Monatsarchiv für Juni 2010


Regionalzeitung (Teil 30)

Leipzig, 11. Juni 2010, 14:59 | von Paco

 
  146.   heizte tüchtig ein

  147.   viele fleißige Hände

  148.   ist ein echter Tausendsassa

  149.   hielt noch ein weiteres Highlight bereit

  150.   es werde fieberhaft daran gearbeitet
 


Listen-Archäologie (Teil 4):
Mark Twain über deutsche Zeitungen (1880)

Konstanz, 9. Juni 2010, 08:10 | von Marcuccio

Wie San Andreas vorgestern schon festgestellt hat, schreibt Mark Twain in »A Tramp Abroad« (1880) sehr schöne Sachen, bezeichnet zum Beispiel Götz von Berlichingen als »den deutschen Robin Hood« usw. Im Anhang des Bandes gibt es auch die folgende Aufzählung (Spiegelstriche von mir, Twain selbst spricht aber auch von »Liste«, das Zitat stammt aus der dt. Übersetzung von Ana Maria Brock, das Original ist z. B. hier zu finden):

»Die Tageszeitungen von Hamburg, Frankfurt, Baden, München und Augsburg sind alle nach ein und demselben Schema aufgebaut. (…) Sie enthalten

  • keinerlei Leitartikel;
  • keine Personalien – und vielleicht ist das eher ein Vorteil als ein Nachteil;
  • keine Humorspalte;
  • keine Reportagen aus den Polizeigerichten [Gisela Friedrichsen schrieb halt noch nicht für den »Spiegel«, hehe];
  • keine Berichte über Verhandlungen vor höheren Gerichten;
  • keine Nachrichten über Boxkämpfe oder Hundekämpfe, Pferderennen, Gehwettbewerbe, Segelregatten, Schießwettkämpfe oder andere sportliche Dinge irgendwelcher Art;
  • keine Wiedergaben von Bankettreden;
  • keine Spalte für Kuriositäten und Seltsamkeiten irgendwo zwischen Wahrheit und Geschwätz;
  • keine ›Gerüchte‹ über irgend etwas oder irgend jemanden;
  • keine Voraussagen oder Prophezeiungen über irgend etwas oder irgend jemanden;
  • keine Listen erteilter oder beantragter Patente, auch keinen Hinweis auf solche Dinge;
  • keine Schmähung öffentlicher Beamter, seien sie groß oder klein, oder Beschwerden über sie oder Lobreden auf sie;
  • sonnabends keine religiöse Spalte;
  • montags keine wieder aufgewärmte, abgestandene Predigt;
  • unter ›Lokales‹ keine Enthüllungen darüber, was in der Stadt geschieht – tatsächlich wird nichts von lokaler Bedeutung erwähnt, was über die Schritte eines Prinzen oder das beabsichtigte Zusammentreten irgendeiner beratenden Körperschaft hinausginge.

Nach einer so gewaltigen Liste dessen, was man in der deutschen Tageszeitung nicht findet, könnte man mit Recht die Frage stellen, was denn überhaupt darin stünde. Sie ist leicht beantwortet:

  • eine Kinderhandvoll Telegramme, hauptsächlich über europäische nationale und internationale politische Vorgänge;
  • Briefkorrespondenz über dieselben Dinge;
  • Marktberichte.

Bitte sehr. Daraus setzt sich die deutsche Tageszeitung zusammen. (…)«

________________
Mark Twain: »Bummel durch Europa« (»A Tramp Abroad«, 1880). Hier zitiert nach Mark Twain: Gesammelte Werke in fünf Bänden. Herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Klaus-Jürgen Popp. Band III. München: Hanser 1966. S. 1097f.
 


St. Petersburg, Missouri

auf Reisen, 7. Juni 2010, 20:07 | von San Andreas

Was viele nicht wissen: der Begriff ›twain‹ kommt vom mittelenglischen ›tweien‹ und bedeutet ›zwei‹. Und das Kommando, das der Missis­sippi-Lotse dem Dampfschiff-Steuermann Samuel Langhorne Clemens zur Einhaltung sicherer Fahrwasser von zwei Faden Tiefe regelmäßig zurief, sollte später dessen Pseudonym werden: Mark Twain.

Was viele ebenso nicht wissen: Mark Twain wurde geboren, während der Halleysche Komet die Erde passierte, erfand eine Art Hosenträger, sah in einem Traum den Tod seines Bruders in einer Schiffsexplosion voraus, kämpfte zwei Wochen lang im Sezessionskrieg für die Südstaaten, lebte einmal neun Monate im Wiener Hotel Krantz, versuchte sich als Goldgräber in Nevada, benutzte als erster Autor überhaupt eine Schreibmaschine, experimentierte oft mit Nikola Tesla in dessen Labor, überlebte all seine sechs Geschwister und drei seiner vier Kinder, ruinierte sich mit dem Versuch, eine Setzmaschine zu perfektionieren, und starb, während der Halleysche Komet die Erde passierte.

Die meisten Menschen kommen ohne derlei Twain-Trivia durchs Leben, aber für manche gibt es nichts Interessanteres. Das sind die Twainiacs, und sie haben dieses Jahr viel zu feiern: Im April jährte sich Twains Todestag zum 100sten Mal, seinen 175. Geburtstag begeht man im November, und im Februar ist Twains berühmtestes Werk, »Adventures of Huckleberry Finn«, 125 Jahre alt geworden. The Year of Twain. Jahrestage, die dem Meister selbst ein Gräuel gewesen wären:

»What ought to be done to the man who invented the celebrating of anniversaries? Mere killing would be too light …«

Das hält die Wallfahrtsorte der Twain-Verehrung nicht davon ab, in diesem Jahr jede Menge Twain-Spektakel zu veranstalten: In Hartford, Connecticut, wo Twain 17 Jahre lang lebte, gibt es über 40 Ausstel­lungen und Events, unter anderem eine Gruseltour durch den alten Keller des Twain-Domizils. In Elmira, New York, dem Wohnort der Familie seiner Frau, finden Vorträge und Mark-Twain-Dinners statt. Selbst das Begräbnis wurde nachgestellt, inklusive kostenloser Mark-Twain-Regenschirme für die Trauergäste (der 24. April 1910 war ein Regentag).

Zentrum aller Festivitäten aber ist Hannibal, Missouri, die Stadt von Twains Jugend und Vorbild für das St. Petersburg seiner Bücher. Hier steht das Wohnhaus der Familie Clemens noch, Muster für das Zuhause von Tom Sawyer, ebenso die Häuser von Twains Schul­freunden, die die Charaktere Huck Finn und Becky Thatcher inspirierten, und hier befindet sich die Höhle, in der seit 1886 Führungen für Twain-Fans angeboten werden.

Glascock’s Island, die bewaldete Insel unweit der Stadt, wurde kurzerhand in Jackson’s Island umbenannt, genauso wie Holiday’s Hill, der heute Cardiff Hill heißt. Warum hat sich Hannibal nicht gleich St. Petersburg genannt? Amerika ist doch da sonst nicht zimperlich: In Mississippi gab sich eine Stadt nur deswegen den Namen Oxford, damit der Staat die Uni dort hinbaute (was auch geschah). Und Eddy, New Mexico, nannte sich aufgrund einer lokalen Mineralquelle nach dem tschechischen Kurort Carlsbad, wollte ein Spa in der Wüste werden (was nicht geschah).

Nichtsdestoweniger lässt sich Hannibal in Sachen Twain-Kolorit nicht lumpen, insbesondere nachdem die Industrie weggezogen ist und die Stadt sich dem Tourismus an den Hals schmeißen musste. Es gibt ein Mark Twain Motor Inn, ein Huck Finn Shopping Center, einen Injun Joe Campground, ein Mark Twain Drive-In Restaurant, einen Sawyers Fun Park.

Selbst das Mark Twain Mental Health Center versucht sich literarische Grandezza zu verleihen. Das Konterfei des Autors schmückt Cola-Automaten und Bushaltestellen, es locken Kutschen, Trams und Ausflugsboote mit original Mark-Twain-Touren, und im Straßenbild tauchen schon mal schnurrbärtige Twain-Lookalikes auf, die unaufgefordert Aphorismen absondern:

To create man was a fine and original idea; but to add sheep was a tautology.

Quitting smoking is easy, I’ve done it thousands of times.

It usually takes more than three weeks to prepare a good impromptu speech.

Suppose you were an idiot and suppose you were a member of Congress. But I repeat myself.

Those that respect the law and love sausage should watch neither being made.

Bill Bryson hat Hannibal auf seiner Reise durch Small-Town America besucht, und das erste, was ihm im ›Mark Twain Boyhood Home & Museum‹ auffiel, waren die Stromkabel, die Sperrholz-Raumteiler und der PVC-Belag im garantiert authentischen Kinderzimmer des kleinen Sam Clemens. Die Stadt selbst kam ihm »sad and awful« vor, ihr beschworener Südstaatencharme schien nie dagewesen zu sein, und er »began to understand why Clemens didn’t just leave town but also changed his name.«

Es wundert nicht, dass Bryson die Disneyfizierung des Twain-Andenkens so betrüblich findet, war Twain doch ein Pionier in Brysons eigener Domäne, der des humoristischen Reiseberichts. In »A Tramp Abroad« (1880) beispielsweise verarbeitet Twain seine zweite Europareise, die ihn von Heidelberg über die Schweizer und die Französischen Alpen bis nach Venedig führte.

Interessanterweise war der Trip – wie jener im Bryson-Klassiker »A Walk in the Woods« – als monumentale Wanderung geplant, doch hat sich Twains literarisches Alter Ego – wie Bryson – überschätzt. Beide Autoren reisen auch mit einem Kompagnon; allerdings hat sich Twain seinen – zwar modelliert nach seinem Kameraden Joseph Twichell – bloß ausgedacht. Man sagt, Mark Twains Reiseberichte wären so fiktional wie seine Romane autobiografisch sind.

Im Anhang des Buches versteckt sich Twains herrlicher Essay »The Awful German Language«, das jeder Deutsche einmal gelesen haben sollte, allein um eine Ahnung davon zu bekommen, welch schier undurchdring­liches Dickicht die deutsche Sprache mit ihren trennbaren Verben und ihren verschachtelten Parenthesen für einen Ausländer darstellt.

Twains Deutsch war indes ganz gut, sogar so gut, dass er Vorträge hielt und zur allgemeinen Erheiterung mit ornamentalen Verbphrasen wie »haben sind gewesen gehabt haben geworden sein« nur so um sich schmiss. Mark Twain hat auch den »Struwwelpeter« übersetzt. Was viele nicht wissen.


Kaffeehaus des Monats (Teil 53)

sine loco, 6. Juni 2010, 10:27 | von Niwoabyl

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Lyon: das Café 203 in der Rue du Garet (absichtlich verzogene Aufnahme, wie immer)

Lyon
Das Café 203 in der Rue du Garet.

(Hier hängt Lektüre an den Wänden. Die anarchistisch-bildungsprotze­rische Auswahl der eingerahmten Zitate besorgt der Hausphilosoph, der nach Mitternacht im Café sein sehr weltmännisches Unwesen treibt. Außerdem eine Hochburg des Kirs: Hier wird Weißwein grundsätzlich geschändet, und zwar anhand der absonderlichsten Sirupe: Feigensirup, Ingwersirup, Mimosensirup oder auch, besonders zu empfehlen: Geraniensirup.)
 


Rainald Goetz bei Harald Schmidt

Leipzig, 3. Juni 2010, 08:44 | von Paco

Es ist ja nicht viel passiert, damals, am 8. April 2010. Das Gespräch dauerte keine 11 Minuten. Aber: Auf diese mediale Begegnung sind die letzten zehn, zwölf Jahre des Neueren Feuilletonismus zugelaufen. Und das Warten hat sich gelohnt. (Replay bei YouTube.)

Seit »Abfall für alle«, noch wichtiger aber: seit »Dekonspiratione«, dem besten Goetz-Buch des 20. Jahrhunderts, das gerade noch rechtzeitig für diesen Superlativ, nämlich im Jahr 2000, erschienen ist, seit diesen beiden Büchern also warten wir, wir alle, auf ein Hereinschneien von Rainald Goetz in irgendeine Show von Harald Schmidt.

In »Dekonspiratione« ging es ziemlich lutheranisch um eine Reformierung der damaligen Sat.1-Harald-Schmidt-Show, zuletzt in »Klage« wurde Schmidt seltener erwähnt, manchmal aber schon noch, zum Beispiel der Auftritt von Christian Kracht in der Show vom 12. Oktober 2001.

Eine stilistische Anspielung auf das Kracht-Gespräch gibt es auch im Goetz-Schmidt-Showdown, der, wie gesagt, am 8. April 2010 in der ARD stattfand. Wenn nämlich Goetz auf die zuspitzenden Fragen von Schmidt einfach nur begeistert »Ja« schreit, immer wieder, also eigentlich nur drei, vier Mal, aber das ist genau derselbe affirmative Gestus wie bei Kracht in der Passage, in der es um die Schrecklichkeit Berlins geht (+1):

Schmidt: Empfinden Sie deutsche Menschen als unfreundlich?
Kracht: Zum großen Teil, also in Berlin vor allen Dingen, also Berlin ist sehr, sehr schrecklich.
Schmidt: Kann man sagen, dass Berlin insgesamt grässlich ist?
Kracht: Ja, Berlin ist die schrecklichste Stadt der Welt.
Schmidt: Entsetzlich?
Kracht: Entsetzlich.
Schmidt: Widerwärtig?
Kracht: Ja.
Schmidt: Ekelerregend?
Kracht: Ja.

Dieser Gestus dann auch bei Goetz, als sozang Klangzitat, denn inhaltlich geht es um ganz etwas anderes, um die Mittelnamen, die er einigen Leuten in »loslabern« verpasst. Diese Passage lebt als Zitat, richtig gut ist sie nicht, Schmidt hat sie auch nur initiiert, um an einer bestimmten Stelle schnell ein neues Thema in die Arena zu schießen. Also so:

Schmidt: Sie sind sehr virtuos im Verteilen von Mittelnamen. Sie schreiben zum Beispiel »Friede ›Kindermädchen‹ Springer«.
Goetz: Ja!
Schmidt: Sie schreiben »Jörg ›Lebensmensch‹ Haider«.
Goetz: Ja!
Schmidt: Sie schreiben »Wolfram ›die Krise ist vorbei‹ Weimer«.
Goetz: Ja! Ja!!!

Diese Passage, die ja nur 10 Sekunden dauert, findet erst bei Minute 5 statt, da haben sich Schmidt und Goetz schon eingespielt, was am Anfang nicht gleich ganz danach aussah.

Das Gespräch beginnt nämlich etwas schleppend. Goetz kommt erwartungsgemäß mit Notizblock und aktuellem FAZ-Feuilleton hereingeschneit und wirft dabei gleich das leicht ärmelschonernde Wort »Notizen« in den Ring. Beide eiern dann ein wenig herum, Schmidt versucht, eine Gesprächsebene zu finden, und das kann er ja genau gut.

Zunächst funktionert das aber nicht. Goetz ergeht sich in einem Lob der FAZ-Zeitungsseite im Allgemeinen, der Struktur und Bebilderung. Demonstriert wird das anhand der Aufmachung und Anordnung des Hettche-Artikels »Wenn Literatur sich im Netz verfängt«, dem FAZ-Feuilleton-Aufmacher des 8. April 2010. Neben dem Hettche-Artikel steht ein Bild, Goetz hält die Seite hoch und sagt: »Ich finde, das schaut einfach super aus irgendwie.«

Eine Kaffeehausaussage vom Feinsten, aber Schmidt muss das Gespräch woanders hinziehen, auf eine vermittelbarere Ebene. Das Eis bricht glücklicherweise sofort, als sich Schmidt selbst an einer vorsichtigen Zusammenfassung der Hettche-Ideen versucht, und Goetz stimmt dann mit Vorbehalt zu und ergänzt mit herrlicher Unspezifischkeit: »Es ist mehr.«

Dann geht es erst mal mit der FAZ-Apotheose weiter, Schmidt fragt, was Goetz so in die FAZ hineinziehe. Antwort: »Es ist einfach die Faszination der sozang maßgeblichen Stelle, die spricht.« Usw. usw. »Aber, jedenfalls, FAZ, Harald-Schmidt-Show, sozang der maßgebliche Ort, wie verhält der sich, sozang wie nimmt der die intellektuelle Situation, wie antwortet der darauf.« Dann geht es, in Anlehnung an Schmidts Gespräch mit Hans Zippert vor ein paar Wochen, um die »Welt« und den »Orkus Springer« und dann kommt das oben schon erwähnte »Ja! Ja! Jaaa!«

Endlich gibt sich eins ins andere. Es geht um Schirrmachers »Payback«-Buch, Goetz‘ Kritik hat vor allem den Zweck, sein Lieblingsadjektiv »wirr« noch mal hier vor großem Publikum unterzubringen. Schmidt erzählt die Episode aus »loslabern« nach, die beim FAZ-Herbstempfang 2008 spielt. Darin fragt Schirrmacher Goetz nach seiner Eintrittskarte und vermutet, er habe sich »eingeschlichen« (das schönste Wort des Buches, das sich qua Wiederholung so richtig schön entfalten kann).

Maxim Biller wird noch gefeiert, »weil der einfach so tolle Bücher schreibt, ja, absolut, also, das letzte Buch, das ist so ein unglaublicher Hammer, ›Der gebrauchte Jude‹«. Tellkamps »Turm« wird noch angerissen, das Betuliche daran, aber dann nicht diskutiert, es ist einer dieser Sätze, der während des Sprechens mehrmals das Thema ändert. Denn schon muss David Foster Wallace gebasht werden. Helge Malchow habe die Leute »so bequatscht, dass alle Angst hatten irgendwie, dieses sehr schlechte Buch schlecht zu finden«. Eine in »loslabern« beschriebene Malchow-Anekdote von der Frankfurter Buchmesse interessiert Schmidt, ist ja selber KiWi-Autor.

Eine Szene mit Döpfner, Poschardt und Stuckrad-Barre vor der Paris Bar wird beschrieben und an diesem Exempel DAS LOB als Herrschafts­methode erläutert. »Der Rohling muss erst erfunden werden, den gibt es nicht, der auf eine solche Schmeichelei des Chefchefs von solcher Suggestivität nicht weich werden würde« (S. 171), und um ein weiteres Beispiel zu bringen sagt Goetz jetzt zu Schmidt: »Ich blühe ja jetzt auch auf, wenn wir reden, das ist ja ganz normal.«

Dann sind 10 Minuten rum, die letzte Minute ist Ausklang, Overhead, Blumengirlanden, danke schön, bis dahin. Schmidt: »Sie könnten ja mal wiederkommen, länger.« Und Goetz lacht sich kaputt über diese in der Tat furchtbare »Kommen Sie mal wieder«-Rhetorik, auch das ja eine Herrschaftsmethode. Als krönenden Abschluss gibt es noch diesen bereits hier zelebrierten Dialog:

Schmidt: Das Buch, soll ich noch drauf hinweisen?
Goetz: Wie Sie wollen.

Das Schlimme am Goetz-Effekt ist ja nun, dass man jetzt sofort lesen will, wie Goetz selber diesen Auftritt fand, sein eigenes Rüberkommen, das Gespräch mit Schmidt davor, dabei, danach, die YouTube-Kommentare und so weiter, und die GROSSE ERKENNTNIS, die daraus folgt.

Und wenn sich schon mal jemand gefragt hat, ob man Goetz-Bücher irgendwie verfilmen könnte: genau so.


Vossianische Antonomasie (Teil 11)

Konstanz, 2. Juni 2010, 12:39 | von Marcuccio

 

  1. der Helmut Kohl des Internet
  2. die Worcestersauce der deutschen Politik
  3. der Bismarck der Juden
  4. die documenta des sakralen Theaters
  5. die Tuberkulose des Digitalzeitalters

 


Reiterstandbild

auf Reisen, 1. Juni 2010, 08:01 | von Dique

Der letzte Tag in Venedig, und wir waren vorher einfach nicht dort vorbeigekommen. Nun hetzen wir zum Campo vor Santi Giovanni e Paolo und klingeln gleich an der ersten Tür. Aber niemand öffnet uns, obwohl wir von drinnen Geräusche gehört haben. An der nächsten Tür haben wir mehr Glück. Wir deuten auf das Bild im »DK Travel Guide«, aber der Herr, der die Tür geöffnet hat, will uns nicht hineinlassen. Er sucht windige Ausreden und Entschuldigungen, und irgendwann ist die Tür zu und uns rennt die Zeit davon.

Auf dem Platz draußen kommt uns ein Australier entgegen, den wir gestern schon irgendwo getroffen haben und der nun anscheinend auch einen Blick abbekommen möchte. Der Typ ist ziemlich bizarr bis creepy, gestern sagte er mir, dass er den Rucksack voller Ölsardinenkonserven und, wenn ich das richtig verstanden habe, immer etwas Gold dabei habe, um für den bevorstehenden Ernstfall gewappnet zu sein, den »total crash of the system«.

Er trägt Blundstones, diese australischen Waldarbeiterschuhe, die wie Chelsea-Boots geschnitten sind, allerdings eine feuerfeste Gummisohle haben, dazu sehr feste Khakis. Im Rucksack hat er auch noch eine Barbourjacke dabei, und mit diesem Survival Kit durchreist er nun die Welt und will sich im entscheidenden Moment für Gold auf einem Bauernhof einkaufen. Den Mogambo Guru kennt er komischerweise nicht.

Wir sagen dem Australier, der zur selben Tür strebt, bei der wir gerade abgewiesen worden sind, dass es keinen Zweck hat, aber er geht trotzdem weiter. San Andreas macht inzwischen ein paar Fotos, und ich laufe um das Denkmal herum und versuche trotz allem einen Blick zu erhaschen, schütze meine Augen mit beiden Händen gegen die Sonne, aber sie blendet einfach zu sehr. Auch sonst würde man von hier unten keinen guten Blick zustande bringen, die Skulptur ist einfach zu hoch oben aufgestellt:

Venedig, Verrocchios Colleoni von unten

Ich wollte das Reiterstandbild des Bartolomeo Colleoni, nach dem Wachsmodell von Verrocchio, unbedingt sehen, die Aussicht darauf war einer der Hauptantriebe, wieder mal nach Venedig zu fahren. Der Colleoni steht hier seit 500 Jahren. Schon Michelangelo und Vasari haben ihn sich zusammen angesehen, bei ihrem Venedigtrip, bei dem sie auch Werke von Tizian betrachtet haben, und vielleicht standen sie sogar direkt hier, als Vasari in Richtung Michelangelo fragte, wie er denn die Bilder von Tizian finde, und Michelangelo sinngemäß erwiderte, dass Tizian ein guter Maler sein könnte, wenn er zeichnen gelernt hätte. Vasari-Seemannsgarn.

Da die Reiterstatue auf diesem sehr hohen Podest steht und man von unten fast nichts sieht, hat die Stadtverwaltung von Venedig mit Gültigkeit vom 1. September 2009 beschlossen, dass willige Anwohner des Campo Santi Giovanni e Paolo gegen eine entsprechende Mietminderung die Besucher auf Anfrage in ihre Wohnung oder auf ihre Dächer lassen, damit sie von dort einen guten Blick haben und ein schönes Foto machen können. Das funktioniert allerdings überhaupt nicht, jedenfalls nicht für uns, trotz der Mietminderungen und trotz der Aussicht auf Trinkgeld.

Wir müssen schnell weiter zum Bahnhof, um rechtzeitig zum Flughafen zu gelangen. Bei einem Blick zurück sehen wir noch den Australier aus dem Haus kommen, in dem wir abgewimmelt worden waren, und ich sehe, wie er grinsend seine Digicam durchblättert. Wir erblicken diese Szene aber nur noch von weitem, als wir gerade die Kanalbrücke in westlicher Richtung überqueren, und mich hätte sehr interessiert, wieso er eingelassen wurde, wir aber nicht. Vielleicht hat es etwas mit seinem Militärrucksack zu tun, in dem sich angeblich Ölsardinen und Gold befinden.