Archiv des Themenkreises ›Kunstkunst‹


Post von Dürer

Leipzig, 27. Mai 2010, 22:55 | von Paco

In den ersten Augusttagen des Jahres 1871 erhielt der Wiener Kunsthistoriker Moriz Thausing Post von Albrecht Dürer. Das Kuvert zeigte ein Originalsiegel und war tatsächlich in Nürnberg abgestempelt worden. Dürers Handschrift war klar zu erkennen, ebenso dessen feines Frühneuhochdeutsch.

Thausing war entzückt und glaubte zunächst, ein Freund habe ihm ein neu entdecktes Dürer-Manuskript zukommen lassen. Doch, oh Wunder, Dürer war zwar vor über 350 Jahren gestorben, sein Brief war aber an Thausing höchstpersönlich gerichtet:

Imitat der Dürer-Handschrift, Scherzbrief von Albert von Zahn an Moriz Thausing (1871)

DEM Fürsichtigen
hochachtparn vnd erbern
Hern Morizen Thawsingh

zw Wienn
im Osterreich

inn des Ertzhertzog
Albrecht palast
awff der pastey.


Und so las es sich weiter. Dürer dankt Thausing lang und breit noch mal persönlich dafür, dass er mit zur Entlarvung einiger Dürer-Fälschungen beigetragen hat. Um 1871 hatte nämlich ein Streit um »linkshin gewandte Profilköpfe« seinen Höhepunkt erreicht, die man zunächst Dürer zugeschrieben hatte, die sich aber später, auch dank Thausing, als Fälschungen erwiesen. Dürer schreibt daher weiter:

Imitat der Dürer-Handschrift, Scherzbrief von Albert von Zahn an Moriz Thausing (1871)


Vnd sunderlich danck ich euch, dz ir allso klerlich antzeygung getan habt der awssgeschnitten köpfflin halben, dz ich dy nicht hab contterfett noch abgerissen.


Nach der Lektüre legte Thausing den Brief aus der Hand und grübelte ohne Unterlass: »Wer konnte sich diesen Scherz erlauben?« Er fragte kurz darauf in Nürnberg selbst nach, keiner wusste etwas. Erst einen Monat später, während der berüchtigten Holbeintagung in Dresden Anfang September 1871, fragte ihn ein Kollege beiläufig, ob er Dürer schon geantwortet habe. Bei dem Fragesteller handelte es sich um Albert von Zahn. Thausing berichtet weiter:

»Und nun beichtete er [Zahn] mit Behagen auf mein Verhör, wie er den Brief durch einen Nürnberger Vetter befördert, wie er den Verschluss desselben von dem damals in Dresden ausgestellten Bildnisse des Gisze von Holbein aus der Berliner Galerie abgeguckt und die Schrift aus dem Dürercodex der Dresdener Bibliothek erlernt habe; und er zeigte mir in seinem Notizbuche die eingehenden Vorstudien, durch welche er sich den Ductus von Dürer’s Hand in den zwanziger Jahren ganz regelrecht zu eigen gemacht hatte. Ungeheure Heiterkeit der befreundeten Tischgenossen lohnte dem seltenen Meister.«

Thausing erinnert sich daran im Juli 1873, als er schon den Nachruf auf seinen lustigen Kollegen schreiben muss, der gerade im Alter von 37 Jahren gestorben war. Dieser Nachruf ist zusammen mit einem Faksi­mile des gefakten Dürerbriefes in der letzten Nummer der »Jahrbücher für Kunstwissenschaft« abgedruckt, die von Zahn begründet worden waren und mit seinem Tod eingestellt wurden.

Was auf jeden Fall bleiben wird, ist die beiläufige Frage: »Ähm, haben Sie eigentlich Dürer schon geantwortet?«


(Bildquelle: Wikimedia Commons – Seite 1, Seite 2)


Listen-Archäologie (Teil 3):
Leonardo: »Ach so, ja, ich kann auch malen«

Hamburg, 8. Mai 2010, 13:20 | von Dique

Leonardo, Study of Horse Ungefähr 1483 schickt Leonardo da Vinci ein Bewerbungsschreiben an Ludovico Sforza. Es besteht aus einer Liste mit vor allem Waffen und Kriegsgerät, die er für den Mailänder Herrscher zum Einsatz bringen will. Diese Liste ist natürlich relativ bekannt und auch recht lang, und der Clou ist dann erst ziemlich am Ende versteckt (Punkt 10.): Dort erwähnt Leonardo, dass er übrigens, falls es Sie, lieber Herzog, interessieren sollte, auch als bildender Künstler exzellent sei.

Ganz zum Schluss erwähnt er dann noch das berühmte Reiterstandbild von Ludovicos Vater, Francesco Sforza, für dessen geplante Umsetzung er sich anbietet. Über zehn Jahre arbeitet er sporadisch an dem Riesenpferd, kreiert das Tonmodell, bekommt aber nie genug Bronze zusammen, damit es auch gegossen werden kann, und 1499 zerstören dann die Franzosen das Modell.

Hier nun der Brief samt Liste in seiner Gänze. Ich las ihn in der schönen Leonardo-Bio von Charles Nicholl, »Flights of the Mind«, zitiere das Anschreiben aber mal lieber nach der Leonardo-Monografie von Hugo Graf von Gallenberg (Leipzig 1834):

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Listen-Archäologie (Teil 2):
Neo Rauch in Leipzig

Leipzig, 22. April 2010, 21:07 | von Paco

Die beste Rezension der »Begleiter«-Ausstellungen in Leipzig und München ist bis jetzt die von Werner Spies in der FAZ. Aber weder er noch die anderen Kritiker erwähnen wirklich mal eine Handvoll Bildtitel, und dabei sind die doch auch ganz schön, hier der Pfad durch das Leip­ziger MDBK, zuerst der Süd-, dann der Nordteil des Untergeschosses:

1. Kommen wir zum Nächsten, 2005
2. Silo, 2002
3. Schilfkind, 2010
4. Seewind, 2009
5. Bergfest, 2010
6. Wächterin, 2009
7. Acker, 2002
8. Die Flamme, 2007
9. Diktat, 2004
10. Rauner, 2009
11. Das Plateau, 2008
12. Bon Si, 2006
13. Das Angebot, 2010
14. Abstieg, 2009
15. Ausschüttung, 2009
16. Oktober, 2009
17. Vater, 2007
18. Dromos, 1993
19. Erl, 1993
20. Vorraum, 1993
21. Das Gut, 2008
22. Start, 1997
23. Moder, 1999
24. Mittag, 1997
25. Sonntag, 1997
26. Versprengte Einheit, 2010
27. Weiche, 1999
28. Arbeiter, 1998
29. Uhrenvergleich, 2001
30. Die große Störung, 1995
31. Die Küche, 1995
32. cross, 2006
33. Fell, 2000
34. Sturmnacht, 2000
35. Platz, 2000
36. Reiter, 2010
37. Reich, 2002
38. Reaktionäre Situation, 2002
39. Der Schütter, 2009
40. Das Neue, 2003
41. Helferinnen, 2008
42. Fluchtversuch, 2008
43. Abraum, 2003
44. Unter Feuer, 2010
45. Dörfler, 2009
46. Ordnungshüter, 2008
47. Am Waldsaum, 2007
48. Scheune, 2003
49. Krönung I, 2008
50. Krönung II, 2008
51. Die Fuge, 2007
52. Höhe, 2004
53. Neid, 1999
54. Theorie, 2006
55. Rauch, 2005
56. Morgenrot, 2006
57. Aufstand, 2004
58. Dämmer, 2002
59. Vorort, 2007
60. Ungeheuer, 2006

Das Ganze auch als fortgeführter Nachweis der Literarizität Neo Rauchs, zu dem Peter Richter neulich in der FAS angesetzt hat.


Der Dresscode der Alten

Hamburg, 8. April 2010, 08:02 | von Dique

Das neue Highlight von Dresden ist die »Türckische Cammer«. Über 100 Jahre nach Rudolf II. haute der Sachsenkönig mit seiner Sammlung auf die Pauke, häufte zwar keine vergleichbaren Schätze an, aber er war ja auch nicht römischer Kaiser. Ich habe die Cammer noch nicht gesehen, bin aber schon nach der Einleitung dieses FAZ-Artikels von Dieter Bartetzko Feuer und Flamme:

»Wenn August der Starke es abends einmal leger mochte oder eine seiner Mätressen beeindrucken wollte, kleidete er sich in einen Kaftan. Lachsrot, glänzende Seide mit tausenderlei Paspeln und Abnähern, …«

Der Sachsenkönig im lachsroten Kalifengewand voller Paspeln und Abnäher. In der Printausgabe der FAZ war dieses Gewand auch abgebildet. Zumindest farblich könnte man es in die Nähe des berühmten Skythenfilzanzuges rücken, den man vor wenigen Jahren in Berlin bewundern konnte. Der flamboyante Dresscode der ›Alten‹ ist doch immer wieder faszinierend. Da wurde noch mit herrlichem Material in noch herrlicheren Farben geprotzt. Dagegen verblasst sogar der gelbe Anzug von Johan Nilsen Nagel.

Über Matthias Grünewald weiß man eigentlich nicht viel, aber jeder (jeder!) kennt und verehrt den von ihm geschaffenen Isenheimer Altar. Immerhin existierte ein Nachlass des Malers, der dereinst in fünf Kisten in Frankfurt am Main lagerte. Die Kisten waren dort geblieben, als Grünewald nach Halle zurückkehrte, wo er 1528 starb. Darin befanden sich Malutensilien, aber auch reformatorische Schriften, und das ist für die Forschung von extremem Interesse. Für uns ist aber viel wichtiger, dass Grünewald eine sehr elegante Garderobe pflegte. In den Kisten befanden sich zudem:

  • drei rote Hofgewänder
  • ein grauvioletter Rock mit Sammet an den Ärmeln
  • ein purpurianischer Rock mit schwarzem Futter
  • vier Atlaswämser
  • ein goldgelbes Paar Hosen
  • ein Mantel aus weißem Filz mit Leder überzogen
  • ein damastenes Brusttuch
  • goldgestickte Hemden und dazu noch Geschmeide, Ringe etc.

Wie Wilhelm Fraenger, nach dem das hier zitiert ist, sagt: »Alles in allem ein Kostümaufwand, für die besonderen Erfordernisse eines Hofmannes zugeschnitten.« Zum Vergleich: Dürer hatte sich 1506, also ein paar Jahre vor Grünewalds Abgang, in einem Brief aus Venedig an seinen Freund Pirckheimer beklagt: »Hÿ pin ich ein her, doheim ein schmarotzer etc.«

Ein »her« zu sein, manifestiert sich sicher nicht nur in der Kleidung, aber wie das Beispiel Grünewald zeigt, scheinen zumindest einige, oder eben einfach nur einer der nordischen Renaissancemaler, schon ganz Gentleman gewesen zu sein.

Der italienische Dürer, nämlich Leonardo, war bekanntermaßen ganz Herr, Hofmann und Dandy. In der berühmten Biografie von Nicholl steht dann auch mal drin, wie viel er mitunter für ein feines Kleidungsstück hinlegte:

»In the 1490s Leonardo purchased a 600-page book on mathematics, in folio, for 6 lire, and a silver cloak with green velvet trim for 15 lire.«

Von dem Geld für den mit grünem Samt abgesetzten Silbermantel konnte man immerhin für eine vierköpfige Familie ein Jahr lang Brot kaufen, soweit der Vergleich der historischen Währungsumrechner.


Der größte Plebejer der zeitgenössischen Kunst

Hamburg, 30. März 2010, 20:44 | von Dique

»Grimmelshausen ist seit Ende des Dreißigjährigen Krieges nicht mehr Mitglied des deutschen Schriftstellerverbandes.« So kom­mentierte Michael Naumann den angestrebten Generationswechsel, der bei der Eichborn’schen »Anderen Bibliothek« zu seiner Kündigung geführt hat.

In einem der Bände der (guten alten?) Enzensbergerzeit, in Philipp Bloms »Sammelwunder, Sammelwahn«, steht neben vielen anderen supersten Anekdoten zum Thema Sammelei auch eine über den General Franco, er soll den Arm der Heiligen Teresa von Ávila mit sich herumgetragen haben, aber nicht, um damit zu unterschreiben, sich damit zu kratzen oder sonst irgendetwas Nützliches zu tun, sondern wegen der mythischen Kraft dieser Reliquie.

Aus ähnlichen Gründen wollte Rudolf II. unbedingt einen bestimmten Narwalzahn (galt damals noch als Horn des Einhorns bzw. Ainkhürns) und die berühmte Achatschale besitzen, in der durch schattige Einschlüsse der Name Christi zu lesen gewesen sei.

In Bloms Buch gibt es auch ein paar spannende Überlegungen zur Demokratisierung des Sammelns. War das uferlose Zusammentragen wertvoller oder wundersamer Dinge ehedem Privileg, ist die heutige Sammelei in alle Schichten der Bevölkerung vorgedrungen (Bierdeckel, Milchflaschen, Überraschungseiinhalte).

Zum Glück bleibt wenigstens die Kunst schön undemokratisch, siehe Helmut Krausser: »Kunst ist ein aristokratisches Phänomen, kein demokratisches, und erst recht kein plebejisches.« Dieses Zitat ist in der eben erschienenen »Substanz« des 12-bändigen Krausser’schen Tagebuchprojekts zu lesen, immer noch einem der unfassbar hervor­ragendsten Literaturgroßprojekte aller Zeiten.

Vorhin war ich noch in der PopLife-Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Die einzige Entschädigung für die schiere Langeweile, die bunte Warholsiebdrucke nun einmal verbreiten, war das in Formalde­hyd eingelegte Goldene Kalb von Hirst, dem vielleicht größten Plebejer der zeitgenössischen Kunst.

Usw.


Sergej Lochthofen: »Schwarzes Eis«

Berlin, 12. März 2010, 08:45 | von Paco

Heute 18 Uhr Eröffnung der Galerien in der Heidestraße Berlin. Unser partner-in-crime, die ZERN Gallery, präsentiert Zeichnungen, Temperas und Collagen von Sergej Lochthofen (bis 20. März 2010):

Schwarzes Eis

Gestern wurde gehängt, hier schön weltexklusiv ein zugehöriges Panoramafoto (Klicken zum Vergrößern):

Schwarzes Eis @ ZERN Gallery (Panorama)

Sergej Lochthofen wurde 1953 in der Straflagerstadt Workuta im Nord­osten Russlands als Sohn eines inhaftierten deutschen Emigranten und der Tochter eines verbannten russischen Revolutionskommissars gebo­ren. Er studierte Anfang der siebziger Jahre Malerei an der Kunsthoch­schule in Simferopol auf der Krim. Nach der Rückkehr nach Deutschland arbeitete er als Journalist in der DDR.

Einem breiteren Publikum ist Lochthofen aus seiner langjährigen Zeit als Chefredakteur der Zeitung Thüringer Allgemeine bekannt. Lochthofen führte die ehemalige Parteizeitung 1990 in die Unabhängigkeit und pro­filierte das Blatt als eine der wenigen wahrnehmbaren Stimmen Ost­deutschlands in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit. Im späten November 2009 erregten die Umstände seiner Demission einiges Aufsehen, als sich der 1990 von den Mitarbeitern der Zeitung gewählte Chefredakteur unter großer Anteilnahme der Leser heftig gegen seine Abberufung wehrte. In Lochthofens Zeit als Chefredakteur gewann die Zeitung mehrfach internationale Auszeichnungen für ihren grafischen Anspruch und für die herausragende optische Umsetzung von Politikthemen.

Schwarzes Eis @ ZERN Gallery (Hängung)

Parallel zu seiner Arbeit als Journalist hat Lochthofen kontinuierlich ma­lerisch und zeichnerisch gearbeitet. Das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Exzessen und der Entwurzelung von Millionen Menschen in den Bürgerkriegen Russlands liefert die Themen, die Lochthofen aus der Historie des Familienschicksals heraus publizistisch und künstlerisch fortwährend beschäftigen. Seine Sujets haben ihren Ursprung in der Weite von Lochthofens russischer Kindheit. Sie erzählen von den Reisen durch die Endlosigkeit der Steppen, von wiederkehrenden Abschieden und von Sehnsucht. Lochthofens Personal sind die Archetypen des russischen Dorfs; streunende Hunde, rasputineske Popen, verlorene Seelen im Matrosenanzug.

Die Ausstellung »Schwarzes Eis« bei ZERN in Berlin zeigt einen Aufriss der Arbeiten Lochthofens von den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis heute. Eingeordnet in einen Kontext familiärer Artefakte aus den Lagern des russischen Nordens und der südrussischen Revolu­tionsarmee seines Großvaters erzählen und illustrieren sie das Abenteuer und den Wahnwitz der ideologischen Modernisierung, die Lochthofens Familie aus Westeuropa in den Nordural und zurück nach Deutschland führte – eine Geschichte, die Sergej Lochthofen derzeit für ein Buchprojekt des Rowohlt Verlages aufschreibt.

Bis heute Abend,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque


Süddeutsche Zeitung:
Action-Feuilleton in Sachen Michelangelo

Paris, 5. März 2010, 06:56 | von Paco

Danke, Kia Vahland! Letztes Jahr gab es eine feuilletonistische Actionszene, die wir hier noch nicht erwähnt haben. Sie spielte sich im Frankfurter Städel ab und wurde glücklicherweise für die SZ eingefangen:

Kia Vahland: Ein Feuer, das nicht sein durfte. Das Frankfurter Städel zeigt fragwürdige Michelangelo-Zeichnungen, um ein eigenes Blatt dem Meister zuzuordnen. In: Süddeutsche Zeitung, 21. 4. 2009.

(And don’t ask me why, der Artikel ist im Moment nur noch als PDF auf der Website der, hä?, Frankfurter Rundschau zugänglich.)

Und zwar hatte das Städel von März bis Juni die Schau »Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen« veranstaltet. In deren Mittelpunkt stand ein Blatt mit Skizzen von mehreren grotesken Köpfen, das nun offenbar endlich offiziell dem Meister persönlich zugeschrieben werden sollte, nachdem britische Kunsthistoriker sich schon positiv dazu geäußert hatten.

Vahland beschreibt ein bisschen die Kontroversen, aber schon der Teasertext des Artikels zeigt, dass sie eher zu einer reduktionistischen Sicht neigt, was Michelangelo-Zuschreibungen angeht. Ihr Kronzeuge dabei ist Alexander Perrig, der sich auch eines Tages in das Museum begeben haben muss. Vor Ort glaubt er dann auch sofort, in der zur Disposition stehenden Zeichnung eine Arbeit des Michelangelo-Schülers Antonio Mini zu erkennen. Eine derart apodiktische Aussage würde natürlich den Frankfurtern komplett die Show stehlen. Aber da wird Perrig vom zuständigen Kurator Martin Sonnabend gesichtet, der rasch herbeigeeilt kommt.

Normalerweise, wenn nicht gerade die Mona Lisa oder ein paar Munch-Gemälde eingesackt werden, geschieht in Museen nicht sehr viel. Menschen stehen herum, schauen, gehen weiter, bis sie irgendwann den Ausgang oder den Museumsshop erreicht haben. Alles nicht der Rede wert. Aber hier treffen mitten auf dem Terrain der Kurator und der schärfste Kritiker direkt aufeinander, tourismusfreundliche Groß­zügigkeit bei der Zuschreibung trifft auf den radikalen Glauben an die Schmalheit des überlieferten Werks.

Und Kia Vahland war dabei und berichtet uns davon. Auf einmal ist Action im Feuilleton, jeder Bericht über eine Podiumsdiskussion ist dagegen toter Text. Das Streitgespräch will ich hier nicht komplett zitieren, siehe Link oben, viertletzter Absatz. (Die schönste Stelle darin ist Perrigs Frage: »Haben Sie selbst nie gezeichnet?«)


Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

Hamburg, 2. März 2010, 21:35 | von Dique

Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

»I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

(Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])


Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010

Hamburg, 19. Februar 2010, 13:09 | von Dique
 
–»Aren’t you relieved to know that you’re not a golem?«
–»Yes, I am relieved to know that I am not a golem.«
(»Stranger than Fiction«)

Letzter Samstag, ich hatte wie immer die FAZ gelesen. Die Samstags-FAZ ist das mittlerweilige Lieblingsobjekt weiter Teile des Umblätte­rers (with FAS losing ground), die Ausgabe von letzter Woche war aber nur okay, nicht wie sonst richtig superst. Später ging ich dann in eine Kneipe auf ein paar Heringe, und da hing die »Süddeutsche« im Zeitungshalter. Ich hatte die S-Zeitung länger nicht gelesen, und sie hatte ja in letzter Zeit wegen verschiedenster Dinge auch eine Menge Bashing abbekommen.

Fakt ist, die Ausgabe von letztem Samstag hatte ein FEUILLETON­FEUERWERK zu bieten, das sich bis in den Wirtschaftsteil zog. Dort fand man einen Artikel von Helga Einecke über Botticelli, der, na ja, einfach sehr gut war. Das Bild zum Artikel zeigte einen Ausschnitt aus dem Altargemälde für die Zanobi, auf dem sich Botticelli offensichtlich selbst verewigt hatte, kurz, ein Selbstportrait, und ein ganz feines.

Er hat da sehr moderne Gesichtzüge und schaut dem Zuschauer fest in die Augen, dazu trägt er herrliche gelb-goldene Klamotten, wie Johan Nilsen Nagel in Hamsuns »Mysterien«. Im Text ging es um wirtschaft­liche Aspekte und Ungereimtheiten im Leben des Künstlers und dessen Erfolg, der ihm von Vasari zwar bescheinigt wurde, der ihn aber als Menschen eher unvorteilhaft portraitiert hatte, vielleicht wegen seiner Konkurrenzfähigkeit zu dem von ihm, wieder Vasari, geliebten und gehypten Michelangelo.

Im Feuilleton selber gab es dann einen langen Bericht von Alex Rühle über Wuppertal, über die miese Finanzlage und die daraus resultierende wahrscheinlich erste Schließung eines Schauspielhauses in einer Großstadt. Ein Tristesse-Artikel, der beim Lesen tatsächlich so einen beängstigenden Untergangszukunftskosmos eröffnete, ein nicht gerade erstes, aber ansehnliches Zeichen von Ernsthaftigkeit diesen ganzen Verschuldungswahn betreffend.

Außerdem werden gerade die »Sandokan«-Romane neu übersetzt und erscheinen im Wunderkammer Verlag, Burkhard Müller hat einen davon rezensiert, der geschrieben sei »aus dem Geist der Großen Oper«, d. h. es komme auf Logik und Folgerichtigkeiten nicht unbedingt wirklich an. Ich wusste bis dato nicht, wer der Autor der Reihe war, Emilio Salgari, dem Artikel nach eine Art italienischer Karl May, in Verona geboren und nie irgendwo hingekommen, aber knapp 80 Abenteuerromane geschrieben, die überall auf der Welt spielen, von denen der »Sandokan«-Zyklus am erfolgreichsten war. Ein schönes Portrait dieses Mannes und des, im direkten Abgleich mit Karl May, Schreibtischkolonialismus der zu spät gekommenen Nationen Deutschland und Italien.

Auf der Panorama-Seite stand noch ein Artikel über Muttermilch, der mit der schön verschwenderischen Abbildung einer Madonna von Andrea Solari illustriert war, hängt im Louvre:

Andrea Solari: La Madonna del cuscino verde (Louvre)

Eine superste Ausgabe der S-Zeitung also, die ich da beim Hering im Zeitungshalter weggelesen habe. Die Ausgabe war auch trotz so später Stunde noch vollzählig und korrekt sortiert, eben dank Zeitungshalter. Auf der Website eines Zeitungshalterherstellers findet man diese einführenden und hier jetzt abschließenden weisen Worte:

»Wer von uns Zeitungslesern hat sich im Café, beim Friseur, im Wartezimmer des Arztes oder an anderen Orten mit öffentlich ausliegenden Presseerzeugnissen noch nicht fürchterlich geärgert, wenn er bei der Lektüre dieser Zeitung und Zeitschriften feststellen mußte, das Teile fehlten oder sich das Lesegut in einem ungeordneten oder erbärmlich zerfledderten Zustand befand?

Solche Unbill, die Konsumenten gemeinschaftlich genutzter Printmedien gelegentlich widerfährt, hätte sich in einer Vielzahl der Fälle sicherlich verhindern lasse, hätte die auslegende Stelle auf ein Produkt zurückgegriffen, das seit Jahrhunderten den Zeitungen den Rücken stärkt: den Zeitungshalter.«

(Bild: Wikimedia Commons)


Rembrandt, Kirchner, Giacometti

Hamburg, 18. Februar 2010, 10:05 | von Dique

*

Rembrandt's Homer Simpson

Der sieht doch ziemlich gut aus dieser Rembrandt, vor allem bekommt man den Alterungseffekt mit Photoshop noch besser hin als mit Tee, dem beliebten Papieralterungsmittel, bei Skulpturen gern als Melange aus Tee und Hühnerkot.

Neulich sah ich einen Beitrag über eine gefälschte Grafik von Otto Mueller, der anscheinend sowieso gerade immer begehrter wird, langsam zieht er mit Kirchner gleich, wenn man das so sagen darf, jedenfalls erzielte er bei den Frühjahrssales Rekorde, seine »Badenden« brachten bei Christie’s gerade knapp dreieinhalb Millionen Dollar, und er wird, wie ja auch Kirchner, sehr gern gefälscht, besonders natürlich die Grafik, mit Tintenstrahldrucker und besagtem Tee.

Das ging vielleicht ein bisschen unter bei all dem Bohei um Giacomettis »Schreitenden«, um die 104 Millionen, für die ihn die Commerzbank aus dem Bestand der übernommenen Dresdner verscheuert hat, das teuerste Kunstwerk ever, heißt es zumindest, aber das meint natürlich nur: bei einer Auktion, schließlich ging die Bloch-Bauer von Klimt für 135 Millionen weg und angeblich kurz danach, unter der Hand, ein Jackson Pollock für noch mehr.

Aber egal, die Summe für den Giacometti ist eigentlich unerhört, das ist schließlich nicht im entferntesten eine Einmaligkeit von Original oder sonst irgendwas, sondern ein fucking Bronzeguss, und davon gibt es einfach mal noch fünf weitere Exemplare (aber die standen »eben nicht … dreißig Jahre lang in Frankfurt«, im Vorstandsgebäude der Dresdner Bank). Pretty strange, ein Topportrait von Raffael, seit 50 Jahren das erste Ölwerk von ihm auf dem freien Markt, dieses Bildnis Lorenzos de‘ Medici, machte vor ein paar Jahren gerade mal schlaffe 27 Mille. Und Rembrandt hier hat sein Portrait des Homer gar unter eine Creative Commons-Lizenz gestellt, da hört sich doch alles auf.

(Bild: David Barton, limpfish.com, CC by-nc-sa)