Lost: 6. Staffel, 4. Folge

Paris, 27. Februar 2010, 10:23 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »The Substitute«
Episode Number: 6.04 (#106)
First Aired: February 16, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

Nachdem Fake-Locke, a.k.a. NotLocke, a.k.a. Jacobs Erzfeind, a.k.a. Der Antagonist, a.k.a. The Man in Black usw. in Folge 3 abgetaucht war, geht es in Folge 4 hauptsächlich um dieses allegorische Mischwesen. Achtung, es wird mal wieder leicht lächerlich:

1. – Insel-Plot

Unser Inselaufenthalt beginnt mit einer Kamerafahrt aus dem Point of View des Rauchmonsters. Eigentlich ja mal eine gute Idee. Nach ein bisschen Achterbahnfahren verwandelt sich das Rauchvieh aber schon wieder in Fake-Locke und hebt eine verrostete Machete vom Boden auf.

Damit befreit er nun Richard, den er in der Zwischenzeit in einem Netz oben im Wipfelbereich zwischengelagert hatte: »time to talk«. Die Gestalt John Lockes habe sich Fake-Locke gegeben, da sie ihm Zugang zu Jacob ermöglicht habe, da Locke ein what-so-ever candidat gewesen sei. Es folgt etwas faustischer Schmus, Fake-Locke zu Richard: »Come with me, and I promise, I’ll tell you everything!« Aber Richie Boy will nicht. Die Erscheinung eines blondschopfigen Jungen beunruhigt Fake-Locke, er macht sich von dannen.

Er sucht Sawyer im verlassenen Dharma-Dorf auf. Dieser wundert sich nicht über die Präsenz von Locke: »I don’t give a damn if you’re dead, or time-travelling, or the Ghost of Christmas Past.« Das dürfte auch vielen Zuschauern aus dem Herzen sprechen, hehe. Dann verspricht mit Fake-Locke mal wieder jemand das Blaue vom »Lost«-Himmel, die Antwort auf die »most important question in the world«: »Why are you on this island?!«

Ok, Sawyer folgt dem gefakten Locke, und wieder begegnen wir dem blonden Jungen, der zunächst von Fake-Locke gejagt wird, ihn dann aber zurechtweist: »You know the rules! You can’t kill him!« Und der Fake-Locke antwortet lustigerweise mit dem Mantra des realen, jetzt toten Locke: »Don’t tell me what I can’t do!«

Zwischendurch trifft Sawyer auf dem weitläufigen Inselgelände ganz zuuufällig noch auf Richard, der ihn zum Temple mitnehmen will. Aber er will nicht, und Richard tritt in dem Moment wieder ab, in dem Fake-Locke wieder auftritt. Ein ziemlich unmotiviertes Erscheinen und Verschwinden von Figuren, über so was hat sich ja schon Lessing in der »Hamburgischen Dramaturgie« kaputtgelacht, und zwar zu Recht, hehe.

Als Nächstes gibt es ein wenig Bildungsfernsehen: Sawyer erzählt Fake-Locke von Steinbecks »Of Mice And Men«, der Stelle am Schluss, als George dem armen Lennie ein Loch in den Hinterkopf schießt, um ihn vor der Lynchjustiz der heranrückenden Menge zu bewahren. Sawyer hält nun auch Fake-Locke at gunpoint, um Lennies Schicksal nicht zu teilen. Aber Fake-Locke spricht, zu Trähnen rührend, von seinem eigenen Problem: Er sei trapped, er sei auch mal ein Mensch gewesen, »like you«, und ist nun offenbar eine Art Geist in der Flasche. Sawyer lässt dann auch von ihm ab und folgt ihm zu einer Felsklippe.

Die beiden klettern eine Leiter hinab, direkt Richtung Hades, scheint’s. Es folgt natürlich noch ein bisschen alpine Dramatik, Sawyer rutscht von der Leiter ab, Kampf am Berg, Mann gegen Leiter, und Fake-Locke rettet ihn. Sie gelangen unten in eine kleine Höhle. Dort steht eine Waage mit ein paar Steinen als Gewichten. Fake-Locke nimmt einen weißen Stein vom einen Ende der Waage und wirft ihn ins Meer, ein »inside joke«, haha.

Dann wird es wieder halbwegs interessant: An der Höhlendecke stehen die Namen der Oceanic-Abstürzler, einige davon sind durchgestrichen, jedenfalls: »that’s why you’re all here«. Jacob habe die Namen da hingeschrieben. Die Namen sind mit Zahlen kombiniert, einige Lostianer haben die bekannten »Lost«-Zahlen bei sich stehen, wohl ein Fingerzeig auf die nahende Auflösung. Dieses wohlfeile »Lost«-Sudoku lädt aber erst mal noch zum Gähnen ein: 4–LOCKE, 8–REYES, 15–FORD, 16–JARRAH, 23–SHEPHARD, 42–KWON.

Es gehe jedenfalls im großen Ganzen um den Schutz der Insel. Es folgen weise Worte von Fake-Locke, die weisesten seit dutzenden Folgen: Die Insel müsse eigentlich vor niemandem geschützt werden, das sei eben der Witz. Und dass sie deshalb lieber allesamt nach Hause gehen sollten. Sawyer: »Hell, yes!«

Meanwhile, am Strand. Ilana will Erklärungen von Ben, der ihr sagt, Locke habe sich in das Monster verwandelt und habe Jacob und Ilanas Kumpel gekillt. Ilana ruft zum Aufbruch, sie kriegt auch Sun dazu, mit der Aussicht auf ein Wiedersehen mit Jin, später, im Temple. Aber unser wallonischer Freund Tao von Critik en séries hat sicher Recht, wenn er vermutet: « Mais s’ils doivent se retrouver, j’ai l’impression que ce ne sera pas avant les ou le dernier épisode de la série. »

Vorher findet aber noch das Begräbnis des realen Locke statt. Das hätte der auch nicht gedacht, dass sein letztes Geleit mal aus Sun, Ilana, Chopper-Frank und Ben Linus bestehen würde. Ben hält die Grabrede auf den »man of faith«, darin der schöne Halbsatz: »and I’m very sorry I murdered him«.

2. – L.A.-Plot (Nicht-Absturz-Welt)

Locke zu Hause bei seiner Frau Helen, die beiden stecken in Hochzeitsvorbereitungen. Helen findet die Visitenkarte von Jack, Locke findet seine Begegnung mit ihm eher wenig anschlussfähig, aber Helen sagt: »Maybe it’s destiny.«

Da Locke nicht auf der Konferenz in Sydney war, wird er nun gefeuert. Kurz darauf begegnet er Hurley, der glücklicherweise der zuständige Firmenchef ist und Mitleid mit ihm hat. Er verweist ihn an eine ihm gehörende Arbeitsvermittlung. Dort trifft Real-Locke nach einigen Umwegen bei der Jobberatung (»What kind of animal would you describe yourself as?«) auf Rose. Als Ergebnis landet er als Aushilfslehrer an einer Schule.

Im Lehrerzimmer begegnet er dann, *huch*, einem pseudobebrillten Ben Linus, Lehrer für Europäische Geschichte, der den Aushilfslehrer Locke herzlich willkommen heißt. Da fragen wir uns doch endlich mal folgsam, was sich auch Tao fragt: « Je me demande toujours quel est le but de ce monde parallèle. »

(Morgen folgt hier der kulturhistorische Recap zu Folge 5, dann sind wir wieder auf der Höhe und bleiben dann aktuell, soweit zumindest DER PLAN. Dienstagabend »Lost«, Mittwochmorgen Umbl-Recap.)

Lost: 6. Staffel, 3. Folge

Paris, 26. Februar 2010, 08:10 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »What Kate Does«
Episode Number: 6.03 (#105)
First Aired: February 9, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

Sayid: »Jack, what happened to me?«
Jack: »Erm, you died.«

Ein Sinnlosdialog wie aus einem Helge-Schneider-Roman. Weiter geht’s mit den lustigen Drehbuchideen der TV-Megaserie »Lost«. Fake-Locke und die Strandtruppe kommen in dieser dritten Folge nicht vor, wir haben es also nur mit den beiden anderen aktuellen Schauplätzen zu tun:

1. – Der Temple-Plot

Sayid, der Lazarus der Stunde, ist wieder am Start. Alle wundern sich natürlich, aber der japanische Tempelherr Dogen und sein Dolmet­scher, der übrigens aussieht wie ein besonders bösartiger Sozialarbeiter, diese beiden wundern sich anders über Sayids Resurrection.

Der japanische Tempelboss führt ein Elektro-Experiment an Sayids Körpers durch, wirklich nicht sehr feinfühlig, und am Ende steckt er noch eine glühende Speerspitze in dessen vormalige Wunde. Der Übersetzer, dieser Hallodri mit Nickelbrille, lässt ihn danach wenigstens wissen, dass er den Test bestanden habe. Im Gespräch mit seinem Boss wird aber klar, dass das nicht zu stimmen scheint. Und was das jetzt für ein meschuggener Test war: Auf diese Information sollen wir spannungsgeladen warten. Ziemlich billige Erzeugung von Suspense.

Jack soll auf Anweisung der Tempelherren Sayid irgendeine Pille verab­reichen, denn sonst: »The infection will spread.« Dogen redet Jack mit ein wenig Rhetorik die Schuldrolle ein (Sayid sei wegen ihm verwundet etc.), um ihn willfährig zu machen. Es folgt eine Cowboy-Unterhaltung zwischen Jack und Sayid, ob der jetzt die Pille schlucken soll oder nicht, »Matrix« für Minderbemittelte.

Dogen spielt derweil mit einem Baseball, Jack stößt zu ihm. Who are you, fragt Jack. Dogen: »I was brought here like everyone else.« Weil Dogen ihm nicht sagen will, was die Pille enthält, die er Sayid verabreichen soll, provoziert Jack drauflos und schluckt kurzerhand die Pille selbst, aber Dogen prügelt sie ihm wieder heraus, es sei nämlich Gift drin, aha.

Dann rücken Japaner und Dolmetscher endlich mit einer Information heraus: Sayid solle sterben, weil er »claimed« sei. Eine Dunkelheit werde sein Herz ergreifen und ihn ziemlich abfucken, das sei jedenfalls auch Jacks Schwester passiert, also: Claire.

Sawyer ist unterdessen entflohen mit den Worten »don’t come after me!«, aber natürlich wird ihm dann doch gefolgt, Kate und Jin sollen ihn holen gehen. Zusammen mit zwei Aufpassern der Others (Aldo und Justin) machen sie sich auf den Weg. Kate haut dann die beiden Others um, schnappt sich ihre Waffen und sucht das sogenannte Weite.

Im verlassenen Dorf der Others (uuaaahh, unheimlich!) trifft sie auf Sawyer, den sie beim Trauern beobachtet. Auf einem romantisch gelegenen Bootssteg unterhalten sie sich über Juliet und die jüngsten Ereignisse, was-wäre-wenn bis zum Erbrechen, Sawyer meint, er habe Juliet heiraten wollen usw. usf., Kate heult. Auf dem Reißbrett entstandenes Gefühlstheater.

Irgendwo in der Nähe wird Jin festgenommen, seine beiden Festneh­mer werden aber abgeschossen, und zwar von: Claire. Sie ist also zurück und sieht jetzt verstört und dschungelig aus wie einstmals die Inselfranzösin Rousseau.

2. – L.A.-Plot (Nicht-Absturz-Welt)

Kate ist im von ihr usurpierten Taxi zunächst gar nicht nett zu Claire. Der Taxifahrer und Claire machen sich irgendwann aus dem Staub, Kate befreit sich in einer Werkstatt von den Handschellen. Beim Umkleiden entdeckt sie in Claires Tasche ein paar Kindersachen, darunter einen schönen Plüschdelfin, der sie ganz sentimental stimmt.

Sie pickt Claire wieder auf und fährt sie zu ihrem ursprünglichen Zielort, den Adoptivmenschen, die Claires Baby haben wollen. Claire und Kate sind dann fast so Thelma-&-Louise-mäßig unterwegs.

Die Adoptiveltern in spe sind aber inzwischen schon nicht mehr zusammen, das wird also nix werden mit der Babyweitergabe, und vor lauter Schreck macht sich Claires Baby bemerkbar, auf ins nächste Krankenhaus! Dort dann große Überraschung: Ethan arbeitet da als Weißkittel, »Dr. Goodspeed«, und macht eine gute Figur als beruhigen­der Doktor in komplett doktoraler Profiart, ein interessanter Charakterwechsel.

Dann taucht die Staatsgewalt auf und sucht nach Kate, aber Claire wimmelt die Uniformierten ab. Dann verabschieden sich die beiden »Lost«-Mädels freundlich voneinander, Kate geht.

(Morgen weiter mit Folge 4.)

Ein Essen mit San Andreas

Hamburg, 25. Februar 2010, 18:56 | von Dique

Wir sitzen auf eine Thaisuppe im Cha Cha. Zwei Schlucke vom Bier und ein paar Löffel Suppe, und auf einmal springt San Andi auf, schreit, dass er weg müsse. Ich frage mich, was los ist, vielleicht Besuch, der mit Koffern vor der Wohnung steht? Er sprudelt heraus, dass er Kinokarten habe, wohl die Preview für den neuen Scorsese-Film. Er wirft sich die Jacke über, sagt nervös, dass er das nie schaffen werde, und verschwindet, fairerweise ließ er noch Geld für sein Essen zurück.

Ich saß dann allein dort, vor mir mein Bier und meine Suppe, auf der anderen Tischseite das gleiche Bild, nur ohne Esser. Ich habe dann mein Buch ausgepackt, die extremst gute Rudolf-II.-Biografie von Gertrude von Schwarzenfeld (1. Aufl. 1961), und beim Lesen meine Suppe gegessen und langsam mein Bier geleert und später noch einen Schluck von San Andis Bier getrunken, die Suppe ging zurück. Ein Essen mit San Andreas.

Lost: 6. Staffel, 1. und 2. Folge

Paris, 25. Februar 2010, 08:00 | von Paco

Achtung! Spoiler!
Episode Title: »LA X (Parts 1 + 2)«
Episode Number: 6.01+02 (#103+#104)
First Aired: February 2, 2010 (Tuesday)
4: 1-2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13/14
5: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16/17
6: 1/2-3-4-5-6-7-8-9-10-11-12-13-14-15-16-17/18

»Lost«, 6. Staffel, wir sind ein bisschen hinterher, auf geht’s.

Das Gute zuerst: Gleich zu Beginn dieser initialen Doppelfolge wird ein alternativer Zeitstrang eingeführt, diesmal ganz ohne Weißflash-Orgien. Auf dieser zusätzlichen Erzählebene stürzt der Flug Oceanic 815 nicht ab und kommt demzufolge also im September 2004 wohlbehalten in L.A. an, vielleicht als Ergebnis der Jughead-Explosion am Ende von Staffel 5. (Die Spiegel-Online-Recapper nennen es die »Nicht-Absturz-Welt«, diese Bezeichnung übernehme ich mal.)

Trotzdem läuft natürlich der 2007er Zeitstrang auch weiter, und da kommt mit dem Temple eine neue Insel-Location dazu, neue Klischeecharaktere, neues mystisches Geraune und Getue, und außerdem wird dort weiter am mythologischen Überbau gearbeitet (Jacob vs. böser Erzfeind).

Vor lauter Enträtselungssucht scheint den meisten zu entgehen, wie bescheuert sich auf dieser Ebene Plot und Charaktere entwickelt haben. Jack hat alle paar Minuten dieses angepisste Überraschungs­grinslachen im Gesicht. Ben ist vom coolen Machtbolzen zum Lutscher geworden, der nur noch blöd in den Kulissen herumlungert. Sawyer ist vom Slanger und Checker zum romantischen Vollpfosten abgestiegen. Mit andern Worten: Diesen ganzen Zeitreisemist der Vorgängerstaffel haben die Figuren nicht gut überstanden.

Unter den neu eingeführten Charakteren sticht sofort dieser nicht Englisch sprechen wollende Japaner hervor (wir werden erst am Ende von Folge 3 erfahren, dass er sich Dogen nennt). Der ist von Anfang an eine auf Big Mystery machende Klischeefigur à la »Lost«. Allein dieser kaftanartige Umhang, den er trägt und der aussieht wie eine billige Longjacke von Quelle. Dogen ist irgendwie der Häuptling einer versprengten Others-Gruppe, die im Temple residiert. Nebenbei, dieser Bau sieht aus wie eine Maya-Pyramide für Arme und wirkt so billig zusammengeklebt wie damals das Pappmaché-Drehrad, mit dem Ben die Insel hat verschwinden lassen.

Der »Lost«-Stil scheint endgültig an sein kreatives Ende gekommen zu sein. Schon 150 Mal wurde in der Serie jemand im Dschungel abgegriffen und irgendwohin abgeführt. Und das geht einfach so weiter. Dann finden durch diverse Umgruppierungen Leute wieder zusammen und fragen sich gegenseitig, wo sie gewesen sind, erhalten als Antwort dann aber nie mehr als irgendwelche ungenauen Mystikkommentare. Das, liebe Freunde, ist die totale ERZÄHLHÖLLE. Und man will gar nicht mehr darüber nachdenken, welche Pfeile am Figuren-Reißbrett wohin gezogen worden sind von den Autoren, um einerseits das Serienende eine weitere Staffel lang hinauszuzögern und die Serie dann andererseits irgendwie doch noch zu Ende zu schaukeln.

Aber der Reihe nach: drei Schauplätze, zwei Zeitebenen.

1. – Flugzeug und Flughafen, September 2004

In der Nicht-Absturz-Welt wird Oceanic 815 zwar von irgendeiner Luftwelle erfasst, aber es geht alles gut. Die »Lost«-Insel wird reibungslos überflogen, und das wissen wir so genau, weil die Kamera kurz auf Tauchfahrt geht, durch die Wolken hinab und bis auf den Meeresgrund hinunter, wo ein vom Wasser verschlucktes Dharma-Dorf durchflogen wird bis hin zum ebenfalls unter Wasser befindlichen vierzehigen Statutenfuß. Nicht so schlecht, das sieht dann gleich wie eine Atlantis-Story aus, mal sehen.

Ansonsten hat Jack an Bord einen kurzen Chat mit der Stewardess Cindy, die wir nachher auch auf der Insel unter einer Abordnung der Others wiedertreffen. Außerdem begegnet Jack noch kurz Desmond (»Do I know you from somwhere?«), der ja zeitgleich eigentlich einen Button im Hatch zu drücken hat. Und es gibt ein Wiedersehen mit dem am Ende von Staffel 3 abgesoffenen Charlie, der jetzt hier im Flugzeug bewusstlos auf der Toilette liegt und von Jack gerettet wird.

Irgendwann landet Oceanic 815 ganz normal in L.A., eine nachdenkliche-süß-saure Happy-End-Melodie setzt ein, alles wird in Zeitlupe getaucht.

Im zweiten Teil der Doppelfolge geht es im L.A.-Plot dann vor allem um Kates Flucht. Es gelingt ihr, den Marshal loszuwerden, sie klaubt sich noch seine Pistole und wuuuuush, weg ist sie. Sie flieht weiter in ein Taxi, wo neben ihr dann die schwangere Claire sitzt. Ansonsten ist nicht viel los auf dem Flughafen: Der Sarg von Jacks Vater ist abhanden gekommen. Der wartende Jack verfängt sich in ein Gespräch mit Locke und gibt ihm seine Visitenkarte mit Aussicht auf Hilfe für den Querschnittsgelähmten (»Nothing is irreversible!«).

2. – Auf der Insel, nach Jacks Atombombenabwurf

Falls der weiß aufgeblendete Bildschirm am Ende von Staffel 5 einer Detonation gleichzusetzen ist, dann war das eine physikalisch recht merkwürdige Angelegenheit. Denn der Stammcast liegt lediglich bewusstlos irgendwo im Dschungelgras herum und versammelt sich jetzt wieder, als sei nichts geschehen (Kate, Jin, Jack, Sawyer, Miles, später kommen Hurley und Sayid dazu). Sie finden dann auch noch die Überreste des zerstörten Swan-Hatch, der nach dem Atombomben-Incident im Jahr 1977 eigentlich gar nicht hätte gebaut werden dürfen.

Die an Goethes »Wahlverwandtschaften« angelehnte Vierecksstory zwischen Juliet, Sawyer, Kate und Jack wird auf die nächste Ebene gewuchtet. Sawyer ist jetzt nämlich sehr sauer auf Jack, weil er Juliet auf dem Gewissen habe. Noch aber ist Hoffnung, eifrig graben die gebeutelten Lostianer einem leisen Wimmern entgegen, und tatsächlich, Juliet ist blutüberströmt, wie sich das nach einem Sturz in den Brunnen und einer kurz darauf folgenden Atombombenexplosion gehört, hehe, lebt aber noch so ein bisschen.

Die Schreiber wollten hier ganz offensichtlich noch mal die unaushaltbar emotionale Abschiedsszene vom Ende der 5. Staffel wachrufen, die kam bei den Fans ja supergut an (cf. noch mal das sablog). Juliet und Sawyer knutschen jedenfalls, blutverschmiert und schweißgebadet, Kate schaut zu, Jack schaut zu, alle schauen zu. Dann stirbt Juliet doch noch, ca. eine Sekunde, bevor sie Sawyer noch etwas Ultrawichtiges sagen kann. Der saure Sawyer zu Jack: »You did this!«

Nachdem Sawyer Juliet begraben hat, sucht er die Nähe zu Miles, der ja auch als Transmitter für Nachrichten von Toten arbeitet. Er horcht ins Grab hinein: »It worked!«, das wollte Juliet noch gesagt haben kurz vor ihrem Tod. »What worked?«, will Sawyer wissen, und wir mit ihm, aber statt Miles weiter zu befragen, macht sich Sawyer von dannen, wie logisch!

Irgendwo um die Ecke hat die Kamera wieder mal ein wenig tiefgrünes Inselgras eingefangen, bis aus dem Nichts Jacob erscheint und Hurley um ein kurzes Gespräch bittet. Jacob, eigentlich ja von Ben ordnungs­gemäß gekillt und danach verbrannt, gibt hier, sicher nicht zum letzten Mal, den Deus ex machina und spornt Hurley mit wichtigen Anweisun­gen an. Außer Hurley könne ihn übrigens keiner sehen, meint Jacob noch, »because I died an hour ago«. Dieser Satz ist mindestens genauso schlecht wie Faradays einstiges »I’m from the future!« in Folge 5.14. Wie auch immer, Hurley soll Sayid zum Temple bringen, und die anderen, bis auf Sawyer und Miles, begleiten ihn selbstverständlich, Jin weiß, wo’s langgeht.

Sie erreichen ein altbekanntes Gemäuer mit einem Loch darin und steigen hinab. Im ersten Raum finden sie einen der toten Franzosen (Opfer des Rauchmonsterviechs), sie schütten einen Proviantsack aus, ein Buch von Kierkegaard ist darin, »Crainte et tremblement«, mal wieder das typische pseudointellektuelle Namedropping der »Lost«-Autoren. (Ist übrigens ein schönes kleines 100-Seiten-Buch, das wir auch in unseren Kanon der schönen kleinen 100-Seiten-Bücher aufgenommen haben.)

Während die Lostianer die unterirdischen Gänge durchforsten, werden sie wieder mal überfallen, nach draußen geführt und at gunpoint gehalten. Eine wieder neue Abteilung Waffennarren führt sie rüber zum Temple. Die dort dann dazueilenden Tempelritter haben auch die Stewardess Cindy unter sich, die ihren unfreundlichen Kompagnons mitteilt, dass die Neuankömmlinge aus dem »first plane« stammen, wie sie selber auch. Wie Cindy zu dieser Others-Abteilung gelangt ist, keine Ahnung.

Jedenfalls tritt als Anführer dieser Dogen auf und befiehlt die sofortige Erschießung aller Aufgegriffenen. Darauf Hurley: »Jacob sent us!« Und das ist die Rettung, das Zauberwort, allerdings nur gepaart mit dem Addendum: »He gave me that guitar case!« Im Gitarrenkoffer findet sich ein großes hölzernes Anch-Kreuz, vor dem sich der Japaner kurz verbeugt, bevor er es über dem Knie zerbricht und ihm einen Zettel entnimmt. Sayid muss gerettet werden! Das steht da angeblich. Sonst seien alle seriously fucked, auch die Tempelritter.

Im Inneren des Temples gibt es einen riesigen Whirlpool. Dogen schneidet sich die Hand auf und hält sie blutig ins Wasser. Danach wird Sayid gebadet, eine Art Mikwe vielleicht, aber dann sieht es doch nach klassischer Ersäufung aus, und dann scheint er auch tatsächlich abgenippelt zu sein.

Etwas später gibt Dogen dann den Klischeejapaner, der in seinen Privatgewölben seine Pflanzen zurechtschneidet. Hurley wird zu ihm gebracht und wundert sich, warum Dogen zwar Englisch versteht, es aber nicht spricht. Darauf eine coole Antwort: »I don’t like the way English tastes on my tongue!« Hurley verklickert Dogen und seinem Dolmetscher, dass Jacob tot sei, und sofort ist Action im Bienenstock! Eine rote Signalrakete wird abgesetzt, »to keep him out«, und da raten wir mal, wer das sein wird.

Als Cliffhanger der Doppelfolge gibt es einen von den Toten auferstehenden Sayid, der mit ultrabläädem Gesichtsausdruck fragt: »What happened?«

3. – Auf der Insel, am Strand beim Statuenrest

Und noch ein Schauplatz: Im Bunker unter dem Statuenrest hängen der Fake-Locke und ein konsternierter Ben herum, der mit seinem Mord an Jacob hadert: »Why didn’t he fight back?!« Draußen sieht Ben den Leichnam des echten Locke und tut verständnislos. Statt wie befohlen Richard mitzubringen, wird Ben von ein paar Gewehrleuten zurück in diese Bunkersituation gestoßen. Es sind Jacob-Leute, die auf den falschen Locke zu schießen beginnen, der aber irgendwann einfach weg ist und als Rauchmonster samt Klapperschlangengeräusch zurückgesaust kommt.

Jedenfalls schleudert das Black Smoke Monster die Jacob-Leute ein paar Mal um ihre eigenen Gedärme. Einer kann sich retten durch einen Kreis, den er um sich zieht, aber dann fällt er um, der arme Kerl, und wird vom Monster malträtiert. Richtig schlimm ist dann die Deutlichkeit, die dem Geschehen aufgepfropft wird. Der Fake-Locke sagt zu Ben, der das alles beobachtet hat: »Sorry you had to see me like that.« Man muss diese Aussage mal auf Deutsch hier hinschreiben, um den Horror der Explizitheit, der hier sicher noch nicht seinen Gipfel erreicht hat, nachzuvollziehen: »Äh, tschuldige, dass ich mich grad in ein Rauchmonster verwandeln und diese Typen durch die Luft schleudern musste, kommt nicht wieder vor.«

Im zweiten Teil der Folge äußert der Fake-Locke gegenüber Ben dann seinen dringlichsten Wunsch: »I want to go home!« Er ist also wahrscheinlich so eine Art E.T. des 21. Jahrhunderts, hehe. Aber egal, draußen sehen die Others um Richard die rote Signalrakete. Fake-Locke kommt dann aus dieser Bunkerhalle stolziert, haut Richard ordentlich zusammen, schultert ihn und trägt ihn davon. »I’m very disappointed, in all of you!«, schreit er der Strand-Crowd noch zu.

Soweit, Recap zur dritten Folge kommt morgen.

Musil to Zweig: »Drop dead!«

Lyon, 24. Februar 2010, 14:04 | von Charlemagne

Ab und zu, wenn ich nicht gerade neuere deutsche Literaturgeschichte in Harlem zusammenflicke, lese ich die »London Review of Books«. Die liegt hier immer herum, selbst die fünf ältesten Ausgaben sehen aus, als wären sie nie gelesen worden und so kann man ein paar schöne Stunden verbringen.

Zunächst hatte ich auch etwas Interessantes darin gefunden, hatte aber keine Einleitung. Nachdem die Einleitung hier aber alles ist, bin ich aus dem Lesesaal ins Leben, in der Hoffnung, über eine schöne Einleitung zu stolpern.

Als ich dann vor ein paar Minuten an einer Französin vorbeiging, die sich eine Pepsi aus dem Automaten zog, dachte ich mir, Wahnsinn, großartig, endlich muss ich nicht mehr über eine Einleitung für diesen wunderbaren Satz aus dem Artikel von Michael Hofmann, »Vermicular Dither«, nachdenken und kann ihn hier einfach zitieren (LRB, Vol. 32 No. 2):

»Stefan Zweig just tastes fake. He’s the Pepsi of Austrian writing.«

Wie Michael Hofmann da, angesichts der Neuübersetzung von »The World of Yesterday«, mit Stefan Zweig abrechnet, großes Vergnügen. Am schönsten ja, wie sich selbst Robert Musil von Zweig nicht nur die Laune, sondern ganze Kontinente verderben lässt:

»The veteran Germanist Hans Mayer remembers a visit to Musil in Switzerland in 1940; Musil couldn’t get into the USA, and Mayer was suggesting the relative obtainability of Colombian visas as a pis aller. Musil, he wrote, ›looked at me askance and said: Stefan Zweig’s in South America. It wasn’t a bon mot. The great ironist wasn’t a witty conversationalist. He meant it … If Zweig was living in South America somewhere, that took care of the continent for Musil.‹«

Eine alte Anekdote, klar, aber man kann sie ja ab und an mal wieder hervorkramen, so wie das eben Anekdoten-Hofmann in der LRB gemacht hat.

Usw.

Trick 17 erfolgreicher Leserbriefschreiber

Konstanz, 23. Februar 2010, 19:24 | von Marcuccio

Die neue Krabbelgruppe trifft sich ab sofort immer sonntags auf den einschlägigen Spalten der FAS:

Leserbriefzitat (eigenes Foto)
(FAS vom 07.02.2010, S. 34)

Das Original geht zwar mit Tieren, doch Babyfotos heben die Chancen auf Abdruck im Sinne der hier schon mal durchexerzierten Rules of Cuteness erheblich. Wer ganz sicher gehen will, nimmt außerdem an einer distinktionstauglichen Vornamenberatung teil (»Karl-Friedrich«). Und Achtung: Der Trick funktioniert nur sonntags. Ein Foto in den werk­täglichen Leserbriefspalten – das gab’s in 60 Jahren FAZ glaub ich noch nie.

Unser Mann in New York: »It’s vild here!«

Lyon, 22. Februar 2010, 14:02 | von Charlemagne

Habe nach dem Mittagsschlaf, inspiriert durch David Wagners gerade bei Twitter stattfindenden Umzug, ein paar alte Ausgaben der »New York Review of Books« durchgearbeitet und bin dort auf einen lange vergessenen Aufsatz von Zadie Smith gestoßen, »Speaking in Tongues«. Wie immer bei Zadie Smith: sehr gut, im Ton wie im Inhalt usw. usf., aber besonders interessant war folgende Stelle, die sich am Obama-Wahlabend abspielt:

»I was at a lovely New York party, full of lovely people, almost all of whom were white, liberal, highly educated, and celebrating with one happy voice as the states turned blue. Just as they called Iowa my phone rang and a strident German voice said: ›Zadie! Come to Harlem! It’s vild here. I’m in za middle of a crazy Reggae bar – it’s so vonderful! Vy not come now!‹

I mention he was German only so we don’t run away with the idea that flexibility comes only to the beige, or gay, or otherwise marginalized. Flexibility is a choice, always open to all of us. (He was a writer, however. Make of that what you will.)«

Den Namen dieses deutschen Autors erwähnt Zadie Smith nicht. Ich hatte aber heute morgen ein bisschen in »Klage« geblättert und war beim Eintrag vom 19. April 2007 hängen geblieben.

Rainald Goetz hat diesen Eintrag mit »Holzfällen« überschrieben und also von Bernhard gehandelt sowie von einem fragenden Daniel Kehlmann, »der mit seinen praktisch textfreien Büchern die gehobene Angestelltenkultur vertritt«. Wie auch immer, in diesem Zusammen­hang fiel mir eine Interviewstelle wieder ein, siehe den »Spiegel« Nr. 46/2008, S. 175:

SPIEGEL: Herr Kehlmann, Sie sind extra nach New York geflogen. Wie haben Sie die Wahlnacht erlebt?

Kehlmann: Zunächst bei einer privaten Party auf der Upper East Side, dann auf einer großen Wahlparty in einem Lokal in Harlem. Es war überwältigend, in diesem Moment in Harlem zu sein, wirklich überwältigend. Das war ja nicht nur ein Augenblick, es dehnte sich über Stunden.

Soweit diese kleine Synopse zwischendurch, und egal, ob es nun vild oder vonderful oder einfach nur überwältigend war, eigentlich sollte man eine andere Stelle dieses kurzen Interviews genauer durchkauen, aber dazu hätte ich länger schlafen müssen.
 

Die menschliche Seite der Supply-Side Economics

Lyon, 21. Februar 2010, 15:26 | von Charlemagne

Mein Lieblingsbäcker hier in Lyon begrüßt mich immer als »Monsieur Charlemagne«, wegen Akzent und Brotwahl. Ab und zu legt er mir eine Handvoll Chouquettes mit in den Beutel und fragt so strahlend, wie nur Franzosen strahlen können, ob »tout va bien?«, und das passt dann gar nicht dazu, dass er mich an Nouriel Roubini erinnert.

In der Zwischenzeit hatte nämlich jenseits des Atlantiks eine bestim­mte Form der Berichterstattung, der Finanzkrisenjournalismus, eine vorreitende Rolle eingenommen. Im Unterschied zum klassischen Journalismus aus dem Wirtschaftsressort, geprägt durch so trockene wie besserwisserische Publikationen wie das »Wall Street Journal«, »Barron’s«, »Forbes« und uninspirierte Artikel, die zum zehnten Mal erklären, wie sich eine Handvoll Credit Default Swaps, kurz CDS, in eine Collateralized Debt Obligation, kurz CDO, verpacken lassen, spielt der Finanzkrisenjournalismus nun auch stets auf die, uargh, »menschliche Komponente« an.

Und lässt sich dabei nicht durch Fakten davon abhalten, wunderbarste Stücke am Rande der Fiktion zu schreiben, um das Thema doch irgend­wie interessant zu machen. Deutlich wurde das zum ersten Mal, als das »New York Times Magazine« ein Portrait über den Finanzkrisen­vorausseher Nouriel Roubini, ominös »Dr. Doom« betitelt, brachte und ihn wie folgt beschrieb:

»With a dour manner and an aura of gloom about him, Roubini gives the impression of being permanently pained, as if the burden of what he knows is almost too much for him to bear. He rarely smiles, and when he does, his face, topped by an unruly mop of brown hair, contorts into something more closely resembling a grimace.«

Nun wird als »Dr. Doom« eigentlich Marc Faber bezeichnet, der den »Gloom Boom & Doom Report« verfasst, ein großer Mahner und Warner auf dem Finanzgebiet, der seit ein paar Jahrzehnten vor allem dafür bekannt ist, immer schnell den Untergang des Amerikanischen Imperi­ums auszurufen und die Börse im Keller zu sehen, bevor die überhaupt weiß, wo sie hin will.

Faber ist ein bisschen der Cowboy unter den großen Investoren, früher gern mit Pferdeschwanz und heute immer noch mit heftigem Schweizer Akzent auf Bloomberg zu sehen. Was seine Vorhersagen angeht erin­nert er einen allerdings eher an »The Boy Who Cried Wolf«, und wer prinzipiell jedes Jahr einen Börsencrash voraussagt (siehe Roubini), hat halt irgendwann mal recht, lässt sich bestimmt auch mit Regres­sionsanalyse nachweisen, hehe.

Aber egal, die Beschreibung von Nouriel Roubini rechtfertigt ja sehr deutlich, dass auch seine Benennung als »Dr. Doom« in Ordnung geht. So sind also Ökonomen? The »dismal science« scheint ja wirklich aufs Gemüt zu schlagen. Überhaupt, nicht schlecht für jemanden der, so »Gawker«,

»(…) draws a cosmopolitan crowd to the frequent parties at his Tribeca loft – an apartment with walls indented with plaster vulvas, incidentally.«

Moment mal. Was hängt da an der Wand? Das Schöne am Finanzkri­senjournalismus ist ja, dass man von fast allen Akteuren, vor allem Wunderkind Andrew Ross Sorkin, immer sofort Antworten auf Anfragen erhält, das neue Berichterstattungsmodel arbeitet nämlich immer; Roubini also zur Klarstellung, via Facebook:

»I work very very hard and I also enjoy life. My home is also partially a cultural salon where I host book parties, debate and election night events, independent film screnings [sic!], live music nights, theater/performance acts, fashion shows, dinner parties and even plain old fashioned dance parties.

I have this professional Dr Doom nickname but I am quite a cheerful person with a few close friends and eclectic group of friends who, like most New Yorkers, are members of the creative class. The innovations of lawyers and bankers can be as creative as those of visual or performing artists, at times too creative you may say given the current financial meltdown. So I live life to its fullest. To paraphrase Seinfeld; anything wrong with that?« (zitiert nach Gawker)

Auch wenn mein Lyoner Bäcker mich an Roubini erinnert: Er hat braune Locken und keinen »mop«. Ob er »Seinfeld« kennt: keine Ahnung. Und was er an seiner Wand hängen hat, will ich wirklich nicht wissen.

Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010

Hamburg, 19. Februar 2010, 13:09 | von Dique
 
–»Aren’t you relieved to know that you’re not a golem?«
–»Yes, I am relieved to know that I am not a golem.«
(»Stranger Than Fiction«)

Letzter Samstag, ich hatte wie immer die FAZ gelesen. Die Samstags-FAZ ist das mittlerweilige Lieblingsobjekt weiter Teile des Umblätte­rers (with FAS losing ground), die Ausgabe von letzter Woche war aber nur okay, nicht wie sonst richtig superst. Später ging ich dann in eine Kneipe auf ein paar Heringe, und da hing die »Süddeutsche« im Zeitungshalter. Ich hatte die S-Zeitung länger nicht gelesen, und sie hatte ja in letzter Zeit wegen verschiedenster Dinge auch eine Menge Bashing abbekommen.

Fakt ist, die Ausgabe von letztem Samstag hatte ein FEUILLETON­FEUERWERK zu bieten, das sich bis in den Wirtschaftsteil zog. Dort fand man einen Artikel von Helga Einecke über Botticelli, der, na ja, einfach sehr gut war. Das Bild zum Artikel zeigte einen Ausschnitt aus dem Altargemälde für die Zanobi, auf dem sich Botticelli offensichtlich selbst verewigt hatte, kurz, ein Selbstportrait, und ein ganz feines.

Er hat da sehr moderne Gesichtzüge und schaut dem Zuschauer fest in die Augen, dazu trägt er herrliche gelb-goldene Klamotten, wie Johan Nilsen Nagel in Hamsuns »Mysterien«. Im Text ging es um wirtschaft­liche Aspekte und Ungereimtheiten im Leben des Künstlers und dessen Erfolg, der ihm von Vasari zwar bescheinigt wurde, der ihn aber als Menschen eher unvorteilhaft portraitiert hatte, vielleicht wegen seiner Konkurrenzfähigkeit zu dem von ihm, wieder Vasari, geliebten und gehypten Michelangelo.

Im Feuilleton selber gab es dann einen langen Bericht von Alex Rühle über Wuppertal, über die miese Finanzlage und die daraus resultierende wahrscheinlich erste Schließung eines Schauspielhauses in einer Großstadt. Ein Tristesse-Artikel, der beim Lesen tatsächlich so einen beängstigenden Untergangszukunftskosmos eröffnete, ein nicht gerade erstes, aber ansehnliches Zeichen von Ernsthaftigkeit diesen ganzen Verschuldungswahn betreffend.

Außerdem werden gerade die »Sandokan«-Romane neu übersetzt und erscheinen im Wunderkammer Verlag, Burkhard Müller hat einen davon rezensiert, der geschrieben sei »aus dem Geist der Großen Oper«, d. h. es komme auf Logik und Folgerichtigkeiten nicht unbedingt wirklich an. Ich wusste bis dato nicht, wer der Autor der Reihe war, Emilio Salgari, dem Artikel nach eine Art italienischer Karl May, in Verona geboren und nie irgendwo hingekommen, aber knapp 80 Abenteuerromane geschrieben, die überall auf der Welt spielen, von denen der »Sandokan«-Zyklus am erfolgreichsten war. Ein schönes Portrait dieses Mannes und des, im direkten Abgleich mit Karl May, Schreibtischkolonialismus der zu spät gekommenen Nationen Deutschland und Italien.

Auf der Panorama-Seite stand noch ein Artikel über Muttermilch, der mit der schön verschwenderischen Abbildung einer Madonna von Andrea Solari illustriert war, hängt im Louvre:

Andrea Solari: La Madonna del cuscino verde (Louvre)

Eine superste Ausgabe der S-Zeitung also, die ich da beim Hering im Zeitungshalter weggelesen habe. Die Ausgabe war auch trotz so später Stunde noch vollzählig und korrekt sortiert, eben dank Zeitungshalter. Auf der Website eines Zeitungshalterherstellers findet man diese einführenden und hier jetzt abschließenden weisen Worte:

»Wer von uns Zeitungslesern hat sich im Café, beim Friseur, im Wartezimmer des Arztes oder an anderen Orten mit öffentlich ausliegenden Presseerzeugnissen noch nicht fürchterlich geärgert, wenn er bei der Lektüre dieser Zeitung und Zeitschriften feststellen mußte, das Teile fehlten oder sich das Lesegut in einem ungeordneten oder erbärmlich zerfledderten Zustand befand?

Solche Unbill, die Konsumenten gemeinschaftlich genutzter Printmedien gelegentlich widerfährt, hätte sich in einer Vielzahl der Fälle sicherlich verhindern lasse, hätte die auslegende Stelle auf ein Produkt zurückgegriffen, das seit Jahrhunderten den Zeitungen den Rücken stärkt: den Zeitungshalter.«

(Bild: Wikimedia Commons)

Die Helden des Supermarkts

Konstanz, 18. Februar 2010, 20:32 | von Marcuccio

Gestern, Mittwoch! Ein großer Tag für alle David-Wagner-Fans. Die FAZ hob den metallenen Einkaufskorb aufs Titelblatt (siehe bei Meedia).

Für alle, die den Klassiker »Vier Äpfel« noch nicht kennen: Der Ein­kaufskorb aus Metall ist der tragische Supermarkt-Held, der auf S. 28 f. den Kampf gegen die Armada der modernen roten Plastikkörbe verliert. Ein Grund war wohl auch das schlechte Handling:

»Die beiden dünnen Haltegriffe waren mit einer dünnen, hartgummiartigen Schicht überzogen, trotzdem schnitten sie heftig ein.«

Noch mehr Helden des Supermarkts dann eine Zeitung weiter, im Feuilleton-Aufmacher der »Welt« (»Bundesrepublik Aldi«) ordnet Josef Engels die Autorenfoto-Strategie der Gebrüder Albrecht in die litera­rische Tradition ein:

»Andere Länder haben (…) J. D. Salinger und Thomas Pynchon (…). Deutschland hat zwei alte Herren aus Essen.«

Der eine der beiden Aldi-Herren feiert dieser Tage seinen mutmaßlich 90., deswegen – jubiläumsüberpünktlich wie gewohnt – überhaupt eine Aldi-Exegese. Der eigentliche Rundgang liest sich dann ein bisschen wie David Wagner für Arme:

»Nach dem Eingang links: Der Kaffee. Dann die Marmelade. Dann die Kekse. Gegenüber der Wein. Und so weiter.«

Mehr Regale gibt’s leider nicht, dafür ein paar Ausführungen zur Geschichte der deutschen Teilung (seit 1961: Aldi Nord und Aldi Süd) und ihren Spätfolgen: Vitello tonnato bis heute nur für die reichere Hälfte des Landes: Aldi Süd.

Abschließend beleuchtet wird die Gentrifzierung des Aldi-Publikums anhand ausgewählter Schlüsseltexte: Das Aldi dente Kochbuch als Ausdruck, dass Aldi plötzlich satisfaktionsfähig wurde usw. usf. Vielleicht bringt ja auch David Wagner noch ein Aldi-Sequel (»Vier Äpfel bei Aldi«), darauf würde ich mich ehrlich freuen.