Buch nur über ein paar Ecken verwandt ist, aber alles besser macht. Witwer Hugues nervt, während die Gangster Ray und Ken, jeder auf seine Weise, das Herz gewinnen. Spannung, Blutausstoß und Handlungskomplexität erreichen ebenfalls eine solide Höhe. Was zum Schluss im Belfried und auf dem Marktplatz geschieht, ist natürlich ein bisschen ekelhaft. Doch den Weg dahin bebildert die Kamera mit allerschönsten Ansichten der Giebelhäuser und engen Gassen, die eine so morbide Atmosphäre erzeugen wie sie Rodenbach wohl anstrebte: »Erdrosselt sank sie zu Boden.« Das Buch war ein Erfolg.

Länge des Buches: ca. 141.000 Zeichen (frz. 123.000). – Ausgaben:

Georges Rodenbach: Das tote Brügge. [Übertr. von Oppeln-Bronikowski.] Leipzig: Kurt Wolff Verlag 1918.

Georges Rodenbach: Das tote Brügge. Einzig autoris. Übers. aus d. Franz. von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Mit e. Nachw. von Günter Metken. Stuttgart: Reclam 1966.

Georges Rodenbach: Brügge – tote Stadt. Aus dem Franz. von Dirk Hemjeoltmanns. Nachw. von Rainer Moritz. Bremen: Manholt 2003.

Georges Rodenbach: Brügge – die Tote. Übertragen von Reihard Kiefer in Zusammenarbeit mit Ulrich Prill und einem Nachw. von Bernhard Albers. Aachen: Rimbaud 2005.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Leonhard Euler im Amsterdam des Ostens

St. Petersburg, 26. September 2011, 23:12 | von Baumanski

Проснувшись однажды утром, Грегор Замза обнаружил,
что он превратился в Йозефа К.

— Kritzelei auf einem Tisch in einer Petersburger Universität

Es ist ein ganz gewöhnlicher Sonntagmorgen in St. Petersburg, das sich den Titel »Venedig des Nordens« unter anderem mit Kopenhagen, Stockholm und erstaunlicherweise Duisburg teilt, obwohl doch »Amsterdam des Ostens« deutlich angebrachter wäre. Beim Frühstück schlage ich den »Kommersant« (kurz »Ъ«) vom Vortag auf und stelle beruhigt fest, dass er immer noch täglich eine Statistik publiziert, in der Putins und Medwedews Medienpräsenz sekundengenau verglichen wird.

Um elf Uhr fahre ich mit der Metro zum Alexander-Newskij-Kloster, wo es das beste Brot der Stadt gibt. Ich kaufe zwei Laibe (Wochenration) und weil ich schon einmal da bin, gehe ich mir auch gleich noch den Gottesdienst anschauen. Während die Gläubigen »Gospodi pomiluj« singen und ich ein bisschen mitsumme, um nicht wie ein Tourist zu wirken, merke ich plötzlich, dass direkt neben mir Nikolaj Gogol steht: Extrem spitze Nase, dünner Schnurrbart, seltsame Frisur. Als der Gottesdienst vorbei ist, verliere ich ihn aus den Augen; der Schriftsteller verschwindet im Strom der Gläubigen.

Danach besichtige ich noch den Friedhof vor dem Kloster, wo ja schliesslich Dostojewskij, Tschaikowskij und Leonhard Euler begraben liegen. Als Basler in St. Petersburg kommt man sich manchmal vor wie Leonhard Euler, natürlich mit dem Unterschied, dass Euler besser rechnen konnte. Ausserdem wusste er noch nicht, was Aquafitness ist. Doch von Anfang an.

Am Nachmittag nieselt es. Ich beschliesse, schwimmen zu gehen. Der Eintritt ins öffentliche Schwimmbad ist mit 200 Rubeln verhältnismässig teuer. Auf meine Frage, ob es an der Universität ein Becken gibt, hat man mir nur mit einem mitleidigen Lächeln geantwortet. Im etwas sowjetisch anmutenden Hallenbad kontrolliert eine ältere Dame meine Fusssohlen, bevor sie mir für 80 Rubel eine Schwimmerlaubnis aushändigt; danach setzt sie sich auf den Bademeisterstuhl und macht sich schlussendlich wieder ans Putzen. Pünktlich um 18 Uhr reisst mich laute Popmusik aus meinen ruhigen Schwimmzügen. Eben: Aquafitness (аквааэробика). Eine Vorturnerin zeigt am Beckenrand die Übungen vor, drei Frauen mit lustigen bunten Badekappen turnen sie im Wasser nach. Ich stelle mir vor, ich wäre Leonhard Euler, schwimme noch ein paar Längen und verlasse dann fluchtartig das Hallenbad.

Auf dem Heimweg möchte ich in einer Bäckerei eine Bulotschka kaufen. Hinter der Theke macht eine Frau Kaffee, ein junger Herr steht herum und zwei weitere Angestellte sind vollkommen ins Gespräch vertieft. Ich warte fünf Minuten und verlasse schliesslich (wie so oft, hehe) das Geschäft mit leeren Händen. Die Russin vor mir bleibt geduldig stehen. »Ein solches Volk«, heisst es in einem seltsamen Artikel über den angeblich »epilepsieartigen« Charakter der Russen, »hält die Erniedrigung durch die eigene Regierung aus, aber bei einer tödlichen äusserlichen Bedrohung ist es unbesiegbar«.

Gegen Abend spaziere ich mit Ivan Borisowitsch der Fontanka entlang. Ivan Borisowitsch promoviert in Mathematik und interessiert sich für Kant und Nietzsche und hat kürzlich begonnen, ein Buch über russische Epigraphen des 18. Jahrhunderts zu verfassen. Tatsächlich stand es vor Puschkin um den russischen Epigraphen so schlecht, dass der Nationaldichter in seinen Mottos seinen Freund, den Fürsten Wjasemskij, zitieren musste, der zwar eine Biografie über Denis Fonwisin verfasst hat, aber ausserhalb Russlands kaum gelesen wird.

»Wussten Sie schon«, fragt Ivan Borisowitsch, »dass Alexander III. vergiftet wurde?« Wie er auf diese Idee kommt, frage ich. »Ich habe ein paar Bücher gelesen und selbst Fakten zusammengestellt«, meint Ivan Borisowitsch und grinst, mit sich selbst und der Welt zufrieden.
 

Der Spiegel 38/2011:
Taryn Simon, Benedikt XVI., Blaues Sofa

Petrowskoje, 20. September 2011, 23:43 | von Paco

Heute morgen schnell, aber ausführlich den neuen SPIEGEL gelesen, und dann hinausgegangen, ungefähr hierhin:

Бабье лето в Приозерском районе (1)

So sieht es im Norden der Oblast Leningrad aus, im Rajon Priosersk. Und nachdem unsere russischsprachige Berichterstattung vor genau drei Jahren, im September 2008, jäh ausgesetzt hat (damals war gerade Christian Krachts Sowjetroman »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« erschienen), geht es jetzt weiter, mit einem Rundown des aktuellen »Spiegels«, der allerletzten Brandstwiete-Ausgabe (»Ericusspitze« klingt natürlich noch mal besser, vgl. S. 154f.).

Und не знаю почему, но мне особенно захотелось прочитать новый выпуск »Der Spiegel«, когда узнал, что Штефан Ниггемайер, который сейчас пишет для »FAZ«, будет работать для этого журнала с 1 ноября октября.

Бабье лето в Приозерском районе (2)

Как бы то ни было, в его последнем номере была статья Георга Дица о Тарин Саймон, фотожурналистке, которую он, правда, называет художником. Ее выставку »A Living Man Declared Dead and Other Chapters« (»Живой человек, объявленный мертвым и другие сюжеты«) откроют в Берлине в четверг, и Диц пишет о ее милой шляпке и политическом аспекте ее работ (стр. 136–138).

Главная тема этого выпуска »Der Spiegel« – это Папа Бенедикт XVI, так как он собирается приехать в Германию на этой неделе. Его жестоко критикуют (»Der Fremde«, стр. 60–70), и только католическому рыцарю, Маттиасу Матуссеку, позволено защищать Папу, что он и делает, цитируя Мартина Мозебаха, Мишеля Уэльбека и Бернара-Анри Леви (стр. 144–148).

Ближе к концу выпуска литературный корреспондент Фолькер Хаге критикует новую (очевидно ужасную и неловкую) литературную программу на канале ZDF – »Das Blaue Sofa« (»Синий диван«) (стр. 150).

Там было много других ценных статей, но как я уже сказал, мне нужно было выйти на маленький осенний марафон, потому что, как говорил Билл Хансен в удивительном фильме 1980 года »Осенний марафон«, »за рубежом грибных лесов нет«, хе-хе.

Бабье лето в Приозерском районе (3)

Etc. etc. etc. (Nikolaus II.)