Archiv des Themenkreises ›Kunstkunst‹


In Dostojewskis Banja

St. Petersburg, 29. Januar 2012, 16:15 | von Baumanski

Auf Barclay de Tollys Schultern liegt etwas Schnee, als ich am Samstag­mittag an seiner Statue vorbeilaufe. Der dauerbewölkte Himmel und das graue Semifreddo der Kanäle lassen St. Petersburg in diesem lauwarmen Januar etwas düster wirken. Ich treffe mich mit Ivan Borisowitsch in der Stolovaja, und er stochert in seinen Kohlrouladen herum, schwärmt von der Schönheit des sich ausdehnenden Univer­sums und beklagt sich über dies und jenes, bevor er abrupt aufbricht.

Ich bleibe noch etwas sitzen und lese weiter in Wenedikt Jerofejews schönem Säuferroman (oder Poem, wie es der Autor in bester gogol­scher Tradition nennt) »Moskau – Petuschki«. Doch schon nach ein paar Seiten holt mich die nicht weniger hochprozentige Realität ein, als der Alkoholiker am Nebentisch, der gerade in nicht mehr als zehn Minuten eine Flasche armenischen Kognak geleert hat, derbe Schimpf­wörter ins Telefon zu schreien beginnt. Eine Frau schüttelt immer wie­der missbilligend den Kopf, und ich gehe lieber rasch nach draussen.

Ich bin sowieso in der Eremitage verabredet, wohin mich zwei Bekannte, eine Restauratorin und ein äusserst begeisterungsfähiger Kunsthistoriker, zu einer leicht chaotischen Privatführung eingeladen haben. Die beiden diskutieren über Rubens’ unproportionale Pferde und Rembrandts mässig schöne Frau (»Aber er hat sie geliebt«) und viele andere Sachen. Irgendwie kommen wir auf die neue U-Bahn-Station im Zentrum zu sprechen und es steht die Frage im Raum, ob man die scheusslichen Mosaike darin als postmodern bezeichnen könne. Man könne, findet der Kunsthistoriker, denn der russische Postmodernismus sei »бессмысленный и беспощадный«, sinnlos und erbarmungslos.

Am Abend besuche ich mit unserem Freund, dem Opernsänger, die öffentliche Banja, in die angeblich schon der omnipräsente Dostojewski zu gehen pflegte: Dampf, Birkenzweige, kaltes Wasser und vor allem schwitzende Wänste. Straffe und faltige, behaarte und unbehaarte, mehr und weniger aufgedunsene. Eine gute Stunde verbringen wir in der Schwitzanstalt, und danach gibt es Bier.

Gegen Mitternacht sitze ich dann einmal mehr in irgendeiner Gemein­schaftsküche in irgendeinem alten Haus mit irgendwelchen Leuten. Ich kenne zwar nur die Hälfte davon, aber die Diskussion ist lebhaft, es geht schliesslich um kulinarische Fragen. In der Hitze des Gefechts lasse ich mich zu der Behauptung verleiten, dass sich die russische Küche zur französischen verhalte wie die Ikonenmalerei zum Impressionismus, und damit sind natürlich wieder mal nicht alle einverstanden.
 


Yellow Dots

Den Haag, 27. Januar 2012, 16:15 | von Luisa

Niesel auf Autobahnen und Gewerbegebiete, Bäume kahl, Kühe weggesperrt. Holland im Januar: grau. In Den Haag pfeift ein übler Wind, also lieber gleich ins Museum.

Dort, im Mauritshuis, überwintert das berühmte holländische Licht auf Vermeers »Ansicht von Delft«. Fast zwei Drittel des Bildes nimmt der Himmel ein, außerdem gibt es Wasser zu sehen (die Schie) und einen teils besonnten, teils schattigen Streifen Delfter Dächer hinter der Stadtmauer. Irgendwo darin soll das »petit pan de mur jaune« stecken, eine Mauerecke, so gut gemalt, »daß sie allein für sich betrachtet einem kostbaren chinesischen Kunstwerk gleichkomme«, was der Schriftsteller Bergotte gerade noch wahrnimmt, bevor er zusammenbricht und Proust zu einem seiner kürzesten Sätze inspiriert: »Er war tot.« (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Die Gefangene).

Zweifellos ist es das meistzitierte Mauerstück der Literatur, zweifelhaft ist, ob es außerhalb der Literatur überhaupt existiert. Dieter E. Zimmer beispielsweise suchte lange und gründlich und behauptete in der SZ: Nein. Kein Gelb, nirgends. Lange vor ihm sind jedoch verschiedene Autoren an verschiedenen Stellen fündig geworden.

Seit den zwanziger Jahren pilgern ganze Pulks von Proustiens nach Den Haag, um die Mauerecke zu suchen, »welche mit so viel Können und letzter Verfeinerung ein auf alle Zeiten unbekannter und nur notdürftig unter dem Namen Vermeer identifizierter Maler einmal geschaffen hat«.

Proust jedenfalls nutzte das Mauereckchen zu einem Ausflug in die Transzendenz, indem er von der Perfektion, mit der die Mauerecke gemalt ist, auf die Möglichkeit einer jenseitigen Welt schloss, in der dem Künstler das Verlangen nach solcher Perfektion eingepflanzt wurde. Kitschig auch der Satz über die in den Schaufenstern der Buchhandlungen aufgestellten Bücher Bergottes, die nach seinem Tod »wie Engel mit entfalteten Flügeln« die Auferstehung der Autorseele andeuten.

»Gezicht op Delft« ist das größte Bild, das Vermeer je gemalt hat (98,5 × 117,5). In zwei Meter Entfernung auf einem Rundsofa sitzend (wie das, auf welches Bergotte niedersank), sehe ich es von unten, während der Maler den Blick von oben wählte, wahrscheinlich den aus einem im zweiten Stock gelegenen Fenster. Diese unten-oben-Simultanschau ergibt einen ganz eigenen Effekt, der sich noch zu der Tiefenwirkung addiert; man blickt gleichzeitig als Maulwurf und als Möwe bis hinter die Nieuwe Kerk.

Aus der Nähe ist dann zu sehen, wie der Glanz und das Leuchten auf Mauern und Dächer und Wasser zustande kommen: Zahllose gelbe Pünktchen, getupft mit einem Pinsel von höchstens drei Haaren, sind über die Fläche verstreut. Dazwischen schwimmen nicht sehr realistische Farblinien, z. B. hellblaue an einer Schiffsreling. Der Effekt ist geheimzinnig en mysterieus und stimmt milde gegen metaphysische Mauerecken.


Das Mauritshuis wird ab April renoviert und für lange Zeit geschlossen. Die Bilder werden dann im Gemeentemuseum gezeigt.

 


Aus dem Leben der Sixtina

Leipzig, 4. November 2011, 06:56 | von Paco

In Dresden werden ja gerade die beiden berüchtigsten Raffael-Madonnen gegenübergestellt (Semperbau am Zwinger, noch bis 8. Januar 2012). Darüber gibt es einen schönen FAZ-Artikel von Andreas Platthaus, den ich mit etwas Verspätung eben erst gelesen habe.

Ich war jetzt selbst noch nicht in der Ausstellung, aber mir fiel beim Lesen sofort eine Episode aus dem Leben der einen Madonna ein, eine Episode, die Mitte der Achtzigerjahre von dem lettischen Künstler Mihails Korņeckis (1926–2005) nachträglich gemalt wurde – jetzt bitte nicht erschrecken:

Gerettete Madonna (1984-1985); (C) LNMM, Riga

Das Bild aus dem LNMM in Riga trägt den Titel »Gerettete Madon­na« (»Izglābtā Madonna«, 1984/85, 156×180 cm) und ist natürlich gemalte Kulturpolitik (siehe Matthias‘ Kommentar unten). Die Ge­schichte, die mit dieser Figurenanordnung erzählt werden soll, geht ungefähr so (mit Dank an Wolfgang Stärke):

Zunächst wird der Blick sofort auf das Bild im Bild gelenkt, auf Raffaels »Sixtinische Madonna«, die normalerweise in der Dresdner Gemälde­galerie Alte Meister hängt. Die dargestellte Szene zeigt allerdings, wie sie bei Kriegsende von der Roten Armee in sagen-wir-mal Sicherheit gebracht wird bzw. worden ist (zurück nach Dresden ging sie erst nach Stalins Tod Mitte der 50er-Jahre).

Der sowjetlettische Künstler hat den Raffael nun also auf seine eigene Leinwand kopiert, was ihm auch mehr oder weniger gut gelungen ist. Vor dieser Grundierung findet dann die eigentliche Story statt, die Raffaels Dreieckskomposition spiegelt:

Zwei russische Soldaten bewachen das sichergestellte Großgemälde samt einer (ebenfalls uniformierten, aber kittelbewehrten) Expertin, die direkt von der Heilige Barbara beschützt zu werden scheint, die aus dem Raffaelgemälde heraus direkt auf sie herabblickt. Die Kittelfrau wiederum hält eine Lupe in der Hand und scheint mit leichtem Silberblick mit dem linken Putto kommunizieren zu wollen. Die Linie von ihren Augen über die Lupe endet allerdings im Fußbereich des Papstes.

Korņeckis scheint überhaupt ein paar Probleme mit der Perspektivität zu haben: Die MP des rechten Soldaten (eine PPSch-41) ist recht kühn verzogen, das ist dann fast sozialistischer Unrealismus oder, bei wohlwollender Interpretation, eine Art Reprise des Manierismus.

Der linke Soldat, ein am Kopf verletzter und überhaupt etwas ramponiert aussehender Muschik, stützt sich auf ein mit einem Bajonett versehenes Mosin-Nagant, die Standardwaffe der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Der abwesende Blick des abgekämpften Kriegers lässt vermuten, dass er klischeemäßig eher weniger an Renaissancekunst interessiert ist, während sein jüngerer Kamerad neugierig zur Sixtusfigur auf Raffaels Gemälde aufschaut.

Das vielgestaltige Blickekonzert, mit dem das sowjetlettische Gemälde seine Geschichte erzählt, ist überhaupt sicher der interessanteste Aspekt hier. Und ansonsten ist es erst mal beruhigend zu wissen, dass im Moment wahrscheinlich erst mal keine schussbereiten Kriegsmänner mehr vor Raffaels Madonna stehen.

(Image © LNMM. Thanks to Gundega Cēbere!)
 


Room 59, der Saal des Gurkenmalers

London, 31. Oktober 2011, 09:00 | von Dique

Im Room 59 der National Gallery in London hängen 14 Gemälde von Carlo Crivelli, zweite Hälfte 15. Jahrhundert, mit ausschließlich religiösen Inhalten. Vasari widmete Crivelli kein Künstlerleben, auch sonst ist fast nichts über ihn bekannt. So muss Carlo Crivelli durch seine Bilder zu uns sprechen, deren Faszination man sich, laut Informationen der deutschen Wikipedia, nur schwer entziehen kann. Im selben Artikel heißt es weiter:

»Eine ganz besondere Vorliebe entwickelte er für Dekorationen und prachtvolle Ornamente, mit denen er seine Bilder oftmals völlig zu überladen pflegte. Hierzu gehören auch die auf vielen Gemälden vorhandenen Gurken, die eine nahezu surrealistische Wirkung hervorrufen.«

Crivellis Leidenschaft für die Gurkenmalerei hatten wir bereits erwähnt, als wir während einer UMBL-Dienstreise nach Neapel auf den berühm­ten Birnenmaler Bartolomeo Bimbi zu sprechen kamen. Nun bin ich wegen der Crivelli-Gurken noch einmal in den Room 59 in der National Gallery gegangen.

Auf fünf der 14 Gemälde, also auf mehr als einem Drittel, hat Crivelli mindestens eine Gurke untergebracht. Und auf allen diesen Gurken­bildern ist auch eine Madonna zu sehen. Dagegen handelt es sich bei den gurkenlosen Bildern um Portraits von Heiligen bzw. in einem Ausnahmefall um ein Bildnis des Heilands selbst, »The Dead Christ supported by Two Angels«.

Da man es in der Kunstgeschichte höchst selten mit der Gurke zu tun bekommt, selbst auf Stillleben ist sie kaum zu finden, stellt sich natürlich die Frage nach der Ursache dieser Gurkenmanie. Diese verschwenderisch gemalten grünen Phallusse könnte man irgendwie als Empfängnissymbol deuten, das würde deren Präsenz auf den Madonnenbildern erklären und deren Abwesenheit auf den Heiligen­portraits. Ansonsten hat man versucht, sie als Symbol für Auferstehung oder Ursünde zu deuten, aber »nessuna delle interpretazioni risulta convincente«.

Jede banale Erklärung würde die einmalige Crivelli’sche Gurkenleiden­schaft auch unnötig entzaubern, und so einfach ist es auch nicht, schon weil es für die Gurke keine Bildtradition gibt. Crivelli hat sich ganz bewusst für die Gurke entschieden, aber kein anderer Madon­nenmaler seiner oder irgendeiner andern Zeit hat es ihm gleich­getan.

Nach beinah einer Stunde mit Crivelli und seinen Gurken konnte ich mir an diesem Tag keine weiteren Gemälde mehr ansehen. Es war Mittags­zeit und ich hatte einfach nur Appetit auf einen frischen Gartensalat.

Hier noch die Bildfolge im Room 59, im Uhrzeigersinn, angefangen beim erwähnten Christusgemälde:

1. The Dead Christ supported by Two Angels
2. The Vision of the Blessed Gabriele
3. The Immaculate Conception (Gurke)
4. Saint Catherine of Alexandria
5. Saint Mary Magdalene
6. Saints Peter and Paul
7. The Virgin and Child (Gurke)
8. Saint Jerome
9. Saint Peter Martyr
10. Saint Michael
11. Saint Lucy
12. The Virgin and Child with Saints Francis and Sebastian (Gurke)
13. La Madonna della Rondine (Gurke)
14. The Annunciation, with Saint Emidius (Gurke)

 


Die sizilianischen Caravaggios

auf Reisen, 18. September 2011, 09:18 | von Dique

Ich stehe vor dem La Residenza in Messina. Ich habe vorher Bescheid gegeben, wann ich ungefähr eintreffe, denn die Rezeption ist nicht durchgehend besetzt, und man kann nicht einfach so ins Foyer gehen, man benötigt die Hotel-Chipkarte, die auch das Zimmer öffnet, oder es muss eben jemand da sein, der öffnen kann, so wie jetzt eine junge Dame, bei der ich mich dann anmelde, bevor ich mich auf mein Zimmer begebe.

Der gut geschützte Eingangsbereich wundert mich etwas und meine Verwunderung nimmt zu, als ich eine laminierte Karte auf dem Tisch finde. Hier wird auf Italienisch und Englisch unmissverständlich dazu aufgefordert, die Tür stets verschlossen zu halten.

Im letzten Abschnitt der langen Hinweisliste heißt es: »As an extra precaution: When leaving the room, even briefly, please be sure to check that your door has been closed and properly locked.« Mich beunruhigt besonders das »even briefly«, als ob schon gleich jemand im Flur auf eine günstige Gelegenheit wartet, in die offenen Zimmer einzudringen.

Neugierig geworden suche ich im Netz nach ›Sicherheit‹ und ›Messina‹ und muss bei EssentialTravel.co.uk Folgendes lesen:

»The biggest problem facing visitors to Sicily are the hoards of pickpockets and purse snatchers who lurk in the main cities. Messina is one of the worst, so be alert when you travel around this town. (…) The most dangerous time to be out is after dark. Any woman wandering around the streets of a Sicilian city late at night runs the risk of being raped or abducted. Men are more likely to be mugged or beaten.«

Ich traue mich dann trotzdem aus dem Haus, auch wenn es schon Abend ist, und überlebe Abendessen und Spaziergang unter den hier heimischen Strauchdieben und Halsabschneidern ohne Zwischenfälle. Den Hafen sehe ich mir ehrlicherweise nur aus der Ferne an.

Nach Sizilien bin ich gekommen, um mir die hiesigen Caravaggio-Gemälde anzusehen, und die Rahmenbedingungen hier in Messina könnten kaum besser sein. Das plötzliche Gefühl, dass diese harmlos scheinende Hafenstadt gegenüber der kalabrischen Küste tatsächlich so gefährlich sein könnte wie zu Zeiten des weltberühmten Malers und Mörders Michelangelo Merisi aus Caravaggio, hat meinem Aufenthalt eine ganz neue Qualität gegeben, für mindestens eine gefühlte halbe Stunde.

Am nächsten Tag, auf dem Weg zum Museo Regionale, bei feinstem Sonnenschein, sind dann aber alle Gedanken an mögliche Gefahren verflogen. Im Museum bin ich der einzige Besucher, außer dem Personal ist sonst niemand zu sehen. Die Atmosphäre ist staubig und morbide und im Garten verteilte antike Artefakte erscheinen sehr willkürlich platziert.

Die ausgestellten Gemälde im Innern des Hauses wurden fast alle von Lokalgrößen angefertigt, einschließlich des feinen Polyptychon des Heiligen Gregor von Antonello da Messina. Für etwa ein Jahr war auch Caravaggio eine Art sizilianische Lokalgröße, verbrachte diese Zeit zwar nicht exklusiv in Messina, schuf hier aber zwei seiner Spätwerke, die noch heute vor Ort sind, in eben diesem staubigen Museo Regionale.

Die vier Museumsangestellten sind freundlich und lassen mich weitgehend unbehelligt durch die Räume spazieren. In Raum 10 ist es dann soweit. In aller Glorie hängen hier die beiden Caravaggios, die Anbetung der Hirten und die Auferweckung des Lazarus.

Über die Hälfte des Lazarus-Bildes ist einfach nur braun-grau mit einigen architektonischen Schatten, und die monochromen Figuren strahlen aus dieser Dunkelheit heraus. Bei der »Anbetung« gibt es neben den Personen auch noch einige Kleinodien in Vorder- und Hintergrund zu sehen, einen Korb, eine Hacke und Stroh, einen Esel und eine Kuh.

Vor Messina bin ich in der Johann-Gottfried-Seume-Stadt Syrakus gewesen, wo ich bereits Caravaggios Grablege der Heiligen Lucia gesehen habe, nicht im Museum, sondern in der Kirche Santa Lucia al Sepolcro. Eine eigentümliche Kirche, innen weiß und minimalistisch und am Kopfende hängt das wunderschöne Bild, man kommt leider nicht sehr nah heran. Wie beim »Lazarus« in Messina beschränkt sich das Bild fast ausschließlich auf die Figurengruppe mit den beiden schaufelnden Giganten in der Front und den Klagenden im Hintergrund.

Nach der Kirche habe ich mir in einem kleinen Zeitungsladen auf der Via Roma noch die FAZ vom Vortag gekauft und bin auf Kaffee und Cannolo ins um die Ecke gelegene Antico Caffè Centrale di Siracusa gegangen.

Inzwischen bin ich wieder in Palermo. Auch in Palermo gab es mal einen Caravaggio, der wurde aber leider 1969 gestohlen und tauchte nie wieder auf.
 


Nyborg Strand

Leipzig, 24. August 2011, 18:50 | von Hiller

Konferenzreisen im Sommer sind abzulehnen. Ebenso sind Konferenz­reisen an langweilige Orte abzulehnen. Eng wird es (ums Herz, und weit der Weg nach Hause), wenn man gegen beide Axiome auf einmal verstößt, so wie vor genau einem Jahr, als man mich nach Spanien geschickt hatte. Und diesmal schwebte ich zwecks eines eingeladenen Vortrags über vorauszusehende Anstrengung und unerwartete Leichtigkeit beim Hörverstehen vermittels zweier baugleicher Bombardier CRJ900 mit den klingenden Namen »Tuttlingen« und »Wittlich«, quasi als weltgeschichtliche Einstimmungsmeditation, faul übers Meer nach Dänemark ein.

(Aus Tuttlingen gibt es nur die großen Holz-Oszillatoren der Weltmarke HOHNER zu vermelden, ach nein, das war Trossingen; und Wittlich hat sich meiner Kenntnis nach auch nur durch das wahrlich die falschen Assoziationen weckende Foto des dort zu Tode gekommenen Extrem-Dialektikers Holger Meins verdient gemacht; aber das denke ich bestimmt, weil ich mich mit einer taxonomisch gehaltenen Monografie über Lufthansa-Fluggerät-Namen und deren Querbezüge – Intertextu­alität; wenn Sie wissen was ich meine – zum israelisch-palästinensi­schen Konflikt habilitieren werde.)

Aber Dänemark? Dies fragen sich sicherlich auch die dort Verantwort­lichen, und machen deshalb ihre Grenzen wieder dicht, auf dass nur keiner komme, um allen zu erzählen, wie langweilig es hier ist.

Noch im deutschen Luftraum konsultiere ich meine speckige Ausgabe des Weltweisen Henning Ritter: Irgendwas über Dänemark? Irgendein Aperçu über diese Hamlet-Maschine! Nichts. Genauso wenig halten die beiden Psychopharmakologen und Volkswirtschaftler Kracht–Woodard es für nötig, in ihrem neuen Standardwerk ihren Studenten den Geld- oder Drogenmarkt ausgerechnet Dänemarks zu erklären; wer würde dies auch wollen, und wozu: Der dänische Hotdog zu inflationsbereinigten 14 Euro, den ich bei meinem letzten Stopover, wenigstens im Frühjahr, auf mein Gepäck wartend verzehrte, illustriert beide Hauptthemen des Werkes ausreichend. »Denmark won’t be that hot«, beschwichtigt eine Nonne einen Amerikaner vieldeutig im Flug­hafenbus.

Seien Sie ehrlich: Sie alle sind kulturbeflissene Leser des Feuilletons, und Olafur Eliasson mit seinem Budenzauber hat Ihnen doch auch gefallen; aber was fällt Ihnen denn sonst Schönes, Spannendes ein zu Dänemark? Ach, in das Land des Lars von Trier wolle sie so gerne auch einmal reisen, schrieb eine Kollegin. Den könne man mit Hilfe von viel Sekundärliteratur schon sehr genießen, und er habe einen intellek­tuellen Anspruch, und präsentiere viele Bezüge zur Kunst- und Filmgeschichte. Da wollte ich gleich noch ein wenig weniger aufbrechen nach Kopenhagen, Nyborg Strand, die große Leerstelle im Norden. ›Nahost‹ möchte mein Intelligenz-Telefon lieber schreiben, anstatt ›Nyborg‹, als wüsste es, wie viel Spaß der nahe Norden verheißt.

Wie in jedem guten Reiseführer hier noch schnell die größten Kultur­leistungen meines freundlichen Gastlandes: Erstens, Bjarne Riis, ein Situationist der letzten Stunde, krampfte sich 1996 an einem Radlenker fest und fuhr mit dünnem Resthaar und Sirup im System sehr steile Berge sehr schnell hinauf. Zweitens, »The Sods«, eine lokale Punk­band, die ihren Namen schon von einer anderen Punkband stehlen mussten, um der Namenlosigkeit zu entgehen, nahmen circa 1979 mit mesmerisierend verstimmter Bassgitarre einen völlig unbekannt gebliebenen Monster-Reggae-Hit auf, den sie wiederum nach ihrer ja sonst nichts geschenkt bekommenden Hauptstadt benannten und dem sie als Schlusschor das eingängige Quadrupel »Copenhagen Cancer City Kill« mitgaben. Drittens, irgendetwas Ihrer Wahl mit Niels Bohr oder Hans Christian Andersen.

Ein freundlicher junger Mann mit einem dieser Islamisten-Bärte – er trägt eine teure Sonderedition eines Ralph Lauren-Polohemds – murmelt im Zug nach Nyborg famos zu seinem Nachbarn: »It’s funny, when I hear the words, I can remember them«, und ganz ähnlich geht es mir jetzt nach der Ankunft mit diesem Land, mir fällt das Schöne plötzlich wieder ein, wie ich es so sehe; die weiten Flure, die schlichten Sessel, und, wenn Sie es bitte niemandem weitersagen: auch der Blick aufs Meer. Und natürlich wird es hinterher wieder eine prima Tagung gewesen sein, die Hörforschung und ich werden wieder Freunde sein, und Dänemark wird sich wieder seinen Grenzen und seinen Karikatu­ren widmen können – aber: nicht mehr hier, und nicht mehr im Som­mer. Fahren Sie dort bitte niemals hin.
 


»Der Louvre in 20 Minuten«

St. Petersburg, 22. August 2011, 14:18 | von Paco

Aus der Redaktion · Gerade eben ist als Nr. 105 der »Schöner Lesen«-Reihe des SuKuLTuR-Verlags dieser Band erschienen:

Der Louvre in 20 Minuten (Cover)
Der Louvre in 20 Minuten

Frank Fischer · Berlin · SuKuLTuR · 2011
20 Seiten · 1,– € · ISBN 978-3-941592-26-1
Veröffentlicht unter der CC by-nc-sa 3.0 DE

Bestellen: Verlag | buchhandel.de

 
»Was in Frank Fischers neuestem Band über den Louvre gesagt wird, hat mich sehr nachdenklich gestimmt.«
— Christian Kracht

Inhalt

Denon-Flügel … Seite 3
Sully-Flügel … Seite 13
Richelieu-Flügel … Seite 15

Als sozusagen Vorwort eignet sich sehr gut der grandiose FAZ-Artikel von Julia Voss über die bevorstehende Leonardo-Ausstellung in der National Gallery in London: »4 Minuten, 17 Sekunden«.

Ach so, »Der Louvre in 20 Minuten« ist wie üblich auch in einigen Süßwarenautomaten in Berlin und auf Sylt zu haben sowie direkt und ohne Bestellung in Buchhandlungen in Leipzig (Lehmanns in der Grimmaischen Straße 10) und Berlin, siehe diese Übersicht.
 


Donna Leon bringt den Müll raus

Venedig, 14. August 2011, 04:26 | von Austin

Sommerzeit. Reisezeit. Die Welt trifft sich in Venedig. Am Eindrucks­vollsten darauf eingestellt war der Akkordeonspieler auf Torcello, der seine Musik nach der Nationalität der Passanten ausrichtete; ich be­kam »Mein Hut, der hat drei Ecken« ab, die französische Familie vor mir »Frère Jacques«, hinter mir hörte ich dann »O sole mio«.

Gesperrt wegen Bauarbeiten waren in der Galleria dell’Accademia die Säle 5 & 6 sowie 8 & 9 & 11 & 21 und auf San Giorgio Maggiore das Refektorium. Nichtsdestotrotz hier die Top drei Tintoretto-Gemälde in Venedig nach Meinung des Umblätterers:

1) Scuola di Gran Rocco: Die Versuchung Christi. Is it a girl? Is it a boy?

2) Accademia: Der Traum des Heiligen Markus. Als hätte Tintoretto einen Workshop bei El Greco belegt.

3) Madonna dell’Orto: Der Tempelgang Mariens. It’s showtime …

Und die ganze Verzweiflung, die ein Kultururlaub in der Ferne auslösen kann, sie trifft den sehr jungen, strahlend schönen Schwulen, der als ein Objekt seiner selbst durch die Galleria streift, ganz allmählich seinen All-American Parents hinterher; vor Tintorettos »Vertreibung aus dem Paradies« hört man sein unendlich gequältes, leises Jaulen: »Oh no, my camera is dying.«

Zur Phänomenologie des Museumsbesuchers ist zu sagen – den deutschen Kultur-Touristen erkennt man in italienischen Museen neben den Kommentaren (»Haben wir gestern nicht auch eine Verkündigung von Veronese gesehen? Oder war das Bellini?«) sehr gut an der langen Leinenhose. Seit wie vielen Auflagen postet der Baedeker eigentlich schon sein gusseisernes Kleidungsgebot, dass niemals Italiener es wagen würden, in Sommerbekleidung eine Gemäldegalerie zu betreten? Machen sie doch, und zwar zahlreich. Vielleicht kann man das im Text ja mal ändern bei Gelegenheit, das wäre ein guter Beitrag zur allgemeinen Sommerfrische.

Ansonsten bin ich dreimal von japanischen Reisegruppen auf der Terrasse beim Frühstück fotografiert worden, und am letzten Abend tobte ein Gewitter über der Stadt, zweimal schlug der Blitz in Palladios San Giorgio ein, und eine geschmackvoll gekleidete ältere Dame, von der ich schwören könnte, es war Donna Leon, öffnete zaghaft ihre Haustür und hängte den Müllbeutel an den Knauf.
 


Leonardo malt wieder!

London, 11. Juli 2011, 02:03 | von Dique

Im »Kunstmarkt« der gestrigen FAZ hat Gina Thomas über die jüngsten Londoner Auktionen berichtet, ein sehr schöner Berichterstattungstext mit dem Tenor: »Es gibt einfach zu wenig superbe Alte Meister«. So war also gleich schon die Überschrift formuliert, und so ist es eben auch, das Angebot von hochwertigen Altmeistergemälden wird knapper und knapper. Und vom Preisniveau her sind diese im Vergleich zu zeitgenössischer Kunst auch absolut nicht konkurrenzfähig.

Aber gut, nach der Inspektion der wenigen Topstücke lenke ich meinen Blick in die zweite und dritte Reihe, und da gab es einige Perlen wie zum Beispiel diese Portraitskizze des Charles Binny von Thomas Lawrence.

Binny schaut aus der nur leicht angeschmeckten Leinwand heraus, das Gesicht schon fertig, der Oberkörper in einem Hauch angedeutet. Nicht dass ich wüsste, wer Charles Binny war – ok, es gibt da noch irgendwo ein Lawrence-Gemälde, das ihn mit seinen Töchtern zeigt –, aber darum geht es ja nicht, sondern um diesen Einblick in die Entstehungs­weise aufgrund nicht erfolgter Fertigstellung des Gemäldes.

Im Gegensatz zu den Klassikern der nicht zu Ende gemalten Prachtgemälde (z. B. Menzels »Friedrich« in der Alten Nationalgalerie, Michelangelos »Manchester Madonna« in der National Gallery oder Parmigianinos »Madonna mit dem langen Hals« in den Uffizien) interessiert so ein Akademiestück dann aber doch kaum jemanden und bringt nicht viel ein, es ging für billige 12.000 GBP weg.

Trotz der ganzen Klagelieder wurde bei Sotheby’s aber auch das zweitteuerste Altmeistergemälde ever verkauft, eine Guardi-Vedute, für 23,8 Mio. GBP. Das teuerste Altmeistergemälde bleibt, wie Gina Thomas in der FAZ schreibt, Rubens »Kindermord von Bethlehem«, aber vielleicht nicht mehr lange, denn, und das war das große Thema in der Halbwelt der diesjährigen Old Masters Week in London: Es gibt einen neuen Leonardo!

Immer wenn ich jemandem davon erzähle, führt das standardmäßig zu der Nachfrage, ob Leonardo denn wieder malen würde. Aber egal, es geht um einen »Salvator Mundi«, der früher noch als Kopie nach Giovanni Antonio Boltraffio verschrien war. Doch nun erklärt gleich eine Handvoll Experten dieses Gemälde für einen echten Leonardo. In der »Welt« hat Stefan Koldehoff alles momentan erreichbare Wissen darüber sehr schön zusammengefasst.

Das Stück gehört einer Gruppe von Händlern aus den USA und wird eventuell nicht unter 150 Mio. Dollar weggehen. Ob es dann wirklich echt ist oder nur ein weiteres Exempel für den modernen Zuschreibungswahn, ist dabei vorerst auch eigentlich egal. Es wäre nämlich einfach schön, wenn mal wieder ein Alter Meister den zweifelhaften Rekord des teuersten Kunstwerks halten würde und nicht ein deprimierendes Drip-Painting von Jackson Pollock oder der goldene Schrecken des großen Dekorateurs Gustav Klimt.
 


Hitchcock und Caravaggio

London, 1. Juli 2011, 21:43 | von Dique

Gerade habe ich das Caravaggio-Buch von Andrew Graham-Dixon beendet, »Caravaggio: A Life Sacred and Profane«. Letztes Jahr zu Weihnachten hatte ich mich noch geziert, es auch nur zu kaufen. Bei Hatchards lag ein riesiger Haufen, anderthalb Meter hoch, wie gemauert, und alle Exemplare waren signiert.

Das hätte mich sogar auch fast gereizt, aber dann hatte ich eben doch keine Lust auf noch ein Caravaggio-Buch, und außerdem fand ich es reichlich beknackt, mich von einer signierten Kopie animieren zu lassen. Doch der Titel blieb in meinem Kopf, 10 Jahre hat Graham-Dixon am Buch gearbeitet, das von allen Kritikern und Lesern auch ziemlich gefeiert wurde, und der Autor ist ja übrigens auch der Macher der fantastischen BBC-Doku »Travels with Vasari«.

Jetzt hatte ich also die Idee, dieses Buch doch haben zu müssen, und dann stand ich eines Tages bei Foyles und hatte es in der Hand und fing ein bisschen an zu lesen und wollte überhaupt nicht wieder aufhören. Anstatt es gleich mitzunehmen und im nächsten Café weiterzulesen, dachte ich wieder an die signierten Exemplare bei Hatchards. Das war nun allerdings schon ein paar Monate her, aber der Haufen war so riesig gewesen, die konnten doch unmöglich alle verkauft worden sein.

Also stellte ich das Buch zurück ins Regal und marschierte die Charing Cross Road hinunter, quer durch Soho bis nach Piccadilly zur schönen Buchhandlung Hatchards. Das Caravaggio-Buch fand ich gleich in der zweiten Etage in der Kunstbuchabteilung, aber im Regal, ohne Signierung. Der Ziegelsteinhaufen war verschwunden. Ich schleppte das Buch zur Kasse, mich langsam ärgernd, dass ich damals nicht gleich zugeschlagen hatte, und fragte einen freundlichen Herrn, ob es denn vielleicht auch noch eine signierte Fassung gebe.

Er schaute kurz nach und rief dann seine Kollegen im Erdgeschoss an, ob vielleicht im Schaufenster oder Eingangsbereich noch welche wären. »We had sooo many!«, sagte der freundliche Herr zu mir, während wir auf Antwort von unten warteten. Er selbst besitze auch ein Exem­plar, signiert. Ob er es schon gelesen habe? »No, not yet, but it is supposed to be very good!« Am Ende bekomme ich keine signierte Kopie mehr, alle verkauft!

Es ist also die unsignierte Kopie, die ich gerade zu Ende gelesen habe. Das Buch hangelt sich chronologisch durch Gemälde und Leben des Künstlers. Sein letztes Werk war das Martyrium der heiligen Ursula (heute in Neapel). Wie auf vielen seiner Bilder hat Caravaggio auch auf diesem einen Cameo-Auftritt. Er hat das Bild 1610 in Neapel gemalt und ist noch im selben Jahr gestorben. Kurz bevor er mit der Arbeit begann, wurde er Opfer eines Racheakts, vier Schergen lauerten ihm vor einer Bar in Neapel auf und schlitzten ihm ein Schandmal ins Gesicht.

Auf diesem letzten Gemälde, eben diesem Ursulamartyrium, ist er mit halbgeöffnetem Mund zu sehen, in dieser kleinen Ansammlung von Leuten, die um Ursula herum stehen. Er sieht aus wie das Leiden selbst, beinah zusammenbrechend, mit einem letzten Seufzer auf den Lippen.

Mir fällt kein anderer Maler ein, der sich so häufig in seinen eigenen Bildern dargestellt hat, nicht in Portraits à la Rembrandt oder Dürer, sondern in der Menge, im Hintergrund, als Beobachter. Ein pindarischer Sprung lässt mich an Alfred Hitchcock denken, der in seinen Filmen ebenfalls immer kurz mal selbst auftaucht. Das sind aber vergleichs­weise kleine Späße, Gimmicks, die Hitchcocks Spitzbübigkeit unterstreichen.

Die Auftritte des Michelangelo Merisi sind Statements, Seelenzustands­dokumentationen ohne jeden Schalk. Ganz besonders in seinem spektakulärsten und prominentesten, dem Portrait als Goliath, dessen abgeschnittenen Gigantenschädel der kleine David quasi in die Kamera hält. Aus dem Hals des abgetrennten Goliathkopfes rinnt noch Blut, etwas Leben scheint in diesem Kopf noch zu sein, doch wird es jeden Moment verlöschen. Vor diesem Cameo-Gruselauftritt sieht man Caravaggio eher unbeteiligt in der Menge stehen und zuschauen, wie im berühmten Martyrium des heiligen Matthäus oder in einer Gruppe Musizierender aus seiner Frühphase in Rom.

Nach diesem Lektürebrocken war ich dann doch erleichtert, ein Exem­plar ohne Signierung gekauft zu haben, denn das wären ja wieder drei Wörter mehr zu lesen gewesen: ›Andrew‹, ›Graham‹ und ›Dixon‹. Falls der Autor nicht noch was reingeschrieben hat wie »Love«, »All the best« oder »Wish you a happy reading«.