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Tarzan und das deutsche Feuilleton

Paris, 24. August 2009, 10:56 | von Paco

Tarzan of the Apes (Cover)Nachdem ich mehrfach dazu aufgefordert wurde, war ich nun endlich einmal im Musée du Quai Branly, um mir die »Tarzan!«-Ausstellung anzusehen. Ich mäanderte den verschlungenen Eingangspfad nach oben und ging immer dem Gejodel nach: Iaaaiaiaaaiaiaaa!

Alles begann 1912 mit E. R. Burroughs’ Roman »Tarzan of the Apes«. Es folgten 25 weitere Bände mit immer absurderen Plots. In »Tarzan and the Lost Empire« (1929) etwa findet der Lendenschurzträger mitten im afrikanischen Urwald einen alten Außenposten des Römischen Reichs, der dort die Jahrtausende überdauert hat, und wird sofort in die Arena geschubst, wo er allerlei wildes Getier bewältigen muss.

Die künstlerische Verarbeitung der Figur übernahmen die Filmstudios und Comic-Zeichner, mit deren Produkten die Pariser Ausstellung dann auch vor allem bestückt ist. Überall flimmern Filmausschnitte und prangen flächenweise Originalzeichnungen. Soweit die Sachlage, die auch vom tarzanbegeisterten deutschen Feuilleton aufs Genauste geschildert wurde, denn es gab (mindestens) fünf hauptamtliche Rezensionen:

Sascha Lehnartz: »Tarzan hangelt sich von der Liane in die Vitrine«, WELT, 26. Juni 2009

Werner Spies: »Ich Tarzan, du Leser«, FAZ, 6. Juli 2009

Johannes Willms: »Sexprotz im Dschungel«, SZ, 11. Juli 2009

Martina Meister: »Der Schrei des Menschenaffen«, FR, 14. Juli 2009

Samuel Herzog: »Jungfer im Grünen«, NZZ, 25. Juli 2009

Der persönlichste und sprachgewaltigste Artikel ist der in der NZZ. Unter all den eindrucksvollen Jugenderinnerungen, schönen Metaphern und Wortfindungen (»tarzanös«) kommt sogar ein Kalauer ziemlich gut, nämlich wenn der Autor rhetorisch fragt, ob an den Affenmensch-Storys nicht womöglich der »Tarzahn der Zeit« genagt habe.

In der FAZ gibt es einen veritablen Essay zum Thema, der sich gut wegliest. Werner Spies zieht erwartungsgemäß auch ein paar überraschende kunsthistorische Vergleiche. Zur »Haken schlagenden Strichführung« der Comics schreibt er: »Die Lianen, grafische Lassos, lassen an die ›écriture automatique‹ der Surrealisten denken.«

Martina Meister in der FR findet die Schau zu kuschelig. Die tarzanischen Abenteuer seien beispielsweise an keiner Stelle mit Burroughs’ Eugenik-Interesse abgeglichen worden. Am Mythos habe man eben nicht kratzen wollen, ganz im Gegenteil: Am Ende des Parcours wird Tarzan als Öko-Held aktualisiert, der auf den Urwald aufpasst und ihn vor äußeren Gefahren schützt.

Sascha Lehnartz in der WELT hat einen sehr, sehr schönen Satz gefunden, um seine Gelangweiltheit auszudrücken: »Das Ganze wirkt wie ein mit Requisiten ausstaffierter Schulaufsatz.«

Johannes Willms sieht das genauso. Die SZ hat wie so oft die beste Überschrift (»Sexprotz im Dschungel« – superst!), dabei aber den schlechtesten Artikel. Denn Willms doziert vor sich hin und kommt erst im vorletzten Absatz auf die Ausstellung selbst zu sprechen, die er für »harmlos« und »reichlich unspektakulär« hält. Was letztlich auch stimmt.

Noch bis 27. September.
Bild: Wikimedia Commons.


Die Rezensionen

Paris, 23. August 2009, 09:30 | von Paco

Gestern, Samstag, haben alle Zeitungen ordnungsgemäß ihre Kritiken zum morgen erscheinenden Buchbuch der Saison gebracht. »Infinite Jest« von David Foster Wallace hat im amerikanischen Original 1.079 Seiten, in der deutschen Übersetzung »Unendlicher Spaß« nun 1.648 Seiten.

Und hier sind endlich auch die Längenangaben der Rezensionen:

TAZ: 8.384 Zeichen     (Ekkehard Knörer)
FR: 11.031 Zeichen     (Guido Graf)
NZZ: 14.652 Zeichen     (Angela Schader)
FAZ: 16.117 Zeichen     (Richard Kämmerlings)
SZ: 17.194 Zeichen     (Alex Rühle)

 


Zeitungsgeburtstage 2008 (Teil 3):
1 Jahr FR im Tabloid-Format

Konstanz, 23. Dezember 2008, 01:25 | von Marcuccio

Nach Teil 1 (60 Jahre WamS) und Teil 2 (30 Jahre taz) gibt es heute:

Das Feuilleton-Match des Jahres! Wir feiern nach und übertragen (re-live, wie es bei Eurosport so schön heißt) die Partie:

Österreich–Schweiz (AUT–SUI)

Das ist das redaktionelle Benefizspiel, das die »Frankfurter Rundschau« am 30. 5. ausgetragen hat, zur Feier ihres ersten Geburtstags im neuen Tabloid-Format und zur Einstimmung auf die Euro 2008 natürlich auch. Deswegen mal schnell White Stripes einlegen und los geht’s!

Die Spielidee: Die beiden EM-Gastgeberländer sollten mal über eine komplette Zeitungslänge zu einem sportlich-landeskundlichen Vergleich antreten. Eine Zeitung als Zweiländerturnier, quer durch alle Ressorts und Themen, ja in insgesamt 30 Kategorien. Das ging von der Frage nach der schöneren Flagge und dem besseren Humor bis hin zu Hunderassen, Schriftstellern und Nobelpreisträgern.

Die Spielregeln: Auf jeder Zeitungsseite hatte die FR unten so einen kleinen redaktionellen Fight Club eingerichtet. Mit jeweils 600 Zeichen Text ging es für die Kombattanten aus Österreich und der Schweiz zur Sache. In jedem Fall wurde per Schiedsspruch ein Zweikampfsieger erklärt, gewertet in Form von einem Treffer (Punkt).

Das Spiel: Was für ein enzyklopädisches Match. Im Prinzip war die FR an diesem Tag das, was Moritz Baßler einen deutschen Pop-Roman nennt: ein Verfahren, das mit Lust und Laune Exponenten aus zwei Landeskulturen archiviert. Neben Klischeevergleichen (Sissi vs. Heidi, Mozartkugel vs. Toblerone) gab es da auch das ein oder andere Tertium comparationis der weniger landläufigen Sorte, ich denke nur an den Umgang mit den Türken vor den Toren.

Ein Zweikampf ist derweil auch schon historisch: Im Duell der Rechtspopulisten vom Mai schlägt Christoph Blocher noch Jörg Haider, inzwischen aber wohl nur noch sich selbst bei Eidgenössischen Bundesratswahlen.

Jetzt aber endlich direkt zur

1. Halbzeit (mit den Ressorts:)
POLITIKREPORTAGEMEINUNGWISSEN & BILDUNGWIRTSCHAFT

Halbzeitpause

2. Halbzeit (mit den Ressorts:)
SPORTFEUILLETONMEDIENMAGAZINRHEIN-MAIN

Zum Endergebnis

*

Und ab hier die eigentliche Liste, also so was wie der archivierte Live-Ticker der gesamten Partie AUT–SUI (mit Ressort / Zwei­kampfkategorie / Resultat).

1. Halbzeit mit den Ressorts

– POLITIK

Fahne: Rot-Weiß-Rot vs. Schweizerkreuz 0:1.

Klarer erster Treffer. »Ist die schon Pop, die Schweizer Fahne?«, fragt die FR. Von Swissness mal ganz zu schweigen.

Polit-Frauen:
Benita Ferrero-Waldner vs. Beatrice Weder di Mauro 0:1

Bei diesem Duell mit dem onomastischen Etwas hätte die Schweiz mit Carla Del Ponte noch mindestens eine ebenbürtige Auswechselspielerin auf der Bank gehabt.

Nationalheldinnen: Sissi vs. Heidi 0:1

Heidi ist wohl der größere Global Player (Japan usw.)

Demagogen: Jörg Haider vs. Christoph Blocher 0:1

Im Mai vergab die FR noch einen »Punkt für die Schweiz: Weil die Eidgenossen ihren Demagogen trotz Wahlsieg aus der Regierung kickten.« Haider hat sich derweil selbst aus dem Verkehr gezogen, bürgt aber als »Lebensmensch« weiterhin für das österreichische Wort des Jahres 2008.

Chor / Korps: Wiener Sängerknaben vs. Schweizer Garde 1:0

Homophonetisch die attraktivste Kategorie – laut FR 1:0 für Österreich, »weil Weltruhm als Musikstar verlockender ist als Rumstehen im Clownskostüm«.

– REPORTAGE

Autobahngebühr: Pickerl vs. Autobahn-Vignette 0:1

Legendär sind ja die Pasing-Münchner, die die Maut auf der Landstraße Mittenwald-Innsbruck-Brenner umfahren. (SBB gegen ÖBB, wäre auch noch ein Duell gewesen, ein sehr unfaires jedoch.)

Kulinarik: Wiener Schnitzel vs. Zürcher Geschnetzeltes 1:0

Hier wurde aus dem Gästeblock der FAZ-Leser der Ruf nach »Schiedsrichterball« laut: Jürgen Dollase, bitte übernehmen Sie!

– MEINUNG

Bundespräsident: Heinz Fischer vs. Pascal Couchepin 1:0

Oh je, dieser Vergleich ist wohl besonders heikel. Zur politischen Staatskunde immer empfehlenswert: die Neugieronautik von rebell.tv!

– WISSEN & BILDUNG

Nobelpreisträger: Elfriede Jelinek vs. Kurt Wüthrich 1:0

Alte Feuilleton-Frage: Wollen wir den »Wahnsinn« als Land (Österreich) oder als Protein-Molekül in Rinderhirnen?

Psychoanalytiker: Sigmund Freud vs. Carl Gustav Jung 1:0

Künstler: Alfred Hrdlicka vs. Niki de Saint Phalle 0:1

Eigentlich ja ein sicherer Treffer für Österreich, allein schon wegen der Pferdenummer für Kurt Waldheim, aber versehentlich verbucht die FR dann doch einen Punkt für die Mutter aller Nanas.

– WIRTSCHAFT

Manager: Ferdinand Piëch vs. Josef Ackermann 1:0

Hotel(ier)s: Sacher vs. Ritz 1:0

Alpenkräuter: Almdudler vs. Ricola 1:0

Alpenkräuter im unterschiedlichen Aggregatszustand, nicht schlecht. Die FR ist also von der Werbung (»Wer hat’s erfunden?«) genervt. Man hätte dem Almdudler auch eine Rivella zur Seite stellen können (Kategorie Alkoholfreies Skihütten-Kaltgetränk), dann sähe das Ergebnis andersrum aus.

Tunnel: Arlberg vs. Gotthard 1:0

Die Austriakos mögen im Tunneltest siegen, aber haben sie auch ein Réduit?

Hunderassen: Österreichischer Pinscher vs. Bernhardiner 1:0

Apropos: Christian Kracht aß Hund bei Grissemann & Stermann …

Architektur: Hundertwasser vs. Herzog & de Meuron 0:1

Klare Entscheidung.

Halbzeitpause

Spielstand zur Halbzeit: Österreich führt 10:7 gegen die Schweiz.

Zur Halbzeitpause, die natürlich hier die Mitte der Zeitung ist, zeigt die FR, was auch ein Tabloid-Centerfold so alles kann: Ein rot-weiß-rot gerahmtes Arnold-Schwarzenegger-Porträt.

Der Unehrenbürger

Bernd Melichar schreibt über das Hadern des Herminators mit seiner ihm einst so hagiografisch zugewandten Heimat (hier eine Version für die »Mitteldeutsche Zeitung«).

2. Halbzeit mit den Ressorts

– SPORT

Steuerfluchthilfe: Franz Beckenbauer vs. Michael Schumacher 0:1

= 1:0 für das Bankgeheimnis oder (mit dem Schiedsspruch der FR): »Treffer für die Schweiz, weil sich der Steuerflüchtling Schumi da wohler fühlt als der Fußball-Gott in Österreich«.

Die Türken vor den Toren: Wien 1683 vs. Istanbul 16.11.2005 0:1

Die FR vergibt einen »Punkt für die Schweizer, die vor den Toren ihren Mann stehen, statt sich hinter Mauern zu verstecken«, hehe.

Karriere: Hansi Hinterseer vs. Roger Federer 0:1

Auch gut: »Punkt für die Schweiz, weil bei Federer noch die Hoffnung besteht, dass er nach der Sportkarriere keine Volkslieder singen wird«.

Rinder: Red Bull vs. Lila Kuh 0:1

Ski-Destinationen: St. Anton vs. St. Moritz 0:1

»Lieber Champagner zu Kaviar als Schnaps zu DJ Ötzi«, findet die FR. :-)

– FEUILLETON

Schriftsteller: Thomas Bernhard vs. Max Frisch 1:0

Waaahh … aber doch nicht »Holzfällen« gegen »Homo Faber«, »Wittgenstein« gegen »Gantenbein«, »Reger« gegen »Stiller«! Wo bleibt das Fairplay? Auf 3:3 unentschieden hätte ich hier entschieden …

Musiker: Falco vs. Yello 0:1

»Oooh, yeah!«

Filmemacher: Stefan Ruzowitzky vs. Marc Forster 1:0

Was sagt denn San Andreas?

Pop: Christina Stürmer vs. Stefanie Heinzmann 0:1

– MEDIEN

Models: Werner Schreyer vs. Raquel 1:0

Die Match-Szene auf der Medien-Seite ging völlig unter, weil alles durch Markus Peichl und sein »Neues Deutschland« abgelenkt war. Flitzer!

– MAGAZIN

Naschen: Mozartkugel vs. Toblerone 1:0

»Punkt für Österreich, weil Naschen dort eine runde Sache ist, während die Schweiz sich mal wieder kantig gibt«.

– RHEIN-MAIN

Es gab dann noch zwei weitere Treffer, die wegen regionaler Abseits-Stellung aber nicht gewertet wurden:

Humor: Erste Allgemeine Verunsicherung vs. Kurt Felix & Paola 1:0

Mehr Mythos als der »Ba, ba, Banküberfall, bis die Behörden einschritten«, geht natürlich nicht.

Eintracht-Spieler:
Markus Weissenberger vs. Christoph Spycher 0:1

Endergebnis

+++ AUT–SUI 14:14 unentschieden +++

Ein politisch korrektes Ergebnis. Trotzdem: Ein großes Match und eine große Idee, für einen Tag einfach mal eine komplette Austro-Suisse-FR zu machen, anstatt dem üblichen Nachrichteneinerlei hinterher zu hecheln. Zumal die FR neben allen Zweikämpfern noch jede Menge andere im Blatt hatte. Und Nachahmer, jedoch meistens auf das Feuilleton beschränkt, gefunden hat: siehe Antike-Spezial der FAS, Darwin-Spezial der FAZ usw. usf.


Wie die FR das FAZ-Titelbilder-Voting erfand

Konstanz, 19. Oktober 2008, 20:12 | von Marcuccio

–Auch schon gevotet?
–Nee.
–Aber schon gehört?!
–Was?
–Na, wovon die halbe Halbwelt flüstert …
–???
–Von dem FAZ-Titelbilder-Voting, das ja eigentlich die FR erfunden hat. Genauer gesagt Arno Widmann, als er am 12. Juli diese Hymne anstimmte:

Das Foto ist inzwischen meistens völlig unerwartet und die Bildunterschrift klärt dieses Überraschungsmoment nicht flugs auf, »um die Leser« – wie es auf Journalistenschulen heißt – »abzuholen«, sondern spielt mit ihm, treibt es weiter bis zur Selbstpersiflage.

Tatsächlich ist das Seite-1-Foto der F-Zeitung nur selten ein klassisches Nachrichtenbild (dann ohne Strich direkt an den Aufmacher-Artikel gekittet). Meistens bildet das Titelbild eine Nische für sich, vom informationsjournalistischen Nachrichten-Rest durch einen mitteldicken Strich getrennt. Gedeiht hier also so was wie ein neues Feuilleton über dem Strich? Wenn man Widmann glauben darf, schon:

Man lese den von durchtriebenster Jean Paulscher Umständlichkeit inspirierten FAZ-Zehnzeiler, der gestern unter dem Foto von Seite eins stand: »›Unterteuft‹ nannte Thomas Mann die Tiefenschichten deutscher Geschichte und Politik (im ›Doktor Faustus‹), ein Wort aus dem Bergbau, wo Schächte nicht einfach gebohrt, sondern abgeteuft werden. Das Wort hat aber auch etwas von Taufe und Teufel in sich, weshalb es zu weitreichenden Betrachtungen über die unterschwellige Religion mancher Politik taugen könnte (zum Beispiel in der Atompolitik). Unser Bild zeigt eine Nische im Endlager Schacht Konrad mit der heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Bergleute.«

Ein Klick ins Titelbilder-Mosaik und schon ist Widmanns Lieblingsnische (2. von links, 2. von unten) zu entdecken. »Auf sie soll’s tausend Preise regnen«, sagt Widmann, der seinerseits aber auch einen Preis verdient hat, für seine FAZ-Foto-Love-Story.


Europa sucht den Superleser

Konstanz, 14. August 2008, 06:56 | von Marcuccio

»Zu Hause lese ich schon seit Jahren kein Buch mehr (…), ich habe niemals in meinem Leben ein einziges Buch ausgelesen, meine Art zu lesen ist die eines hochgradig talentierten Umblätterers, also eines Mannes, der lieber umblättert als liest …«

(Thomas Bernhard: Alte Meister. Ffm.: Suhrkamp 1985, S. 38 f.)

Hatte es der Umblätterer, auf den Spuren von Thomas Bernhard, getAbstract und Lesen 2.0, nicht immer prophezeit? Das ungelesene Buch wird das Mega-Thema der nächsten Jahre. Jetzt geht’s los: Der Literaturbetrieb schreibt sein erstes Lesestipendium aus.

Richtig gelesen: Le–se–sti–pen–di–um. Subventioniertes Schreiben im Bahnwärterhäuschen ist megaout, neu gibt’s Geld und Zeit und Haus (ok, Gästewohnung) fürs Lesen, offeriert von der Grazer Schreibkraft.

Was man mitbringen muss, ist eine Leseliste mit zehn Titeln. Eine Begründung, warum man die zu lesen vorhat. Plus die Bereitschaft, sich als Vertreter der »subventionswürdigen Spezies« Leser (FR) hinterher interviewen zu lassen. Im Gegenzug bekommt man drei Wochen Lesezeit in Graz mit 1100 Euro spendiert. Ist das ein Angebot für Umblätterer oder ist es keins?


Das Trinktier oder
Return to the Feuilleton i. e. S.

auf Reisen, 13. August 2008, 12:00 | von Paco

»Wann ist diese Serienschrottliste endlich am Ende?« – die einen.

»Jajaja! Warum keine Top-50?« – die anderen.

Ich gehöre zu den einen, hehe. Es ist also an der Zeit, unser Die-hard-Feuilleton wieder etwas zu diversifizieren. Im Mittelpunkt steht nach wie vor die Zusammenstellung des Top-10-Readers mit den zehn wichtig-, be-, interessante-, usw. -sten Feuilletontexten des Jahres 2008. Selbst in den Sommermonaten gab es da bisher sehr gute Sachen. Danke, liebes verrücktes deutsches Feuilleton!

Das Hauptevent der letzten Wochen war für mich eine unschein­bare Überschrift in der S-Zeitung vom 29. Juli 2008, Seite 18:

Das Trinktier
Ein Spitzhörnchen säuft täglich
Alkohol – und bleibt dabei nüchtern

Die S-Zeitung war auch zu Recht stolz auf diese Findung: Der textunlastige Kleinstartikel zum Federschwanzspitzhörnchen wurde bereits auf der Frontseite des Feuilletons (S. 13) angekündigt. (Einen Artikel zum selben Thema gab es am gleichen Tag u. a. auch bei Telepolis, zurückgehend auf einen Aufsatz in PNAS. Die ganzen Lorbeeren gehören aber dem Erfinder der SZ-Überschrift!)

Auch ziemlich sehr gut war eine Überschrift in der FR vom 1. 8., S. 54: »Sack Reis umgekippt«. Eine nahe liegende, nicht schwer zu errechnende Headline, aber: »Wann sonst hat man die Chance einen solchen Kalauer in eine Zeitung zu schreiben, und dabei gleichzeitig selbstreflektiv auf das Problemfeld Presse und Politik in China einzugehen?« (Horatiorama im gelblog) Den Text unter der Überschrift braucht man im Prinzip nicht zu lesen, und das macht ja eine gute Überschrift eben aus.

Dann noch mal die S-Zeitung, Axel Rühles Artikel zu den immer dicker werdenden Bildbänden: »Wer hat den Dicksten?«. Es geht darin um die Pointlessness dieser Wolkenkratzerbücher, darum, dass sie als lebloser Fetisch gekauft und verehrt werden, die Inhalte sind zweitrangig:

»Das sind keine Bücher mehr (…). Das sind Module. Möbel. / Als gäbe es ein Wettrüsten unter den Bildbandverlegern. Als hätte jemand das Wort Coffeetable-Book falsch verstanden und allen Ehrgeiz darangesetzt, Bücher zu drucken, groß wie Serviertischchen.«

Morgen suchen wir dann den Superleser und übermorgen feiern wir ein Robert-Musil-Jubiläum. Stay tuned.


»El País« im Stadtbild

Barcelona, 28. Juli 2008, 15:49 | von Paco

Oliver Gehrs erwähnte das mal, dass der »stern« nie im Stadtbild zu sehen sei: »Ich meine, das ist wirklich die größte Auflagenlüge der Pressegeschichte: Eine Million Auflage!«, hatte er gesagt. »Der ›Spiegel‹ hat genauso viel Auflage, den siehst du aber ständig.«

Die spanische Tageszeitung »El País« sieht man auch ständig (nicht die uruguayische, obwohl die auch okay gut ist, hehe). Denn die spanische »EP« hat eine Präsenz im Stadtbild, die ihresgleichen sucht:

»El País« liest man im Gehen. Man trägt sie aufgeschlagen vor sich her, während man dezidiert nicht auf andere Passanten oder gar den Straßenverkehr achtet. Ich beobachte hier in Barcelona gerade aufs neue, wie Auto- und Krad-Fahrer respektvoll doch noch mal anhalten, obwohl sie bereits GRÜN signalisiert bekommen haben, wenn ein El-País-Leser, in seine Lektüre vertieft, etwas spät über die Straße schreitet.

Deutsche Zeitungen sind leider zu großformatig für eine solche Art der Lektüre. Mit einer »Zeit« vor dem Körper hat man das Gefühl, man würde ständig gegen eine Betonwand laufen. Lediglich die »taz« und die FR böten sich vom Format her an, jedoch ist dann nicht sichergestellt, dass die Autofahrer einen auch wirklich immer ungehindert passieren lassen, hehe.


Markus Peichl und sein »Neues Deutschland«

Konstanz, 2. Juli 2008, 22:46 | von Marcuccio

Neulich wurde in der FR die Partie Österreich–Schweiz ausgetragen, ein redaktionelles Benefizspiel, bei dem sich die beiden Länder mal über eine komplette Zeitungslänge und quer durch alle Ressorts duellieren durften. Wobei es nicht nur zu spannenden Zweikämpfen kam, über die wir hier vielleicht noch mal gesondert berichten. Es gab mit Franz Schuh auch eigens einen Günter Netzer (»Ich behaupte, dass die Schweiz die Antwort auf die Fragen ist, die Österreich stellt«). Vor allem aber gab es diese Überraschung:

48. Spielminute respektive Zeitungsseite: Arno Widmann führt uns in seiner schönen Rückblende »Tutti Frutti und der Zeitgeist« noch mal vor Augen, was die beiden wichtigsten Medieninnovationen in der BRD vor dem Internet waren: das Privatfernsehen à la Helmut Thoma und der Zeitgeistjournalismus à la Markus Peichl. Wahrlich historische Achtziger-Jahre-Flanken aus Österreich, während die späteren drei Rogers aus der Schweiz, von denen Oliver Gehrs im aktuellen »Dummy«-Magazin erzählt, nicht wirklich torgefährlich wurden.

Doch zurück zum Widmann-Artikel. Wirklich augenfällig an dem war nämlich dieser Markus Peichl auf dem Foto von anno ’88:

Peichl, Neues Deutschland, Quelle: FR 2008

Da steht er und liest sein »Neues Deutschland«, als ob ihn das Duell AUT–SUI in der FR überhaupt nichts anginge. Und er hat ja recht, schließlich, hehe, war diese Partie bei »Tempo« längst entschieden: Da saß Peichl im Chefsessel, und Kracht und Kummer standen am Kopierer

Das Peichl-Foto erinnert selbstverständlich an die »Tempo«-Aktion schlechthin:

Frühjahr 1988. Redakteure des Hamburger Zeitgeist-Magazins fälschen eine komplette Ausgabe des ND und schmuggeln sie in die DDR: Immerhin 6.000 Exemplare verkünden den neuen Glasklar-Kurs der SED und machen aus dem ND ein historisch einmaliges Lesevergnügen.

In dem ganzen Widmann-Artikel wird die Sache, auf die das Foto verweist, übrigens mit keinem Satz erklärt oder erwähnt, insofern war das wirklich Feuilleton für Fortgeschrittene. Als Genuss-Umblätterer kann man aber trotzdem noch mal die schöne Seite 3 der »Berliner Zeitung« hinzuziehen. Dort hat Andreas Förster nicht nur erschöpfend zu der Tempo-Aktion geschrieben, er wartet auch mit der eigentlichen Pointe der Geschichte auf, die – wie könnte es anders sein – in der Nachwendezeit spielt.

Nicht zu vergessen das falsche »Neue Deutschland«, dessen Lektüre im Original natürlich unbedingt lohnt, voilà.


Wann fusioniert das deutsche Feuilleton?

Konstanz, 2. März 2008, 22:00 | von Marcuccio

Nach dieser Woche kann und muss man sich das schon mal fragen, denn so viel Gemeinsamkeit im Protokoll war selten. Donnerstag abend waren sie alle im Berliner Ensemble, bei Jonathan Littells einzigem Auftritt in Deutschland:

Eckhart Fuhr erlebte für die »Welt« einen »Nazi-Synthesizer«, Harry Nutt von der FR einen »Schriftstellerdarsteller« und Lothar Müller (S-Zeitung) einen Yale-Absolventen.

Sieglinde Geisel von der NZZ griff »sicherheitshalber zur Simultanübersetzung (…); doch auch der Übersetzer hat zu kämpfen«. Dirk Knipphals von der taz sah einen Littell, der mit allem, was er sagte, drauf aus war, »die Sache niedriger zu hängen«, während Hubert Spiegel für die F-Zeitung (Reading Room!) natürlich betont, dass Littell gar »nicht daran denkt, die Provokationen seines Romans kleinzureden«.

Schon am Mittwoch abend waren sie in Weimar kollektiv zur Urlesung von Martin Walsers »Ein liebender Mann« versammelt (und zwar nicht nur die gleichen Zeitungen, sondern sogar Eckhart Fuhr und Dirk Knipphals, so dass man sich unwillkürlich bei der Frage ertappte, ob taz und »Welt« denn jetzt schon Fahrgemeinschaften bilden).

Neben Walsers Krawatte, auf die wir wohl noch eigens in unserer Umblätterer-Rubrik »Eingeschneidert« zurückkommen werden müssen, bleibt uns aus Weimar vor allem Edo Reents als Lach-Detektor in Erinnerung:

An der Stelle »noch Gelegenheit gab zu rühmen, wie gesund er sich hier fühle«, lacht Joachim Kaiser das erste Mal laut auf: »Ha!« In den Anlaut ist ein kleines p hineingeschmuggelt, das a hat leichte Tendenz ins ä oder ö: »Hpäöh!« Was es da zu lachen gibt? Der nächste Lacher kommt bei »dringend zu wünschen«, wo Goethe Ulrike das Wort »unvorgreiflich« erklärt: »Hpäöh!« Das geht dann so weiter: Martin Walser liest in seinem alemannischen Singsang seine nicht immer ganz stubenreinen Goetheana, und Joachim Kaiser macht alle paar Minuten »Hpäöh!«

Das Live-Lachen des Kaisers hat sogar soviel News-Wert, dass es zu einem eigenen Interview mit dem »Leit-Lacher« geführt hat. Da findet man Martin Walser lustig, und schon ist man selber im Feuilleton, hehe.


Endlich fertig: Die Feuilleton-Charts 2007

Leipzig, 15. Januar 2008, 00:30 | von Paco

Hier sind sie, die Autoren und Zeitungen der 10 besten Artikel aus den Feuilletons des Jahres 2007:

1. Renate Meinhof (SZ)
2. Peter Richter (FAS)
3. Henning Sußebach (ZEITmagazin LEBEN)
4. Jean-Philippe Toussaint (FAS/FR)
5. Robin Meyer-Lucht (SZ-Magazin)
6. Ursula März/Claudia Schmölders (Zeit)
7. Matthias Matussek (Spiegel)
8. Heribert Prantl/Remigius Bunia (SZ/FAZ)
9. Henning Ritter (FAS)
10. Jan Wigger (SPON)

Kurze Begründungstexte und Links (sofern vorhanden) gibt es auf dieser Seite, die sich wie schon die Top-10s für die Jahre 2005 und 2006 direkt von der rechten Seitenleiste aus aufrufen lässt.

Auch in diesem Jahr speichert die Liste unseres Erachtens snapshotartig ein repräsentatives Bild des Lebens in den Feuilletons im Jahr 2007. Zusammen bilden die Texte ein erstklassiges virtuelles Lesebuch, und wer den ein oder anderen Artikel noch nicht gelesen hat, sollte dies unbedingt nachholen – es sind alles Krachertexte, die jede Zeile wert sind.

Vor allem unser Lieblingstext, Renate Meinhofs Porträt eines 90-jährigen Wagnerianers, ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Er ist im Juli erschienen, aber noch im November und Dezember sprachen wir gelegentlich über das Bayreuth-Erlebnis des Walter Odrowski, seine »Eppendorfer Heimoper« und seine Reaktion auf Stoibers Ignoranz.

Odrowski wollte auf dem Staatsanfang nach der »Meistersinger«-Premiere dem damaligen Ministerpräsidenten für die Einladung danken, dringt aber mit seinen dünnen Worten nicht zu ihm durch, bis es ihm schließlich auch egal ist und er im Hinblick auf Stoibers leicht unfreiwillige Demission trocken kommentiert: »Na macht nichts, nächstes Jahr ist der auch nicht mehr hier.«

Meinhofs Idee, dass Odrowski ein bisschen aussieht wie Franz Liszt und die diesbezügliche Bestätigung durch das zugehörige Foto sorgen zusätzlich dafür, dass man dieses Porträt nicht so schnell vergisst.