Archiv des Themenkreises ›S-Zeitung‹


Der Malerdarsteller

Barcelona, 20. November 2013, 18:43 | von Dique

Lange hat man nichts von ihm gehört und jetzt hatte er einen Auftritt bei Jay Leno: George W. Bush, Nr. 43 der ewigen Bestenliste, hehe. Nach eigener Aussage ist er jetzt Maler geworden. Dazu inspiriert habe ihn ein Buch von W. Churchill, »Painting as a Pastime«.

W. Churchill war ja ein sehr berühmter Hobbymaler, ebenso wie der berühmte und deutsch-österreichische Postkartenmaler A. Hitler. Und schon im Februar hatten amerikanische Quatschmedien festgestellt, »dass Bush gar nicht so ungeschickt male für einen Amateur – besser jedenfalls als Adolf Hitler und Winston Churchill«.

Der entsprechende Dialog bei Leno geht nun so:

Leno: Now, I know you’ve taken up some hobbies, you’re painting now, you showed me some of your paintings. I was very impressed.
Bush: I am a painter.
Leno: Yeah, yeah … oh, you are a painter now!?
Bush: I mean, you may not think I’m a painter. I think I’m a painter.
Leno: Is that second on your credits, President of the United States, painter, on your resume?
Bush: It depends whether you like the painting or not.

Natürlich bin ich sofort neugierig, was wird er malen und in welchem Stil? Glücklicherweise werden gleich ein paar Beispiele eingeblendet. Sein Hund Barney ist als erstes zu sehen und dazu gibt es gleich noch die herrliche Anekdote, wie der kleine Terrier mit eigenem Wikipedia-Eintrag damals von W. Putin gedisst wurde, als dieser auf Besuch bei Bushs war.

Das nächste Motiv ist Bushs neuer Kater Bob (noch ohne Wikipedia-Eintrag) und als große Überraschung gibt es dann als Gastgeschenk noch ein Jay-Leno-Portrait. Von weitem erinnern die Bilder ziemlich an die Malerei, die normalerweise entlang von Einkaufsstraßen und auf Pariser Brücken angeboten oder verfertigt wird (grobe Pinselstriche, dicker Farbauftrag, etwas unnatürlich wirkende Farben), aber das kann täuschen.

Bei einem seiner vierjährlichen Fernsehauftritte bei Denis Scheck gestand Christian Kracht einmal, dass er eigentlich Maler habe werden wollen und nicht Schriftsteller. Sogar ein entsprechendes Studium sei er angegangen. Irgendwann habe er dann aber feststellen müssen, dass er gar kein Maler sei, sondern nur ein Malerdarsteller, also jemand, der sich kleidet wie ein Maler und sich benimmt wie ein Maler, der sich sogar Farbflecken auf seinen Overall kleckst, um die Darstellung zu perfektionieren.

Zum eigenen Leidwesen habe Christian Kracht seinen Plan irgendwann aber aufgegeben und hat uns nun als Schriftstellerdarsteller ein paar sehr schöne Romane geschenkt und jetzt sogar noch einen grandiosen Film in Gemeinschaftsproduktion mit seiner Frau.

Seiner historischen Leistung nach zu urteilen, ist auch George W. Bush also ein Malerdarsteller, und zwar ein sehr guter!
 


Im neuen Rijksmuseum

Amsterdam, 1. August 2013, 08:00 | von Paco

Ich hatte noch gut zwei Stunden Zeit, ging also kurz ins Hotel zurück, stellte am Fernseher einen Sender mit Naturgeräuschen an (myZen.tv) und erholte mich ein bisschen. Nach einer Weile ging ich auf einen Kaffee rüber ins Rijksmuseum. Ich blätterte in der »Süddeutschen«, wurde aber gleich abgelenkt, denn am Nebentisch saßen vier sehr sympathische Norddeutsche und ich folgte ihrer ruhigen, vertraulichen Gestik und verlor mich dann so ein bisschen mit schrägem Blick in der überwältigenden Helligkeit des neuen Atriums.

Nach einem schnellen Espressoschuss ging ich dann, weil ich eh grad da war, kurz hinauf in den zweiten Stock, um mir noch mal mein Lieblingsrijksmuseumsgemälde anzusehen. Es hängt in der Ehrengalerie, das heißt, man muss mehr oder weniger obligatorisch auch einen halben Blick auf Rembrandts sogenannte »Nachtwache« werfen, die immer noch so heißt, obwohl nach der Säuberung des Firnis nun relativ offensichtlich ist, dass der eigentliche Titel lauten müsste: »Gemälde mit Leuten drauf, die sich am hellichten Tag an einem relativ dunklen Ort versammeln«. Im Vorbeigehen sieht das Bild sogar ganz okay aus, und die Masse von Leuten, die sich allein wegen des zentralen Standorts dieses, wenn man ehrlich ist, nicht allzu eindrucksvollen Werks zu jeder Zeit davor versammeln, stehen jetzt jedenfalls nicht woanders, nicht da, wo ich jetzt hin will.

In einer der acht Seitenkapellen der Ehrengalerie hängen auch fünf Interieurs von Pieter de Hooch, der von zwei kichernden Teenies gerade in »Pieter the Whore« umgetauft wird, als ich daran vorbeigehe. Aber ganz in der Nähe lauert dann endlich das schönste, beste, impressivste Bild der gesamten Rijkssammlung, Jan Asselijns Schwan im preemptive-strike-Modus, und allein die pechschwarzen Kampffüße, die mit dem lichtdurchfluteten Federkleid kontrastieren, sind Gold wert:

Jan Asselijn, Der bedrohte Schwan (vor 1652) – Source: Wikimedia Commons

Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich das Bild neu sehe, aber so ein Blick auf den Kampfschwan ist auch ein Muntermacher und das Zen-TV und meine Kontemplation im Museumscafé sind vergessen und ich mache mich, wie verabredet, frisch auf zum Leidseplein, wo ich schon von weitem usw. usw.

 
(Bild: Wikimedia Commons)


Ramsmayr

Jena, 3. Juni 2013, 14:12 | von Montúfar

Das Jahrtausendspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München kam auch nicht ohne die höheren Weihen der Literatur aus. »Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt, schreibt der große Geschichtenerzähler Christoph Ransmayr.« Schreibt der SZ-Sportkorrespondent Boris Herrmann in der SZ vom 24. Mai 2013.

Passend dazu ist mir genau am Jahrtausendspielsamstag ein Buch von Jean-Paul Barbe in die Hände gefallen, das den wirklich grandiosen Titel trägt: »Events in Kuhschnappel«. Und dort ist auf dem Klappentext zu lesen, dass sich dieses Buch gegen die pessimistische Geschichtssicht des Romans »Morbus Kithara« (sic!) von »Christoph Ramsmayr« (noch mal sic!) wendet.

Nun ist Ransmayrs Vorliebe für Fiktionalitätsspielereien so bekannt, dass sich selbst Wikipedia zu der Aussage hinreißen lässt: »Ransmayr verbindet in seiner Prosa historische Tatsachen mit Fiktionen.« Das könnte genauso im Wikipedia-Artikel über Jean-Paul Barbe stehen, denn dieser spinnt in »Events in Kuhschnappel« genauso wie Ransmayr in »Morbus Kitahara« die historische Eventualität fort, der Morgenthau-Plan sei nach 1945 in Deutschland tatsächlich durchgeführt worden.

Doch was bei Ransmayr eine Geschichte hoffnungslosen Verfalls ist, wird bei Barbe zur lustigen Kuhschnappelei. Diese in einen Klappentext zu verpacken, in dem von einem fiktiven Autor Christoph Ramsmayr mit seinem fiktiven Roman »Morbus Kithara« die Rede ist, würde einem echten Christoph Ransmayr möglicherweise gefallen. Also hoffentlich sind das nicht nur Tippfehler!

Ansonsten lässt sich über »Events in Kuhschnappel« nicht viel sagen, da das Buch mit 154 Seiten beim besten Willen zu lang ist für eine Aufnahme in unseren Hundertseiter-Kanon. Im Roman selbst wird wegen Papiermangels und fehlender Druckerpressen zwar eine Literaturinitiative gestartet: »›Fass dich kurz! Genius, auch du!‹ war die Parole.« (S. 76) Doch für diesen hinterhältigen Literaturverstüm­melungsversuch der Alliierten lassen sich glücklicherweise weder Ernst Wiechert noch Carl Zuckmayer vor den Karren spannen:

Jenen versucht ein US-General im Münchner Hauptquartier der Alliierten zu überreden, ihren Morgenthau-Plan dem deutschen Volk schmackhaft zu machen, schließlich habe er ja in seiner »Rede an die deutsche Jugend« ebendiese aufgefordert, gemeinsam am Pflug zu ziehen. Wiechert muss den US-General jedoch korrigieren: »Das viele Pflügen dort ist doch metaphorisch zu verstehen.« (S. 81)

In Wiecherts tatsächlich am 11. November 1945 in München gehaltenen und u. a. 1947 in einem Sonderdruck des Aufbau-Verlags erschienenen »Rede an die deutsche Jugend« heißt es: »Und waren sie auch nur zu zweien und zu dreien, so zerbrach doch die schreckliche Mauer der Einsamkeit, und sie sahen einen neuen Anfang, einen neuen Pflug, eine neue Erde, und sie glaubten, daß sie schon zu zweien stark genug wären, um diesen Pflug durch die blutigen Trümmer zu ziehen und eine neue Saat in die schrecklichen Furchen zu werfen.« (S. 19f.)

Das ist in der Tat metaphorisch gemeint, und der fiktive Wiechert lehnt eine zweite Tasse Kaffee ab und verlässt wortlos das Haus, anstatt dem literaturfernen General einmal den Kopf zu waschen. Denn schon der reale Wiechert sagte ja in seiner Rede: »[A]ber wer unter uns wollte es wagen, ein Richter über den Irrtum zu sein?« (S. 25)
 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2012

Leipzig, 8. Januar 2013, 04:25 | von Paco

Maulwurf’s in the house again! Heute zum *achten* Mal seit 2005. Der Goldene Maulwurf 2012:

Der Goldene Maulwurf

Die Nummer 1 herauszudiskutieren, war dieses Jahr nicht schwer, einhellig fiel die Wahl auf Volker Weidermanns endgültige Erledigung des herumdichtenden Grass.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier nun also die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2012:

1. Volker Weidermann (FAS)
2. Jens-Christian Rabe (SZ)
3. Christian Thielemann u. a. (Zeit)
4. Olivier Guez (FAZ)
5. Ulrich Schmid (NZZ)
6. Mara Delius (Welt)
7. Kathrin Passig (SZ)
8. David Axmann (Wiener Zeitung)
9. Friederike Haupt (FAS)
10. Thomas Winkler (taz)

Auf der Seite mit den Jurybegründungen sind neben den Links stets auch die Seitenzahlen angegeben, wie immer waren natürlich die Printversionen der Artikel maßgeblich für die Entscheidungen der Jury.

Außerhalb der Top-3 gab es übrigens ziemliche Rangeleien. Handke zum Beispiel konnte letztlich wie so oft nicht genügend Stimmen auf sich vereinen, deshalb müssen wir ihm für den Feuilletonsatz des Jahres (»Ein Wortspiel pro Text ist erlaubt.«) separat gratulieren.

Hinweise auf feuilletonistische Supertexte des laufenden Jahres 2013 bitte an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Bis nächstes Jahr,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


Strandlektüre

Jena, 21. Dezember 2012, 08:51 | von Montúfar

Meine Strandlektüre in diesem Jahr war Madame de Staëls »Über Deutschland«, und ich kann sagen, dass dieses Buch als Strandbuch völlig ungeeignet ist. Denn schon an Tag zwei meines Urlaubs löste sich in der salzig-sandigen Meeresbrise die Leimung meiner Paper­backausgabe. Ich hatte von nun an sehr darauf zu achten, dass besagte Brise mir nicht die hellsichtigen Betrachtungen Frau Staëls davontrug.

Da war zum Beispiel zu lesen: Die deutsche »Überlegenheit besteht in der Unabhängigkeit des Geistes, in der Liebe zur Zurückgezogenheit, in einer eigentümlichen Originalität.« Ich blickte über meinen Interpretationssache gewordenen Buchrand auf meine Landsleute hier an der Playa del Inglés und konnte nicht anders als dieser trefflichen Beobachtung vollkommen beipflichten. Doch weil die Form nun einmal den Inhalt von Literatur mitbestimmt, war ich gezwungen, meine Strandlektüre abzubrechen, die Meerluft setzte dem Buch zu arg zu.

Französische Literatur hat es eben in Deutschland noch nie einfach gehabt. Das zeigte sich erst neulich wieder in einem SZ-Artikel (Ausgabe vom 13. November 2012, S. 11), in dem sich Joseph Hani­mann fragt, warum in der zeitgenössischen französischen Literatur vor allem der Erste Weltkrieg immer noch eine so große Rolle spielt. Dass das hierzulande verwundert, liegt auf der Hand. Schließlich schrieb schon Madame de Staël: »Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun.«

In der meerfernen Vorweihnachtszeit konnte ich dieses Buch nun problemlos weiterlesen.
 


Handke-Landschaften in Karlsruhe:
Kling, Chaville, klingelingeling

Konstanz, 4. Dezember 2012, 19:00 | von Marcuccio

Die Feuilletons hatten sich zum Soundcheck verabredet:

Tilman Krause (Welt): »Diese Bilder muss man hören.«

Andreas Kilb (FAS): »Er hat der Landschaft einen Klang gegeben.«

Volker Bauermeister (Badische Zeitung): »Selbst Ziegen sieht er tanzen.«

Willibald Sauerländer (SZ): »… in einer behutsamen, man möchte sagen kammermusikalischen Ausstellung.«

Heute zog dann sogar noch die NZZ nach und berichtet über Camille Corot »mit seinen klangvoll nachhallenden Landschaften«.

Karlsruhe zeigt ja gerade die erste Retrospektive hierzulande. Ich war in der Ausstellung und habe außer zwei vollverkabelten Rentnern im Audioguide-Synchronrundgang jetzt eher wenig Sound im Wortsinn erlebt. Die Hörstation mit den Melodien von Gluck war nämlich dauerbesetzt, wahrscheinlich weil schon zu viele Kritiker geschrieben haben: »intensiv schaut man wohl nur, wenn man sich gleichzeitig dem Hören hingibt«.

Hörverhindert schlug ich mich dann auf die Seite von Sauerländer (SZ): »Corot hat die Stille, den Frieden, die Einsamkeit der französischen Provinzlandschaft entdeckt«. Das klang für mich plötzlich nur noch nach Peter Handke, zumal ein Corot-Bild »La Petite Chaville« heißt: Chaville neben Corots Heimat Ville-d’Avray war 1825 petite.

Sigrid Löffler gab mal zu Protokoll, Handke lebe vor den Toren von Paris ja wirklich »so bukolisch, wie es sich Handke-Verächter zur Bestätigung ihrer hämischsten Ressentiments nur vorstellen können« (vgl. ihre Rezension zur »Niemandsbucht« 1994). Ja, wie konsequent, dass in der Gegend der Corot-Bäume und Bäche heute Handkes »Felsenbienen« summen. Und mit Handkes Blick auf »Birken, die sich als erstes belaubt haben«, landet man unweigerlich bei der Frage, die Andreas Kilb vor diesem Corot-Bild stellt: »Wer weiß, wovon die Waldwege träumen?«

Es kann kulturtopografisch nur eine Antwort geben: Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Hiesige Pilze soll er sammeln. Vor dem Lärm der Laubbläser-Nachbarn soll er hierher fliehen. Davon träumen die Waldwege bei Corot. Die Karlsruher Ausstellung ist so gesehen auch ein grandioser Versuch über den stillen Ort.
 


Anlässlich der FAS vom 2. Dezember 2012:
Die extrem tolle deutsche Zeitungslandschaft

Chemnitz, 3. Dezember 2012, 00:16 | von Paco

Gegen 15 Uhr erwachte ich endlich aus tiefem Schlaf und hatte sofort extreme Lust darauf, die FAS zu lesen. Eine Stunde später saß ich im Michaelis und tat genau das. Das heutige Feuilleton war wieder mal gehobenste Spitzenklasse. Das fängt schon bei den Kolumnen an. Tobias Rüther (in Absprache mit Angus T. Jones) über »Two and a Half Men«: »Die Show ist wirklich der letzte Dreck.« Und Johanna Adorján mit einer erfahrungsgesättigten These zu Fahrradhelmen: »Beim Anblick von Fahrradfahrern, die einen Helm aufhaben, ergreift mich mittlerweile die nackte Angst. Sie ist nicht angeboren, sondern in zahlreichen Zweikampfsituationen qualvoll erlernt. Wer, sagen wir, älter als zwölf Jahre ist und sich zum Fahrradfahren einen Helm aufsetzt, fährt nämlich unfassbar schlecht Fahrrad. Ist so.«

Dabei dachte ich zunächst, ich hätte die falsche Zeitung und das falsche Jahrzehnt erwischt, denn in der Fußzeile der Feuilleton-Frontpage stand etwas von »Call of Duty 2«, das ja aber schon zu Weihnachten 2005 erschienen war. Es handelte sich aber eindeutig um die heutige Ausgabe, 2. Dezember 2012, also dachte ich als nächstes: ein Retro-Review? Warum nicht! Warum nicht einfach mal Bücher, Filme, Ego-Shooter besprechen, die schon vor sieben Jahren erschienen sind: sehr gute Idee! Dann ging es aber im Artikel selber natürlich um »CoD: Black Ops 2«, was der Beauftragte für die Gestaltung der Ankündigungsfußzeilen vergessen hatte zu erwähnen.

Die Rezension von Gregor Quack ist jedenfalls hervorragend, und zwar weil er gleichzeitig die momentane Unmöglichkeit mitkommuni­ziert, über einen so bombastisch inszenierten Ego-Shooter überhaupt urteilen zu können. Die Videospielbranche bräuchte genau jetzt einen IT-Lessing, der analog zur »Hamburgischen Dramaturgie« erst mal rausfindet, wie man über so eine ästhetische Revolution überhaupt angemessen schreiben kann: »Es gehört eigentlich zu den Aufgaben der Kulturkritik, hierfür das passende ästhetische Besteck zu schmieden. Und wir fangen auch damit an. Versprochen.«

Dann schreibt noch Volker Weidermann über 70 Jahre Peter Handke. Erst mal vermerkt er seine Freude darüber, dass Handkes »Jugosla­wien-Phase« vorbei sei und er nun wieder leise, filigrane Bücher wie den »Versuch über den Stillen Ort« schreibe. (Wobei sich ja mit wachsendem zeitlichen Abstand komischerweise irgendwie der Eindruck verstärkt, dass Handke das Scharmützel gegen die Jugoslawien- und Serbienfeinde damals haushoch gewonnen hat.) Anhand des frisch erschienenen Briefwechsels zwischen Handke und Unseld macht Weidermann übrigens die interessante Beobachtung, dass sich Unseld bei der Korrespondenz mit seinen Autoren (Koeppen, Frisch, Bernhard usw.) so lange runterputzen lässt, »bis es ihm irgendwann einmal reicht. Und zwar, so mein Eindruck – reichte es Unseld bei jedem seiner Autoren, die allesamt ihm gegenüber das Sozialverhalten von ungefähr Fünfjährigen an den Tag legten – genau einmal. Einmal im Leben schimpft er zurück.« Diese seltenen Unseld’schen Rückschimpf­briefe sollten unbedingt in einer bibliophilen Einzeledition erscheinen!

Im Medienressort ist noch ein Interview von Harald Staun mit Christoph Amend und Timm Klotzek zu lesen. Es geht da um die jeweils nächste Ausgabe des »Zeit«- und des »SZ«-Magazins, die nämlich beide das Titelthema »Konkurrenz« haben werden, und warum auch nicht.

Als ich fertig war mit Minztee, Stachelbeerbaiser und FAS, traf ich mich noch mit ein paar Leuten auf dem Weihnachtsmarkt. Irgendjemand berichtete, dass er nun endlich das Thielemann-Interview in der »Zeit« von neulich gelesen habe. Sofort zitierten alle ihre Lieblings­stellen, denn dieses Interview ist wohl das Feuilletonereignis des Jahres gewesen, so so geil, es ist wirklich immer noch nicht zu fassen, dass dieser Text gewordene Feuilletontraum tatsächlich gedruckt in einer Zeitung gestanden hat.

Als ich später nach Hause schlenderte, fiel mir ein, wie extrem toll es doch derzeit um die deutsche Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft bestellt ist, und als ich dann zu Hause war, rief Dique an und fragte, ob ich den genialen »Spiegel« von morgen schon gelesen habe. Hatte ich da noch nicht, habe ich inzwischen aber nachgeholt: wunderbar!
 


100-Seiten-Bücher – Teil 26
Peter Handke: »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« (1996)

Berlin, 27. Juni 2012, 13:43 | von Josik

Als Peter Handke diesen Text im Januar 1996 in der S-Zeitung veröffentlichte, löste er damit einen der größten Skandale in der Geschichte der Weltliteratur aus. Noch fast zehn Jahre später hat Elfriede Jelinek vermutet, dass Handke den Nobelpreis wohl nur deshalb nicht kriegt, weil er immer »wieder irgendwelche Blödheiten über Serbien äussert«.

Andere hingegen loben Handke für seinen unbestechlichen Blick aufs Detail, aufs Unscheinbare, dem sich dann umso tiefere Erkenntnisse verdanken würden, und tatsächlich: Man staunt nicht schlecht, wenn Handke während seiner Winterreise einen Supermarkt neben »dem einheimischen Delo, der Tageszeitung aus Ljubljana, das deutsche Bild« (S. 110) vorrätig haben lässt, im Neutrum!: das deutsche Bild, obwohl doch ausnahmslos jeder andere Mensch sonst sagt: die Bild. Handke aber besteht da erfreulicherweise auf dem korrekten Genus, und man kann sicher sein, dass er grammatikalisch präzise auch ›der König der Biere‹ sagen würde.

Andererseits, so weit kann’s mit dem Blick aufs Detail bei Handke dann auch wieder nicht her sein, der Hitler-Attentäter Georg Elser wird von Handke furchtbarerweise und auch in der 3. Auflage des Buches noch unkorrigiert »Georg Elsner« (S. 38) genannt, und in einem Satz, der so beginnt: »Was war das etwa für ein Journalismus, wie etwa« (S. 123), hätte Handke ruhig ein ›etwa‹ weglassen können.

Auf Seite 42 übrigens stößt Handke in einer Zeitung auf ein »Folge­photo«, das erinnerte mich daran, dass ich neulich in irgendeinem Museumsbericht das Wort »Folgesaal« gelesen und mich gleich maßlos über diesen vermeintlichen Quatsch-Neologismus aufgeregt habe, aber wenn selbst der von Jelinek als »lebender Klassiker« titulierte Handke das Wort »Folgephoto« benutzt, dann ist natürlich auch das Wort »Folgesaal« völlig o.k.

Länge des Buches: ca. 130.000 Zeichen. – Ausgaben:

Peter Handke: Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. 3. Aufl. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1996. S. 3–135 (= 133 Textseiten)

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)


McCartney 70

Hamburg, 18. Juni 2012, 13:34 | von Maltus

Im SZ-Feuilleton vom Wochenende bezeichnet Jens-Christian Rabe den Ex-Beatle Paul McCartney als »einen der seltenen Stars, die würdevoll alt werden, weil sie wissen, dass sie ein Erbe verwalten, das längst viel größer ist als sie selbst«. Es ist ja immer unfair gewesen, seinen Weggefährten John Lennon gegen ihn auszuspielen. Lennon der coole Revoluzzer, McCartney der Softie mit den weichen Melodien. Lennon bewahrte die Gnade des frühen Todes vor den Rufschäden des Rockstar-Rentnertums.

Vor drei Jahren besuchte ich in Hamburg ein Konzert. Der Beginn war für 20 Uhr angekündigt, aber in der Zeitung stand schon, daß es erst um 21 Uhr losgehen würde. Das hatten wohl nicht alle gelesen, denn als er um 21 Uhr auf die Bühne kam, wurde der verdutzte Macca erstmal reichlich unhanseatisch mit Buhrufen und Pfiffen begrüßt. Doch zum Fremdschämen blieb schon deshalb keine Zeit, weil McCartney die Pfiffe großzügig ignorierte, »Hummel Hummel, Mors Mors« in die Halle rief und dann den Leuten in einer dreistündigen Show alles gab, was sie wollten.

Und als McCartney seine alten Hits sang, war das genau so, wie Rabe es am Wochenende in der SZ beschrieb: nicht als schlaffe Reminiszenz an vergangene Größe, sondern: »Sir Paul McCartney grinst kurz – und dann singt er den Song so ernsthaft, akkurat, brillant, frisch und groß wie die schönsten Erinnerungen, die man mit der halben Welt teilt, bitte sehr zu sein haben: Naa – na, na, na-na-na-naaa – na-na-na-naaa – hey Jude!«

Das letzte Mal habe ich »Hey Jude« in Nordkorea gehört. Man führte mich in die Große Studienhalle des Volkes in Pjöngjang, in einen Raum mit lauter Ghettoblastern. Dann drückte einer der Nordkoreaner auf »Play« und alle sangen mit: »And anytime you feel the pain, hey Jude, refrain, / Don’t carry the world upon your shoulders«. Er gehört tat­sächlich der ganzen Welt.
 


Acht mal acht

Leipzig, 12. April 2012, 13:10 | von Paco

Letzten Sonntag stieg ich also in den ICE, um von Dresden zurück nach Leipzig zu fahren. Ich hatte einen Schokoladenosterhasen und die FAS dabei. Zuerst las ich voller Begeisterung das sehr schöne Inter­view, das Volker Weidermann mit Marcel Reich-Ranicki geführt hat (S. 19). Während ich aber auf die nächste Seite umblätterte, hörte ich plötzlich etwas, das mir die ganze restliche Reise verdarb.

Und zwar saßen in der Reihe links neben mir ein Vater und sein Sohn. Der Junge war mehr oder weniger im Grundschulalter und fragte seinen Vater einfach mal so, wie viel acht mal acht sei. Und der Vater gab ihm freundlich und überzeugend die Antwort:

»Zweiundsechzig.«

Der Junge war zufrieden, er blätterte weiter in seinem Bilderbuch und murmelte leise vor sich hin. Natürlich hatte ich noch mal nachgerech­net, acht mal acht ist vierundsechzig, da war ich mir trotz kurzer Verunsicherung wieder ziemlich sicher. Mit einer Mitreisenden schräg gegenüber gab es einen kurzen Blickkontakt, denn auch sie hatte aufgehorcht und aufgeschaut, als der Vater sein Verbrechen gegen die Mathematik beging, aber dann hatte sie einfach weiter in der »taz« gelesen, als ob nichts geschehen wäre.

Mir dagegen stellte sich nun die Dr.-Dr.-Erlinger-Frage, ob ich den Vater korrigieren sollte, hier vor versammelter Mannschaft im ICE. So was geht natürlich aus verschiedenen guten Gründen eigentlich nicht, niemals, das ist vielleicht das Furchtbarste, was man so machen kann, fremde Eltern fremder Kinder vor einem Haufen fremder Menschen inhaltlich zu korrigieren.

Trotzdem konnte ich mich kaum konzentrieren, als ich dann angestrengt versuchte, weiter in der FAS zu lesen. Während der Schokohase unangetastet auf dem Nebensitz hockte, steigerte ich mich immer weiter in meine Weltrettungsidee hinein. Mittlerweile war eine Stunde verstrichen, ich konnte jetzt unmöglich noch an vorhin anknüpfen, war aber immer überzeugter davon, dass ich es dennoch tun muss, auch wenn es mir absolut zuwider war. Und deshalb freute ich mich wie nie zuvor, als per Durchsage die baldige Ankunft in Leipzig angekündigt wurde.

In diesem Moment hörte ich den Jungen wieder etwas fragen, wieder das Einmaleins betreffend, diesmal ging es ihm um sieben mal neun. »Papi, wie viel ist sieben mal neun?« Und während ich den Vater in Zeitlupe den Mund öffnen sah, hatte ich die FAS zusammengeschlagen, hatte mir den Schokohasen geschnappt, war vom Sitz hochgesprungen und rannte den Gang runter. Ich wollte auf gar keinen Fall auch noch wissen, wie viel sieben mal neun ist.