Die Gurke des Juan Sánchez Cotán
Palma, 7. März 2026, 21:00 | von DiqueWas mich an den Stillleben von Juan Sánchez Cotán so interessiert? Eigentlich alles. Sánchez Cotán malte angeblich das erste spanische Stillleben und begründete damit die beeindruckende Tradition der Bodegón-Malerei. Ohne kokett sein zu wollen behaupte ich, dass er nicht nur ein Trailblazer der Bodegón-Malerei war, sondern von keinem Bodegón-Maler übertroffen wurde.
Das ist doch schon mal was!?
Aber es kommt noch dicker: Es gibt von Sánchez Cotán nur etwa sieben dieser spektakulären Bodegones. Er hat vermutlich noch einige weitere gemalt, doch nur diese sieben sind heute sicher erhalten. Diese Stillleben wurden alle um 1602/1603 geschaffen, denn danach schloss er sein Atelier und wurde Kartäusermönch. Im Kloster malte er zwar weiter, widmete sich auf seinen Leinwänden aber ausschließlich religiösen Themen.
Er malte also in diesem sehr kleinen Zeitfenster diese herrlichen Bilder, und was er vorher und nachher malte, spielt einfach keine Rolle. Rösselsprung durch die Kunstgeschichte, und mir fällt vielleicht noch Christian Schad ein. Der malte zwischen 1920 und 1930 die eventuell eindrucksvollsten Portraits der Neuen Sachlichkeit. Danach widmete er sich abstrakteren Arbeiten und seinen Schadographien.
Der Vergleich mit Schad passt sogar sehr gut, weil die Stillleben von Sanchez Cotán auch gut und gern in die Neue Sachlichkeit passen würden. Er malte zunächst einfach einen Fenstersims oder besser eine Fensternische mit komplett schwarzem Hintergrund. Und auf dem Sims oder vor dem Hintergrund hängend die stilllebenden Objekte, zumeist Gemüse, Früchte und auch mal ein fleischiges Lebensmittel. Diese Objekte nehmen nachgerade den Fotorealismus vorweg und den Minimalismus gleich mit. Das fiel mir erst neulich beim Besuch der feinen Galerie Le Claire in Hamburg auf. Dort bei den Le Claires werden oder wurden neben den für Le Claire üblicheren Altmeisterzeichnungen auch einige Zeichnungen und Gemälde der Brüder (Zwillinge) Santilari aus Barcelona angeboten. Josep und Pere Santilari malen unter anderem fotorealistische Stillleben. Ein kurzer Blick auf eines der Bilder machte mir sofort klar, wie sehr sie nicht nur von den traditionellen Bodegones, sondern von Sánchez Cotán im Besonderen inspiriert sein müssen.
Ich wollte nun eigentlich alle sieben der erwähnten Stillleben mit euch durchgehen, bleibe aber mal bei den beiden Gemälden, bei denen man sich streitet, welches das erste überhaupt war.
Bodegón de caza, hortalizas y frutas
(Museo del Prado)

Vielleicht war also dies das erste, vielleicht das zweite. Wie alle der sieben Bilder ist es wunderbar. Der Fenstersims und der pechschwarze Hintergrund, aus dem diese großartig gemalten Objekte herausstrahlen, in der Anordnung ein wenig obskur, gemalt wie ein spanisches Barockgedicht. Aus meiner Sicht ist der Raum fast ein bisschen sehr ausgefüllt und nimmt dem Bild die Tiefe, um hier mal auf sehr hohem Niveau zu jammern.
Dagegen ist das andere erste oder zweite Bild mit seinem Minimalismus das wohl allerbeste dieser ganzen besten Gemälde des Sánchez Cotán.
Bodegón con membrillo, repollo, melón y pepino
(San Diego Museum of Art)

Minimalistisch. Alte Sachlichkeit. Fotorealistisch. Man kann dieses Gemälde wie ein Diagramm lesen, wie einen fallenden Aktienkurs. Von der Quitte aus geht’s rasant abwärts Richtung Kohl, mit der Honigmelone verflacht sich der Kurs, aber erholt sich nicht, sinkt weiter runter zur Melonenscheibe und kommt schließlich bei der Gurke zum Stillstand.
Und genau hier, am Tiefpunkt des Diagramms, horche ich auf. Immer wieder und immer wieder schreibe ich von Carlo Crivelli und seinen Gurkenträumen, seiner Obsession für die Gurke, die wiederholt in seinen Gemälden auftritt, ebenso zumeist detailliert ausgeführt. Erst vor kurzem fragte ich noch im Museum nach auch nur einem weiteren Beispiel kunstvoller Vergurkung, und finde hier endlich mal ein Beispiel, wenn auch nur in einem Stillleben und nicht als Bestandteil eines größeren narrativen Entwurfs. Und anders als bei Crivelli blieb es auch die einzige Gurke des Sánchez Cotán, die er gleich auch noch in einem Follow-up-Gemälde unterbrachte, dem »Bodegón con caza, verdura y fruta«.

