Archiv des Themenkreises ›S-Zeitung‹


Zur FAS vom 21. September 2014:
Besuch in der Redaktion!

Berlin, 26. September 2014, 19:07 | von Paco

Wir saßen oben in der Kantine vom Deutschlandradio Kultur am Hans-Rosenthal-Platz, es gab einmal Pommes Weltkrieg für alle (Ketchup, Mayo, Senf) und Göttke sagte, dass ihr schlecht werde vom SZ lesen. Also jetzt nicht schlecht wegen der Inhalte oder Schreibe, sondern wegen der kleinen Schrift und dem geringen Durchschuss, das ergebe so Moiré-Effekte beim Draufkucken und davon werde ihr eben schlecht und deshalb lese sie wieder mehr FAZ im Besonderen und die FAS im Speziellen.

Diese Einzelmeinung ließen wir alle nicht unkommentiert und sprachen dann doch auch weiter über die SZ und da jetzt auch über Nico Fried, denn der schreibt doch super Sachen in letzter Zeit und wahrscheinlich auch schon davor, und Montúfar meinte, er wolle bald einen schwärmerischen Aufsatz über Nico Fried verfassen, und darauf müssen wir nun eben warten.

Eigentlich wollte ich aber etwas anderes erzählen. Nämlich ich war am Wochenende auf eine Hochzeit in Weimar eingeladen, Weimar-Blankenese sozusagen, und in der Zubringerregionalbahn hatte nun wiederum ich mal wieder zwei Stunden Zeit, das FAS-Feuilleton als integralen Gesamttext komplett zu textminen. Wobei ich in dieser Bahn aus Platzgründen neben einer stark tätowierten Internetbloggerin sitzen musste, die auf ihrem 18"-Laptop Blogeinträge las, die sie für den Offlinegebrauch gespeichert hatte und nun einzeln in den Firefox reinlud. Die nicht geladenen Grafiken und JavaScripte erzeugten diese typischen Fehlerartefakte, bei deren Anblick man sofort erschrickt, weil man denkt, dass plötzlich das Internet wieder abgeschafft wurde, und ich musste aber auch aus beruflichen Gründen ständig wieder heimlich auf ihren Screen lugen und versuchte dabei, ihre verschiedenen Special Interests zu erraten.

Nach einer Weile schlug ich dann doch lieber vorsichtig die FAS auf. Das ging trotz der Kleinraumbüroatmosphäre ganz gut und dann ging es auch für mich los. Und passenderweise wurden Josik und ich gerade für diese Woche in die Berliner Mittelstraße eingeladen, um bei der FAS Blattkritik zu üben, also umkreiste ich auch Stellen mit einem Stift, den mir die Internetbloggerin dankenswerterweise auslieh. Inzwischen schaute sie auch rüber zu mir und freute sich so über die Bilder in der FAS, dass ich ihr am Ende die Zeitung einfach komplett und inklusive meiner weiträumigen Anstreichungen da ließ. Die maßgeblichen Stellen hatten sich sowieso in mein Hirn gebrannt.

Tigersprung von 99423 Weimar nach 10117 Berlin und in die Mittelstraße 2–4. Am Fahrstuhl, mit dem man dort nach oben und später wieder nach unten fährt, erwartete uns Volker Weidermann. Und das ist das Schöne, dass man gleich zum Beispiel begeistert über die dreibändige Ausgabe des Briefwechsels zwischen Rudolf und Marie Luise Borchardt reden kann. Dies ist ein guter Ort, dachte ich sofort, im selben Tonfall dachte ich das, wie Joachim Gauck einmal sagte: »Dies ist ein gutes Deutschland.«

Und so ging es weiter, zumindest am Anfang der Redaktionssitzung. Claudius Seidl äußerte sich angenehm aufgebracht zur angeblich letzten Raddatz-Kolumne in der »Literarischen Welt« und verriet uns dann noch die geheimen Entstehungsbedingungen der »Suada« (vgl. »Die Suada der FAS ist so was wie Der Umblätterer in gut.«), die natürlich wieder in der aufkommenden Buchmessenbeilage erscheinen wird. Dann lachten wir mit Cord Riechelmann über eine Stelle aus der Wochenzeitung »der Freitag«, über die wir bald noch Näheres berichten werden. Und dann wurden wir gebeten, Blattkritik zu üben, und da Claudius Seidl ein Exemplar des aktuellen Feuilletons via Volker Weidermann und Harald Staun zu mir spielte, war ich nun dran, und das klang ungefähr so:

Okay, der Opener, Helene Hegemann über »Romeo & Julia« am Hamburger Thalia Theater mit der boah-ey-Überschrift: »Warum haut mich dieser Abend so um?« Als Nächstes schreibt die Hegemannfrau wahrscheinlich für heftig.co, aber das soll gar nicht kritisch gemeint sein, denn das liest sich trotzdem schön weg, und wenn die Textstelle kommt »Fortsetzung auf Seite 42«, dann liest man sofort am angegebenen Ort weiter!

Auf Feuilletonseite 2 hier dann also Harald Stauns Interview mit diesen vier ost-west-südlichen Schriftstellern: mit Junot Díaz, Pankaj Mishra, Priya Basil und Dinaw Mengestu, von denen Ersterer den längsten Wikipedia-Artikel hat. Es geht in dem Zehn-Augen-Gespräch ja um den Westen, meinen und deinen Westen, um den problematischen Ruf dieser kapitalistischen Himmelsrichtung, na ja, aber super.

Dann nächste Seite Andreas Kilb über Christian Petzolds »Phoenix«, super. Und Volker Weidermann über Botho Strauß’ neuen Hundertseiter »Herkunft«, in dem es so offen um dessen Vater zu gehen scheint, dass man sich wie ein »Leser-Stalker« vorkomme, super. Und Antonia Baum über Celo & Abdi, ähnlich angelegt wie neulich Olli Schulz’ Besuch bei Haftbefehl, aber in der poetischen Ausführung viel besser als Schulz.

(Antonia Baum hat auch mal eine Reportage gemacht: »Der Kampf gegen Paco«, deswegen wollte ich mit meinem Lob vorsichtig sein, konnte dann aber nicht mehr an mich halten.)

Weiter, Boris Pofallas Bericht von der Berlin Art Week, genau so muss so was klingen, das konkrete Ungefähre so eines Rundgangs summt an jeder Stelle aus dem Text, super. Und ich hab dann sogar die Anzeigen-Sonderveröffentlichung mitgelesen, wo hier ein Interview drin ist über Selfpublishing, mit Wolfgang Tischer, den ich noch von ganz früher kenne, Neunziger, Mailingliste Netzliteratur. Oh, hab ich da gedacht, aha. Dann hier Julia Enckes Interview mit Ulrich Raulff über die Siebziger, und alles, was Raulff da so gesagt hat, hat sich aufs Schönste mit all dem vermischt, was ich während der letzten 15 oder so Jahre noch so alles von Raulff gelesen und gehört habe.

Dann Cord Riechelmanns Text über die jüngsten Bewegtbilder von Michel Houellebecq, wo ja der schöne Satz drinsteht: »In Frankreich hat man einfach mehr Erfahrungen im Umgang mit den derangierten Körpern von Intellektuellen.«

(Und ich erwähnte noch das Tom-Schilling-Interview von Julia Schaaf, das aber im Ressort »Leben« stattgefunden hat. Jedenfalls lässt dort der bekannte Schauspieler seinem Hass auf Comics jeglicher Art freien Lauf, was auch sofort eine DPA-Meldung nach sich zog, super.)

Und jedenfalls lobten und affirmierten wir, wie es der Grundsatz des Umblätterers immer gewesen ist, und dann waren wir fertig und alle konsterniert. Das war wahrscheinlich keine Blattkritik, sondern eine Blattaffirmation.

Und wo Danilo Scholz neulich in Sachen FAS schrieb: »Der Sommer ist vorbei, das tut dem Feuilleton gut«, da müssen wir natürlich widersprechen, denn wie der Umblätterer ja seit Jahren nachweist, ist das deutschsprachige Feuilleton immer genau gleich gut. Aber das half jetzt hier niemandem weiter, und die Ödön-von-Horváth’sche Stille, die da eintrat, wurde dankenswerterweise irgendwann durchbrochen, als Johanna Adorján souverän das Thema wechselte und Josik fragte, ob er aus dem Kosovo stammt (was ich selbst seit langem vermute).

Und da wir anlässlich der Fernsehprogrammseite nach Stefan Niggemeier gefragt hatten, wurde uns noch angeboten, ihm etwas auszurichten, was wir aber sofort und unmissverständlich ablehnten. »Richten Sie bitte Stefan Niggemeier nichts aus!« Das sollte wie die Sympathiebekundung klingen, als die sie gemeint war, denn wieso sollte man jemanden, den man so gut findet, mit ausgerichteten Nachrichten nerven wollen. Es kam aber möglicherweise sehr falsch rüber.

Also, um das alles mal zusammenzufassen: Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder zu einer FAS-Redaktionssitzung eingeladen werden.
 


Lyrik gegen Medien!

Berlin, 18. Juli 2014, 09:21 | von Josik

Der Endreim ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Die »Süddeutsche« und andere seriöse Zeitungen kolportieren derzeit ein Gedicht, das u. a. die folgenden Strophen enthält (Schreibweise behutsam verändert):

»FAZ« und »Tagesspiegel«?
Lieber kauf’ ich mir ’nen Igel!

»Taz« und »Rundschau«, ARD?
Hm, Moment, ich sage: Nee!

»Bild« oder »SZ« genehm?
Wie spät *ist* es? Ich muss geh’n!

Der Daumen, der nach unten zeigt,
der trifft bei mir auf Heiterkeit.

Viele andere Medien dürften sich aufgrund der Tatsache, dass sie in diesem Gedicht gar nicht erst erwähnt werden, erheblich düpiert fühlen. Um die Gefühle dieser Medien nicht zu verletzen, wird das Gedicht im folgenden lose weitergereimt.

»Mopo«, »Emma« und »Die Zeit«?
Hört gut zu, ich bin euch leid!

»Isvéstija« und »Kommersánt«?
Haltet einfach mal den Rand!

»Kronen Zeitung«, »Standard«, »Presse«?
Haltet einfach mal die Fresse!

»Tagi«, »Blick« und »NZZ«?
Früher wart ihr einmal phatt!

»Guardian« und »New York Times«?
Ihr vermiest mir voll die rhymes!

»Super Illu«, »Bunte«, »Gala«?
Für euch zahl’ ich nicht einen Taler!

»Börsen-Zeitung«, »Handelsblatt«?
Euch mach’ ich doch locker platt!

»Merkur«, »Lettre«, »Cicero«?
Euch spül’ ich sofort ins Klo!

Auch der Hokuspokus-»Focus«
liegt aus Jokus auf dem Locus!

»Junge Welt« und alte »Welt«?
Widewitt, wie’s euch gefällt!

ORF und ATV?
Euch Wappler mach’ ich jetzt zur Sau!

RTL und auch ProSieben
kann man sonstwohin sich schieben.

Mach’ es wie die Eieruhr:
Zähle die Minuten nur!

Und nun: Schafft zwei, drei, viele weitere Strophen!
 


Listen-Archäologie (Teil 12):
Erlebnisbücher von Auslandsjournalisten

Leipzig, 9. Februar 2014, 13:27 | von Marcuccio

Kann auch eine Infografik Liste sein? Ja, wenn sie ein Bücherregal baut, das lauter Paratexte anzeigt, die sich eben so ansammeln, wenn Journalisten ins Ausland gehen und darüber ein Buch schreiben. Gut gehortet, liebes SZ-Magazin (»Ich war da mal weg« – online sieht es leider nur halb so gut aus wie auf der Doppelseite im Print)! Aber die Leute sammeln schon weiter. Im Zweifel hilft auch immer ein guter Amazon-Empfehlungsalgorithmus.

Ich empfehle jedenfalls die Seiten 14/15 des aktuellen SZ-Magazins schon jetzt für einen Genre-Award beim Wettbewerb »Oddest Book Titles«. Und nominiere sie für den Spezial-Preis der Jury in der Sparte Infografik-Feuilleton.

Unten, von mir einfach mal alphabetisch für die Nachwelt sortiert, das Kalauer-Kompendium der Maria-ihm-schmeckt’s-nicht-Abkömmlinge. Völkerverständigungsliteratur light.

Das Buchtitel-Pendant zum Einmarsch der Nationen bei Olympia. Völker der Welt! Vergesst Sotschi! Lasst die Journalisten-abroad-Literatur sprechen. Ihr Zwang zur Alliteration geht sogar soweit, dass Calvin wie Cottbus in Berlin geschrieben sein muss: mit K.

Werbephilologen werden noch lange mit diesem SZ-Schatz sympathisieren; Statistiker können (ebenso wie sie die häufigsten Talkshowgäste auszählen) eruieren, welche Journalisten Genrekönige sind. Es ist Wolfgang Koydl von der SZ mit drei Treffern. So schnappt das SZ- dem Philososphie-Magazin (Wolfram Ellenberger: zwei Treffer) die Ideen weg! Statistisch könnte man auch sagen: Die erste Silbe des Vornamens muss auf »Wolf-« lauten, um besonders erfolgreich lautmalerische Bücher zu schreiben wie …

  1. Alles Azzurro. Unter deutschen Campern in Italien (Markus Götting)
  2. Alles Neisse, oder? Meine Geschichten aus dem Osten (Petra Nadolny)
  3. Alles wegen Dänen! Überleben mit Smørrebrød (Elmar Jung)
  4. Alter Schwede! Zwei Hochzeiten und ein Elchgeweih (Gunnar Herrmann & Susanne Schulz)
  5. Auf Heineken können wir uns eineken. Mein fabelhaftes Jahr zwischen Kiffern und Kalvinisten (Kerstin Schweighöfer)
  6. Avanti Amore. Mein Sommer unter Italienern (Dana Phillips)
  7. Bitte ein Brit! Neue Abenteuer auf der Insel (Wolfgang Koydl)
  8. Das kommt mir Spanisch vor. Madrid für Anfänger (Andrea Parr)
  9. Die Spinnen, die Finnen. Mein Leben im hohen Norden (Dieter Hermann Schmitz)
  10. Elchtest. Ein Jahr in Bullerbü (Gunnar Herrmann)
  11. Finne dich selbst! Mit den Eltern auf dem Rücksitz ins Land der Rentiere (Bernd Giesking)
  12. Finnen von Sinnen. Von einem, der auszog, eine finnische Frau zu heiraten (Wolfram Ellenberger)
  13. Fish and Fritz. Als Deutscher auf der Insel (Wolfgang Koydl)
  14. Hopp! Hopp! Es geht weiter. Vom Glück und Unglück im wilden Westen (Oliver Tappe)
  15. In Brasilien geht’s ohne Textilien. Ein Deutscher in Rio de Janeiro (Andreas Wimm)
  16. Kanada kann mich mal. Von einem, der mit seinen Kindern in die Ferne zog (Wolfram Ellenberger)
  17. Kann denn Fado fade sein? Meine Abenteuer in Portugal (Christina Zacker)
  18. Le Fettnapf. Wie ich lernte, mich in Frankreich nicht zum Horst zu machen (Anja Kuchenbecker)
  19. Madonna, ein Blonder! Ganz und gar nicht alltägliche Geschichten aus Rom (Martin Zöller)
  20. Mordsgouda. Als Deutsche unter Holländern (Annette Birschel)
  21. My dear Krauts. Wie ich die Deutschen entdeckte (Roger Boyes)
  22. Papa ante Palma. Mallorca für Fortgeschrittene (Stefan Keller)
  23. Pizza alla famiglia. Ein turbulentes Familienleben zwischen Deutschland und Italien (Michael Weirether & Adriana Falcieri)
  24. Queenig & Spleenig? Wie die Engländer ticken (Nina Puri)
  25. Russki Extrem. Wie ich lernte, Moskau zu lieben (Boris Reitschuster)
  26. Sitzen vier Polen im Auto. Teutonische Abenteuer (Alexandra Tobor)
  27. Spaghetti in Flagranti. Überleben in Italien (Angela Troni)
  28. Spätzle al dente. Neue Geschichten von meiner sizilianischen Familie (Luigi Brogna)
  29. Unter Galliern. Pariser Leben (Sascha Lehnartz)
  30. Werft die Gläser an die Wand! Meine russische Familie und ich (Juliane Inozemstev)
  31. Wer hat’s erfunden? Unter Schweizern (Wolfgang Koydl)
  32. Zwischen Boule und Bettenmachen. Mein Leben in einem südfranzösischen Dorf (Christiane Dreher)


 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2013

Leipzig, 14. Januar 2014, 04:14 | von Paco

Der Maulwurfstag ist da! Heute zum *neunten* Mal seit 2005. Der Goldene Maulwurf 2013:

Der Goldene Maulwurf

Dass Özlem Gezers Gurlitt-Porträt aus dem »Spiegel« vergoldet werden musste, war natürlich ein bisschen offensichtlich. Aber wie wir in der Laudatio schreiben: »Es ist alles andere als einfach, zu einem ubiquitären Topthema auch den singulären Toptext zu liefern.«

Andreas Puff-Trojan wiederum ist die mit Abstand beste und pastichierendste Literaturkritik des Jahres gelungen. Sie wurde im »Standard« veröffentlicht, und überhaupt: österreichische Tageszeitungen! Wir können die nur immer wieder empfehlen, gerade für die Momente, in denen das Feuilletonlesen nicht mehr so viel Spaß zu machen scheint wie früher.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier nun also die Autorinnen und Autoren sowie die Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2013:

1. Özlem Gezer (Spiegel)
2. Andreas Puff-Trojan (Standard)
3. Sascha Lobo (FAZ)
4. Wilfried Stroh (Abendzeitung)
5. Simone Meier (SZ)
6. Claudius Seidl (FAS)
7. Liane Bednarz (Tagespost)
8. Margarethe Mark (Zeit)
9. Peter Unfried (taz)
10. Joachim Lottmann (Welt)

Auf der Seite mit den Jurybegründungen sind neben den Links stets auch die Seitenzahlen angegeben. Wie immer waren natürlich die Printversionen der Artikel maßgeblich für die Entscheidungen, wobei es sich bei dem Artikel der »Münchner Abendzeitung« um ein On-/Offline-Gesamtkunstwerk handelt. À propos, das gutgelaunte »Servus aus München«, das der AZ-Kulturredakteur Adrian Prechtel beim Feuilleton-Pressegespräch im Deutschlandradio Kultur immer in den Äther schickt, ist der momentan wohl schönste feuilletonistische Kampfschrei und wir sind ganz süchtig danach.

Nächstes Jahr steht endlich der 10. Goldene Maulwurf an, Jubiläum! Hinweise auf feuilletonistische Ubertexte des laufenden Jahres 2014 bitte wie stets an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Bis später,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


Der Malerdarsteller

Barcelona, 20. November 2013, 18:43 | von Dique

Lange hat man nichts von ihm gehört und jetzt hatte er einen Auftritt bei Jay Leno: George W. Bush, Nr. 43 der ewigen Bestenliste, hehe. Nach eigener Aussage ist er jetzt Maler geworden. Dazu inspiriert habe ihn ein Buch von W. Churchill, »Painting as a Pastime«.

W. Churchill war ja ein sehr berühmter Hobbymaler, ebenso wie der berühmte und deutsch-österreichische Postkartenmaler A. Hitler. Und schon im Februar hatten amerikanische Quatschmedien festgestellt, »dass Bush gar nicht so ungeschickt male für einen Amateur – besser jedenfalls als Adolf Hitler und Winston Churchill«.

Der entsprechende Dialog bei Leno geht nun so:

Leno: Now, I know you’ve taken up some hobbies, you’re painting now, you showed me some of your paintings. I was very impressed.
Bush: I am a painter.
Leno: Yeah, yeah … oh, you are a painter now!?
Bush: I mean, you may not think I’m a painter. I think I’m a painter.
Leno: Is that second on your credits, President of the United States, painter, on your resume?
Bush: It depends whether you like the painting or not.

Natürlich bin ich sofort neugierig, was wird er malen und in welchem Stil? Glücklicherweise werden gleich ein paar Beispiele eingeblendet. Sein Hund Barney ist als erstes zu sehen und dazu gibt es gleich noch die herrliche Anekdote, wie der kleine Terrier mit eigenem Wikipedia-Eintrag damals von W. Putin gedisst wurde, als dieser auf Besuch bei Bushs war.

Das nächste Motiv ist Bushs neuer Kater Bob (noch ohne Wikipedia-Eintrag) und als große Überraschung gibt es dann als Gastgeschenk noch ein Jay-Leno-Portrait. Von weitem erinnern die Bilder ziemlich an die Malerei, die normalerweise entlang von Einkaufsstraßen und auf Pariser Brücken angeboten oder verfertigt wird (grobe Pinselstriche, dicker Farbauftrag, etwas unnatürlich wirkende Farben), aber das kann täuschen.

Bei einem seiner vierjährlichen Fernsehauftritte bei Denis Scheck gestand Christian Kracht einmal, dass er eigentlich Maler habe werden wollen und nicht Schriftsteller. Sogar ein entsprechendes Studium sei er angegangen. Irgendwann habe er dann aber feststellen müssen, dass er gar kein Maler sei, sondern nur ein Malerdarsteller, also jemand, der sich kleidet wie ein Maler und sich benimmt wie ein Maler, der sich sogar Farbflecken auf seinen Overall kleckst, um die Darstellung zu perfektionieren.

Zum eigenen Leidwesen habe Christian Kracht seinen Plan irgendwann aber aufgegeben und hat uns nun als Schriftstellerdarsteller ein paar sehr schöne Romane geschenkt und jetzt sogar noch einen grandiosen Film in Gemeinschaftsproduktion mit seiner Frau.

Seiner historischen Leistung nach zu urteilen, ist auch George W. Bush also ein Malerdarsteller, und zwar ein sehr guter!
 


Im neuen Rijksmuseum

Amsterdam, 1. August 2013, 08:00 | von Paco

Ich hatte noch gut zwei Stunden Zeit, ging also kurz ins Hotel zurück, stellte am Fernseher einen Sender mit Naturgeräuschen an (myZen.tv) und erholte mich ein bisschen. Nach einer Weile ging ich auf einen Kaffee rüber ins Rijksmuseum. Ich blätterte in der »Süddeutschen«, wurde aber gleich abgelenkt, denn am Nebentisch saßen vier sehr sympathische Norddeutsche und ich folgte ihrer ruhigen, vertraulichen Gestik und verlor mich dann so ein bisschen mit schrägem Blick in der überwältigenden Helligkeit des neuen Atriums.

Nach einem schnellen Espressoschuss ging ich dann, weil ich eh grad da war, kurz hinauf in den zweiten Stock, um mir noch mal mein Lieblingsrijksmuseumsgemälde anzusehen. Es hängt in der Ehrengalerie, das heißt, man muss mehr oder weniger obligatorisch auch einen halben Blick auf Rembrandts sogenannte »Nachtwache« werfen, die immer noch so heißt, obwohl nach der Säuberung des Firnis nun relativ offensichtlich ist, dass der eigentliche Titel lauten müsste: »Gemälde mit Leuten drauf, die sich am hellichten Tag an einem relativ dunklen Ort versammeln«. Im Vorbeigehen sieht das Bild sogar ganz okay aus, und die Masse von Leuten, die sich allein wegen des zentralen Standorts dieses, wenn man ehrlich ist, nicht allzu eindrucksvollen Werks zu jeder Zeit davor versammeln, stehen jetzt jedenfalls nicht woanders, nicht da, wo ich jetzt hin will.

In einer der acht Seitenkapellen der Ehrengalerie hängen auch fünf Interieurs von Pieter de Hooch, der von zwei kichernden Teenies gerade in »Pieter the Whore« umgetauft wird, als ich daran vorbeigehe. Aber ganz in der Nähe lauert dann endlich das schönste, beste, impressivste Bild der gesamtem Rijkssammlung, Jan Asselijns Schwan im preemptive-strike-Modus, und allein die pechschwarzen Kampffüße, die mit dem lichtdurchfluteten Federkleid kontrastieren, sind Gold wert:

Jan Asselijn, Der bedrohte Schwan (vor 1652) – Source: Wikimedia Commons

Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich das Bild neu sehe, aber so ein Blick auf den Kampfschwan ist auch ein Muntermacher und das Zen-TV und meine Kontemplation im Museumscafé sind vergessen und ich mache mich, wie verabredet, frisch auf zum Leidseplein, wo ich schon von weitem usw. usw.

 
(Bild: Wikimedia Commons)


Ramsmayr

Jena, 3. Juni 2013, 14:12 | von Montúfar

Das Jahrtausendspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München kam auch nicht ohne die höheren Weihen der Literatur aus. »Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt, schreibt der große Geschichtenerzähler Christoph Ransmayr.« Schreibt der SZ-Sportkorrespondent Boris Herrmann in der SZ vom 24. Mai 2013.

Passend dazu ist mir genau am Jahrtausendspielsamstag ein Buch von Jean-Paul Barbe in die Hände gefallen, das den wirklich grandiosen Titel trägt: »Events in Kuhschnappel«. Und dort ist auf dem Klappentext zu lesen, dass sich dieses Buch gegen die pessimistische Geschichtssicht des Romans »Morbus Kithara« (sic!) von »Christoph Ramsmayr« (noch mal sic!) wendet.

Nun ist Ransmayrs Vorliebe für Fiktionalitätsspielereien so bekannt, dass sich selbst Wikipedia zu der Aussage hinreißen lässt: »Ransmayr verbindet in seiner Prosa historische Tatsachen mit Fiktionen.« Das könnte genauso im Wikipedia-Artikel über Jean-Paul Barbe stehen, denn dieser spinnt in »Events in Kuhschnappel« genauso wie Ransmayr in »Morbus Kitahara« die historische Eventualität fort, der Morgenthau-Plan sei nach 1945 in Deutschland tatsächlich durchgeführt worden.

Doch was bei Ransmayr eine Geschichte hoffnungslosen Verfalls ist, wird bei Barbe zur lustigen Kuhschnappelei. Diese in einen Klappentext zu verpacken, in dem von einem fiktiven Autor Christoph Ramsmayr mit seinem fiktiven Roman »Morbus Kithara« die Rede ist, würde einem echten Christoph Ransmayr möglicherweise gefallen. Also hoffentlich sind das nicht nur Tippfehler!

Ansonsten lässt sich über »Events in Kuhschnappel« nicht viel sagen, da das Buch mit 154 Seiten beim besten Willen zu lang ist für eine Aufnahme in unseren Hundertseiter-Kanon. Im Roman selbst wird wegen Papiermangels und fehlender Druckerpressen zwar eine Literaturinitiative gestartet: »›Fass dich kurz! Genius, auch du!‹ war die Parole.« (S. 76) Doch für diesen hinterhältigen Literaturverstüm­melungsversuch der Alliierten lassen sich glücklicherweise weder Ernst Wiechert noch Carl Zuckmayer vor den Karren spannen:

Jenen versucht ein US-General im Münchner Hauptquartier der Alliierten zu überreden, ihren Morgenthau-Plan dem deutschen Volk schmackhaft zu machen, schließlich habe er ja in seiner »Rede an die deutsche Jugend« ebendiese aufgefordert, gemeinsam am Pflug zu ziehen. Wiechert muss den US-General jedoch korrigieren: »Das viele Pflügen dort ist doch metaphorisch zu verstehen.« (S. 81)

In Wiecherts tatsächlich am 11. November 1945 in München gehaltenen und u. a. 1947 in einem Sonderdruck des Aufbau-Verlags erschienenen »Rede an die deutsche Jugend« heißt es: »Und waren sie auch nur zu zweien und zu dreien, so zerbrach doch die schreckliche Mauer der Einsamkeit, und sie sahen einen neuen Anfang, einen neuen Pflug, eine neue Erde, und sie glaubten, daß sie schon zu zweien stark genug wären, um diesen Pflug durch die blutigen Trümmer zu ziehen und eine neue Saat in die schrecklichen Furchen zu werfen.« (S. 19f.)

Das ist in der Tat metaphorisch gemeint, und der fiktive Wiechert lehnt eine zweite Tasse Kaffee ab und verlässt wortlos das Haus, anstatt dem literaturfernen General einmal den Kopf zu waschen. Denn schon der reale Wiechert sagte ja in seiner Rede: »[A]ber wer unter uns wollte es wagen, ein Richter über den Irrtum zu sein?« (S. 25)
 


Die Ergebnisse der …
Feuilleton-Meisterschaft 2012

Leipzig, 8. Januar 2013, 04:25 | von Paco

Maulwurf’s in the house again! Heute zum *achten* Mal seit 2005. Der Goldene Maulwurf 2012:

Der Goldene Maulwurf

Die Nummer 1 herauszudiskutieren, war dieses Jahr nicht schwer, einhellig fiel die Wahl auf Volker Weidermanns endgültige Erledigung des herumdichtenden Grass.

Alles Weitere steht in den 10 Laudationes. Hier nun also die Autoren und Zeitungen der 10 angeblich™ besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2012:

1. Volker Weidermann (FAS)
2. Jens-Christian Rabe (SZ)
3. Christian Thielemann u. a. (Zeit)
4. Olivier Guez (FAZ)
5. Ulrich Schmid (NZZ)
6. Mara Delius (Welt)
7. Kathrin Passig (SZ)
8. David Axmann (Wiener Zeitung)
9. Friederike Haupt (FAS)
10. Thomas Winkler (taz)

Auf der Seite mit den Jurybegründungen sind neben den Links stets auch die Seitenzahlen angegeben, wie immer waren natürlich die Printversionen der Artikel maßgeblich für die Entscheidungen der Jury.

Außerhalb der Top-3 gab es übrigens ziemliche Rangeleien. Handke zum Beispiel konnte letztlich wie so oft nicht genügend Stimmen auf sich vereinen, deshalb müssen wir ihm für den Feuilletonsatz des Jahres (»Ein Wortspiel pro Text ist erlaubt.«) separat gratulieren.

Hinweise auf feuilletonistische Supertexte des laufenden Jahres 2013 bitte an <umblaetterer ›@‹ mail ›.‹ ru>.

Bis nächstes Jahr,
Euer Consortium Feuilletonorum Insaniaeque
 


Strandlektüre

Jena, 21. Dezember 2012, 08:51 | von Montúfar

Meine Strandlektüre in diesem Jahr war Madame de Staëls »Über Deutschland«, und ich kann sagen, dass dieses Buch als Strandbuch völlig ungeeignet ist. Denn schon an Tag zwei meines Urlaubs löste sich in der salzig-sandigen Meeresbrise die Leimung meiner Paper­backausgabe. Ich hatte von nun an sehr darauf zu achten, dass besagte Brise mir nicht die hellsichtigen Betrachtungen Frau Staëls davontrug.

Da war zum Beispiel zu lesen: Die deutsche »Überlegenheit besteht in der Unabhängigkeit des Geistes, in der Liebe zur Zurückgezogenheit, in einer eigentümlichen Originalität.« Ich blickte über meinen Interpretationssache gewordenen Buchrand auf meine Landsleute hier an der Playa del Inglés und konnte nicht anders als dieser trefflichen Beobachtung vollkommen beipflichten. Doch weil die Form nun einmal den Inhalt von Literatur mitbestimmt, war ich gezwungen, meine Strandlektüre abzubrechen, die Meerluft setzte dem Buch zu arg zu.

Französische Literatur hat es eben in Deutschland noch nie einfach gehabt. Das zeigte sich erst neulich wieder in einem SZ-Artikel (Ausgabe vom 13. November 2012, S. 11), in dem sich Joseph Hani­mann fragt, warum in der zeitgenössischen französischen Literatur vor allem der Erste Weltkrieg immer noch eine so große Rolle spielt. Dass das hierzulande verwundert, liegt auf der Hand. Schließlich schrieb schon Madame de Staël: »Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun.«

In der meerfernen Vorweihnachtszeit konnte ich dieses Buch nun problemlos weiterlesen.
 


Handke-Landschaften in Karlsruhe:
Kling, Chaville, klingelingeling

Konstanz, 4. Dezember 2012, 19:00 | von Marcuccio

Die Feuilletons hatten sich zum Soundcheck verabredet:

Tilman Krause (Welt): »Diese Bilder muss man hören.«

Andreas Kilb (FAS): »Er hat der Landschaft einen Klang gegeben.«

Volker Bauermeister (Badische Zeitung): »Selbst Ziegen sieht er tanzen.«

Willibald Sauerländer (SZ): »… in einer behutsamen, man möchte sagen kammermusikalischen Ausstellung.«

Heute zog dann sogar noch die NZZ nach und berichtet über Camille Corot »mit seinen klangvoll nachhallenden Landschaften«.

Karlsruhe zeigt ja gerade die erste Retrospektive hierzulande. Ich war in der Ausstellung und habe außer zwei vollverkabelten Rentnern im Audioguide-Synchronrundgang jetzt eher wenig Sound im Wortsinn erlebt. Die Hörstation mit den Melodien von Gluck war nämlich dauerbesetzt, wahrscheinlich weil schon zu viele Kritiker geschrieben haben: »intensiv schaut man wohl nur, wenn man sich gleichzeitig dem Hören hingibt«.

Hörverhindert schlug ich mich dann auf die Seite von Sauerländer (SZ): »Corot hat die Stille, den Frieden, die Einsamkeit der französischen Provinzlandschaft entdeckt«. Das klang für mich plötzlich nur noch nach Peter Handke, zumal ein Corot-Bild »La Petite Chaville« heißt: Chaville neben Corots Heimat Ville-d’Avray war 1825 petite.

Sigrid Löffler gab mal zu Protokoll, Handke lebe vor den Toren von Paris ja wirklich »so bukolisch, wie es sich Handke-Verächter zur Bestätigung ihrer hämischsten Ressentiments nur vorstellen können« (vgl. ihre Rezension zur »Niemandsbucht« 1994). Ja, wie konsequent, dass in der Gegend der Corot-Bäume und Bäche heute Handkes »Felsenbienen« summen. Und mit Handkes Blick auf »Birken, die sich als erstes belaubt haben«, landet man unweigerlich bei der Frage, die Andreas Kilb vor diesem Corot-Bild stellt: »Wer weiß, wovon die Waldwege träumen?«

Es kann kulturtopografisch nur eine Antwort geben: Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Hiesige Pilze soll er sammeln. Vor dem Lärm der Laubbläser-Nachbarn soll er hierher fliehen. Davon träumen die Waldwege bei Corot. Die Karlsruher Ausstellung ist so gesehen auch ein grandioser Versuch über den stillen Ort.