Autoren Archiv


100-Seiten-Bücher – Teil 168
Rosario Castellanos: »Die Tugend der Frauen von Comitán« (1964)

München, 2. Oktober 2019, 09:35 | von Josik

Allein in den letzten paar Monaten war ich bereits auf vier Beerdigungen, sodass man wohl mit Fug und Recht behaupten kann: Die nachhaltigste Investition, die ich in jüngster Zeit getätigt habe, war, dass ich mir einen schwarzen Anzug gekauft habe. Und der sitzt dermaßen tadellos, dass ich seitdem auf jeder Beerdigung der bestangezogene Gast bin. Darüber so unselfconsciously zu sprechen, hätte ich noch vor Kurzem für unschicklich gehalten, aber mein Leben hat mittlerweile eine entscheidende Wendung genommen – es teilt sich nun in die Zeit vor und in die Zeit nach der Lektüre von Rosario Castellanos’ Erzählung »Die Tugend der Frauen von Comitán«. Dort sagt nämlich der Arzt Don Carlos Román zum Priester Don Evaristo: »Wenn Sie sich vielleicht noch an ein Ereignis erinnern, das schon lange zurückliegt […], ich meine den Tod meiner Frau, werden Sie auch nicht vergessen haben, daß ich dabei gar keine schlechte Figur gemacht habe« (S. 34).

Länge des Buches: ca. 160.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Rosario Castellanos: Die Tugend der Frauen von Comitán. Erzählung. Aus dem Spanischen von Petra Strien. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1998. S. 3–114 (= 112 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 167
Aminata Sow Fall: »Die wundersame Verwandlung des Bakar Diop« (1976)

München, 1. Oktober 2019, 09:30 | von Josik

Bakar Diop ist der absolut netteste Mensch, den man sich vorstellen kann, extremst sympathisch, super Typ, wir alle lieben ihn sehr. Aber dann passiert etwas: »Bakar wurde wegen Urkundenfälschung, Betrug und der Unterschlagung einer Summe von zwölf Millionen Francs verurteilt« (S. 49), und weil er von seiner Umgebung dafür ganz schön geächtet wird, rächt er sich sozusagen mit einer unspoilerbaren Schlusspointe. Nun fragt Ihr Heuchler Euch natürlich, huch, wie konnte denn das passieren, dass ausgerechnet unser lieber Bakar betrogen, Urkunden gefälscht und zwölf Millionen Francs unterschlagen hat. Die plausible Erklärung dafür besteht aus vier Worten, die in einem langen, verschachtelten Satz auf Seite 56 versteckt sind, und weil man diese Stelle so leicht überliest, greife ich sie hier extra heraus: Bakar hat – ich zitiere die besagten vier Worte nun in voller Länge – »einer plötzlichen Schwäche nachgegeben«. Wirklich, Leute, wer von Euch noch nie zwölf Millionen Francs unterschlagen hätte, wenn die Gelegenheit günstig gewesen wäre, werfe den ersten Stein!

Länge des Buches: ca. 205.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Aminata Sow Fall: Die wundersame Verwandlung des Bakar Diop. Roman. Aus dem Französischen von Cornelia Panzacchi. Göttingen: Lamuv Verlag 1998. S. 3–137 (= 135 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 166
Maryse Condé: »Hugo der Schreckliche« (1991)

München, 30. September 2019, 10:18 | von Josik

Ok, Ihr alle kennt Iwan den Schrecklichen, aber habt Ihr denn auch schon von Hugo dem Schrecklichen gehört? Passt auf, Hugo der Schreckliche ist noch viel, viel schrecklicher, als Iwan der vergleichsweise eigentlich gar nicht soo Schreckliche es jemals war, denn Iwan war ja nur ein Mensch, Hugo hingegen ist eine Naturgewalt, er ist nämlich ein Wirbelsturm oder wie man das nennt, ein Orkan, Taifun, Monsun, Zyklon, sowas in der Art halt, ich kenn mich da mit den genauen Unterschieden jetzt nicht so aus. Hugo der Schreckliche also wird laut Wettervorhersage die Insel Guadeloupe verwüsten, und Maryse Condé, die Trägerin des alternativen Literaturnobelpreises 2018, schildert in diesem supersten Jugendbuch, wie hypercool die Félix-Emmanuels auf den dräuenden Sturm reagieren: »Man flüsterte sich zu, dass die Félix-Emmanuels, die im Haus Nr. 14 wohnten und mit niemandem sprachen, beschlossen hatten, eine Party zu Ehren Hugos zu geben« (S. 69). So now let me tell you just one more thing, you better do what you want und you start this thing! (siehe)

Länge des Buches: ca. 140.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Maryse Condé: Hugo der Schreckliche. Aus dem Französischen von Claudia Stein. Berlin: Elefanten Press 1997. S. 3–110 (= 108 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 164
Mayra Montero: »Bolero der Leidenschaft« (1991)

München, 31. Juli 2019, 16:55 | von Josik

Es ist doch eine schöne Idee, im Titel eines Romans einen bestimmten Tanz aufzuführen, der sich gleichzeitig auf den Namen der Autorin oder des Autors reimt, so wie hier »Montero / Bolero«, oder in voller Länge eben: »Mayra Montero: Bolero der Leidenschaft«. Eigentlich sollte man daraus mal ne ganze Reihe machen, z. B.: »Stephen King: Swing der Sinnlichkeit«, »Martin Walser: Salsa des Begehrens«, »Jens Balzer: Walzer der Wollust«, »Paula Fox: Discofox der Begierde« usw.

Mayra Montero ist eine kubanisch/puerto-ricanische Schriftstellerin, also gilt für sie wohl jene Devise, die einmal in der österreichischen Tageszeitung »Die Presse« zu lesen war, nämlich »dass in hispanoamerikanischer Tradition Pornografie nicht im zehnten, sondern im achten Kapitel stattzufinden hat«. Ich zählte natürlich sofort nach, und tatsächlich hat »Bolero der Leidenschaft« insgesamt acht Kapitel. Hier ist das achte auch gleichzeitig das letzte und mit nur drei Seiten sogar das kürzeste Kapitel. Aber ausgerechnet in diesem Schlusskapitel findet nun eigentlich so gut wie mehr oder weniger überhaupt gar keine Pornografie statt! Da ist man natürlich schön angeschmiert; offenbar wünscht die Autorin, dass man auch die vorhergehenden sieben Kapitel lesen soll.

Beispielsweise im zweiten Kapitel ist die Rede von einer Frau, die sich »den Rock zwischen die Beine schob und sich vor aller Augen masturbierte« (S. 32). Wahrhaftig, ich sage Euch, da steht nicht, dass sie masturbierte, sondern da steht, dass sie »sich« masturbierte! Und es ist doch wirklich skandalös, dass ein derart auf Masturbationsliteratur spezialisierter Verlag wie der Goldmann Verlag, der die deutsche Ausgabe dieses Monterobolero herausgebracht hat, nicht weiß, dass masturbieren im Deutschen kein reflexives Verb ist. Aber gut, Übersetzungsskandale passieren halt. Also, Leute, konzentriert Euch weniger auf den einen Übersetzungsfehler und mehr auf den Inhalt dieses Buchs, den wiederzugeben hier nun leider kein Platz mehr ist.

Länge des Buches: ca. 230.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Mayra Montero: Bolero der Leidenschaft. Roman. Aus dem Spanischen von Marion Lütke. München: Goldmann [1992]. S. 3–141 (= 139 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 163
Lya Luft: »Die Frau auf der Klippe« (1980)

München, 30. Juli 2019, 10:25 | von Josik

Leider kann ich kein Portugiesisch, aber wenn der Algorithmus von Google Translate mich nicht veräppelt hat, dann bedeutet »As parceiras«, wie der Originaltitel dieses ziemlich heftigen Romans lautet, übersetzt: »Die Partner«. Dass die deutsche Ausgabe den Titel »Die Frau auf der Klippe« trägt, ist schon ok, denn tatsächlich taucht am Anfang des Buches auf der Klippe eine Frau auf, und auch zwischendrin taucht sie ein paar Mal auf, und am Ende sind es eben sogar zwei Frauen auf der Klippe. Wunderlich hingegen ist das Cover der deutschen Ausgabe: Ein weißer Krug und ein schwarzer Krug stehen auf einer blauen Tischdecke mit roten Klecksen oder vielleicht auch Riesenmohnblumen. Im Roman selbst kommen weder ein weißer Krug noch ein schwarzer Krug noch eine blaue Tischdecke mit roten Klecksen oder Riesenmohnblumen vor. Wahrscheinlich soll das Bild symbolisch für irgendwas stehen, ich habe nur leider keine Ahnung, wofür.

Zum Vergleich habe ich mir im Internet die anderen Cover angekuckt, die diesem Buch etwa von brasilianischen Verlagen verpasst wurden, und war sehr überrascht, denn es ist wirklich ein bisschen irre, wie die Grafikleute sich in diesem Fall weltweit ausgetobt haben: Auf dem Cover der einen Ausgabe sind psychedelische Grünstreifen zu sehen, auf dem Cover einer anderen eine Blondine mit zwei Theatermasken, des Weiteren gibt es eine Ausgabe mit irgendwelchen ausgedachten Spielkarten auf dem Cover, und es gibt beispielsweise auch noch eine Ausgabe mit zwei Schemen vorne drauf, die gleichzeitig Schach spielen. Das alles hat mit dem Roman einfach überhaupt nichts zu tun, und es wäre interessant zu erfahren, wie es zu diesem globalen Coverpallawatsch gekommen ist.

Ich rate jedenfalls dazu, dieses Buch ganz unvoreingenommen nur ohne Cover zu lesen.

Länge des Buches: ca. 200.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Lya Luft: Die Frau auf der Klippe. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. Stuttgart: Klett-Cotta 2013. S. 3–128 (= 126 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 162
Doris Lessing: »Die Versuchung des Jack Orkney« (1972)

München, 29. Juli 2019, 12:00 | von Josik

Sicherlich das Highlight dieser Erzählung ist, wie zwanzig aktivistisch veranlagte Leute auf dem Trafalgar Square für die Hungernden in Bangladesch einen 24-stündigen Hungerstreik veranstalten.

Länge des Buches: ca. 190.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Doris Lessing: Die Versuchung des Jack Orkney. Aus dem Englischen von Adelheid Dormagen. Stuttgart: Klett-Cotta 1983. S. 3–95 (= 93 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 161
Saphia Azzeddine: »Zorngebete« (2008)

München, 26. Juli 2019, 09:15 | von Josik

Der wohl berühmteste erste Satz der Weltliteratur stammt aus Tolstojs Roman »Anna Karenina« und lautet: »Alle glücklichen Familien gleichen einander« usw. – In Saphia Azzeddines Hundertseitenroman »Zorngebete« hingegen heißt es: »Alle Busbahnhöfe des Landes gleichen einander« (S. 92). Hier ist es allerdings nicht der erste, sondern, wenn ich mich nicht verzählt habe, erst der eintausendneunhundertzwölfte Satz. Aber das macht ja nichts. Ich finde sogar, die beiden Sätze »Alle glücklichen Familien gleichen einander« und »Alle Busbahnhöfe des Landes gleichen einander« gleichen einander. Deshalb habe ich nun angefangen, eine Liste zu erstellen, aus der zu ersehen ist, welche Gemeinsamkeiten glückliche Familien einerseits und Busbahnhöfe andererseits aufweisen. Zu meiner großen Bestürzung fällt diese Liste bisher aber äußerst kurz aus.

Länge des Buches: ca. 170.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Saphia Azzeddine: Zorngebete. Roman. Aus dem Französischen von Sabine Heymann. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2013. S. 3–117 (= 115 Text­seiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 160
Joyce Carol Oates: »Schwarzes Wasser« (1992)

München, 25. Juli 2019, 16:55 | von Josik

Schon im ersten Satz, auf Seite 8, erfahren wir, dass es ein Toyota ist, der hier von der Straße abkommt, und damit wir das nicht vergessen, wird es in diesem kurzen Roman danach einfach noch weitere sechzehn Mal erwähnt: Seite 11: »Toyota«; Seite 12: »Toyota«; Seite 13: »Toyota«; Seite 16: »Toyota«; Seite 26: »Toyota«; Seite 27: »Toyota«; Seite 31: »Toyota«; Seite 33: »Toyota«; Seite 37: »Toyota«; Seite 41: »Toyota«; Seite 42: »Toyota«; Seite 45: »Toyota«; Seite 53: »Toyota«; Seite 66: »Toyota«; Seite 124: »Toyota«; Seite 135: »Toyota«. Vielleicht handelt es sich um eine Art Anti-Schleichwerbung, da es ja nun eigentlich nicht sehr für die Marke Toyota spricht, dass der am Steuer sitzende US-Senator von der Straße abkommt und in ein sumpfiges Wasser geschleudert wird. Der Senator kann dann zwar sich selber aus dem buchstäblich absaufenden Toyota retten, macht allerdings keinerlei Anstalten, seine junge Beifahrerin, die er kurz vorher auf einer Party kennengelernt hat, ebenfalls zu retten.

Dieser Roman ist based on a true story, und dementsprechend hat die Autorin Joyce Carol Oates eher wenig verändert: In Wirklichkeit ereignete sich der Vorfall 1969 (der Roman spielt etwa 20 Jahre später), in Wirklichkeit war es ein Oldsmobile 88 (kein Toyota), den der Senator fuhr, in Wirklichkeit hieß die Beifahrerin Mary Jo Kopechne und starb mit 28 Jahren (im Roman heißt sie Kelly Kelleher und stirbt mit 26 Jahren), und in Wirklichkeit hieß der Senator Edward Kennedy (im Roman heißt der Senator schlicht: »der Senator«). Mary Jo Kopechne hätte wahrscheinlich gerettet werden können, wenn Kennedy die Polizei nicht erst zehn Stunden nach dem Unfall verständigt hätte, kurz nachdem diese schon von einem zufällig auf die Leiche gestoßenen Taucher informiert worden war. Zur Strafe erhielt Kennedy, denn nichts ist unmöglich, zwei Monate auf Bewährung.

Länge des Buches: ca. 180.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Joyce Carol Oates: Schwarzes Wasser. Roman. Aus dem Amerikanischen übertragen von Rüdiger Hipp. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1993. S. 3–142 (= 140 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 159
Ding Ling: »Das Tagebuch der Sophia« (1927)

München, 24. Juli 2019, 14:30 | von Josik

Wollte man einen literarischen Abreißkalender herausbringen, so empföhle es sich, nicht jeweils ein Zitat aus 365 verschiedenen Werken zusammen­zukratzen, sondern viel sinnvoller wäre es, 365 Zitate aus einem einzigen Buch und zwar aus Ding Lings »Tagebuch der Sophia«, einer der berühmtesten Hundertseiterinnen der modernen chinesischen Literatur, herauszuspachteln. Es wäre dann auch fast egal, welche Seite man aufschlägt, superste Sprüche finden sich nämlich so gut wie überall, z. B. hier auf Seite 15: »Von mir einmal abgesehen, hat niemand für mein Verhalten Verständnis.« Oder auf Seite 17: »Ich leugne grundsätzlich die Notwendigkeit von Erklärungen.« Oder hier auf Seite 25: »Ist es nicht längst so, daß Arznei und Krankheit in überhaupt keiner Beziehung mehr zueinander stehen?«

Zugegeben, die folgende Passage eignet sich für unseren Abreißkalender allerdings nicht: »Da gibt es eine Reihe begabter Frauen, fähig, infolge geringster Enttäuschungen eine Unzahl von klassischen Gedichten im Alten und Neuen Stil zu verfassen: ›Ich bin gefühlvoll und so melancholisch‹ […]. Ich dagegen bin völlig unbegabt« (S. 79). Diese Stelle ist etwas verwirrend, denn einerseits schreibt Sophia, »Ich bin gefühlvoll und so melancholisch« sei ein Beispiel für einen klassischen Vers, andererseits beweist sie damit sozusagen performativ ihre eigene poetische Unbegabtheit, denn rein lyriktechnisch ist »Ich bin gefühlvoll und so melancholisch« natürlich ein unfassbar katastrophal grottiger Vers, es ist einfach eine unbelegte Behauptung. Als klassisches Gedicht wären diese Worte nicht einmal dann zu retten, wenn man sie im Neuen Stil weiterdichtete, zum Beispiel: »Ich bin gefühlvoll / und so melancholisch, / Ich bin voll stilvoll / und römisch-katholisch« oder so ähnlich.

Warum Ding Lings »Tagebuch der Sophia« in China nach der Erstpublikation 1927 dermaßen eingeschlagen hat, führe ich nun im Folgenden nicht weiter aus, denn ich leugne grundsätzlich die Notwendigkeit von Erklärungen, hehe.

Länge des Buches: ca. 100.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Ding Ling: Das Tagebuch der Sophia (Suofei-nüshi-de-riji). Aus dem Chinesischen übersetzt von dem Arbeitskreis Moderne Chinesische Literatur am Ostasiatischen Seminar der Freien Universität Berlin (Bernd Fischer, Anna Gerstlacher, Johanna Graefe, Renate Krieg, Wolfgang Kubin, Julia Lore Mollée, Eva Sternfeld), Redaktion: Wolfgang Kubin, Jörg Michael Nerlich. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1980. S. 5–103 (= 99 Textseiten).

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100-Seiten-Bücher – Teil 157
Tania Blixen: »Babettes Fest« (1950)

München, 10. Juni 2019, 21:55 | von Josik

Trifft der weltberühmte Pariser Opernsänger Achille Papin die norwegische Betschwester Philippa. Trifft der fesche Offizier Lorens Löwenhjelm die Betschwester Martine. Das ist nicht der Beginn zweier schlechter Witze, sondern so startet Karen Blixens Erzählung »Babettes Fest«, und diese Geschichte ist derart superst, dass der Vatikan nicht nur den oscar-prämierten Film »Babettes Fest« auf seine Liste der besonders empfehlenswerten Filme gesetzt hat, sondern dass Papst Franziskus in seinem nachsynodalen apostolischen Schreiben »Amoris laetitia« vom 19. März 2016 auch noch wörtlichstens schrieb: »Man erinnere sich an die geglückte Szene in dem Film ›Babettes Fest‹, wo die großherzige Köchin« usw.

Dass ausgerechnet der Papst »Babettes Fest« so cute findet, ist umso erstaunlicher, als die Katholen dort eigentlich voller Argwohn betrachtet werden, jedenfalls von den zwei Betschwestern. Der Ausdruck Betschwestern ist in diesem Fall genetisch zu verstehen, denn Philippa und Martine sind die Töchter eines pietistischen Sektengründers. Durch Monsieur Papins Vermittlung nehmen die beiden in einem Sister Act der Barmherzigkeit unsere Titelheldin Babette als Hauswirtschafterin in ihre Wohngemeinschaft bei sich auf, nachdem sie beim Aufstand der Pariser Kommune als Pétroleuse festgenommen worden war, aber entrinnen konnte. Pétroleuse nennt man eine Frau, die Häuser mit Petroleum in Brand steckt, und außerdem klingt es ja auch viel eleganter als z. B. Mollywerferin.

Babette lebt nun also zwölf Jahre lang in dem norwegischen Kaff und es passiert das, was in einem Zeitraum von zwölf Jahren in einem norwegischen Kaff eben passiert, nämlich gar nichts, aber plötzlich, huch, gewinnt sie in der französischen Lotterie zehntausend Francs! Da trifft es sich natürlich gut, dass zum anstehenden hundertsten Geburtstag des verstorbenen Vaters und Sektengründers eine Feier ausgerichtet werden soll, zu der eine mittelgroße Anzahl von Gemeindemitgliedern sowie eine sehr kleine Anzahl von Externen, darunter auch Löwenhjelm, eingeladen sind. Zur Vorbereitung des Menüs lässt Babette eine Unmenge von erlesensten, exquisitesten, teuersten Zutaten extra aus Paris herankarren. Wie bei Pietistenpartys üblich, geloben die Gäste allerdings schon vor der Feier einander, dass sie »an dem großen Tage unter keinen Umständen über Speis und Trank ein Wort verlauten lassen wollten« (S. 44), denn Essen ist was Irdisches, Pietisten aber sind durchgeistigt, und auch Pietisten müssen zwar essen, aber nicht übers Essen zu reden finden sie eben himmlisch.

Der einzige, der während des Festmahls aus der Reihe tanzt, ist der in der Welt herumgekommene Löwenhjelm. Er trinkt den Wein, der ihm kredenzt wird, »wandte sich an seinen Nachbarn zur Rechten und sagte: ›Aber das ist doch ein Veuve Cliquot 1860?‹ Der Angesprochene blickte ihn freundlich an, lächelte ihm zu und machte eine Bemerkung über das Wetter« (S. 61). Löwenhjelm genießt das von Babette zubereitete, wunderherrliche Hauptgericht, »wandte sich an seinen Nachbarn zur Linken und sagte zu ihm: ›Das sind doch zweifellos Cailles en Sarcophage!‹ Der Nachbar […] blickte ihn geistesabwesend an; dann nickte er zustimmend und erwiderte: ›Ja, ja, gewiß doch. Was sollte es sonst sein?‹« (S. 63). Aber es kommt noch besser: »Als ein paar Augenblicke später Trauben, Pfirsiche und frische Feigen vor ihn hingestellt wurden, sagte er lächelnd zu dem ihm gegenübersitzenden Gast: ›Schöne Weintrauben!‹ Der aber antwortete: ›Und sie kamen bis an den Bach Eskol und schnitten daselbst eine Rebe ab mit einer Weintraube und ließen sie zwei auf einem Stecken tragen.‹« (S. 64)

Tania Blixen schreibt an dieser Stelle nicht, dass dies natürlich ein Zitat aus dem Buch Numeri ist (4. Buch Mose), Kapitel 13, Vers 23. Ich fand es ja immer eine herzallerliebste Tradition bei den Evangolen, dass sie einen Bibelvers auswählen, wenn sie konfirmiert werden oder wenn sie heiraten oder wenn sie auf Weintrauben angesprochen werden. Am herzallerallerliebsten freilich fände ich, wenn auf einer evangolischen Hochzeit das Brautpaar einmal das Hohelied, Kapitel 2, Vers 5, auswählen würde und wenn die Pastorin oder der Pastor dann zu diesem schönen Bibelvers eine Predigt halten müsste: »Stärkt mich mit Traubenkuchen, erquickt mich mit Äpfeln«.

Usw.

Länge des Buches: ca. 90.000 Zeichen (dt.). – Ausgaben:

Tania Blixen: Babettes Fest. Aus dem Englischen übersetzt von W. E. Süskind. Zürich: Manesse 1989. S. 3–85 (= 84 Textseiten).

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)