Feuilletonismus 2011

Leipzig, 9. Januar 2012, 00:20 | von Paco

Maulwurf popping up!Nur schnell die übliche kurze Ankündigung: Der Maulwurf steht wieder vor der Tür. In ca. 24 Stun­den kürt Der Umblätterer zum siebten Mal seit 2005 die zehn besten Texte aus den Feuilletons des vergangenen Jahres (a.k.a. Der Goldene Maulwurf 2011). Und um gleich mal den BVB-Torwart Roman Weidenfeller zu zitieren: Die deutschsprachigen Feuilletonisten »have a grandios Saison gespielt«, auch 2011 wieder, und zwar alle.

Schon bis zum Frühjahr war ja mehr passiert als in so manchem Jahrzehnt der vorhergehenden Jahrhunderthälfte zusammen­genommen. Und es gab dementsprechende feuilletonistische Fort­setzungsgeschichten. Die meisten Ereignisse wurden auch von den anderen Ressorts abgedeckt, aber richtig in seinem Element war das Feuilleton bei den Telenovelas um Guttenbergs Doktorarbeit und die sympathische Beltracchi-Fälscherbande mit ihrer zusammengefakten »Sammlung Jägers«.

Eine weitere feuilletonistische Großtat war die Idee der FAZ, Hans Ulrich Gumbrecht ein eigenes Blog zu geben, »Digital/Pausen«, und es ist eigentlich ein eigenes Subfeuilleton, ein intellektueller Playground mit einer markanten Themenwahl und einmaligem analytischem Durchstich. Zwischendurch gab es am 9. Oktober noch die »Jahrhun­dert-FAS« mit superster Staatstrojaner-Coverage – die Ausgabe war sofort vergriffen, die entsprechenden Seiten 41–47 gab es dann aber schnell als PDF zum Download (zu diesem Feuilletonevent gehört unbedingt auch der »Alternativlos«-Podcast Nr. 20 vom 23. Oktober).

In der SZ, der NZZ, der TAZ, der WELT, dem SPIEGEL, der ZEIT und im FREITAG standen natürlich auch wieder die unfassbarsten Sachen drin. Die Idee des Goldenen Maulwurfs ist ja, die noch nie falsifizierte Großartigkeit eines Feuilletonjahres in den zehn angeblich™ besten Artikeln zusammenzufassen. Das ist bei einer Longlist von diesmal 51 Artikelvorschlägen eigentlich zu knapp, aber wir werden es wieder hinkriegen. Dazu dann morgen mehr.

Hier noch schnell unsere Backlist, die Preisträger der vergangenen Feuilletonjahre:

2005   (#1 Stephan Maus/SZ)
2006   (#1 Mariusz Szczygieł/DIE PRESSE)
2007   (#1 Renate Meinhof/SZ)
2008   (#1 Iris Radisch/DIE ZEIT)
2009   (#1 Maxim Biller/FAS)
2010   (#1 Christopher Schmidt/SZ)
2011   (#1 ???/???)

Am Dienstag im Morgengrauen dann also die zehn besten Texte aus den Feuilletons des Jahres 2011. Hier.

Bis gleich,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque

 
(Bild: Wikimedia Commons)

Das Consortium Feuilletonorum hat …

Évora, 5. Januar 2012, 18:56 | von Paco

wieder da getagt, wo es schön ist, diesmal ohne Skier, dafür im sinnlosen Schatten winterlicher Zitronenbäume.

Drei Bilder (Alentejo)

Das Gegenlicht auf den Bildern ist auf ganz billige Weise natürlich metaphorisch zu verstehen, es ging ja auch ein bisschen um das letzte Feuilletonjahr.

Der Kampf um Platz #1, um den Goldenen Maulwurf für das Jahr 2011, dauert aber weiter an. »Noch ist nichts entschieden.«

Vielleicht müssen wir wie im letzten Jahr wieder kickern (JFTR, damals gewann das Team ›Christopher Schmidt/SZ‹ gegen eine kämpferische ›Mathieu von Rohr/SPIEGEL‹-Seleção).

Drei Bilder (Alentejo)

Bekanntgabe der Jury-Entscheidung ist wie immer am zweiten Diens­tag des Jahres, diesmal am 10. Januar 2012: Der Goldene Maulwurf – Best of Feuilleton 2011.

Feuilletonistische Grüße aus dem Alentejo,

i.A. Paco
–Consortium Feuilletonorum Insaniaeque–
 

Siebenhundertdreissig

St. Petersburg, 27. Dezember 2011, 09:50 | von Baumanski

Идти ему было немного; он даже знал,
сколько шагов от ворот его дома:
ровно семьсот тридцать.

Siebenhundertdreissig Schritte sollen es gewesen sein bis zum Haus der Pfandleiherin, und das muss eigentlich mal einer nachzählen. Es ist Donnerstagnachmittag; ich stehe vor dem Haus am Stoljarny Pereulok, wo laut der Literaturwissenschaft Raskolnikov gewohnt hätte, hätte es ihn denn in Wirklichkeit gegeben. Ich habe leichtes Fieber, was ja durchaus zur Aufgabe passt. Leicht erstaunt stelle ich fest, dass am selben Haus auch eine deutschsprachige Gedenktafel an die grosse Überschwemmung vom 7. November 1824 erinnert.

Vor dem Seitenausgang schreite ich los. »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs …« Das Zählen der Schritte ist überraschend anstrengend, ich muss mich richtig konzentrieren, um mich nicht ablenken zu lassen. Nach etwa hundert Metern verliere ich den Faden, muss umkehren und beschliesse, mir künftig wichtige Landmarken zu notieren. Von Schritt 180 bis 268 gehe ich unter einem Baugerüst, ab Schritt 310 überquere ich auf der Kokuschkin-Brücke den Kanal und bei Schritt 395 biege ich in die Sadovaja-Strasse ein. An der Ecke kommen mir zwei Studenten in dicken Wintermänteln entgegen, die sich gegenseitig aus einem aufgeschlagenen Buch Gedichte vorlesen.

Ein paar Meter weiter finde ich mich plötzlich in einer Menschentraube wieder und bin gezwungen, meinen Schritt zu verlangsamen. Ich muss eine komische Figur abgeben, wie ich mit Block und Stift durch die dämmrigen Strassen schreite und ab und zu für ein paar Schritte umkehre. Bei Schritt 662 hält mich ein alter Mann ohne Schneidezähne auf, der sich über die gestiegenen Brotpreise beklagt. Dann zeigt er lachend auf einen Kastenwagen der Polizei, der wohl zu einer Demonstration unterwegs ist: »Jetzt haben sie auch noch eine Revolution …« Ich stimme ihm zu, 663, und gehe weiter, 664.

»… 726, 727, 728, 729. Siebenhundertdreissig!« Anstatt vor dem Haus der Pfandleiherin stehe ich vor einem vergitterten Fenster irgendwo am Rimski-Korsakov-Prospekt. Erst nach exakt 1180 Schritten befinde ich mich vor dem – leider verschlossenen – Eingang zum »kolossalen Gebäude (…), das mit der einen Seite nach dem Kanal, mit der andern nach der …straße zu lag«.

Mehrere mögliche Schlüsse: Entweder ist Raskolnikov nicht den am Romananfang beschriebenen Weg gegangen. Oder die Literatur­wissenschaft hat sich einfach mal wieder beim Entschlüsseln einer Romantopografie geirrt. Oder Raskolnikov hatte extrem lange Beine. Oder Dostojewski hat die Schritte gar nie gezählt (schliesslich verwechselte er im Verlauf des Buches auch die Marmeladov-Kinder).

Etwas müde und desillusioniert treffe ich kurz darauf Ivan Boriso­witsch. »Seit Raskolnikovs Zeiten hat sich hier nichts geändert«, sagt Ivan mit Blick auf die dreckigen Pfützen am Boden und beschliesst kurzerhand, uns zu seinen Mathematikerfreunden zum Tee einzuladen. In der warmen Stube kommt es schnell zu einer lebhaften Diskussion über Gott und die Welt; einer der Mathematiker behauptet, an den russischen Wirtschaftsfakultäten würde mit den Methoden der mittelalterlichen Scholastik gearbeitet. Und na ja, mit ähnlichen Mitteln hatte ich heute auch versucht, Raskolnikovs Schritte zu zählen, und war kläglich gescheitert.
 

Was Deutsch kann

Berlin, 22. Dezember 2011, 07:30 | von Josik

Auch wenn im »Centaur«, dem Kundenmagazin der Drogeriekette Rossmann, gerne von ›Rossmannstadt Hannover‹ die Rede ist (so wie man ja auch von Lutherstadt Wittenberg spricht), befindet sich die Konzernzentrale gar nicht in Hannover, sondern in Burgwedel. Nicht in Burgwedel allerdings, sondern auf einem Schloss bei Dresden machte, von der literarischen Öffentlichkeit gänzlich unbemerkt, Uwe Tellkamp die Kulturredakteurin der HAZ, Martina Sulner, anlässlich eines Interviews zur Sau.

Erschienen ist es in der Ausgabe 7/2011 des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann. Dort beanstandet Uwe Tellkamp, dass in der ansonsten durchgehend positiven HAZ-Rezension seiner Schwebebahn auch Folgendes steht: »Tellkamp schreibt in der ersten Hälfte des Buches dermaßen geschraubt und gestelzt, dass es dem Leser auch auf die Nerven gehen kann. Die Sätze sind unendlich lang und verschachtelt, die vielen Sprachbilder oft schief und pathetisch

Die »Centaur«-Redakteure fragen ihn deshalb: »Ist das Geschraubte, Gestelzte, Verschachtelte für Sie eine dichterische Notwendigkeit? Oder wollen Sie Ihre Leser herausfordern und es ihnen möglichst schwer machen?« Sofort greift Uwe Tellkamp »nach der Ausgabe der ›Schwebebahn‹, die auf dem Tisch liegt, und liest« den Redakteuren des Kundenmagazins der Drogeriekette Rossmann zwar nicht die erste Hälfte des Buches, aber doch immerhin »den ersten Satz vor«. Dieser erste Satz lautet:

»Das Dresden meines Temperaturgedächtnisses ist eine Winterstadt voller Fernwärmerohre und Heizungen, von deren Rippen die Farbe abgeplatzt war; oft lag ich, ein Junge von zehn oder elf Jahren, nachts wach und lauschte den Flüsterstimmen der Gespenster, die in der Braunkohle wohnten und durch die Überredungskünste von Riesaer Sicherheitszündhölzern und Flammat-Kohleanzünder (weiß, hartseifig – oder braun und zäh wie ›Plombenzieher‹-Toffeebonbons) aus ihren tertiären Schlafstätten gelockt wurden.«

Nachdem Uwe Tellkamp mit dem Satz fertig ist, beginnt er eine Tirade, wie sie auch Joachim Lottmann nicht furioser hätte gestalten können:

»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich ist das ein Satz, der vollkommen klar ist. Es gibt Sätze, die komplexer sind, aber wenn Sie sie wirklich mal laut lesen, werden Sie hören, dass die Beziehungen der Nebensätze zueinander vollkommen klar sind, und darüber lasse ich nicht mit mir reden. Da hat die Dame kein Ohr. Das muss sie sich von mir sagen lassen. Da hört sie nichts, ist sie taub, da versteht sie nichts und weiß nicht, was Deutsch kann. Vermutlich ist sie an Hauptsatzprosa geeicht, die journalistisch funktioniert, damit Abonnenten und Werbekunden nicht abspringen.«

Das Kundenmagazin versucht daraufhin, Uwe Tellkamp zu beruhigen, wechselt das Thema und stellt ihm gleich vier Fragen hintereinander: »Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben? Ganz alltägliche Dinge? Kaufen Sie selbst ein? Beispielsweise bei Rossmann?« Uwe Tellkamp antwortet, nun wieder ganz entspannt:

»Ich bin doch ein ganz alltäglicher, normaler Mensch. Um halb Acht bringe ich meinen Sohn in den Kindergarten, dann kaufe ich auf dem Rückweg ein paar Semmeln, und bei Rossmann bin ich auch öfter. Da kaufe ich übrigens ab und zu auch mal eine DVD, denn es ist ganz schwierig für mich, mal in die Stadt reinzukommen.«

 

MRR in der FAS

Hamburg, 20. Dezember 2011, 11:30 | von Dique

Am Sonntagvormittag hatte auf Facebook jemand gefordert, dass man die Rubrik von Reich-Ranicki in der FAS »endlich abschalten« solle, in der er seit Jahren nur mehr »vor sich hin lalle«, besonders wieder in der aktuellen Ausgabe. Ich erinnerte mich wieder daran, als ich ein paar Stunden später irgendwo die FAS kaufte. Noch auf der Straße blätterte ich sofort ins Feuilleton, zu »Fragen Sie Reich-Ranicki«, diesmal auf Seite 30 gelegen, und ich weiß nicht genau, womit ich nach der morgendlichen Beschwerde gerechnet hatte, jedenfalls war die aktuelle Folge der MRR-Rubrik eine der allerbesten, die ich jemals gelesen habe.
 

Vor 10 Jahren im »ZDF nachtstudio«:
»Fernsehen I bis III« (Rainald Goetz & Comp.)

Leipzig, 11. Dezember 2011, 18:20 | von Paco

Viele schauen das »ZDF nachtstudio« nur wegen Volker Panzer und seinen grauen Anzügen, grauen Krawatten und dunklen Hemden. Die Show läuft jetzt schon seit 1997, sie ist immer noch und immer wieder spitze, aber der absolute Höhepunkt bleiben die drei Sendungen vom September 2001, die unter dem Titel »Fernsehen I–III« liefen (alle bei YouTube).

Das dort ausprobierte Format geht zurück auf das beste Buch der letzten 25 Jahre (mindestens), nämlich »Dekonspiratione« von Rainald Goetz, in dem Folgendes geplant wird: »Eine wöchentliche Talkshow übers Fernsehen. Drei feste Leute, ein Gast, fünf vorher festgelegte Sendungen der vergangenen Woche, die dann nach Art des literarischen Quartetts diskutiert werden.«

Und nach diesen Regeln wird die Show im ZDF dann auch umgesetzt. Die festen Leute sind der Showerfinder Rainald Goetz, sein Wingman Moritz von Uslar und der Moderator Volker Panzer. Ein von Anfang an eingespieltes Dreamteam mit klarer Rollenverteilung, Panzer z. B. spielt den Kulturkonservativen und spielt ihn gut, und auch die drei Gäste, aus Quotengründen alles Frauen, sind genial gecastet: Alexa Hennig von Lange, Klaudia Brunst, Barbara Sichtermann.

Die erste Folge …

… läuft am 5. September 2001. Im Rückblick ist schon diese Eröff­nungssendung unheimlich, 9/11 dräut ja am Horizont. Dieses Gefühl der Unheimlichkeit ist aber noch nichts gegen die dann am 12. Septem­ber 2001 wirklich und tatsächlich stattfindende zweite Folge. Die wollte ich erst gar nicht wieder sehen, aber ich musste mich ihr natürlich aussetzen, um dann hier davon berichten zu können.

Doch jetzt erst mal Folge 1, die Einar Schleef gewidmet ist. Bei bzw. vor bzw. neben Goetz sind Zeitungen und Bücher ausgebreitet, es ist die schönste Grundierung, die sich überhaupt denken lässt. Besprochen wird u. a. die Sendung »Kulturzeit« auf 3sat, und alle machen sich über die damals gerade neu eingesetzte Moderatorin Tina Mendelsohn her, und Moritz von Uslar sagt den wahrscheinlich besten und nachvollziehbarsten Satz, der in den gesamten Nuller Jahren gefallen ist: »Ich will nicht eine Sendung sehen, wo eine Moderatorin sagt: ›Ich hab in der New York Times gelesen, dass –‹«

Insgesamt wird die »Kulturzeit« aber doch für gut und toll befunden. Und Goetz liefert auch noch gleich den zweitbesten Satz der Sendung nach, anlässlich eines »Kulturzeit«-Interviews: »Das ist wirklich ein Problem, dass alle Schauspielerinnen so dumm sind, das ist unerträglich.« Und es ist auch gar nicht polemisch oder ironisch gemeint, das muss man sich wirklich ansehen, wie das rüberkommt, es ist wie im »Abécédaire« von Deleuze, wenn er etwa sagt, der Hund sei der Abschaum der Tierwelt, es ist einfach eine sehr fein herausgearbeitete These inklusive mitgelieferter Beweiskette.

Über einen Artikel von Matthias Altenburg in der »Zeit« sagt Goetz: »Es ist ein Kracher, der Artikel, aber ich find, dass er sozusagen im Einzelnen nicht stimmt.« So muss über Feuilleton sowieso geredet werden, völlig überzogene Affirmation, die Feier des Glücks, dass da was auf Papier oder sonst wohin gedruckt wurde, und es dann unerwarteterweise doch irgendwie nicht stimmt und dass es trotzdem da steht. Und es ist so herrlich, wie Alexa Hennig von Lange an einer anderen Stelle Goetz widerspricht, es gibt da überhaupt kein böses Blut, es ist einfach der allerschönste Dissens, so wie Dissens sowieso am besten funktioniert, wenn er schön ist und nicht hässlich.

Moritz von Uslar lobt anschließend die sozialen Momente der RTL-Reality-Show »Gestrandet« (»Das ist das Beste von den Sachen, die wir heute besprechen, das Interessanteste und Avancierteste.«). Und Goetz fasst die Erfahrung Fernsehen für uns Heutige noch mal zusammen, wo wir gar nicht mehr wirklich wissen, wie das war damals, als wir noch Fernsehen gekuckt haben: »Fernsehen ist dazu da, um Erinnerung zu vernichten. Man kuckt die Sachen und weiß am nächsten Tag, Moment, was war gestern Abend eigentlich, was war da so angenehm, was ich gesehen habe?«

Das »nachtstudio«-Experiment also funktioniert auch nach 10 Jahren noch, man kann diese erste Sendung immer wieder und wieder sehen, genau wie den Auftritt von Rainald Goetz bei Harald Schmidt im April 2010. Aber dann:

Die zweite Folge …

… vom 12. September 2011 2001 (hier bei YouTube). Sie ist, wie gesagt, kaum auszuhalten. Weil man weiß, dass z. B. Harald Schmidt am 9/11-Dienstag nicht aus der Sommerpause zurückgekehrt ist, dass er eine Weile nicht auf Sendung gegangen ist, und es retrospektiv eine der wirkmächtigsten Entscheidungen der dt. TV-Geschichte gewesen ist, für die es einen Grimme-Preis der Abteilung »Spezial« gab.

Aber »Fernsehen II« ging auf Sendung. Zunächst wird Luhmann zitiert, wird 9/11 als ultimative Bestätigung seines Satzes interpretiert: »Was wir von der Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien.« Dem Ad-hoc-Gespräch über 9/11 setzt Goetz zum Glück sofort enge Grenzen, das rettet dann doch die Sendung: »Und ich will nur einfach nur noch eins kurz sagen. Dass wir uns wirklich zurückhalten sollten mit dem Versuch von Einschätzungen, weil uns das absolut überfordert und weil unsere Fähigkeiten der Analyse des Fernsehens, finde ich, das wirklich nicht erreichen, was da –«

Beobachtungen zusammentragen, mehr geht erst mal nicht. Nach 20 Minuten wird das 9/11-Thema abgebrochen und über die vorher ausgemachten Sendungen gesprochen, Goetz referiert die Günther-Jauch-Samstagabendshow »Der große IQ-Test« auf RTL. Und schon damals wird die Jauchlosigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens beklagt (darum sei die IQ-Show nicht auf ARD oder ZDF gelaufen, mangels eines Moderators, der so eine Sendung quasi »mit seinem Gesicht« halten kann).

Die eingeladene Klaudia Brunst stellt dann »Herrchen gesucht« vor: »Es ist eine Tiersendung vom Hessischen Rundfunk, die es schon seit 26 Jahren gibt. (…) Ich sehe diese Sendung sehr gerne.« Goetz und Uslar finden die (mittlerweile abgesetzte) Schau deprimierend und traurig und falsch, es gibt eine entspannte Brandrede gegen die Emotionsarbeit des Fernsehens: »Ich will nicht so bedrängt werden.«

Und eine schöne Beobachtung zu »Beckmann« gibt es noch (besprochen wird die damals aktuelle Sendung mit Ulla Schmidt, Paul Sahner, Wladimir Klitschko). Und zwar beobachtet Goetz sehr fein Beckmanns schon per Körperhaltung angedeutetes »Reinschlupfen« in seine Talkgäste.

Die dritte Folge …

… kommt am 19. September 2001 (hier bei YouTube). Zu Gast ist Barbara Sichtermann, die ich damals nur als Figur aus Stuckrad-Barres »Blackbox« kannte (»Sichtie«).

Es geht u. a. um »Sex and the City«, die erste Staffel von 1998, die am 18. September 2001 auf ProSieben Premiere hatte. Goetz findet die Serie und das mitgelieferte Bilder- und Themenarsenal schon »extrem historisch« (»es ist so fucking alt, es ist so dated«). Panzer fragt: »Würden Sie denn diese Serie auch freiwillig weiterkucken?« Goetz (enthusiasmiert von Sichtermanns Analyse): »Ja, ehrlich gesagt ja, komischerweise.« 2001, das ist auch kurz vor dem Zeitpunkt, als in Deutschland das Serienjunkiewesen beginnt, was mit SATC ja auch etwas zu tun hat. Plötzlich konnte man wildfremde Menschen z. B. fragen, ob sie »Six Feet Under« s04e05 gesehen haben usw., das waren plötzlich Referenzpunkte wie Bibelstellen.

In »Fernsehen III« liefert Goetz sonst noch eine schön anzuhörende Strukturanalyse von »Sabine Christiansen« (Sichtermann: »Ich sehe die Sendung nicht so gerne. Sie ist mir zu behäbig und die Moderatorin zu …« – Goetz: »… betrunken vielleicht?«). Es ging in der »Christiansen«-Sendung natürlich um 9/11 und die Folgen, und Goetz lobt in einem Anfall von Systemtheorie den verklausulierten, staatstragenden Gestus der talkenden Politiker, Schilys zum Beispiel:

(zu Sichtermann:) »Ich finde nur, das, was Sie da angreifen an dem gesetzten Talk der Politiker, das hab ich grade in der Sendung jetzt noch mal so richtig verstanden und gut gefunden, weil es sozusagen darum geht, dass die künstliche Intelligenz der Institutionen quasi angezapft wird. Es geht jetzt nicht darum, was Schily als Person denkt, sondern es geht darum, dass diese Probleme eingespeist werden – das findet jetzt eben statt – in Apparate. Kein einzelnes Bewusstsein ist in der Lage sozusagen, die Konsequenzen zu überblicken, das denken zu können, das verstehen zu können, aber Kommunikation als Ganzes, diese Art von künstlicher Intelligenz, die da jetzt zu marschieren anfängt, und das sah man da so extrem. Es gab dann ja auch sofort in der FAZ von Mark Siemons einen Artikel darüber, dass Schily, und Fischer übrigens auch, bei ntv, dass die sozusagen die Diskurse abblocken. (…)«

Es geht dann auch noch um die ausgebliebene Harald-Schmidt-Show, es kommt zu folgendem Dialog:

Goetz: Wir haben ja sozusagen gewartet, schon letzten Mittwoch bin ich hier reingekommen und hab gesagt: Was macht Harald Schmidt? Sozusagen ich warte bereits seit einer Woche drauf: Wie tritt er vor die Leute, was passiert?
Uslar: Ich bin gleichzeitig irre gespannt und kann gleichzeitig auch verstehen, dass er im Moment nicht sendet. Die Amerikaner senden auch nicht im Moment, das ist so ein Argument –
Goetz: Die amerikanischen Talkshows laufen nicht, oder wie?
Uslar: Nee, Leno und Letterman senden nicht.
Goetz: Ah, das ist ja interessant.
Uslar: Und das ist sicher ein Argument für die, die –
Goetz (unterbrechend): Woher weißt du das?
Uslar (mit Understatement gehaucht, absolut sympathisch): Das hab ich in der Zeitung gelesen.
Goetz (sehr, sehr heiter).

Am Schluss dieses dreifolgigen »nachtstudio«-Experiments wird noch gefragt: »Ist das Fernsehen als Ganzes vielleicht das größte Kunstwerk des 20. Jahrhunderts überhaupt?« Wenn man das damals vor 10 Jahren mit Enzensbergers »Nullmedium«-Idee im Hinterkopf als provokant empfunden haben könnte, ist es heute eine noch berechtigtere Frage, aus historischer, aus kunsthistorischer Sicht, denn das 20. Jahrhundert ist ja genauso vorbei wie das Fernsehen as we knew it.

Ich habe die drei Sendungen noch irgendwo auf VHS, aber im Moment keine Zeit, um sie ins Museum historischer Abspielgeräte zu bringen. Deshalb ein großer Dank an den Uploader alexomat2, und hier noch mal der LINK zu diesem Goldnugget der TV-Geschichte.
 

Kaffeehaus des Monats (Teil 66)

sine loco, 4. Dezember 2011, 18:04 | von Baumanski

Wenn du mal richtig Zeitung lesen willst:

Stirka 40° in SPb, mit einem ultrafurchtbaren Foto, wie in dieser Reihe üblich :-)

St. Petersburg
Das »Stirka 40°« in der Kasanskaja Uliza.

(Hier kann man in alten finnischen Maschinen Wäsche waschen und dabei lokale Alkoholiker betrachten, die auf dem Boden schlafen oder in Abfalleimer urinieren. Zu jedem Waschgang bekommt man einen ausgezeichneten Kaffee. Je nach Wochentag wird man von einem Buckligen mit Rastalocken oder von einem grossgewachsenen Otto-Waalkes-Double bedient; beide sind überaus freundlich.)
 

60 berühmte Doppelinitiale

Berlin, 27. November 2011, 14:02 | von Josik

(Nach dem groooßen Erfolg der 50 berühmten Mittelinitiale:)

 
A. A. Milne
A. L. Kennedy
A. R. Penck

B. A. Baracus
B. B. King

C. C. Catch
C. F. Meyer
C. G. Jung
C. H. Beck
C. S. Lewis
C. W. Ceram

D. H. Lawrence

E. E. Cummings
E. M. Cioran
E. M. Forster
e. o. plauen
E. O. Wilson
E. T.

F. C. Delius
F. C. Weiskopf
F. K. Waechter
F. W. Bernstein
F. W. Murnau
FX Karl

G. G. Anderson
G. K. Chesterton

H. C. Artmann
H. G. Wells
H. M. Murdock
H. P. Baxxter
H. P. Lovecraft

I. M. Pei

J. D. Salinger
J. J. Abrams
J. K. Rowling
J. K. Simmons
J. M. Coetzee
J. R. Ewing

k. d. lang
KD Wolff
KT zu Guttenberg

L. A. Lakers

M. C. Escher
M. M. Warburg
M. N. Roy

N. N.

O. J. Simpson
O. W. Fischer

P. D. James
P. G. Wodehouse
P. M. Magazin
P. P. Arnold
P. T. Barnum

T. C. Boyle
T. E. Lawrence
T. S. Eliot
T. V. Kaiser

V. S. Naipaul

W. C. Fields
W. H. Auden

 

Haus des Leningrader Handels

St. Petersburg, 20. November 2011, 10:49 | von Baumanski

Es ist noch dunkel, als ich am Montagmorgen kurz vor neun Uhr geweckt werde. Gähnend verfluche ich den russischen Präsidenten, der dieses Jahr die Winterzeit abgeschafft hat. Dafür ist heute das Duschwasser immerhin lauwarm. Ich fahre dann mit dem Dreierbus zum Ligovski-Prospekt und gehe nach drei Stunden Unterricht um die Ecke in unsere Lieblings-Hinterhof-Stolovaja, wo das Essen natürlich ausschliesslich mit Dill und Petersilie gewürzt wird.

Zusammen mit einem Kommilitonen, dem fröhlichen polnischen Dominikanermönch (@Paco: Grüsse!), mache ich mich auf den Weg und verabschiede mich irgendwann in ein Café. Ich nehme mein schon sehr zerfleddertes, noch aus der Sowjetunion stammendes Exemplar von »Verbrechen und Strafe« heraus und warte lesend auf Ivan Borisowitsch. Denn heute scheint zum ersten Mal seit drei Wochen die Sonne und das wollen wir für einen Spaziergang nutzen.

In der Mitte des letzten Gesprächs zwischen Raskolnikov und Svidrigailov kommt Ivan Borisowitsch dazu, offensichtlich etwas mürrisch gelaunt, und beginnt über verschiedene Dinge zu referieren. Wir verlassen das Café, überqueren den Nevski-Prospekt und kommen zum bekannten Warenhaus DLT (Dom Leningradskoj Torgovli), dem »Haus des Leningrader Handels«, dass angeblich nur deshalb nicht »Leningrader Haus des Handels« genannt wurde, damit es nicht die selben Initialen hat wie Lew Davydowitsch Trotzkij.

Wir spazieren weiter, durch den Michailovski-Park zur Inschenerny-Brücke, auf der unser Freund, der Opernsänger, einmal eine alte Haarbürste gefunden und in die Moika geworfen hat. Besagter Opernsänger ruft dann kurz darauf auch an und lädt uns zu einer Lesung ein, wo verschiedene Dichter der Samisdat-Generation Geld für die Operation ihres verunfallten Kollegen Michail Erjomin sammeln.

Etwas später sind wir noch auf einer Party in einer Wohnung am Nevski-Prospekt. Ich höre jemanden Weissrussisch auf mich einreden, dann unterhalte ich mich länger mit einer Keltologin aus Tscheljabinsk über das irische Eisenbahnnetz, und dann geht das Bier aus. Eine Betrunkene versucht mir und Ivan Borisowitsch zu erklären, dass wir »typische abgestumpfte Russengesichter« haben, und da ist es Zeit, das Weite zu suchen.

»Können Sie kochen?«, fragt Ivan Borisowitsch auf dem Heimweg unvermittelt, nachdem er zuvor lang und breit erläutert hat, weshalb ein russischer Intellektueller prinzipiell mit nichts einverstanden sein kann (auch Dostojewski ist laut Ivan Borisowitsch höchstens ein mittelmässiger Schriftsteller). »Ja«, anworte ich, füge aber hinzu, dass ich mangels Küche momentan nur Butterbrote zubereite. »Das Butterbrot ist ein Modell des Universums«, sagt Ivan Borisowitsch ernst.
 

Die Feuilleton-Verkehrswacht informiert:
Fahrradhelme sind das neue Ampelgelb

Konstanz, 13. November 2011, 15:09 | von Marcuccio

Peter Ramsauer hat letzte Woche sein »Verkehrssicherheitsprogramm 2011« vorgelegt und nebenbei gedroht: Das Helmtragen beim »Fahrraden« (Sascha Lobo) soll zwar erst mal keine Pflicht sein, aber:

»Wenn sich die Helmtragequote nicht signifikant erhöht, auf über 50 Prozent, dann muss man über weitere Maßnahmen nachdenken.«

Freiheit (auch die Freiheit zu verunfallen) und Eigenverantwortung im Straßenverkehr – ein feuilletonistisches Thema mit Tradition. Vor 80 Jahren war der Fahrradhelm noch nicht erfunden. Da diskutierte man, ob denn die Ampelfarbe »gelb« akzeptabel sei.

Der große Siegfried Kracauer meinte gar nicht kleinlich, sondern grundsätzlich: nein! Unter der Überschrift »Kleine Signale« schrieb er in der Frankfurter Zeitung vom 10. Oktober 1930:

»An den wichtigsten Straßenkreuzungen in Berlin wird der Verkehr bekanntlich durch bunte Lichtsignale geregelt. Das rote Sperrsignal weicht aber nicht gleich dem Grün, das die Straße freigibt, sondern verwandelt sich zunächst in ein leuchtendes Gelb.«

Kleine Semiotik des Ampelgelbs

Kracauer war gegen diese farbliche Zwischenstufe, weil sie die Fähigkeit zur Rücksichtnahme versaue. Gelb, so schreibt er,

»ermahnt Passanten und Wagenlenker zur Aufmerksamkeit und befreit sie von allen Überlegungen, die der Zwang zur Rücksicht auf Menschen und Fuhrwerke bei einem plötzlichen Wechsel der Signale erheischte. Durch die Einschaltung des Zwischenlichts wird die Rücksichtnahme gewissermaßen objektiviert und aus den Menschen herausgesetzt.«

Und dann schwenkt sein Ampelfeuilleton westwärts:

»Auch in Paris finden sich an einigen Hauptstaßen Lichtsignale. Nicht Signale eigentlich, sondern jeweils ein einziges rotes Lichtzeichen, das Halt gebietet. Erlischt es, so ist die Straße sofort wieder dem Verkehr freigegeben. Was völlig fehlt, ist der gelbe Übergang. (…) Die Verantwortung ist bei den Menschen geblieben. Ich wünschte, daß auch bei uns das gelbe Licht draußen erlöschte und in die Menschen zurückkehrte.«

Anhänger der politischen Farbenlehre dürfen da jetzt, hehe, ein Bekenntnis zur Eigenverantwortung, aber irgendwie ohne FDP herauslesen. Und feuilletongeschulte Leser ahnen: Fahrradhelme sind das neue Ampelgelb. Erst exotisch, dann umstritten, und früher oder später Teil der StVO.