Uraufführung der »Elbsinfonie«

Hamburg, 19. Juli 2026, 09:30 | von Dique

Ich war nicht unbedingt weit gereist, von Mailand nach Mantua, aber doch erfolgen derzeit umfangreiche Bauarbeiten entlang der Strecke, und das letzte Stück wird per Schienenersatzverkehr zurückgelegt.

Mantua ist ein Traum in Renaissance. Die Gonzaga regierten die Stadt über mehrere Jahrhunderte nahezu ohne Unterbrechung. Ihr Palazzo Ducale ist in dieser langen Zeit immer weitergewachsen und umfasst heute mit all seinen Erweiterungen und Umbauten wohl rund tausend Räume.

Eine ziemlich grandiose Ausnahme innerhalb dieser Zeitreisenkapsel bildet vielleicht die unglaubliche Sonnabend Collection im Palazzo della Ragione. Hier hängt eine fantastische Auswahl der Stars der Moderne des 20. Jahrhunderts. Neben Rauschenberg, Johns, Gilbert & George, Koons und Warhol natürlich auch eine der wundervollen Wasserturm-Kompositionen von Bernd und Hilla Becher. Für mich immer wieder so ein bisschen der Hammer. Ob in New York, London oder den Untiefen der Mantua-Renaissance, diese wunderbaren Begegnungen mit der stoischen Ruhe der Fotografien der Bechers.

Viel mehr möchte ich hierzu erst mal nicht berichten. Auch wenn eine kleine Ausarbeitung zu Ileana Sonnabend und ihrer Sammlung, über Hilla und Bernd Becher oder über Jeff Koons’ »Wild Boy and Puppy« interessant werden könnte. Schaut euch allein mal den Wild Boy an, der sieht einfach aus wie Pumuckl, vielleicht sogar eine Forschungslücke, zumindest habe ich zu dieser eklatanten Überschneidung bisher nichts finden können.

Dazu aber ein andermal, denn eigentlich will ich was ganz anderes erzählen, und zwar über Musik.

Ich habe vielleicht schon mal erwähnt, dass ich erstaunlich gern in die Oper gehe und auch sonst ziemlich viel Opernmusik höre. Wobei ich nicht so weit gehen würde wie Larry David in seiner Liebe zum Golf:

– You play golf?
– Yeah, and I eat and I breathe. In that order. (S05E07, »The Seder«)

Und damit doch noch einmal kurz zurück nach Mantua. Glaubt entweder mir oder Wikipedia, die Stadt war um 1600 für den Übergang von der Renaissance zum frühen Barock und für die Geburt der Oper so etwas wie the place to be. Sehr viel ausführlicher stellt das der grooooße John Eliot Gardiner dar, der den Gonzaga-Hof als zentralen Schnittpunkt dieser europäischen Konstellation beschreibt. Hier begegneten sich Rubens, Galilei, Tasso und Monteverdi. Kunst, Wissenschaft und Musik schienen gleichzeitig einen großen Schritt nach vorn zu machen, nachzuhören eben in Gardiners herrlichem achtteiligen Podcast »Monteverdi and His Constellation«.

Monteverdis frühe Opern »L’Orfeo« und »L’Arianna« wurden vermutlich im Palazzo Ducale aufgeführt, auch wenn heute niemand mehr genau weiß, in welchem der zahllosen Säle. L’Arianna entstand anlässlich der Hochzeit von Francesco Gonzaga mit Margherita von Savoyen und wurde eigens für dieses Ereignis in Auftrag gegeben.

Überhaupt war das lange Zeit die Normalität. Monteverdi schrieb den Großteil seiner Opern im Auftrag von Fürsten und später in Zusammenarbeit mit Opernunternehmern. Der große Bach, der laut Beethoven eigentlich »Meer« hätte heißen müssen, wie Freudenberg uns allen zur Freude berichtet hat, komponierte den größten Teil seiner Musik im Rahmen seiner Ämter und Aufträge, also für Gottesdienste, höfische Feierlichkeiten oder besondere Anlässe. Beethoven arbeitete bereits wesentlich freier, Schubert noch mehr. Aber auch Beethoven hatte Mäzene, die ihm finanzielle Unabhängigkeit ermöglichten und damit die Entstehung seiner Werke erst möglich machten.

Ich erzähle euch das, während ich tief und bequem in einem Sessel der Hamburger Elbphilharmonie versunken bin.

Ich bin hier zur Uraufführung der »Elbsinfonie«.

Komponiert wurde sie von Prof. Wolf Kerschek im Auftrag der Zertus-Gruppe. Das Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen und hat aus diesem Anlass eine neue Sinfonie in Auftrag gegeben, die heute Abend in der Elbphilharmonie uraufgeführt wird.

Ich würde nun sehr gern die Firmengeschichte der Zertus aufschreiben, mit all den Details, die jeden von uns brennend interessieren. Aber ich sage nur so viel: Friedrich Theodor Meyer gründete vor zweihundert Jahren in seiner Heimatstadt Tangermünde eine Zuckersiederei. Er kannte die Hamburger Verfahren der Zuckerraffination und ließ Rohzucker aus Hamburg kommen, und yada, yada, yada … heute vereint die Unternehmensgruppe Marken wie Pulmoll, Dextro Energy oder biozentrale unter ihrem Dach.

Prof. Kerschek steht also auf der Bühne und erzählt, wie dieser Auftrag zu ihm kam und wie er zunächst darauf reagierte. Fast beiläufig schlägt er genau die Brücke, die ich gedanklich zuvor bereits nach Mantua geschlagen hatte. Große Kunst entsteht durch große Künstler. Aber oft entsteht sie eben auch, weil jemand den Mut hat oder einfach die Lust, sie zu ermöglichen.

Kerschek sagt das in aller Bescheidenheit. Er stilisiert sich nicht zum neuen Mozart oder Beethoven. Er beschreibt vielmehr die Normalität der Auftragskomposition, die man in this day and age so leicht vergisst.

Ich bin ja selbst ein wenig in der sogenannten Corporate World unterwegs. Als Pen-Pusher und gelegentlicher Corporate Bullshitter erlebt man so einige Weihnachtsfeiern, Jubiläen, President’s Clubs oder Neujahrsempfänge.

Nun sitze ich hier auf der 200-Jahr-Feier der Zertus in der Elbphilharmonie, und, na ja, das hier ist ein anderes Level.

Die Location ist das eine. Dann das mittelständische Unternehmen, das seit 200 Jahren besteht. Die festlich gekleideten Menschen. Und irgendwie sind alle so nett, so sonnig und so erschreckend gutaussehend.

Heute Abend wird aber eben auch noch eine Sinfonie uraufgeführt. Eine Sinfonie, der Elbe gewidmet. Dem Fluss, der Hamburg und Tangermünde verbindet.

Bevor nun bald schon die Uraufführung der Elbsinfonie tatsächlich stattfindet, gibt es noch weitere informative Nuggets, die den Appetit anregen. Acht Trompeten hat Prof. Kerschek in seine Sinfonie gemogelt, und man hört das eine oder andere WTF durchs Publikum raunen.

Bevor es nun gleich losgeht, mit der Musik und der Uraufführung der Sinfonie, werden noch so einige Worte verloren, vom CEO, von Dr. Malte Herwig (a.k.a. Maltus) und von den Bürgermeistern der beiden Elbstädte, die die Elbsinfonie von der Zertus übergeben bekommen. Man kann es ahnen, es gibt endlos Gelegenheiten für pathetischen Unfug, Peinlichkeiten und vollgeschwafelte Längen, aber alle sind ausgelassen, und irgendwie wird es immer unglaublicher, dass es nun gleich wirklich losgeht, und dann nähert sich Trompetenklang aus dem Off, von rechts, dann von links, und wieder zurück.

In den acht Sätzen der Elbsinfonie stecken zweihundert Jahre Geschichte, jetzt nicht vorderhand die Geschichte der Zertus natürlich, sondern deutsche Geschichte entlang der Elbe und darüber hinaus.

Malte Herwig hatte zuvor sehr eindrucksvoll von der Entstehung der Sinfonie und der Zusammenarbeit mit Prof. Kerschek berichtet. Der eine liefert die Musik, der andere den historischen Resonanzraum, Quellen, Geschichten, Figuren und Zusammenhänge, geistiges Futter, Inspiration, Motivation, mentalen Support.

All das geht in der Musik auf, vollkommenste Zufriedenheit, und als der letzte Ton verklungen ist, epiphaniert die Herrlichkeit dieser Idee, eine Elbsinfonie zu schreiben, und es ist ja wirklich interessant, wieso bisher niemand darauf gekommen ist, das Gebäude heißt schließlich Elbphilharmonie.

Das war der Auftrag: Schreiben Sie uns etwas Neues. Und trotzdem fühlt es sich an, als hätte es sie eigentlich schon gegeben, diese Elbsinfonie für die Elbphilharmonie.

Minutenlanger Applaus rollt duch den Saal. Die Elbsinfonie wird sich den Fluss hinauf und hinunter spielen, und darüber hinaus:

»Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!«

 

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