Archiv des Themenkreises ›taz‹


»El País« im Stadtbild

Barcelona, 28. Juli 2008, 15:49 | von Paco

Oliver Gehrs erwähnte das mal, dass der »stern« nie im Stadtbild zu sehen sei: »Ich meine, das ist wirklich die größte Auflagenlüge der Pressegeschichte: Eine Million Auflage!«, hatte er gesagt. »Der ›Spiegel‹ hat genauso viel Auflage, den siehst du aber ständig.«

Die spanische Tageszeitung »El País« sieht man auch ständig (nicht die uruguayische, obwohl die auch okay gut ist, hehe). Denn die spanische »EP« hat eine Präsenz im Stadtbild, die ihresgleichen sucht:

»El País« liest man im Gehen. Man trägt sie aufgeschlagen vor sich her, während man dezidiert nicht auf andere Passanten oder gar den Straßenverkehr achtet. Ich beobachte hier in Barcelona gerade aufs neue, wie Auto- und Krad-Fahrer respektvoll doch noch mal anhalten, obwohl sie bereits GRÜN signalisiert bekommen haben, wenn ein El-País-Leser, in seine Lektüre vertieft, etwas spät über die Straße schreitet.

Deutsche Zeitungen sind leider zu großformatig für eine solche Art der Lektüre. Mit einer »Zeit« vor dem Körper hat man das Gefühl, man würde ständig gegen eine Betonwand laufen. Lediglich die »taz« und die FR böten sich vom Format her an, jedoch ist dann nicht sichergestellt, dass die Autofahrer einen auch wirklich immer ungehindert passieren lassen, hehe.


Feuilleton und Pornografie (Teil 3):
Tobias Rapp über Pornpop

London, 8. Juli 2008, 11:50 | von Paco

Nachdem in den letzten beiden Teilen in kritischem und ironischem Ton über Pornografie geschrieben wurde, folgt heute der verwissenschaftlichte Ton. Tobias Rapp hat vor einigen Jahren in der »taz« den Begriff »Pornpop« geprägt und damit die fortschreitende Pornografisierung der Gesellschaft beschrieben:

Tobias Rapp: Sag deine Wahrheit, Baby.
In: die tageszeitung, 2. 4. 2004.

Holzhammerartige Anspielungen auf Sex und Pornografie gibt es in der Popmusik natürlich mindestens seit Elvis’ Hüftschwung und Mick Jaggers Mundporträts. Neu ist nun allerdings laut Rapp, dass die Pornografie im »Herzen des Pop-Mainstreams« stattfindet und dass ihr keine Subversionskonzepte mehr zugrunde liegen.

Der geplante Zungenkuss, den sich Madonna und Britney Spears bei den MTV Video Music Awards 2003 gegenseitig in die Gesichter drückten, wird von Rapp zwar nicht erwähnt, eignet sich aber gut zur Illustration dieser These. Diese Live-Aktion zielte eben nicht mehr auf sowas wie die Befreiung der Frau oder die Legitimation der Homo-Ehe.

Diesem eher seichten »Crossover zwischen Pornografie und Mainstream-Pop« stellt der taz-Text die Pornovideos von Snoop Dogg zur Seite. Die Filme, sie sogar kurzzeitig seinen Karriereknick aufhalten konnten, sind die logische Weiterentwicklung der pimpigen Rapvideos: Hier findet der Sex wirklich statt, der in den Clips nur angedeutet wird. »Pornpop ist die vorläufig letzte Möglichkeit, in der Karaokewelt des Mainstreams authentische Geschichten zu erzählen.«

Nun sind Snoop Dogg und Britney Spears etwas weg vom Erfolgsfenster, der Pornpop ist geblieben. Inzwischen hat er ein Update zur These »Alles ist Porno« erfahren, die wenig später von Ariadne von Schirach in den Raum gestellt und über einen berüchtigten »Spiegel«-Essay (in Nr. 42/2005) und später in ihrem Buch »Der Tanz um die Lust« (2007) verbreitet wurde. Darum geht es dann demnächst.


Fußball-Feuilleton (Teil 4):
Eidgenössisches Protektorat Ostpreußen

Konstanz, 7. Juni 2008, 16:52 | von Marcuccio

Käse stand bis jetzt noch nie in Tobi Müllers Eurokolumne, aber die Sache mit Tilsit wäre doch mal ein echter Leckerbissen für die deutsch-schweizerische Völkerverständigung zur EM (von wegen »Nazi«-Sturm usw.). Denn ich frage mich manchmal: Ist das wirklich passiert? Dann muss ich es noch mal lesen, aus dem Protokoll der Gründung von Tilsit vom 1. August 2007:

»Zum Ostpreussen- und Thurgauerlied wurde die Tilsit-Ortstafel enthüllt. [...] Horst Mertineit, Vorsitzender der Stadtgemeinschaft Tilsit e.V. mit Sitz in Kiel, überbrachte als Gastgeschenk den Bronzenen Elch (Symbol von Ostpreussen/Tilsit) und eine Tilsit-Fahne. Im Anschluss an die Unterzeichnung der Gründungsurkunde wurden die Tilsit-Strassentafeln gesetzt. Sie erinnern daran, dass hier der erste Schweizer Tilsiter hergestellt wurde [...].«

Da machen die Schweizer also klar, was in Deutschland noch nicht mal mehr ein Vertriebenenverband öffentlich zu fordern wagt: Sie sorgen dafür, dass in Tilsit wieder deutsch gesprochen wird, ja, sie holen Tilsit heim ins (Käse-)Reich. Und als stolze Bürger, die seit angeblich über 160 Jahren (Weltrekord?) keinen Krieg kennen, tun sie das sogar noch zu ihrem Nationalfeiertag. Sogar die NZZ berichtete über diesen, klar, am Ende natürlich nur käsemarkenstrategisch erfolgreichen Feldzug. Trotzdem liegt die Frage nahe: Wie viel Löwenzahn, hehe, steckt eigentlich in so einem Stück Schweizer Tilsiter?


Fußball-Feuilleton (Teil 3):
Die Nazis der Schweiz

Konstanz, 1. Juni 2008, 10:57 | von Marcuccio

Die taz hat vor allem bundesdeutsche Leser, und also musste Tobi Müller die Sache in der Eurokolumne (I) schon mal kurz erwähnen: Die Sache ist nämlich die, dass Helvetien bei internationalen Turnieren, sowohl neulich beim Eishockey wie auch jetzt zur Fußball-EM, ganz offiziell von Nazi-Spielern vertreten wird.

In der eidgenössisch-landschaftlichen Koseform wird »Nationalmannschaft« nämlich »Nati« geschrieben und »Nazi« gesprochen (jedoch mit kurzem –a–, also »Nazzi«). Und so gibt es, zumindest mündlich, einen Nazi-Sturm, Nazi-Verteidiger, einen Nazi-Trainer (der ja bald Ottmar Hitzfeld heißt) usw. Schriftlich macht das –t– anstelle des –z– im schriftlichen Nachrichtenverkehr also Sinn, sonst blieben Schlagzeilen wie diese ja wirklich grenzwertig:

»Eishockey-Nati schlägt Weissrussland«

Und dann fällt mir in diesem Zusammenhang auch immer dieses Stück Schweizer Fernsehgeschichte ein (ich transkribiere aus »Stuckrad bei den Schweizern«, Folge 7):

BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE im Zug (blättert Zeitungen, schnellt von seinem Sitz hoch und fragt): Gibt’s hier eigentlich ne Fußball-Nationalmannschaft?

Schweizer antworten spontan längst nicht auf alles, schon gar nicht auf pöbelnde Deutsche im Zug.

STUCKRAD-BARRE (zu einer Mitreisenden am gegenüberliegenden Fenster): Sagt man hier Nati zur Nationalmannschaft?

DIE MITREISENDE: Nazi.

STUCKRAD-BARRE: Nazi? Also, das ginge bei uns nich’. Das ginge nicht bei uns in Deutschland. Da könnte man nicht sagen: Die Nazis haben heut gewonnen … Sagt man wirklich Nazi hier. Die Nazi?

DIE MITREISENDE: Jaja, das ist einfach Dialekt.

STUCKRAD-BARRE: Bei uns sagt man: Nazis raus. Is ja lustig.

Er blättert weiter Zeitungen, bleibt auf einer Seite hängen und liest laut vor:

STUCKRAD-BARRE: Polizei hebt Bande junger Neonazis aus. Hier, sind ja auch Nazis. Neonazis. (Er zeigt auf einschlägige Szene-Outfits.) Die U21 mit ihren Trikots.

Usw. usf.


Fußball-Feuilleton (Teil 2):
Alles außer Hochdeutsch. Heute: Der Baselbieter

Konstanz, 26. Mai 2008, 10:13 | von Marcuccio

Warum ich von der Eurokolumne der taz so begeistert bin? Kann ich erklären. Da war, gleich in der Auftaktfolge, dieses Foto, das Ottmar Hitzfeld zum »Baselbieter« deklarierte. Baselbieter, Baselbieter. Dieses Wort einfach mal so als Bildlegende einer bundesdeutschen Tageszeitung, ohne dass irgendeine Schlussredaktion das wegredigiert hätte, das spricht absolut für die taz. Denn kaum ein Nichtschweizer weiß, was ein Baselbieter ist: Selbst im nahen Baden-Württemberg dürften nicht viele was mit dem Begriff anfangen können.

Ein Baselbieter kann nur jemand aus dem Kanton Basel-Land sein, und deswegen ist die Idee, Hitzfeld, der aus Lörrach stammt, zum quasi deutschen Baselbieter zu erklären, natürlich eine ganz wunderbare staatsgeografische contradictio in adiecto. Und doch viel mehr als das: Am deutschen Hochrhein spricht man alles außer Hochdeutsch, und wer Hitzfeld jemals hochalemannisch parlierend im Schweizer Fernsehen erlebt hat, der begreift erst, wie bedenkenlos die Eidgenossen ihn, und nur ihn, als ersten Deutschen überhaupt zum zukünftigen Schweizer Nationalcoach verpflichten konnten. Denn der typische Deutsche, der nur Schriftdeutsch kann, ist Hitzfeld eben gerade nicht.

Nur rein statistisch trägt er deshalb auch zur deutschen Gastarbeiterschwemme bei. Wie Tobi Müller in schönen Sätzen zu berichten weiß, machen es die vielen Teutonen den Schweizern ja nicht gerade leicht:

Seit im Land eine Umschichtung in der Zuwanderung von Norden nach Süden einsetzt, seit hochqualifizierte Deutsche en masse in die Schweiz ziehen und die Italiener als größte Einwanderergruppe, zumindest in Zürich, abgelöst haben, seither hört man auch in linksliberalen Kreisen Dinge, die man über Italiener nie gehört hat. Früher hielt man sich ja stets an Max Frisch: Man rief Arbeiter, und es kamen Menschen. Für die Deutschen übersetzt heißt das heute: Man rief Arbeiter, und es kamen Chefärzte. Und: Die sich dann auch noch erfrechen, sich wie solche zu benehmen.

Hitzfeld hingegen ist so etwas wie der lebende Beweis dafür, dass auch deutsche Integration in der Schweiz möglich ist – wenn die Mund- und Umgangsart stimmt, denn an der Sprache hängt nicht alles, aber doch so viel im deutsch-schweizerischen Verhältnis. Insofern ist dem taz-Artikel mit der Ernennung Hitzfelds zum ›Baselbieter h.c.‹ eine schöne Chiffre gelungen.


Fußball-Feuilleton (Teil 1):
Die beste Stadionzeitung zur Fußball-EM

Konstanz, 23. Mai 2008, 07:19 | von Marcuccio

Fußball-Paralipomena gibt’s heutzutage eigentlich überall, und wohl spätestens das Masern-Szenario im letzten »Spiegel« (20/2008, S. 44) macht klar: Zwar ist die »Euro 08« noch lang nicht angepfiffen, aber trotzdem (oder gerade deswegen) läuft der Nachrichtenzirkus längst rund.

So kommt mit jedem Turnier wieder dieses Festival der Meldungen, die die Welt nicht braucht und doch ganz gerne feiert. Mein liebstes Genre ist ja die Großveranstaltungs-Apokalyptik: Neulich zum Beispiel gingen der Schweiz schon die Kartoffeln für die Stadionpommes aus, davor die Pelle für den Cervelat … (und wer erinnert sich nicht noch an diesen ominösen Stadiontest, mit dem die Stiftung Warentest vor 2 Jahren sogar dem Bundesinnenminister ein Statement abrang, vor allem aber Franz Beckenbauer die legendäre Empfehlung, man solle sich doch besser um »Gesichtscremes, Olivenöl und Staubsauger« kümmern …).

Für alle, die in den nächsten Wochen da wieder mittendrin statt nur dabei sein wollen, empfehle ich heute mal die Original-Veredelungs­rubrik dieser Euro 08 im Feuilleton: die »Eurokolumne« der taz.

Die sympathische Serie erscheint immer wieder samstags (hier die Folgen I, II, III, IV, V, VI, VII zum Nachklicken) und ist allein schon wegen ihres ebenso simplen wie genialen Drehbuchs originell: Tobi Müller (CH) und Ralf Leonhard (A) zählen den Euro-Countdown im wöchentlichen Wechsel von der Gastgeberseite her runter und sortieren, stilisieren, zelebrieren dabei EM-Notizen, was das Zeug hält.

Daneben schlagen die beiden nativen Korrespondenten aber auch über den Fußball hinaus schöne Flanken aus der Tiefe des deutschsprachigen Raums, Flanken, auf die ich – als Umblätterer mit Euregio-Einsitz – natürlich noch zurückkommen muss und werde. Just for fun also ab sofort eine kleine Eurokolumnen-Eskorte mit allen Toren, den schönsten Szenen und Hintergründen zum Spiel.


Nachträglich zum Achtzigsten:
Die Klaus-Heinrich-Charts

Leipzig, 27. März 2008, 21:32 | von Paco

Am 23. September 2007 wurde Klaus Heinrich 80 Jahre alt. Also der Mensch, der das aus dem Blick geratene Altertum so vergegenwärtigt, dass die Philosophie des 20. Jahrhunderts daneben zuweilen alt aussieht (Stichworte: Heidegger, Strukturalismus).

Seine Dahlemer Vorlesungen waren eine derartige class of their own, dass die gesammelten Vorlesungsmitschriften eben auch »Dahlemer Vorlesungen« heißen dürfen, selbst wenn Heinrich und die Herausgeber der Reihe anfangs Zweifel hatten, ob dieser Titel nicht zu sehr nach Provinz klinge (›nie aus Dahlem rausgekommen‹ oder so, was ja letztlich auch stimmt, Henning Ritter nennt es schönerweise »intellektuelle Sesshaftigkeit«).

Alle überregionalen Feuilletons, die etwas auf sich halten (also alle außer »FR« und »Welt«, hehe), haben Klaus Heinrich mit einem Gratulationsartikel Respekt gezollt. Alle 4 Beiträge sind sehr gut, und deshalb werden sie hier zwar gerankt, aber wie (sagen wir mal:) Koransuren der Länge nach angeordnet, nicht unbedingt nach inhaltlichen Kriterien:

1. FAZ (Henning Ritter)
2. TAZ (Cord Riechelmann)
3. ZEIT (Klaus Hartung)
4. SZ (Thomas Meyer)

Jeder der Artikel ist mehr oder weniger zweiteilig. Erstens wird der Konnex zwischen Heinrichs Biografie und der Geschichte der Freien Universität in Berlin-Dahlem hervorgehoben; zweitens werden Heinrichs Forschungen zum »Verdrängten der Philosophie« beschrieben, einschließlich der Erwähnung des »eigentlichen Hauptwerks«, den nach studentischen Mitschriften und Tonbandaufnahmen edierten, bei Stroemfeld erscheinenden »Dahlemer Vorlesungen«, die auf ca. 40 Bände angelegt sind.

1. FAZ

Henning Ritter: Die lange Lehre zum kurzen Protest. In: FAZ, 22. 9. 2007, S. Z1-Z2.

Den meisten Platz räumt dem Jubilar die F-Zeitung ein, der Aufmacher der Beilage »Bilder und Zeiten« belegt ganze zwei großformatige Seiten! Auch das Foto auf der zweiten Artikelseite ist hervorragend: Klaus Heinrich vor einem Bücherregal, im Hintergrund schimmert u. a. das »Lexikon der alten Welt« heraus, das er in seiner Vorlesung »arbeiten mit ödipus« der Benutzung nur mit Vorsicht anempfiehlt. Es steht dann also trotzdem in Griffnähe bei ihm im Regal wie ein Beispiel seiner intellektuellen Redlichkeit, sehr gut.

Im Text selber holt Henning Ritter ganz weit aus und beginnt mit Walter Benjamin, mit der Benjamin-Rezeption der frühen 60er-Jahre, »noch bevor die Schlachten um den Marxisten Benjamin entbrannten, von dem man [damals] noch nichts wusste«. Außerdem werden sehr plastisch die Stellungskämpfe um den sozialwissenschaftlich ausgerichteten »Fachbereich 11« rekapituliert, in die neben Heinrich vor allem Peter Szondi und Jacob Taubes verwickelt waren.

Ritter beschreibt auch am ausführlichsten die Faszination der vorwiegenden Mündlichkeit der Lehre: Heinrich hielt seine Vorlesungen stets ohne Stichwortzettel oder Manuskript und betrieb trotzdem »detaillierte Exegesen zu griechischen Mythen, zu frühneuzeitlicher Wissenschaft, zu Kantischer oder Hegelscher Philosophie oder zu Heidegger«.

2. TAZ

Cord Riechelmann: Die Chance des Verschwindens. In: die tageszeitung, 22./23. 9. 2007, S. 20.

Auch die »taz« ist großzügig und spendiert eine ganze Seite ihres Feuilletons. Cord Riechelmann legt den Schwerpunkt auf Heinrichs Apotheose einer unabhängigen Universität. Sein gleichzeitiges Schulterzucken ob der Tatsache, dass auch die Universität inzwischen von ökonomischem Denken durchwirkt ist, hat damit zu tun, dass diese Institution für Heinrich auch nur episodischen Charakter hat als Ort einer (von ökonomischen Zwängen freien) unabhängigen Wissenschaft.

3. DIE ZEIT

Klaus Hartung: Denken, sprechen, anklagen, besser machen. In: Die Zeit, 20. 9. 2007, S. 56.

Der »Zeit«-Artikel legt den Schwerpunkt ein wenig auf das Verhältnis von Heinrichs Habilitationsschrift »Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen« (1964) und den Studentenprotesten, die ja bekanntlich in die Gewalt mündeten. Wobei es Heinrich eben auch immer wieder darum gegangen sei, die »Blutseite philosophischer Abstraktionen« aufzudecken. Auch Klaus Hartung beschreibt lebendig die Vorlesungsatmosphäre und darüber hinaus das Phänomen, dass Heinrich bei der Wirkmacht seiner Gedanken doch so »verfügbar entzogen« sei, so »präsent verborgen«.

4. SZ

Thomas Meyer: Der ewige Wissenstrieb. In: SZ, 22./23. 9. 2007, S. 14.

Trotz der Knappheit seines Artikels gelingt es Thomas Meyer, die Eigentümlichkeit von Heinrichs Denkstil zu umreißen und die wilden Jahre an der FU zu evozieren. Sogar seine spätere Rivalität zu Taubes kriegt einen Satz ab: »Dass dies [Heinrichs Forschungen] etwa beim philosophierenden Kollegen Jacob Taubes, der in allem das Gegenteil von Heinrich war, wütende Ausfälle provozierte, gehört zur Geschichte der produktiven Jahre der Freien Universität.« Auch Meyers Text ist wie die anderen Text da am stärksten, wo er Heinrichs Lehrumgebung, die FU, anekdotisch wieder aufleben lässt.


Das Uefa-Cup-Finale von Leipzig

Konstanz, 13. März 2008, 11:58 | von Marcuccio

Für alle Fans des Feuilleton-Sports wird dann heute nachmittag erst mal der Uefa-Cup der deutschen Buchpreise ausgetragen. Das war übrigens schön, wie Wiebke Porombka in der taz das Standing der konkurrierenden Buchmesse-Awards (Frankfurt vs. Leipzig) mal so beschrieb:

» (…) der ›Preis der Leipziger Buchmesse‹ (…) gilt hinter vorgehaltener Hand eher als Uefa-Cup-Teilnahme. Entspannen wir uns also ein bisschen bis zur Frankfurter Champions League, die im Oktober 2008 ausgetragen wird.«

Wobei so ein Uefa-Cup ja durchaus auch mal mehr Qualität bieten kann als ein vermeintlich hochkarätiges CL-Finale: Wir alle erinnern uns an 2003, als es bei Juve gegen Milan auch nach 90 Minuten plus Verlängerung immer noch 0:0 stand (gähn). Rein von der Aufstellung (keine Julia Franck II, kein Arno Geiger IV) steckt dieses Leipziger Shortlist-Finale heute sowieso schon voller Überraschungen. 16 Uhr wissen wir mehr.


Walsers Propaganda-Krawatte

Konstanz, 5. März 2008, 07:16 | von Marcuccio

Letzten Freitag war Krawattentag im deutschen Feuilleton, denn in Weimar, bei einem der kollektiven Betriebsausflüge letzte Woche, hatten se dann doch so intensiv in Walsers Krawatte gelesen, dass der Perlentaucher tatsächlich sinnig titelte:

»Heute in den Feuilletons: Giftig hellblaue Muster«

Konsequenterweise hätten die Perlentauchers bei der Gelegenheit aber auch gleich mal wieder von ihrer neuen (zuletzt bei Isabella Rosselinis »Green Porno« angewandten) Sitte der illustrierten Presseschau Gebrauch machen müssen.

Krawatten-Exeget der Stunde war Dirk Knipphals, der im Perlentaucher nicht nur ausführlich zitiert wurde sondern, sich seiner neuen Verantwortung als führender Krawatten-Experte des deutschen Feuilletons bewusst, am Tag drauf sogar noch mal nachlegte und in der taz vom Wochenende (S. 18) berichtigte:

»Von wegen anarchisch, nur weil ihre Farben etwas giftig waren. Der Schluss war ohne Blick auf ihren Zipfel gezogen: Da prangte, passend zur Lesung aus einem Roman über den alten Goethe, dieser höchstselbst beziehungswiese seine Silhouette nach dem berühmten Gemälde von Heinrich Tischbein ›Goethe in der Campagne‹«.

Witzigerweise heißt das Tischbein-Gemälde ja eigentlich »Goethe in der Campagna«, aber Knipphals soll sich ja nicht noch mal berichtigen müssen, und Campagne mit »-e« passt zu Walsers Propaganda-Schlips natürlich auch, hehe.


Wie ich mal wieder die taz las

Konstanz, 4. März 2008, 07:56 | von Marcuccio

Als ich einem Kumpel vor ein paar Jahren erzählte, dass ich genauso gern wie die FAZ eigentlich nur noch die taz läse, runzelte er die Stirn. Komischerweise machen die Leute das öfter, wenn ich das erzähle. Weil ich die taz nur reziprok so häufig wie die FAZ zur Hand habe, kaufte ich mir am letzten Sonntag mal wieder eine Ausgabe. Vier Beobachtungen und ein Fazit auf Basis der Wochenend-Ausgabe vom 1./2. März:

Die Titelseiten sind ein Spiel

Es fängt taz-typisch, taz-gefällig mit politischer Farbenlehre an: Ein Rubik-Zauberwürfel mit allerlei schwarz-grüner Unordnung obenauf, aber auch rot-grün-gelb an den Seiten. Dazu die hübsche Bildunterschrift »Noch ein Dreh, und alles sieht schon wieder ganz anders aus.«

Großes Thema dieses taz-Wochenendes ist also die Balz der Hamburger CDU mit den Grünen. Im Innern (S. 4/5) ein distanzierter Hintergrundbericht zur Entscheidung der Grünen, mitzuflirten (Motto: »Die Basis nickt das ab«) und ein Worst-Case-Szenario mit Paul Nolte im Interview (»Es gibt ein schwarz-grünes Projekt«).

Im Wirtschaftsteil (S. 9) labt sich jeder F-Zeitungs-Leser an den erfrischend flapsigen Unternehmensnachrichten: »McDonald’s macht jetzt auf fair und bio.« Auf der Seite »Meinung und Diskussion« (S. 11) scheint ein Hintergrund-Kommentar von Raul Zelik zur »Vergifteten Nachbarschaft« zwischen Kolumbien und Venezuela schon allein deswegen interessant, weil er, um mit Oliver Gehrs zu sprechen, mal nicht Medien-Mainstream ist.

Ritter Sport schmeckt nicht jedem

In den Leserbriefen, die erwartungsgemäß »leserInnenbriefe« heißen, setzt es Ärger: Offenbar hatte sich die taz erlaubt, »zu hymnisch« über die Firma Ritter Sport zu berichten, und das ist …

»(…) eine arge Zumutung für Lesende, die seit Jahren fair produzierte Bio-Schokolade in nicht quadratischer Form genießen« (S. 12)

Doch die taz wäre nicht die taz, wenn es dafür keine redaktionelle Wiedergutmachung gäbe: Auf der allerletzten Seite, der Genossen-Seite (»taz muss sein«), werden unter dem Stichwort »Fairführt« (und expliziten Bezug auf die Ritter-Sport-Geschichte) ökologisch korrekte und fair gehandelte Schokoladenhersteller wie Rapunzel oder Gepa bedacht.

In der tazzwei dann ein sehr schönes, doppelseitiges Reisefeuilleton mit S/W-Fotos aus Sils-Maria (S. 16/17), eines von der Sorte, wie man es als Kulturklatschmensch schon allein deshalb schätzt, weil man sich spätestens beim nächsten Engadinbesuch dann doch wieder ganz genau dafür interessiert, in welchem Chalet Annemarie Schwarzenbach nun noch mal mit Erika und Klaus Mann gekifft hat.

»Leibesübungen« gibt’s nur mit Daily Dope

Im legendär überschriebenen Sportteil der taz gefällt der sympathisch offensive Umgang mit dem offensichtlichen Mut zur Lücke: »Was alles nicht fehlt« – so sind die wenigen Meldungen überschrieben, hehe. Zukünftige Umblätterer-Praktikanten könnten die sporadisch-zufälligen Sportnachrichten doch glatt mal zum Ausgangspunkt nehmen, um uns über die Lieblings-Leibesübungen der taz-Redaktion aufzuklären (Sport-Idole setzen wir erst kaum voraus, denn das könnten ja allenfalls Fußballtrainer vom Schlage Hans Meyer sein).

Außerdem gibt’s eine Rubrik namens »daily dope«, Folge 263 – werden hier also tatsächlich tagtäglich Meldungen zum Thema Doping aufbereitet? Im Vergleich zu den Blutbeutel-Beichten im »Spiegel« ist so eine nachrichtliche Daily Soap natürlich echtes, konsequentes Trockenfutter. Damit bin ich jetzt endlich bei den fünf Seiten Food-Feuilleton im tazmag:

Eine Seite davon ist echtes Supermarkt-Feuilleton: Gina Bucher vergleicht so naja das Einkaufen bei Galeria Kaufhof, bei der LPG BioMarkt und auf dem Wochenmarkt. Schade finde ich allerdings, dass an die ganz normalen Supermärkte in Deutschland offenbar erst gar keine Ansprüche mehr gestellt werden. Und dann kommt noch ein echtes Highlight zum Schluss:

Warum die taz nicht an Bord der Lufthansa darf

Das kann man auf der schon erwähnten Seite »taz muss sein« nachlesen. Hier ist nämlich nicht nur Platz für den schokoladigen Sündenablass vor den taz-Genossen; hier wird auch knallhart am eigenen Mythos weitergeschrieben. Ein Foto mit winkender Retro-Stewardess erklärt uns die taz als Flugbegleiterin – ein Thema, das man bei anderer Aufbereitung jetzt nicht unbedingt gelesen hätte, denn es geht um die reichlich perfiden Finessen der so genannten Bordexemplare, mit denen Tageszeitungen gern ihre Auflagenzahlen türken (›türken‹ schreibt die taz natürlich nicht).

Jedenfalls darf die taz der Lufthansa keine Bordexemplare mehr ausliefern, seit das Blatt zur Trauerfeier des 1991 von der RAF ermordeten Treuhandschefs Detlev Rohwedder diese Schlagzeile brachte:

»Weizsäcker: Detlev, der Kampf geht weiter!«

Das bezog sich auf die bundespräsidiale Trauerrede für Rohwedder und verstand sich als Referenz (»Holger, der Kampf geht weiter!«, hatte Rudi Dutschke am Grab von Holger Meins gerufen). Doch für solchen Humor hatten die Rohwedderschen Trauergäste auf dem Heimflug von der Beerdigung nachvollziehbar kein Verständnis. Seither (und angeblich bis heute) möchte die Lufthansa ihren Passagieren an Bord keine taz mehr zumuten. Naja, vielleicht hat man mittlerweile Angst vor der ersten emissionsfreien Zeitung, vielleicht will man aber auch einfach nur die überbordende Papierflut in den ACP-Areas im Zaum halten.

Fazit

taz hat mal wieder Spaß gemacht. Vor allem die allseits kreativen, intelligenten Ressort-/Rubriken-/Artikel-Benamsungen künden von einer erfrischend wachen Zeitung. Ein paar mehr Leser als Genossen könnte sie im Interesse der Leser allerdings schon vertragen – damit’s bei aller angenehmenen Selbstironie nicht nur noch genossenschaftlich selbstreferenziell wird.