100-Seiten-Bücher – Teil 35
Johann Gottfried Seume: »Mein Leben« (1813)

Berlin, 18. September 2012, 15:26 | von Josik

Der letzte Satz in Seumes Autobiografie lautet: »Und nun –«. Natürlich würden sich diese Worte samt dem Gedankenstrich auch ganz hervor­ragend als Grabinschrift eignen und dergestalt den Pragmatismus solcher berühmten Grabsprüche wie: »Es liegt begraben die ehrsame Jungfrau Nothburg Nindl / gestorben ist sie im siebzehnten Jahr / just als sie zu brauchen war« ausstechen. Allerdings war dieser Schluss so nicht beabsichtigt, vielmehr ist Seume zwischendurch gestorben, und seine Autobiografie kann nunmehr nur deshalb den Hundertseitern zugeschlagen werden, weil sie Fragment geblieben ist.

Sehr schön finde ich, dass Seume mehrmals das Wörtchen Hm ver­wendet, einmal auf S. 20 der Reclam-Ausgabe: »Mein Vater, der den Vorfall hörte, sagte weiter nichts als sein bedenkliches Hm, und ich habe nie seine Meinung über den streitigen Punkt erfahren«, und dann auf S. 27: »[E]in Hm hm mit Kopfschütteln oder ein ›du kommst jetzt nicht vorwärts, mein Sohn!‹ waren hinlänglich, mich in den Gang zu bringen.« Das Grimm’sche Wörterbuch fährt in den Belegstellen zum Lemma HM einen Rattenschwanz an Großautoritäten auf, den Maler Müller, Jean Paul, Schiller, Göthe, Klinger, Immermann usw. usw., irrerweise auch einen dort so genannten Kotzebuk – doch Seume fehlt.

Einen seiner Lehrer schließlich zitiert der dort Fehlende mit dem Wortwitz: »Lumina mundi wollt ihr werden; ja, ihr Halunken, lumpenhundi werdet ihr sein.« (S. 35) Im Grimm’schen Wörterbuch ist sogar das Wort lumpenhündlein verzeichnet! Übrigens kann man dumme Menschen, die abgeschmackte chinesenfeindliche Witze über den Verzehr von Hunden und Katzen reißen, jederzeit mit diesem Zitat aus Seumes Autobiografie beschämen: »Wenn […] ich den schwarzstriefigen Kommisspeck und auch den Rauchlachs zum Überdruß gegessen hatte, schoß uns Serre in den Außengegenden auch wohl einen fetten Hund oder einen feisten Kater, deren frisches Fleisch und Fett uns nicht selten leckere Mahlzeiten gaben.« (S. 95f.)

Länge des Buches: ca. 181.000 Zeichen. – Ausgaben:

J. G. Seume: Mein Leben. Leipzig: Göschen 1813. S. 1–183 (= 183 Textseiten) (online)

Johann Gottfried Seume: Mein Leben. Nebst Fortsetzung von C. A. H. Clodius. Mit einem Nachwort von Günther Birkenfeld. Stuttgart: Reclam 1977. S. 3–98 (= 96 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Kaffeehaus des Monats (Teil 72)

sine loco, 14. September 2012, 18:03 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Café de Paris, Jarmers Plads 1, København (wie immer ein dezidiert schlechtes Touri-Foto)

Kopenhagen
Das Café de Paris am Jarmers Plads 1.

(Gerade seit zwei Wochen geöffnet, wunderbar gelegen in der entmilitarisierten Zone zwischen Ørsted-Park und H. C. Andersens Boulevard, betrieben von einem Bergamasken mit stahlblauen Terence-Hill-Augen und überbordender Parissehnsucht. Ein Schild hängt draußen noch nicht dran, aber das Café ist schon da, und zwar jeden Morgen ab 6.30 Uhr. Die Getränke und die Panini sind natürlich extrem gut. Und sobald er mal wieder Zeit hat, sagt der Barista, will er draußen auch das Kaffeehausnamensschild dranschrauben.)
 

100-Seiten-Bücher – Teil 34
Hans Blumenberg: »Schiffbruch mit Zuschauer« (1979)

Solingen, 11. September 2012, 21:18 | von Bonaventura

Seit Ende der 50er-Jahre hat Hans Blumenberg, wohl unter direktem Einfluss von Ernst Robert Curtius’ Topos-Konzept, seine Metaphoro­logie sowohl durch systematische Sammlung von Paradigmen als auch theoretisch entwickelt. Allerdings muss ihm bald vor dem sich abzeich­nenden Umfang des Projektes gegraut haben, denn Ende der 70er-Jahre plant er zusammen mit dem Suhrkamp Verlag, die Metaphoro­logie zuerst peu à peu in einzelnen Taschenbüchern erscheinen zu lassen und diese Teile erst nachträglich zusammenzuführen.

So erschien 1979 als erster Teil dieses Projekts das Bändchen »Schiffbruch mit Zuschauer«, das die von Lukrez geprägte Metapher von dem am sicheren Land stehenden stoischen Betrachter des Schiffbruchs der anderen im Meer der Welt durch diverse Wandlungen hindurch bis ins 20. Jahrhundert hinein verfolgt. Ergänzt wird der historische Gang um einen Essay, der so etwas wie die Grundlegung einer Metaphorologie als Theorie der Unbegrifflichkeit liefert. Allein die verständige Lektüre dieser knapp 20 Seiten erspart einem die ganzer Kompendien.

»Schiffbruch mit Zuschauer« war kein Erfolg, weswegen Blumenberg den Plan einer systematischen Fortsetzung aufatmend fallen lassen konnte. Er hat dann den gesammelten Stoff zu zahlreichen Zeitungsbeiträgen verarbeitet, die Suhrkamp wiederum zu ganz wundervollen Bändchen zusammengestellt hat. Und auf diese Weise wurde Hans Blumenberg zu einem Meister des 100-Seiten-Buchs.

Länge des Buches: ca. 222.500 Zeichen. – Ausgaben:

Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979.

Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1997.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

100-Seiten-Bücher – Teil 33
Lewis Carroll: »Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867« (1928/1935)

Berlin, 7. September 2012, 14:45 | von Josik

Günter Grass, der nach Angaben von Sibylle Berg »ungefähr 119« Jahre alt ist, hat vor ein paar Monaten, von der Öffentlichkeit fast gänzlich unbeachtet, ein einzelnes Kapitel aus dem »Butt« neu ausgekoppelt und als Hundertseiter herausgebracht. Das den Tagebüchern von Charles Lutwidge Dodgson entnommene »Russian Journal« ist da freilich eine Auskopplung ganz anderen Kalibers. Auf der Reise nach Russland stellt Carroll fest: »Gewisse Teile von Berlin sehen aus wie ein Schlachthaus für Fossile«, eine Beobachtung, die ja heute noch genauso zutrifft.

Ich lese dieses Buch, weil es so unbeschreiblich toll und voller allerliebster Zeichnungen ist, jedes Jahr etwa zwei Mal, hierin dem Beispiel Christiane Frohmanns folgend, die über Kafkas »Proceß«, eines ihrer Lieblingsbücher, neulich sagte: »Dieses Buch lese ich mindestens einmal im Jahr«.

Felix Philipp Ingold lobt im Nachwort zur deutschen Ausgabe: »Bezüg­lich der Zahlen fällt auf, daß Carroll/Dogdson […] Daten, Termine, Größen oder Distanzen präzis anzugeben pflegt, daß er […] mit genauen Zahlenangaben aufwartet« (S. 126). Dies trifft aber auf folgende, für einen Mathematiker doch recht ungewöhnliche Stelle nicht zu: Am 24. August notiert Carroll, er habe »ein bis zwei Kirchen« (im Original: »one or two churches«) besucht.

Solche Ungenauigkeiten finden sich aber etwa auch in »Dichtung und Wahrheit«, z. B. dort, wo Goethe berichtet, wie er einmal auf den Gedanken verfallen sei, einen Roman »von sechs bis sieben Geschwistern« zu erfinden, und dann zählt er sie allesamt auf: eine Schwester und sechs Brüder. Macht sieben. Aber womöglich zählt der jüngste Bruder gar nicht, einfach aus dem Grund, weil er eben der jüngste ist, oder wie Goethe ihn nennt: das »Nestquackelchen«.

Länge des Buches: > 115.000 Zeichen (?). – Ausgaben:

Lewis Carroll: Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867. Aus dem Engl. von Eleonore Frey. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Ostfildern: Edition Tertium 1997. S. 3–115 (= 113 Textseiten, einige davon mit hübschen Bildchen vollgepflastert)

Lewis Carroll: Tagebuch einer Reise nach Rußland im Jahr 1867. Aus dem Engl. von Eleonore Frey. Hrsg. von Felix Philipp Ingold. Frankfurt/M; Leipzig: Insel-Verlag 2000.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Marlene Streeruwitz

Berlin, 5. September 2012, 10:49 | von Josik

In dem berühmten »Spiegel«-Interview mit Marlene Streeruwitz (Ausg. 48/2006, S. 173) ist übrigens wirklich jeder einzelne Satz spitze: »Ich will als handelndes und denkendes Subjekt nicht auf ein sprechendes Geschlechtsorgan reduziert werden.« Oder: »Das Theater hält sich selbst nicht für kritisierbar. Das muss besprochen werden.« Oder: »Wir sind damit wieder beim Hanswurst-Theater auf dem Marktplatz, von dem Lessing einst wegwollte.« Oder: »Ich bin telefonisch erreichbar.« Oder auf die Frage: »Sie bekennen sich zur Humorlosigkeit?« die schöne Antwort: »Ja.« Ach ach, ich könnte jahrzehntelang nichts anderes tun als aus diesem herrlichen Interview zitieren!
 

Software & Erinnerung (Teil 7)

Leipzig, 1. September 2012, 19:23 | von Paco

Das Motto ist immer noch dasselbe:
»Et tout d’un coup le souvenir m’est apparu.« (Proust, Combray)

(Das Vorwort ist auch ungefähr dasselbe wie letztes und vorletztes Jahr:)

Wenn man sich bei OldVersion.com zum Beispiel die Version 4.7 des Netscape Navigators runterlädt (1999) und tatsächlich noch mal installiert (Erfahrungsbericht), oder den Firefox 0.8 (2004) oder eine alte WordPress- oder OpenOffice-Version, ist das genau das Stückchen Sandgebäck, das Proust in den Tee sinken lässt. Die schwerfälligen Knöpfe im alten OpenOffice (dessen ganzer Ruhm inzwischen sowieso an LibreOffice übergangen ist), das spartanische Look & Feel des frühen Mozilla-Browsers, die sagenhaften Verzögerungen im uralten IE – das ruft sofort eine andere Zeit in Erinnerung, siehe Motto. Und in GIMP ist nun auch nichts mehr wie vorher, denn seit Version 2.8 gibt es endlich einen Ein-Fenster-Modus – sensationell und überschriften­tauglich!

Unsere Versionsnummernlyrik, die demselben Untergenre zuzurechnen ist wie die Kassenbongedichte von Susann Körner, geht heute ins sechste Jahr (siehe 1. Sept. 2007, 1. Sept. 2008, 1. Sept. 2009, 1. Sept. 2010, 1. Sept. 2011). Unten stehen die heute aktuellen Versionsnummern und dahinter, getrennt durch einen senkrechten Strich, die Versionsnummern, die vor genau einem, zwei, drei, vier und fünf Jahren aktuell waren. Es handelt sich um Software, die wir auch damals schon benutzt haben. Neue Programme wurden nicht aufgenommen, obwohl man diese Versionsnummernpoesie auch auf Apps erweitern sollte.

Versionsnummern-Politik kann man sich etwa anhand der Versionen­geschichte des VLC media players veranschaulichen. Im Juli 2009 machte der Player einen Sprung von 0.9.9 auf 1.0, nicht auf 0.10 – das erweckte den Eindruck, als ob endlich das Betastadium verlassen und die Finalversion erreicht wurde, die übliche Benennung als Version 0.10 jedenfalls hätte nach außen hin evtl. unseriös gewirkt. An den zackigen Versionssprüngen von Google Chrome (von V13 auf V21 im letzten Jahr, ich freue mich schon auf Google V100, lange kann es ja nicht mehr dauern) hat sich auch der Firefox ein Beispiel genommen (in zwölf Monaten von V6 auf V15).

Ergänzend zu der Forderung von Frank Schirrmacher – »Die Algorith­men müssen in Narration übersetzt werden.« – rufen wir weiterhin nach einer verschriftlichten Ästhetik der Versionsnummer (wobei der Wikipedia-Artikel über Software versioning schon sehr gut ist) und, warum nicht, einem Lehrstuhl für Softwaregeschichte. Hier aber erst mal weiteres historisches Material:

(Schema)

(Name) (V-Nr. 2012) | (V-Nr. 2011) | (V-Nr. 2010) | (V-Nr. 2009) | (V-Nr. 2008) | (V-Nr. 2007)

Browser & Aufsätze

Opera 12.02 | 11.51 | 10.61 | 10.00 | 9.52 | 9.23
Firefox 15.0 | 6.0.1 | 3.6.8 | 3.5.2 | 3.0.1 | 2.0.0.6
SeaMonkey 2.12 | 2.3.2 | 2.0.6 | 1.1.17 | 1.1.11 | 1.1.4
Netscape Navigator (†) 9.0.0.6 | 9.0.0.6 | 9.0.0.6 | 9.0.0.6 | 9.0.0.6 | 9.0b3
Konqueror 4.9.0 | 4.7.0 | 4.5.0 | 4.3.0 | 4.1.0 | 3.5.7
Safari 6.0 (für Windows: 5.1.7 [7534.57.2]) | 5.1 (7534.50) | 5.0.1 (7533.17.8) | 4.0.3 (531.9.1) | 3.1.2 (525.21) | 3.0.3 (522.15.5)
Google Chrome 21.0.1180.89 | 13.0.782.218 | 5.0.375.127 | 2.0.172.43 | 0.2.149.27 [1583] | –
Amaya 11.4.4 | 11.3.1 | 11.3.1 | 11.2 | 10.0.1 | 9.55
Internet Explorer 10.0.9200.16384 | 9.0.8112.16421 | 8.0.6001.18943 | 8.0.6001.18813 | 8.0.6001.18241 | 7.0.5730.11
Maxthon 3.4.2.3000 | 3.1.6.1000 | 2.5.15.1000 | 2.5.6.350 | 2.1.4.238 | 2.0.3.4643

Server/Database/CMS

Apache 2.4.3 | 2.2.20 | 2.2.16 | 2.2.13 | 2.2.9 | 2.2.4
MySQL Community Server 5.5.27 | 5.5.15 | 5.1.50 | 5.1.37 | 5.0.67 | 5.0.45
PostgreSQL 9.1.5 | 9.0.4 | 8.4.4 | 8.4.0 | 8.3.3 | 8.2.4
MediaWiki 1.19.1 | 1.17.0 | 1.16.0 | 1.15.1 | 1.13.0 | 1.10.1
osCommerce v3.0.2 | v3.0.2 | v3.0 Alpha 5 | 3.0 Alpha 5 | 2.2 RC 2a | 2.2 RC1
Trac 0.12.3 | 0.12.2 | 0.12 | 0.11.5 | 0.11.1 | 0.10.4
WordPress 3.4.1 | 3.2.1 | 3.0.1 | 2.8.4 | 2.6.1 | 2.2.2
Typo3 4.7.4 | 4.5.5 | 4.4.2 | 4.2.8 | 4.2.1 | 4.1.2
Joomla 2.5.6 | 1.7.0 | 1.5.20 | 1.5.14 | 1.5.6 | 1.5 RC1

Clients

WinSCP 4.3.9 | 4.3.4 | 4.2.8 | 4.1.9 | 4.1.6 | 4.0.3
FileZilla 3.5.3 | 3.5.1 | 3.3.4.1 | 3.2.7.1 | 3.1.2 | 3.0.0 RC3
FireFTP 2.0.7 | 1.99.5 | 1.0.9 | 1.0.5 | 1.0.2 | 0.98
Trillian 5.2.0.12 | 5.0.0.34 | 4.2.0.22 | 4.0.0.117 | 3.1.10.0 | 3.1.7.0
mIRC 7.25 | 7.19 | 7.1 | 6.35 | 6.34 | 6.3
RapidSVN 0.12.1 | 0.12.0 | 0.12.0 | 0.10.0 | 0.9.6 | 0.9.4 / Subversion 1.7.6 | 1.6.17 | 1.6.5 | 1.6.3 | 1.5.2 | 1.4.2

Media Players

VLC media player 2.0.3 | 1.1.11 | 1.1.4 | 1.0.1 | 0.8.6i | 0.8.6c
Media Player Classic 1.6.3.5818 | (neuer Fork: Media Player Classic Home Cinema, 1.5.2.3456) | 6.4.9.1 rev 107 | 6.4.9.1 rev 104 | 6.4.9.1 rev 72 | 6.4.9.0
Songbird 2.0.0 | 1.9.3 | 1.7.3 | 1.2.0 | 0.7.0 | 0.2.5
Amarok 2.6 | 2.4.3 | 2.3.1 | 2.1.1 | 1.4.10 | 1.4.6
foobar2000 1.1.14a | 1.1.7 | 1.1 | 0.9.6.9 | 0.9.5.5 | 0.9.4.4
Winamp 5.63 | 5.621 | 5.58 | 5.56 | 5.541 | 5.35 (immer noch gut: 2.91)

Editoren/Word Processors

OpenOffice 3.4.1 | 3.3.0 | 3.2.1 | 3.1.1 | 2.4.1 | 2.2.1 (neuer Fork: LibreOffice 3.6.1 | 3.4.3)
XMLmind 5.3.0 | 4.9.1 | 4.6.1 | 4.4.0 | 4.0.0 | 3.6.1
Notepad++ 6.1.6 | 5.9.3 | 5.7 | 5.4.5 | 5.0.3 | 4.2.2
UltraEdit 18.10 | 17.20 | 16.10 | 15.10 | 14.10 | 13.10a
Kate 3.7 | 3.6 | 3.4 | 3.3.0 | 3.1 | 2.5.4
XEmacs 21.4.22 | 21.4.22 | 21.4.22 | 21.4.22 | 21.4.21 | 21.4.20
JOE 3.7 | 3.7 | 3.7 | 3.7 | 3.5 | 3.5

Coding

Perl 5.16.1 | 5.14.1 | 5.12.1 | 5.10.1 | 5.10.0 | 5.8.8
PHP 5.4.6 | 5.3.8 | 5.3.3 | 5.3.0 | 5.2.6 | 5.2.4
Python 3.2.3 | 3.2.1 | 3.1.2 | 3.1.1 | 2.5.2 | 2.5.1
GCC 4.7.1 | 4.6.1 | 4.5.1 | 4.4.1 | 4.3.2 | 4.2.1
Ruby 1.9.3 | 1.9.2 | 1.9.2 | 1.9.1 | 1.9.0 | 1.8.6
Ruby on Rails 3.2.8 | 3.1.0 | 3.0.0 | 2.3.3 | 2.1.0 | 1.2.3
JDK 7 update 6 | 6 Update 27 | 6 Update 21 | 6 Update 16 | 6 Update 7 | 6 Update 2

Gfx/Pics/Print

Photoshop CS6 | CS5 | CS5 | CS4 | CS3 | CS3
GIMP 2.8.2 | 2.6.11 | 2.6.10 | 2.6.7 | 2.4.7 | 2.2.17
IrfanView 4.33 | 4.30 | 4.27 | 4.25 | 4.20 | 4.00g
Picasa 3.9 Build 136.07 | 3.8 Build 117.43 | 3.8 Build 115.45 | 3.1.0 Build 71.43 | 2.70 Build 37.36 | 2.7.0
ImageMagick 6.7.9-2 | 6.7.2-1 | 6.6.3-8 | 6.5.5-5 | 6.4.3-6 | 6.3.5-6
Ghostscript 9.06 | 9.04 | 8.71 | 8.70 | 8.63 | 8.60

Edu

LingoPad 2.6 (360) | 2.6 (360) | 2.6 (360) | 2.6 (360) | 2.6 (360) | 2.5.1 (325)
Google Earth 6.2.2.6613 | 6.0.3.2197 | 5.2.1.1547 | 5.0.11733.9347 | 4.3.7284.3916 | 4.2.0181.2634

Distros

Kubuntu 12.04 | 11.04 | 10.04 | 9.04 | 8.04 | 7.04
OpenSUSE 12.1 | 11.4 | 11.3 | 11.1 | 11.0 | 10.2
Slackware 13.37 | 13.37 | 13.1 | 13.0 | 12.1 | 12.0

Desktop/Command Line

KDE 4.9.0 | 4.7.0 | 4.5.0 | 4.3.0 | 4.1.0 | 3.5.7
Beagle (momentan gestoppt) 0.3.9 | 0.3.9 | 0.3.9 | 0.3.9 | 0.3.8 | 0.2.18
Bash 4.2 | 4.2 | 4.1.7 | 4.0.28 | 3.2.33 | 3.2.17
 

Besuch im Serienland #7:
Die 10 besten US-Serien der Saison 2011/12

Leipzig, 28. August 2012, 01:34 | von Paco

»I told you last time it was the last time.«
(Michael Dudikoff, »American Ninja 4«)

Obwohl hier also letztes Jahr gemeldet wurde, dass es im Umblätterer vielleicht keinen jährlichen Rundown der aktuellen US-Serien-Saison mehr geben wird, geht dieser Service jetzt doch noch ins 7. Jahr. Wieder stehen da unten die arguably 10 besten TV-Serien, diesmal die der Saison 2011/12.

Ein paar Sachen fehlen natürlich, die 2. Staffel von »Portlandia« zum Beispiel war auch wieder toll, aber ich kann mich da an nichts Konkretes mehr erinnern. Oder doch, an das Ehepaar, das eigentlich auf einen Geburtstag will, dann aber noch schnell die 1. Folge von »Battlestar Galactica« kuckt (»I heard really good things about it.«), und dann immer weiter macht, Folge für Folge, Staffel für Staffel, bis die Serie zu Ende ist, und dann suchen sie den vermeintlichen Ronald D. Moore auf, der zufällig auch in Portland zu wohnen scheint. Endlich mal Titelthema: Seriensucht als fragwürdiger Zustand.

Wie auch immer, das vergangene Jahr hat mehr als bestätigt, dass das goldene Serienzeitalter vorerst vorbei ist. Es gibt im Moment keine selbstevidente Überserie (auch wenn ich wegen der anhaltenden Propaganda von allen Seiten nun doch »Game of Thrones« weiter­geschaut habe). Die gerade laufende erste Hälfte der Finalstaffel von »Breaking Bad« hätte dieses Potenzial haben können, aber da wurde die Fulminanz schon ziemlich in der vorletzten Staffel verschossen. Ich meine, eine Finalstaffel ohne Gus Fring und den Rollstuhlklingelopa – was soll das denn für eine Finalstaffel sein!

Hier sind jetzt noch schnell die Charts der letzten Jahre: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09, 2009/10, 2010/11.

Und hier die von 2011/12 (Achtung, es wird gespoilert!):

1. Curb Your Enthusiasm   (8. Staffel, HBO)
2. Breaking Bad   (4. Staffel, amc)
3. Louie   (2. Staffel, FX)
4. Boardwalk Empire   (2. Staffel, HBO)
5. Dexter   (6. Staffel, Showtime)
6. Game of Thrones   (2. Staffel, HBO)
7. Mad Men   (5. Staffel, amc)
8. Homeland   (1. Staffel, Showtime)
9. The Office   (8. Staffel, NBC)
10. Episodes   (2. Staffel, Showtime/BBC Two)

*

1. Curb Your Enthusiasm   (8. Staffel, HBO)

Nach der grandiosen 7. Staffel, der »Seinfeld«-Reunion, der besten Reunion-Show, die es jemals gab und jemals geben wird, was sollte da noch kommen? Und so wirkt Staffel 8 auf den ersten Blick ein bisschen wie Resteverwertung. Auch deshalb, weil im Gegensatz zu den Vorgängerstaffeln ein Storybogen fehlt, der sich von Folge 1 bis 10 zöge, und das Ganze etwas beliebig aussah. Aber! Diese Feststellung erweist sich spätestens beim zweiten Durchlauf als vorschnell und völlig falsch, die 8. Curb-Staffel ist wieder unübertroffen grandios. Aus sehr schön hanebüchenen Gründen (um nicht auf eine bestimmte Wohltätigkeitsveranstaltung gehen zu müssen) findet sich Larry (samt Susie und Jeff und natürlich Leon) in der zweiten Hälfte der Staffel in New York wieder, wo eine Folge lang Ricky Gervais mitspielt, und diese 6. Folge (»The Hero«) hat die wohl beste Catchphrase des Jahres gebracht, an die man sich noch lange, lange, lange erinnern wird: »Oh, and you’re right about the bread, Simmington. It is hard.« In Folge 9 (»Mister Softee«) gibt es einen Gastauftritt des Baseballstars Bill Buckner, der endlich den legendären Fehler, der ihm in der 1986 World Series unterlaufen ist, wieder gutmachen kann: Er fängt unter lautem Jubel ein Baby auf, das aus einem brennenden Haus geworfen wird und vom Sprungtuch abprallt. Am Ende der Staffel wird LD von Bürgermeister Bloomberg persönlich der Stadt verwiesen. Und weil er wieder eine Ausrede braucht, um einem diesmal von Michael J. Fox organisierten Wohltätigkeitsball ausweichen zu können, flieht er zusammen mit Leon nach Paris. Dort ergeht er sich auf Französisch in einem Streit mit einem Autofahrer, der ohne Not direkt auf einem Begrenzungsstreifen geparkt hat (»Vous êtes content avec ça ? Vous êtes un pig parker !«). Und so muss es doch sein. Da eine 9. Staffel noch nicht in Sicht ist, kann man sich solange mal das hier anschauen.


2. Breaking Bad   (4. Staffel, amc)

Wie Walt in dieser Staffel von Gus vor sich hergetrieben wird, wie er seiner Allianz mit Jessie verlustig geht, das ließ ihn wie einen albuquerquischen Raskolnikow erscheinen, der sich schon längst im »Sühne«-Teil seines Romans befindet. Überhaupt schien ihm Gus Fring, wie er bei einem Treffen unter gleißender Partysonne mit einem ekligen Trick und Jesses Hilfe seine Kartellkonkurrenten ausschaltet, langsam die Show zu stehlen. Aber dann geschieht das unerwartete Unwahrscheinliche. Immerhin bekommt Gus einen grandiosen Abgang spendiert, zupft sich noch mal den Anzug zurecht nach dem Selbstmordattentat des klingelnden Rollstuhlopas, sieht weiter tadellos aus, bis die Kamera um seinen Kopf fährt und seine weggebombte rechte Gesichtshälfte ins Bild holt. Erst dann sackt Gus in sich zusammen: Ende eines Hähnchenbraters und Drogenbosses. Und das wäre eigentlich die perfekte letzte Staffel gewesen, ich meine, dieses Finale und Walts Satz »I won!«, unvergesslich. Aber leider geht es jetzt noch weiter mit zwei abschließenden Halbstaffeln, wie damals bei »Lost«. Es fehlt ja noch der eigentlich nicht mehr allzu interessante Schluss, und mal sehen, ob Hank Schrader ein guter Porfiri Petrowitsch sein wird und seinem methkochenden Schwager auf die Schliche kommt. Das trio infernal aus Mike, Walt und Jesse ist jedenfalls nicht so der Kracher, und die zusammengestückelten Ideen, um die Serie noch am Köcheln zu halten (ich sage nur: Zugüberfall), sind ziemlich, na ja, eben zusammengestückelt, ganz zu schweigen von der unendlichen Schrecklichkeit von Mrs. White, aber gut, das war ja nie anders.


3. Louie   (2. Staffel, FX)

»Louie« hätte das Zeug dazu, zum »Seinfeld« der 2010er-Jahre zu werden (mit allerdings ein paar Dutzend Millionen Zuschauern weniger). Wie bei »Seinfeld« gibt es rahmende Stand-up-Passagen, in denen Louis C. K. sein Repertoire von unheard-of über gross bis disgusting durchnimmt. Im Kern werden aber Episoden aus dem Alltag des frisch oder unfrisch geschiedenen Comedians erzählt, der vom Typ her ein Freak ist, der sich aber wegen seiner beiden kleinen Töchter zusammenreißen muss. Mit dem Mikro auf der Bühne ist er der souveräne Grenzüberschreiter, der eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt (doch!), in den narrativen Teilen ist er trotz seiner Wurstigkeit der vielleicht doch nicht ganz unsympathische Loser. Im Moment läuft schon die 3. Staffel, aber noch mal kurz zur Staffel davor: Höhepunkte waren die Cameo-Auftritte der knapp 80-jährigen Joan Rivers (in Folge 4, am Ende wird – »ah, what the hell« – ein One-Night-Stand daraus) und von Dane Cook (Folge 7), der Showdown zwischen comic’s comic (Louie) und sell-out comedian (Cook), bei dem es um die Frage geht, ob Cook wirklich drei Witze von Louie geklaut hat oder nicht (eine ganz neue Art von Plagiarismus: joke thievery). Aber wirklich unvergleichbar und nicht von dieser Welt war die Afghanistan-Folge (Nr. 11) mit dem Entenküken. Ja, Entenküken.


4. Boardwalk Empire   (2. Staffel, HBO)

Warum ich immer noch »Boardwalk Empire« schaue? Ich weiß es nicht, es gibt da diesen Timeslot in den frühen Donnerstagmorgenstunden. Aber dass Steve Buscemi mal so nerven könnte, wer hätte das gedacht. Ihm so lange am Stück zuzusehen, hat leider den Effekt, alle seine drei Mimiken und Gesten auswendig zu kennen (wenn er zum Beispiel die Lippen aufeinanderpresst und dabei sacht die Augenbrauen hochzieht, heißt das: »nu ja«, und das ist seine Hauptgeste). Es gibt wieder die bewährten Schreckensmomente, etwa in Folge 10, wenn der neue unangenehme Player, Fleischermeister Manny Horvitz, Darmodys herrliche Frau Angela und ihre Geliebte einfach so erschießen darf. Danach (Folge 11) werden wir in Jimmys Princeton-Zeit zurückgebeamt, wir sehen, wie er und seine Mutter (Gretchen Mol) sich bravourös in Inzest versuchen, dazu gibt es Geräusche von fahrenden Zügen, und danach meldet sich Jimmy in den Krieg. Wieder zurück in den 20er-Jahren bringt er dann noch seinen leiblichen Vater, den Commodore um, Vatermord galore!, und zwar nach Aufforderung durch seine Mutter (»Finish it!«). Euripides for beginners, hehe. Ich will nicht verhehlen, dass das Staffelfinale den besten Moment der ganzen TV-Saison hervorgebracht hat, Nucky persönlich erschießt seinen erklärten Ziehsohn statt, wie erwartet, Manny Horvitz. Der ebenfalls überraschte Jimmy Darmody hat offensichtlich nie den Vorspann seiner eigenen Serie gesehen, sonst hätte er nicht auf die falschen Pferde gesetzt, sondern weiterhin auf seinen Ziehvater Nucky Thompson, denn außer diesem und seinen herrlichen Oxford Full Brogues kommt im Intro ja niemand weiter vor. Für die Drehbuchautoren sind also prinzipiell alle vogelfrei, außer eben Nucky. Und so gab es ein breaking-bad-mäßig intensives Finale in Staffel 2. Diedrich Diederichsen kuckt jetzt vielleicht auch gar nicht mehr weiter, da der seiner Meinung nach »interessanteste Charakter« kurzerhand einfach mal wegrationalisiert wurde. Vielleicht die richtige Entscheidung, wir werden sehen.


5. Dexter   (6. Staffel, Showtime)

Pünktlich zur neuen Staffel gibt es natürlich wieder seltsame Serienkiller in Miami. Diesmal ist es der Doomsday Killer, der anhand seiner Opfer christliche Botschaften verschickt, also ein bisschen wie in Finchers »Se7en«. Durch Dexters Bekanntschaft mit dem Sympathieträger Brother Sam wird übrigens die religiöse Thematik weitergetrieben, leider stirbt dieser in der Mitte der Staffel, und so muss Dexter die Absolution von jemand anderem erteilt werden, und zwar einem dementen Priester, der Dexters Geständnis, ein übler Serienmörder zu sein, schon längst vergessen hat, als er ihm im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes von all seinen Sünden absolviert, Amen. (Dexter nachdenklich: »Thank you.«) Sonst geht eigentlich alles weiter seinen Gang, insgesamt ein bisschen zu viel »Dexter«-Routine, aber wenigstens gibt es am Ende von Folge 9 einen schönen Mindfuck-Twist, als sich herausstellt, dass (Achtung, Spoiler:) Prof. Gellar schon lange tot ist und nur als Projektion von Travis fungiert, diesem harmlos aussehenden Schlaks, der aufgrund seiner sorgfältig kostümierten Mordopfer so eine Art Lady Gaga unter den Serienkillern ist. Übrigens droht der Cliffhanger des Staffelfinales, das ganze Seriengebäude zusammenkrachen zu lassen: big Anagnorisis! Debra sieht ihren Bruder den Doomsday Killer killen. Dexter: »Oh, God!«


6. Game of Thrones   (2. Staffel, HBO)

Ok, in der zweiten Staffel wird es langsam etwas unübersichtlich. Die sieben Kingdoms kriegt man noch problemlos zusammen, bei den ganzen sich immer weiter verzweigenden Familiendynastien und Beziehungsformen wird es schon schwieriger, und nicht alle der schönen Fantasienamen sind ja so unmittelbar eingängig wie die von Renly Baratheon, Daenerys Targaryen oder Xaro Xhoan Daxos. Gegen ein bisschen voraufklärerische Fantasy für zwischendurch ist ja aber nichts einzuwenden, auch wenn die sympathischste Serienfigur aller Zeiten (nämlich Eddard Stark) schon in der 1. Staffel geköpft wurde. Seine herrliche Tomboy-Tochter Arya, die für ein paar Folgen inkognito als Dienerin auf Harrenhal festgehalten wurde, ist ein würdiger Ersatz. Ihre doppelbödigen Gespräche mit Tywin Lannister gehörten zu den Highlights der 2. Staffel (übrigens eine Leistung des Drehbuchs, denn in der Buchvorlage von George R. R. Martin gibt es die nicht). Auch die abgeklärt-ironischen Kommentare eines Machtgenies wie Tyrion sind immer wieder sehr gut, weil sie das manchmal unerträgliche Pathos entschärfen. Die Storyline um die Mother of Dragons, die mit ihren fauchenden Tierchen in Qarth zwischengelandet ist, kann man diesmal als pures Zeitspiel verbuchen. Ihr ständiger Begleiter Jorah immerhin hat mit seinen todernsten Erklärungen das Zeug zum Don Draper der Serie, unvergessen seine Sätze, die mit »The Dothraki have a saying, …« begannen. Und wer sich immer schon mal gefragt hat, wie sich ein König in der Pubertät benimmt, hatte in den letzten Folgen sicher viel Freude an Joffrey Baratheon.


7. Mad Men   (5. Staffel, amc)

»He’s smiling like a fool, like he’s the first man who ever married his secretary.« Wer nach diesem Joanie-Satz vom Ende der letzten Staffel dachte, dass das jetzt mit Don und Megan eine ebenso triste Sache wird wie mit Don und Betsy, hat sich arg getäuscht, zum Glück. Der Tanz der Frankokanadierin in der initialen Doppelfolge hat es sogar in den »Spiegel« geschafft, und nicht nur Don Draper traute seinen Augen und Ohren nicht, nach der langen, langen »Mad Men«-Pause fühlt sich die Serie auf einmal sehr anders an. Die bisher fast durchsichtige January Jones muss in ihren rar gewordenen Szenen inzwischen mit Fatsuit herumlaufen – nicht die subtilste Art, um der von ihr gespielten Betsy irgendeinen neuen Drift zu geben, auch wenn das natürlich einen großen Schauwert hat! Unentbehrlicher denn je ist der prototypische Wichser Roger Sterling mit seiner Silbermähne, seine Sätze sind die am besten geschriebenen im gesamten »Mad Men«-Drehbuch. Pete macht ein bisschen auf Don Draper für Arme, seine große Stunde ist der infantile Bürofight mit Lane (Folge 5). Joan hat eine Substory im Stil von »Ein unmoralisches Angebot« abbekommen und gelangt so an Firmenanteile. In derselben Folge schmeißt Peggy bei SCDP hin und heuert bei der Konkurrenz an, sicher nur ein kurzes Intermezzo. Und Jon Hamm alias Don Draper scheint übrigens mehr und mehr an seine schauspielerischen Grenzen zu stoßen. Immer hat er diesen gleichen Old-Spice-Blick und diese immer gleiche sanft eruptive Sprechweise, was in »Mad Men« aber egal ist und eher in anderen Rollen zum Problem werden könnte. Hübsch ist diese Zahnwehgeschichte wie sie damals auch Thomas Buddenbrook erlebt hat (»It’ll go away!«), so ein Moment des Innehaltens nach Lanes Selbsmord, an dem Don eine ziemliche Mitschuld trägt. Wie übrigens Lane in fast jeder Folge immer wieder mit seinem schönen britischen Akzent nach den »christmas bonusses« fragt, das wird von dieser Staffel am stärksten im Gedächtnis bleiben, wie gruselig.


8. Homeland   (1. Staffel, Showtime)

»Homeland« erinnert ein bisschen an das gescheiterte »Rubicon«, ist aber psychologisch viel interessanter und weniger klischiert. Mindestens die ersten drei Folgen sind fulminant, die sollte und muss man eigentlich auch am Stück sehen. Nach der Hälfte der Staffel ist das einzigartige Psychospiel zwischen Sergeant Brody und Carrie »An American POW has been turned!« Mathison leider vorbei. Danach wird alles weniger subtil und auch leider etwas lächerlich. Brody soll und will sich samt dem Vizepräsidenten und Entourage in die Luft jagen, aber dann gibt es zunächst eine Ladehemmung und beim zweiten Versuch ruft dann, logisch, ganz unerwartet Brodys Tochter an und ruft ihn ins Leben zurück. Und die Bombenweste ist ja auch für später noch gut! Und ein paar weitere Staffeln soll es ja auch noch geben, so wie damals beim Serienverlängerungsklassiker »Heroes«, hehe. Allerdings: Der Trailer zu Season 2 »has shut this critic up with a moody minute-and-a-half of snippets«. Und dann habe ich gerade Taos Kritik der letzten 4 Folgen gelesen, das klingt dann doch auch besser als das, was ich hier hingeschrieben habe. Und dann sagte mir Linda neulich noch, dass nach dem Twist doch immer vor dem Twist ist, und dass Brody bestimmt noch nicht der ist, für den wir ihn im Moment halten sollen.


9. The Office   (8. Staffel, NBC)

Tja, was ist nun »The Office« ohne Michael Scott? Schon weit unspektakulärer, aber das gute an dieser 8. Staffel war das Understatement, es wurde gar nicht erst versucht, einen wie auch immer gearteten adäquaten Ersatz für Michael Scott zu finden. Zunächst ist also Andy der neue Boss. Von seinen Slapstickqualitäten und seinem Fremdschämpotenzial her sicher keine schlechte Wahl. Allerdings war der Charakter von Anfang an etwas anders angelegt, das ungerechtfertigte Bossverhalten (wie es David Brent, Michael Scott und Stromberg an den Tag legen) geht ihm ab und geht eben auch dem restlichen Cast ab. Dafür wurde jetzt ein neuer Corporate Guy installiert, der ab und zu mal vorbeischaut, Robert California, ein sehr ungeeigneter Typ, der einfach keinen Spaß macht. »The Office« ist ein bisschen wie die »Lindenstraße« geworden, kein Charakter ragt mehr heraus, der Humor ist ein bisschen weniger exklusiv. Ach so, Dwight K. Schrute (Rainn Wilson) soll demnächst einen Spin-off bei NBC bekommen, das auf der Schrute-Farm angesiedelt sein soll. Es klingt wie die schlechteste Serienidee, die jemals erdacht wurde, hehe.


10. Episodes   (2. Staffel, Showtime/BBC Two)

Leider konnte diese zweite Staffel das Niveau der ersten nicht halten. Das Beziehungsdrama von Sean und Beverly und die damit verknüpften Libidofragen kreisen um sich selbst, Matt LeBlanc ist leider immer noch kein besserer Schauspieler geworden (na gut, seine Affäre mit der blinden Jamie Lapidus ist schon nicht schlecht) und die abgrundtiefe Ekelhaftigkeit eines Mannes wie Merc Lapidus hat schon in der ersten Staffel aufgehört lustig zu sein. Meine mittlerweilige Lieblingsfigur, die in der gesamten Staffel auf kaum mehr als zwei Minuten Bildschirmpräsenz kommen dürfte, ist diese herrliche, unwirklich geniale Myra, ihres Zeichens Head of Comedy. Der Großteil ihrer Auftrittszeit geht für diese großartige Szene drauf. Diese unfassbare Stimme, dieses absichtlich gut-schlecht gespielte Unding von Charakter, wann hat man jemals so was gesehen. Ach so, das wichtigste recurring element in dieser Staffel ist Mornings Kugelschreiber mit den sich ja wirklich ganz von selbst entschlüsselnden Initialen »YCOMT«. Und auch Folge 6 ist nicht schlecht, als Matt nämlich versucht, einen seiner »Friends«-Kollegen für einen Gastauftritt bei »Pucks!« zu gewinnen und es ihm auch tatsächlich gelingt. Auftritt: Gunther, der Kellner aus dem »Central Perk«.
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 71)

sine loco, 26. August 2012, 12:30 | von Marcuccio

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Massolit, Krakau (Foto: Viktorija Aladžić)

Krakau
Das »Massolit« in der Ul. Felicjanek.

(Unter dem Namen Massolit wird in Krakau eine Kawiarnia i Czytelnia amerykanska betrieben, was natürlich schon schön genug ist, das Interieur sowieso (bei Google Images mal Massolit + Kraków eingeben), die Bestückung zum Umblättern auch (stapelweise alte Ausgaben der NYRB). Jetzt fehlt hier nur noch ein passendes Zitat aus »Meister & Margarita«, ich suche dann nachher noch eins raus. Ach so, danke fürs Foto an Viktorija Aladžić!)
 

100-Seiten-Bücher – Teil 32
Max Frisch: »Wilhelm Tell für die Schule« (1971)

Genf, 24. August 2012, 15:27 | von Baumanski

Dass die meisten Schweizer ihre Kenntnisse über die (Früh-)Geschichte ihres Landes hauptsächlich aus Legenden und aus Schillers gut zitier­barem Freiheitsdrama beziehen, daran hat sich auch im 21. Jahrhun­dert kaum etwas geändert. Verschiedene Historiker haben es aber durchaus unternommen, den Tellmythos zu demontieren, schon im Jahr 1760 etwa der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger, und 1971 eben auch Max Frisch mit seinem »Wilhelm Tell für die Schule«.

Held des knappen Hundertseiters ist der Reichsvogt Gessler, der bei Frisch »Ritter Konrad oder Grisler, immer wahrscheinlicher aber Ritter Konrad von Tillendorf« heisst: ein kopfwehgeplagter Gesandter »ohne Sinn für Landschaft«, der es kaum erwarten kann, die enge und rückständige Urschweiz wieder zu verlassen. »Obschon man sich ein Ende dieses Mittelalters nicht vorstellen« kann, versucht Ritter Konrad, die sturen Urner vom Fortschritt zu überzeugen, doch es ist zwecklos. Der Apfelschuss kommt gar nicht erst zustande und der schweigsame Jäger Tell wird am Ende zum üblen Meuchelmörder.

Den Frisch gegenüber bis heute gehegten Verdacht der Humorlosigkeit kann dieses Büchlein widerlegen, nicht ganz aber – wen wundert’s bei diesem Titel – die ihm oft zugeschriebene Oberlehrerhaftigkeit. Die Erzählung ist mit 74 unterschiedlich ernsthaften Anmerkungen ver­sehen: eine kleine historische Lektion hier, etwas Zeitkritik dort, aber in Notiz 69 immerhin auch ein Hinweis auf Zuger Fischspezialitäten!

Länge des Buches: ca. 102.000 Zeichen. – Ausgaben:

Max Frisch: Wilhelm Tell für die Schule. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1971. S. 5–96. (= 92 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Investmentliteratur

Hamburg, 22. August 2012, 13:44 | von Dique

Aus mir selbst nicht ganz klaren Gründen lese ich sehr gern Klassiker der Investmentliteratur. Die weltbekannten Highlights sind zum Beispiel Benjamin Grahams »Intelligent Investor« oder »One Up On Wall Street« von Peter Lynch. Dazu zähle ich aber auch die wunderbare Reise durch die Welt der Spekulation »Devil Take the Hindmost: A History of Financial Speculation« von Edward Chancellor.

Ein weiteres Spitzenwerk ist »Market Wizards« von Jack D. Schwager. 1988 zum ersten Mal erschienen, beinhaltet es 17 Interviews mit Top-Tradern, jedes einzelne mit einem kurzen Intro und Outro von Schwager versehen. Eine denkbar einfache Vorgehensweise, aber äußerst effektvoll und erfolgreich. Das Buch ist ein Megabestseller in seiner Klasse und wegen der Skalierbarkeit der Methode hat Jack D. Schwager einfach eine ganze Serie daraus gemacht, es erschienen noch »The New Market Wizards«, »Stock Market Wizards« und erst kürzlich »Hedge Fund Market Wizards«. Und für Sequels normalerweise unüblich, sind all diese Folgetitel genauso gut lesbar wie der erste »Market Wizard«-Kracher. Für die Investmentwelt sind diese Bücher so etwas wie Eckermanns Goethe-Buch. Ein etwas komischer Vergleich, aber er stimmt nun mal.

Es ist übrigens überraschend, dass fast alle interviewten Trader des ersten »Market Wizard«-Bandes ein Buch, noch dazu einen Roman, von 1923 als Pflichtlektüre benennen. Es handelt sich dabei um »Reminiscences of a Stock Operator« von Edwin Lefèvre. Erzählt wird die Lebensgeschichte des Traders Lawrence Livingston. Die Hauptfigur ist sehr eng an einen der ersten großen wirklichen Trader angelehnt, Jesse Livermore (»who might be considered the original day trader«). Natürlich habe ich das Buch sofort gelesen.