Archiv des Themenkreises ›100 Seiten‹


100-Seiten-Bücher – Teil 13
Arthur Schnitzler: »Traumnovelle« (1925)

Solingen, 3. September 2011, 14:16 | von Bonaventura

Diese etwas lang geratene Erzählung von 1925 kam 1999 noch einmal zu unerwarteter Prominenz, als Stanley Kubricks »Eyes Wide Shut« in die Kinos kam. Der Film versetzt die Handlung zwar von Wien nach New York und verlegt sie vom Anfang ans Ende des Jahrhunderts, erweist sich aber sonst als eine behutsame und minutiöse Literatur­verfilmung.

Erzählt werden einige Tage aus dem Leben des 35-jährigen Wiener Arztes Fridolin, der nach dem Geständnis seiner Gattin Albertine, sie habe sich im letzten Urlaub haltlos in einen jungen Mann verliebt, mit diesem aber nicht einmal ein Wort gewechselt, aus der Bahn seiner alltäglichen Routine geworfen wird. Er stürzt sich noch in derselben Nacht in eine sich steigernde Reihe erotischer Abenteuer, die darin gipfelt, dass er sich in eine geheime Orgie einschleicht, dort aber rasch enttarnt und aus dem Haus geworfen wird. Nach Hause zurückgekehrt, verwirrt ihn die Nacherzählung eines Traums seiner Frau noch tiefer. Am nächsten Tag vollzieht Fridolin seinen Weg aus der Nacht zuvor noch einmal nach, ohne die angestrebte Erlösung von seiner inneren Anspannung finden zu können. Erst seine erneute nächtliche Heim­kunft bringt eine Wendung der Krise.

Obwohl die Erzählung beim Erscheinen von der Kritik zumeist freundlich aufgenommen wurde, war sie kein bedeutender Erfolg. Erst im Rück­blick erweist sich diese Erzählung von der Gefährdung der Ehe durch die unterminierende Macht der Sexualität als überraschend klarsichtig.

Länge des Buches: ca. 167.000 Zeichen. – Ausgaben:

Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Titelbild von Hans Meid, in Holz geschnitten von Oskar Bangemann. Berlin: S. Fischer Verlag 1926.

Arthur Schnitzler: Traumnovelle. Stuttgart: Reclam 2006.

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100-Seiten-Bücher – Teil 12
Ludwig Wittgenstein: »Tractatus Logico-Philosophicus« (1921)

Düsseldorf, 18. August 2011, 10:15 | von Luisa

Dem »Tractatus« nähert man sich am besten durch die Türen des Hauses, das Wittgenstein für seine Schwester in Wien baute. Die Türen sind sehr hoch und aus Glas und Metall. Kühl und erhaben weht uns aus ihnen die Abstraktion entgegen, und so eingestimmt und ergriffen ziehen wir das rote Suhrkamp-Bändchen aus der Tasche und lesen den ersten Satz: »Die Welt ist alles, was der Fall ist.«

Das klingt erst mal sehr nachvollziehbar. Allerdings geht es dann weniger um die Welt als um deren Abbildung. Um Reinheit der Logik und Aussonderung des Bedeutungslosen, um Sagbares und endlich im letzten Satz um das, »wovon man nicht sprechen kann«.

Der »Tractatus« war 1918 vollendet und erschien 1921. Sein verständigster Leser wäre vielleicht nicht Bertrand Russell, sondern Kafka gewesen. Hätte Wittgenstein ihm doch eine Abschrift geschickt, als kaiserliche Botschaft und Traum von Träumer zu Träumer! Schon die Gewichtung der Sätze durch Zahlen hätte Kafka gefallen: endlich mal Ordnung im existenziellen Zores. Und die Idee, eine lange, komplizierte Deduktion aufzubauen, die sich am Schluss als unsinnig erkennt und selber wegstößt wie eine Leiter, hätte ihn entzückt.

Später schwor Wittgenstein dem System ab und erreichte nie mehr eine so lässige Selbstwahrnehmungshöhe: »Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben«, schrieb er im Vorwort zum »Tractatus«. Diese Überzeugung besäßen wir auch mal gern, und sei es nur an unserem Todestag. Großer Seufzer.

Das Wiener Haus sollte 1971 abgerissen werden. Gerettet hat es die Volksrepublik Bulgarien. Sie nutzte es als Kulturinstitut, ließ es aber, wie es war: leer. Man kann es durchwandern, die Architektur auf sich wirken lassen und die weltberühmten Türklinken drücken. Und darüber nachdenken, was alles der Fall sein kann.

Länge des Buches: ca. 126.000 Zeichen (dt.), ca. 122.000 Zeichen (engl. Übersetzung von Ogden/Ramsey, 1922), ca. 128.000 Zeichen (engl. Übersetzung von Pears/McGuinness, 1961). – Ausgaben:

Ludwig Wittgenstein: Logisch-Philosophische Abhandlung. In: Wilhelm Ostwald (Hg.): Annalen der Naturphilosophie 14 (1921), S. 185–262. (= 78 Textseiten)

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logicophilosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1963.

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100-Seiten-Bücher – Teil 11
Thomas Mann: »Der Tod in Venedig« (1912)

Solingen, 12. August 2011, 07:04 | von Bonaventura

Der ältliche Schriftsteller Gustav Aschenbach, nobilitierter Dichter und Urenkel der deutschen Klassik, lässt sich für einen Moment gehen und weicht einer Schreibblockade aus, indem er in Urlaub fährt. In Venedig angekommen, verliebt er sich in einen 14-jährigen polnischen Knaben. Zwar versucht er dem Wieland’schen Rezept für Verliebte zu folgen und so rasch wie möglich fortzulaufen, auch eine Sublimierung ins Geistig-Platonische wird probiert, letztlich hilft aber nichts gegen den einmal ausgebrochenen Mangel an »Zucht« und Aschenbach bleibt auf der Strecke: Mit einem letzten Blick auf das Rückenstück des göttlichen Knaben erliegt er der Cholera, die er sich im unmoralischengesunden Klima Venedigs zugezogen hat.

Das Erstaunliche an den Texten Thomas Manns ist immer wieder, dass es ihm gelingt, aus dem dünnen Fädchen seines persönlichen Erlebens und Empfindens Erzählungen von bemerkenswert artifizieller Dichte zu stricken. »Der Tod in Venedig« ist, was Ornatus, Motivik, Vorausdeu­tung, Spiegelungen und Ringstrukturen angeht, eine Perle traditionel­ler Erzählkunst. Der Wechsel von ausgewogensten Satzungeheuern und kürzesten Sentenzen verleiht dem Erzähler – bei aller inhaltlichen Schwülstigkeit und Überfrachtung des Erzählten – gerade genügend ironische Distanz, um ihn nicht unerträglich werden zu lassen. Wenn irgend ein deutscher Schriftsteller mit traumwandlerischer Sicherheit auf der Schneide eines Rasiermessers hat tanzen können, dann war es wohl Thomas Mann.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen. – Ausgaben:

Thomas Mann: Der Tod in Venedig. München: Hyperion-Verlag Hans von Weber 1912.

Thomas Mann: Der Tod in Venedig. Novelle. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2007.

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100-Seiten-Bücher – Teil 10
Giorgio Bassani: »Die Brille mit dem Goldrand« (1958)

Düsseldorf, 31. Juli 2011, 07:07 | von Luisa

Im Februar 1994, als er noch für die FAZ schrieb, besuchte Gustav Seibt den italienischen Autor Giorgio Bassani in Rom. Der Besuch verlief eher bizarr und endete mit einem plötzlichen Kuss Bassanis (damals 77 und unterwegs in die Demenz) auf die junge Wange des Kritikers. Der Dichter küsste das Feuilleton, das Feuilleton erwiderte den Kuss durchs Wort: Seibts Bericht, erst ein Jahr später erschienen, trug den Titel »Der Kuss« und glimmerte zwischen Grusel und Verehrung.

Alle Romane Bassanis spielen in Ferrara, wo der Autor seine Kindheit und Jugend verbrachte. Ferraras Altstadt mit Duomo, Castello und Stadtmauer ist UNESCO-Weltkulturerbe, dennoch: Ferrara never quite made it. Es liegt abseits. Kein schiefer Turm, keine Arena. Die Stadt lebt für sich und ist wunderschön.

Der Besitzer der Brille mit dem Goldrand, ein venezianischer Ohrenarzt namens Dr. Athos Fadigati, lässt sich 1919 in Ferrara nieder. Zunächst wird er freundlich aufgenommen, später ausgegrenzt. Er wohnt und ordiniert gleich hinter dem Dom, an der Kreuzung Via Bersagliere del Po/Via Garganello. Diese Wohnung gibt es noch, man steht vor dem Haus, schaut hinauf und fragt sich, ob man klingeln und um eine Nasenspülung oder um einen Kuss bitten soll. Der Roman erschien 1958, das ist lange her und vielleicht ahnt der heutige Mieter gar nicht, dass er einen fiktionalen Mitbewohner hat. Der Jude Bassani überlebte den Faschismus in Rom und kehrte nicht nach Ferrara zurück.

Zart wie der Roman, aber minder melancholisch ist die lokale Pasta-Spezialität: cappellacci di zucca, mit Kürbis gefüllte Ravioli. Gute Geschichten sind düster, Unrecht verbittert. Trost spendet die Küche.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen (genaue Angabe folgt). – Ausgaben:

Giorgio Bassani: Ein Arzt aus Ferrara. Erzählung. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. München: Piper 1960.

Giorgio Bassani: Die Brille mit dem Goldrand. Erzählung. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. München: Piper 1985. S. 3–105. (= 103 Textseiten)

Giorgio Bassani: Die Brille mit dem Goldrand. Erzählung. Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter. Berlin: Wagenbach 2007.

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100-Seiten-Bücher – Teil 9
Fritz Mauthner: »Der letzte Tod des Gautama Buddha« (1913)

Solingen, 26. Juli 2011, 09:09 | von Bonaventura

Fritz Mauthner (1849–1923) dürfte sich hart an der Grenze des kultu­rellen Gedächtnisses bewegen. Während meines Studiums waren seine »Beiträge zu einer Kritik der Sprache« noch viel besprochen, wenn auch wenig gelesen. Vom Dichter Fritz Mauthner wollte man aber schon damals nichts mehr wissen. Umso mehr war ich überrascht, als mir jetzt eine Neuausgabe seiner Erzählung um den Tod Gautama Buddhas in die Hände fiel.

Der 1913 erstmals erschienene Text ist eine direkte Reaktion auf die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert einsetzende Popularisie­rung buddhistischen Gedankengutes in Europa. Erzählt werden die letzten Tage Gautama Buddhas, stofflich weitgehend orientiert an den Legenden. Inhaltlich allerdings nimmt Mauthner, ähnlich wie später auch Hermann Hesse in seinem »Siddhartha«, eine deutlich distan­zierte Haltung zu der offenbar als zu pessimistisch empfundenen Lehre ein. Mauthner lässt seinen Buddha nicht nur die Abkehr von allem Weltlichen hin zu einer Bewunderung der Schönheit der Welt und des Lebens überwinden, er erfindet auch eine letzte Lehrpredigt Buddhas hinzu, die sogenannte Schmetterlingspredigt, in der die bunten Flattermänner zum großen Paradigma einer lebensbejahenden Existenz ohne Wollen und Denken geraten.

Etwas spannender als diese religiöse Gymnastik gerät die Beschrei­bung der Jünger des Erleuchteten. Während sich Buddha um letzte Einsichten und die Überwindung des Sterbens bemüht, finden unter seinen Schülern die ersten Verteilungskämpfe um Macht und Einfluss in der zukünftigen buddhistischen Kirche statt. Hier findet sich Mauthners eigentliche Absage an den Buddhismus: Die Lehre Buddhas ist disku­tabel, der kirchlich organisierte Buddhismus ist es nicht.

Sprachlich dürfte die Erzählung ebenso wie Hesses Pendant heute als etwas schwülstig empfunden werden, ansonsten ist sie ein nettes, kleines Schmuckstück für alle, die sich ein wenig für Buddhismus oder Fritz Mauthner interessieren.

Länge des Buches: ca. 127.000 Zeichen. – Ausgaben:

Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. München; Leipzig: Müller 1913.

Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. Leipzig: Superbia-Verlag 2005.

Fritz Mauthner: Der letzte Tod des Gautama Buddha. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Ludger Lütkehaus. Lengwil-Oberhofen: Libelle 2010. S. 5–110. (= 106 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 8
Platon: »Das Gastmahl« (um 380 v. Chr.)

Düsseldorf, 20. Juli 2011, 18:46 | von Luisa

Noch geschwächt vom Besäufnis des Vortags, beschließen die Teil­nehmer dieses berühmten Gelages, ausnahmsweise nur mäßig zu trinken und sich stattdessen am Gespräch zu erfreuen. Jeder soll eine Rede über die Liebe (unter Männern selbstredend) und den Gott Eros halten. Fünf Gäste geben ihr Bestes.

Dann kommt Sokrates an die Reihe. Gnadenlos sichelt er die Ausfüh­rungen seines Vorredners Agathon nieder, bis dieser stammelt: »Ich, o Sokrates, weiß dir nicht zu widersprechen, sondern es soll so sein, wie du sagst.« Der Logos als Zerstörer, der Leser zürnt. Als ob er dies spüre, spielt Sokrates nun selbst den Trottel, indem er ein Gespräch mit der weisen Diotima wiedergibt, einer Frau also, was in all diesem Männergeglucker schon mal versöhnt. Es gerät zum Liebeswörter­rausch »in der bacchischen Wut der Philosophie«, zum psychedelischen Aufschwung ins Licht der Idee. Das ist am besten laut, bekränzt und betrunken vorzulesen.

Aber das Beste ist da eigentlich schon vorbei, nämlich die Erzählung des Aristophanes. Ursprünglich, so behauptet er, waren wir alle kugelförmig und hatten zwei Gesichter, vier Arme/Beine sowie doppelte Sexualorgane, mit denen wir in die Erde zeugten. Sehr fröhlich waren diese Komplettmenschen und aufmüpfig. So griff Zeus zur Säge. Und wenn wir nicht endlich brav und fromm werden, droht uns eine weitere Halbierung. Hier siegt Mythos über Logos, Dichtung über Deduktion, ein einziges, heiteres, herzerwärmendes Wunder.

Das Gastmahl endete in Lärm und Chaos, »man sei genötigt worden, gewaltig viel Wein zu trinken«. Das hat sich nicht geändert in 2400 Jahren, schlauer sind wir heute auch nicht, aber das »Gastmahl« ist immer noch ein großer Jux, besonders wenn man es nachspielt.

Länge des Buches: ca. 145.000 Zeichen (Niethammer-Übersetzung), 153.000 Zeichen (Susemihl-Übersetzung). – Ausgaben:

Platon: Das Gastmahl. Übersetzt und herausgegeben von Thomas Paulsen. Nachwort und Anmerkungen von Thomas Paulsen und Rudolf Rehn. Stuttgart: Reclam 2008. S. 3–78. (= 76 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 7
Fjodor Dostojewski: »Weiße Nächte« (1848)

St. Petersburg, 13. Juli 2011, 12:30 | von Paco

Der Insel-Verlag hat für seine Ausgabe vor Jahren den bisherigen Untertitel des Romans geändert: »Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers« wurde zu: »Eine Liebesgeschichte«. Eine taktisch gelungene Aktion, auch wenn es sich um eine Liebes­geschichte ohne Happy End handelt. Sie geht eigentlich erst mal ganz gut los, abenteuerlich fast. Ein junger Mann rettet das Fräulein Nastenka vor einem befrackten Unhold, und dann setzen sich Retter und Gerettete in die helle Petersburger Nacht und plaudern.

Insgesamt haben sie vier weiße Nächte zusammen, bis Nastenka mit ihrem ursprünglichen und eigentlichen Traummann abzieht, der dann nämlich wider Erwarten doch noch erscheint – was für eine Wendung des Schicksals! Dabei hatte es so gut ausgesehen, auch wenn der Träumer zwischenzeitlich sehr langwierig von seinen Träumereien erzählt und zum Beispiel auch gleich E. T. A. Hoffmann erwähnt hat, das sollte man vielleicht nicht gleich bei einer der ersten Begegnungen tun.

Ich habe das Buch wieder mal im Zug gelesen, auf einer knapp vierstündigen ICE-Fahrt. Um mich herum waren sechs Frauen eines Strickvereins gruppiert (Zugsocking), ein Setting, das so gar nicht zu meinem Buch passte. Als ich nach Beendigung der Lektüre das Ohropax herausnahm, hörte ich als erstes folgenden Satz: »Ich stricke doch hier keine Ferse! Im Zug kann man doch keine Ferse stricken!«

In der Bemerkung lag allerdings mehr empirische Erkenntnis als im ganzen Dostojewski-Buch, auch wenn das jetzt vielleicht nicht so sehr vergleichbar ist. Es geht übrigens fast schneller, das Buch durchzu­lesen, als Viscontis Verfilmung zu schauen. Und wenn man auch noch das russische Original zur Hand nimmt, ist die Geschichte noch mal um 35.000 Zeichen kürzer, man spart also ein Viertel der Lesezeit!

Länge des Buches: ca. 127.000 Zeichen (russ. 92.000). – Ausgaben:

F. M. Dostojewski: Weiße Nächte. Ein empfindsamer Roman aus den Erinnerungen eines Träumers. Übertragen von Hermann Röhl. Nachwort von Michael Wegner. Mit 8 Zeichnungen von Irmgard Zoll. Leipzig: Insel-Verlag 1969. S. 4–95. (= 92 Textseiten, abzgl. 8 Seiten mit den Zeichnungen)

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100-Seiten-Bücher – Teil 6
Friedrich Dürrenmatt: »Der Richter und sein Henker« (1950/51)

Konstanz, 6. Juli 2011, 15:13 | von Marcuccio

Krimi-Schullektüre – aber welcher Hundertseiter kann was für sein Schicksal. Und Richter hin, Henker her, mich faszinierte an diesem Buch nichts mehr als die ominöse Twannbachschlucht. Sie ist Dreh- und Angelpunkt der ganzen Krimihandlung, aber auch so eine Art Landschaftsgrenze, zwischen Twann und Lamboing. Trennt das Berner Seeland vom Jura, die Deutschschweiz von der Welschschweiz.

Dass zwischen einem Dorf und dem nächsten eine Sprach-, aber keine Landesgrenze verlaufen konnte, das war für einen Neuntklässler mit »Französisch fakultativ« schon das Maximum der Schweiz-Exotik. Erst Jahre später begriff ich: Die Schlucht – durchflossen vom Twannbach, französisch Douanne, also quasi douane – ist Dürrenmatts kleiner Röstigraben.

Wenn Kommissär Bärlach von Bern ins Jura-Dorf ermitteln fährt, sagt er beharrlich Lamlingen statt Lamboing. Und wenn der Dorfpolizist von Lamboing mit Bern deutsch sprechen muss, »eine Sprache, in der es ihm nicht ganz geheuer war«, kriegt er schlechte Laune. An einer Stelle ist auch von »Separatisten« und der »Jurafrage« die Rede. Aber das alles hat mit dem Krimiplot nichts zu tun. Im Gegensatz zur Lamboing-Anfahrt der Ermittler, die von Bern aus entweder linksdrehend oder rechtsdrehend um den Bieler See möglich ist: zum literarischen Geocaching wie geschaffen.

Im Übrigen ein Krimi für SZ-Leser: Die Leiche, ein Polizist, führte ein Doppelleben als Spion. Deckname seiner Investigativexistenz: »Doktor Prantl, Privatdozent für amerikanische Kulturgeschichte in München.«

Länge des Buches: ca. 163.000 Zeichen. – Ausgaben:

Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker. Roman. Mit 14 Zeichnungen von Karl Staudinger. 2691.–2730. Tsd. Hamburg: Rowohlt 1985. S. 5–118. (= 114 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 5
Markus Werner: »Zündels Abgang« (1984)

Berlin, 19. Juni 2011, 19:14 | von Josik

Genau in dem Moment, als im ICE 1605 die Zugführerin per Durchsage von »dem nächsten Unterwegshalt« sprach, wusste ich nicht mehr, ob ich nun über die Oxymoronhaftigkeit des Wortes »Unterwegshalt« nachsinnen soll oder über den schon im Buch in Anführungszeichen gesetzten »Schlankheitsabgrund«, bei dem ich gerade angelangt war. Denn man möchte eigentlich alles, schon den ersten Satz, mit dem Markus Werner in die Geschichte der Weltliteratur eintritt und den so natürlich nur ein Schweizer schreiben konnte, nämlich:

Schöne Kindheit im Warenhaus.

– alles also an dieser Herrlichkeit von Debüt, in dem ein sehr sympa­thischer Misanthrop, der wie alle normalen Menschen als Lehrer arbeitet, verduftet, möchte man am liebsten anstaunen.

Und wenn man etwas nicht versteht und noch kein Google hat, wie zum Beispiel in den 80ern, dann ruft man einfach den Autor an. Eine Freundin des Instituts hat das kurz nach Erscheinen von »Zündels Abgang« getan, als Markus Werner noch nicht berühmt war und sein Name noch im Telefonbuch stand. Sie hat ihn gefragt, wer denn eigentlich »der unstete Geist eines französischen Dichters« ist, von dem es auf Seite 69 heißt, er habe im weltberühmten Portofino seine Ruhe gefunden. Herr Werner gab freundlichst und bereitwilligst Auskunft, dass es sich hier um Guy de Maupassant handle, der in Portofino »Bel Ami« geschrieben habe.

An das zweite literarische Rätsel, um dessen Auflösung sie ihn ebenfalls gebeten hat, konnte er sich leider partout nicht erinnern. Um die lustige Titelpersiflage »Ahndung und Gegenschlag« handelte es sich jedenfalls nicht und auch nicht um eine der Fragen und Antworten in dem grandiosen Zündholzspiel: Man stellt eine Frage und wenn die Antwort »richtig oder wenigstens gut« ist, gibt’s ein Zündholz; wer zuerst fünf Zündhölzer hat, hat gewonnen. Der vorletzte Satz, der von Zündel überliefert ist, lautet: »Geh jetzt bitte, ich stehe unter Sprechverbot«.

Länge des Buches: ca. 194.000 Zeichen. – Ausgaben:

Markus Werner: Zündels Abgang. Roman. München: dtv 1988. S. 3–116. (= 114 Textseiten)

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100-Seiten-Bücher – Teil 4
Theodor Fontane: »Grete Minde« (1880)

Hamburg, 7. Juni 2011, 00:35 | von Dique

Ich hatte noch knappe zwei Stunden, und da wollte ich einfach mal endlich »Grete Minde« lesen, 100 Seiten, dafür dürfte die Zeit ja reichen. Ich war mitten im Sog der Geschichte, die sich einem ruhig auslaufenden Ende zu nähern schien. Fünf Seiten vor Schluss musste ich allerdings zur U-Bahn, wo ich dann auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier noch schnell den Rest lesen wollte.

Dazu kam es aber nicht, denn ich traf eine Bekannte und musste mit ihr Neuigkeiten austauschen. Ich hatte das Buch in der Hand, sie fragte: »Und? Gut?« Ich brachte kurz die Story: Der Tod von Gretes Mutter und dann des Vaters, dann die böse Schwägerin, die ihr die Lebensfreude gänzlich nehmen will. Noch sehr jung an Jahren lässt Grete zusammen mit dem Nachbarsburschen das unschöne Leben bei ihrer Familie hinter sich und schließt sich fahrendem Volk an. Sie wird Mutter, kehrt irgendwann nach Tangermünde zurück und fordert ihren Teil vom Erbe. Das Ende musste ich in meiner Schilderung leider weglassen, ich kannte es ja noch nicht, wollte es aber bei Gelegenheit nachliefern.

Als ich bei der Feier ankam, hatte ich das Buch noch in der Hand, gleich nickte mir der Gastgeber zu, »zeig mal, ach, ›Grete Minde‹, was für ein wahnsinniges Ende, oder?« Ich erzählte das mit den fünf noch fehlenden Seiten. »Mach dich auf was gefasst!«, hieß es da.

Ich konnte mir das überhaupt nicht erklären, die Geschichte schien mir erzählt zu sein, ich rechnete nicht mehr mit einem großen Drama, was sollte da noch passieren? Ich las den Rest auf der U-Bahn-Fahrt nach Hause und rief dann bestürzt sofort meine Bekannte an.

»Grete Minde« ist angeblich eines der schlechteren Bücher von Fontane, aber das stimmt nicht. »Grete Minde« ist ein 100-Seiten-Meilenstein.

Länge des Buches: ca. 198.000 Zeichen. – Ausgaben:

Theodor Fontane: Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik. Hrsg. von Frederick Betz. Stuttgart: Reclam 2006. S. 3–108. (= 106 Textsei­ten)

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