Archiv des Themenkreises ›Musikmusik‹


Elbjazz

Hamburg, 8. Juni 2017, 12:38 | von Montúfar

Das Elbjazz-Festival fand diesmal wieder auf dem coolsten Festivalgelände ever statt, der Blohm+Voss-Werft in Hamburg. Jazzfans sind ja dafür bekannt, einen unvermittelt nach den abseitigsten Insiderfakten abzufragen und einen gnadenlos zu ächten, falls man nicht wie aus der Pistole geschossen die Antwort weiß, wer denn gleich noch mal auf Jan Garbareks 1974er-Album »Luminessence« das Klavier für Keith Jarrett gestimmt hat. Deswegen hatte ich sicherheitshalber gleich keine Karten für das Garbarek-Konzert in der Elphi bekommen und mich auf dem Weg nach Hamburg mithilfe der aktuellen Jazz-Thing informiert.

Tatsächlich: Gleich am ersten Abend, auf dem Weg von der Bühne Am Helgen zur Alten Maschinenbauhalle, trat meiner Begleiterin und mir ein junger Mann in den Weg und verlangte, eine kurze Frage stellen zu dürfen. Es war soweit. Ich konnte mich plötzlich an keine Namen, Daten, Fakten aus meiner Jazz-Thing erinnern, hatte aber bereits abwehrend-verunsichert genickt. »Sagt mal, kennt ihr Heinz Sielmann?« Fuck. Aufgrund meiner intensiven Jazz-Vorbereitung hatte ich die SZ von diesem Tag nur durchgeblättert. »Ja ja, der Tierfilmer, der hat doch heute Geburtstag, is 80 geworden oder so. Oder sogar 90.« »100 wäre er geworden!«, schmetterte mir der junge Mann freudig entgegen und drehte sich ebenso freudig zu seiner Begleiterin um: »Hab ich doch gesagt, dass der berühmt ist.« Der jungen Frau war der Auftritt ihres Begleiters fast so peinlich wie mir meine falsche Antwort. Meine Begleiterin und ich retteten uns zu einem veganen Imbissstand, der den total witzigen Namen »Vincent Vegan« trug und bei dem man zur besseren Zuordnung der Bestellung, auf die man ein wenig warten musste, weil ja alles frisch zubereitet wurde, einen Tiernamen nennen sollte. Wir warteten also, bis »Eichhörnchen« ausgerufen wurde und fanden es beide wirklich lecker.

Nach dem ersten Festivaltag saßen wir noch mit Freunden vor dem »Tool«, Hamburgs coolstem Fahrradladen. Dort zeigte mir unsere Gastgeberin eine geniale Funktion ihres Smartphones. Sie brauchte beim Verfassen von SMS gar keine Buchstaben eingeben, sondern konnte sich in einem gesonderten Feld sechs Wortvorschläge anzeigen lassen. Sie wählte mehrfach hintereinander immer wieder den ersten Vorschlag und auf dem Display erschien: »Hi Thomas Mann mit den ganzen Text …«. Danach verlor sich die Vorschlag-Random-SMS in Relativkonstruktionen, die ich mir nicht gemerkt habe.

Als wir am zweiten Festivaltag das Werftgelände verließen, um zu einer anderen Bühne im Thalia-Zelt in der Hafencity zu gehen, stieß mich meine Begleiterin in die Seite: »Ey, da is grad Heinz Strunk vorbeigelaufen!« Ich hatte nicht auf die mir entgegenkommenden Besucher geachtet, weil ich von der Größe des Wurstgrills beeindruckt war, der neben dem Ausgang vor den Toren einer Feuerwehrstation stand. Also konnte ich mich nur noch schnell rumdrehen und einen Mann sehen, der von hinten so aussah, wie ich mir Heinz Strunk von hinten vorstelle.

Da das Festival schon am Samstag Abend vorbei war und es uns im Thalia-Zelt so gut gefallen hatte und wir am Sonntag erst am Abend wieder abreisten und es eine Sonntag-Nachmittag-Vorstellung im Thalia gab, gingen wir hin. Es war ein Stück von einer australischen Schauspielgruppe und begann damit, dass eine Figur mit Tieren bedruckte Pappen so hochgehalten hat, dass die andere Figur das Bild nicht sehen konnte, dennoch aber immer das richtige Tier nannte. Da das Stück auf Australisch war, wurden Text und Übersetzung an den Rückraum der Bühne projiziert. Die Ratefigur hätte also schummeln können und nach hinten kucken, hat das aber wirklich nicht ein einziges Mal gemacht. Es stellte sich dann heraus, dass die Ratefigur Gott war, die den Tieren der Welt gerade ihre Namen gab. Die Rolle der anderen Figur hat sich mir nicht erschlossen. Als dann tatsächlich ›squirrel‹ genannt wurde, bekam ich Hunger, zumal das Stück »Lady Eats Apple« hieß, was aber nur metaphorisch gemeint war. Deshalb gingen wir anschließend ins Café Koppel, wo es Milchreis mit Zucker und Zimt gibt. Zum Nachtisch fanden wir in einem Kiosk noch spanische Süßigkeiten mit dem Namen »Camel Balls«, der auf der Verpackung auch eindrücklich visualisiert wird. Die aßen wir dann am Ufer der Außenalster, während wir die vielen kleinen Segelboote betrachteten und unsere Gastgeberin erzählte, wie sie früher immer von hier zum gegenüberliegenden Außenalsterufer und wieder zurück geschwommen sei.
 


Umblätterer’s Delight: Mixtape 2012

Bonn, 2. Februar 2016, 19:22 | von Katana

 

  1. Here We Go Magic: Hard To Be Close (vimeo)
  2. Purity Ring: Fineshrine (youtube)
  3. XXYYXX: Breeze
  4. Alt-J: Breezeblocks (youtube)
  5. Beach House: Lazuli (youtube)
  6. Kuedo: Scissors (soundcloud)
  7. Animal Collective: Wide Eyed (youtube)
  8. Grimes: Eight
  9. John Talabot: Missing You (youtube)
  10. Hot Chip: Night & Day (youtube)
  11. Hobo: Shadowz
  12. Lower Dens: Lamb
  13. The xx: Swept Away
  14. Ben Howard: Black Flies (youtube/live)
  15. Holy Other: Tense Past
  16. Maximo Park: Hips and Lips (vimeo)
  17. Grizzly Bear: Speak in Rounds (youtube/live)
  18. Lorn: Everything Is Violence
  19. Cristian Vogel: Deep Water (soundcloud)
  20. Marsimoto: Alice im WLAN Land
  21. Twin Shadow: You Call Me On
  22. Patrick Watson: Noisy Sunday
  23. Lana Del Rey: This Is What Makes Us Girls

The Umblätterer’s Delight Series 2012–2015:
Mixtape 2012 | Mixtape 2013 | 50 wichtigste Alben 2013 | Jahresrückblickiana 2014 | Mixtape 2015

 


Umblätterer’s Delight: Mixtape 2013

Bonn, 1. Februar 2016, 18:59 | von Katana

 

  1. Edward Snowden Intro (youtube)
  2. Fuck Buttons: Stalker
  3. James Blake: Digital Lion
  4. Mount Kimbie: Made to Stray
  5. Bonobo: Cirrus (youtube)
  6. Death Grips: Two Heavens (youtube)
  7. Chance the Rapper: Favorite Song
  8. Phoenix: Chloroform (youtube)
  9. Lorde: Ribs
  10. Tegan and Sara: Drove Me Wild
  11. Chvrches: We Sink (universal-music)
  12. Arcade Fire: Afterlife (youtube)
  13. Sigur Rós: Stormur
  14. Volcano Choir: Comrade (youtube/live)
  15. Vampire Weekend: Finger Back
  16. Veronica Falls: Falling Out
  17. The National: Sea of Love (youtube)
  18. Gold Panda: We Work Nights (youtube)
  19. DJ Koze: Nices Wölkchen (youtube)
  20. Moderat: This Time (youtube)
  21. Jon Hopkins: Open Eye Signal (youtube)
  22. Deptford Goth: Union (youtube)
  23. Burial: Come Down to Us (youtube)
  24. Queens of the Stone Age: … Like Clockwork (youtube)
  25. Edward Snowden Outro (youtube)

The Umblätterer’s Delight Series 2012–2015:
Mixtape 2012 | Mixtape 2013 | 50 wichtigste Alben 2013 | Jahresrückblickiana 2014 | Mixtape 2015

 


Umblätterer’s Delight: Mixtape 2015

Bonn, 22. Januar 2016, 04:56 | von Katana

 

  1. Jamie xx: SeeSaw
  2. Hot Chip: Huarache Lights   (vimeo)
  3. Tocotronic: Prolog   (youtube)
  4. Sufjan Stevens: Fourth of July
  5. Young Fathers: Shame   (youtube)
  6. Zugezogen Maskulin: Agenturensohn
  7. XOV: Lucifer   (youtube)
  8. Action Bronson: Baby Blue
  9. Hudson Mohawke: Very First Breath   (vimeo)
  10. Blur: Ghost Ship
  11. Godspeed You! Black Emperor: Piss Crowns Are Trebled
  12. FFS: Call Girl
  13. DJ Snake: You Know You Like It
  14. Boy: Fear   (youtube/live)
  15. Major Lazer: Lean On
  16. Jack Ü: Where Are Ü Now   (youtube)
  17. The Weeknd: Can’t Feel My Face   (vevo)
  18. Macklemore & Ryan Lewis: Downtown   (youtube)
  19. Dr. Dre: Talk About It
  20. Taylor Swift: Bad Blood   (youtube)
  21. Kendrick Lamar: Alright   (vevo)
  22. Bilderbuch: Maschin   (youtube)
  23. Grimes: Flesh without Blood   (youtube)
  24. Tame Impala: Let It Happen   (vimeo)
  25. Deafheaven: Luna
  26. U.S. Girls: Damn That Valley   (tape.tv)
  27. Beach House: PPP

The Umblätterer’s Delight Series 2012–2015:
Mixtape 2012 | Mixtape 2013 | 50 wichtigste Alben 2013 | Jahresrückblickiana 2014 | Mixtape 2015

 


Spex, Intro, Musikexpress
Jahresrückblickiana 2014

Bonn, 29. März 2015, 00:30 | von Katana

»2014 – Ein Scheißjahr geht zu Ende«. Really, »Spex«?

Der Jahresrückblick, gern auch: Popjahresrückblick, ist ein so wunder­schönes wie absolut crazy und hilarious Genre des schönen Journalismus, das immer zu wenig gewürdigt wird. Und deshalb, jetzt und hier, Frühlingsanfang und so, die Jahresrückblickiana 2014, fein säuberlich getrennt und geordnet, wie es sich gehört.

Fangen wir also mit der »Spex« an, »Scheißjahr 2014«, fantastischer Titel, will ich sofort lesen, denn das fand ich irgendwie ja auch, aber: why? Zudem, natürlich: Pharrell auf dem Cover, mit Hut und dem Ratespiel, welchen Fotolichtfilter die Designer hier gewählt haben werden, vielleicht Sierra.

Ok, seit der ehemalige »Rolling Stone«-Mann Torsten Groß die Chefredaktion übernommen hat, steht auch immer die Frage im Raum, wieviel Popdiskurs in der »Spex« noch möglich oder nötig ist und, ganz entscheidend, wie relevant das überhaupt ist. Umso entscheidender natürlich: Der Jahresrückblick, die geballte Relevanzwalze.

Also, Themen: Erst mal ein schönes Understatement-Interview mit Pharrell, der wirklich sympathisch entspannt daher kommt, sophisticated überrascht vom eigenen Erfolg. Zum Glück keine Fragen zum Popjahr oder gar zur politischen Weltlage. Dann eine kleine Schnapsidee, den Jahresrückblick anhand der sieben Todsünden aufzuziehen. Ziemlich forced in meinen Augen, trägt auch nicht so recht, wenngleich toll ist, dass der erste (!) Beitrag dann von Morrissey und seinen verbalen und monetären Ausfällen erzählt unter dem Stichpunkt »Superbia«, wobei natürlich das eigentlich tolle Morrissey-Album »World Peace Is None of Your Business« gleich mit runtergezogen wird. Misanthropie wird heute halt sehr unterschätzt.

Dann was zu Normcore und »Sneakerisierung«, na ja, selbstverständlich einen Kübel Häme für das plumpe U2-Release auf iTunes, Flüchtlinge, Drogen, Rassismus, den angeblichen Pop-Appeal des sogenannten »IS« und Essen und ganz lustig ziellose Essayrudimente über Pop und Kritik, die den Zustand dieses Themas quasi in actu bebildern. Highlight auf jeden Fall, und darauf wird zurückzukommen sein, der Artikel »Ist Pop am Arsch?« von Sonja Eismann über das wirklich von so gut wie allen Jahresrückblicken festgestellte Hoch des Hinterteils im Popdiskurs.

Nachrufe: Philip Seymour Hoffman und Robin Williams, fair enough. Soweit kann man sagen: Pflicht erfüllt, Jahr gepackt, war halt langweilig. Aber das eigentliche Kerngeschäft sind nun mal die Listen. Das Tolle an den Jahresrückblicken der »Spex« ist auf jeden Fall, dass sich die Redaktions- und die Lesercharts dieselbe Ausgabe teilen, woanders muss man immer auf ein Gewinnspiel und die nächste Ausgabe warten, nicht hier, hier läuft der direkte Vergleich, was natürlich redaktionell den Stress auslöst, sich nicht zu sehr anzubiedern und auch nicht zu sehr zu distanzieren vom Geschmack der eigenen Leserschaft, also mal sehen, wie das 2014 gelungen ist:

Ganz demokratisch fangen die Lesercharts den Listenreigen an, und wenn hier irgendjemand Leser der »Spex« wäre, dann würde der wahrscheinlich das sehr gewollt poppige Album »Libertatia« von Ja, Panik, den ganz unmöglichen und doch absolut fantastischen Hit »Can’t Do Without You« von Caribou, Wes Andersons filmgewordene Hochzeitstorte »Grand Budapest Hotel«, den HBO-»Kracher« »True Detective«, DAS Buch »Der Circle« von Dave Eggers, das angenehm unauffällige Modelabel »Carhartt« und den Titel der Nationalelf bei der WM in Brasilien für die Größten und Besten in 2014 halten. Und natürlich die »Spex« mitsamt www.spex.de, noch vor dem »Intro« und Hypeschleudern wie »Pitchfork«, versteht sich von selbst.

Wie leer und unsinnig das Popjahr 2014 war, weiß allerdings nur die »Spex«-Redaktion, indem sie nämlich genialerweise das absolute Nonsense-Album »Asiatisch« von Fatima Al Qadiri, eine, laut Redaktion »faszinierende Feier von Sein und Schein im Post-Internet Zeitalter«, zum Album des Jahres auswählt. Soviel Hang zu Humor hatte ich denen gar nicht zugetraut, aber dann ist es doch erfrischend, wie trocken hier die eigenen Diskursansprüche persifliert werden, absolut hilarious!

Ansonsten in den Top-10 Angel Olsen, Neneh Cherry (!), St. Vincent, die unvermeidliche FKA Twigs, Mutter, Damon Albarn (?), Parquet Courts, absolut verdientermaßen auch mal die tollen Warpaint und, okay, Sleaford Mods, for the masses and the taste halt. Wenn man nur die Hälfte davon selber in Erwägung gezogen hat, sollte man das Magazin wechseln, denn belehren und unterlaufen lassen muss man sich von der »Spex« schließlich immer, das gehört zum guten Ton. Niedlich immer auch die folgenden Listen der Redaktion, wenn man wissen möchte, wie heterogen und bescheidgewusst es dort zuging. Und warum außer Klaus Walter und Thomas Venker niemand »Asiatisch« persönlich als bestes Album gewählt hätte.

Thomas Venker, der führt uns gleich zur »Intro«, das er sehr, sehr lange als Chefredakteur geführt hat und dessen persönliche Jahresbestenliste auch in deren Rückblickausgabe auftaucht, glücklicherweise komplett identisch mit der in der »Spex« abgedruckten, das spart philologische Kleinstarbeit. Das »Intro« wiederum wählt ein Cover antipodisch zur »Spex«, denn hier muss man sich nicht lange mit dem Gestern aufhalten, lieber schneller als die anderen ins Morgen. Und dann wird so ein dummes Ding wie der Fotoshoot mit den Falco-Epigonen Bilderbuch veranstaltet, die mit irgendwelchen Gesichtsausdrücken wenig ansehnliche Früchte ins Bild halten dürfen, überschrieben auch noch mit »So frisch wird 2015«, hab ich jetzt schon keine Lust drauf und ähnlich affirmativ wie die Musik der Band ist dann auch das Interview dazu.

Und dabei punktet das »Intro« thematisch gewaltiger als die »Spex«. Gut, auch hier etwas lässiger untergebracht: Normcore, »The Year in Butts« mit den üblichen Ärschen, Rassismus und die desolate politische Lage, dafür aber mit einem hingerotzten Leo-Fischer-Text, wie es 2014 nun mal verdient hat. Schöne Rubriken, das muss man sagen, kann das »Intro« aber wie niemand anderes: »Die Pop-Battles des Jahres«, alright! Oder, absolutes Highlight: »Das Jahr der schrägen Simulatoren« (Platz 1: »Goat Simulator«, noch vor »Rock Simulator« und »I Am Bread«!). Auch schön: »Die besten Musiker-Cameos in Serien« als Top-7, gewonnen von Sigur Rós in »Game of Thrones«.

Richtig wüst wird es bei »2014: Die Toten«, was fast schon despektierlich rüberkommt in der LSD-bunten Farbgebung des ganzen Rückblickdesigns. Fast schon anachronistisch: Beiträge zum »Tatort«, zur Sharing Economy und der Bedrohung der »Privatsphäre 3.0« (sic!). Aber auch hier steht das Kerngeschäft an, die Listen. Als erstes fällt auf, dass die Redaktion sich sozusagen dafür entschuldigt, mit »This Is All Yours« von Alt-J ein Konsensalbum an die Spitze gewählt zu haben (»Höre ich ein Gähnen?«). Bei der »Spex« undenkbar, sowohl Wahl als auch Entschuldigung!

Ansonsten gefeiert: FKA Twigs, die langweiligste Stilpolizei namens Metronomy, Kate Tempest (ganz toll!), die Tame Impala von 2014, Temples, die Doppelpack-Überschätzung Sleaford Mods und Mac DeMarco sowie das herzlich egale letzte Wye Oak-Album. Ganz okay: Den Büro-Insidergag »Pisse« von Schnipo Schranke zum Song des Jahres zu wählen, natürlich auch unter Insider-Gag-Rechtfertigungszwang. Auch netter Gag: Lana Del Rey aufzunehmen, darauf kommt keiner, und das natürlich unverdienterweise, sowie das furchtbar nervige »Bologna« der völlig nervigen Wanda, wiederum eine Ausgabe später auch von den Leser*innen als Song des Jahres goutiert, dazu »In Schwarz« von Kraftklub als Album des Jahres. Mehr dazu sagen muss man, glaube ich, nicht.

Bilderbuch und Wanda sind dann auch die Helden der Austropop-Story im »Musikexpress«, geschrieben von Linus Volkmann, die Story wiederum gehört allerdings gar nicht zum eigentlichen Jahresrückblick, der zumindest auf dem Cover lustigerweise Jan Böhmermann ins Zentrum von 2014 rückt. Auch witzigerweise mit drauf: Neneh Cherry, Blixa Bargeld, warum auch immer. Macht nix, denn der Jahresrückblick kommt irgendwie souveräner und vollständiger daher als alle anderen.

Klar, auch hier: Hinterteile, »IS«, Politik, U2, iTunes, Internet dabei, dafür aber schöne Kritiken am House-Trend, ein toller Essay darüber, warum niemand Diedrich Diederichsens »Über Popmusik« lesen und diskutieren wollte, eine wirklich witzige Statistik, welche Bands sich 2015 reuniten werden (The Smiths übrigens bei 0,2%). Ein paar einfache Ziele wie Campino, den angeblichen Pop-Feminismus (so 2010!), »Wetten, dass..?«, Selfies oder die Naivität von Haftbefehl auch dabei, schon okay, aber dafür auch mal das Gefühl: Ja, das war wirklich 2014, mit all diesem Unsinn! Und die Erkenntnis, dass man mit Oliver Polak nicht über Musik reden sollte.

Platte des Jahres auch ganz unspektakulär und völlig in Ordnung: »Our Love« von Caribou. Auch die einzige Liste mit »Present Tense« von Wild Beasts, sogar auf Platz 21, ansonsten ein völlig verschwiegenes Meisterwerk aus 2014. Gut, »Love Letters« von Metronomy ist und bleibt nicht der Song des Jahres (wenn schon Metronomy, dann »I’m Aquarius«!), dieser wirklich einfallslose Sixtiesnummer mit ihren enervierenden Harmonien fehlt dazu jegliche Klasse.

Aber auch hier bleibt es dabei, dass 2014 nun wirklich nichts Herausragendes zu bieten hatte, außer, wie es scheint, dem Hinterteilthema. Wo man sich woanders darüber halbwegs einig war, dass das zwar ordentliche, aber sicher wenig einschlägige zweite Run-the-Jewels-Album DIE Platte 2014 war, geht das Ganze hierzulande etwas unter (wobei ich jetzt gerade nicht genau weiß, wie die »Juice« das gesehen hat). Aber es ist auch egal, 2014 war als Popjahr egal, zumindest weitestgehend, davon legen die Jahresrückblicke erschreckendes Zeugnis ab.

Aber das ist nicht schlecht, ganz im Gegenteil! Sie können genauso gut »Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus« von Jens Friebe oder auch das sträflichst übersehene »Rave Tapes« von Mogwai oder noch besser deren wiederveröffentlichtes Überalbum »Come On Die Young«, das nun wirklich jeder besitzen sollte, besonders in der remasterten Version und mit dem grandiosen Bonusmaterial, das allein besser ist als vieles, was 2014 zeitgemäß war, zu den Platten des Jahres küren, es würde niemanden stören, da sie sich an nichts hätten messen müssen, was überragender gewesen wäre. Und so wird 2014 als das Popjahr in die Erinnerung eingehen, das jedermann vergessen oder für sich behalten kann, ganz wie gewünscht.

The Umblätterer’s Delight Series 2012–2015:
Mixtape 2012 | Mixtape 2013 | 50 wichtigste Alben 2013 | Jahresrückblickiana 2014 | Mixtape 2015

 


Die 50 wichtigsten Alben des Jahres 2013

Leipzig, 14. März 2014, 14:04 | von Paco

Zwischen November und jetzt März hat das Ansagenfeuilleton die 50 wichtigsten Alben des Jahres 2013 vorgestellt. Ich hatte es selbst schon überprüft, aber ich hab gestern extra doch noch mal nachge­fragt, ob es sich hier wirklich und ausnahmslos um die wichtigsten (!) Alben (!) des letzten Jahres (!) handelt. »Ja, handelt es sich.«

Intro

1. Sigur Rós – Kveikur
2. Arcade Fire – Reflektor
3. Volcano Choir – Repave
4. Phoenix – Bankrupt
5. Fuck Buttons – Slow Focus
6. James Blake – Overgrown
7. Queens of the Stone Age – …like Clockwork
8. Vampire Weekend – Modern Vampires of the City
9. Gold Panda – Half of Where You Live
10. DJ Koze – Amygdala

11. The National – Trouble Will Find Me
12. Baths – Obsidian
13. Jon Hopkins – Immunity
14. Lorde – Pure Heroine
15. Veronica Falls – Waiting for Something to Happen
16. Kanye West – Yeezus
17. Chvrches – The Bones of What You Believe
18. Daft Punk – Random Access Memories
19. Moderat – II
20. Tegan and Sara – Heartthrob

21. Casper – Hinterland
22. King Krule – 6 Feet Beneath the Moon
23. Beach Fossils – Clash the Truth
24. Chance The Rapper – Acid Rap
25. Justin Timberlake – The 20/20 Experience
26. Pearl Jam – Lightning Bolt
27. Disclosure – Settle
28. Savages – Silence Yourself
29. Kurt Vile – Wakin On A Pretty Daze
30. Mount Kimbie – Cold Spring Fault Less Youth

31. Kwes – ilp.
32. M.I.A. – Matangi
33. Deptford Goth – Life After Defo
34. Foals – Holy Fire
35. Bonobo – The North Borders
36. A$AP Rocky – Long.Live.A$AP
37. Ghostpoet – Some Say I So I Say Light
38. Modern Life Is War – Fever Hunting
39. MGMT – MGMT
40. Shout Out Louds – Optica

41. Thundercat – Apocalypse
42. Kollegah & Farid Bang – Jung, brutal, gutaussehend 2
43. Cut Copy – Free Your Mind
44. Biffy Clyro – Opposites
45. Julia Holter – Loud City Song
46. Lady Gaga – Artpop
47. Haim – Days are gone
48. Boysetsfire – While a Nation Sleeps…
49. Drake – Nothing Was the Same
50. Darkside – Psychic

The Umblätterer’s Delight Series 2012–2015:
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McCartney 70

Hamburg, 18. Juni 2012, 13:34 | von Maltus

Im SZ-Feuilleton vom Wochenende bezeichnet Jens-Christian Rabe den Ex-Beatle Paul McCartney als »einen der seltenen Stars, die würdevoll alt werden, weil sie wissen, dass sie ein Erbe verwalten, das längst viel größer ist als sie selbst«. Es ist ja immer unfair gewesen, seinen Weggefährten John Lennon gegen ihn auszuspielen. Lennon der coole Revoluzzer, McCartney der Softie mit den weichen Melodien. Lennon bewahrte die Gnade des frühen Todes vor den Rufschäden des Rockstar-Rentnertums.

Vor drei Jahren besuchte ich in Hamburg ein Konzert. Der Beginn war für 20 Uhr angekündigt, aber in der Zeitung stand schon, daß es erst um 21 Uhr losgehen würde. Das hatten wohl nicht alle gelesen, denn als er um 21 Uhr auf die Bühne kam, wurde der verdutzte Macca erstmal reichlich unhanseatisch mit Buhrufen und Pfiffen begrüßt. Doch zum Fremdschämen blieb schon deshalb keine Zeit, weil McCartney die Pfiffe großzügig ignorierte, »Hummel Hummel, Mors Mors« in die Halle rief und dann den Leuten in einer dreistündigen Show alles gab, was sie wollten.

Und als McCartney seine alten Hits sang, war das genau so, wie Rabe es am Wochenende in der SZ beschrieb: nicht als schlaffe Reminiszenz an vergangene Größe, sondern: »Sir Paul McCartney grinst kurz – und dann singt er den Song so ernsthaft, akkurat, brillant, frisch und groß wie die schönsten Erinnerungen, die man mit der halben Welt teilt, bitte sehr zu sein haben: Naa – na, na, na-na-na-naaa – na-na-na-naaa – hey Jude!«

Das letzte Mal habe ich »Hey Jude« in Nordkorea gehört. Man führte mich in die Große Studienhalle des Volkes in Pjöngjang, in einen Raum mit lauter Ghettoblastern. Dann drückte einer der Nordkoreaner auf »Play« und alle sangen mit: »And anytime you feel the pain, hey Jude, refrain, / Don’t carry the world upon your shoulders«. Er gehört tat­sächlich der ganzen Welt.
 


Puschkin, Przewalski, Pilze, Prokofjew

St. Petersburg, 23. Oktober 2011, 09:05 | von Baumanski

Es ist Freitag und schon elf Uhr vorbei, als ich aufstehe. Am Abend davor habe ich mehr als genug, aber nicht allzu viel getrunken (die Russen haben dafür sogar ein eigenes Verb, »недоперепить«). Aber jetzt muss ich noch schnell vor Wochenschluss zum International Office der Universität, um irgendwelche Sachen zu erledigen.

Hernach spaziere ich – vorbei an zwei Puschkin-Denkmälern und einer Büste des Forschungsreisenden Przewalski, der Stalin so ähnlich sieht, dass viele ihn für dessen heimlichen Vater halten – zum Puschkin-Museum. Dort überzeuge ich mich vom zeichnerischen Talent des Nationaldichters und höre mir die Ausführungen der Museumsführerin an, die, wie andere ja auch, seitenweise auswendig aus seinen Werken zitieren kann.

Nach dem Museum bin ich etwas hungrig und entscheide mich kurzerhand für eines der russischen Schnellrestaurants, von denen es in Petersburg etwa so viele gibt wie Puschkin-Denkmäler. Ich bestelle ein Glas Kwas sowie Bliny mit Hackfleisch und Pilzen (übrigens sind alle Russen davon überzeugt, dass in Westeuropa niemand Pilze sammelt). Kostenpunkt: 220 Rubel.

Da ich zuvor noch schnell zum Bankomaten musste, habe ich nur einen 5000-Rubel-Schein dabei, also sozusagen 150 Franken bzw. 125 Euro am Stück, was hier gewöhnlich nicht besonders gerne gesehen wird. (Die Schweiz ist ja bekanntlich das einzige Land, wo man auch mit einer Tausendernote einen Kaugummi bezahlen darf.)

»Kann ich damit zahlen?«, frage ich deshalb präventiv und halte den 5000-Rubel-Schein ins Blickfeld der jungen Verkäuferin. Sie schaut mich verständnislos an. »Ja«, sagt sie langsam und deutlich. »Das ist Geld.« Sie hält mich offenbar nicht für freundlich und umsichtig, sondern für dämlich, und während ich dann meine Bliny esse, sehe ich von weitem, wie sie ab und zu kopfschüttelnd in meine Richtung blickt.

Um sechs Uhr ruft mich Ivan Borisowitsch an und sagt, ich müsse in einer Stunde unbedingt mit ins Konzert kommen. Als ich knappe fünf Minuten zu spät vor dem Eingangstor zur Philharmonie erscheine, ist vom sonst überpünktlichen Ivan Borisowitsch noch nichts zu sehen. Ich rufe ihn auf seinem Handy an, worauf sich folgender Dialog entwickelt:

I.B.: Allo?
Ich: Privjet, ich bin’s. Ich wäre jetzt also da.
I.B.: Ich stehe direkt vor dem Eingang. Wo sind Sie denn?
Ich: Hier, vor dem Eingang.
I.B.: Ich sehe Sie aber nicht.
Ich: Ich bin aber hier!

Plötzlich kommt Ivan angerannt. Er war ein paar Meter zur Seite getreten, um etwas aufzuschreiben, und hatte vergessen, dass er nicht mehr vor dem Tor stand.

Wir betreten die Philharmonie, wo das laut dem britischen Magazin »Gramophone« sechzehntbeste Orchester der Welt auch an diesem Abend überzeugend spielt: Prokofjews »Skythische Suite« und eine Symphonie des Schostakowitsch-Schülers Tischtschenko. Auch Ivan Borisowitsch ist äusserst zufrieden.
 


Bayreuth

auf Reisen, 16. August 2011, 16:43 | von Austin

Der Moment des Sommers. In der ersten Pause von Stefan Herheims genialischer »Parsifal«-Inszenierung: Eine Dame in Abendkleid bückt sich im Park und trägt, durch Mitleid wissend, eine Schnecke von der Mitte des Weges ins Gebüsch.
 


Unterwegs mit der FAZ des 12. Juli 2011:
Das anerkennende Nicken des Milizionärs

St. Petersburg, 15. Juli 2011, 11:18 | von Paco

Es war also Dienstag, und am späten Vormittag traf ich mich an der Moskovskaja mit dem Galeriebesitzer. Er war gerade mit dem К-13 vom Flughafen gekommen und hatte mir wie versprochen die aktuelle FAZ mitgebracht. Ich berichtete dann noch, dass ich mich mehrfach an den Legobausteinen gestoßen hatte, die Jan Vormann in der Galerie verbaut hatte, und dass wir unbedingt einen WLAN-Router besorgen sollten, denn alle verfügbaren Netzwerkkabel waren als Wäscheleinen quer durch drei Zimmer gespannt.

Zusammen mit der FAZ fuhr ich dann tief hinab zur Metro. Den Aufmacher, einen Artikel von Frank Lübberding über Herbert Wehners Aktentasche (S. 35), las ich gleich in den fünf Minuten, die man mit der Rolltreppe bis nach unten braucht. Das Feuilleton war übrigens wieder mal randvoll mit Spitzentexten, es war wie immer ein guter Feuilleton-Dienstag gewesen, und atemlos las ich weiter.

Für den nächsten Tag wurde übrigens ein Beitrag zu 25 Jahren Historikerstreit angekündigt. Es gab dann ja am Mittwoch in den »Geisteswissenschaften« diesen Diss von Egon Flaig gegen Habermas, was ich am Dienstag aber noch nicht wusste. Ich dachte daher jedenfalls erst mal sofort wieder an das SPIEGEL-Interview mit dem »Bloodlands«-Autor Timothy Snyder (dt. »Blutgebiete«, übers. v. Charl. Roche), in dem er sagt:

»Ich ging damals in Ohio auf die Highschool, und der Historikerstreit war der Grund für mich, Deutsch zu lernen.« (aktuelle Ausgabe, S. 47)

Das ist mal ein schöner Grund! Heute wird ja nur noch wegen Rammstein und Tokio Hotel Deutsch gelernt. Und wegen der Einstürzenden Neubauten, die ausnahmslos jeder Russe kennt, und das obwohl kein einziger Russe den Bandnamen aussprechen kann.

Außerdem las ich noch die Besprechung von Robert Wilsons Vanitas-Abend über »Leben und Tod der Marina Abramovic« in Manchester (S. 37). Geschrieben hatte sie Gina Thomas, die momentan absolut verdient unsere unangefochtene Lieblingsfeuilletonistin ist.

Um die Mittagszeit saß ich dann eine Weile in der Nationalbibliothek am Ostrowski-Platz und las in ein paar Ausgaben der »Russkaja Starina« wilde Geschichten über das 18. Jahrhundert. Als ich davon genug hatte, kam ich erst mal nicht mehr hinaus aus der Nationalbibliothek, denn die Frau am »Дежурный«-Schalter wollte mir keinen Ausführ­stempel für mein mitgebrachtes Buch geben, eine uralte Grammatik aus den 60er-Jahren. »Bücher dürfen hier nicht mit hineingebracht werden, unter gar keinen Umständen!« Und nach einer Pause: »Es sind doch nun wirklich genug da!« Und dieses eine eingeschleuste (»oder nicht eingeschleuste!«) Buch sei jetzt ein groooßes Problem.

Sie schaute sich die Grammatik gründlicher an, als ich es jemals getan habe und tun werde, und war trotzdem noch nicht überzeugt. Es steht zwar mittelbar ein deutscher Name drin, aber nicht meiner (vielmehr diese Widmung: »Дорогому Вольфгангу Фогту / с неизменным уважением / М. Городникова. / 17. XII. 66«). Sie fragte mich, wer dieser Wolfgang Vogt sei und wer diese M. Gorodnikowa. Einige ausgedachte Geschichten und Beteuerungen später drückte sie endlich einen Stempel auf meinen Passierschein, gepaart mit den Worten: »Das ist jetzt das letzte Mal!« Unten ging ich dann mit dem Passier­schein am Milizionär vorbei, der anerkennend nickte wegen des Stempels, den ich gegen alle Wahrscheinlichkeiten erlangt hatte.

Erschöpft stand ich draußen auf dem Ostrowski-Platz und ging nach kurzer Besinnungspause Richtung Fontanka und überquerte sie in östlicher Richtung. Im Gehen las ich in der FAZ den Artikel von Wolfgang Burgdorf über eine mögliche Lösung zu Griechenlands Finanzproblemen (S. 37). Burgdorf ist ja der Wiederentdecker des großen Johann Nikolaus Becker (siehe Der Umblätterer vom 18. Novem­ber 2010), und auch in Sachen Griechenland geht sein Blick zurück ins Alte Reich, zu den kaiserlichen Debitkommissionen, die in überschul­dete Territorien entsendet wurden.

Während ich so las, rammte ich mitten auf der Rasjesschaja einen bärtigen Mann, der das T-Shirt eines Klezmer-Festivals trug. Genau, es war Psoi Korolenko (Foto hier). Er hatte ebenfalls im Gehen gelesen, nämlich seinen Blackberry. Ich gratulierte ihm, denn heute war nach orthodoxem Kalender Peter-und-Paul-Tag, und Pavel ist ja sein eigentlicher Vorname.

–Und, Konzert nachher?
–Ja eben, genau.
–Bis dann.
–Bis dann.

Erst mal ging ich aber zu einer Feier in den Дюны, wir saßen dort am aufgeschütteten Sandstrand, es gab sehr viel Kuchen usw., und der Herausgeber der führenden Petersburger Literaturzeitschrift erklärte mir sehr ausführlich, wie er alle Straßen in der Umgebung umbenennen würde. Ich hatte nämlich gewagt, die »Uliza Marata«, also die Jean-Paul-Marat-Straße, zum schönsten Straßennamen der Welt zu erklären, und dem widersprach er nun heftig. Dann erzählte noch jemand, dass da in der oberen Etage des Cafés angeblich der gesamte Übersetzungsverkehr zwischen Gazprom und dem Westen erledigt werde, aber eventuell habe ich ein paar Verben falsch verstanden, denn die Aufzählung der Straßennamen und Umbenennungsvorschläge hielt weiter an.

Mit ein paar Бочкарёв machten wir uns dann auf den Weg zum Ligowski-Prospekt, wo in einer WG das Konzert von Psoi Korolenko stattfinden würde. Ich saß zusammen mit 50 Leuten in einem vielleicht 30-qm-Zimmer, und Psoi slammte in sein Casio-Keyboard und sang und herrschte. Zwischendurch las er von seinem Blackberry die nächsten Titel ab und reagierte gekonnt auf Provokateure aus dem Publikum. Gegen Ende hin gab es natürlich auch seinen Smashhit über den Newski-Prospekt (»Все люди б…и, а мир большой бардак«, hehe).

Nach dem Konzert gab es Nudeln und eingelegten Fisch für alle. Ich unterhielt mich unter anderem mit einer Anthropologin von der Columbia, die heute auch versucht hatte, Bücher mit in die National­bibliothek hineinzunehmen. Etwas später traf ich eine weitere Anthropologin (es würde für diesen Tag die letzte bleiben), und wir sprachen eine Weile auf Deutsch über ihre weitläufigen Forschungs­projekte. Ich achtete wie immer in Russland darauf, das Wort »nachher« nicht zu verwenden, denn es klingt ja für Russen wie »на х…й!«, und ich möchte nicht, dass jemand das falsch versteht.

Plötzlich kündigte jemand an, dass die anwesenden Lyriker (es waren ca. fünf bis zehn) gleich ihre neuesten Gedichte vortragen würden. Es war bereits weit nach Mitternacht, die meisten der Gäste verabschiede­ten sich daraufhin. Ich wollte auch schnell weg, aber es stellte sich bald heraus, dass es gar keine Gedichtvorträge geben würde, ich musste die Ankündigung also für ein taktisches Manöver halten.

In den Morgenstunden gingen wir noch ein bisschen zur Fontanka und sprachen über irgendwelche Dinge und Sachen, und ich überlegte, wo ich jetzt am schnellsten die Mittwochs-FAZ herbekommen würde.