Archiv des Themenkreises ›Spiegel Online‹


Charles Matton in Jena

Jena, 28. Januar 2010, 14:15 | von Paco

Schnell nach Jena in die Charles-Matton-Ausstellung (in der Göhre, noch bis 21. Februar). Es ist ja die erste ihrer Art in Deutschland, und da hatte es sich selbst SP*N nicht nehmen lassen, darüber zu berichten. (An den anderen Feuilletons ist das vorbeigegangen. Schande, Schande, Schande!)

Die Genrebezeichnung der ausgestellten Werke lautet boîtes, Boxen. Das sind diese absonderliche Guckkästen, an denen Matton seit Mitte der Achtziger bis zu seinem Tod vor etwas mehr als einem Jahr herumgebaut hat. Sie zeigen das Zimmer einer unordentlichen Frau (Spielkarten, zerwühlte Decken, Revolver auf dem Kissen), Hotel­szenen oder Künstlerateliers, etwa die von Francis Bacon und Alberto Giacometti. Die Boxen lassen sich als bloße Kulissennachbauten interpretieren oder aber als extrem originäre Überkunst.

Die Logik der Spiegel

16 der insgesamt knapp 100 von Matton gefertigten Boîtes sind in Jena ausgestellt (daneben auch noch ein paar Dutzend Fotografien). Die Kantenlängen der Boxen, die in Sichthöhe aufgebahrt sind, betra­gen jeweils zwischen 50 und 100 cm. Die gläserne Frontseite gibt den Blick frei auf die jeweilige Miniaturszene. Durch die obere Abdeckung strömt ab und zu noch etwas künstliches Licht.

Die den realen Gegenständen nachgebildeten Einzelelemente in den Kästen hat Matton meist aus Kunstharz und Marmorstaub angefertigt. Das waren sicher so fitzelige Sessions wie damals vor 400 Jahren, als Adam Elsheimer seinen perfektionistischen Sternenhimmel auf diese eine Kupferplatte setzte. Das wichtigste Stilmittel aber sind (vor allem teildurchlässige) Spiegel, deren Logik nicht immer leicht zu durch­schauen ist. Sie verlängern einen Weinkeller, eine Hotelhalle oder gleich die Bibliothek zu Babel ins Unendliche.

Zeitungen, immer wieder Zeitungen

Bibliothèque de Babel (Box von Charles Matton)In der Box mit der Babel-Bibliothek, eine Hommage an Borges, sieht man naturgemäß volle Bücherregale und eben endlos scheinende Gänge. Matton hat die Szene aber eher frei gestaltet: An den Bücherrega­len hängen miniaturisierte Poster von Rimbaud, Proust, Joyce und anderen Kanonschriftstellern, das erinnert dann eher an ein Jugendzimmer. Und über dem Geländer hängt komischerweise eine »Wiener Zeitung«.

Und überhaupt, die Matton-Boxen lassen sich auch als Parteinahme pro Holzmedien lesen. Denn in fast allen Boxen stehen Bücher und liegen Zeitungen en miniature herum. Zeitungen, immer wieder Zeitungen. In einer leeren Hotelhalle flattert eine FAZ herum. In Sigmund Freuds Arbeitszimmer wieder die »Wiener Zeitung«. Sonst natürlich viele »Le Monde«-Exemplare, sogar auch noch in Sacher-Masochs Dachstube, wo eine »Le Monde« direkt vor einem Abu-Ghuraib-artig gefesselten Mann liegt, zusammen mit einer Ausgabe des »Chronicle« und einem aufgeschlagenen Buch.

Foto der Box »Bibliothek zu Babel«:
Stadtmuseum Jena


Vier Nachrufe und ein Todesfall

Konstanz, 7. November 2009, 16:49 | von Marcuccio

Bestattungskultur und Feuilleton, das latente Novemberthema. Todesfall der Woche natürlich Claude Lévi-Strauss (»Strooß« in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens; »Strauß« wie Franz Josef in der ARD-Tagesschau). Im Perlentaucher vom Donnerstag hieß es:

»In der FAZ erhält Claude Levi-Strauss ein dreiseitiges Staatsbegräbnis«

Und das war doch mal ein schönes Stück Teaser-Text. Mir gefällt wirklich nur dieses Bild, dieses Bild vom

»FAZ-Gegenstück eines Staatsbegräbnisses«

oder, platztechnisch gesprochen: »Titelfoto und dann ganze drei Feuilletonseiten«.

Und dann fällt mir Volker Hage ein, der neulich (wie angekündigt) sein Spektrometer literaturkritischer Textsorten vorgelegt hat. Das Buch enthält auch vier exemplarische Nekrologe. Wenn man Hages Nachrufe jetzt mal mit der Perlentaucher-Bestattungsmetaphorik kurzschließt, lassen sich folgende Ereignisse rekonstruieren:

Max Frisch († 1991) – bekam seinerzeit auch ein Staatsbegräbnis (4 Seiten in der ZEIT),

Jurek Becker († 1997) – eine ganz normale Erdbestattung (1 Seite im »Spiegel«),

John Updike († 2009) – eine Totenwache bei SPON.

Für Ulrich Plenzdorf († 2007) – aber blieb nur ein anonymes Urnen-Schließfach im »Spiegel«-Register (»Gestorben«).

 


Matussek, Folge 97:
Die alten Feuchtgebiete

Leipzig, 9. November 2008, 16:40 | von Paco

Wie Nils Kahlefendt in seinem Umblätterer-Porträt im Börsenblatt 14/2008 einmal schrieb:

»Die englische Synopsis von Matusseks ›Kulturtipp‹-Blog ist eher etwas für Hardcore-Fans.«

Den Volltext der Passage gibt es bei zintzen.org (dort Abschnitt IV.). Also weiter. Nach den Folgen 56, 63, 69 und 85 folgt heute unser (wieder leicht verspäteter) Recap der Folge 97. Wie immer passiert alles in der sentimenta­lischen Genauigkeit der Einträge auf der Serien-Website TV.com. Have fun!

Matusseks Kulturtipp (2006 and on)

Ep. Title: »Matusseks Bücherschau: Die alten Feuchtgebiete«
Episode Number: 97 (Complete Episode Guide)
First Aired: September 25, 2008 (Thursday)
URL: http://www.spiegel.de/video/video-36686.html

Synopsis

»This is blog #99,« Matussek keeps saying when it’s only blog entry #97. He obviously wants to antedate the 100th episode of his show. As always with Matussek, there’s a message behind this seemingly obvious faux pas. By insisting on what is evidently untrue, Matussek carries on a tradition that originated with great authors such as Max Frisch. Also in this episode, Matussek revives the birthday party for infamous »BILD« columnist Franz Josef Wagner which took place at the Springer headquarters. He soon changes the topic, though, and starts talking about Frauenliteratur (Women’s Literature), suggesting that women are »the better people.«

Cast

Star: Matthias Matussek (himself)

Recurring Role: Goethe (himself)

Guest Star: unidentified staff member (carrying stuff to and fro behind Matussek’s back), Mathias Döpfner (himself), Kai Diekmann (himself), Franz Josef Wagner (himself), Hillary Clinton (external footage), Sarah Palin (external footage), John McCain (external footage).

Compositing/Production: Jens Radü

Memorable Quotes

Matussek: »Die Vorbereitungen für den 100. Blog laufen, große Gala, wer hätte das gedacht: Matussek wird hundert.«

Matussek: »Noch mal für Franz Josef [Wagner] und all die anderen, die mit dem Zählen durcheinander gekommen sind: Das hier ist Blog 99, nächste Woche ist Blog 100.«

Matussek: »Charlotte Roche will erst mal ausspannen und Urlaub machen. Ich hab gehört, mit einem Teil ihrer Tantiemen hat sie sich Österreich gekauft.«

Matussek: »… Eberhard von Kuenheim, dann doch eher Männerliteratur, ›In großer Höhe fliegt der Adler am besten allein‹, ergebnisorientiert, ich lese hier nichts von Hämorrhoiden, [das Buch ist] also auch nicht bestsellertauglich, befürchte ich.«

Matussek: »Wer kann schon Steinmeier und Merkel wirklich auseinanderhalten?«

Trivia

Running time of this episode: 7′33 mins.

Matussek wears no suspenders in this episode after the opening credits.

»Der alte Schirrmacher« (»good old Schirrmacher«) is not mentioned in this episode. The same goes for Ding and Dong (i. e., Mephisto). Also Goethe is only seen in footage for an earlier episode where he accompanies Matussek and Australian author Gregory David Roberts to a restaurant in downtown Bombay (1:25 minutes in).

As always, Matussek uses the abbreviation »blog« when actually referring to a »blog entry« (or rather, »vlog entry,« or »vlog post«). Some inexperienced would-be bloggers suggest that this shows how he doesn’t have the foggiest notion about what he is doing. (Them noobs have nooo idea, hehe.)

This 97th episode ushers in the confusion surrounding the festivities of Matussek’s upcoming 100th vlog entry. Just take Matussek’s little chit-chat with Franz Josef Wagner where the latter one goes: »I haven’t seen the 99th yet.« – »It’s not there yet,« answers Matussek. Of course, this bears a double meaning. He was directing the alleged 99th episode in that very moment. But this also indicates that Matussek was well aware of what he was doing there. He tells us the 99th episode »is not there yet,« although he starts off by saying: »This IS blog #99.« Just compare this to the first sentence of Max Frisch’s celebrated novel »Stiller«: »I am not Stiller,« he writes. »This is the 99th blog,« Matussek says, a clear allusion to the Swiss author.

Mathias Döpfner, CEO of Axel Springer, is seen delivering a speech in honor of Franz Josef Wagner but little can be overheard.

The footage showing Hillary Clinton, Sarah Palin, and John McCain, was provided by SPIEGEL TV.

His words concerning Sarah Palin seem to be favorable yet in an interview with the Hamburg newspaper »Abendblatt« Matussek revises his thoughts: »In meinem letzten Blog hab ich Sarah Palin als neuen, konservativen Typ Feministin bewundert, schon weil mir die traditionellen Feministinnen so auf die Nerven gehen, und nicht nur mir. Jetzt allerdings hat mir Irene Dische ein absolut dämliches Palin-Interview geschickt und mit mir geschimpft, und ich schäme mich in Grund und Boden.« – While we’re at it: The name of mentioned author Irene Dische can be pronounced either way: »Dische, Disky, Dish.« This is intel provided by Adriano Sack who interviewed Dische for the German edition of »Vanity Fair«.

Allusions

Matussek mentions that Kai Diekmann, editor-in-chief of »BILD«, Europe’s biggest yellow press newspaper, cranks up the blog business by installing a »Leserblogger« project. This enigmatic remark might refer to an actual project called »Blattkritik« where celebrities are asked to criticize the current edition of »BILD« in front of a camera. The first guest to appear was Germany’s current Foreign Minister, Frank-Walter Steinmeier, on Sept. 22, 2008, just 3 days before this episode of »Matussek« aired. (BILDblog indicates that Steinmeier might have had ulterior motives for his far too gentle »criticism« but that’s another story.)

»Alle sind auf der Suche nach den neuen ›Feuchtgebieten‹,« says Matussek. This refers to the bestselling teenage novel »Feuchtgebiete« by Charlotte Roche whose English edition, »Wetlands«, is about to hit the market.

The jury of the renowned German Book Prize is referred to as »behämmert« (»nutty«, »screwy«) because they didn’t care to put Roche’s megaselling book on their longlist for the 2008 award.

This episode contains excerpts from episode 62, »Bücher 2008 – Die neuen Tabubrüche sind da!«, that aired on January 8, 2008. Matussek is seen flipping through some brochures announcing Charlotte Roche’s novel »Feuchtgebiete.« He reads the advertising text and screams, »Um Gottes Willen!« (»For God’s sake!«)

Subsequently, the title of this episode, »Die alten Feuchtgebiete«, is then coined as Matussek looks at a reproduction of Titian’s »Venus of Urbino« in one of the catalogues he is browsing. »The old wetlands« thus may refer to whatever you might see in this fabulous painting.


Feuilleton und Pornografie (Teil 4):
Ariadne von Schirach über die Generation Porno

London, 12. Juli 2008, 08:14 | von Paco

Buchstäblich aus dem Nichts kam der »Spiegel«-Essay einer bis dahin unbekannten Philosophiestudentin:

Ariadne von Schirach: Der Tanz um die Lust.
In: Der Spiegel 42/2005 (17. 10. 2005), S. 194-200.

Die These der Autorin lautet ungefähr so: Wenn sogar der niedliche Berlin-Mitte-Boy von nebenan (»stilecht mit Freitag-Umhängetasche«) ungeniert durch die Pornoabteilung einer Videothek surft, dann muss das etwas bedeuten. Nämlich: Porno ist überall, Porno ist gesellschaftsfähig.

Der Ariadne-v.-Schirach-Artikel mit dem wallend blonden Foto als Beweis der Autorschaft war ein Scoop für den »Spiegel«. Alle, wirklich alle wollten wissen, wer das ist – und was dieser Text eigentlich jetzt genau soll. Einordnungsversuch: Der Artikel und Schirachs daran anschließendes Buch »Der Tanz um die Lust« (Goldmann 2007) sind eine Art Porno-Edition von Illies’ »Generation Golf«.

All die hoffnungsfrohen jungen Leute, die sich von einer ubiquitären Pornografie dominieren lassen, verlängern so ihre Jugend und zögern ihr endgültiges Erwachsenwerden hinaus. Wo Pornos sind, sind Singles, männliche vor allem, denn die sprichwörtlichen »Sexbomben mit Staatsexamen« sind schon noch an Bindung interessiert, befinden sich schon noch in Erwartung des Mr. Right und zeigen sich daher »ungehalten über mangelnde sexuelle Bereitschaft. Die Männer sind verunsichert und flüchten ins Internet.«

»Die Hinweise häufen sich. Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung soll sich angeblich regelmäßig auf Sexseiten im Internet vergnügen. Es gibt Seiten, die ein komplettes Porno-Alphabet anbieten, jede nur erdenkliche Neigung, kunstvoll sortiert, der alte de Sade hätte seine helle Freude gehabt.«

Über Advanced Porn-Surfing hat übrigens Jens Friebe ein sehr schönes Lied geschrieben, es heißt »Gespenster«, stammt vom 2004er Album »Vorher Nachher Bilder« und wird hier später verhandelt.

Zurück zu Schirach. Ihr ist auf jeden Fall eine beeindruckende Phänomenologie der pornografisierten Gesellschaft gelungen. Der »Spiegel«-Text wird vor allem durch die unterhaltsame Beispielgebung getragen, angetreten ist »die Frau von der Triebabfuhr« (taz) aber auch, um irgendwie zu warnen: »Das Problem beginnt, wenn das pornografische Menschenbild zur Norm wird, und Gegenbilder fehlen«, sagte sie im SP*N-Interview. Wohin sie mit ihren Bedenken allerdings will, wird nicht so richtig deutlich.


Matussek, Folge 85:
Linker und rechter Fußball

London, 23. Juni 2008, 19:37 | von Paco

Und weiter. Nach den Folgen 56, 63 und 69 heute Folge 85. Wie immer passiert alles in der sentimentalischen Genauigkeit der Einträge auf der Serien-Website TV.com. Have fun!

Matusseks Kulturtipp (2006 and on)

Ep. Title: »Matusseks EM-Studio: Linker und rechter Fußball«
Episode Number: 85
First Aired: June 17, 2008 (Tuesday)
URL: http://www.spiegel.de/video/video-31808.html

Synopsis

To mark the occasion of the 2008 UEFA European Football Championship hosted by Austria and Switzerland, Matussek mixes football with politics in this episode. Accompanied by his buddy Goethe, he collects statements of more or less renowned friends, journalists, and politicians to make his point. In the end, he skeptically removes his patriotic cheek painting as the 2006 World Cup spirit seems to be gone somehow. This episode also holds two surprises: one regarding the infamous Córdoba match from 1978, the other involving an alleged quote from Goethe’s and Schiller’s couplet collection »Xenien.«

Cast

Star: Matthias Matussek (himself)

Recurring Role: Goethe (himself)

Guest Star: Angela Merkel (herself, only seen in photos), Joachim Lottmann (himself), Thomas Schmid (himself), Gregor Gysi (himself), Oskar Lafontaine (himself), Christoph Metzelder (himself), Oliver Bierhoff (himself), Alexander Kluge (himself)

Memorable Quotes

Matussek (meeting up with Thomas Schmid): »Ich stellte ihn in der Raucherecke des Springer-Hochhauses, (es) erinnerte ein bisschen an Guantánamo.«

Thomas Schmid: »Da gibt es ja seit Netzers Zeiten und seit dem berühmten Che Guevara im Porsche oder Jaguar, ich weiß nicht mehr, drin, viele, viele Spekulationen, der eher kollektive, eher kollegiale, der eher leistungsorientierte Fußball, ich glaube, das ist Quatsch, das ist alles eine Suppe.«

Gregor Gysi (when asked about the condition of the German national football team): »Ich hab immer gesagt, nicht wieder, dass wir in den letzten Tagen einknicken, sondern durchziehen.«

Oskar Lafontaine (about Michael Ballack as possible lifelong captain of the national team): »Ja, ich fürchte, dass da etwas übersehen wird, nämlich die Kondition des Mannschaftsführers. Er ist sicherlich jetzt ein sehr guter Spieler. Ob er das in 50 Jahren noch ist, da hab ich meine Zweifel.«

Matussek (to German coach Joachim Löw, over the phone): »Sage mal, was ihr für Scheiße hier zusammenspielt. Das könnter doch net mache.«

Christoph Metzelder: »Ich glaube, dass es normal ist, dass man nach so einem Spiel sich auch hinterfragt als Mannschaft, als Verantwortlicher, als Trainerstab.«

Matussek (reinterpreting Córdoba 1978): »Wir hatten einfach keine Lust, in dem argentinischen Junta-Staat, dem Folterstaat, mit Fußball zu glänzen. Die Österreicher konnten das leichter abschütteln, hatten damit keine Probleme.«

Matussek (to Alexander Kluge): »Es ist wichtig, dass Sie, wenn Sie nicht mehr weiterwissen, ist es immer gut, wenn Sie einen Goethe dabeihaben. Ich hab bei meinen Blogs immer einen Goethe dabei.«

Matussek: »Fußball theatralisiert die Seelenlage einer Nation wie nichts Anderes.«

Trivia

Running time of this episode: 7′00 mins.

This episode starts without any form of intro or opening credits.

Matussek wears no suspenders in this episode except for a few shots during the closing credits. Instead, he wears one of these Hawaiian flower necklaces in black–red–gold, the official German colors. In one scene, he can be seen wearing a football scarf, also in German colors.

»Der alte Schirrmacher« (»good old Schirrmacher«) is not mentioned in this episode. The same goes for Ding and Dong (i. e., Mephisto).

There’s footage showing German author Joachim Lottmann commenting Croatia’s defeat of Germany on June 12th. Lottmann is seen with a couple of teenage fans introduced by Matussek as a »family from the Northern outskirts of Berlin.« Matussek and Lottmann used to work together at »Spiegel« magazine.

Thomas Schmid whom Matussek happens to meet in the smoking area of the Springer-Hochhaus is editor-in-chief of »Die Welt«, a conservative daily published by Axel Springer AG. From 2000 to 2006, Schmid worked for »Frankfurter Allgemeine Zeitung« which is also regarded as conservative (see signandsight’s key to German newspapers). In the eighties, Schmid had mainly worked for leftist publications.

Matussek published a discerning story on Gregor Gysi, head of Germany’s Left Party, in »Spiegel« magazine, no. 23 (June 2, 2008), pp. 48-50. Thus the scenes with Gysi contained in this episode can be considered outtakes since none of his statements made it into the actual article.

Instead of flocking to a public viewing, Matussek retreats to a private session to watch the match between Croatia and Germany. There he urges two kids to snatch the ball out of the game projected to the wall of the living room to help the German team protect its penalty box. (It didn’t help, though.)

In the second half of the match between Croatia and Germany, Matussek rings up German coach Joachim Löw to ask what on earth his team is doing (see Memorable Quotes). As Löw was not seen holding a phone during the match, Matussek may have dialed the wrong number.

Since football as we know it was invented after Goethe’s death in 1832, it appears to be quite prophetic that the revered German poet already alludes to it in the first part of his tragedy Faust whose first drafts date back to the 1770s: »Da steh ich nun, ich armes Tor! / Und bin so klug als wie zuvor« (»So here I stand, a poor goal! / None the wiser than before«).

German chancelière Angela Merkel is only seen in photos where she seems to be talking to Matussek about his 2006 book, »Wir Deutschen« (»We Germans«). In the beginning of this episode, he already denoted this essayistic piece as a »licence to cheer« for the German fans during the 2006 World Championship which took place in Germany.

The scenes showing defender Christoph Metzelder and team manager Oliver Bierhoff talking to journalists during a press conference are not shot by Matussek himself but taken from another source.

This episode was followed by a remix episode released three days later (June 20th) after the German team beat Portugal in the quarter finals by 3–2 in Basel on June 19th. It goes by a slightly altered title, »Matusseks EM-Remix: Linker, rechter und guter Fußball«, and mainly revises several ideas mentioned in the original video blog. It also contains some new material, though, like the opening scene where Matussek cries, »Aus! Aus! Aus!«, paying tribute to German sports reporter Herbert Zimmermann (1917–1966) who used the exact same wording after (West) Germany beat Hungary in the World Cup final of 1954 (»Miracle of Berne«).

Allusions

Matussek wears the patriotic black, red, and gold face paint but to express the curbed enthusiasm of both, the German national football team and the German fans, it was applied in the shape of a question mark.

The biggest surprise in this episode is Matussek’s reinterpretation of the infamous match between Austria and Germany in Córdoba, Argentina, during the World Championship in 1978. He insinuates that Germany lost on purpose to protest the Argentinean military junta. In contrast, Austria didn’t seem to care about the whole thing and beat (West) Germany by 3–2. This new hypothesis easily overthrows another famous reinterpretation of the match: sports commentators Grissemann & Stermann suppose that its final score actually amounted to a 5–0 in favor of Germany since all 22 players on the field where after all German (see here for details).

Matussek mentions a popular Goethe dictum, »Stolpern fördert« (»to stumble brings forward«) and provides his and Schiller’s »Xenien« as its source. Yet this small piece of wisdom, jotted down by Goethe during his second journey to Italy, never made it into a poetic work. The respective note reads, »Holl. Spr. W. Stolpern fördert.« – »Holl. Spr. W.« is an abbreviation for »Holländisches Sprichwort«, i. e., »Dutch proverb.« According to Jacob and Wilhelm Grimm’s »Deutsches Wörterbuch« (vol. 19, 229), »Stolpern fördert« is a proper German saying. Goethe also lists an Italian equivalent: »Un calce in culo fa un passo avanti.« However, this sentence must be corrected: the misheard ›calce‹ is to be replaced by ›calcio‹. Since ›calcio‹ is also the Italian word for ›football‹ the wheel comes full circle here. This indicates that delivering the wrong source was intended by Matussek to send us off on a little journey ad fontes.


Matussek, Folge 69:
Mein perfektes Promi-Dinner

Rom, 12. Juni 2008, 07:25 | von Paco

Nachdem unsere Enzyklopädisierungen der Folgen 56 (»Spe salvi«) und 63 (»Anleitung zum Nein-Sagen«) ein paar Monate zurückliegen, geht es heute endlich weiter. Diesmal ist eine meiner Lieblingsfolgen dran, Folge 69. Wie immer geschieht alles in der Diktion des TV-Serien-Mekkas TV.com. Enjoy!

Matusseks Kulturtipp (2006 and on)

Ep. Title: »Matussek, Walser, Goethe: Mein perfektes Promi-Dinner«
Episode Number: 69
First Aired: February 26, 2008 (Tuesday)
URL: http://www.spiegel.de/video/video-27501.html

Synopsis

This episode confronts us with a proud Matussek who talks about a dinner he shared with famous German novelist Martin Walser and some other special guests in the Hamburg mansion of Walser’s publisher, Alexander Fest. The reason for Walser being in town was the audio book recording of his acclaimed new novel, »Ein liebender Mann« (»A Loving Man«). While ingesting a tasty wild boar dish the distinguished party crowd discusses the problem of elites in Germany. Towards the end, after a good share of impassioned debates, we witness a recital of a Pushkin poem in its original language which is rendered with small mistakes.

Cast

Star: Matthias Matussek (himself)

Recurring Role: Goethe (himself)

Guest Star: Martin Walser (himself), Günter Berg (himself), Alexander Fest (himself), unidentified Pushkin reciter (herself)

Compositing/Production: Jens Radü

Memorable Quotes

Matussek: »Allen, die immer noch zweifeln, dass Martin Walser Goethe ist, sei sein neuester Roman ›Ein liebender Mann‹ dringendst empfohlen.«

Walser: »Was muss man alles bedenken, wenn man vergleichen will. Schau mal, ich sag auch immer leichtfertig: Alles, was schön ist, kommt aus Italien.«

Matussek: »Es war klar in dem Moment, dass ich auf Goethe hinauswollte. Ich will immer auf Goethe hinaus, wenn die Ehre der deutschen Kulturnation auf dem Spiel steht.«

Walser: »Das ganze 19. Jahrhundert gibt es keinen gescheiten deutschen Roman. Und in England und in Frankreich explodiert der Roman.«

Matussek: »Eine neue Walser-Debatte konnte dank der Geistesgegenwart aller Beteiligten in letzter Sekunde verhindert werden.«

Trivia

Running time of this episode: 5′27 mins.

Matussek wears no suspenders in this episode after the opening credits.

»Der alte Schirrmacher« (»good old Schirrmacher«) is not mentioned in this episode. The same goes for Ding and Dong (i. e., Mephisto).

Matussek opens with the sentence: »Das schönste an einem Essen unter Freunden ist doch die selige Erinnerung danach, heißt es irgendwo im Faust.« This is well said but not a quotation from any part of Goethe’s play. Matussek kind of imitates the rhythm of 18th century German prose and thus mocks the whole genre of Klassikerzitat.

The second component of Walser’s ad hoc compound »Elitescheiß« is bleeped out. The word is subsequently repeated by Matussek and also suffers a loud and clear BEEP.

The blonde lady next to Walser is reciting some lines from Russia’s finest poet, Alexander Pushkin. Being playfully concealed behind a napkin raised by Walser she goes, »Мне не снится нет огна; / Всю ночь и сон докучный.« Yet the wording is not entirely correct. This is what the original looks like: »Мне не спится нет огна; / Всюду мрак и сон докучный.« – Okay, »сниться« (›to dream‹) and »спать« (›to sleep‹, 2nd conjugation!) can be easily confused with one another. Anyway, the excerpt stems from the short (15 lines) poem »Стихи, сочиненные ночью во время бессонницы« (»Verses, composed during a night of insomnia«). The whole passage translates as »I can’t sleep, the light is out; / Chasing senseless dreams in gloom.« That’s how Mikhail Kneller puts it (original text and translation here).

Enough with the Pushkin! Just before he closes the curtain for the time being, Matussek postpones his plans for some math coursework to a later episode. For those not in the know: As 2008 was declared the »Year of Mathematics« he wants to promote this forgotten branch of science by, e. g., offering another $1.000.000 out of his own pocket for a proof of the Riemann Hypothesis in episode #66 (»Eine Million Dollar: Topp, die Wette gilt!«)

Allusions

The title of this episode, »Mein perfektes Promi-Dinner,« alludes to a show broadcast by German television channel VOX since 2006. The original is a cooking show called »Das perfekte Promi Dinner« which involves different types of celebrities. Matussek’s dinner crew also consists of more or less prominent people.

Matussek vividly remembers Günter Berg’s wedding and jokes about having lost his job in the meantime (as head of the cultural department of German weekly »Der Spiegel«).

Matussek’s mentioning of a possible new »Walser-Debatte« can be considered slightly edgy. In October 1998, after being awarded the Peace Prize by the »Börsenverein des Deutschen Buchhandels« (German Publishers & Booksellers Association), Walser held a speech where he described the use of Auschwitz as Moralkeule (killer argument) in debates. What followed where accusations of anti-Semitism and a heated, unfair, over the top discussion which lead away from the actual speech.

Walser’s comment on the dangers of comparison (see above) reproduces a popular German saying which is regarded the 11th commandment: »Thou shall not compare!« It especially refers to people who try to compare something to the Holocaust.


Die FAS vom 25. 5. 2008:
Nils Minkmar: Große Kitsch-Geständnis-Beichte!

Rom, 29. Mai 2008, 23:59 | von Paco

Der »Spiegel« von dieser Woche war – gerade im Kulturteil – ein Hammerspiegel (allein die Rowohlt- und Winehouse-Storys!), dass man sich zurecht fragen wird, warum ich hier lieber wieder die FAS recappe. Also warum? Wir werden es wie immer nicht verraten.

Auch die letztsonntägliche FAS ist natürlich wie immer gut bestückt. Auf der Frontpage prangt ein Bild von Gesine Schwan. Dachte ich zuerst. Beim Aufklappen der Zäätung war da aber nur die Bildunterschrift und danach gleich ein anderer Text. Es ist also tatsächlich nur die großformatige Frisur der Schwänin zu sehen, ihre »auffällig hochgehauenen Locken«, wie es im Text auf S. 2-3 heißt. Der stammt von Oliver Hoischen, Eckart Lohse und Volker Zastrow und ist in einem ganz superb spiegelig gehaltenem Tonfall geschrieben.

(Falls diesen Recap in 10 Jahren noch mal jemand lesen sollte (unwahrscheinlich), kurz zur Erklärung: Gesine Schwan wurde einen Tag nach dem Erscheinen dieser FAS wie erwartet zur SPD-Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl 2009 gekürt.)

Fortgesetzt wird der Lead vom Feuilleton-Aufmacher, den diesmal »der alte Schirrmacher« (Matussek) persönlich übernommen hat (»Der Roman, in dem wir leben«, S. 23). Es handelt sich um ein lässiges Zitate-Workout. Das Personenregister des Textes sieht so aus, unter Ausschluss von Leviathan und Parzifal, hehe:

Charles Dickens
H.G. Wells
Dirk Kurbjuweit
Honoré de Balzac
Thomas Mann
Gesine Schwan
Horst Köhler
Peter Hacks
Mary Shelley
Friedrich Dürrenmatt
Leszek Kołakowski
Sahra Wagenknecht
Andrea Nahles (»Frau Nahles«)
Kurt Beck

Weiters hat Julia Encke ein Interview mit dem hervorragenden israelischen Autor David Grossman geführt (S. 25), der hinsichtlich des Nahostkonflikts rhetorisch auf die Tube drückt:

»Wir haben nur noch wenig Zeit, ich denke, drei bis fünf Jahre. Wenn in diesem Zeitraum keine keine Lösung gefunden wird, habe ich aufrichtig Angst um die Zukunft aller Seiten.«

Grossmans Hauptwerk (so nenne ich das jetzt mal ohne Umschweife), das auch gut als Einführung in sein Œuvre geeignet ist, kann man sich übrigens auf YouTube ansehen. Vorsicht, Ohrwurm! Es handelt sich bei dem »Sticker Song« um die von Hadag Nachash unternommene Vertonung & Bebilderung eines Gedichtes von ihm. Das fällt angenehmerweise auch weniger prophetisch aus als das Zitat oben, eher sozialrealistisch bis expressionistisch.

Im Feuilleton gibt es diesmal auch eine Art Centerfold, ein Special zu Jupp Darchingers Farbfotos aus der Urzeit der westdeutschen BRD (S. 26-27). Ein paar Bilder werden gezeigt, außerdem hat Sascha Lehnartz ein Interview mit dem Fotografen geführt und Claudius Seidl einen einschätzenden Text geschrieben. Eine Bilderserie gibt es bei SP*N, die Snapshots sind ja auch prädestiniert für deren »einestages«-Rubrik.

Und dann …

… habe ich endlich mal diese (nicht mehr ganz so) neue Kolumne »Nackte Wahrheiten« gelesen. Der lustige Textcontainer hat ja vor einiger Zeit Peter Richters Jahrhundertkolumne »Blühende Landschaften« abgelöst und wird im Gegensatz zu dieser von wechselnden Autoren verfasst. Heute schreibt Nils Minkmar einen super Text, der die Überschrift trägt: »Pop-Beichte« (auch S. 26).

Er behandelt ein Thema, das ich bisher nur von Dietmar Dath her kenne: Warum kann man die Neuerscheinung eines Popveteranen als Rezensent nicht einfach mal nur gut finden, ohne gesuchte Abstriche, ohne einordnende Relativierungen usw.? Noch mal im Original:

»Weil die Disziplin der Popberichterstattung noch relativ neu ist, bemüht sie sich um verdoppelten Ernst und den Ausweis unmäßiger Anstrengung. Hat man je gelesen, dass sich ein Rezensent über die neue Platte einer beliebten Künstlerin einfach mal nur freut?«

Gut, das dürfte schon daran scheitern, dass auf diese Weise nicht genug Text erzeugt würde, und wenn man von Zeilengeld lebt, wird man derart leicht verhungern.

Sehr, sehr gut fand ich auch den Porträttext über Bürger Lars Dietrich, den Peer Schader für die Medienseite (S. 31) geliefert hat. Er handelt von einem sympathischen Entertainer, der nie richtig weg war, nachdem er vor allem mit seinem sagen-wir-mal Hit »Sexy Eis« berühmt wurde, aber auch nie wieder richtig da.

Und nach seinem sehr nicht-guten Text über die »Lindenstraße« neulich, singt Stefan Niggemeier in seiner Teletext-Kolumne die RBB-Trendsendung »Polylux« in den Schlaf. Bzw. landet einen Knockout: »Am besten funktionierte ›Polylux‹ zuletzt als Maßeinheit für verspätet entdeckte Zeitgeistthemen.« Wir alle wissen, was gemeint ist.

Das wirkliche Highlight dieser Ausgabe ist aber wie so oft im Gesellschaftsteil zu finden. So abenteuerlich wie damals bei seiner »Subway«-Safari geht es zu, wenn Jürgen Dollase diesmal Fertiggerichte testet und mit dem eher unangebrachten Gourmetvokabular zu beschreiben versucht (»Aufgewärmt und abgesahnt«, S. 56). Da ist jeder Satz ein Hit, bitte laut vorlesen!

Erwartungsgemäß kommt das Meiste nicht gut weg, obwohl Dollase erkennbar den benefit of the doubt walten lässt. Trotzdem wird es ein Stelldichein von Verrissversatzstücken:

»… um Klassen schlechter als alles, was in einer durchschnittlichen Stehpizzeria anzutreffen ist.«

»… eine penetrante Überwürzung, die die Geschmackspapillen geradezu lähmt.«

Usw. usf. Auch positive Beispiele werden gegeben, und die werde ich nächstens gleich mal kaufen gehen.


Fußball-Feuilleton (Teil 1):
Die beste Stadionzeitung zur Fußball-EM

Konstanz, 23. Mai 2008, 07:19 | von Marcuccio

Fußball-Paralipomena gibt’s heutzutage eigentlich überall, und wohl spätestens das Masern-Szenario im letzten »Spiegel« (20/2008, S. 44) macht klar: Zwar ist die »Euro 08« noch lang nicht angepfiffen, aber trotzdem (oder gerade deswegen) läuft der Nachrichtenzirkus längst rund.

So kommt mit jedem Turnier wieder dieses Festival der Meldungen, die die Welt nicht braucht und doch ganz gerne feiert. Mein liebstes Genre ist ja die Großveranstaltungs-Apokalyptik: Neulich zum Beispiel gingen der Schweiz schon die Kartoffeln für die Stadionpommes aus, davor die Pelle für den Cervelat … (und wer erinnert sich nicht noch an diesen ominösen Stadiontest, mit dem die Stiftung Warentest vor 2 Jahren sogar dem Bundesinnenminister ein Statement abrang, vor allem aber Franz Beckenbauer die legendäre Empfehlung, man solle sich doch besser um »Gesichtscremes, Olivenöl und Staubsauger« kümmern …).

Für alle, die in den nächsten Wochen da wieder mittendrin statt nur dabei sein wollen, empfehle ich heute mal die Original-Veredelungs­rubrik dieser Euro 08 im Feuilleton: die »Eurokolumne« der taz.

Die sympathische Serie erscheint immer wieder samstags (hier die Folgen I, II, III, IV, V, VI, VII zum Nachklicken) und ist allein schon wegen ihres ebenso simplen wie genialen Drehbuchs originell: Tobi Müller (CH) und Ralf Leonhard (A) zählen den Euro-Countdown im wöchentlichen Wechsel von der Gastgeberseite her runter und sortieren, stilisieren, zelebrieren dabei EM-Notizen, was das Zeug hält.

Daneben schlagen die beiden nativen Korrespondenten aber auch über den Fußball hinaus schöne Flanken aus der Tiefe des deutschsprachigen Raums, Flanken, auf die ich – als Umblätterer mit Euregio-Einsitz – natürlich noch zurückkommen muss und werde. Just for fun also ab sofort eine kleine Eurokolumnen-Eskorte mit allen Toren, den schönsten Szenen und Hintergründen zum Spiel.


Wilhelm Ostwald und die drehbare Étagère

Leipzig, 3. April 2008, 07:56 | von Paco

Über Wilhelm Ostwald wird eigentlich nicht mehr in fachfremder Presse berichtet, über das Leipziger Wilhelm-Ostwald-Gymnasium hingegen schon, so wie vorletzte Woche auf SP*N (22. 3. 2008).

(Das war eine Reprise des »Spiegel«-Artikels der Ausgabe 21/2005, S. 172-174, der vom selben Autor stammt, Manfred Dworschak. Recap: Begabtengymnasium mit auch international erfolgreichen Schülern. Wettbewerbsgeist werde gefördert. Frontalunterricht können die alle ab, weil das für sie nur die Vorstufe zur Praxis sei. Ein Lob der DDR, die mit Begabten kein Problem hatte. Im Westen sei das Wort Begabung immer noch verdächtig. Usw.)

Am Wochenende fand ich aber eine genuine Wilhelm-Ostwald-Stelle. Der 2004 erschienene dtv-Band »Bücher sammeln« von Klaus Walther hatte auf meinem To-do-Stapel obenauf gelegen und wurde von mir also endlich weggelesen. Das Buch ist ein wenig onkelig geschrieben, was beim Thema Bibliophilie wahrscheinlich auch Teil des Plans ist. Es liefert aber auch viele ganz hervorragende Anekdoten, unter anderem diese:

»Wilhelm Ostwald, der erste deutsche Nobelpreisträger für Chemie, ließ einst in Großbothen bei Leipzig die Fundamente seines Landsitzes verstärken, damit er seine Bibliothek dort unterbringen konnte. Die vierzigtausend Bände hätten ansonsten das Gebäude den Hang hinuntergezogen. Ostwald war ganz sicher kein Bibliomane oder gar ein Bibliophiler, er war ein leidenschaftlicher Organisator wissenschaftlicher Arbeit. Dass er seine Büchermassen um sich hortete, verzeichnete er unter dem Lebensbegriff ›Energieeinsparung‹, die er bis in komische Details betrieb. So musste auf dem Esstisch immer eine jener drehbaren Etageren stehen, damit sich jeder Tischgast wortlos die Butter oder den Käse heranholen konnte. Das Tischgespräch wurde nicht durch so profane Einwürfe wie ›Geben Sie mir doch bitte die Butter‹ unterbrochen. Man sparte damit Energie, wie Ostwald meinte. Nun ja, so weit kann man es mit Energieeinsparung treiben.« (S. 12-13)

Die drehbare Étagère, das klingt sofort irgendwie sprichwörtlich. Was für ein Utensil! Wenn wir nicht schon ein Wappentier hätten, wäre sie ein heißer Kandidat, hehe.


Matusseks Kulturtipp, Folge 63:
Anleitung zum Nein-Sagen

Leipzig, 18. Januar 2008, 09:00 | von Paco

Nach unserer widely popular Enzyklopädisierung von Folge 56 folgt hier die Zusammenfassung für die vorgestern veröffentlichte Folge 63. Inzwischen hat sich einiges getan. Matusseks Vlog erscheint zum Beispiel nicht mehr in einem Pop-up-Window, sondern findet im aktiven Browserfenster statt. Aber das sind nur technische Details, die Serie selbst hat nichts von ihrem genuinen Fortsetzungscharakter verloren. Der rote Handlungsfaden, das Schicksal von Ding, wurde überzeugend in episodale Strukturen eingebettet. Und jetzt das: Ding is history! Scheint’s.

Wir greifen natürlich wieder auf die Diktion des legendären TV-Serien-Lexikons TV.com zurück, auf diese süchtig machende Mischung aus Teaser und historisch-kritischem Apparat. Minutiös werden dort alle möglichen Anspielungen aufgelistet, die zuweilen banale Umstände erklären, die aber offenbar gleich so festgehalten werden sollen, dass sie auch in 100 Jahren noch als Verständnishilfe dienen können.

Matusseks Kulturtipp (2006 and on)

Episode Title: »Anleitung zum Nein-Sagen«
Episode Number: 63
First Aired: January 16, 2008 (Wednesday)
URL: http://www.spiegel.de/video/video-25935.html

Synopsis

German broadcaster NDR (North German Broadcasting) throws a farewell party for its outgoing director Jobst Plog. Matthias Matussek is among the 600 close friends invited to the festivity. On his way to Studio Hamburg he encounters a certain »Dong«, surprisingly sitting next to him in the backseat of his taxi. Matussek now waives his party plans as he cannot be sure about Dong’s manners and demeanor towards the other guests. Back at home, Matussek mentions recent editions of British weekly »The Spectator« and German monthly »Merkur,« the »German magazine for European thinking.« In between, the whereabouts of Ding (»Thing«) which was abducted in episode 59 are brought to daylight. It disappeared into its old surroundings in the Harz Mountains. German chancelière Angela Merkel was involved in the negotiations that led to its release.

Cast

Star: Matthias Matussek (himself)

Recurring Role: Ding (itself), Goethe (himself)

Guest Star: Taxi Driver (himself), Dong (itself)

Memorable Quotes

Dong (deep, mysterious voice): »Nenn’ mich Dong!«

Matussek (quoting Rainer Paris): »Der Bescheuerte weiß nichts von seiner Bescheuertheit, sondern hält sie oftmals für einen Beweis seiner Unbeugsamkeit und Stärke.«

Matussek: »So, wo war’n wir stehen geblieben, ahja, wir brauchen umbedinkt einen deutschen ›Spectator‹, brauchen wir, wir brauchen mehr Unbescheuertheit, äh, und wir brauchen einen Namen für, für Dong. Weil Dong klingt ziemlich bescheuert, finde ich. Also, wer einen guten Namen draufhat, bitte einschicken, der beste wird dann ausgelost, ausgewählt.«

Trivia

Running time of this episode: 5′33 mins.

Since he’s about to go to a party, Matussek wears no suspenders in this episode after the opening credits.

»Der alte Schirrmacher« (»good old Schirrmacher«) is not mentioned in this episode.

The goodbye party for Jobst Plog took place on January 11th, so this could be the date when the video was created (5 days before its air date).

Introduced is a new character with the temporary name of »Dong,« an onomatopoetic variation of former sidekick »Ding.« Dong is a soft toy, a small devil-like yet somehow cute plush creature with a grey to brown body and a bright face.

According to Matussek, Ding and Dong know each other. Dong also delivers some news about Ding who said it loved its time with Matussek but found it »too exciting.«

Angela Merkel, head of the German government, helped free Ding with her knowledge of Russian. Episode 59 mentioned that the leads pointed to Russia. When Hans Magnus Enzensberger received a call from Ding, it alluded to the name ›Blumencron‹ using a Russian accent. (Mathias Müller von) Blumencron is also the editor-in-chief of »Spiegel Online« and obviously also one of the two new chief editors of »Spiegel« magazine.

Matussek mentions a recent issue of »The Spectator.« He references two articles: one by Diana Rigg, who wrote about why she »can’t bear fat people,« and another one by Rod Liddle (Matussek: »my favourite punk!«), about spending time with his bothersome children. Matussek praises »The Spectator« for starting debates and, as this kind of opinion-driven journalism is missing in Germany, he calls for »a German Spectator.«

Next up is the lead essay of the current issue of »Merkur« (pp. 1–9), written by sociologist Rainer Paris. Its title »Bescheuertheit« roughly translates as »daftness« or, in a more appropriate diction, as »crackbrainedness« (since this is as infrequent a word as »Bescheuertheit«). The unusual title bears a striking
resemblance to Harry G. Frankfurt’s essay »On Bullshit« which appeared in 1986 and was republished in a more successful separate edition in 2005. Matussek wants to generally replace the term »political correctness« with the newly coined term »Bescheuertheit« since the latter term fitted better.

Although »Ding« seems to be history now, Matussek bids it farewell with the words »Bis bald!« (»See you soon!«) Only a phrase? Or is there more to it?

Allusions

This episode’s title, »Anleitung zum Nein-Sagen«, could be a nod to the book »Anleitung zum Unglücklichsein« by Austrian psychologist Paul Watzlawick (English title: »Situation is Hopeless, But Not Serious: The Pursuit of Unhappiness«). It appeared in 1983 and triggered a whole series of »Anleitung zum …« titles such as Florian Illies’ »Anleitung zum Unschuldigsein« (2001) and others.

When Matussek states that it is unsafe to use the metro these days, he gives an unexpected reason, mentioning Jens Jessen, chief editor of the cultural pages of German weekly »Die Zeit«, who is supposedly waiting for Matussek to treat him with a convoluted umbrella for being an old »Nazi pensioner.« This is a reaction to Jessen’s vlog entry from January 11th, entitled »Bauschen besserwisserische Rentner die Debatte um kriminelle Jugendliche auf?«. Matussek doesn’t react directly to it at first, but he later implies a correlation between Jessen’s rant and »crackbrainedness.«

Dong’s order »Nenn’ mich Dong!« (»Call me Dong!«) evokes the beginning of Herman Melville’s meganovel »Moby Dick« which commences with the infamous words »Call me Ishmael.«

Since the new sidekick is a little devil it is only logical that it starts to quote Mephistopheles, Faust’s devilish counterpart in Johann Wolfgang von Goethe’s play »The tragedy of Faust.« These lines originate from an early scene in Faust’s study. The poodle brought along by Faust transforms into Mephistopheles, who introduces himself as »Part of that power which still / Produceth good, whilst ever scheming ill.«

Peter Stein, credited as director of the Mephistopheles/Matussek dialogue, is best known for his recent efforts of putting on stage the two parts of Goethe’s »Faust« (2000) and Schiller’s »Wallenstein« (2007), both at their insanely full length.

There is another quote out of »Faust« towards the end of this episode: »Der Worte sind genug gewechselt, / Laßt mich auch endlich Taten sehn!« Anna Swanwick translates, »A truce to words, mere empty sound, / Let deeds at length appear, my friends!« The two verses are originally spoken by the theatre manager in the »Prologue for the Theatre.«

Dong! The temporary name of the new sidekick. We won’t even dig into the meaning of it (hehe). Matussek is obviously aware of the implications, and he asks the audience for help. What could be a proper new name for the Dong thing? Obvious proposals would include: Mephisto, Meffi, Deibel, Taxivieh, Flocke, Christoph. Other suggestions?