Archiv des Themenkreises ›Kunstkunst‹


Sergej Lochthofen: »Schwarzes Eis«

Berlin, 12. März 2010, 08:45 | von Paco

Heute 18 Uhr Eröffnung der Galerien in der Heidestraße Berlin. Unser partner-in-crime, die ZERN Gallery, präsentiert Zeichnungen, Temperas und Collagen von Sergej Lochthofen (bis 20. März 2010):

Schwarzes Eis

Gestern wurde gehängt, hier schön weltexklusiv ein zugehöriges Panoramafoto (Klicken zum Vergrößern):

Schwarzes Eis @ ZERN Gallery (Panorama)

Sergej Lochthofen wurde 1953 in der Straflagerstadt Workuta im Nord­osten Russlands als Sohn eines inhaftierten deutschen Emigranten und der Tochter eines verbannten russischen Revolutionskommissars gebo­ren. Er studierte Anfang der siebziger Jahre Malerei an der Kunsthoch­schule in Simferopol auf der Krim. Nach der Rückkehr nach Deutschland arbeitete er als Journalist in der DDR.

Einem breiteren Publikum ist Lochthofen aus seiner langjährigen Zeit als Chefredakteur der Zeitung Thüringer Allgemeine bekannt. Lochthofen führte die ehemalige Parteizeitung 1990 in die Unabhängigkeit und pro­filierte das Blatt als eine der wenigen wahrnehmbaren Stimmen Ost­deutschlands in der gesamtdeutschen Öffentlichkeit. Im späten November 2009 erregten die Umstände seiner Demission einiges Aufsehen, als sich der 1990 von den Mitarbeitern der Zeitung gewählte Chefredakteur unter großer Anteilnahme der Leser heftig gegen seine Abberufung wehrte. In Lochthofens Zeit als Chefredakteur gewann die Zeitung mehrfach internationale Auszeichnungen für ihren grafischen Anspruch und für die herausragende optische Umsetzung von Politikthemen.

Schwarzes Eis @ ZERN Gallery (Hängung)

Parallel zu seiner Arbeit als Journalist hat Lochthofen kontinuierlich ma­lerisch und zeichnerisch gearbeitet. Das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Exzessen und der Entwurzelung von Millionen Menschen in den Bürgerkriegen Russlands liefert die Themen, die Lochthofen aus der Historie des Familienschicksals heraus publizistisch und künstlerisch fortwährend beschäftigen. Seine Sujets haben ihren Ursprung in der Weite von Lochthofens russischer Kindheit. Sie erzählen von den Reisen durch die Endlosigkeit der Steppen, von wiederkehrenden Abschieden und von Sehnsucht. Lochthofens Personal sind die Archetypen des russischen Dorfs; streunende Hunde, rasputineske Popen, verlorene Seelen im Matrosenanzug.

Die Ausstellung »Schwarzes Eis« bei ZERN in Berlin zeigt einen Aufriss der Arbeiten Lochthofens von den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis heute. Eingeordnet in einen Kontext familiärer Artefakte aus den Lagern des russischen Nordens und der südrussischen Revolu­tionsarmee seines Großvaters erzählen und illustrieren sie das Abenteuer und den Wahnwitz der ideologischen Modernisierung, die Lochthofens Familie aus Westeuropa in den Nordural und zurück nach Deutschland führte – eine Geschichte, die Sergej Lochthofen derzeit für ein Buchprojekt des Rowohlt Verlages aufschreibt.

Bis heute Abend,
Consortium Feuilletonorum Insaniaeque


Süddeutsche Zeitung:
Action-Feuilleton in Sachen Michelangelo

Paris, 5. März 2010, 06:56 | von Paco

Danke, Kia Vahland! Letztes Jahr gab es eine feuilletonistische Actionszene, die wir hier noch nicht erwähnt haben. Sie spielte sich im Frankfurter Städel ab und wurde glücklicherweise für die SZ eingefangen:

Kia Vahland: Ein Feuer, das nicht sein durfte. Das Frankfurter Städel zeigt fragwürdige Michelangelo-Zeichnungen, um ein eigenes Blatt dem Meister zuzuordnen. In: Süddeutsche Zeitung, 21. 4. 2009.

(And don’t ask me why, der Artikel ist im Moment nur noch als PDF auf der Website der, hä?, Frankfurter Rundschau zugänglich.)

Und zwar hatte das Städel von März bis Juni die Schau »Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen« veranstaltet. In deren Mittelpunkt stand ein Blatt mit Skizzen von mehreren grotesken Köpfen, das nun offenbar endlich offiziell dem Meister persönlich zugeschrieben werden sollte, nachdem britische Kunsthistoriker sich schon positiv dazu geäußert hatten.

Vahland beschreibt ein bisschen die Kontroversen, aber schon der Teasertext des Artikels zeigt, dass sie eher zu einer reduktionistischen Sicht neigt, was Michelangelo-Zuschreibungen angeht. Ihr Kronzeuge dabei ist Alexander Perrig, der sich auch eines Tages in das Museum begeben haben muss. Vor Ort glaubt er dann auch sofort, in der zur Disposition stehenden Zeichnung eine Arbeit des Michelangelo-Schülers Antonio Mini zu erkennen. Eine derart apodiktische Aussage würde natürlich den Frankfurtern komplett die Show stehlen. Aber da wird Perrig vom zuständigen Kurator Martin Sonnabend gesichtet, der rasch herbeigeeilt kommt.

Normalerweise, wenn nicht gerade die Mona Lisa oder ein paar Munch-Gemälde eingesackt werden, geschieht in Museen nicht sehr viel. Menschen stehen herum, schauen, gehen weiter, bis sie irgendwann den Ausgang oder den Museumsshop erreicht haben. Alles nicht der Rede wert. Aber hier treffen mitten auf dem Terrain der Kurator und der schärfste Kritiker direkt aufeinander, tourismusfreundliche Groß­zügigkeit bei der Zuschreibung trifft auf den radikalen Glauben an die Schmalheit des überlieferten Werks.

Und Kia Vahland war dabei und berichtet uns davon. Auf einmal ist Action im Feuilleton, jeder Bericht über eine Podiumsdiskussion ist dagegen toter Text. Das Streitgespräch will ich hier nicht komplett zitieren, siehe Link oben, viertletzter Absatz. (Die schönste Stelle darin ist Perrigs Frage: »Haben Sie selbst nie gezeichnet?«)


Sueton, Claudius, H. P. Lovecraft

Hamburg, 2. März 2010, 21:35 | von Dique

Suetonius: »The Lives of the Caesars«, gerade gelesen, und das rief mir wieder »I, Claudius« von Robert Graves ins Gedächtnis und ebenso zwei Bilder von Lawrence Alma-Tadema.

1. »A Roman Emperor« zeigt Claudius in den Schatten eines Vorhangs gelehnt:

Alma-Tadema, A Roman Emperor (source: Wikimedia Commons)

Der Arme trägt eine weiße Tunika und rote Pantoffeln und will sicher nicht, dass dieser Praetur ihm da jetzt huldigt. Neben ihm liegt die frische Leiche des Caligula, dahinter steht eine blutbeschmierte Stele, die in einer Augustusbüste endet. Alles gemalt in Breitbandformat, im Hintergrund prangt das untere Drittel eines Gemäldes der Schlacht bei Actium, auf dem Bildausschnitt oben leider nicht zu sehen.

2. »Proclaiming Claudius Emperor« zeigt den zukünftigen Kaiser auf Knien vor dem Praetur, der ihm an Ort und Stelle sein neues Amt aufdrängt:

Alma-Tadema, Proclaiming Claudius Emperor (source: Wikimedia Commons)

Claudius hält die Hände bettelnd gefaltet, bitte verschont mich von diesem Amt, so schaut es aus, und so heißt es bei Graves: »Put me down! I don’t want to be Emperor. I refuse to be Emperor. Long live the Republic!« (S. 395 in meiner Penguin-Ausgabe)

Aber der Praetur verbeugt sich, und die Legionäre bejubeln den neuen Kaiser, den einst verspotteten Claudius, von dessen mitleidigem Zustand Sueton ausführlich berichtet, von seinen schwachen Knien, seinem zitternden Kopf, seinem konfusen Stottern und davon, dass ihm bei Aufregung die Nase lief und er zu sabbern begann.

Die Mutter des Claudius, Antonia, sprach von ihrem Sohn als »eine Missgeburt von Menschen«, »die Natur hätte ihn nur skizziert, nicht vollendet«. Parallelen zu Lovecraft sind natürlich an den Haaren herbeigezogen, schließlich wurde HPL in seiner Jugend nicht gehänselt und war auch keine »Missgeburt«, jedenfalls nicht per se.

Allerdings bezeichnete seine Mutter ihn offiziell als hässlich, er sei so hässlich, dass er sich nicht gern auf die Straße wage, weil ihn die Leute anstarren. Dabei war Lovecraft zwar keine Schönheit, aber so hässlich nun auch wieder nicht, hehe. Angestarrt wurde er maximal, weil der arme Mensch in den frühen 1930er Jahren mit einem Mantel von 1909 und einem völlig durchgeriebenen Anzug herumlief.

Wie auch immer, das Beste am Claudius-Buch von Graves ist dieser herrliche Anfang, der ebenso von Derek Jacobi in der Eröffnung der gleichnamigen Serie aufgesagt wurde:

»I, Tiberius Claudius Drusus Nero Germanicus This-that-and-the-other (for I shall not trouble you yet with all my titles) who was once, and not so long ago either, known to my friends and relatives and associates as ›Claudius the Idiot‹, or ›That Claudius‹, or ›Claudius the Stammerer‹, or ›Clau-Clau-Claudius‹, …«

Das ist natürlich völlig blödsinnig, diese Passage hier einfach so als die beste des Buches auszurufen, aber vielleicht finde ich bei der Zweitlek­türe noch eine bessere Stelle.

(Bilder: Wikimedia Commons [1] [2])


Die »Süddeutsche« vom 13./14. Februar 2010

Hamburg, 19. Februar 2010, 13:09 | von Dique
 
–»Aren’t you relieved to know that you’re not a golem?«
–»Yes, I am relieved to know that I am not a golem.«
(»Stranger Than Fiction«)

Letzter Samstag, ich hatte wie immer die FAZ gelesen. Die Samstags-FAZ ist das mittlerweilige Lieblingsobjekt weiter Teile des Umblätte­rers (with FAS losing ground), die Ausgabe von letzter Woche war aber nur okay, nicht wie sonst richtig superst. Später ging ich dann in eine Kneipe auf ein paar Heringe, und da hing die »Süddeutsche« im Zeitungshalter. Ich hatte die S-Zeitung länger nicht gelesen, und sie hatte ja in letzter Zeit wegen verschiedenster Dinge auch eine Menge Bashing abbekommen.

Fakt ist, die Ausgabe von letztem Samstag hatte ein FEUILLETON­FEUERWERK zu bieten, das sich bis in den Wirtschaftsteil zog. Dort fand man einen Artikel von Helga Einecke über Botticelli, der, na ja, einfach sehr gut war. Das Bild zum Artikel zeigte einen Ausschnitt aus dem Altargemälde für die Zanobi, auf dem sich Botticelli offensichtlich selbst verewigt hatte, kurz, ein Selbstportrait, und ein ganz feines.

Er hat da sehr moderne Gesichtzüge und schaut dem Zuschauer fest in die Augen, dazu trägt er herrliche gelb-goldene Klamotten, wie Johan Nilsen Nagel in Hamsuns »Mysterien«. Im Text ging es um wirtschaft­liche Aspekte und Ungereimtheiten im Leben des Künstlers und dessen Erfolg, der ihm von Vasari zwar bescheinigt wurde, der ihn aber als Menschen eher unvorteilhaft portraitiert hatte, vielleicht wegen seiner Konkurrenzfähigkeit zu dem von ihm, wieder Vasari, geliebten und gehypten Michelangelo.

Im Feuilleton selber gab es dann einen langen Bericht von Alex Rühle über Wuppertal, über die miese Finanzlage und die daraus resultierende wahrscheinlich erste Schließung eines Schauspielhauses in einer Großstadt. Ein Tristesse-Artikel, der beim Lesen tatsächlich so einen beängstigenden Untergangszukunftskosmos eröffnete, ein nicht gerade erstes, aber ansehnliches Zeichen von Ernsthaftigkeit diesen ganzen Verschuldungswahn betreffend.

Außerdem werden gerade die »Sandokan«-Romane neu übersetzt und erscheinen im Wunderkammer Verlag, Burkhard Müller hat einen davon rezensiert, der geschrieben sei »aus dem Geist der Großen Oper«, d. h. es komme auf Logik und Folgerichtigkeiten nicht unbedingt wirklich an. Ich wusste bis dato nicht, wer der Autor der Reihe war, Emilio Salgari, dem Artikel nach eine Art italienischer Karl May, in Verona geboren und nie irgendwo hingekommen, aber knapp 80 Abenteuerromane geschrieben, die überall auf der Welt spielen, von denen der »Sandokan«-Zyklus am erfolgreichsten war. Ein schönes Portrait dieses Mannes und des, im direkten Abgleich mit Karl May, Schreibtischkolonialismus der zu spät gekommenen Nationen Deutschland und Italien.

Auf der Panorama-Seite stand noch ein Artikel über Muttermilch, der mit der schön verschwenderischen Abbildung einer Madonna von Andrea Solari illustriert war, hängt im Louvre:

Andrea Solari: La Madonna del cuscino verde (Louvre)

Eine superste Ausgabe der S-Zeitung also, die ich da beim Hering im Zeitungshalter weggelesen habe. Die Ausgabe war auch trotz so später Stunde noch vollzählig und korrekt sortiert, eben dank Zeitungshalter. Auf der Website eines Zeitungshalterherstellers findet man diese einführenden und hier jetzt abschließenden weisen Worte:

»Wer von uns Zeitungslesern hat sich im Café, beim Friseur, im Wartezimmer des Arztes oder an anderen Orten mit öffentlich ausliegenden Presseerzeugnissen noch nicht fürchterlich geärgert, wenn er bei der Lektüre dieser Zeitung und Zeitschriften feststellen mußte, das Teile fehlten oder sich das Lesegut in einem ungeordneten oder erbärmlich zerfledderten Zustand befand?

Solche Unbill, die Konsumenten gemeinschaftlich genutzter Printmedien gelegentlich widerfährt, hätte sich in einer Vielzahl der Fälle sicherlich verhindern lasse, hätte die auslegende Stelle auf ein Produkt zurückgegriffen, das seit Jahrhunderten den Zeitungen den Rücken stärkt: den Zeitungshalter.«

(Bild: Wikimedia Commons)


Rembrandt, Kirchner, Giacometti

Hamburg, 18. Februar 2010, 10:05 | von Dique

*

Rembrandt's Homer Simpson

Der sieht doch ziemlich gut aus dieser Rembrandt, vor allem bekommt man den Alterungseffekt mit Photoshop noch besser hin als mit Tee, dem beliebten Papieralterungsmittel, bei Skulpturen gern als Melange aus Tee und Hühnerkot.

Neulich sah ich einen Beitrag über eine gefälschte Grafik von Otto Mueller, der scheinbar sowieso gerade immer begehrter wird, langsam zieht er mit Kirchner gleich, wenn man das so sagen darf, jedenfalls erzielte er bei den Frühjahrssales Rekorde, seine »Badenden« brachten bei Christie’s gerade knapp dreieinhalb Millionen Dollar, und er wird, wie ja auch Kirchner, sehr gern gefälscht, besonders natürlich die Grafik, mit Tintenstrahldrucker und besagtem Tee.

Das ging vielleicht ein bisschen unter bei all dem Bohei um Giacomettis »Schreitenden«, um die 104 Millionen, für die ihn die Commerzbank aus dem Bestand der übernommenen Dresdner verscheuert hat, das teuerste Kunstwerk ever, heißt es zumindest, aber das meint natürlich nur: bei einer Auktion, schließlich ging die Bloch-Bauer von Klimt für 135 Millionen weg und angeblich kurz danach, unter der Hand, ein Jackson Pollock für noch mehr.

Aber egal, die Summe für den Giacometti ist eigentlich unerhört, das ist schließlich nicht im entferntesten eine Einmaligkeit von Original oder sonst irgendwas, sondern ein fucking Bronzeguss, und davon gibt es einfach mal noch fünf weitere Exemplare (aber die standen »eben nicht … dreißig Jahre lang in Frankfurt«, im Vorstandsgebäude der Dresdner Bank). Pretty strange, ein Topportrait von Raffael, seit 50 Jahren das erste Ölwerk von ihm auf dem freien Markt, dieses Bildnis Lorenzos de’ Medici, machte vor ein paar Jahren gerade mal schlaffe 27 Mille. Und Rembrandt hier hat sein Portrait des Homer gar unter eine Creative Commons-Lizenz gestellt, da hört sich doch alles auf.

(Bild: David Barton, limpfish.com, CC by-nc-sa)


Charles Matton in Jena

Jena, 28. Januar 2010, 14:15 | von Paco

Schnell nach Jena in die Charles-Matton-Ausstellung (in der Göhre, noch bis 21. Februar). Es ist ja die erste ihrer Art in Deutschland, und da hatte es sich selbst SP*N nicht nehmen lassen, darüber zu berichten. (An den anderen Feuilletons ist das vorbeigegangen. Schande, Schande, Schande!)

Die Genrebezeichnung der ausgestellten Werke lautet boîtes, Boxen. Das sind diese absonderliche Guckkästen, an denen Matton seit Mitte der Achtziger bis zu seinem Tod vor etwas mehr als einem Jahr herumgebaut hat. Sie zeigen das Zimmer einer unordentlichen Frau (Spielkarten, zerwühlte Decken, Revolver auf dem Kissen), Hotel­szenen oder Künstlerateliers, etwa die von Francis Bacon und Alberto Giacometti. Die Boxen lassen sich als bloße Kulissennachbauten interpretieren oder aber als extrem originäre Überkunst.

Die Logik der Spiegel

16 der insgesamt knapp 100 von Matton gefertigten Boîtes sind in Jena ausgestellt (daneben auch noch ein paar Dutzend Fotografien). Die Kantenlängen der Boxen, die in Sichthöhe aufgebahrt sind, betra­gen jeweils zwischen 50 und 100 cm. Die gläserne Frontseite gibt den Blick frei auf die jeweilige Miniaturszene. Durch die obere Abdeckung strömt ab und zu noch etwas künstliches Licht.

Die den realen Gegenständen nachgebildeten Einzelelemente in den Kästen hat Matton meist aus Kunstharz und Marmorstaub angefertigt. Das waren sicher so fitzelige Sessions wie damals vor 400 Jahren, als Adam Elsheimer seinen perfektionistischen Sternenhimmel auf diese eine Kupferplatte setzte. Das wichtigste Stilmittel aber sind (vor allem teildurchlässige) Spiegel, deren Logik nicht immer leicht zu durch­schauen ist. Sie verlängern einen Weinkeller, eine Hotelhalle oder gleich die Bibliothek zu Babel ins Unendliche.

Zeitungen, immer wieder Zeitungen

Bibliothèque de Babel (Box von Charles Matton)In der Box mit der Babel-Bibliothek, eine Hommage an Borges, sieht man naturgemäß volle Bücherregale und eben endlos scheinende Gänge. Matton hat die Szene aber eher frei gestaltet: An den Bücherrega­len hängen miniaturisierte Poster von Rimbaud, Proust, Joyce und anderen Kanonschriftstellern, das erinnert dann eher an ein Jugendzimmer. Und über dem Geländer hängt komischerweise eine »Wiener Zeitung«.

Und überhaupt, die Matton-Boxen lassen sich auch als Parteinahme pro Holzmedien lesen. Denn in fast allen Boxen stehen Bücher und liegen Zeitungen en miniature herum. Zeitungen, immer wieder Zeitungen. In einer leeren Hotelhalle flattert eine FAZ herum. In Sigmund Freuds Arbeitszimmer wieder die »Wiener Zeitung«. Sonst natürlich viele »Le Monde«-Exemplare, sogar auch noch in Sacher-Masochs Dachstube, wo eine »Le Monde« direkt vor einem Abu-Ghuraib-artig gefesselten Mann liegt, zusammen mit einer Ausgabe des »Chronicle« und einem aufgeschlagenen Buch.

Foto der Box »Bibliothek zu Babel«:
Stadtmuseum Jena


Kunstmarkt

Hamburg, 22. Januar 2010, 09:23 | von Dique

Auf kunstmarkt.com geht es, wie der Name schon sagt, um den Kunstmarkt. Wie im »Kunstmarkt« der FAZ am Samstag gibt es hier auch Berichte aus den Auktionshäusern.

Mit langweiligen Auflistungen, in denen die Verkaufspreise abgerollt werden, gibt man sich auf kunstmarkt.com aber nicht zufrieden. Johannes Sander, denn der schreibt die meisten der Berichte von der Auktionshausfront, hat sich dafür entschieden, diese durch wettkämpferische Sportlichkeit aufzuhübschen.

Hier werden nicht einfach Preise abgerollt. Hier wird die Atmosphäre während der Auktionen mit in den Text aufgenommen. Beim Lesen herrscht dann eine Stimmung wie auf der Pferderennbahn oder auf dem Fußballplatz. Künstler, zum Teil wieder auferstanden, gehen an die Startlinie oder treten in den Ring und fighten verbissen um den höchsten Sale.

Da macht sich ein Pastell von Edouard Vallet bei 27.000 Franken davon und bei Lempertz wird Jawlensky vor Liebermann Tagessieger. Der Zeitgenosse Rudolf Hausner legt mit 72.000 Euro einen fulminanten Start hin. Auf dem gegenüberliegenden Spielfeld finden die Alten Meister einmal mehr in Rembrandt ihren Herrn und Meister.

Und sobald man denkt, dass die Partie schon gelaufen ist, starten die Meister der Moderne noch mal mit einem wahren Paukenschlag durch, und der arme Max Liebermann landet bei irgendeinem Nebenwett­kampf abgeschlagen auf dem zweiten Platz.


Die drei Caravaggios von Neapel

Paris, 5. Dezember 2009, 10:10 | von Paco

Am 1., 4. und 12. Oktober sind hier Diques neapolitanischen Reisebe­schreibungen erschienen. So wie in jeder »Seinfeld«-Episode eine Anspielung auf Superman vorkommt, tritt in jedem dieser Berichte jeweils eines der drei Caravaggio-Gemälde Neapels auf. Umblätterer’s Digest:

Die sieben Werke der Barmherzigkeit (1607)

»Einen Laden weiter gibt es Schuhe für 3 Euro, gleich daneben frischen Fisch, und da hinten in der Kirche hängt dieser herrliche Caravaggio.«

*

Die Geißelung Christi (1607/10)

»Im Capodimonte nun ›The Flagellation‹, die Hängung ist fabelhaft, denn man sieht das Bild schon aus weiter Ferne und kann einen langen Gang darauf zuschreiten, bis man dann in der exklusiven, abgedunkelten Nische steht.«

*

Das Martyrium der Heiligen Ursula (1610)

»… die Via Toledo runter und zum Caravaggio, im zweiten Stock der Banca Commerciale Italiana.«

*

(Alle drei JPEGs stammen aus den Wikimedia Commons:
Sieben Werke, Geißelung, Martyrium)


Genudelt voll mit Pontormo

Hamburg, 17. November 2009, 08:15 | von Dique

»Il Libro Mio« heißen die Aufzeichnungen Pontormos aus seinen letzten beiden Lebensjahren, 1554–1556. Inhaltlich geht es im Wesentlichen um seine Nahrungsaufnahme und das leibliche Wohl bzw. meist Unwohl, Darmstörungen, das Zipperlein allgemein und das schlechte Wetter.

Angaben über sein künstlerisches Schaffen werden eher uninspiriert erwähnt und sind ohne Kontext kaum nachvollziehbar. Er sagt maximal, dass er »Dienstag und Mittwoch den Alten gemacht (hat) mit seinem Arm und zwar so: (…)«. Dahinter sieht man dann eine kleine Miniskizze, nur aus ein paar Strichen bestehend.

Zu kompositorischen oder inhaltlichen Fragen des von ihm Erschaffenen äußert er sich gar nicht. Dafür erwähnt er immer und immer wieder die Essen mit seinem ehemaligen Schüler und Freund Bronzino:

»Sonntag, Mittagsmahl mit Bronzino
fühlte mich genudelt voll, also
nichts zum Abendessen.«

Ich las die deutsche Ausgabe des Buches. Für »satt sein« nimmt der Übersetzer meist »genudelt« oder »genudelt voll«. Das sagt doch aber eigentlich niemand. Vielleicht wurde das aus atmosphärischen Gründen benutzt, oder es ist tatsächlich die beste Entsprechung zum Original.

Folgt man der folgenden Beschreibung einer typischen Woche im Hause Pontormo, dann ist vor allem sonntags eine Nudelorgie fällig:

»Sonntag Mittagsmahl mit Bronzino, kleine Nudeln.
Montag den Helm.
Dienstag den Kopf (…)
Mittwoch den Rumpf; und kein Abendessen.
Donnerstag den Arm; und zum Abendessen Eierfisch.
Freitag den Leib, es war St. Lukas, zum Abendessen Eier und
14 Unzen Brot und Kohl.
Samstag den Arm und wo er sitzt; zum Abendessen Eier und
9 Unzen Brot und 2 Dörrfeigen.
Sonntag, Mittagsmahl mit Bronzino, kleine Nudeln,
Abendessen auch mit ihm.«

Zur Zeit der Aufzeichnungen arbeitete Pontormo in der Florentiner Kirche San Lorenzo an einem Jüngsten Gericht, vor dessen Fertigstellung ihn der Tod ereilte. Vasari erwähnt in der Vita des Pontormo den langen Zeitraum, der für dieses Werk draufging. Elf Jahre brachte er damit zu, in einer Kapelle »mit Mauern, Bretterwänden und Planen verhüllt und sich völlig der Einsamkeit hingegeben«.

Vasari wirft Pontormo, der stark von Dürers Druckgrafik inspirieren war, auch ständig vor, sich seinen eigenen Stil durch die Nachahmung des deutschen Stils ruiniert zu haben. Zwar lobt er die frühen Werke und lobt deren Maler als großen Meister, doch kann er mit seinem Spätwerk wenig anfangen. So auch mit dem Ergebnis des Freskos in San Lorenzo:

»Statt dessen malte er überall nackte Figuren in einer Ordnung, einem disegno, einer Bildfindung, Komposition und Farbgebung, die er nach seinem Sinn gestaltete und dazu in einer so tiefen Melancholie und für den Betrachter so wenig ansprechend, daß ich beschlossen habe, das Urteil darüber jenen zu überlassen, die es sich anschauen werden, da ich es noch nicht verstehe, obwohl ich selbst Maler bin. Ich befürchte nämlich, dabei verrückt und verwirrt zu werden, so wie er scheinbar in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit von elf Jahren sich selbst und jeden anderen zu verwirren suchte, der diese Malerei mit derartigen Figuren betrachtet.«

Dieses Urteil können wir uns nicht mehr bilden, denn das Werk wurde Mitte des 18. Jahrhunderts übertüncht und schlussendlich wurde gar die Mauer eingerissen, auf der es sich befunden hatte. Alles, was uns bleibt, sind einige seiner Skizzen und Studien und das etwas verwirrende »Libro Mio«.


Herkules Farnese

Neapel, 12. Oktober 2009, 16:01 | von Dique

»Ich lief eine Stunde in Pompeji herum und sah, was die anderen auch gesehen hatten, und lief in den aufgegrabenen Gassen und den zutage geförderten Häusern hin und her. Die Alten wohnten doch ziemlich enge.«

Das sind Johann Gottfried Seumes Bemerkungen zu Pompeji, und auch Goethe markiert die beengten Wohnverhältnisse »der Alten« in seiner italienischen Reise. Die besten Schätze aus Pompeji sieht man aber sowieso in Neapel selbst, nämlich im Museo Archeologico Nazionale. Also einfach in der Stadt bleiben, in der Bar Antille Seume lesen und dann ab ins Museum.

Vom Bahnhof kann man mit der U-Bahn direkt hinfahren. Die Linea 1 ist aber keine herkömmliche U-Bahn, hier verkehren ausrangierte Züge, die man für den überirdischen Verkehr einfach niemandem mehr anbieten kann. Für die nassfeuchten Untergrundschächte gehen sie aber gerade noch.

Tatsächlich geht es da unten tropisch zu. Es riecht ungeheuerlich vermodert, so wie in einer alten Waschküche, und die Atmosphäre hat was vom pestilenzartigen Modergeruch, den HPL in seinen Erzählungen gern mal verwendet. So mancher Tourist hält das für die Katakomben und fotografiert gleich gnadenlos durch die angelaufene Linse seiner Digicam. Frauen sehen nach weniger als zwei Stationen so aus wie Elaine in der »Seinfeld«-Episode »The Strike« (Folge 9.10) – in der sie in einem Bagel-Shop mit defektem Wasserrohr, aus dem Dampf strömt, auf einen Anruf wartet – also wie in Klamotten geduscht. Ich gehe also zu Fuß.

Es geht viel Streit darum, welches Exponat denn der größte Hit des Museo Archeologico Nazionale sei, der Herkules Farnese oder der Farnese-Bulle, das Alexandermosaik oder die verschiedenen Wandzeichnungen aus Pompeji. Im Museum selbst spielt das aber eher eine untergeordnete Rolle. Hier sieht’s aus wie die berüchtigten Kraut und Rüben. Unzählige Räume sind abgesperrt, der Farnese-Bulle ist eingerüstet und auch nur aus der Ferne zu betrachten. Außerdem ist es staubig, wie in Pompeji, das ist vielleicht so geplant.

Trotz der vielen geschlossenen Räume kann man sich hier einen Tag lang rumdrücken. Und den Riesen, den Koloss, den Giganten, den Herkules Farnese kann man sich in seiner ganzen Pracht auch in Ruhe von allen Seiten anschauen. Er ist umringt von den drei anderen Besuchern, die sich heute in diese vielleicht weltweit beste Antikensammlung verirrt haben.

Der voluminöse Herkules ist eine aufgeblähte Kopie von Glykon nach einem Original von Lysippus, die man im 16. Jh. in Rom gefunden hat. Lange Zeit stand die Statue dort in der Villa Borghese zur Schau, bis sie dann nach Neapel gelangte. Als man den Herkules fand, fehlten die Beine ab unter dem Knie und wurden dann zeitgenössisch ersetzt. Das Ergebnis war okay so bis man die richtigen, die originalen Beine viele Jahre später ausfindig machte und dann selbstverständlich ersetzte. Goethe hatte den Herkules mit beiden Beinversionen gesehen und für ihn war die Qualität der Gliedmaßen ein Unterschied wie Tag und Nacht. Hinter dem Herkules an der Wand findet man dann auch entsprechendes Goethezitat, direkt neben den kopierten Beinen, die mir aber eigentlich ziemlich gut gefallen.

Ich wollte eigentlich nur kurz den Herkules sehen und mir dann noch den dritten und letzten Caravaggio Neapels ansehen, »The Martyrdom of St Ursula«, wohl sein letztes Bild, gemalt im Jahr seines Todes, 1610. Vorher stolpere ich aber noch an der Mosaikensammlung vorbei, wohl die besten und berühmtesten der Welt. Darauf wird aber in Understatement-Neapel nicht groß herumgepocht, denn es gibt mal wieder keine Wegweiser, also gelange ich eher zufällig dort hin, einem riesigen Schild folgend, das auf den Lift hinweist.

Im Hintergrund sehe ich dann aber plötzlich auf das Alexandermosaik, gefunden in Pompeji, wie die meisten Exponate. Alexander gegen Darius, in Pompeji liegt heute nur noch eine Kopie, hier, an der Wand, das Original. Die beiden Helden von Kämpfern umringt, Alexander angriffslustig zu Pferd und Darius, leicht verängstigt, auf einem Streitwagen.

Schade, dass ich den »Alexander«-Film mit Colin Farrell gesehen habe, denn leider habe ich jetzt diese Bilder im Kopf. Ich versuche sie mir mit Alexander- und Darius-Lektüre quasi wegzulesen, und das passiert manchmal rein zufällig, wie kürzlich in Arno Schmidts »Aus dem Leben eines Faun«:

Der Verwaltungsbeamte Düring unterhält sich mit einem Pastor, der nebenbei Alexander-Spezialist sei, »Aber Herr Pastor ! Da haben wir doch nur ganz späte und unzuverlässige Quellen ! Und auch die lediglich auf Berichten seiner eigenen Anhänger aufgebaut: Die Drittelswahrheit ! : das Andere muß aber auch dargestellt werden !« »Aber nein, Herr Pastor ! : denken Sie sich, wir hätten eine Geschichte unserer Zeit, nur auf Grund der Tagebücher von Goebbels und Göring : na ?!«

So sieht’s nämlich aus. Cave canem und dann muss ich aber los, die Via Toledo runter und zum Caravaggio, im zweiten Stock der Banca Commerciale Italiana.