Monatsarchiv für März 2010


Lost: 6. Staffel, 6. Folge

Paris, 4. März 2010, 09:21 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »Sundown«
Episode Number: 6.06 (#108)
First Aired: March 2, 2010 (Tuesday)
Deutscher Titel: »Bei Sonnenuntergang« (EA 21. 4. 2010)
Umblätterers Episodenführer (Staffeln 4, 5 und 6)

Okay, das könnte alles doch noch irgendwie funktionieren. Fake-Locke wird systematisch zum mephistophelischen Verführungskünstler aufgebaut. Er sucht, als schwarzer Rauch verkleidet, den Temple heim und rekrutiert sich weiter sein Team zusammen. Die Geschichte in der Nicht-Absturz-Welt (a.k.a. flash-sideways) ist dagegen wieder dröge wie nur was, es geht um Sayid und seine Verflossene.

1. – Insel-Plot

Jetzt aber! Sayid will Antworten von Dogen, der in seiner Privatkammer hockt und ein Buch liest (hoffentlich was Lustiges, es wird seine letzte Lektüre sein). Reichlich grundlos folgt eine Kampfszene, die beiden schmeißen sich gegenseitig durch den dunklen Raum. Irgendwann fällt der Baseball, mit dem Dogen in der vorvorletzten Folge schon gespielt hatte, auf den Boden, von der »Lost«-Kamera signalartig inszeniert. Alea iacta est, so scheint es, und der japanische Tempelmensch raunt seinem irakischen Sparringspartner verschwörerisch zu: »Go! Leave this place! Never come back!«

Inzwischen sind Claire und ihr Kumpel Fake-Locke am idyllischen Tempelteich angekommen. Claire informiert Dogen darüber, dass »er« ihn sehen wolle. Und auf einmal soll Sayid doch bleiben, verkündet durch den wieder mal typisch überinszenierten Satz von Dogen: »Things have changed.« Jedenfalls sei der Typ, der mit Claire jetzt hier hergekommen sei, »evil incarnate« und wolle jetzt, da Jacob krepiert ist, alles Leben auf der Insel vernichten.

Es geht weiter mit klischiertem Unsinn: Sayid soll nun einfach mal so diesen allegorischen Brausepöter mit einer Art Stilett umbringen gehen. Wichtige Info: Er soll sein Opfer nicht zum Sprechen lassen kommen, dann sei es schon zu spät. Sayid trifft dann kurz noch auf Kate, die beiden gehen aber in verschiedene Richtungen weiter, Kate zum Tempel, wo Claire wartet, das »Australian chick, (…) acting all weird, still hot, though« (Miles).

Sayid trifft dann auch wirklich gleich den gefakten Locke, der schafft es aber problemlos, »Hello, Sayid!« zu sagen, und zieht dann das Stilett einfach wieder aus seinem Leib: »Now why did you go and do that?!« Sayid lässt sich dann mehr oder weniger von Fake-Locke rekrutieren, Mephistopheles at work: »What if I told you that you could have anything you wanted?«

Sayid singt das Lied verlorener Liebe, aber selbst im Falle der dahingestorbenen Nadia ist das letzte Wort vielleicht noch nicht gesprochen, so jedenfalls der geschickte Verführer, und überhaupt ist ja die »Lost«-Insel mit ihren Auferstehungserscheinungen so was wie ein Friedhof der Kuscheltiere.

Doppelagent Sayid soll nun alle Tempelbewohner von ihrer Heimstatt weglocken, damit sie geschlossen die Insel verlassen können. Entscheidung bitte bis Sonnenuntergang, sonst werden sie alle jämmerlich verrecken. Die Nachricht wird überbracht, ordnungsgemäß bricht Panik aus.

Nun ist es erst mal an Dogen, Sayid eine anrührende Geschichte zu erzählen. Sein Sohn sei nach einem Unfall in Lebensgefahr gewesen, aber ein Unbekannter, Jacob nämlich, habe ihn retten wollen unter der Bedingung, dass Dogen zur Insel komme und seinen Sohn niemals wiedersehe. Aber Sayid ist natürlich kalt gegen so ein gefühliges Geschwurbel und ertränkt Dogen kurzerhand. Dessen windiger und an Nervigkeit schwer zu überbietender Übersetzer, der »Holzperlenketten­hippie«, eilt zur Hilfe und wird auch abgemurkst. (Vielen Dank, Sayid!)

Es ist dunkel geworden. Sundown. Wie zu erwarten besucht nun das vor Lust quiekende Rauchmonster den Temple und zieht einen nach dem anderen aus dem Verkehr. Gleichzeitig trifft aber auch die mehr oder weniger Jacob-treue Strandtruppe ein: Ilana, Chopper-Frank, Ben und Sun. Ilana, Spitzname ab jetzt: Lara Croft, öffnet durch das Berühren eines bestimmten Steins einen geheimen Gang, wohinein ihr die anderen nachfolgen und so dem Rauchmonster knapp entrinnen.

Sayid sehen wir das Schlachtfeld abwandern, Leichen überall, dazu fast weihnachtlich anmutende Musik. Kate, die sich zu Claire in die Grube geflüchtet hatte, wird nun von dieser mit nach draußen gezogen. Dort wartet Fake-Locke mit einem guten Dutzend von überlebenden Temple-Others, die auf seine Seite gewechselt sind. Diese Szene ist so unheimlich und endlich wieder mal exciting wie eine ähnliche Situation in Folge 2.11 (»The Hunting Party«), als um die Lostianer herum aus dem nächtlichen Nichts heraus plötzlich dutzende Others-Fackeln aufleuchten.

2. – L.A.-Plot (Sayid)

Sayid hat sich fein gemacht, Besuch bei Nadia, seiner Traumfrau. Aber dann springen da Kinder herum und reden den Ankömmling mit »Uncle Sayid« an, und dann kreuzt Nadias Ehemann auf, der nun also nicht Sayid ist, sondern dessen Bruder Omar. Ein Businesstyp, der in finanziellen Nöten steckt, wie er Sayid schnell offenbart. Er habe sich Geld von einem Mann geborgt, das inzwischen auch zurückgezahlt wurde, aber jetzt wolle der Geldgeber jeden Monat frische Zinsen. Foltermeister Sayid soll nun »convince these people to leave me alone«.

Omar landet bald im Krankenhaus, Sayid kümmert sich um die Kinder, die den sympathischen Ex-Folterer abgöttisch zu lieben scheinen. Es gibt ein »Why?!«-Gespräch zwischen Nadia und Sayid, er habe sie damals verlassen weil (der Klassiker!): »Because I don’t deserve you!«

Später erscheinen Männer in einem schwarzen SUV und nehmen Sayid darin mit. In einer düsteren Großküche wartet Keamy auf sie, der ja eigentlich am Ende der 4. Staffel von Richard abgestochen wurde. Nun brät er in der Parallelwelt fröhlich wie Mutter Beimer ein paar Eier und bietet sie Sayid an, »I make good eggs!«

Wie bei Ethan vor zwei Folgen ist auch dies ein interessanter Charakterwechsel, der aber nicht lange für was gut ist. Denn erst macht Sayid die beiden Bodyguards klar, Keamy will daraufhin beschwichtigen, aber Sayid erschießt auch ihn, so eiskalt wie Keamy damals in Folge 4.09 Alex hingerichtet hat.

Und dann, uff!, entdeckt Sayid im Kühlraum eine Inselbekanntschaft, und zwar Jin, der auf Koreanisch vor sich hin flucht.


Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

Hamburg, 2. März 2010, 21:35 | von Dique

Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

»I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

(Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])


Kulinarische Literaturkritik

Konstanz, 1. März 2010, 08:15 | von Marcuccio

Auch schon vor Jürgen Dollase gab es sensationelle Geschmacks­erlebnisse im Feuilleton. Darauf weist Michaela Köhler hin, in ihrer jetzt nicht neuen, aber immer noch einzigartigen Arbeit zur Sprache der Literaturkritik. Ihr Thema u. a.: die »Tradition der Synästhesien von Geschmacksempfindung und Literatur«, also die »Anwendung des Begriffs Geschmack nicht nur auf die Wahrnehmung von Essen und Trinken, sondern auch von ästhetischen Objekten«.

Hier mal für zwischendurch einige Gaumen-Hits des Literaturjahres 1988. Cocktails, Longdrinks, Feinschmeckersuppen. Festmähler, Braten und Pralinen:

  • »Der Roman-Cocktail, mit Krimi- und Gesellschaftssatire-Sätzen aufge­peppt, mundet nicht (…)« (Walter Klier über Karin Scholten, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »Gegen dieses von Gerd-Peter Eigner vor drei Jahren ausgeschenkte hochprozentige Sprachelixier ist das Nachfolgeprodukt, ist ›Mitten entzwei‹ wohl eher ein Longdrink.« (Ulrich Horstmann über Gerd-Peter Eigner, in: Die Zeit, 19. 8. 1988)
  • »Mir schmeckt diese Suppe. In den Gebräuchen des ästhetischen Nihilis­mus ein braves Eintopfgericht. Ihr gleichwohl unleugbarer Mangel an literarischer Delikatesse (…).« (Karl Heinz Kramberg über Werner Kofler, in: SZ, 10. 2. 1988)
  • »Der ›Anhang‹: Ein Meisterstück. Ein Festmahl des Geistes mit immer­grünen ewigfrischen Zutaten. Biß für Biß ein Genuß.« (Andreas Kilb über Ulla Hahn, in: Die Zeit, 25. 3. 1988)
  • »›Barbarswila‹ ist ein epischer Brocken, wie er nicht alle Tage auf den Tisch kommt, ein deftiges, dampfendes Stück Literatur« (Jürgen Jacobs über Gerold Späth, in: FAZ, 10. 9. 1988)
  • »eine schweizerische Prosapraline erster Wahl« (Friedhelm Rathjen über Jürg Laederach, in: SZ, 15. 11. 1988)

(nach Michaela Köhler: Wertung in der Literaturkritik. Bewertungs­kriterien und sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten des Bewertens in journalistischen Rezensionen zeitgenössischer Literatur. Würzburg. Diss. 1999, S. 125–129.)