»ALDI gibt bekannt …«

Konstanz, 4. August 2010, 01:35 | von Marcuccio

Nein, kein übliches Urnengrab im »Spiegel«-Register (»Gestorben«), sondern den Hamburgern in der aktuellen Ausgabe eine eigene Hausmitteilung wert. Und dazu gleich 11 Seiten Kulturgeschichte des »Ur-Discounters« zum Nachlesen, fast schon eine heimliche Titel­geschichte (die es in mageren Nachrichtenwochen wohl auch geworden wäre). Was für eine publizistische Bestattung von Theodor Paul (genannt Theo) Albrecht geht da zu Ende.

Wie erwartet fand sie sowohl auf den Wirtschafts- wie den Feuille­tonseiten statt, und sie muss so was wie der Alptraum aller Bild­redaktionen gewesen sein, denn es standen den meisten Medien ja nur zwei »Theo«-Bilder überhaupt zur Verfügung: wahlweise die beiden Brüder Albrecht sowie das 1970er-Jahre-Brustbild von Theo, von kurz nach der Entführung.

Heimlicher Höhepunkt natürlich die ganzseitige Todesanzeige im FAZ-Feuilleton vom Donnerstag. Die meines Wissens erste und einzige ALDI-Anzeige, die nicht mit den klassischen Worten »ALDI informiert«, sondern »ALDI gibt bekannt« begann – der Bedeutung des Ereignisses angemessen. Die Annonce war im übrigen nicht weniger informativ als die journalistische Berichterstattung insgesamt.

Die nämlich litt, wie immer bei ALDI-Themen, unter der kargen Nach­richtenlage. Gebot der Stunde war es also, wieder mal allerlei ALDI-Mythen aufleben zu lassen: vom symptomatischen Aufbrauchen des alten Briefpapiers (»x-te er Jahre nach der Postleitzahlen-Umstellung 1993 die alte Essener Nummer 4300 einfach aus«, so Hannes Hintermeier in der FAZ) bis zum Brüder-Antagonismus und dem ALDI-Limes, Sinnbild für die wahre deutsche Teilung in einen ärmeren, protestantisch-nüchternen Norden und einen reicheren, sinnenfreudi­geren Süden, ablesbar sowohl am Sortiment als auch an der Filial­gestaltung. Nur mentalitätsgeschichtlich hätten Sachsen und Teile von Thüringen unbedingt ALDI-Süd zugeschlagen werden müssen.

Neu für mich, das ALDI-Südstaatenkind, war übrigens Günter Fruhtrunk als ALDI-Tütendesigner (Nord).

Und noch was für den Korrekturkasten im nächsten »Spiegel« (damit er nicht wieder ausfallen muss wie zuletzt): Die ALDI-Europakarte auf S. 67 stimmt nicht ganz, ALDI-Suisse ist Expansionsgebiet von ALDI-Süd, nicht -Nord. Und weil wir grad dabei sind, noch eine Korinthe zur Titelgeschichte der vorvorletzten Ausgabe (Nr. 29, S. 61): »Über allen Gipfeln ist Ruh …« a.k.a. »Ein Gleiches« ist nicht wirklich ein »Alters­gedicht Goethes«, wie Susanne Beyer schreibt, der Dichter war da 31 Jahre und hatte noch 51 weitere zu leben, also na ja.

Mit Evelyn Waugh in Abessinien

Hamburg, 29. Juli 2010, 13:03 | von Dique

Laut Ann Pasternak Slater ging Evelyn Waugh 1930 auf eine Party, wo ihm ein Freund davon erzählte, wie er in Kairo mit zwei abessinischen Prinzen zu Tisch saß. Beide hatten sie seidene Umhänge getragen und dazu eine Melone, die sie beim Essen aufbehielten. Keiner der beiden sprach eine Sprache, die einer der anwesenden Übersetzer hätte übersetzen können.

Waugh war von dieser kleinen Geschichte vollauf begeistert, beschäftigte sich ein wenig mit dem märchenhaften Herkunftsland der Prinzen und schaffte es schließlich, als Sonderkorrespondent der »Times« nach Abessinien zu reisen, zur Krönung des Königs der Könige, Haile Selassie.

Waugh zog noch ein bisschen weiter durch Afrika und veröffentlichte seinen Reisebericht dann unter dem Titel »Remote People«, auf Deutsch in der »Anderen Bibliothek« bei Eichborn erschienen, noch zu Enzensbergers Zeiten, in einer schönen Ausgabe, grünlicher Sammet mit blauen Tupfen darauf (UMBL berichtete).

Bis zur Krönung des Königs der Könige verbringt Waugh viel Zeit mit den anderen Westlern, die angereist sind, und um aller Wohlergehen kümmert sich ein Deutscher, ein gewisser Mr. Hall. Dieser ist überaus freundlich, hört sich stets alle Probleme und Beschwerden der Besucher an, schreibt sie auf, verspricht sich zu kümmern, verschwindet und tut dann aber eben – nichts.

»Da war ein Mr. Hall, in dessen Büro ich viele hektische Stunden verbrachte, ein Kaufmann deutsch-abessinischer Abstammung, extrem gutaussehend, geschmackvoll gekleidet und monokeltragend, ein Mann von ausgesuchter Höflichkeit und ein außergewöhnliches Sprachtalent.« (S. 45)

Dieser Mr. Hall war während der Feierlichkeiten für so ziemlich alles zuständig:

»Wenn die italienische Telegraphengesellschaft eine Stunde Pause machte, nahm Mr. Hall die Beschwerden entgegen. Wenn ein allzu eifriger Polizist jemandem den Zutritt zu einer Zuschauertribüne verweigerte, (…) Wenn kein Omnibus da war, (…) wenn jemand aus irgendeinem Grund in Addis Abeba schlechte Laune hatte (…), stets wandte man sich an Mr. Hall. Und welcher Sprache man sich auch bedienen mochte, Mr. Hall verstand und fühlte mit. Mit geradezu weiblicher Geduld beruhigte er den Betreffenden, mit männlicher Entschlossenheit notierte er die Angelegenheit deutlich auf seinem Notizblock. Dann erhob er sich, verbeugte sich und komplimentierte den besänftigten Besucher mit einem Lächeln und der Versicherung seines guten Willens wieder hinaus – und unternahm rein gar nichts.« (S. 45/46)

Waughs Bücher sind voll solcher sympathisch-grotesker Charaktere, aber Mr. Hall rangiert auf der Topliste weit vorn. Neben diesem Reisebuch veröffentlichte Waugh noch zwei Romane, die auf abessinischem Terrain angesiedelt sind, »Scoop« und »Black Mischief«, und ein weiteres Reisebuch. Alles inspiriert durch die ihm zugetragene Geschichte von zwei Prinzen, die zum traditionellen Gewand Melone trugen, auch während des Essens.

Maxim Biller: Der gebrauchte Jude

Saint-Jean-de-Luz, 28. Juli 2010, 10:43 | von Paco

Ein sehr lesefreundliches Buch, erzählt in 61 kurzen Snippets. Man muss nie mehr als zweimal umblättern bis zum nächsten Kapitel. Immer wenn ich zurückkam aus dem Wasser, vom Eisstand oder von einer Runde Beachvolleyball, lag das Buch noch aufgeschlagen da, und im Verlauf einer Strandwoche war ich dann durch.

Es ist jetzt zwar etwas angenässt und voller Sandkörner, aber ich werde versuchen es weiterzuverleihen, denn das Buch ist so ein unglaublicher Hammer. Besonders gelungen sind die Kapitel 4, 17, 34, 41 und 56.

Als nächstes wollte ich ein von Biller empfohlenes Thomas-Mann-Buch anfangen, da waren aber die Kapitel zu lang für den Strand, ich kann davon unter diesen Umständen nur abraten.

Glücklicherweise ist heute an den Kiosken des französischen Basken­landes der neue »Spiegel« eingetroffen, also werde ich erst mal die Aufmacherstrecke zu den »Afghan War Logs« lesen, die auch sehr lesefreundlich gestückelt ist.

Kaffeehaus des Monats (Teil 55)

sine loco, 24. Juli 2010, 19:37 | von Paco

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Le Saint Christophe, Bordeaux, Kaffeehaus

Bordeaux
Le St. Christophe in der Rue Saint James.

(Beim Eintreten sofort expressionistische Stimmung: Ein Blecheimer voller Marillen steht auf dem Tresen. Daneben liegt die aktuelle Ausgabe der »Sud Ouest« und sieht aus wie eine Weltzeitung. Im Küchenverschlag schneidet der Hausherr persönlich in hohem Tempo Gemüse. Derweil bedienen seine Enkel die Gäste und dürfen mit deren iPhones spielen. Am Nebentisch betteln die Kinder um einen Zirkusbesuch.)
 

Regionalzeitung (Teil 33)

Karlsruhe, 17. Juli 2010, 13:46 | von Paco

 
  161.   ein ungewöhnliches Buch

  162.   aus der Feder von

  163.   packende Handlung und unerwartete Wendungen

  164.   erhielt hymnische Kritiken

  165.   avancierte zum Kultbuch
 

Winckelmanns Spaziergang von Halle nach Hamburg

Hamburg, 14. Juli 2010, 10:07 | von Dique

Grundsätzlich bin ich immer fasziniert von langen Laufstrecken, aber wer ist das nicht, deshalb geht die Menschheit auch dem Ich-bin-dann-mal-weg-Kerkeling (ein Rainald Goetz’sches »Ja! Jaaa!« danach) auf den Leim, aber ich rede hier natürlich eher von Seume, Fermor oder Brâncuşi, der sich 1904 von Bukarest nach Paris aufmachte, um die moderne Skulptur zu revolutionieren, und man könnte noch 400 weitere Beispiele aufzählen. Eines davon Winckelmann:

»…, als er sich zu Fuß nach Hamburg aufmachte, wo gerade die Bibliothek eines Verwandten des Theologen Samuel Reimarus, des Schwagers von Lessing, versteigert wurde. Winckelmann kaufte sich, was er erschwingen konnte, und trug die Bände im Rucksack nach Hause.«

Dazu muss man wissen, dass er gerade an der Uni Halle studierte und sich von dort aus aufmachte, also mehr als 300 Kilometer zu Fuß zum Book Shopping Trip von Halle nach Hamburg. Das erzähle ich dann also dem Zeitungsverkäufer, der wie immer auf irgendwelchem Essen kaut, wenn ich die FAZ und die SZ dort kaufe. Außerdem riecht es hier im ganzen Laden immer irgendwie nach Butter.

Der Kauer kommt immer von hinten, wahrscheinlich aus einem kleinen Raum am Ende des Ladens hervor. Er muss dort stapelweise belegte und unterbutterte Brötchen liegen haben, die er den ganzen Tag lang isst, bis es an der Tür schellt und jemand in den Laden kommt und er dann kauend an den Tresen treten muss.

Und nun beginne ich mit diesem kauenden Zeitungsverkäufer ein recht komisches Gespräch, es geht soweit, dass ich Winckelmann erwähne und Reimarus, den Lessingschwager, und die nach ihm benannte Straße gleich hier um die Ecke. Und er, der Kauer, nennt dann einfach so die Anzahl der Reimarus-Erwähnungen im Personenregister der neuen Lessing-Biografie von Hugh Barr Nisbet, »58 Mal«, ich hab’s nicht nachgeprüft.

Vossianische Antonomasie (Teil 13) – WM-Spezial

Konstanz, 12. Juli 2010, 08:33 | von Marcuccio

 

  1. der spanische Beckenbauer
  2. der deutsche Messi
  3. ein portugiesischer Beckham
  4. der Rooney Nordkoreas
  5. der Perón des Rasens*

*Mit Dank an Christine.

 

Vorwort zum laufenden Feuilletonjahr (3/2010)

Leipzig, 10. Juli 2010, 09:09 | von Paco

Stämme

1. Motto: »Die Zeitungen von gestern sind viel besser als man gemeinhin glaubt.« (Andreas Platthaus, mp3)

2. Das halbe Feuilletonjahr ist um. Noch 6 Monate bis zur Feuilleton-Meisterschaft, dem Goldenen Maulwurf 2010. Schon jetzt platzt die Longlist aus allen sogenannten Nähten, schon jetzt könnten wir eine Jahres-Top-Ten mit supersten Texten präsentieren. Danke, deutsches Feuilleton. Mehr an dieser Stelle am 11. Januar 2011.

3. Ansonsten war das Feuilleton-Großereignis des Jahres: die im ZDF übertragene Verleihung der Börne-Medaille an Reich-Ranicki in der Paulskirche am 6. Juni. Herles moderiert an, dann treten alle nur denkbaren Überlaudatoren auf: Thomas Gottschalk, Harald Schmidt mit einem Bert-Brecht-Song, Frank Schirrmacher, Henryk M. Broder. Ein unfassbares Powwow allerhöchster Hochkultur, ich selber hab es mir in Abständen drei Mal komplett angeschaut und würde es jederzeit wieder tun.

4. Die Entdeckung des Jahres und unser neues Lieblingsblog: nach21.wordpress.com.

5. Tagung: »Durs Grünbeins Fahrradunfall am 7. Dezember 2008«. Call for Papers folgt.

6. Remember: Der große Eklat, für den einmal der unnachahmliche Jean d’Ormesson gesorgt hat. Der adlige wie rechtsgerichtete Intellektuelle, Autor bildungsprotziger Romane, Möchtegern-Chateaubriand und Le Figaro-Hauptkolumnist erklärte vorlaut den strammen Stalinisten Aragon zu Frankreichs größtem Romancier des 20. Jahrhunderts. Ich war noch klein, kann mich aber noch genau an all die Erwiderungen und endlosen Rechtfertigungen erinnern.

7. Demnächst: Die Best of US-Serien der Saison 2009/2010, analog zu den Vorjahren: 2005/06, 2006/07, 2007/08, 2008/09.

8. Krise des Schlüsselromans.

 
Was bisher geschah:
 
Vorwort Nr. 1/2010Nr. 2/2010

 

Die FAS vom 4. Juli 2010:
Die Lyrik der Spionage

Leipzig, 5. Juli 2010, 19:47 | von Paco

Der Interviewmüller

Irgendwann nach Mitternacht habe ich noch schnell die letzte FAS weggekauft, kurz bevor sie aus dem Regal entfernt wurde. Als erstes dann das André-Müller-Interview mit Luc Bondy gelesen, und der legendäre Interviewmüller hat natürlich wieder ein paar komische Fragen gestellt, was ja immer noch sehr gut kommt.

»Spione wie wir«

Dann den sehr schön erzählten Artikel von Nils Minkmar über die »Lyrik der Spionage«, die Vexierhaftigkeit von Geheimdienstaktionen. Der Text beginnt mit der Operation Mincemeat, bei der 1943 die Leiche eines vermeintlichen Britenmajors von den Alliierten in spanischen Gewässern abgelegt wurde, mitsamt einer Aktentasche, in der sich so vertrauliche wie gefälschte Dokumente befanden, die dann planmäßig beim Feind landeten.

Bei der deutschen Abwehr wurde die Fälschung erkannt, aber Alexis von Roenne sprach sich wider besseren Wissens für die Authentizität der Dokumente aus, denn er arbeitete da schon im Sinne des antihitlerischen Widerstands, was aber die Briten ja nicht gewusst haben konnten usw. usw.

Nach diesem historischen Einstieg wird zu den aktuellen Ereignissen geschaltet, zu den enttarnten russischen Spionen, die gerade im Vorstadtamerika der Desperate Housewives ausgehoben wurden, was eventuell eben auch planmäßig geschah, im Zuge irgendeiner mehrdimensionalen Strategie, wie zu vermuten steht.

»Pastewka«-Bruder Hagen

Nach diesem für die frühesten Morgenstunden eher komplexen Artikel las ich dann noch das Interview mit Matthias Matschke, der den »Pastewka«-Bruder Hagen spielt. Es geht im Großen und Ganzen um den Unterschied zwischen Theater und TV etc. etc., und dann rekapituliert er da unter anderem sehr ausführlich die »Extras«-Folge mit Orlando Bloom, hab sofort Lust gekriegt, die Folge selbst noch mal anzuschauen.

Eine Ladung Žižek

Stattdessen las ich aber noch den Žižek-Artikel im neuen »Spiegel«. Der lustige slowenische Modephilosoph ist ja die Einladung an einen jeden Reporter, mit seinem Beschreibungspotenzial an die Grenzen zu gehen:

»Er hat einen S-Fehler, der Buchstabe klingt bei ihm wie eine Fahrradluftpumpe. Seine Vorträge beginnen meist mit ›Did you know …‹.«

Žižek: gääähn, ich weiß, aber ab und zu muss man sich mal wieder eine Ladung Žižek geben, und wenn das in Form dieses großartigen und hervorragenden »Spiegel«-Style-Artikels von Philipp Oehmke geschieht, umso besser:

»Mein Freund Peter, zum Beispiel, fucking Sloterdijk, ich mag ihn sehr, aber natürlich muss er in den Gulag. Aber er wird ein bisschen besser gestellt dort, vielleicht kann er Koch werden.«

Es herrscht also natürlich wieder das übliche Žižek-Anekdotentum, aber die ganze Žižekerei wurde mal in einen schön auserzählten Artikel gegossen. Ich hab dann noch ein wenig weiter im »Spiegel« gelesen, bis mich der Schlaf übermannte, heute vormittag konnte ich mich dann an nichts mehr erinnern und las den »Spiegel« also einfach noch mal von vorn.

Regionalzeitung (Teil 32)

Leipzig, 3. Juli 2010, 10:36 | von Paco

 
  156.   die Sensation ist perfekt

  157.   daran erinnert sich heutzutage kaum einer mehr

  158.   das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht

  159.   die frischgebackene Mutter/Abiturientin/Olympiasiegerin

  160.   eine gelungene Mischung