Haus des Leningrader Handels

St. Petersburg, 20. November 2011, 10:49 | von Baumanski

Es ist noch dunkel, als ich am Montagmorgen kurz vor neun Uhr geweckt werde. Gähnend verfluche ich den russischen Präsidenten, der dieses Jahr die Winterzeit abgeschafft hat. Dafür ist heute das Duschwasser immerhin lauwarm. Ich fahre dann mit dem Dreierbus zum Ligovski-Prospekt und gehe nach drei Stunden Unterricht um die Ecke in unsere Lieblings-Hinterhof-Stolovaja, wo das Essen natürlich ausschliesslich mit Dill und Petersilie gewürzt wird.

Zusammen mit einem Kommilitonen, dem fröhlichen polnischen Dominikanermönch (@Paco: Grüsse!), mache ich mich auf den Weg und verabschiede mich irgendwann in ein Café. Ich nehme mein schon sehr zerfleddertes, noch aus der Sowjetunion stammendes Exemplar von »Verbrechen und Strafe« heraus und warte lesend auf Ivan Borisowitsch. Denn heute scheint zum ersten Mal seit drei Wochen die Sonne und das wollen wir für einen Spaziergang nutzen.

In der Mitte des letzten Gesprächs zwischen Raskolnikov und Svidrigailov kommt Ivan Borisowitsch dazu, offensichtlich etwas mürrisch gelaunt, und beginnt über verschiedene Dinge zu referieren. Wir verlassen das Café, überqueren den Nevski-Prospekt und kommen zum bekannten Warenhaus DLT (Dom Leningradskoj Torgovli), dem »Haus des Leningrader Handels«, dass angeblich nur deshalb nicht »Leningrader Haus des Handels« genannt wurde, damit es nicht die selben Initialen hat wie Lew Davydowitsch Trotzkij.

Wir spazieren weiter, durch den Michailovski-Park zur Inschenerny-Brücke, auf der unser Freund, der Opernsänger, einmal eine alte Haarbürste gefunden und in die Moika geworfen hat. Besagter Opernsänger ruft dann kurz darauf auch an und lädt uns zu einer Lesung ein, wo verschiedene Dichter der Samisdat-Generation Geld für die Operation ihres verunfallten Kollegen Michail Erjomin sammeln.

Etwas später sind wir noch auf einer Party in einer Wohnung am Nevski-Prospekt. Ich höre jemanden Weissrussisch auf mich einreden, dann unterhalte ich mich länger mit einer Keltologin aus Tscheljabinsk über das irische Eisenbahnnetz, und dann geht das Bier aus. Eine Betrunkene versucht mir und Ivan Borisowitsch zu erklären, dass wir »typische abgestumpfte Russengesichter« haben, und da ist es Zeit, das Weite zu suchen.

»Können Sie kochen?«, fragt Ivan Borisowitsch auf dem Heimweg unvermittelt, nachdem er zuvor lang und breit erläutert hat, weshalb ein russischer Intellektueller prinzipiell mit nichts einverstanden sein kann (auch Dostojewski ist laut Ivan Borisowitsch höchstens ein mittelmässiger Schriftsteller). »Ja«, anworte ich, füge aber hinzu, dass ich mangels Küche momentan nur Butterbrote zubereite. »Das Butterbrot ist ein Modell des Universums«, sagt Ivan Borisowitsch ernst.
 

Die Feuilleton-Verkehrswacht informiert:
Fahrradhelme sind das neue Ampelgelb

Konstanz, 13. November 2011, 15:09 | von Marcuccio

Peter Ramsauer hat letzte Woche sein »Verkehrssicherheitsprogramm 2011« vorgelegt und nebenbei gedroht: Das Helmtragen beim »Fahrraden« (Sascha Lobo) soll zwar erst mal keine Pflicht sein, aber:

»Wenn sich die Helmtragequote nicht signifikant erhöht, auf über 50 Prozent, dann muss man über weitere Maßnahmen nachdenken.«

Freiheit (auch die Freiheit zu verunfallen) und Eigenverantwortung im Straßenverkehr – ein feuilletonistisches Thema mit Tradition. Vor 80 Jahren war der Fahrradhelm noch nicht erfunden. Da diskutierte man, ob denn die Ampelfarbe »gelb« akzeptabel sei.

Der große Siegfried Kracauer meinte gar nicht kleinlich, sondern grundsätzlich: nein! Unter der Überschrift »Kleine Signale« schrieb er in der Frankfurter Zeitung vom 10. Oktober 1930:

»An den wichtigsten Straßenkreuzungen in Berlin wird der Verkehr bekanntlich durch bunte Lichtsignale geregelt. Das rote Sperrsignal weicht aber nicht gleich dem Grün, das die Straße freigibt, sondern verwandelt sich zunächst in ein leuchtendes Gelb.«

Kleine Semiotik des Ampelgelbs

Kracauer war gegen diese farbliche Zwischenstufe, weil sie die Fähigkeit zur Rücksichtnahme versaue. Gelb, so schreibt er,

»ermahnt Passanten und Wagenlenker zur Aufmerksamkeit und befreit sie von allen Überlegungen, die der Zwang zur Rücksicht auf Menschen und Fuhrwerke bei einem plötzlichen Wechsel der Signale erheischte. Durch die Einschaltung des Zwischenlichts wird die Rücksichtnahme gewissermaßen objektiviert und aus den Menschen herausgesetzt.«

Und dann schwenkt sein Ampelfeuilleton westwärts:

»Auch in Paris finden sich an einigen Hauptstaßen Lichtsignale. Nicht Signale eigentlich, sondern jeweils ein einziges rotes Lichtzeichen, das Halt gebietet. Erlischt es, so ist die Straße sofort wieder dem Verkehr freigegeben. Was völlig fehlt, ist der gelbe Übergang. (…) Die Verantwortung ist bei den Menschen geblieben. Ich wünschte, daß auch bei uns das gelbe Licht draußen erlöschte und in die Menschen zurückkehrte.«

Anhänger der politischen Farbenlehre dürfen da jetzt, hehe, ein Bekenntnis zur Eigenverantwortung, aber irgendwie ohne FDP herauslesen. Und feuilletongeschulte Leser ahnen: Fahrradhelme sind das neue Ampelgelb. Erst exotisch, dann umstritten, und früher oder später Teil der StVO.
 

100-Seiten-Bücher – Teil 19
Eduard von Keyserling: »Am Südhang« (1916)

Düsseldorf, 12. November 2011, 10:51 | von Luisa

Eduard von Keyserling wird abwechselnd sanft vergessen und wieder entdeckt – insofern ist »Wellen« (der Titel seines bekanntesten Romans) auch eine schöne Beschreibung seines Nachruhms. Dass dieser nicht intensiver wurde, verhinderte der baltische Graf, indem er stets dieselbe Geschichte erzählte. Man stelle sich vor, Thomas Mann hätte dem »Verfall einer Familie« noch andere folgen lassen – der Nobelpreis wäre dahin gewesen.

Eine Keyserling-Geschichte spielt auf östlichen Landgütern unter müden Adligen, handelt von Amouren, die nicht lustvoller sind als die Ehen, von Todesfällen, Langeweile, Sommerhitze und Schwermut. Herrliche Gärten, intakte Natur und das strahlende Licht über der Ostsee werden durchaus geschätzt, helfen aber nicht gegen den ennui. Frauen tun nichts, Männer wenig mehr, manchmal sorgen ein Duell oder ein Suizid für ein wenig Aufregung. Geweint wird reichlich, auch von Männern, aber die Tränen erschüttern nicht mal die, die sie vergießen.

Vielleicht weil »Am Südhang« alle diese Elemente perfekt vereint, wurde die Erzählung von Florian Illies als Keyserlings Meisterstück gerühmt. Aber mir gefällt »Schwüle Tage« viel besser, weil da endlich mal nicht nur Melancholie herrscht, sondern auch Komik. Ein teils muffliger, teils munterer Siebzehnjähriger berichtet, dessen naiver Charme entschieden mehr Anteilnahme weckt als der Leutnant Karl Erdmann, mit dem sich der allwissende »Südhang«-Erzähler auch ziemlich zu langweilen scheint. Beide Geschichten warten übrigens am Ende mit einer Leiche auf und natürlich wird dann geweint, aber die Tränen, siehe oben.

Länge des Buches: ca. 148.500 Zeichen. – Ausgaben:

Eduard von Keyserling: Am Südhang. Erzählung. Berlin: S. Fischer [1916].

Eduard von Keyserling: Am Südhang. Erzählung. Mit einem Nachwort von Richard Brinkmann. Stuttgart: Reclam 1963.

Eduard von Keyserling: Am Südhang. Erzählung. Coesfeld: Elsinor 2006.

(Einführung ins 100-Seiten-Projekt hier. Übersicht über alle Bände hier.)

Kaffeehaus des Monats (Teil 65)

sine loco, 7. November 2011, 08:23 | von Guest Star

(eine E-Mail von Eugen Zentner)

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Die Bäckerei Süß, mit einem ultrafurchtbaren Foto, wie in dieser Reihe üblich :-)

Berlin
Die »Bäckerei Süß« in der Boxhagener Straße.

(Frank, ich habe soeben eine Idee bekommen. Da ihr regelmäßig das Kaffeehaus des Monats kürt, kann ich, wenn du möchtest, über die Bäckerei Süß am Ostkreuz einen Beitrag liefern. Ich habe dort mittlerweile viel Zeit verbracht und das ein oder andere gesehen. Dort verkehrt zum Beispiel dieser eine Darsteller aus »Gegen die Wand«, der sich damals so stark in seine Rolle hineingearbeitet hat, dass er sie im richtigen Leben einfach weiterzuspielen scheint. Man begegnet aber noch einem anderen Unikum, das stark an Mel Gibson in »Fletcher’s Visionen« erinnert. Genau wie Fletcher ist er ein Verschwörungstheoretiker, der immerfort laut seine neuesten Thesen verkündet. Ein weiterer Bäckereibesucher erinnert aufgrund seiner sich steigernden Ausdürrung an Kafkas »Hunger­künstler«. Allerdings übt er eine andere Kunst aus, nämlich am Ostkreuz nicht mehr genutzte Fahrkarten zu sammeln und sie weiterzuverkaufen. Schließlich ist auch eine Art Nachhilfelehrer ein ständiger Gast, der seinen Schülern, die immer andere sind, den Weg in das Fach der Wirtschafts­mathematik ebnen möchte. Alle von ihnen stellen Künstler der besonderen Art dar, und sie alle sind in dieser Bäckerei zu Hause. Also, falls ich darüber mal was schreiben soll, sag mir einfach bescheid.)
 

Noch mal »Thanatos«, Seite 311

Leipzig, 6. November 2011, 08:35 | von Paco

Alban Nikolai Herbst liest gerade extensiv Helmut Krausser, zur Vorbereitung auf sein Krausser-Hörstück, das am 1. Dezember vom WDR 3 gesendet werden wird. Am Mittwoch hat er den herrlichen Großroman »Thanatos« beendet und einen Tag davor, am 1. November 2011, hat er gegen 17:36 Uhr die magische Seite 311 passiert (in der Luchterhand-Originalausgabe), von der hier schon mal die Rede war. In ANHs Lektürebericht heißt es (Achtung, Spoiler!):

17.36 Uhr:
Jetzt, tatsächlich ist Fahrt in den Roman gekommen, der Umblätterer hatte recht; allerdings schon ein wenig vor der Seite 311. Jetzt läßt sich auch der Typ aushalten, weil er endlich etwas tut, auch wenn’s ein Mord ist. Interessanterweise spiegelt die Sprache genau das wieder, wird enorm flüssig, ja leuchtet, fast fiebrig mitunter. Also jetzt ist das toll. Ich merk’s daran, daß ich nicht dauernd nach anderem schaue, das zu tun wäre …

»Der Typ« meint die Hauptfigur, den sehr überambitionierten Germa­nisten Konrad Johanser (»Alles Wackenroder, oder was?«). – ANH hat das Buch jetzt übrigens zum zweiten Mal gelesen, beim ersten Mal, im Frühjahr 1996, hat er es für die »Weltwoche« rezensiert: »Anders als zehn Elftel aller gegenwärtigen Literatur wittert Kraussers ›Thanatos‹ dauerhaft nach.«

Der 1. Dezember 2012 wird ein Donnerstag sein, und 23:05 Uhr ist doch eine gute Zeit.
 

Aus dem Leben der Sixtina

Leipzig, 4. November 2011, 06:56 | von Paco

In Dresden werden ja gerade die beiden berüchtigsten Raffael-Madonnen gegenübergestellt (Semperbau am Zwinger, noch bis 8. Januar 2012). Darüber gibt es einen schönen FAZ-Artikel von Andreas Platthaus, den ich mit etwas Verspätung eben erst gelesen habe.

Ich war jetzt selbst noch nicht in der Ausstellung, aber mir fiel beim Lesen sofort eine Episode aus dem Leben der einen Madonna ein, eine Episode, die Mitte der Achtzigerjahre von dem lettischen Künstler Mihails Korņeckis (1926–2005) nachträglich gemalt wurde – jetzt bitte nicht erschrecken:

Gerettete Madonna (1984-1985); (C) LNMM, Riga

Das Bild aus dem LNMM in Riga trägt den Titel »Gerettete Madon­na« (»Izglābtā Madonna«, 1984/85, 156×180 cm) und ist natürlich gemalte Kulturpolitik (siehe Matthias’ Kommentar unten). Die Ge­schichte, die mit dieser Figurenanordnung erzählt werden soll, geht ungefähr so (mit Dank an Wolfgang Stärke):

Zunächst wird der Blick sofort auf das Bild im Bild gelenkt, auf Raffaels »Sixtinische Madonna«, die normalerweise in der Dresdner Gemälde­galerie Alte Meister hängt. Die dargestellte Szene zeigt allerdings, wie sie bei Kriegsende von der Roten Armee in sagen-wir-mal Sicherheit gebracht wird bzw. worden ist (zurück nach Dresden ging sie erst nach Stalins Tod Mitte der 50er-Jahre).

Der sowjetlettische Künstler hat den Raffael nun also auf seine eigene Leinwand kopiert, was ihm auch mehr oder weniger gut gelungen ist. Vor dieser Grundierung findet dann die eigentliche Story statt, die Raffaels Dreieckskomposition spiegelt:

Zwei russische Soldaten bewachen das sichergestellte Großgemälde samt einer (ebenfalls uniformierten, aber kittelbewehrten) Expertin, die direkt von der Heilige Barbara beschützt zu werden scheint, die aus dem Raffaelgemälde heraus direkt auf sie herabblickt. Die Kittelfrau wiederum hält eine Lupe in der Hand und scheint mit leichtem Silberblick mit dem linken Putto kommunizieren zu wollen. Die Linie von ihren Augen über die Lupe endet allerdings im Fußbereich des Papstes.

Korņeckis scheint überhaupt ein paar Probleme mit der Perspektivität zu haben: Die MP des rechten Soldaten (eine PPSch-41) ist recht kühn verzogen, das ist dann fast sozialistischer Unrealismus oder, bei wohlwollender Interpretation, eine Art Reprise des Manierismus.

Der linke Soldat, ein am Kopf verletzter und überhaupt etwas ramponiert aussehender Muschik, stützt sich auf ein mit einem Bajonett versehenes Mosin-Nagant, die Standardwaffe der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Der abwesende Blick des abgekämpften Kriegers lässt vermuten, dass er klischeemäßig eher weniger an Renaissancekunst interessiert ist, während sein jüngerer Kamerad neugierig zur Sixtusfigur auf Raffaels Gemälde aufschaut.

Das vielgestaltige Blickekonzert, mit dem das sowjetlettische Gemälde seine Geschichte erzählt, ist überhaupt sicher der interessanteste Aspekt hier. Und ansonsten ist es erst mal beruhigend zu wissen, dass im Moment wahrscheinlich erst mal keine schussbereiten Kriegsmänner mehr vor Raffaels Madonna stehen.

(Image © LNMM. Thanks to Gundega Cēbere!)
 

Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2011)

Leipzig, 2. November 2011, 07:30 | von Paco

Masuren

1. Am 30. August: Epiphanie.

2. Und am 4. September stand unser Slogan ganz groß in der FAS: »Das beste Feuilleton der Welt«. Erschrocken.

3. Pläne, den Umblätterer einzustellen.

4. »Kein Mensch in Paris weiß in Wahrheit, wer Habermas ist.« (Raddatz)

5. Vorschlag für eine Neuübersetzung des Begriffes ›Lumières‹: Leuchtgebiete.

6. Getting closer: DER GOLDENE MAULWURF 2011. Am Dienstag, 10. Januar 2012.

7. »Hegel, der größte Maulwurfsversteher aller Zeiten« – Jasper von Altenbockum im besten Maulwurf-Artikel des Jahres, der auch noch in der sowieso schon epochalen Jahrhundert-FAS stand.

8. »Tatsächlich muss man zugeben, dass Beltracchi den besten Campendonk malte, den es je gab.« (Niklas Maak) +1!

9. Weil ständig gefragt wird: Hier eine unvollständige Liste mit ein paar Presseberichten aus den letzten 100 Jahren Umblätterer.

10. »Mehr Vorworte!« (Goethe)

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2011Nr. 2/2011

 

Room 59, der Saal des Gurkenmalers

London, 31. Oktober 2011, 09:00 | von Dique

Im Room 59 der National Gallery in London hängen 14 Gemälde von Carlo Crivelli, zweite Hälfte 15. Jahrhundert, mit ausschließlich religiösen Inhalten. Vasari widmete Crivelli kein Künstlerleben, auch sonst ist fast nichts über ihn bekannt. So muss Carlo Crivelli durch seine Bilder zu uns sprechen, deren Faszination man sich, laut Informationen der deutschen Wikipedia, nur schwer entziehen kann. Im selben Artikel heißt es weiter:

»Eine ganz besondere Vorliebe entwickelte er für Dekorationen und prachtvolle Ornamente, mit denen er seine Bilder oftmals völlig zu überladen pflegte. Hierzu gehören auch die auf vielen Gemälden vorhandenen Gurken, die eine nahezu surrealistische Wirkung hervorrufen.«

Crivellis Leidenschaft für die Gurkenmalerei hatten wir bereits erwähnt, als wir während einer UMBL-Dienstreise nach Neapel auf den berühm­ten Birnenmaler Bartolomeo Bimbi zu sprechen kamen. Nun bin ich wegen der Crivelli-Gurken noch einmal in den Room 59 in der National Gallery gegangen.

Auf fünf der 14 Gemälde, also auf mehr als einem Drittel, hat Crivelli mindestens eine Gurke untergebracht. Und auf allen diesen Gurken­bildern ist auch eine Madonna zu sehen. Dagegen handelt es sich bei den gurkenlosen Bildern um Portraits von Heiligen bzw. in einem Ausnahmefall um ein Bildnis des Heilands selbst, »The Dead Christ supported by Two Angels«.

Da man es in der Kunstgeschichte höchst selten mit der Gurke zu tun bekommt, selbst auf Stillleben ist sie kaum zu finden, stellt sich natürlich die Frage nach der Ursache dieser Gurkenmanie. Diese verschwenderisch gemalten grünen Phallusse könnte man irgendwie als Empfängnissymbol deuten, das würde deren Präsenz auf den Madonnenbildern erklären und deren Abwesenheit auf den Heiligen­portraits. Ansonsten hat man versucht, sie als Symbol für Auferstehung oder Ursünde zu deuten, aber »nessuna delle interpretazioni risulta convincente«.

Jede banale Erklärung würde die einmalige Crivelli’sche Gurkenleiden­schaft auch unnötig entzaubern, und so einfach ist es auch nicht, schon weil es für die Gurke keine Bildtradition gibt. Crivelli hat sich ganz bewusst für die Gurke entschieden, aber kein anderer Madon­nenmaler seiner oder irgendeiner andern Zeit hat es ihm gleich­getan.

Nach beinah einer Stunde mit Crivelli und seinen Gurken konnte ich mir an diesem Tag keine weiteren Gemälde mehr ansehen. Es war Mittags­zeit und ich hatte einfach nur Appetit auf einen frischen Gartensalat.

Hier noch die Bildfolge im Room 59, im Uhrzeigersinn, angefangen beim erwähnten Christusgemälde:

1. The Dead Christ supported by Two Angels
2. The Vision of the Blessed Gabriele
3. The Immaculate Conception (Gurke)
4. Saint Catherine of Alexandria
5. Saint Mary Magdalene
6. Saints Peter and Paul
7. The Virgin and Child (Gurke)
8. Saint Jerome
9. Saint Peter Martyr
10. Saint Michael
11. Saint Lucy
12. The Virgin and Child with Saints Francis and Sebastian (Gurke)
13. La Madonna della Rondine (Gurke)
14. The Annunciation, with Saint Emidius (Gurke)

 

Interview zu F. C. Delius:
»Wer schreibt denn jetzt über Terrorismus?«

Konstanz, 27. Oktober 2011, 17:50 | von Marcuccio

Die Literaturwissenschaftlerin Constanze Reichardt über den Büchnerpreis für Friedrich Christian Delius, die RAF als literarischen Stoff und den Käseigel in der deutschen Literatur

Der Umblätterer: Erst mal Glückwunsch! Jahrelang musstest du auf Partys erklären, über welchen Schriftsteller du promovierst. Und jetzt ist es ein Büchnerpreisträger, am Samstag ist die Preisverleihung. Du hast kürzlich deine Dissertation über F. C. Delius eingereicht.

Constanze Reichardt: Das hört sich ja fast so an, als hätte ich den Preis bekommen. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut und fand es toll, dass sich die Jury für Delius entschieden hat.

Der Umblätterer: Hast du das Medienecho bei der Bekanntgabe verfolgt?

Reichardt: Positiv bewertet hat es eigentlich nur die »Welt«. FAZ und »Süddeutsche« waren sehr verhalten, so mit dem Tenor: Falscher Mann, total langweilig, warum denn jetzt der? Der große Rest hat einfach nur die Pressemitteilung abgeschrieben. Mehr war nicht.

Der Umblätterer: Delius kommt in den Literaturgeschichten von Kritikern wie Volker Weidermann oder Richard Kämmerlings gar nicht vor. Hast du eine Erklärung?

Reichardt: Ich glaube, Delius wird oft unterschätzt, gerade von Kritikern. Die Erklärung, die sie geben, lautet, überspitzt formuliert, dass Delius zwar ein guter Sprachhandwerker, aber ein mittelmäßiger Autor sei. Das heißt, man findet ihn nicht originell, nicht innovativ genug.

Der Umblätterer: Und wie sieht das die Literaturwissenschaft? Es gibt ja nicht gerade viele Forscher, die sich mit F. C. Delius beschäftigt haben, oder?

Reichardt: Es gibt viele verstreute Aufsätze, aber nur einen einzigen Aufsatzband. Zur Dokumentarliteratur gibt es einiges. Und zu jeder Erzählung, zu jedem Roman so ein, zwei, drei Aufsätze. Aber das war’s dann auch schon.

Der Umblätterer: Dann bist du jetzt eine der wenigen Sachverstän­digen der Stunde. Was hast du untersucht und herausgefunden?

Reichardt: Ich habe mich mit dem Deutschen Herbst als politischem Mythos beschäftigt und Delius’ Terrorismus-Trilogie unter der Fragestellung untersucht, welche Aspekte politischer Mythen dort behandelt werden. Delius beschreibt in seinen Texten, welch enorme symbolische Bedeutung die Ereignisse im Herbst 1977 für das Selbstverständnis der Westdeutschen hatten.

Keine eindeutigen Antworten in Sachen RAF

Der Umblätterer: Was bietet Delius’ Trilogie über den Deutschen Herbst, was Sachbücher von Stefan Aust und das Eichinger-Kino nicht bieten?

Reichardt: So einiges. Als literarischer Autor hat Delius ja viel mehr Möglichkeiten, wie er sich der RAF nähern kann. Vor allem erhebt Delius, anders als Aust, nicht den Anspruch des »So ist es gewesen«, sondern fragt vor allem nach dem »So könnte es gewesen sein«, ohne dabei allerdings eine Legendenbildung zu betreiben. Die eindeutige Interpretation der RAF-Geschichte, die im »Baader-Meinhof-Komplex« dargelegt wird, hinterfragt Delius in seinen Texten. Er legt den Schwerpunkt auf andere Aspekte, auf andere Figuren, und er setzt sich vor allem mit der Frage auseinander, warum immer alle eindeutige Antworten haben wollen, wenn es um die RAF geht.

Der Umblätterer: Du hast den Deutschen Herbst zum Anlass genommen, dich mit der Bedeutung politischer Mythen für die modernen Demokratien zu beschäftigen. Wenn ich dich richtig verstehe, stellt Delius das kollektive Gedächtnis, die öffentliche Sichtweise zum Beispiel auf Mogadischu in Frage. Kannst du das an einem Beispiel erläutern?

Reichardt: Die Befreiung der Geiseln in Mogadischu durch die GSG 9 wurde als Sieg der Demokratie über den Terrorismus gedeutet. Die vorherrschende Meinung war, dass man die Feinde der Demokratie, also die RAF, mit demokratischen Mitteln besiegt hätte. Das war ein Einschnitt. Das Ende der Nachkriegszeit. Die öffentliche Sichtweise auf die Ereignisse in Mogadischu ist die Sichtweise der Regierung und der Medien, nicht aber die Sichtweise der Opfer. Die kommen nur am Rande vor, zum einen, wenn man sie, wie den getöteten Flugzeugkapitän Schumann, als Opfer für die Demokratie deuten, also zum Märtyrer machen kann. Und zum anderen, wenn man ihr Schicksal in den Medien ausschlachten kann.

In Delius’ Roman steht dagegen zum ersten Mal die Perspektive des Opfers im Vordergrund. Die Hauptfigur beschreibt in allen Einzelheiten, was ihr während der fünf Tage, in denen sie den Geiselnehmern ausgeliefert ist, passiert. Für sie haben die Ereignisse natürlich keinerlei symbolische Bedeutung, sondern es geht allein darum, die Entführung zu überleben. Das ist eine Perspektive, die im öffentlichen RAF-Diskurs bis heute immer viel zu kurz gekommen ist. Denn der ist von der Sichtweise der Regierung, aber auch der der Täter geprägt.

Der Umblätterer: Warum ist »Ein Held der inneren Sicherheit« (1981) ein Roman über das Herstellen von politischen Mythen – »Myth­making«, wie du es mit einem Begriff von Christopher Flood nennst?

Reichardt: In »Ein Held der inneren Sicherheit« geht es unter anderem darum, wie sich ein Vertreter der nationalsozialistischen Wirtschafts­elite in der Bundesrepublik zurechtfindet, wie er seine Karriere möglichst reibungslos fortsetzen kann. Das tut er, indem er eine strategische Position in einem Wirtschaftsverband einnimmt und dann diesen Verband zu einer Institution macht, die großen Einfluss auf die Deutung der Vergangenheit hat. Zunächst geht es darum, den eigenen Anteil am Funktionieren des NS-Systems zu vertuschen. Sehr bald wird daraus allerdings eine umfassende Umdeutung der Vergangenheit.

Im Roman wird beschrieben, wie die Bundesrepublik nach dem Krieg ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt. Der Text legt den Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Entwicklung. Der schnelle Wiederaufbau, den die Westdeutschen aus eigener Kraft geschafft haben, gefolgt vom Wirtschaftswunder. Darauf sind die Romanfiguren stolz und ignorieren dabei alles, was davor war. Es gibt in dem Text keine Auseinander­setzung mit der Vergangenheit. Im Roman liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung dieses Prozesses: wie diese Sichtweise zu einer allgemein gültigen gemacht wird, also wie ein politischer Mythos konstruiert wird.

Der Dokumentarist als Schriftsteller

Der Umblätterer: Irgendwie ist das ein Werk voller zeitgeschichtlicher Stoffe: Vom »Wunder von Bern« (in »Der Sonntag, an dem ich Welt­meister wurde«, 1994) über die Studentenbewegung (»Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«, 1997) und den Terrorismus (Roman­trilogie »Deutscher Herbst«, 1981–1992) bis hin zu DDR-Flüchtlingen (»Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus«, 1995) und Wieder­vereinigung (»Die Birnen von Ribbeck«, 1991). Versteht sich Delius als literarische Bundeszentrale für politische Bildung?

Reichardt: Nein, eher im Gegenteil. Delius beleuchtet diese Stoffe immer von ganz anderen Seiten als öffentliche Diskurse dies tun. Seine Texte hinterfragen oder ergänzen diese. Die Figuren zweifeln allgemein anerkannte Sichtweisen oft an, oder ihre Geschichte macht Probleme sichtbar, zeigt Konflikte und Widersprüche auf. Zum Beispiel in der Erzählung »Die Birnen von Ribbeck«: Kurz nach der Wende erschienen, wird darin unter anderem die Einheitseuphorie kritisiert.

Der Umblätterer: Hat das Label, ein politischer Autor zu sein, FCDs germanistischer Anerkennung geschadet?

Reichardt: Das Label wurde ihm ja von der Literaturkritik angeheftet und zeichnet ein sehr einseitiges Bild von Delius’ Werk, das die Literaturwissenschaft nicht teilt. Wenn auch die Sekundärliteratur zu Delius nicht sehr umfangreich ist, so ist sie doch auf jeden Fall differenziert und hält sich nicht mit Labeln auf. Außerdem verstehe ich nicht ganz, was an der Bezeichnung politischer Autor schädigend sein soll.

Der Umblätterer: Na ja, Norbert Niemann und Eberhard Rathgeb schreiben in ihrer »Inventur« (2003), dass Delius den »Tod der Literatur« wörtlich genommen habe. Sie lenken den Blick auf seine genuine Form der »Dokumentarsatire, die Fiktion und Fakten vermischt«. Tatsächlich hat er ja CDU-Parteitagsprotokolle oder Siemens-Festschriften parodiert – was ihm auch Prozesse um die Kunstfreiheit eingebracht hat. Wie schätzt du diesen Teil von Delius’ Werk heute ein?

Reichardt: Die Texte waren damals eine innovative Weiterentwicklung der Dokumentarliteratur, und einige der Methoden, die Delius da entwickelt hat, hat er später auch in seinen Romanen verwendet. Aber ich denke auch, dass heute niemand mehr solche Texte schreiben würde. Übrigens, das mit dem Tod der Literatur, da würde ich das Gegenteil behaupten. Die Auseinandersetzung mit dokumentarischem Material hat Delius ja erst zur Literatur hingeführt. Sein erster Roman »Ein Held der inneren Sicherheit« war eine Abgrenzung von der vorgeformten Sprache der Dokumente und eine bewusste Hinwendung zur eigenen, literarischen Sprache.

Das Handbuch zur FAZ-Sprache

Der Umblätterer: Sprachbetrachtungen scheinen ihm überhaupt sehr wichtig zu sein. Er hat ja mal eine Schrift herausgebracht, die sich mit der Sprache der FAZ beschäftigt: »Konservativ in 30 Tagen. Ein Hand- und Wörterbuch Frankfurter Allgemeinplätze« (1988). Ich fand das neulich ganz witzig, als mit Frank Schirrmacher und Lorenz Jäger gleich zwei namhafte Stimmen der FAZ erklärt haben, nicht mehr konservativ zu sein. Klang wie Delius im Rückwärtsgang, und war noch nicht mal ironisch gemeint.

Reichardt: Ja. Gerade aus dieser Schrift kann man sehr gut ableiten, wie Delius arbeitet. Das Sprachkritische ist bei ihm extrem wichtig, von Anfang an kann man in seinem Werk beobachten, wie er sich mit ideologischer Sprache auseinandersetzt. Politische Sprachen, Wirtschaftssprachen, Fachsprachen, die er kritisiert und wo er fragt: Was sind eigentlich die Verkürzungen, die solche Sprachen mit sich bringen? »Konservativ in 30 Tagen« ist so ein Ding. Und auch in seiner Terrorismus-Trilogie geht’s ganz oft um Sprachkritik. Wobei Delius die Sprache – auch in seinen Dokumentarsatiren – so verwendet und montiert, dass sie sich selbst entlarvt.

Alles wartete auf den Wenderoman …

Der Umblätterer: Was denkst du über »Amerikahaus und der Tanz um die Frauen«? Es gilt vielen ja als das Buch über West-Berlin. Die FAS hatte es vor Jahren auf einer Liste mit den zehn prototypischen Berlin-Romanen der Gegenwart, Michael Angele, heute Kulturchef beim »Freitag«, nannte das Buch auf den »Berliner Seiten« der FAZ eine »herrliche Hommage« an das Studentenmilieu, das 1966 erstmals gegen den Vietnamkrieg politisiert.

Reichardt: Ich fand es eigentlich auch ziemlich cool. Und es beschreibt bestimmt sehr gut die Stimmung in West-Berlin Mitte der 60er-Jahre. Vor allem hat es auch biografische Züge. Ein gelungenes Buch, das die Zeit vor 1968 einfängt. Interessant eben, dass und wie Delius bei den Anfängen ansetzt.

Der Umblätterer: Der damalige FAZ-Literaturchef Thomas Steinfeld fand »Amerikahaus« 1997 gar nicht authentisch. Er warf Delius sogar »Verrat an seiner Generation« vor, weil er erst aus der Rückschau, mit 30 Jahren Abstand, über diese Zeit schreibt.

Reichardt: Total daneben. Dann soll er sich mal Sachen von Gerd Koenen ankucken. Oder von Götz Aly. Das sind zwar alles keine literarischen Verarbeitungen. Aber das wäre der eigentliche Verrat an 1968. Das ist wieder so ein typischer Vorwurf der Kritik, die offenbar nicht damit umgehen kann, dass der Delius sich nicht nur dann mit zeitgeschichtlichen Themen beschäftigt, wenn ein entsprechendes Jubiläum ansteht. Sondern er macht das zu eigenwilligen Zeitpunkten, und das stört die Literaturkritik immer ungemein. Der dritte Terrorismusroman kam 1992 raus – und natürlich sagten sofort alle wieder: Wer schreibt denn jetzt einen Roman über den Terrorismus? Wir haben doch die Wende …

Der Umblätterer: Alles wartete auf den Wenderoman …

Reichardt: So wollte bei Erscheinen von »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« kurz nach der Wiedervereinigung kaum einer mehr was von Terrorismus hören. In den letzten Jahren sind viele lesenswerte Untersuchungen zur RAF erschienen, wenn man die liest, wird deutlich: Delius hat da viel vorweggenommen.

Er beschäftigt sich in seinen Texten fast immer mit wichtigen historischen Ereignissen der Bundesrepublik, tut dies aber oft zum scheinbar falschen Zeitpunkt. Die Sichtweisen, die in den Texten geboten werden, der andere Blick auf die Ereignisse, die neuen Erkenntnisse, die sie liefern, gehen oft unter.

Beinahe Popliteratur

Der Umblätterer: Noch mal zu »Amerikahaus«. Könnte man diese wunderbare Coming-of-Age-Erzählung im Studentenmilieu nicht auch zur Popliteratur zählen? Sie steckt doch voller Song- und Filmtitel, zitiert Werbeslogans und Zeitungsschlagzeilen, speichert also viel Alltags- und Zeitgeschichte und leistet so lustvolle Arbeit am Archiv, wie es Moritz Baßler als konstitutiv für den deutschen Poproman definiert hat. Insofern verwunderlich, dass dieses 1997 erschienene Buch nie als Popliteratur thematisiert worden ist.

Reichardt: Interessanter Gedanke. Zitate waren schon immer ein wichtiger Bestandteil von Delius’ Werk, allerdings setzt er sie ganz anders ein, als die sogenannten Popliteraten der 90er-Jahre das tun. In der Popliteratur geht es, wenn ich mich richtig erinnere, vor allem um das Sammeln und Auflisten von Bestandteilen der Gegenwartskultur. Das Einstreuen von Song- oder Filmtiteln oder auch von Markennamen dient ja der Verortung der Autorinnen und Autoren, aber auch der Leserinnen und Leser in dieser Gegenwartskultur. Die Auflistung von Bandnamen, zum Beispiel in »Soloalbum« von Stuckrad-Barre, dient ja dazu, bei den Leserinnnen und Lesern ein bestimmtes Lebensgefühl aufzurufen. Wenn die diese Anspielungen nicht verstehen, funktioniert das nicht.

In »Amerikahaus« ist genau das Gegenteil der Fall. Die Hauptfigur, der Student Martin, gibt immer wieder zu, dass er nicht mitreden kann, wenn sich seine Freunde über aktuelle Filme unterhalten. Hier geht es nicht um die »lustvolle Arbeit am Archiv«, sondern eher um eine Kritik an dessen Subjektivität. Und während die Popliteratur vom selbstverständlichen Leben in einer Konsumwelt erzählt, beschreibt »Amerikahaus« diese Konsumwelt als irritierend und störend, als Ablenkung vom »Nachkrieg« (S. 55), in dem sich die Hauptfigur nach eigener Aussage 1966 noch immer befindet, während die meisten Berliner mit Winterschlussverkauf oder der Grünen Woche beschäftigt sind.

Der Käseigel in der deutschen Literatur

Der Umblätterer: Apropos Grüne Woche. Du betreibst neben deinen Delius-Studien auch einen Veganer-Blog. Spielt Essen im Werk von FCD irgendeine besondere Rolle?

Reichardt: Da habe ich noch nie drüber nachgedacht.

Der Umblätterer: Mir ist kurioserweise ein Detail aus »Amerikahaus« in Erinnerung: Der Käseigel! So wie Stuckrad-Barre die Crunchips der 1990er ins literarische Gedächtnis eingespeist hat, so hat FCD den Käseigel unserer Omis und Tanten archiviert: dieses wunderbare kulinarische Dingsymbol der 1960er. Einerseits noch ganz Zeichen für den Überfluss der Fresswelle: Man isst jetzt Käse ohne Brot! Andererseits aber auch schon ein Vorbote der Verfeinerung (S. 103): »die neue Art Käse zu essen – Käse aus Holland: Das muß man gesehen haben, feine Holzstäbchen in Käsewürfel gespießt, die man einfach zum Munde führt, ohne Brot!« Yesss! Und dann gibt es doch auch diese Delius-Denkschrift »Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser« (1984). War er ein früher Vegetarismus-Apologet?

Reichardt: In den beiden von dir genannten Beispielen stehen Lebensmittel, steht Essen vor allem für die Konsum- und Überflussgesellschaft. In »Amerikahaus« wird das Treiben auf der Grünen Woche beschrieben, auf der nach Jahren der Entbehrung, des Hungers, nun endlich wieder geschlemmt werden darf. Und in »Verteidigung der Gemüseesser« geht es ja um den Zusammenhang von Hunger und Wohlstand, um die Industrieländer, die auf Kosten der sogenannten Dritten Welt leben. Dieser kritische Blick auf Lebensmittel wird auf jeden Fall von vielen Veganerinnen und Veganern geteilt.

Der Umblätterer: Ein Satz wie für die taz. Vielen Dank für das Gespräch. Und alles Gute für die Verteidigung deiner Delius-Diss.!
 

Constanze Reichardt hat in Leipzig, Oslo und Göttingen Germanistik, Anglistik und Politikwissenschaft studiert. An der FU Berlin hat sie vor wenigen Wochen ihre Doktorarbeit zur Begutachtung eingereicht. Sie untersucht darin, welche Rolle politische Mythen in den Romanen »Ein Held der inneren Sicherheit«, »Mogadischu Fensterplatz« und »Himmelfahrt eines Staatsfeindes« spielen. Betreut wurde die Arbeit von Prof. Irmela von der Lühe.

 

Von Berlin nach Baden-Baden

Berlin, 26. Oktober 2011, 07:59 | von Josik

Sophie Rois hatten wir schon lange nicht mehr schreien hören, deshalb entschlossen wir uns, mal wieder in die Volksbühne zu gehen. Wir waren zwar erst vier Tage zuvor dort gewesen, aber nur im Roten Salon, wo das neue und natürlich neuartige Computerspiel »TwinKomplex« vorgestellt wurde, für das berühmte Fassbinder-Schauspieler wie Irm Hermann leibhaftig Videosequenzen eingespielt haben.

Weil »Der Spieler« ja einer der kürzeren Dostojewskis ist, kann, so dachten wir, die Inszenierung auch nicht soo lange dauern. Ein Irrtum! Schon der Titel war gefaket, es ging hauptsächlich gar nicht um den »Spieler«, sondern unter anderem um das viel weniger bekannte, aber noch viel bessere »Krokodil«, und wie immer bei Castorf waren die Videosequenzen und Sophie Rois’ Geschrei am besten.

In der Pause bekamen wir heraus, dass das Stück noch bis Mitternacht dauern sollte, insgesamt also fünf Stunden. Natürlich wollten wir aber auch noch ein Bier trinken und gingen deshalb unverzüglich in eine der umliegenden Kneipen. Wir kamen wieder auf die Berlin-Wahl zu sprechen und die wundervolle Szene vom Wahlabend, als das SPD-Parteivolk einem von Wowereit in der Hand gehaltenen Teddybären zujubelte.

Außerdem erfuhr ich von der hochschwangeren Kellnerin, dass »TwinKomplex«, das Computerspiel aus dem Roten Salon, von Leuten entwickelt wird, die früher mal »Lettre International« geleitet o. ä. haben, und dass Dostojewski in Moskau geboren ist!

Weniger schön war der Nachhauseweg. Ganz entgegen meiner Gewohnheit ging ich nicht zu Fuß, wie es Rousseau, Kant, Franz Hessel und eben alle großen Denker vorgemacht haben. Sondern weil ich am Hackeschen Markt eine S-Bahn schon dastehen sah, sprang ich vor lauter Freude gleich hinein und fuhr los.

Seit nunmehr anderthalb Jahren war ich wegen des S-Bahn-Chaos immer entweder gelaufen oder U-Bahn gefahren, und kaum schloss sich die Tür, wurden natürlich die Fahrscheine kontrolliert. Es gab nichts drum herumzureden, weder hatte ich überhaupt nur daran gedacht, dass ich ein Ticket brauche, noch hatte ich damit gerechnet, dass die S-Bahn nach so vielen Jahren Chaos plötzlich wieder Kontrolleure ausschickt.

Ich ließ mir sofort den Überweisungsschein aushändigen. Die 40 Euro Strafe musste ich dann an die infoscore Forderungsmanagement GmbH überweisen, die kurioserweise in 76532 Baden-Baden sitzt, wo ja auch schon Dostojewski usw. usw.